Der tiefe Griff nach den Sternen

In jungen Jahren erhielt ich zum Eintritt in den Kindergarten Geschenke. In dem bunten kleinen Kindertornister waren ein Abakus, ein Welt- und Sternenatlas, ein Buch über die Astronomie und zwei Kurzausführungen des Grundgesetzes. Die Geschenke hatte ich begeistert angenommen und schon war ich in dem Kindergarten als Außenseiter und Streber verschrien, als einer der statt lieber mit flauschigen Hoppelhäschen und holzigen Brumm-brumm-brumm-Mähdreschern spielte, die Kindergärtnerin immer mit Fragen nach Papier und Buntstifte nervte.

Mit Hilfe dieser Bücher und dem Abakus errechnete ich binnen zwei Monaten, dass ich im Sternzeichen Wassermann geboren wurde. Dabei stellte ich auch noch fest, dass ich vom Widder aus gestartet bin und zur Waage unterwegs sein müsste. Der Weg dahin führte über das Schwert des Orion, Kassiopeia, den Reiterlein des Großen Wagens über die leuchtenden Plejaden hin zu dem Kreuz des Südens, um von dort aus die Unsichtbarkeit des Nordsterns zu erforschen.

Nach drei Monaten weiterer Berechnung war mir klar, dass ich Kassiopeia aussparen müsste, wollte ich alle meine Geschenke für den Kindergarteneintritt mitnehmen. Denn die zwei Kurzausführungen des Grundgesetzes wollte ich um keinen Preis zurück lassen und der Treibstoff meiner Rakete hätte für den ursprünglichen Weg nicht ganz ausgereicht. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich in der ersten Berechnung das Kreuz des Südens mit dem Kamener Kreuz verwechselte, weswegen ich zuerst mathematisch mir bewiesen hätte, dass mein Plan irrealistisch gewesen wäre. Aber dank des Weltatlas wurde ich meiner Verwechselung bewusst und konnte meine Rechenarbeiten nach fünf Monaten erfolgreich abschließen. Mir war klar, mein Lebensplan stand und mein Lebensweg sollte mich nach den Sternen greifen lassen. Per aspera ad astra.

Meine Eltern waren nicht sehr begeistert von den Plänen. Sie waren beunruhigt und nach Überweisung einer nicht unerheblichen Menge Geld für verbrauchtes Papier und Buntstifte an den Kindergarten wollten sie mir mein Vorhaben ausreden. Mein Vater wollte mir weismachen, dass Zugschaffner mein Traumberuf wäre. Statt vertikales streben nach Höherem, horizontal bogenförmiges voran schleichen. Meine Mutter fand dagegen den Beruf Feuerwehrmann für mich ideal, weil ich im Garten nach dem Kindergarten doch immer so gerne mit dem Gartenschlauch gespielt hätte. Aber ihr war nicht klar, dass ich lediglich Versuche mit dem Wasserschlauch betrieb, um meine Berechnungen zum Thema Antrieb durch Rückstoß zu verifizieren.

Als meine Eltern merkten, dass ich mich partout nicht von meinem Lebensweg abbringen lassen wollte, beschlossen sie mit mir zum Kölner Dom zu fahren. Ich hielt diese Idee für kindisch, denn ein Gott war in meinen Berechnungen nie ein Parameter gewesen. Ich kam ganz gut ohne ihn aus. Aber aus reiner Gutmütigkeit und mit dem Versprechen, unter dem Kölner Dom an der Imbissbude zwei “Rievkooche” mit viel Appelkompott zu essen, stimmte ich deren Plan zu.

Am Dom angekommen, sollte ich doch zu den Domtürmen hinauf. Mein Vater versuchte es mit dem lächerlichen Vergleich, die Türme seien die Raketen und oben wäre dann meine Atronauten-Kanzel und unter mir Gott, der auf mich aufpassen würde. Ich ließ mich letztendlich darauf ein, um meinen Eltern mal wieder eine Freude zu machen. Da beide aber nicht mit hoch wollten – sie meinten, sie wollten in ihrem Leben eh nie hoch hinaus, weil sie nicht schwindelfrei wären –, sprachen sie eine Gruppe mit derer Klassenlehrerin und Begleitperson an, ob sie nicht mich ebenfalls zusammen mit hoch nehmen würden. Der Mann und die Frau nickten und schon stiegen wir die ersten Stufen der Wendeltreppe hoch.

