PentAgrion und kein Ende

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1

***

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf.
„PentAgrion“, war mein erster Gedanke.
Mist. Der Name ging mir nicht aus dem Kopf. Wie mit einem Ohrwurm hatte der sich durch meine Gehörgänge gefressen und sich jetzt in irgendeinen meiner Hirnlappen festgesetzt.

PentAgrion.

Ich hatte mir im Internet die Seiten von Trithemius dazu durchgelesen. Verwirrt hatte mich der Inhalt und dazu animiert, ebenfalls zu kommentieren. Und die Kommentare wurden dankbar aufgenommen. Es schien, als ob sich meine eingeworfenen Bemerkungen in die Gedanken wie fehlende Puzzle-Teilchen passgenau einordneten.
Seit Dan Brown einen Erfolg nach dem anderen mit seinen „Fast-Food“ (Zitat Prinz Rupi) feiert, scheinen alle nach den verlorenen Illuminati zu fahnden. Der Illuminaten-Orden hat eine Faszination erreicht, die beunruhigt. Der Orden hatte sich damals der Aufklärung verschrieben. Die bayrischen Obrigkeiten empfanden dieses aber als nicht passend für deren Bevölkerung und verfügte die Einstellung jeglicher Ordenstätigkeiten im Jahre 1785.

Nach knapp neun Jahre mit dem Ziel der Verbesserung und Vervollkommnung der Welt hatte der bayrische Staat sich die Stammtischhoheit über allen Biertischen zurückgeholt. Das Ziel der Illuminati war eine herrschaftsfreie Gesellschaftsform. Diese sollte gewaltlos erreicht werden.

In Bayern?
Jawohl, in Bayern. Solche Zielsetzungen in Bayern sind automatisch verdächtig subversiv. Denn der Bayer an sich sieht solche Bestrebungen mit gewaltlosen Mitteln als eindeutige Gefährdung der eigenen Herrschaftsansprüche.
Als in den 80ern des letzten Jahrhunderts die Mehrheit der West-Deutschen gewaltlos gegen eine militärische Aufrüstung protestierte, war es der Bayer Friedrich Zimmermann (CSU), der diese gewaltlosen Bestrebungen 1983 mit einem einzigen Satz in die Illegalität verschob:
„Gewaltloser Widerstand ist Gewalt!“

Doch zurück zu dem PentAgrion.
Oder lieber doch nicht. Ich wollte das Wort vergessen. Aber wie sollte das gehen? Der geneigte Leser sollte folgenden Selbstversuch unternehmen:

Bitte denke nicht an das Wort „Fensterglas“!

Und? Hat es geklappt, nicht an „Fensterglas“ zu denken?
Nun, so erging es mir mit dem Wort „PentAgrion“.
Ich forschte und suchte, um etwas von dem wiederzufinden, von dem ich in diversen Blogs lesen konnte. Wer oder was ist „PentAgrion“? Alle wissen etwas, keiner alles und dann noch ein Video eines Hannoveraner Dachbodens. Und in einer Szene des Videos erkannte ich eine Krone. Ich setzte dazu einen Kommentar. Ein Kommentar als Versuchsballon, um erneute Informationen aus den Mitlesern heraus zu kitzeln. Aber wieder wurden Informationshappen gestreut. Mein Hinweis auf royalistische Tendenzen wurde nicht widersprochen.

Später las ich bei Trithemius über die Zunahme der Eisleichen auf den Gipfeln dieser Welt, weil die ganzen Bonus-Banker sich jetzt versuchen, sogar die höchsten Ziele zu erreichen. Dieses Bild amüsierte mich: Während jeder Politiker über eine Begrenzung von Bonus-Zahlungen nach oben spricht, reiben sich die Erben der Eisleichen vor Vergnügen die Hände, weil deren moderner Raubritter der Finanzen bei seiner hohe Zielsetzung auf dem Dach der Welt verfroren ist. So ist ja auch das Vermögen vieler Menschen entstanden. Wer damals ein mieser Raubritter und Ausbeuter war, den lieben die Nachfahren für deren angehäufeltes Vermögen.
Selten setzt so etwas wie Reue über vergangenes Raubrittertum ein. Denn Alt-Reiche haben einen diskreten Charme. Geld ist kein Gesprächsthema, es stinkt auch nicht, man hat es einfach. E basta! Wozu dann Reue? So wie beispielsweise bei der Familie Quandt, welcher fast die Hälfte von BMW gehört. Erst auf Nötigung von Journalisten wollte die Vergangenheit deren Vermögens untersuchen lassen. Dass ausgerechnet die Frau Klatten der Familie Quandt einem anderen Raubritter, dem „Frauenflüsterer Helg Sgarbi“ (Zitat BR-online vom 10.3.09), in den Fingern geriet, das ist letztendlich ein Treppenwitz der Geschichte.

Angesichts solcher Dinge ist so etwas wie PentAgrion eigentlich nebensächlich. Und erst recht meine Begegnung in der Kneipe und das Gespräch dazu, das Ganze war eigentlich nebensächlich.
Unbedeutsam.
Ich wette, zehn Kölsch mehr und vier, fünf Schabaus zusätzlich und ich hätte mich schon nicht mehr an das Kneipengespräch erinnert gehabt. Aber es fehlten diese vier, fünf. Und so schrieb ich es einfach nieder, nachdem ich überprüft hatte, dass jene „Papiere des PentAgrion“ kein MacGuffin waren.
Ein bisschen ausgeschmückt, ein bisschen aufgepeppt, und dann niedergeschrieben, um es los zu werden.
Fire and forget.

Aber nichts da.
Es geschah Weiteres.
Unbedeutsames.
Gerade soviel, um eine als Spielerei angesehene Vorstellung voranzutreiben.

(Fortsetzung hier)

Das Traktat des PentAgrion (Kneipengespräch)

Prolog

***

Tresen2

„Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand“, pflegte mein Vater zu sagen und trank am Wohnzimmertisch sein Altbier.

Das war damals. Wie der Vater so der Sohn. Damals hatte ich es auch gern getrunken. Mit einem Schuss Malzbier drinnen. Oder hin und wieder auch Himbeersaft. Selbst Berliner Weiße mit Himbeersaft war eines meines Lieblingsbiergetränke.

Berliner Weiße mit Himbeersaft und Trinkhalm. Strohhalm wurden diese vor 30 Jahren noch genannt. In frühester Jugend hatte ich manchen Fruchtsaft mit einem Halm aus echtem Stroh getrunken. Jene Halme hatten zwei Funktionen: zum Trinken von Säften im Sommer oder zum Basteln von Strohsternen im Winter.

Mit 16 Jahren kam für mich die Funktion „Berliner Weiße mit Schuss“-Trinken hinzu. Aber da waren die meisten Strohhalme schon aus Plastik und wurden fortan Trinkhalme genannt.

Altbier mit Schuss. Berliner Weiße mit Schuss. Später kam noch „Pils-Schuss“ hinzu. Und noch viel später lernte ich noch eine Spezialität des wilden Südwestens der Baadenser kennen: Hoepfner Weizenbier mit Bananensaft. Das war in Karlsruhe. Der Bananensaft machte das Weizenbier gerade noch genießbar. Die Karlsruher liebten das. Mir wurde jedes mal speiübel.

Wiederum etwas später verstand ich, dass Biere auch ohne „Schuss“, Trinkhalme oder Bananensaft schmecken können.
Bier pur sozusagen.
Aller Anfang ist halt schwer.

– Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand.
– Wie meinen?
– Das hat immer mein Vater gesagt, wenn er sein Altbier trank.
– Du weißt schon, wo du hier bist, oder?

Freilich wusste ich es. Der Wirt schaute mich fragend an und mein Nachbar hob herausfordernd seine Kölsch-Stange.

– Natürlich weiß ich das.
– Na also. Dann: „Prösterchen“.

Der erste Schluck Kölsch ist zwar immer der beste, aber nach der zweiten Stange ist das eh einem total egal. Und wir waren inzwischen schon bei der vierten Stange angekommen. Damit war das sowieso so etwas von total egal. Egaler ging es da schon nicht mehr. Hauptsache Kölsch. In meiner Münchener Kölschkneipe.

Er stellte seine Stange vor sich hin und drehte sich mir zu.

