Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxOVolkstrauertage sind traurig. Erst recht, wenn man in Kneipen sitzt und er, der Unvermeidliche, neben einem sitzt.

„Kennste den? Kennste den?“

„Wen?“

„Kennste, kennste? Warum darf ein Allergiker Cola und Bier nicht gemischt trinken? Weißte?“

„Nein.“

„Weil er sonst kollabiert. Du verstehst? Co-la-Bier-t!“

„Soso. Sehr intelligent.“

„Jaja, ich muss es wissen, weil ich bin bei uns für die Durchfallquoten zuständig.“

„Das ist das erste Mal, dass ich hier in der Kneipe einen Uni-Professor begegne.“

„Nein, nein, ich bin nur Mensakoch.“

„Und ich bin Zauberer. Abrakadabra, Simsalabim – Pufffff. Dein Gesprächspartner ist jetzt weg.“

Sagte es, schnappte mir mein Kölsch, ging zum anderen Ende des Tresens und ließ mich dort auf dem freien Hocker nieder. Erleichtert stellte ich fest, dass mir der fette Stützbalken die Sicht auf den vorherigen Zeitgenossen verstellte. Ich hob die Stange, schloss die Augen und nahm mich genießend hingebend einen Schluck Kölsch. Frisch, klar, erfrischend. Genuss pur.

„Ich bin übrigens auch Zauberer. Abrakadabra, Simsalabim – Pufffff. Dein Gesprächspartner ist jetzt wieder da.“ Ruckartig riss ich die Augen auf und erblickte ihn neben mir sitzend, unverschämt grinsend. „Was passiert, wenn eine US-Fernsehstation den Papst, Donald Trump und Hillary Clinton gemeinsam auf eine Eisscholle setzen würde und das Ganze dann zur Hauptsendezeit im US-Fernsehen übertragen würde? Genau. Die drei würden öffentlich abtreiben. Ganz ohne Hemmungen.“

„Über den Papst und Frau Clinton macht man keine Witze!“, schnaubte ich erbost.

„Stimmt. In der USA ist schwarzer Humor nicht opportun. Hört sich zu sehr nach Rassismus an. Schwarzer Humor ist wie Essen. Hat halt nicht jeder.“

Ich bedachte die Landplage neben mir mit einem langen, todbringenden Blick. Aber er saß weiterhin quietschvergnügt und total lebendig neben mir. ‚Das Leben ist ungerecht, Superman‘, dachte ich mir.

Der Wirt näherte sich uns mit zwei Kölsch.

„Leute, heute ist Volkstrauertag! Also benehmt euch. Und gedenkt den vielen Toten der zwei Weltkriege. Wie hatte ein Kamerad von mir damals den StUffz beim Bund am Volkstrauertag gefragt: ‚Herr Stabsunteroffizier, was sollen wir machen, wenn wir auf auf eine Landmiene treten.‘  Der darauf: ‚3 Meter in Luft springen und sich im Gelände verteilen.‘ Da solle noch jemand sagen, es gäbe keinen schwarzen Humor beim Bund.“

Ich ergriff mir das angebotene Kölsch, wendete mich ab und murmelte: „Es gibt zu viele Witzbolde auf dieser Welt, besonders an Volkstrauertagen.“

„Das habe ich gehört!“, säuselte der Wirt. „Zumindest gibt es viele, die solche Witze aufschreiben. Und ich lese sie gerne.“

„Man sollte diese Schreiber zur Rechenschaft ziehen. Schreiber dürfen nicht alles. Wo kämen wir hin, wenn alle nur noch schreiben würden? Wer soll denn das dann noch alles lesen? Man stelle sich vor, die ganze Welt würde nur noch Witze schreiben und keiner würde sie lesen!“

Beschwörend hob die Landplage neben mir wie ein Magier für Arme seine Hände: „Und dann, in ferner Zukunft, die Menschheit wurde im digitalen Zeitalter durch eine unidentifizierte Krankheit ausgerottet, da kommt dann eine Fliegende Untertasse und landet am Volkstrauertag direkt hier vor unserer Kneipe. Heraus steigen – Hand in Hand – Han Solo und Barbarella flankiert von E.T. und Mr. Spock. Und sie finden dann hier auf dem Boden einen alten, beschriebenen Bierdeckel, in welchem sie sofort die Ursache für die Ausrottung der Menschheit erkennen. Es muss sich vermutlich um den tödlichsten Witz der Menschheit gehandelt haben. Mr. Spock liest ihn vor und kurz darauf sterben die beiden letzten Humanoiden ihrer Art. Erstickt vor Lachen. Und sollten E.T. und Mr. Spock nicht gestorben sein, dann hat die Welt noch nie soviel intelligente Wesen gehabt wie mit diesen beiden, damals in ferner Zukunft, in den unendlichen Weiten des Weltalls …“

Ich schaute ihn ungläubig an. Was erzählte der Schmock da? Fand der das witzig? Am Volkstrauertag? In ihren Gesichtern glaubte ich, ein Feixen auszumachen.

Der Wirt beugte sich zu mir vor, über den Tresen, stütze sich auf seine stämmigen Unterarme ab und grinste mich an. „Heute ist Volkstrauertag, nicht wahr. Und du weißt doch was Uniformen sind, nicht wahr, Uniformjacken, nicht wahr. Weißt du, warum Soldaten im 1. und im 2. Weltkrieg anfangs immer so hochglänzende Knöpfe an ihren Uniformen hatten?“

Hilflos schüttelte ich den Kopf. Der Wirt grinste, schob mein Kölsch beiseite und übergab mir einen Bierdeckel.

„Dann lies selbst. Ich hatte mich nicht getraut, alles zu lesen.“

Ich schaute mir den Bierdeckel an. Das Kölsch-Logo prangte mir entgegen. In Handschrift war darunter

„Weißt du, warum Soldaten im 1. und im 2. Weltkrieg anfangs immer so hochglänzende Knöpfe an ihren Uniformen hatten? Nein? Dann bitte wenden“

geschrieben. Widerwillig drehte den Bierdeckel. Mir fiel ein Zitat eines befreundeten Bloggers ein: ‚Wir nähern uns allmählich dem Zustand, dass es mehr Schreiber gibt als Leser‘ . Wieder war dort irgendetwas klein in krakeliger Handschrift niedergeschrieben. Ich setzte meine Brille ab und begann zu lesen, was der Handschreiber mir erklären wollte.

Zuerst entrutschte mir nur ein kleines Glucksen, dann ein leichtes Kichern, welches sich in ein schallendes Gelächter wandelte. Es schüttelte mich, mein Bauchfell bebte, das Zwergfell rebellierte, ich schnappte hysterisch lachend nach Luft, meine Lunge pumpte im Stakkato mit aller Macht den Sauerstoff der Umgebung ab, Wirt und Landplage schnappten bereits in Panik nach den Restbeständen an Sauerstoff in der Kneipe, ich griff mir ans …

2 Gedanken zu „Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt …

  1. Kompliment! Das ist mal wieder ein Kneipengespräch der besonderen Art. Aber die Pointe, bitte! Dann verrate ich dir, was auf der Rückseiite des Zettels steht, dessen vordere Aufschrift lautet: „Wenn es brennt, bitte wenden!“

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    • Ich danke dir. Aber die Pointe ist eigentlich ein McGuffin. Wenn ich den Witz zu Ende erzähle, dann verfliegt ein wenig der Mystik und macht Ernüchterung platz …

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