Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (54): Over and out

Es wird immer schwieriger etwas neues aus “Süd bei Südost” zu schreiben. SARS-CoV-2 ist noch immer ein bestimmender Aktivposten im täglichen Leben. Nicht, dass der Virus aufgegeben hätte, er wird nicht mehr so stark verbreitet. Nur wird man es mit der Zeit auch müde, immer die neusten Zahlen, Daten, Fakten zu verfolgen. Geschweige denn zu kommentieren. Das ist kein Gewöhnungsprozess, sondern ein Entwöhnungsprozess. Nichts passives, sondern aktives. Eine Art der vorsätzlichen Verdrängung.

In den Supermärkten laufen vereinzelt Menschen ohne Maske mit einem zelebrierten Selbstbewusstsein von hier bis Alaska herum. Bei denen scheint es ein Coolness-Faktor sein. Nur hat es etwas von den Autofahrern, die im Auto keinen Gurt anlegen, und dann mit Vollgas durch die Landschaft preschen. Etwas, was Rennfahrer nie machen würden.

Klar, der erste Gedanke zu den Mund- und Nasenbedeckungsverweigerern mag schon sein “Wehe, wenn du dann auf der Intensivstation liegst und nach Luft schnappst”. Aber darum geht es eher weniger, denn die wenigsten erkranken ernsthaft an SARS-CoV-2. Nicht jeder, der keinen Gurt im Auto anlegt, wird kurz darauf in einem Sarg zu seiner Beerdigung angeliefert. Es ist schon richtig, wenn jemand mit Vollgas ohne Gurt den Serpentinen lang braust und es ihn dann aus einer Kurve gegen Fels, Baum oder in den freien Fall haut. Dann können wir schon alle sehr empört nicken und hämisch sagen: “Selber Schuld”. Dumm gelaufen ist allerdings nur, wenn dieser Vollkaskodesperado jemanden anderen mit sich nimmt.

Gut, nicht jeder ist von der Mund- und Nasenbedeckungspflicht begeistert, weil damit ein Gefühl der Fremdbestimmung einhergeht. Dass in der Kommunikation mit den Leuten an Wurst- und Käsetheke und der Kasse erhebliches fehlt, stört dann schon eher. Ohne diesem obligatorischen Utensil war es möglich, allein durch Mimik den Verkäufer zu weiterem zu inspirieren. Oder einfach nur zu verneinen. Nur jetzt ist es schon erforderlich, sich verbal deutlich zu äußern.

Seltsamer erscheinen dabei die Mitarbeiter der Sub-Unternehmen, welche für ein paar Euro fuffzig pro Stunde in den Supermärkten die Regale einzuräumen haben. Deren Bedeckungen hängen oftmals auf Halbmast oder bedecken lediglich deren Bärte. Ich nehme es schulternzuckend hin. Klar, ich könnte locker zum Marktleiter durchstapfen und ihn darauf hinweisen, dass in Bayern so etwas dem Geschäft 5.000 Euro kosten könnte. Und den Mitarbeitern des Sub-Unternehmens könnte deren Niedriglohn-Einkommen eines Tages verlustige gehen . … Aber, würde ich das? Ich nehme es mit einem Schulternzucken hin. Ich muss nicht alles, was ich kann.

Wobei, für den letzten Satz wurde ich bereits schon privat gerüffelt, weil ich so einfach auf meine Rechte verzichten würde. Ich zucke erneut innerlich mit den Schultern und hoffe, dass das Gespräch dazu bald vorbei gehe. Denn wenn der andere immer das perfekte Leben führt und ich mit meinem Leben seiner Ansicht nach komplett daneben haue, dann umgibt mich das Gefühl der Niedergeschlagenheit, der Wertlosigkeit. Bis ich mir dann vergegenwärtige, dass es genau das ist, was der andere erzielen wollte: Demütigen und sich selber durch die Herabwürdigung des anderen aufgewertet fühlen. Wirkliche menschliche Wertschätzung geht anders.

Demütigung und Herabwürdigung ist ja auch die Sprache der Verschwörungstheoretiker, der Populisten, der Hate-Speecher, der Aufwiegler, der Hetzer. Für jene muss es immer einen geben, auf den man herabblicken kann, ansonsten hat man keine erhabene Position. Herabblicken auf andere, koste, was es wolle. Selbst wenn man sich vollkommen entblödet.