– Sag mal, hast du schon mal etwas total Verrücktes gelesen?
– Ich lese die BILD-Zeitung schon seit Langem nicht mehr. Maximal den Aufmacher und die Nackte von Seite 1.
– Nein, nein. Ich meine etwas, was jemand selber eigenhändig geschrieben hat.
– So wie das „Traktat vom Steppenwolf“?
– Jetzt nicht das Traktat von einem berühmten Schriftsteller wie Hesse oder so. Sondern von einer Privatperson.

Von einer Privatperson? Ich überlegte.

– Vor Jahren hatte mein Freund und ich mal eine Frau getroffen. Die hatte uns in einer Disko angemacht. Oder besser gesagt meinen Freund. Den hatte sie zu sich nach Hause abgeschleppt. Am nächsten Tag hatte mein Freund dann von ihr einen Packen Papier mitgebracht. So eine Art Traktat mit dem Titel „Himbeereis auf Stragula Oder: Colabüchse am Westwall“.
– Und?
– Ich hatte versucht, das Traktat zu lesen. Schon nach einer Seite musste ich kapitulieren. Es war so eine Mischung aus Hermann Hesse und Erich Fromm. Und absolut knochentrocken. Allein die vier Hauptwörter des Titels bestanden zur Hälfte aus mir unbekannten Worten. „Stragula“. „Westwall“. Das sagte mir alles nichts. Und der Inhalt war noch viel schlimmer. Dagegen ist Hesses Traktat vom Steppenwolf eine Wohltat zu lesen.
– Ja, so eine Situation kenn ich. Hast du das Traktat noch?
– Nein, ich nicht, aber vielleicht mein Freund.

Er nickte und nippte nachdenklich an seinem Kölsch.

– Soll ich ihn fragen, ob er es noch hat?
– Ich kenn jemanden, der ist offenbar auch auf so ein total schräges Dokument gestoßen.
– Ein Traktat?
– Es scheint so. Der Autor nennt sich selbst „Pentagramm“ oder „Pentagon“ oder so ähnlich.
– Pentagon? Ein Politischer? Aus den USA?
– Ein Holländer. Ich habs: „Pentagrion“ nennt der sich. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Er erzählte mir, dass dieser „PentAgrion“ seit 1999 zehn Jahre auf der Erde gelebt und seine Erfahrungen niedergeschrieben hätte. Es soll eine Studie im Auftrag der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft des Planeten Usjh gewesen sein. Ins Internet seien dann diese Studien gelangt. Inzwischen seien diese aber dort nicht mehr auffindbar.

– Weißt du, als ich diese Studie zum ersten Mal las, dachte ich nur an eine Fiktion. So etwas wie die Bielefeld-Saga, nach der es Bielefeld eigentlich nicht gäbe. Oder wie jene Geschichte von den kleinen Leuten aus Swabedooda. Die mit ihren Pelzchen.
– Kenn ich. Eine süße Geschichte. Ich habe sie meinen Enkeln schon zum Einschlafen vorgelesen.
– Ein Stijn Van de Voorde hatte diese Studien ins Netz gestellt und nur durch Zufall fand ich in einem Unterverzeichnis seiner Homepage eine Übersetzung auf Deutsch.
– Hattest du dir die Studie abgespeichert?

Er verneinte.

– Ich hatte die Seiten eigentlich vergessen gehabt. Aber jetzt lese ich im Internet von einem Blog-Schreiber, dass der die Studie auch gelesen haben will.Und das wirklich Seltsame ist, der hat auch so einen komischen Namen gewählt wie jener „PentAgrion“.
– Welchen?
– „Tritterminus“ oder so. Ach ja, „Trithemius“ nennt der sich. Aber dann nicht nur das. Anfangs dachte ich, unter dem Eintrag des Trithemius wären nur dumme frotzelnde Kommentare zu jenem Beitrag.
– Was denn?
– Die fingen an, über schwarzes Internet und Illuminaten zu schwafeln.
– Illuminaten? Haben die zu viel Dan Brown gelesen?
– Hatte ich erst auch gedacht. Dan Brown ist ja momentan nach der Verfilmung seiner Bücher viel gelesen. Aber dann fingen die Kommentatoren an, immer wilder zu phantasieren.
– Wie das?
– Der Trithemius hatte ein Video in sein Blog reingestellt und darin tauchte ein Symbol auf mit zwei Buchstaben. Zwei „T“s. Aber zuvor war schon gemutmaßt worden, dass der PentAgrion mit dem Gründungsort des Illuminatenordens in Verbindung stehe.
– Mit Ingolstadt?
– Richtig. Und mit der großen Automobilfirma dort. Dem Audi.
– Na und?
– Die Diskussion begann just zu dem Zeitpunkt, als der Todestag von Jörg Haider sich jährte. Du weißt, das ist der, der in dem VW Phaeton in Österreich tödlich verunglückte.
– Und?

Er nahm einen Schluck aus seinem Kölsch. Fahrig wischte er sich seine Haare mit der flachen Hand zurück.

– Die graue Eminenz von VW ist doch der Piech, der Österreicher. Der hatte damals in Ingolstadt bei Audi sich hochgearbeitet. Und jetzt gehört dem quasi der VW-Konzern. Dort herrscht er wie Göttervater Zeus und hat dort seinen Phaeton in Dresdens Gläsernen Manufaktur erschaffen. Und mit diesem Phaeton soll er indirekt jenen anderen aufstrebenden Österreicher von der Straße gestoßen haben. Und dem VW-Konzern und somit dem Piech gehört doch die Ingolstädter Audi-Produktion. Und jetzt kommt es: Audi produziert seinen „Audi TT“ in der ungarischen Stadt Györ. Und jetzt ist Györ die Partnerstadt Ingolstadts! Und jetzt findet der Trithemius am Kamin seines Hauses die beiden „T“s wieder.

Ich schaute mir meinen Nachbarn an. Das waren mir entschieden zu viele „und jetzt“s, mit denen er anfing, mich zuzutexten. Er schien mir einen an der Waffel zu haben.

– Du glaubst, ich habe einen an der Waffel, nicht wahr?
– Du kannst Gedanken lesen.
– Warte erst einmal, bevor du urteilst. Du musst wissen, dass der berühmte Knigge bei Hannover lebte. Jener Adolph Freiherr Knigge. Der war auch mal ein Illuminat.

Die Geschichte langweilte mich langsam aber sicher immer stärker. Jegliches Verständnis dafür, was er mir überhaupt sagen wollte, das hatte ich schon lange nicht mehr. Ich trank mein Kölsch leer und orderte per Fingerzeig ein neues. Am Anfang war die Welt wüst und leer, bis jemand das erste Kölsch bestellte.

– Der Trithemius lebt auch in Hannover.
– Na und? Warum sollte er nicht? Aber was hat das mit Jörg Haider und seinem Todestag zu tun?
– Nicht Jörg Haider, sondern PentAgrion.
– Okay, PentAgrion oder wie der heißen mag. Was hat der damit zu tun?
– Sein Traktat. Ich hatte es damals auch im Internet gelesen.
– Wie schön für dich. Damit haste zweifelsohne dein Grundschulwissen angewandt, stimmts?
– Hör mal auf mich zu veräppeln.
– Ach ja?
– Als ich PentAgrions Studien gelesen hatte, zog ich gerade von Hannover nach Köln um. Ich hatte mir den Bookmark in Hannover gemacht, um die Studien nochmals zu lesen. Als ich in Köln meinen Computer wieder ins Internet brachte, führte der Bookmark ins Internet-Nirvana. Und kurz danach erhielt ich einen Job in Ingolstadt bei AUDI.
– Ach ja? Na, wie der Piech biste aber wohl nicht zum Chef von VW geworden, oder?
– Du nimmst mich nicht ernst!
– Wie sollte ich dich ernst nehmen? Wir sitzen hier zwischen Salzgebäck und Kölsch. In Münchens Kölschkneipe und nicht in Ingolstadt Kirmesbierzelt. Und du laberst etwas von erleuchteten Traktat-Autoren aus einer Stadt an der Isar.
– Donau!
– Oder Donau. Ist auch unwichtig, wenn es nicht der Rhein ist.
– Ingolstadt liegt an der Donau! Das Traktat selber wurde in Holland geschrieben.
– Und wenn die ganze Welt an der Donau liegt, es gibt keine Außerirdischen mit holländischen Sprachkenntnissen.
– Woher willst du das wissen?
– Weil E.T.s keine Wohnwagenführerscheine haben. Sondern sich maximal bei Steven Spielberg von Kindern an dem Mond vorbei schweben lassen.