In meinen Berechnungen gab es keine Wendeltreppe aus Stein, sondern lediglich einen Aufzug aus Stahl. Und gequatscht wurde während des Aufstiegs gemäß meinen Berechnungen auch nicht, denn das hätte den Energieverbrauch nach oben getrieben und die Mission zum Kreuz des Südens gefährdet. So legte ich denn den Weg schweigend zurück und versuchte beharrlich zu ignorieren, wie ich jede Stufe mitzählte. Als jene energieraubende Wendeltreppe zu Ende war, erreichten ich eine offene Plattform, in dessen Mitte mich eine nach allen Seiten offene Stahltreppe erwartete. Angesichts jenes nur mit viel Kraft- und Energieaufwand zu bewältigenden Konstrukts war mir sofort klar, dass dieses Land einmal unter einer Energiekrise leiden würde und dem Wärmetod vorherbestimmt sein würde. Mit der Energiekrise sollte ich Recht behalten, als Ende November 1973 an vier Sonntagen ich mit meinen Eltern über leere Autobahnen spazierte. Mit dem Wärmetod ist es bei solch einer Entropieerzeugung auch nicht mehr weit hin, wenn bereits heute ach so aufgeklärte Menschen die Begriffe “Hitze” und “Dürre” im Gleichklang benutzen.

Nun ja, so stand ich also auf der Plattform und bestieg die Stahltreppe. Nach dem ersten Treppenabschnitt kam eine kleine Zwischenstahlplattform, nach dem zweiten ebenfalls und der dritte Abschnitt … sah für mich von unten nicht geheuer aus. Mein Blick nach unten verriet mir, welche Fallhöhe ich bereits gewonnen hatte. Der Mut sank und der Schwindel stieg. Der Lehrerin der Gruppe bemerkte es und stellte sich hinter mir, umarmte mich innig und versprach mich aufzufangen, sollte ich fallen. Mit Müh und Not bewältigte ich den Rest und kam letztendlich mit Schweiß auf der Stirn oben an. Vertigo.

Die Lehrerin nahm mit ihrer linken Hand tröstend meine rechte, drehte sie mit der Handfläche zu sich, während ihre rechte aufmunternd von meinem Schultern zu meinen Hüften samtig weich langsam runterstrich. Sie schaute konzentriert in meine Handfläche und bemerkte, dass dort eine Linie existieren würde, welche nur Wassermänner mit Aszendenten im Widder haben würden. Solche Männer seien willensstark, nie von ihrem Ziel abzubringen, Alphamänner sozusagen und daher sehr attraktiv für alle Mädchen und Frauen dieser Welt. Sie stockte kurz und mit gurrend freudiger Stimme erklärte sie mir, ich müsse vom Deszendenten auch noch Waage sein und diese Art Männer wären der absolute Hammer. Dabei drückte sie ihre Rechte in meinem Schritt, so dass sich bei mir das Blut staute und ich deswegen rot anlief.

“Komm, Karin,” hörte ich die vorwurfsvolle Stimme des männlichen Begleiters, ”du kannst doch nicht immer nur ans Vögeln denken!” Sprach es und zog sie von mir weg. Und so ließen sie mich alleine unbeaufsichtigt zurück, während weitere ankommende Turmbesteiger mich mit teils neugierigem, teils widerlich tadelndem Blick anstarrten.

Letztendlich stieg ich den Turm alleine wieder herunter und erreichte die sichere Erde, den festen Boden der Domplatte unter den Füßen. Meine Eltern waren außer sich vor Wut und Sorge. Hatten sie doch die Lehrerin und den Begleiter mit deren Schulgruppe auf der Domplatte ausgemacht und von mir war weit und breit keine Spur. Als ich dann so vor ihnen stand, mit feuchter Hose, leichtem Grinsen und befriedigt entspanntem Gesicht, hörte ich von denen nur im Befehlston ein “Komm her” und wurde dann von beschämten, peinlich berührten Gesichtern in Empfang genommen. Sie nahmen mich eng zwischen sich und gaben mir eine Einkaufstasche, mit der ich mich vorne bedeckt halten sollte. “Nächste mal sagste vorher Bescheid, wenn du musst! Klar?”

Seit jenem Tag wollte ich nie wieder Astronaut werden. Ich verbrannte meine umfangreichen Berechnungen heimlich in einem dunklen Wald – sie brannten ununterbrochen ungelogen zwei Stunden lichterloh –  und schwor dem vertikalen Astronautenleben ab. Mein Ziel war von nun ab völlig klar: ich wollte in die Schule. Unbedngt. Denn vielleicht hatte es dort auch solche Frauen wie damals oben auf dem Kölner Dom. Mehr als im Weltraum.

