Drei Wünsche frei (… da uns schlägt die rettende Weihnachtsstund; Ende)


Mit seinen flachen Händen klopfte Karl auf seine Jackentasche, fuhr kurz in seine Jackentaschen, strich sich über sein Hemd und hielt ein. In seinem Gesicht zeigte sich Ratlosigkeit. Etwas entsetzt murmelte ein „Nein, ich habe den Kugelschreiber nicht mehr“ und blickte hinter sich. Hatte er den Kugelschreiber etwa im Vortragssaal liegen lassen? Er überlegte. Ja, der Vortrag hatte ihn nicht mehr interessiert, deswegen hatte er die Tagungsunterlagen zugeklappt, in seine Stofftasche geschoben, hatte sich erhoben und zwischen den Stuhlreihen nach draußen begeben. Sein Kugelschreiber musste also noch an seinem Platz liegen.

Es war nicht ein x-beliebiger Kugelschreiber, sondern ein altes Erinnerungsstück. Er hatte ihn vor 25 Jahren während eines Praktikums geschenkt bekommen. Seine Arbeit im Praktikum war vielen so wertvoll gewesen, dass er als Abschiedsgeschenk eben diesen Kugelschreiber erhielt. Rebecca hatte ihn ihm überreicht, was seinen Wert für ihn noch gesteigert hatte. Rebecca war für ihn die Göttin seiner Praktikantenzeit. Er hatte es geschafft, sie einmal zu einem Abendessen einzuladen und es kam zu einem kurzen und intensiven Kuss. Leider war Rebecca verheiratet und blieb danach auf Distanz, obwohl er sich Mühe gab, immer Situationen zu kreieren, bei denen sie zusammen alleine waren. Er hatte aber nie Erfolg. Um so mehr wertschätzte er den Moment, als sie ihm im Namen aller Kollegen den Kugelschreiber überreichte.

Karl drehte sich  um und ging auf die Tür des Vortragsaals zu. Ein Mann im schwarzen Anzug stellte sich ihm in den Weg.

„Sie können nicht rein.“

„Aber ich habe etwas da drin vergessen.“

„Der Verbandsvorsitzende hält gerade eine Rede und wir sind angewiesen, niemanden reinzulassen, außer mit entsprechender Autorisierung. Sie haben eine?“

„Ich war vorhin noch im Saal gewesen.“

„Aber jetzt nicht mehr. Sie haben eine Autorisierung?“

„Bitte lassen Sie mich kurz rein. Ich habe dort einen Kugelschreiber vergessen. Ein wertvolles Erinnerungsstück. Er ist wichtig für mich.“

„Es tut mir leid.“

„Aber ..:“

„Ich kann Sie nicht reinlassen.“

Ein Kellner mit Tablet näherte sich. Der Sicherheitsmann gab Karl ein eindeutiges Zeichen, beiseite zu treten. Der Kellner trug ein Schlüsselband, an dem sich ein Ausweis befand. Mit seiner freien Hand ergriff er den Ausweis und hielt ihm den Sicherheitsmann entgegen. Der Sicherheitsmann musterte kurz den Ausweis, nickte und öffnete die Tür. Die Stimme des Redners erfüllte kurz die Stille im  Foyer, bis der Kellner im Saal verschwand und die Tür wieder geschlossen wurde.

Karl stand unschlüssig herum. Wie sollte er in den Saal kommen? Er hatte auch weder Zeit noch Lust zu warten, bis der Mann am Pult mit seiner Rede fertig war. Vom Hörensagen wusste er, dass jener Mann auf Zeitvorgaben für eine Rede keine Rücksicht nahm. Wieder sah er einen Kellner mit einem Tablett sich nähern und hatte dabei eine Idee. Er ging schnell dem Kellner entgegen und erklärte ihm kurz sein Anliegen.

„Welches war ihr Platz?“

„S 57 b.“

„Gut. Kann ich machen. Ihr Name?“

„Karl Brenner.“

„Mach ich, Herr Brenner.“

Der Kellner nickte Karl kurz zu und setzte seinen Weg fort. Er griff an sein Schlüsselband und hielt dem Sicherheitsmann seinen Ausweis entgegen. Dieser öffnete ihm die Tür, der Kellner schritt hindurch, hielt an und schaute in dem Saal, um sich zu orientieren. „S 57 b“. Seine Blicke fuhren die Tischreihen im „S“-Block ab. Er sah drei leere Tischplätze auf Höhe von Reihe „57“. Einer davon musste Tisch „b“ sein. Er wollte sich gerade in Bewegung setzen, als ihm ein Mann im schwarzen Anzug in den Weg trat.