Er schaute mich beleidigt an. Ja, sein Blick war regelrecht kalt geworden. Er nahm seine Geldbörse, kramte einen 20-Euro-Schein hervor, legte diesen auf den Tresen und ging wortlos.
Der Wirt schaute mich erstaunt an.

– Was ist denn mit dem los?
– Ach, der halluziniert.
– Komisch, das Fass Kölsch hatte ich heute Nachmittag extra frisch angestochen. Am Kölsch kann es nicht liegen.
– Der redete was von PentAgrion, Ingolstadt an der Oder und Traktaten von außerirdischen Holländern. Totaler Driss. Ich hoffe, der landet nicht demnächst in der Klapse.
– PentAgrion?

Der Wirt schaute mich ernst an. Nicht ein Minenzug schien mir Zustimmung zu signalisieren. Meine Verwirrung wuchs erneut.

– Du kennst doch nicht etwa auch den PentAgrion? Oder was?
– Ich lebte damals in Groningen in Holland. Meine Freundin rief mich damals am Sonntag Nachmittag über ihr Handy an. Sie wollte bei ihrer damalige Freundin in Amsterdam ein Manuskript abholen und daher dort übernachten. Sie fuhr daher spontan nach Amsterdam.
– Von Groningen nach Amsterdam?
– Es ist jetzt 17 Jahre her. Am 4. Oktober 1992, an dem Tag starb meine Freundin in der Wohnung ihrer Freundin. Der verdammte Flug El-Al 1862 krachte genau in den Amsterdamer Wohnblock. Genau dort, wo sich beide aufhielten. Ein Triebwerk der Frachtmaschine war genau in der Wohnung der Freundin eingeschlagen. Die Wohnung war komplett leergebrannt. Meine Freundin wollte nur kurz zu ihr hin. Am nächsten Tag wollte sie wieder bei mir sein. Sie meinte am Handy, es gehe um ein bedeutendes Manuskript. Eines holländischen Autors. Nie werde ich dessen Namen vergessen. Er hieß PentAgrion.

Komplett verwirrt starrte ich den Wirt an.
Wie komplett bescheuert muss denn eine Welt sein, dass alle plötzlich von jemandem mit einem total unholländischen Exotennamen reden, den die Welt nicht braucht?
Wut stieg in mir auf. Eigentlich wollte ich mich nur zerstreuen, ein paar nette Kölsch trinken und dann nach Hause. Der Abend war verdorben. Ich kramte mir einen 10-Euro-Schein aus meiner Geldbörse, legte ihn auf den Tresen und verlies wort- und grußlos die Kneipe.

PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Der Name ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Kälte drang durch meine Jacke. Vor paar Tagen war es noch Sommer.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Mein Atem produzierte in der Kälte kleine Wölkchen. Der Winter war eingetroffen.
PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Schneeflocken tanzten um mich herum. Der erste Schneefall in München.

Der Wirt hatte mich total verarscht.
Hatte mir der andere nicht gesagt, dass PentAgrion erst ab 1999 in Holland lebte? Mal wieder klar: Wer nichts wird, wird Wirt und Geschichtenerzähler für Tresen-Hocker. Typisch. Und ich als dämlicher Gast glaubte ihm auch noch.

Der Abend war jetzt endgültig versenkt.

„Hoffentlich kann ich vor lauter „PentAgrion“ noch schlafen“, waren meine letzten Gedanken, als ich in den Kissen meines Bettes versank.

(Was danach geschah)

Das Hexen-Einmaleins

0:
Es ist der Ursprung. Der Ursprungspunkt. Undefinierbar. Wenn es keine anderen Standpunkte gibt, dann ist der Punkt nicht räumlich definierbar. Er ist überall und nirgends. Er wird als Beobachterposition gebraucht. Er ist da, aber hat keine Dimension, keine Ausdehnung. Einfach nur ein Punkt. Einfach nur anwesend. Mehr nicht. Er zählt nicht.

1:
Durch den zweiten Punkt ist es möglich, auf diesen aus der Richtung vom ersten Punktes aus zu schauen. Der zweite Punkt existiert, weil er vom Ursprung aus gesehen werden kann. Aber es fehlt die Möglichkeit den ersten Punkt zu beschreiben, es fehlt der objektivierbare Vergleich. Ob der zweite Punkt groß oder klein ist, ob er weit oder nah entfernt, all das ist nicht beschreibbar. Denn diese dimensionellen Begrifflichkeiten fehlen mangels Vergleichbarkeit.

2:
Erst mit dem dritten Punkt lässt sich der vorherige Punkt vergleichen. Wer von beiden größer ist, kann jetzt vom Ursprungspunkt aus beschrieben werden. Und es ist jetzt auch möglich die erste Verbindung herzustellen. Eine Linie kann zwischen diesen beiden Punkten definiert werden. Aber diese Linie ist ohne definierte Lage.

3:
Mittels des nächsten Punktes ist es möglich den ersten vorherigen Punkten eine definierte Lage zu geben. Der dritte Punkt ermöglicht Entfernungen zu vergleichen. Die Längen der Linien, die jeweils immer zwei Punkte verbinden, können jetzt untereinander verglichen werden. Zum ersten Mal ist es möglich zu sagen, wie weit die Punkte untereinander entfernt liegen. Die Begriffe „näher“ und „weiter“ bekommen einen Sinn.
Auch spannen zum ersten Mal alle drei Punkte über diese Linien eine Fläche auf: Das Dreieck.

4:
Wird ein neuer Punkt in das obige System eingefügt, wird damit die dritte Dimension ermöglicht. Natürlich ist es möglich, mit dem vierten Punkt ein Viereck aufzuspannen. Aber dann würde der Punkt in der Ebene der drei Punkte nur eine Position einnehmen, die auch jeder der drei anderen Punkte einnehmen könnte.
Mittels des neuen Punktes außerhalb der Ebene der drei anderen Punkte kann die Neigung der Ebene bestimmt werden, sollte die Entfernung der anderen drei zum letzten neuen Punkt unterschiedlich sein. Mit diesem Punkt ist es möglich einen Raum aufzuspannen, den ersten dimensionellen Körper auf, den Tetraeder, eine dreiseitige Pyramide. Der Körper nennt sich auch Vierflächner, weil deren vier Punkte mit ihren sechs Verbindungslinien vier Dreiecksflächen erzeugen, welche einen Raum umschließen. Das erste dreidimensionale Gebilde wurde geschaffen.

5:
Der nächste Punkt wird heikel. Denn vom Ursprungspunkt aus betrachtet können mit den anderen drei Punkten jede neue Punkt in dessen Lage beschrieben werden. Jeder Punkt ist so verschiebbar, dass der nun sechste Punkt ersetzbar ist. Dieser Punkt benötigt eine neue Dimension. Eine Dimension, die unabhängig von den anderen fünf Punkten ist. Dieser Punkt wird in die Zeit ausgelagert. Es ist der Zeitpunkt „0“. Er erinnert an den ersten Nullpunkt, den Ursprungspunkt „0“. Der sechste Punkt eröffnet lediglich die neue Dimension.

6:
Ein weitere Punkt muss der Zeit-Dimension hinzugefügt werden. Zusammen mit dem vorherigen Punkt kann ein Zeitstrahl errichtet werden. Die Lage der anderen geometrischen Punkte kann nun von verschiedenen Zeitpunkten aus betrachtet werden. Noch fehlen aber die Begrifflichkeiten wie „vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“. Daher wird es notwendig, einen weiteren Punkt in der Dimension der Zeit einzufügen.

7:
Dieser Punkt ermöglicht den Vergleich der verschiedenen Zeitpunkte. Genauso wie der Punkt „3“ es uns ermöglichte Vergleiche anzustellen. „Vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“ erhalten einen Sinn.Die geometrischen Punkte lassen sich im Wandel der Zeit betrachten.

8:
Nehme ich mir noch einen weiteren Punkt in der Zeitdimension hinzu, dann habe ich die Möglichkeit einen „Zeitraum“ zu errichten. Jetzt kann ich die geometrischen Figuren innerhalb eines Zeitraumes betrachten

9:
Bislang waren alle Punkte in den geometrischen und in den zeitlichen Dimensionen verteilbar. Beide Dimensionen sind vollständig darstellbar. Der neunte Punkt kann also nicht in diesen beiden Dimensionen liegen. Er liegt außerhalb unserer normalen Vorstellungswelt. Es ist der Punkt der alle Dimensionen umfasst. Die Abstraktion der Punkte zuvor. Das eigene Erleben.