Nun, ihr möget euch sicherlich fragen, weshalb ich unbedingt die beiden Kurzausgaben des Grundgesetzes mit auf meiner galaktischen Sternenreise nehmen wollte?

Also, zu Tisch saß ich immer recht breitarmig und nahm mehr Raum ein, als mir zugestanden wurde, so beklagten sich darüber permanent meine Mutter, meine Tante und als auch meine Oma. Mit dem Grundgesetz unter den Armen durchs Leben gehend, so lernte ich, an reich gedeckten Tischen des Leben anderen Menschen deren Platz nicht streitig zu machen. Insbesondere, wenn Frauen sich ebenfalls am Tisch befanden. Heute brauche ich das Grundgesetz dazu allerdings nicht mehr. Auch nicht in der Kurzausgabe.

Wenn der Löw die Meinung des Volkes repräsentiert

Ich grinse. Ich grinse altersdebil. Muss so sein. Ich bin nun mal alt. Zu alt. Ü50. Gnadenlos alt. Arbeitstechnisch den Abstellgleisen zugedacht.

Als ich 20 war, habe ich übelst über die 50-jährigen gelästert. Ahl Männer, aalglatt. Vielleicht war es damals ein Bonus gegenüber den Jüngeren, den U20, um zu zeigen, dass man mit Ü20 besser wäre.

Und heute? Das gleiche. Immer. Insbesondere, wenn man m eigenen Leben bewusst zwölf Weltmeisterschaften der Fußballabtreter miterlebt hat. Damit meine ich mich selber und zwar nur mich immer vor mir der Fernseher (analog bis digital).

Jogi Löw. Der erfolgreiche Weltmeistertrainer. Damals vor vier Jahren im Maracana. Jenem Stadion, Tempel des Fußballs, Gotteshaus des Fußballs. Dort, wo bereits Tina Turner ihren legendäre Rock’n-Roll-Gottesdienst als hingebungsvolle Hymne an die Rock-Musik abhielt. Damals in jenem vergangenen 20. Jahrhundert. Sex, Drugs and Rock’n Roll. Bis es im 21. Jahrhundert wiederentdeckt wurde: als Wein, Weib und Gesang. In der weichgespülten Version, reinkarniert mittels Helene Fischer. Und dann vor vier Jahren die WM in Brasilien: das Hochamt der ehrfürchtigen Fußball-Jünger, atemlos, durch die Nacht begleitet vom Dickicht der TV-Verträge verschiedener Fernsehstationen. Weiterlesen

Der Tag, als Käpt’n Iglo starb …

Die Gegend hat sich geändert. Früher gab es hier mehr Animierlokale. Für mich war das gut. Je mehr Animierschuppen es gab, um so mehr Auswahl an Arbeitsplätze hatte ich. Wenn der eine mir blöd kam, ging ich zum nächsten. Und wenn der Besitzer komplett durchdrehte, dann zum Nachbarn. Als Stripper hatte ich meine Auswahl. Ja, Fremdenverkehrsführer der Nacht war ich. Vermittler einer Illusion. Fremdenverkehrsführer der Nacht sein, war wie ein Naturzuhälter. Wir Kreaturen der Nacht geben den Suchenden eine Natur, was sie meinen zu suchen. In der Dunkelheit der Anonymität wird jeder Suchende zum Findenden, weil schlecht zu sehen ist, dass jenes, was gefunden wird, auch das ist, was zuvor gesucht wurde.

Und wir sind gut im Finden helfen. Sei es diejenigen, die sich gerne ihr Näschen ziehen wollen, ob Harzer, Angestellter oder Topmanager. Sie sind alle gleich. Ja, und zu diesen dreien gehören auch die Frauen. Frauen sind zwar nicht so gerne gesehen bei meinen Kolleginnen. Denn sie wollen eingeladen werden und da stoßen gleiche Interessen wie gleichpolige Magnetseiten aufeinander. Dreht sich dann die eine Seite, dann knallen sie heftig aufeinander. Frauen waren eher an einem Lap-Dance von mir interessiert. Sie wollten sehen, ob ich mehr als ihr Freund oder Mann hatte. Wenn sie ungeduldig wurden, dann konnten sie schon mal extra zulangen. Hatte ich dann extra abgerechnet. Männer waren auch meine Klientel. Die meisten wollten wissen, ob sie auch eine Bi-Seite haben, die wenigsten wollten den Schwanzvergleich. Verbal oder physisch war er seltener gefragt. Allerdings je nach Alkoholisierungsgrad.