Bemerkenswert finde ich, dass in diesem Zeitalter momentan etwas in dieser Richtung Hand in Hand geht: Hate-Speech und die Betonung der Empathiefähigkeit. Zwei Seiten wie von einer Münze. Bist du empathiefähig? Eine manipulative Frage aus dem Lehrbuch der Rhetorik. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ als Phrase in den Rang stilisiert zu einen brutalen Ausgrenzungsmerkmal. Hautfarbe, Nationalität oder auch Religion ist zu billig. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ ist die neuste Masche für ein neues Klassifizierungsmerkmal zur abschätzigen Behandlung von Mitmenschen.

Momentan geht eine ähnliche Phrase durch die Gesellschaft, die genau diesem Muster folgt: “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” Diese Aussage gebündelt mit einer anderen Behauptung knallt wie wie ein kalter Waschlappen in jedes Gesicht und schon hängt etwas im Raum, was vorher so nie angedacht war und sich dann auch aufgrund des Überraschungsmoments nur schlecht verteidigen lässt: Erst nicht zuhört haben oder gar schwerhörig und somit alt zu sein, gefährliche Dinge ohne Nachdenken massenhaft zu konsumieren und dann auch noch die Antwort auf einer Frage schuldig geblieben zu sein. Das klappt im privaten Leben, aber verstärkt erst recht im Internet, weil es originell und schlagfertig erscheint.

In dieser Krisenzeit wurden viele Argumente ausgetauscht hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von dem Lock-down und über die Bedrohlichkeit von SARS-CoV-2 an sich. Die eine Seite wirft den Politikern vor, sich unter der Diktatur der Virologen begeben zu haben. Die nächste Seite wettert wegen der angestachelten Panik und wegen den wirtschaftlichen Niedergang aufgrund eines unbedeutenden Grippchens. Und die übernächste verweist auf Populisten wie Wodarg und Co, deren einziges Handwerk darin besteht, ein akademischen Titel – wie weiland Brians Anhänger jene Sandale – vor sich herzutragen, um damit Behauptungen aufzustellen, für denen anderen bereits gerechtfertigterweise deren akademische Titel entzogen wurde (s.a. beispielsweise Theodor zu Gutenberg). Erstaunlicherweise glauben viele an solche Bedenkenträger, weil die Gedanken jener in deren eigene finstere Vorstellung vom sinnlosen Sinn des eigenen Lebens passt. Sie werden auch dann nicht von den eigenen Überzeugungen lassen, wenn sie bereits mehrmals widerlegt wurden.

Das hat ein wenig vom Gleichnis über das brennende Haus. Am Fenster standen noch Bewohner und schrien um Hilfe. Die Feuerwehr breitete Sprungtücher aus und forderte die verbliebenen Bewohner auf, zu springen. Worauf dann einer nachfragte, ob es denn regnen würde. Falls ja, dann solle die Feuerwehr ihn doch gefälligst über der Treppe retten. Er hätte keine Lust wegen der Faulheit der Feuerwehr auch noch nass zu werden, da er schon genug Probleme mit dem Feuer habe. Loriot hatte gleiches schon mal mit seinem Sketch “Die neue HS Zwo” (hier) beschrieben.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern ums Prinzip. Und das Prinzip ist heilig. Dem aufrechten Deutschen scheinen Prinzipien heilig zu sein. Und von den aufrechten Deutschen gibt es viele. Denn wer nicht aufrecht ist, ist in deren Augen lediglich ein Affe. Heiliges Prinzip. Das Auto ist beispielsweise so ein Prinzip. Das Blech ist heilig. Weil es für viele gleichbedeutend mit Freiheit ist. Blech gleich Freiheit. Heilig’s Blechle. Da fliegt mir doch das Blech weg.

In einem Internetforum las ich, wie jemand eine flammende Rede zum Thema “Reisefreiheit” hielt. Freiheit wäre ein hohes Gut und bedeute, freie Reisen durchführen zu können. Daher – so die nachfolgende Folgerung – solle jeder dafür kämpfen, dass die Fluggesellschaften die Reisefreiheit nicht durch hohe Preise abstellen würden. Sie sollten preislich da weitermachen, wo sie vor der Krise aufgehört haben und nicht jetzt auch noch Forderungen stellen, ansonsten würden sie sich gegen unsere Freiheit stellen.

Das Virus existiert weiter.

In den Nachrichten erscheint es wie eine biologische Lebenseinheit. Ein Virus ist allerdings kein Lebewesen. Es ist eine Sache mit Informationseinheiten umgeben von Proteine und Fett, welche mit deren Informationseinheiten (RNA-Stränge) den menschlichen Organismus zur Selbstzerstörung bringen können. Trotzdem dichtet man den Viren ein bewusstes Dasein, einen Lebenssinn an. Dabei sind Viren eher wie Bärenfallen: tappt ein Bär rein, schnappt sie zu. Aber Bärenfallen werden von Menschen aufgestellt, um dem Bären nachher das Fell über die Ohren zu ziehen. Aber Viren? Wer hat die denn dann aufgestellt? Wer hat vor, den Menschen zu häuten und zu skalpieren? Will da wer seinen Kaminsims statt mit Elch- und Hirschgeweihen an der Wand mit Menschenköpfen zieren?