Und somit wird man mit dem nächsten Punkt wieder auf Ursprungspunkt und dem ersten Punkt zurück geworfen:

Die 10

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Zu schwierig?

Dann gehe ich mal das ganze rückwärts.

9:
9 Musen gibt es. Genauso viele Köpfe hat die mythische Hydra. Im Alten Testament bezeichnet die „9“ die Vollendung des Schicksal. Im Neuen Testament starb Jesus in der 9. Stunde. König Arthur brachten 9 Könige ihre Gaben dar. Die Germanen hatten 9 Beurteiler eingesetzt, die eine Frist zum Urteilen von 9 Tagen hatten.

8:
Im Islam gibt es 8 Himmel, weil Allahs Barmherzigkeit um eins größer ist als sein Zorn (7 Höllen). Der Buddhismus kennt einen achtfachen Pfad, der zum Nirvana führt. In Israel wird am 8. Tag nach der Geburt die Beschneidung vorgenommen. 8 Menschen wurden in der Arche Noah gerettet. 8 steht im Neuen Testament für die Auferstehung. Das Jahresrad der Germanen hat 8 Speichen. Die Zahl 8 steht für die Unendlichkeit, denn wird sie hingelegt zeigt sich das Symbol, was auch in der Mathematik für die Unendlichkeit verwendet, die Lemniskate.

7:
7 Tage hat die Woche. Am 7. Tag ruhte Gott nach der Schöpfung der Erde aus. 7 Erzengel bevölkern den Himmel. Der Pharao sah 7 fette und 7 magere Kühe, 7 dicke und 7 dünne Ähren. Allahs Zorn hat 7 Höllen. Die Eröffnungssure des Korans hat 7 Verse. Alchemisten müssen zur Herstellung von Gold 7 Arbeiten durchführen. Die 7 Todsünden. 7 Chakras. 7 Teufel treibt Jesus aus Maria Magdalena aus.

6:
6 ist nach Meinung der griechischen Mathematiker eine vollkommene Zahl, da sie durch die ersten drei zahlen darstellbar ist. Gott erschuf binnen 6 Tagen die Welt und Jesus wurde am 6. Wochentag zur 6. Stunde gekreuzigt. Der Himmel der Chinesen ist 6-stufig. Das Druidenjahr beginnt am 6. Tag des Vollmondes. 6 Druiden schneiden den Mistelzweig.

5:
5 Finger hat die Hand. Der 5-zackige Stern, das Pentagramm, wird zur Abwehr des Bösen verwendet. Der Islam kennt fünf Säulen (Bekenntnis, 5-maliges Beten am Tag, Almosen, Fasten, Hadsch). Die Chinesen kennen 5 Richtungen (die vier Himmelsrichtungen plus der Mitte). Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung.

4:
Es gibt 4 Temperamente, 4 Evangelisten, 4 Jahreszeiten, 4 Kasten der altindischen Sozialordnung, 4 Wahrheiten im Buddhismus, 4 Kardinaltugenden, 4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen

3:
Die 3 gilt als die heilige Zahl schlechthin. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Anfang, Mitte, Ende. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wodan, Donar, Ziu. Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Caspar, Melchior, Balthasar.

2:
Die Dualität, die Zweiheit. Ying und Yang. Männlich und Weiblich. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Gut und Böse. Salzgebäck und Bier. Tag und Nacht. Das Alte und das Neue Testament. Zwitter. Zweifel. Zwietracht. Zwillinge. Vishnu und Shiva.
2 ist die Abspaltung von der

1:
Im Arabischen wird die 1 durch den ersten Buchstaben Alif ausgedrückt. Es ist auch das Symbol Allahs. Die Juden und Moslems akzeptieren nur einen Gott. Die 1 hat die Eigenschaft, dass sie mit sich selbst multipliziert unveränderlich ist.

0:
Die Erfindung der Null verdanken wir den Indern. Die indische Bezeichnung lautet „sunya“ und heißt übersetzt „Leere“. Die Araber übersetzten es mit „sifr“, woraus sich über das lateinische „zephirum“ bei den Engländern „zero“ und „cipher“, bei den Franzosen „zero“ und „cifre“ und bei uns das Wort „Ziffer“ entstand. Die arabische Ziffer für Null und das Zeichen der Null bei den Mayas haben die Form der Vagina. Die Null ist die Gebärmutter, aus der alle Zahlen entstanden. Die Zahl „Null“ gebar das Dezimalsystem. Führende Nullen werden in der Mathematik nicht geschrieben.
Führende Nullen in der Wirtschaft haben wir dagegen haufenweise. Und sie gebären die Zahlen, die uns nachher als Rechnung zum Begleichen überlassen werden.

Endgültig verwirrt?

„Du mußt versteh’n!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß geh’n,
Und Drei mach gleich,
So bist Du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex’,
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!“

von Goethe

Über allen Gipfeln auf dem Dach der Welt

Nach der Lektüre von John Krakauers Bericht „In eisigen Höhen“ über die Bergsteigerkatastrophe auf dem Mount Everest im Jahr 1996 verfolgte mich für kurze Zeit ein Bild, dass die Routen vom letzten Hochlager bis zum Gipfel des Berges von erfrorenen Bergsteigern am „Wegrand“ eingerahmt sind. Eine Armee der Eis-Gewordenen auf dem Dach der Welt.

Absurd erscheint es, dass Menschen sich in gefährliche Grenzbereiche hinein wagen, ihr Leben als Preis für das Erklimmen des höchstens Erdpunktes in die Waagschale werfen. Im Endeffekt ist es höchstens paradox und surreal. Denn Menschen haben schon immer deren eigene Grenzbereiche ausgelotet.
Gut organisierte, kommerzielle Expeditionen auf den Mount Everest ermöglichen dieses Erlebnis. Die geplante Lebensgefährdung als kommerzialisiertes Kalkül. Der Gefriertod als ständiger Begleiter. Seit der Mount Everst bestiegen wurde, sind bislang mehr als 200 Menschen verunglückt. Abgestürzt oder in der Todeszone nahe des Gipfels schlicht erfroren. Mittels Google finden sich Bilder der Toten, die sich dort noch immer befinden, weil deren Bergung aus der Todeszone des Mount Everest zu gefährlich ist.

Durch Zufall erhielt ich nach der Lektüre des Buches von einem Arbeitskollegen den IMAX-Film „Everest“. Dieser Film wurde an den Tagen jenes Unglücks gedreht, über den John Krakauer schreibt. Im Film sieht es mühsam, aber doch recht einfach aus, wenn die Menschen den höchsten Punkt der Erde begehen. Der Film zeigt keine erfrorenen Bergsteiger. Und er zeigt auch nicht die direkten persönlichen Mühen. Das gelesene Buch im Hinterkopf war mir aber wie ein Untertitel zu dem Film.

Mir fiel dabei das Drama im vergangenen Jahr am Nanga Parbat ein, wo zwei Bergsteiger von einem Hubschrauber aus dem Berg gerettet wurden, nachdem beide zuvor ihren erfahrensten Bergsteiger „verloren“ hatten. In der Presse fand dieses Drama am Nanga Parbat ein großes Echo.
Etwa zu der gleichen Zeit stürzte ein Einkäufer eines großen französischen Autokonzerns mit seinen fünf Begleitern am Mont Blanc in den Tod. Dies fand in der Presse keine Beachtung. Von diesem Unglück erzählte mir ein Arbeiter jenes Autokonzerns. In einer Randnotiz fand ich später in Google das Unglück bestätigt.

Berge reizen mich nicht. Ich finde sie imposant, aber ich schaue lieber zu ihnen rauf. Persönlich bin ich eher derjenige, der am Strand aufs Meer rausschaut. Derjenige, der raus schaut und der hypnotischen Musik der Wellen zuhört.

John Krakauers Buch hat mich trotzdem fasziniert. Aber es hat mich auch darin bestärkt, mutwillig keine Berge zu bewandern oder gar zu erklimmen. Lieber setze ich mich den Tsunami- und Sonnenbrand-Gefahren an Stränden wie oben in meinem Blog-Header aus.

Nun ja, wahrscheinlich bin ich einfach nur pragmatisch bewegungsfaul.

Bürgers Geld gegenfinanziert ohne Steuererhöhungen

In seinem Programm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ stellte Georg Schramm ein Konjunkturprogramm vor, welches beeindruckend einfach erscheint. Georg Schramms Bühnenfigur des Seminarleiters erklärte dieses Konzept mit dem Charme „gegenfinanziert ohne Steuererhöhungen“ und „garantierte Stütze der Wirtschaft“.