Die rote Plüschsofa-Herrlichkeit war meine Welt. Rote Plüschsofas, die Luftlandeplätze der Vögel der Nacht, weil Plüsch eine heimelige Sicherheit suggeriert. Aber jeder Landeplatz ist auch gleichzeitig ein Startplatz. Bestellt von einem Landschaftspfleger, der uns die Lizenzen zum Aufenthalt dort gab. Irgend so ein Bauer, der damit hoffte, die dickste Kartoffel in der Kulturlandschaft der Landschaftspfleger zu finden. Wir, das waren diejenigen, die das Abheben der Kulturlandschaftbesichtigenden verhindern sollten. Wir, das waren die Vögel, die uns in jene Turbinen dieser unsteten Menschen und permanent Abhebenden schmissen. Mit Leib und Seele. Ein einträgliches Geschäft, wenn man auch mit der Seele dabei war. Wir hinderten sie am Abheben und kassierten sie ab, für das Reparieren inklusive Startplatzgebühren. Sex ist ein schöner konservativer Motor. Ich bin konservativ. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist, dass die Unsteten der Nacht bleiben und mir ihre Aufmerksamkeit geben. Gut, dafür ziehe ich mich aus. Aber ich weiß, dass die Besuchenden eines Striplokals weniger Aufmerksamkeit den Stripper als der Stripperin geben. Ein blanker Busen zählt mehr als meine blanke Brust. Ihre Hüften mehr als mein Six-Pack. Und ihr Stangentanz mehr als meiner. Sie verdienen in den Hinterzimmern mit dem Lap-Dance oder dem, was einige an Extras anbieten.

Natürlich bot keiner meiner Kolleginnen irgendwelche Extras an. Prostitution ist verboten. Sowieso. Weißte Bescheid. Aber da, wo der Vorhang fällt, da ist im Dunkeln gut munkeln. Am besten konnten die Katholiken munkeln. Immer nur Halleluja war auf der Dauer auch nicht das, was sie antörnte. Stripp-Shows, das war für jene die gelungene Abwechslung zur jungfräulichen Marienverehrung. Da waren die Protestanten schon schwieriger. Die leben ja ohne striktes hierarchisches Religionssystem, da waren die schon staatlich orientierter. Staatstreuer. Sie wollten den Lap nur, wenn er gesetzestreu war. Wenn ich mich an christliche Prinzipien orientieren würde. Auf Verdacht hatte ich auf solche Fragen gesagt, dass sie wohl nicht katholisch wären, worauf dann oft „protestantisch“ die entrüstete Reaktionsantwort war. Logisch. Der Protestantismus der Preußen hatte ja erst Hitler den Weg nach Berlin geebnet. Tja, besser ein Hund an der imaginären Leine als ein Stall ohne Schweine.

Irgendwann ging das Geschäft immer schlechter. Alle wurden emanzipierter, aufgeklärter, hedonistischer und vor allem gerechter. Ein Lokal nach dem anderen schloss. Und Stripper waren immer weniger gern gesehen. Man wolle keine Konflikte durch homophobe Menschen und damit die Lizenzen der Stadtverwaltung riskieren. Inzwischen sehe ich in den ehemaligen Stripperlokalen meistens nur noch Wettbüros. Unkompliziert reich-werden ist der neue Sex der 10er Jahre. Dafür legen weiter viele den Inhalt ihrer Geldbörsen auf den Tresen und hoffen mit mehr von dort aus zu starten, als sie vorher gelandet waren.

Mein letzter Auftritt als Stripper war ein Private-Lap bei einer Frau im Hinterzimmer. Sie war weder weder eine der Vernachlässigten noch einer der Prüden. Sie stand als Frau ihren Mann, während wir zwischen den verschiedenen Drinks über Sex-Vorlieben schwadronierten. Wir versoffen ihren Portemonnaie-Inhalt und dann spendierte ich meine Tagesgage, bis der Besitzer uns rauswarf und mir Ladenlokalverbot erteilte. Im Lichte der aufgehenden Sonne beschloss ich, nie mehr zu strippen und mein Geld so zu verdienen, wie sie es tat. Mit einem regulären Beruf in einer Bank. Ich hatte vormals ebenfalls eine Ausbildung in einer Bank erfolgreich abgeschlossen, aber ich erhielt keinen Job. Es war das Jahr der Bankenkrise 2008, das Jahr der Ratte. Die Frau wollte mir helfen, aber sie hatte Mann und Kinder zu Hause zu ernähren. Somit wurde nichts draus. Ich hatte zwar ihre Telefonnummer, aber wir telefonierten nur einmal. Sie konnte mir auch nicht helfen. Im Jahr der Ratten.

