Gedankensplitter: Wir sehn uns vor Gericht!

Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der Freund meines Freundes ist mein Freund. Der Freund meines Feindes ist mein Freundfeind. Der Feind meines Freundes ist … verdammt .. meine Ehefrau. Viva la familia. Ergo ist der Feind meiner Ehefrau mein feindlicher Freund. Der eheliche Feind fraulicherseits ist männlicherseits ein determiniertes Objekt. Auf deutsch: beleidigenswert. Und ein freundlicher Freund ist eine Provokation par excellence, sowieso. Während ein feindlicher Feind sich durch die routinierte, künstlerische Verfahrensweise des persönlichen Dissens identifiziert.

“Schurke, nimm hier meinen Fehdehandschuh.”

“Depp, der ist mir zu klein! Ein wenig mehr Respekt hätte ich schon von dir erwartet, was die europäischen Handschuhgrößen angeht!”

“Ich erwarte dich mit der Handschuhtabelle zu High Noon am Marienplatz!”

“Du bist wirklich respektlos! Marienplätze benötigen keine niveauloses High Noon, wie du es wohl brauchst! Hier, nimm dafür meinen normgetreuen Fehdehandschuh!”

“Wie? Du verweigerst meinen eigenen? Das geht gar nicht! Das bedeutet Fehde!”

“Fick deine Ahnen und Ahnen-Ahnen. Du hast keine Ahnung, was Fehde wirklich ist!”

“Und du die Ahnen-Ahnen deiner Ahnen-Ahnen-Ahnen! Wähl die Waffen!”

Ich klinke mich hier aus. Dieses seicht romantische, familiäre Soap-Gespräch findet in Fahrgewässern statt, in denen Flachköpper garantiert eine Kunstform darstellt. Direkt nach dem vorsätzlichen Selbstmord.

Man sagt, beide prügelten sich eben drum wegen deren Aussagen vorm Richter. Freilich sind die beiden nicht dümmlich. Aber nur extrem annähernd nicht. Aber wirklich ganz extrem …  . Beide haben von Onkel Sam und Väterchen Russland gelernt: Stellvertreter-Kriege für den Tanten-besuchten Grabplatz unter Mütterchen Erde sind besser als gegenseitiges Verständnis. Darum arrangieren beide Rechtsanwälte für sich als Stellvertreter vorm Richter. Sie nennen dieses dann juristisches Dissen.

Deutsch-Rapp ist der Anlass dazu. Also die Vorform gewissermaßen. Und das muss so sein. Denn jeder Gangster-Rapper will nur dann Gangster sein, wenn er auch den Rechtsstaat existierend weiß, um sich gegen die anderen Gangster legal zu behaupten. Es kann nur einen Gangster geben. Und glaubst du es nicht, geh der Herr Gangster mit dir vors Gericht.

Naja, das ist eigentlich gut zu wissen. Statt Gangster-Rapper an einem SUV hängend mit der Uzzi auf der Straße ballernd zu sehen, weil der zu viel Scorseses gesehen hat. Gangster-Rapper und Alpha-Männchen mit Rechtsanwalt vor Gericht, so etwas erscheint inzwischen normal wie Kaugummikauen. Nur so einen Schwachsinn will man sich selber kaum trauen. Zumindest nicht ohne Rechtsschutz.

Meine Kaffee präsentiert sich mir in meiner Tasse wie ein schwarzes Loch.

Ich zuckere nach.

Synchronizität?

Nicht jede Nachricht erfreut. Selbst die Nachrichten, die man selbst heraus findet, müssen nicht immer freudig sein.

Es war die Zeit der Buchhandlungen, in denen gebrauchter Lesestoff verkauft wurde. Von Comics bis unverdaulichen Wälzern. Meine Suche war zielgerichtet und ich suchte Bücher von Kabarettisten. Und so stieß ich auf ein Buch aus dem Jahre 1976 mit dem Titel „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war schon damals gut erhalten und damals erst zwölf Jahre alt. Ich verschlang es. Vor drei Jahren trat der Autor im  „Laden“ auf. Solo-Programm in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Zur Vorstellung hatte ich das Buch mitgebracht, um nach dem Programm eine Widmung von ihm drin zu erhalten. Er sah das Buch, blätterte erfreut ein wenig drin rum und fragte: „Wo haben Sie denn das her?“ Seine Widmung war mir Gold wert. Und sie stand in meinem Regal. Aber wie immer, wenn etwas in einer Wohnung umgeändert wird, kommt manches einstweilen in den Keller. Zur Zwischenlagerung. So auch dieses Buch vor einem dreiviertel Jahr.

Am letzten Sonntag ging ich wieder zu meinem Kellerabteil, um dort etwas hinein zu stellen. Mir fiel ein seltsamer Geruch auf und im schummrigen Licht einer Funzel stellte ich fest, dass es offenbar einen Wassereinbruch gegeben haben musste. Die Kartons zeigten Wasserlinien. Ich räumte aus und schaute mir den Schaden an. Viele Bücher, selbst Tagebücher, Fotos und Dokumente waren verklebt und mit Schimmel überzogen. Darunter  auch jenes Buch „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war aber nicht die einzige Rarität, die dem Wasser und Schimmel zum Opfer gefallen war, aber das Buch bedeutete mir sehr viel. Es enthielt die Widmung eines Gründers des legendären Kabarett der Münchner Lach- und Schießgesellschaft des letzten Jahrhunderts.

Heute las ich, das Hans Peter Schreiner vorgestern am Dienstag im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Mir blutet das Herz. Erlebte Synchronizität zwischen Entdecken und Erfahren.

Und ein weitere Gedanke schoss mir durch meinem Kopf:

Ich werde alt. Meine Idole sterben …

 


 

von der Internetseite der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ (https://www.lachundschiess.de):

"Es sind nicht immer die Lauten stark,
nur weil sie lautstark sind.
Es gibt so viele, denen das Leben
ganz leise viel echter gelingt"

Konstantin Wecker