Basis dieses Konjunkturprogramms ist 1/3 der deutschen Bevölkerung. Dieser Bevölkerungsanteil zahlt keine Steuern, weil dieser zu jung oder zu alt ist oder auch zu wenig verdient. Diesem Bevölkerungsanteil Geld zu geben, würde bedeuten, dass sie es nicht sparen sondern sofort konsumieren würden. Also kommt diesem Anteil ein erheblicher potentieller, konsumtreibender Faktor zu: die wirtschaftliche Kurbel zum Hochdrehen der hustenden Binnennachfrage.

Momentan haben wir 6 Millionen potentielle Wirtschaftsimpulsgeber, die von Hartz IV leben. Wohlgemerkt, es sind Hartz IV-Empfänger und keine Arbeitslosen. Denn Arbeitslose sind nochmals 4 Millionen. Das macht also alles zusammen ein Potential von 10 Millionen Menschen.

350 Euro als Hartz IV-Satz sind für diese Wirtschaftwachstum-Ankurbler im Augenblick knallhart kalkuliert. Damit ist er gerade unterhalb jeder Fähigkeit, irgendeine private Anlagen zu tätigen oder auf Demos zu reisen. Aber immer noch gerade über der Hungergrenze. Wenn 50 Euro davon in den Einzelhandel gehen, dann ist das schon wirtschaftlich positivistisch dargestellt.

Daher machte Schramms Bühnenfigur die folgende Rechnung auf:
Jene 6 Millionen Hartz-IV’ler kosten dem Steuerzahler bis zu deren Ableben hochgerechnet

– 700 Euro Hartz IV inkl. Zuschüsse und Verwaltungskosten
– 1200 Euro monatlich durchschnittlich vom 55 Lebensjahr ab an wegen Gesundheit, Sozialem und Rente (das 55. Lebensjahr ist das statistische Jahr, wo der Bürger mehr kostet, als er dem Staate einbringt laut einer Studie der Deutschen Bank).

Damit ergeben sich rechnerisch 600.000 Euro vom 55. Lebensjahr bis zum statistischen Tode im 80. Lebensjahr. Also 600.000 Euro, die der Staat für seinen Bürger vom 55. Lebensjahr bis zum Sterbealter von 80 Jahren investieren muss. Von dieser Summe gehen dabei kaum mehr als 6% in den Einzelhandel, was zu wenig für einen wirtschaftlichen Aufschwung oder gar wirtschaftliche Stützung ist.
6% sind eine schlechte Rendite. Georg Schramms Bühnenfigur bemerkte folgerichtig, dass für so eine Rendite ein Ackermann morgens nicht mal aufstehen würde.

Würden allerdings einem 25-jährigen Jugendlichen monatlich 1666 Euro (Brutto = Netto) in die Hand gedrückt werden und dieses für die Dauer von 30 Jahren, dann könnte man damit rechnen, dass monatlich 1000 Euro als Konsum in den Einzelhandel in die Wirtschaft einfließen. Hieraus ergäbe sich eine traumhafte Rendite von 60 %. Die Ackermanns dieser Welt wären begeistert. Die Wirtschaft erhielte einen Wachstumsschub von mehr als 1,5 %. Der Einzelhandel würde aufblühen. Die jetzige Krise wäre nur eine Wirtschaftsflaute. Darüber hinaus stände zu erwarten, dass vermehrt Arbeitsplätze durch die Konsumsteigerung geschaffen würden.
Ja, selbst wenn der Jugendliche es wegen der 1.666 Euro nicht wirklich bräuchte, er könnte auch arbeiten. Er braucht es aber nicht. Denn es soll ja die Aufgabe des Jugendlichen sein, mit seinen 1.666 Euro mindestens 1.000 Euro als Konsum in den Einzelhandel zu hinterlassen.

Nun, Voraussetzung – so Georg Schramms Bühnenfigur – für den Erhalt der monatlichen 1.666 Euro ist dann allerdings die Erfüllung einer einzigen Bedingung:

Das sozialverträgliche Ableben.

Mit 55 Jahren würde der ehemalig Jugendliche zwangsverpflichtet, nach seinem erfüllten Konsumentenleben im Kreise der Seinen glücklich und zufrieden abzuleben. Somit wäre dann auch sicher gestellt, dass dieser dann nicht noch mehr als die jetzigen 600.000 statistischen Euro in Anspruch nähme.

Und – wenn wir mal ehrlich sind – 30 Jahre subventioniertes Leben, da kann man auch schon mal auf das statistische Lebensalter von 80 Jahren verzichten. Insbesondere wenn verglichen wird, dass in dem einem Modell die Blütezeit des Lebens 30 Jahre lang genossen werden kann, während in dem jetzigen Modell nur schmuddeliger Herbst und garstiger Winter des Lebens erlebt werden können.

So hat die ganze Gesellschaft etwas davon: Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und keine Vergreisung der Gesellschaft. Dem demografischen Faktor bräuchten wir nicht mehr unsere „German Angst“ entgegen zu setzen.

Jetzt aber zum wirklichen Leben, dem knallharten, und raus aus dem Kabarett-Programm:
Jemand aus der FDP muss bei Georg Schramms zynischer Präsentation fleißig mitgeschrieben haben. Ein ganz besonders Aufmerksamer wird es wohl gewesen sein. Und der hat errechnet, dass die monatliche Summe 662 Euro sein müsse. Also 1.004 Euro weniger. Das Geld, was die Schramm’sche Bühnenfigur des Seminarleiters in den Einzelhandel zur Wirtschaftsankurbelung einfließen lassen wollte, das hat der Mitschreiber einfach mal gestrichen. Das passte nicht zum FDP-Slogan „Ihre Arbeit muss sich wieder lohnen“.
Und die 662 Euro nennt die FDP nun auch nicht etwa „Harz 5“ sondern schlichtweg „Bürgergeld“. Eine pauschale Kopfsumme unabhängig von Wohnort und Lebenssituation.

Interessanterweise soll hierbei gleich das Finanzamt alles regeln. Das hat freilich eine gewisse Logik, denn so wird der Bürger in seinem wirtschaftlichem Leben erheblich transparenter. Gläsener. Das entspricht zwar nicht den Versprechen des FDP-Wahlprogramms, welches die Bürger von mehr staatlicher Überwachung schützen will. Aber bei einem Versprechen kann es sich auch mal um ein Versprecher handeln. Wahllüge wäre an dieser Stelle ein gar garstiges Wort.

Nun, die 1.000 Euro, die der aufmerksame FDP’ler gleich beim Plagieren von Schramms Konzept gestrichen hat, entsprechen 72 Milliarden Euro pro Jahr. Das mag viel erscheinen, aber in diesem Jahr haben wir uns doch inzwischen an wesentlich größere Zahlen gewöhnt.

Nur eines hat die FDP bei ihrem Bürgergeld noch nicht erklärt: ab wann der Bürger sozialverträglich ableben muss, wenn er das Bürgergeld erhält. Möglicherweise ist das bei Einführung des Bürgergeldes aber eh völlig egal.
Sollte ein Arzt einem BmBB (Bürger mit Bürgergeld-Bezug) irgendwann mal erklären, er habe eine tödliche Krankheit und daher nur noch 4 Monate zu leben, dann kommt sowieso der entsetzte Ausruf:

„Ja, wovon denn?“

Google und die Suche nach "Bombe Oktoberfest 2009"

Es ist auf meinem Blog in dieser Woche was seltsames geschehen.

Normalerweise habe ich so täglich immer zwei bis drei Dutzend Besucher. Doch seit vergangenem Dienstag ist meine Besucherzahl mir regelrecht explodiert. Mit einem Male habe ich dreistellige Seitenaufrufe.
Woran liegt das? Womit habe ich das verdient?

