Wenn ich groß bin, werde ich ein Ferrari


„Wenn Recht zu Unrecht wird, dann wird Widerstand zur Pflicht, mein Sohn!“, sprach der Herr Papa erregt zu seinem Sprössling auf dem Beifahrersitz.

„Aber Papi! Du kannst doch nicht …“

„Doch ich kann. Und zwar so wahr ich Johannes Berthold Bachmaier heiße. Ich kann!“

„Aber …“

„Wenn ich eines von meinen Eltern auf ihren Anti-Atombomben-Demos der 80er gelernt habe, dann das, dass man sich nicht alles zu gefallen lassen hat! Okay, die Anti-Atombomben-Demos waren pillepalle. Was sind schon Atombomben im Verhältnis zu dem, was Banken so an hohlen Spekulationsobjekten produzieren. Explodiert eine Atombombe, das betrifft einen eingeschränkten Kreis, vielleicht ne halbe Millionen Menschen. Wenn die Banken jedoch ihre Spekulationsobjekte zünden, dann stürzt so etwas mehrere Millionen ins Elend. Sagte bereits Warren Buffet. Nur, dagegen demonstriert niemand mehr, nicht einer von den 80er-Jahren-Friedensaposteln kommt aus dem Quark, nachdem bereits die Finanzwelt mit Massenvernichtungswaffen aufgerüstet hat! Nein, dagegen gibt’s von denen kein Widerstand! Null.“

„Aber Papi, nur weil  einer sagt, er könne Millionen explodieren lassen, kannst du doch nicht so einfach hier …“

„Doch, Stefan, doch! Dein Papa kann das! Dein Papa zahlt Einkommenssteuer, Vermögenssteuer, Mehrwertsteuer, Tabaksteuer, Alkoholsteuer, Mineralölsteuer, Autosteuer, Mautsteuer, Vergnügungssteuer und was sonst noch. Da kann dein Papa erst recht! Ich lass mir dieses Unrecht nicht mehr gefallen, diese Willkür, diese Ignoranz und Arroganz von diesen Arschlöchern, die nicht wissen, was sie tun. Obwohl, das werden sie sehr wohl wissen.“

„Papi, nun hör schon auf …“

„Stefan! Du sollst mich nicht unterbrechen, wenn ich rede. Kinder haben gefälligst zuzuhören, wenn Erwachsene erzählen, wie das Leben wirklich ist! Wie wollt ihr denn sonst lernen, wie die immer mehr euer gutes, zukünftiges Recht beschneiden?!? Wer da nicht aufsteht und mal sich richtig …“

Es klopft an der Scheibe. Herr Bachmaier drückt auf einen Knopf und ganz leise surrend bewegt sich die Seitenscheibe hinunter. Ein Polizist blickt ihm ins Gesicht.

„Sie stehen im absoluten Halteverbot. Sind Sie mit einer Verwarnung von 20 Euro einverstanden?“

„Im Halteverbot? Das muss aber neu sein. Vor Weihnachten war das noch nicht. Da konnte ich meinen Sohn hier immer von der Nachhilfe abholen.“

„Zusätzlich haben Sie in zweiter Reihe gehalten und Sie behindern den Verkehr.“

„20 Euro sagten Sie? Einverstanden.“

Er reichte einen Geldschein durchs Fenster und erhielt Quittung und Beleg. Erneut drückte er den Knopf. Die Seitenscheibe schloss sich wieder. Ein weiterer Druck auf einen anderen Knopf und kaum hörbar startete der Motor.

„Papi, ich dachte, du sagtest, dass Widerstand Pflicht wäre. Aber jetzt hast du trotzdem bezahlt?“

„Das verstehst du nicht. Man muss sich ja auch an Regeln halten, nicht wahr.“

„Ich hatte dir doch zuvor bereits erklärt, dass hier jetzt Halteverbot ist und ich zum Parkplatz kommen könnte.“

„Stefan, du musst mir nicht immer widersprechen, nicht wahr. Das verstehst du nicht, okay.“

„Okay.“

„Und kein Wort zur Mutti, nicht wahr. Sonst gibt’s Ärger!“

„Okay.“

„Diese Säcke von Politiker. Klauen mir permanent mein Geld und ich bezahl mit meiner Freiheit! Aber die können was erleben. Im September kriegen die von mir die Quittung! Da vergeht denen noch deren Gefasel! Und Stefan, kein Wort zu Mutti, verstanden?!“

Sprach’s und drückte das eiserne Gaspedal bis zum Anschlag durch.

8 Gedanken zu „Wenn ich groß bin, werde ich ein Ferrari

    • Die Sichtweise eines Familienvaters habe ich nie erlebt. Aber den Frust darüber, dass niemand den eigenen Schneid abkauft, sondern schlichtweg wegwischt, den habe ich in letzter Zeit in Äußerungen häufiger bemerkt. Und den Frust darüber, dass man sich immer nach dem richten muss, was einem nicht selber zum eigenen Vorteil gereicht. Verstehe mich nicht falsch, aber die Sichtweise eines Familienvaters kenne ich nicht und der Sohn diente mir als Stichwortgeber eines besorgten Bürgers.

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      • „Den Schneid abkaufen“ meinte ich in dem landläufigen Sinne, dass „einem der Mut genommen wird“, (in diesem Fall) als Revolutionär aufzutreten. Wenn man Verantwortung für Kinder hat, ist es schwer, sich unbefangen an Schienen zu ketten, um den Castortransport per Bahn zu verhindern. Es geht da nicht um eigenen Vorteil, sondern schlicht um Sorge, dass das Familienleben beeinträchtigt werden könnte. Ich habe so eine Entwicklung durchgemacht. Schon als nichtanerkannter Kriegsdienstverweigerer bei der Bundeswehr musste ich Wohlverhalten zeigen, damit man mich am WE überhaupt nach Hause zu meiner schwangeren Frau fahren ließ. Dass ich deshalb heute vor lauter Frust zum Raser würde, der das Gaspedal eisern bis zum Anschlag durchdrückt, ist ein verkürzter Schluss. Wenn deine Geschichte Erklärungsmodell für den sogenannten Wutbürger sein soll, habe ich sie falsch verstanden und werde sie auch nicht mehr loben.