Und da kommen die Verschwörungstheoretiker mit ihren geballten Lebenspessimismus und erklären uns die Welt, wie sie sie ihnen maximal gefällt. Da ist kein Platz mehr für positives. Oder Wertschätzung. Wertschätzung ist eh bei denen etwas Sektiererhaftes, Entmündigendes. Weil es sie selber nicht betrifft. Und wenn die neusten Zahlen, Daten, Fakten nicht passen, dann kommt bei denen als Nächstes “Mainstream-Medien”, “Lügenpresse”, “Fake-News” und so weiter auf den Tisch. Auch wenn sie es bestreiten werden, Donald Trump ist deren Verkörperung eines perfekten Jongleurs mit solchen Ausdrücken.

Inzwischen haben jene sich mit ihrem Zukunftspessimismus in einer Partei namens “Widerstand 2020” vereinigt. Wahrscheinlich die Alternative zu der besorgte-Bürger-“AfD”. Eine Partei für Pandemie-Wissenschaft-Widerständler. Und dann möchte man eigentlich in die unterste Schublade langen und denen ein “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” um die Ohren knallen.

Wie hatte Erich Kästner bereits einmal gesagt:

“Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Nebenbei, die Münchner Polizei hatte seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer einen Bericht mit dem Titel “Einsätze der Münchner Polizei im Kontext mit der Corona-Pandemie” veröffentlicht. Hier wurde dann immer vermerkt, wie viele Kontrollen gemäß des bayrischen Infektionsschutzgesetzes durchgeführt wurden und wie viele Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung (“triftige Gründe”) geahndet wurden. Am 6. Mai wurde der letzte Pressebericht (hier) veröffentlicht. Seitdem berichtet die Polizei nur noch über die verbleibende Kriminalität, welche nicht gleich mit mindestens 150 Euro bestraft werden kann.

Somit kehrt wieder eine gewisse Routine auf allen Seiten zurück. Es lockert sich alles. Wir tragen zwar noch Mund- und Nasenbedeckung, die auch manchmal nur zur Bartabdeckung genutzt wird (sind Bärte selbstredend?). Jedoch das kann auch nicht verhindern, dass hinter den Masken noch ganz andere Viren (Bärenfallen) lauern können, mit denen Menschen anderen zumindest verbal die Haut über den Ohren ziehen können.

Es braucht auch kein Corona-Tagebuch mehr. Es ist so überflüssig wie ein Kropf geworden und hat sich selbst überlebt. Weil es nichts mehr bringt und auch nichts bewegt. Weil es bedeutet, lediglich Eulen nach Athen tragen. Und wer will schon Eulen?

Ob ich Lack gesoffen habe, hast du gefragt? Nein. Das habe ich nicht. Denn meinen Kakao suche ich mir schon selber und allein aus.

Over and out.

2 Gedanken zu „Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (54): Over and out

  1. Berlin hat sich über Nacht gewandelt: Heerscharen von Sonnenhungrigen stiefeln mit Picknickdecken und Flaschen bewaffnet ins öffentliche Grün, junge Familien schieben ihre Blagen in Panzerwagen durchs Gelände, Radler torkeln über die Fahrbahn als sei Vatertag. Corona war gestern, Masken sieht man noch in Supermärkten, aber auch da laufen viele äußerlich ganz vernünftig aussehende Kunden unmaskiert durch die Regalreihen. Bye, bye, Corona?

    Eigentlich schade. Die Ruhe in den letzten Wochen war ein Genuss. Stressfreiheit auf allen Ebenen, Zeit, um manches neu zu ordnen und auch neu zu denken. Und jetzt? Kein tägliches Corona-Tagebuch mehr? Keine Witze über Klopapier? Keine neuen Verschwörungstheorien?

    Satiriker und Humoristen müssen sich wohl etwas Neues einfallen lassen. Oder schlägt das Virus jetzt erst richtig zu???

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    • Nein, der Virus hat nur seinen ersten Strike gefahren. Nur reicht mir meine Ideenwelt einstweilen nicht mehr, dem ganzen täglich hinterher zu gehen. Ich mache es jetzt ohne die 54-mal verwendete Überschrift in geringerer Frequenz.

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