„Sie sind hier Kellner?“, sprach ihn der Sicherheitsmann mit gedämpfter, aber klar verständlicher Stimme an.

„Ja, Kellner Timothy Braun. Ich bin für die Getränkeverteilung zuständig“, sagte Timothy und präsentierte seinen Ausweis. Der Sicherheitsmann jedoch ignorierte dessen Ausweis.

„Sie haben draußen mit dem Mann im beigen Jackett gesprochen, ist das richtig?“

„Ja. Warum?“

„Kommen Sie bitte in die Ecke dort drüben mit.“

„Aber ich …“

„Sie kommen mit. Gehen Sie bitte voran und denken Sie an nichts anderes.“

Timothy ging vom Sicherheitsmann gefolgt in jene ihm angewiesene Ecke. Als er sie erreichte und sich umdrehte, stellte er fest, dass der Sicherheitsmann nicht ohne Hintersinn ihn dort in der Ecke haben wollte. Er konnte jetzt kaum mehr an diesem Schrank von einem Mann vorbei. Die Bühne konnte er auch nicht sehen. Ungewöhnlich war so eine Aktion nicht. Einem Kollegen war es an diesem Tag auch bereits so ergangen. Sie nannten es Sicherheitsüberprüfung. Wahrscheinlich konnte er in paar Minuten seinem Job wieder nachgehen. Der Sicherheitsmann beugte sich zu Timothy vor:

„Was wollte der Mann dort draußen von Ihnen?“

Timothy erklärte ihm kurz, worum es ging.

„S 57 b? Das soll der Tisch sein?“ Der Sicherheitsmann wartete die Antwort auf seine Frage nicht ab, sondern drehte sich halb von ihm weg und fing an, in ein kleines Mikrofon an seiner Anzugsjacke zu reden.

Timothy wartete. Lange konnte es nicht dauern. Er beschloss, mal kurz seine Fingernägel zu kontrollieren. Einige zeigten Rand, also fing er an, seine verschmutzten Fingernägel mit seinen sauberen Fingernägeln zu säubern. Unterdessen hörte er ohne zu Wollen der Rede zu.

„…. wir haben keine Fee mit Zauberstab, die uns drei Wünsche frei gibt. Es ist zwar morgen Weihnachten, aber wir alle sind uns bewusst, die Fee gibt es nicht mehr. Unsere Kindheit ist längst vorbei und wir sind Erwachsene. Zumindest wir. Von anderen kann ich das mal nicht so behaupten. Denn die meisten Wünsche zur Weihnachtszeit sind Frieden, Geld und Liebe. Alles fromme Wünsche. Fangen wir doch mal mit dem Wunsch nach Frieden an. Friede, Freude, Eierkuchen, so laufen die Assoziationsketten ab. Nur ist der Eierkuchen weder vegan, noch laktosefrei und dann wahrscheinlich auch noch voll von Gluten. Und dann ist es schon wieder nicht recht. Frieden, meine lieben Zuhörer, ist ein wirklich frommer Weihnachtswunsch. Aber was würde dieser laktosefreie, vegane und glutenfreie Frieden denn bedeuten? Keine Kriege, logo. Und das Ende aller Waffengeschäfte, was dann wieder keine Erträge bedeuten würde. Also kein Geld, dem zweitmeisten erwähnten Weihnachtswunsch der Wünschenden. Geld macht nicht glücklich, heißt es im Volksmund. Aber kein Geld macht dann glücklich? Kein Geld heißt kein Verdienst, bedeutet fallende Aktienkurse weltweit, bedeutet der Anfang einer Weltwirtschaftskrise mit Unruhen, Revolten, Kriegen und somit im Endeffekt kein Frieden und somit keine Liebe unter den vielen Menschen, sondern Hass und Neid. Und das zum Fest der Liebe. Macht also Frieden glücklich? Macht kein Geld glücklich? Macht keine Liebe glücklich? Wollen wir kein glückliches Weihnachten? Es soll kein Blut mehr fließen. Ein Leben blutlos, blutleer, anämisch. Dabei bedeutet Blut doch Leben. Und ohne Leben benötigt es erst recht auch keine Luft und keine Liebe. Ein Leben ohne Sex, wer möchte das? Okay, andersherum gefragt, sind hier katholische Priester anwesend? …“

Der Sicherheitsmann stupste Timothy an und unterbrach ihm bei seiner Maniküre. „Gehen Sie bitte mit meinem Kollegen mit, okay. Er wird mit Ihnen eine Sicherheitsüberprüfung durchführen. Alles reine Routine, keine Angst. Aber es muss sein. Gehen Sie bitte.“

Timothy sah hinter dem Sicherheitsmann einen Mann in Jeans, Sneakers und Pullover, der ihm grimmig zuwinkte. Timothy blickte verunsichert abwechselnd von den Jeansträger zu dem Sicherheitsmann. Der Sicherheitsmann machte eine ungeduldige Geste Richtung Jeansträger und Timothy ging auf jenen zu, der ihn sofort an seinem rechten Handgelenk ergriff und Timothy auf eine Wand zuzog, in der sich unvermutet eine Tür öffnete, durch die ihn der Jeansträger zog.