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        • Nein, wenn du sie jetzt als Erklärungsmodell verstanden hast, dann verstehst du sie komplett falsch. Aber total und solltest auch nicht weiter diese Geschichte kommentieren.
          Selbst ich kenne die Entwicklung, welche mir nicht mehr zulässt, unbefangen an solchen Aktionen teilzunehmen. Aber sich „den Schneid abkaufen“ zu lassen als Rechtfertigung anderen Menschen gegenüber rücksichtigsbefreit und egozentrisch aufzutreten, ist eine ganz andere Kiste. Es geht um den eigenen Vorteil, den man sich einfach nimmt. Und wenn man dann bedroht ist, von einer Instanz zurecht gestutzt zu werden, welcher man nur durch „sich beugen“ zu begegnen traut, dann werden aus diesen „großen“ Menschen wieder ganz kleine angepasste. Das Durchtreten ist dann widerum nur eine Ersatz- bzw. Übersprungshandlung, welche das wieder kompensieren soll. Heißt da nicht der Spruch „Freie Fahrt für freie Bürger“? Und wenn verbotener Weise mit Behinderung in zweiter Reihe geparkt wird, dann weißt du, wer sich aufregt: alle, die nicht jenes Fahrzeug parken, indes der Parker sein Recht sieht, weil er’s kann (und nicht darf). ISt dir diese Einstellung unbekannt?
          Egal. Ich sehe schon, die Geschichte hat eine völlige Andere Wirkung als ich erhofft hatte. Sie ist also Schrott.

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          • „Schrott?“ Das sehe ich nicht so. Die Offenheit für verschiedene Interpretationen ist ein Qualitätsmerkmal. Es war ja nicht dein Text, sondern dein Kommentar, der mich nochmal schreiben ließ. Ich hatte den Eindruck, dass du die Wendung „sich Schneid abkaufen lassen“ anders als gemeint interpretiert hattest.

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            • Ich weiß schon, was „sich den Schneid abkaufen lassen“ bedeutet. Nicht erst seit Westerwelle. Schon im Preußenreich hatte Bismarck gerne auf „Schneid“ (z.B. schneidige Preußen-Soldaten, deren eigener vor sich her getragener Schneid Friedhelm Wilhelm Vogt sehr zu pass kam) verwiesen und auch mal betont, dass sich Deutsche den Schneid nicht im Preise senken lassen sollten.
              „Schneid“ steht für Tatkraft und Entschlossenheit und „abkaufen“ (auch reflexiv genutzt) hat zwei Bedeutungen. Seitdem Westerwelle den Begriff in aller Erregung damals genutzt hatte, grub sich mir unwillkürlich das „Schneid abkaufen“ im wirtschaftlichen Sinne („abkaufen“) ein. Was passiert allerdings, wenn statt des Wortes „abkaufen“ „wegwischen“ verwendet wird und das im übertragendem Sinne („abnehmen“)? Dann reagieren Leute arg ungehalten, denn „abkaufen“ sollte das mindeste sein, was sie für ihren eigenen „Schneid“ erwarten.
              Irgendwie scheinst du auf mein Wortspiel nicht eingegangen zu sein, weil du es nicht wolltest. Es gibt genügend Menschen, die sich deren „Schneid“ abkaufen lassen, wenn sie dadurch subjektive Vorteile erwirtschaften können. Um so mehr ist es für solche frustrierender, wenn der „Schneid“ lediglich weggewischt wird (und das vielleicht gar noch mit nur einer lässigen Handbewegung). Das heisst, für etwas, was sie bereits aufgegeben haben und nur noch als Statussymbol vorweisen („Schneid“), erhalten sie noch nicht einmal den Gegenwert, von dem sie annahmen, dass der „Schneid“ .ihnen abkaufbar wäre.

              In meiner oberen Geschichte, strotzt der Vater doch nur von „Schneid“ (um bei dem Wort zu bleiben), aber wie es darum bestellt ist, sollte dabei im servilen dargestellt werden, sobald er mit einer Instanz konfrontiert wird: einerseits das Regularium (Polizist) und andererseits die faktisch dominierende (Ehefrau). Das Regularium hatte er trotz besseres Wissens übertreten und sich der Verletzungsstrafe untergeordnet. Der Ehefrau ordnet er sich im vorbeugenden Gehorsam unter und besteht auf Verschweigen der Verletzungsstrafe durch den Sohn seiner Ehefrau gegenüber. Und trotz der ganzen ungelegenen Situation mit dessen Ungemach bleibt das Ventil des Schimpfens und in seinem Frust über seine Situation das Durchdrücken des Pedals bis zum Anschlag (und nicht weiter).
              So sah das eigentlich aus, was ich darstellen wollte. Der Sohn war dabei nur Stichwortgeber (s.o.). Zwei unabhängige Kommentare dazu zeigen mir, dass Absicht und Ausführung meiner Kurzgeschichte absolut auseinander divergieren. Ergo: Schrott.
              Inzwischen denke ich, hätte ich den Refrain von „Jraduss“ genommen, es wären mehr „Aha“-Komentare gekommen und vielleicht auch dann noch mehr als nur zwei … allerdings hätte die vier Verse nicht das sagen können, woran ich sowieso schreiberisch gescheitert bin auszudrücken.

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