Nun, der Suchdienst „Google“ schickt mir auf meinem Blog zu meinem Post „Festung Oktoberfest 2009“ viele Besucher, die nach den Stichworten „Oktoberfest 2009 Bombe“ oder „Bombenfund auf dem Oktoberfest 2009“ suchen. Und das nur eben weil mein obiges Post jene Begriffe enthält.
Wie dieses Post hier jetzt auch, ne. ;)

Nebenbei:

Hier in München laufen ja inzwischen massenhaft Araber herum, die andauernd Geldbündel aus deren Hosentaschen verlieren und den Findern dankbar statt dem gesetzlich geregelten Finderlohn lediglich den Tipp geben, am „Tage der deutschen Einheit“ dem 3. Oktober 2009 nicht auf das Oktoberfest zu gehen.
Gut, man sieht diese Araber nicht auf den Straße Münchens, aber zumindest gibt es massenhaft Münchener die massenhaft Bekannte haben, die wiederum massenhaft Arabern deren verlorenen Geldbündeln hinterher tragen.
Ja, ja, die Münchener sind schon eine massenhaft ehrliche Haut, gelle? Tragen einem immer das Geld hinterher …

Und noch ein „Nebenbei“, gelesen in der FAZ:

Vier Kinder im Frankfurter Stadtteil Griesheim haben auf dem Schulweg 15.000 Euro in einem Briefumschlag gefunden und diese auf dem Schulhof großzügig verteilt. Irgendwann regte sich bei denen das Gewissen, das Geld wurde wieder eingesammelt (bis auf fehlende 950 Euro) und dann der Polizei übergeben. In dem Briefumschlag waren die Daten des Besitzers. Der sagte aus, dass er mit den 15000 Euro nach Moskau reisen wollte. Der Besitzer war ein Afghane. Es ist nicht überliefert, ob der sich nachher bei der Polizei bedankt hat und denen dann empfahl, NICHT auf das Münchener Oktoberfest zu gehen …

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Gehts voran?

Genossen und Genossinnen …
(Jubel, Applaus)
… wir haben einen grandiosen Wahlkampf geführt …
(lauter Jubel, stärkerer Applaus)
… wir haben den, äh, die Wähler von uns begeistert …
(lautstarker Jubel, rhythmischer Applaus)
… wir sind eindeutig die zweitstärkste Partei im Lande.
(Jubel und Applaus werden rhythmisch, begeisterte Zwischenrufe)
Genossen und Genossinnen …
(Jubel und Applaus sind ohrenbetäubend, eine La-Ola-Welle geht durchs Willy-Brandt-Haus)
… jeder vierte Wähler dieses Landes mag und unterstützt uns mit seiner Stimme. …
(„We are the Champions“-Gesänge, rhythmisches Fußgetrampel)
Das ist aber nicht genug! Wir müssen wieder zu einer Volkspartei werden!
(Jubelrufe, andächtige „Brüder zur Sonne“-Gesänge, starker Beifall)
Genossen und Genossinnen …
(erneut stark aufbrandender Applaus und massenhaft „Bravo“-Rufe)
… und weil wir eine Arbeiterpartei sind …
(etwas weniger Applaus und vereinzelte „Bravo“-Rufe)
müssen wir dafür jetzt, Genossen und Genossinnen, als Arbeiterpartei …
(mittelstarker Applaus und einige „Glück-auf“-Zwischenrufe)
… auch intensiv um Vermehrung der Wählerstimmen …
(Kunstpause, plötzliche Stille, vereinzeltes warnendes Räuspern)
… arbeiten!
(Buhrufe, Handgemenge, wütende „Nestbeschmutzer“-Rufe, fliegende Stühle, der Redner wird raus geprügelt)

Zur Beruhigung der Genossen und Genossinnen verkünden ein Heilchen und ein Munterführing deren Rücktritte.
Als Substitute werden eine Luftpumpe und eine Heißluft-Produzentin der Partei verordnet.

Na, dann ist ja alles wieder beim Alten, Verdummte dieser Erden.

Mit einem riesigen Danke gen Rio de Janeiro!

So etwas findet man nicht alle Tage in seinem Postkasten.
Insbesondere nicht diese zwei DVDs.
Deshalb nochmals mein Danke an das ARD Studio in Rio de Janeiro. Insbesondere an Thomas Aders vom ARD Studio Rio!

Zum Vergroessern bitte anklicken

Die Festung Oktoberfest 2009

Nach der Haager Landkriegsordnung dürfen gegnerische Truppen eine zur „Festung“ deklarierte Stadt angreifen. Eine Stadt wird als „Festung“ bezeichnet, wenn in ihr entsprechend militärische Mittel zur Verteidigung vorhanden sind. Ob tatsächliche militärische Mittel vorhanden sind, ist unerheblich, wenn der Verteidiger eine Stadt zur Festung erklärt hat. Der Gegner ist nicht dazu verpflichtet, dieses vor einem Angriff zu überprüfen. Es gilt das Wort des Verteidigers.
Kampfhandlungen gegenüber einer Festung werden entweder durch Einnahme oder durch Kapitulation beendet.

Im Gegensatz dazu steht im Kriege eine „offene Stadt“. Eine solche Stadt gibt dadurch zu erkennen, dass sie wehrlos ist und dem Gegner offen steht. Entsprechend der Haager Landkriegsordnung darf so eine Stadt in keiner Weise angegriffen werden.

Aus strategischen Gründen können im Krieg bestimmte Städte zu „Festungen“ erklärt werden, um den Gegner aufzuhalten. Ein weiterer Hintergedanke, eigene Städte zu „Festungen“ zu erklären kann auch sein, jene Städte zu „bestrafen“, zum Beispiel weil die Stadtoberen nicht den Wünschen des Kriegsherren entsprechen.

Sonntag.
Bundestagswahl.
Montag.
Die Wahl ist gelaufen. Das Wahlergebnis entspricht nicht dem Wunsch eines Terroristen einer Terrorgruppe.
Dienstag.
Die vier Münchener Tageszeitungen AZ, TZ, SZ und BILD schreiben über die neu errichtete Festung „Oktoberfest“.

Bereits zuvor war klar, dass nach der Wahl die Sicherheitsbedingungen verschärft werden würden. Auch die auf dem Münchener Oktoberfest. Insbesondere nachdem ein Werbeflugzeug die Wiesn am Samstag überflogen hatte und einige schon an eine terroristische Attacke dachten.

Bei mir auf der Arbeit hat sich am Montag gegen 11:00 Uhr folgende Szene entwickelt:

A: Ein Kollege hat mich angerufen. Etwas stimmt mit dem Oktoberfest nicht.
B: Was soll denn sein?
A: Der meinte, es könnte eine Bombe explodiert sein.
B: Eine Bombe?
A: Oder eine Bombendrohung.
C: Die Terroristen?
A: Es soll alles voller Polizei sein.
C: Auf dem Oktoberfest?
A: Die sollen alles abgeriegelt haben.
B: Das ganze Gelände.
A: Sogar die direkte U-Bahn zur Wiesn soll gesperrt sein, die Züge sollen einfach durchfahren.
C: Oje, das heißt nichts gutes.

A kam zu mir.

A: Kannst du mal im Internet nachschauen, ob da irgendwas passiert ist?

Wir riefen die Seiten der Süddeutschen auf, die der FAZ, N-TV, N24, News-Google. Nichts. Rein gar nichts. AZ, TZ, TAZ. Nichts. Nullinger. Nada. Niente. Und bei BILD surf ich prinzipiell nicht vorbei.

A: Im Internet steht nichts.
B: Ja, wenn was passiert ist, dann werden die es nicht gleich verbreiten.
A: Meinst du?
B: Als 1980 der Nazi die Bombe gezündet hatte, kam auch erst nichts im Radio.
A: Die dürfen auch erst nichts verbreiten. Um Panik zu vermeiden.
C: Oh Gott, hoffentlich hat es jetzt nicht viele Tote gegeben.

Meine Suche nach einer WebCam vom Oktoberfest zeigte feiernde Leute in einem Bierzelt. Eine WebCam der Umgebung der Wiesn zeigte leere Straßen aber ein recht gut besuchtes Oktoberfest.

Ich: Die feiern dort alle ungehemmt.
B: Ja, wenn die nichts wissen.
A: Ich könnte ja mal den Rudi anrufen. Der hat mir gestern gesagt, der wolle heute früh auf die Wiesn.
B: Ja, ruf mal an. Ich bin jetzt auch beunruhigt.
C: Man ist nirgendwo mehr sicher.

A holt sein Handy raus und wählt. Warten.

A: Der nimmt nicht ab. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.
C: Wenn der verletzt ist, dann kann der …
B: Oftmals hat es auf der Wiesn auch kein Netz.
A: Normal nimmt der immer sofort ab. Das ist schon seltsam.

Erneutes Wählen.

A: Der nimmt nicht ab.
C: Hoffentlich …
A: Rudi? Rudi? Bist du es?

Gespannte Stille.