„Ich werde mir jetzt mal diskret den Tisch von ‚S 57 b‘ anschauen“, brummte der Sicherheitsmann in sein Mikrofon. „Ja,  Boss, ich werde mich unauffällig verhalten. Verlass dich drauf, Boss, du kennst mich doch. Keine Sorge.“

Der Sicherheitsmann blickte prüfend durch den Saal. ‚S 57 b‘ hatte er schnell ausgemacht. Sein Blick suchte den kürzesten Weg vom Tisch zur Saalseite. Sie lag gegenüber und er musste an dem Halbrund der Saalwand entlang am Tagungstisch vorbei. Das passte ganz gut. Langsam setzte er sich in Bewegung und hielt dabei den Saal im Auge, um jede auffällige Bewegung zu registrieren. Aber der Saal schien bewegungslos und nur der Redner war der einzige, der dort vorne herum hampelte und über Dinge redete, für die sich der Sicherheitsmann weder interessierte, noch sonst irgendwie berührt fühlte. Er bewegte sich immer an dem Rand der Saalwand entlang. Am Tagungstisch ergriff er sich einen Stoffbeutel. Der Angestellte hinterm Tisch wollte protestieren, aber der Mann deutete ihm mit einer schnellen Geste zu schweigen und tippte dabei auf seinen Sicherheitsausweis. Ein Blick in den Stoffbeutel zeigte ihm einen Aktenordner mit Unterlagen, einen Aufkleber des Sponsors, eine Tüte mit Weingummis und einen Würfel Traubenzucker. Alles okay. Während er weiterging, verstaute er sein Kommunikationsset in der Hose, zog sein schwarzes Jackett aus und legte es leger über seinen linken Arm. Für einen Moment hatte er Bedenken wegen seines weißen Hemdes auffällig zu werden, verwarf allerdings den Gedanken, nachdem er verschiedene Teilnehmer in deren weißen oder hellblauen Hemden gemustert hatte. Er sah aus wie einer von denen. Unauffällig, uniform, konform.

Wenig später erreichte er die angepeilte Stelle der Saalwand. Von dieser aus bewegte er sich bemüht unauffällig zielstrebig und gebückt auf den Tisch ‚S 57 b‘ zu. Paarmal flüsterte er ein „Entschuldigung“, weil er ob seiner Statur einfach nicht vermeiden konnte, anderen Zuhörern in den Rücken zu stoßen, die sich in seinem Weg befanden. Am Tisch ‚S 57 b‘ ließ er sich auf den dazugehörigen Stuhl nieder und betrachtete den Tisch. Lediglich eine leere Tüte Weingummis und die Plastikfolie des Traubenzuckerwürfels lagen dort. Er schaute unter dem Tisch. Ein zerknülltes Papiertaschentuch und noch eine geleerte Weingummi-Tüte und … der Sicherheitsmann musste grinsen. Da lag doch tatsächlich eine einzelnes Kondom in seiner ungeöffneten Verpackung. „Typisch, diese Tagungsteilnehmer. Tagsüber wissbegierig und abends dann auf der Piste nach Frauen jagen“, ging es dem Sicherheitsmann durch den Kopf. Sein Gesicht wurde schlagartig ernst. Ein Geräusch zu seiner Linken hatte ihn irritiert. Er schaute neben sich und blickte auf einen Tagungsteilnehmer, der seinen Kopf auf seinen Ellbogen gebettet hatte und offensichtlich schlief. Und schnarchte. Während der Rede des ehrwürdigen Verbandsvorsitzendens. Der Sicherheitsmann stieß den Schlafenden leicht in dessen offene Flanke. Jener zuckte zusammen, hob seinen Kopf von seinem Arm hoch und blickte den Sicherheitsmann benommen an.

„Sie können hier nicht schlafen, okay.“

„Hm?“

„Wenn Sie nicht zuhören wollen, haben Sie den Saal zu verlassen.“

Der Mann schaute seinen Wecker an und der hielt ihm gerade dessen Sicherheitsausweis unter die Nase. Er kniff seine Augen zusammen, schüttelte seinen Kopf, um den Schlaf zu vertreiben, öffnete erneut seine Augen und rieb sie kurz mit seinen beiden Handballen.