Ich landete schließlich in der „ARGE“, dem heutigen „Jobcenter“, jobbte mal hier, mal da, mal dort, aber nie kam ich wirklich aus dem Aufstocker-Verhältnis raus. Wer will schon einen männlichen Ex-Stripper in einer Bank, wo eventuell alte Bekannte von mir am Schalter auftauchen könnten.

Es war im Dezember 2011, ich sollte mal wieder vorsprechen, weil mein persönlicher ARGE-Berater mit mir mal wieder meine Zukunftsaussichten auf dem Arbeitsmarkt durchsprechen wollte. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er den Termin gesetzt. Dachte ich. Auf Weihnachtsgeschenke hoffte ich nicht, aber ich träumte schon mal von einem Festtag, denn ich war der festen Überzeugung, dass er was haben würde. Als ich in sein Büro reinkam, blickte er mich erst überrascht und danach leicht säuerlich an. Ich wäre ein Tag zu spät dran. Es wäre der 21te vereinbart gewesen. Er verwies darauf, dass er angehalten sei, mich jetzt mit Sanktionen zu belegen. Während ich mich leicht geschockt von der „Frohen Botschaft“ auf den unbequemen Holzstuhl niederlies, holte er meine Akte aus einem Schrank hervor und bemerkte dabei, er hätte einen Job für mich in einer Bank gehabt. Das wäre meine Chance gewesen, aber ich hätte sie versemmelt. Nach kurzem Zögern schaute er in einem Stapel nach und holte ein Blatt hervor, studierte es, schaute mich an und grummelte etwas von letzter Chance. Und dann eröffnete er mir, dass eine Werbegesellschaft für eine Kampagne einen männlichen Typen suche. Es wäre meine letzte Chance, ich solle mich bewerben oder er würde mich sanktionieren. Er drückte mir das Blatt in die Hand und ließ es mich quittieren.

Ich verließ die ARGE und trat auf die Straße hinaus. Draußen fiel mein Blick auf eine weggeworfene Zeitung. Der Wind schlug eine Seite auf und ich las, dass der werbe-bekannte Schauspieler Gerd Deutschmann gestorben war. Am 21. Dezember 2011. Aus einem Dachfenster ertönte „The year of the cat“ von Al Stewart. Ich blickte hoch. Die aus dem Fenster strömende Hitze ließ die Luft flirren und das kupferfarbene Dach im Hintergrund kochend erscheinen. Vor dem Fenster auf einem Absatz für Blumen saß ein Mann und aß in luftiger Höhe eine Pizza. Roof cat. Im Jahr der Katze.

Ach ja. Es gibt kein Jahr der Katze. Die Katze kam damals einen Tag zu spät zu jenem Fest, bei dem Buddha jedem Gast ein Jahr schenkte. Die Katze ging leer aus, weil eine Maus sie belogen hatte. Es gibt lediglich das Jahr des Hasens. Und ich war der Igel. Der Job war schon vergeben. Aber dafür gab man mir einen Job für die Straßenwerbung. Am nächsten Tag vor einem Supermarkt durfte ich mit Ringel-T-Shirt und Kapitänsmütze gebackene Fischstäbchen verteilen. An jenem Morgen geschnitzt wie aus einem Humphrey-Bogart-Film war seltsamerweise mein erster Kunde mein persönlicher ARGE-Berater. Als er mich an jenem späten Vormittag erkannte, ging er schnellen Schrittes vorüber und er erinnerte mich dabei eher an Peter Lorre, der etwas auszuhecken schien, als wie einen normalen ARGE-Mitarbeiter. Er schien mir seltsam berührt, dabei kannte ich ihn doch nicht von den Striplokal her.

Später verloren wir kein Wort darüber. Er schob mir nur eine Stellenbeschreibung der Bank of Wales rüber. Es begann das Jahr des Drachens …