A: Du Rudi, da hat wer hier gemeint, auf der Wiesn sei ne Bombe hoch gegangen. Stimmt das? Ja? Was? Ihr seid gemütlich am feiern? Aber ist da überall Polizei? Nicht? Nichts? Rudi, ich bin ja so froh, dass nichts passiert ist. Aber bist nicht ans Handy gegangen. Da dachten wir … Was? Die Musik war vorhin so laut? Jetzt ist Spielpause?
C: Gott, sei Dank.
B: Für einen Moment …
A: Rudi, noch viel Spass, ja. Servus, bis später!

In allen vier Münchener Zeitungen stand als Aufmacher, dass das Oktoberfest in eine „Festung“ verwandelt worden sei. Ein scharf überwachter Sperrgürtel ist um das Oktoberfest gebildet worden. Darin herrscht Parkverbot und Durchfahrverbot für Nicht-Anwohner. An den Polizeisperren solle es zu riesigen Menschenansammlungen kommen – so die Zeitungen – und man müsse damit rechnen, dass man länger brauche auf die Wiesn zu kommen. Zusätzlich würde man an den Eingängen der Bierzelte auf Wafffen abgetastet werden.

Gegen 18:00 kam mir die Idee, diese Menschensammlungen zu fotografieren. Ich wollte mich an den Zelteingängen abtasten lassen.
Aber nichts von alldem, rein gar nichts ist passiert bei meinem ersten Wiesnbesuch in diesem Jahr.

Die Polizisten behielten unaufgeregt und freundlich die Übersicht, patrouillierten wie Jahre zuvor über die Wiesn, schauten sich die Karussells an, fachsimpelten über Lebkuchenherzen oder dienten als Fotostaffage für Touristen.

Auch an den Zelteingängen war nichts ungewöhnliches. Die üblichen Sicherheitskontrollen des Sicherheitspersonals. Nicht nur beim reingehen wurden Rucksäcke überprüft. Auch beim verlassen. Und ein den Rücksäcken versteckte Bierkrüge einbehalten. Einige Münchener Diskotheken haben eine schärfere Tür als an den Wiesnzelten heute.

Ich war schnell auf der Wiesn und auch schnell wieder runter. Skandalträchtige Fotos waren nicht möglich. Schade. Und auch gut so. Die Presse kocht nun mal heißer als üblicherweise gegessen wird.

Zumindest die Zeitungen konnten auf ihren Titelseiten den alten Kriegsbegriff der „Festung“ wieder reaktiviert.
Für die Zeitungen befinden wir uns also im Kriegszustand. Das Oktoberfest wurde von Polizei und Medien unisono zur „Festung“ erklärt. Eine Heimatfront sozusagen.

Die Wirte der Bierzelte hoffen weiterhin, dass es eine friedliche Wiesn bleibt. Im alten Rom hätten das Wort „pazifisiert“ Verwendung gefunden.

Gemütlich brutal oder brutal gemütlich

Schreiben zwei Zeitungen über das Gleiche …
Klug ist, wer weiß, daß die Hälfte gelogen ist. Klüger ist, wer weiß, um welche Hälfte es sich hierbei handelt.

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The Kanzler remastered

Hamburg.

Dieser Tag in dem Bundestagwahlkampfes 2009 hatte alle Parteien überrascht. Weder Sprecher aus dem Adenauer-Haus der CDU haben bislang ihre Stimme wieder gefunden, um eine Stellungnahme abzugeben, noch war von SPD, Grüne und FDP etwas zu vernehmen. Es herrscht allenthalben Sprachlosigkeit.

Was war geschehen?

In vierjähriger mühsamer Kleinstarbeit haben Mitarbeiter des hochverschuldeten EMI-Musikverlages ein Vierer-CD-Box heraus gebracht, welches seinesgleichen in der Welt der Politik sucht:

„Helmut Kohl Remastered“
heißt diese Box und ist für 60 Euro ab sofort in jedem Online-Hörbuch-Portal zu erwerben.

Ein britischer EMI-Tontechniker erklärt hierzu: „Wir wollten der Versuchung nicht nachgeben, etwas Leben in den deutschen Wahlkampf zu bringen. Wir nahmen uns Rede um Rede von Helmut Kohl vor. Es ging uns nicht darum, den Inhalt der Reden zu verändern. Wir wollten sie vielmehr erstrahlen lassen.“

Nach dem EMI-Erfolg mit „The Beatles – Stereo Remaster“ ist jetzt „Helmut Kohl Remastered“ der zweite Coup des britische Traditionsunternehmen EMI.

Und so bietet die 4-CD-Box ungeahnte Einblicke in Kohls Redegewandheit. Die Reden klingen wie mit Perwoll und Doktor Beckmanns Fleckenspray gleichzeitig gewaschen:
Heller, klarer, farbiger, auch ein wenig schärfer, Kohls Stimme bekommt mehr Charakter, seine Stimme hat mehr Wucht.

Ein Meisterwerk ist insbesondere Kohls gesangliche Leistung. Die „Nationalhymne“ bei der Kundgebung am 10.11.1989 vor dem Schöneberger Rathaus war das Meisterstück des Kanzlers der deutschen Einheit. Waren zuvor Momper, Brandt, Wohlrabe und Kohls Stimmen kaum im Pfeifkonzert der Zuschauer zu hören, so wurde digital das Beste daraus gemacht.

Als Bonus-Track gibt es übrigens eine Dolby Surround 7.1 Version jener Schöneberger Rathaus „Nationalhymne“. Beim ersten Zuhören fühlten wir uns genau inmitten jener Wiedervereinigungsbegeisterung wie schon vor 20 Jahren direkt an der weltberühmten Mauer.
Dieser Bonus-Track ist ohne Zweifel ein Meisterwerk der Digitalisierung.

Technisch kamen hierbei nicht nur alle verfügbaren Loudness-Regler zum Einsatz. Unverkennbar haben Digitalmischpulte mit 64 Kanälen ihre klanggebenden Spuren hinterlassen. Blühender und kraftvoller erklingen die Kohlsche Reden. Reden, die offensichtlich damals mit analogen Magnetbandaufzeichnungsgeräten mitgeschnitten wurden.

Eine Nachbereitung und das Editieren der Stereo- oder Surroundsumme waren die Vorbereitung dieses technischen Remasters. Korrekturen am Stereoklangbild wurden ebenso vorgenommen wie das Glätten von Frequenzgänge, Anpassen von Pegeln und Entrauschungen. Filter, Equalizer, Kompressoren und psychoakustische Geräte wurden eingesetzt, um den klanglichen Eindruck und Kohls politische Reden entscheidend zu verbessern.

Zwischenrufe oder Zwischentöne wurden bei diesem Remaster belassen und digital herauspoliert, um den politischen Kohl nicht zu verfälschen. Es ist schon beeindurckend, wenn bei bestimmten Reden das Knacken von Eiern, das Platschen von Tomaten glasklar und digital aufbereitet ausgemacht werden kann.

Den ersten Passanten auf der Straße, denen Ausschnitte aus den CDs vorgespielt wurden, waren begeistert:
„So hört sich Kohl an? Ich dachte, der wär schon tot.“
„Die Merkel und der Steinmeier sollten sich daran ein Beispiel nehmen!“

Allerdings waren auch kritischere Stimmen zu hören. Der Verlag „2001“ ließ hierzu indigniert verkünden:
„An unserer Lübke-Veröffentlichung kommt dieses Remaster nicht im Entferntesten heran.“

Inzwischen wurden aus der Münchener Parteizentrale der CSU Pläne bekannt, demnächst in Zusammenarbeit mit der EMI auch eine „Digital Remastered“-CD der Reden aller ihrer Parteivorsitzenden zu veröffentlichen.

Unklar ist lediglich nur noch, ob Stoibers Reden darauf auch veröffentlicht werden oder ob ihm eine eigene Comedy-CD gewidmet werden sollte.

Mörderdienstleistung

Zweimal habe ich hingeschaut. Doch. Da steht als Dienstleistungsangebot „Hinrichtungen“ am Computerladen, nicht „Einrichtungen“. Ich hoffe doch, dass es ein Rechtschreibfehler und nicht freie, soziale Marktwirtschaft ist.

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Guggst du – mein Taxistand-Guck

Was gibt es neues von meinem Taxistand? Finde die Unterschiede auf den drei Bildern und kreuze sie mit einem Teppichmesser an. Den ausgefüllten Monitor schicke dann bitte an die auf dem Bild unauffällig beworbend Telefonnummer. Erster Preis ist eine Taxifahrt zum Taxistand-Gucken.