„Herr Christian Wolter, ich muss Sie bitten zu gehen. Sie dürfen hier nicht schlafen. Das ist gemäß den Teilnehmer-AGB untersagt und führt zum Saalverweis, okay. Ich fordere Sie hiermit kraft meiner Person auf, umgehend den Saal zu verlassen, okay.“ Die Stimme des Sicherheitsmanns war leise, aber unerbittlich. Herr Wolter bemerkte, wie der Sicherheitsmann ihm sein Schlüsselband mit dem Ausweis zurückgab. Er schaute um sich. Sein anderer Nachbar grinste ihn kurz an und machte eine Kopfbewegung ebenfalls Richtung Ausgang. Herr Wolter packte seine Sachen in seinen Stoffbeutel, blickte kurz um sich, erhob sich gebückt und suchte den kürzesten Weg zur Saalwand hinter dem Sicherheitsmann vorbei. Herr Wolter blickte nochmals zu seinem Tisch zurück. Der Sicherheitsmann schien dort etwas zu suchen, dann schaute er nochmals durch den Saal und rüber zu dem Redner. Der Saal war bewegungslos, ein Kabinett von Schaufensterpuppen, nur der Redner fuchtelte hektisch an seinem Pult und redete etwas von investitionswürdige Krisengebieten dieser Welt. Allein, dessen Rede interessierte ihn nicht mehr. Er wusste sowieso, was der Redner letztendlich sagen würde. Und zwar „Frohe Feiertage und einen guten Rutsch“, am Schluss dessen Rede. Was sollte jener auch sonst sagen? „Prost“? Oder „Mahlzeit“? Die Getränke waren überteuert und das Catering-Essen der Tagung schlichtweg ungenießbar. Und darüber hinaus hatte er einen dicken Kopf. Also, jetzt zu gehen, das war absolut opportun.

Der Abend zuvor war heftig. Er hatte eine Frau in einer Disko kennengelernt und dort mit ihr zwei Flaschen Champagner geleert, bevor er mit ihr im Separee verschwand. Gut, es war eigentlich keine richtige Disko, aber wen interessieren schon solche unwichtigen Details. Hauptsache, er hatte Spaß und kam auf seine Kosten. Er hatte zwar einige Lücken in seiner Erinnerung, aber an das meiste konnte er sich erinnern. Nur über eines war er sich nicht mehr sicher. Hatte er sein Gummi dabei genutzt? Er fasst nochmals in seine Hosentasche. Dort war es nicht mehr. Also dürfte er für seine Sicherheit gesorgt haben. Er war ein wenig erleichtert. Seine Frau sollte schließlich nicht drunter leiden, wenn er mal mit einer anderen Frau etwas hatte. Herr Wolter öffnete eine Saaltür und verließ den Saal. Zerstreut suchte er seine Papiermarke in seinem Geldbeutel, während er auf die Garderoben zuschritt. Der Frau hinterm Tresen gab er das Papier und erhielt kurz darauf seinen Mantel.

„Wollen Sie vielleicht noch an einem Preisausschreiben teilnehmen?“, fragte ihn die Garderobiere. Er nickte unwirsch und nahm eine Postkarte in Empfang. Er griff in das Innere seiner Jacketttasche und entnahm ihr einen Kugelschreiber. Er beugte sich über die Postkarte. Name, Adresse, E-Mail-Adresse, Telefonnummer, ja, Teilnahmebedingungen, Werbung und Kontaktaufnahme akzeptieren ankreuzen. Herr Wolter füllte alles aus. Normalerweise hätten ihn die letzten zu akzeptierenden Punkte davon abgehalten, an dem Gewinnspiel teilzunehmen, aber sein Kopf war schwer und die Gedanken bewegten sich im Schneckentempo. Und dann kam die entscheidende Frage der Postkarte, welche über Wohl und Wehe des Ausfüllens entschied:

„Beantworten Sie folgende Frage richtig und Sie können ein Cabriolet mit Luxusausstattung gewinnen: Wie viele Tiere jeder Art nahm Moses mit auf seine Arche? Zwei. Drei. Vier. Keines. Bitte die falschen Antworten durchstreichen“

Herr Wolter schaute verwirrt auf die Frage. Was hatte diese Frage mit Weihnachten zu tun? Er strich drei Antworten durch, legte den Kuli beiseite, starrte auf die Postkarte und dachte nochmals nach. Hatte er richtig geantwortet? Wie in Zeitlupe sah er den Kugelschreiber vom Tresen rollen und auf den Boden fallen. Er wollte sich bücken, aber in jenem Moment durchbohrte seinem Schädel ein Schmerz wie ein Dolchstoß. Heftig pochte der Schmerz in seinen Schläfen.

„Verdammt nochmal! Dieser scheiß-mistige Billig-Champagner-Fusel!“, murmelte Herrn Wolter leise vor sich hin, „Puffbrause, elendige!“.

Wo hatte er nochmals die Kopfschmerztabletten? Er suchte in seiner Manteltasche und stieß dort auf eine Blisterverpackung. Nein, das waren die Kamagra-Pillen. Er seufzte. Jene konnte er nicht gebrauchen, sie wirkten nicht gegen Kopfschmerzen. Er wollte gerade seine Suche in seiner Innenmanteltasche fortsetzten, als er einen leichten Stoß in seinem Rücken verspürte.

„Oh, entschuldigen Sie, ich wollte nicht ..:“

„Ist schon gut, ich wollte eh gerade gehen“, sprach Herr Wolter, ergriff seinen Stoffbeutel und setzte sich gen Ausgang in Bewegung. 13:30 Uhr, Gleis 2 und dann noch drei Stunden mit dem ICE aus Berlin. Rechtzeitig am Heiligen Abend bei seiner Frau und seinen Kindern. Hoffentlich hatte im ICE das Bordrestaurant geöffnet. Ein Weizen wäre jetzt nicht schlecht, dachte Herr Wolter und verließ die Tagungshalle.

Karl Brenner schaute dem Herrn Wolter hinterher, während er seine Papiermarke der Garderobiere übergab.

„Der hatte wohl eine anstrengende Nacht“, meinte Karl in Richtung der Garderobiere.

„Der hat doch nach Alkohol gestunken. Haben Sie das nicht gerochen?“, schallte es aus den Untiefen der Kleiderständer.

„Ja, der hat wohl Weihnachtsdepressionen. Muss wahrscheinlich Weihnachten alleine verbringen und hat wohl deshalb gestern einen verlötet. Nun, jedem nach seiner Fasson, wie er seine Tagung verbringen möchte“, erwiderte Karl. Sein Blick fiel auf die Postkarte auf dem Tresen. Er sah die Frage und musste grinsen. „Die Frage des Preisausschreibens hat er auch falsch beantwortet.“

„Wollen Sie auch mitmachen?“, tönte es weiterhin aus den Kleiderständern.

„Nein, danke. Ich gewinne eh nichts.“ Er blickte auf die Oberfläche des Tresens. Staubfrei. Die Organisation der Tagungshalle schien zu funktionieren. Sein Blick schweifte vom Tresen auf den Boden. Etwas lag dort, so halb unterm Tresen verborgen. Er bückte sich und … es war SEIN Kugelschreiber!

„Hallo? Wo sind Sie? Ihr Mantel!“ Die Stimme der Garderobiere war jetzt genau über ihm. Schnell ergriff er den Kugelschreiber, verbarg ihn in seiner Hand und richtete sich auf.

„Hier! Mir war etwas runter gefallen.“ Karl nahm seinen Mantel entgegen und zog ihn an.

„Wollen Sie nicht doch an dem Preisausschreiben mitmachen? Es gibt ein Luxus-Cabrio zu gewinnen.“

„Nein, nein, so etwas brauch ich nicht. Ich wohne in der regenreichsten Gegend Deutschlands, da ist ein Cabrio purer Luxus.“ Karl beugte sich über die Postkarte von Herrn Wolter, strich das „Zwei“ durch und setzte um „Keines“ einen fetten Kringel. „Nehmen Sie die Postkarte hier. Die hat der Mann vergessen, Ihnen vorm Gehen zu geben.“

Karl schob der Garderobiere die Postkarte rüber, welche sie in einen geschlossenen Pappkarton mit Schlitz verschwinden ließ.

„Schönen Tag noch, Frohe Feiertage und einen Guten Rutsch mit viel Gesundheit für 2017“, grüßte Karl die Garderobiere zum Abschied und verließ die Tagungsstätte vergnügt. Den Gruß der Garderobiere vernahm er nicht, denn er hatte seinen Schatz wiedergefunden.

Draußen bemerkte er, dass er seinen Stoffbeutel irgendwo liegen gelassen hatte. Nur konnte er sich nicht mehr dran erinnern, wo das passiert sein sollte. Er hielt einen Moment inne und versuchte nachzudenken. Aber dann grinste er bloß:

„Egal“, sprach er zu sich, „dafür habe ich meinen Kugelschreiber wieder.“

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