Guggst_du.jpg

Suchbild

Nichts ist für die Ewigkeit. Vor paar Tagen hatte ich das obere Bild gemacht, heute das untere. Wo ist der Unterschied?

Soll keiner meinen, an Taxiständen passiere nichts.

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Das Leben reduziert auf einer Platte

Im Neanderthal-Museum bei Mettmann (Nähe D-Dorf-Stadt) fand ich eine interessante Darstellung der Entwicklung der Weltbevölkerung geschrumpft auf einer 1-qm-großen Platte.

Auf dem folgenden aus vier Bildern zusammengestellten Bild findet sich oben die Weltbevölkerung vor 10.000 Jahren, darunter die Weltbevölkerung vo 2.000 Jahren, dann die Weltbevölkerung um das Jahr 1850 und zu guter letzt die Weltbevölkerung im Jahre 2006.

Eine für mich beeindruckende Darstellung, wie sich die Spezie „Mensch“ zahlenmäßig entwickelt hat (zum Vergrößern, das Bild bitte anklicken).

Entwicklung der Erdbevoelkerung

Im Fokus: Südamerika Abenteuer Amazonas (DVD)

Och nööö! Nicht schon wieder eine DVD-Vorstellung zu Brasilien!
Das ist doch schon die hunderste DVD auf dem Markt. Wetten, der schreibt gleich was von schönen Bildern? Wie toll Brasilien ausschaut? Dass die DVD genial ist?

Ich habe schon immer davon geträumt, dort arbeiten zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Dass das ganze aber ein Traum geblieben ist, kann der Leser daraus ableiten, dass ich aus München schreibe und nicht aus Brasilien. Aber andere haben dieses Glück. Oder Geschick. Oder haben es sich hart erarbeitet.

Nun, die ARD unterhält in Lateinamerika zwei Sendestudios. Das eine liegt in Rio de Janeiro, das andere hat seinen Sitz in Mexiko-City. Das Studio in Rio de Janeiro deckt den südamerikanischen Kontinent ab. Das Studio muss also eine Fläche journalistisch beobachten, welches 48 mal so groß ist wie Deutschland. Oder vielleicht ein wenig griffiger ausgedrückt, einen Kontinent, der in etwa die Größe Russlands hat.

Dass das ARD-Studio Südamerikas gerade in Rio de Janeiro liegt, lässt freilich Träume aufkommen. Strand, Sonne, Meer und alles, was dazu gehört.

Allein die Berichte aus dem südamerikanischen Kontinent, die immer wieder in ARD, arte, 3Sat, Phoenix oder den anderen ARD-Programmen (wie den Dritten, EinsPlus, etc.) laufen, demonstrieren, dass die Redakteure dort nicht einfach nur ne ruhige Kugel schieben. Oder doch?

Dr. Thomas Aders ist ARD-Korrespondent, der seine Berichte immer wieder dem ARD überspielt. Zwei seiner Berichte sind nun auf DVD erhältlich:
„Im Fokus: Südamerika Abenteuer Amazonas“ heißt die DVD und ist im Handel (z.B. amazon.de) für 9,95 Euro erhältlich.

Die DVD enthält die beiden Dokumentation einer Amazonas-Flussfahrt, welche das ARD-Team dort von der brasilianisch-peruanischen Grenze bis zur Amazonas-Mündung gedreht hat.

Die Dokumentation schwankt immer wieder zwischen berauschenden Bildern eines gigantischen Flusses und Betrachtungen der Menschen die dort leben. Es beginnt mit der Dokumentation des Indio-Stammes der Matis und deren Probleme mit der modernen Zivilisation. Geht weiter über Hahnenkämpfe auf peruanischer Seite bis nach Manaus. Die Holzrhodung des Amazonas findet dort ebenso seinen Platz wie Betrachtungen der Stadt Manaus, dessen Theaters und der Honda-Motorrad-Fabrik in Manaus. Sie geht weiter zu dem farbenprächtigen und großen Volksfest auf der Amazonas-Insel Parintins. Letztendlich landet das Team in Belem, der Stadt an der Mündung des Amazonas und deren Marienfest.

Der Film kann nicht alles darstellen und beschränkt sich somit immer wieder auf bestimmte Geschichten und den Personen hinter den Geschichten. Er bietet bunte Mosaiksteine vom Amazonas ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die verschiedensten Facetten des Lebens am Amazonas finden sich wieder.

Besonders interessant fand ich hierbei die Dokumentation der in Brasilien Low-Income-Strategie. Diese ist gerade in Brasilien geschäftlich weit verbreitet und hat in Brasilien auch seinen Anteil daran, dass sich die Immobilien- und Bankenkrise in Brasilien nicht so ausgewirkt hat wie beispielsweise in Europa oder Amerika.

Insgesamt gesehen ist diese DVD lohnenswert. Insbesondere auch wegen dem Extra-Bericht über die Insel „Fernando de Noronha“ mit seinen vielen Unterwasseraufnahmen.

Meine Kaufempfehlung.

The winner takes it all …

Wie viel Minuten hat das „ARD Studio Rio de Janeiro“ im letzten Jahr produziert?

Diese Frage stellte das „ARD Studio Rio de Janeiro“.
Es waren 1260 Minuten.

Ich hatte mal 1200 Minuten abgeschätzt, nachdem ich mir deren DVD „Im Fokus: Südamerika Abenteuer Amazonas“ letztens gekauft hatte und dort auf der Rückseite „117 Minuten“ las und das ganze abzüglich den Urlaub der „ARD Studio Rio de Janeiro“-Mitarbeiter abgeschätzt hatte.

So.

La forza del destino.

Nun erhalte ich also jene DVD, die ich mir gestern Abend angeschaut hatte und von der ich morgen eigentlich schreiben wollte.

Und jetzt das unglaubliche:

Ich freue mich trotzdem tierisch drüber. „Gewinnen“ ist nicht gerade eine Gewohnheit von mir, wenn wo Rätseln mit Preise ausgelobt werden.

Militärischer Fünfkampf in München

Von Presse und somit von der Öffentlichkeit relativ unbeachtet findet momentan in München die 56. CISM-WM im Militärischen Fünfkampf statt (CISM = Conseil International du Sport Militaire). Vom 04.- 10. September 2009 kämpfen also Sportsoldaten und Sportsoldatinnen aus der ganzen Welt um Ruhm und Ehre. Bei diesem militärischen Ereignis des „Internationale Militärsportverbands“ auf dem Campus der Universität der Bundeswehr München nehmen rund 200 Athleten und Athletinnen aus 30 Nationen an den Wettkämpfen teil.

Während für Deutschland nur eine Soldatin alleine antritt, geht es diesmal bei den Männern um die Krone. Im Jahre 2007 hatte die deutsche Soldatenmannschaft der Männer noch den dritten Platz inne, das Jahr 2008 darauf war es am Ende sogar der zweite Platz hinter China und jetzt strebt sie den ersten Platz an.

Disziplinen des Militärischen Fünfkampfs entsprechen den normalen militärischen Aufgaben eines Soldaten: Schießen, Hindernislauf, Hindernisschwimmen, Werfen und 8.000 Meter Geländelauf.
Beim Schießen wird mittels eines Scharfschützengewehrs auf 300 Meter entfernte Scheiben geschossen. Zehnmal binnen einer Minute und zehnmal binnen zehn Minuten. Hierbei war die deutsche Mannschaft hinter Nordkorea und China bereits auf den dritten Platz.
Beim Hindernislauf sind diverse Hürden bis zu 5 Meter Höhe zu überwinden. Die deutsche Mannschaft hatte sich schon auf den zweiten Platz hinter China vorgekämpft gehabt.
Beim Hindernisschwimmen befinden sich die zu überwindenden Hindernisse sowohl unter als auch bis zu einem halben Meter über Wasser. Nach dieser militärischen Disziplin liegt inzwischen die deutsche Militärmannschaft punktemäßig vor China und Nordkorea auf den ersten Platz.
Beim vierten Wettkampf, dem Werfen, wird ein zylinderförmiger Eisenrohling sowohl zielgerichtet als auch weit geworfen. Es besteht nicht unbegründete Hoffnung, den Vorsprung vor den Asiaten noch weiter auszubauen.
Und zu guter Letzt findet die Entscheidung bei einem 8 km langen Geländelauf statt. Entsprechend den bis dahin errungenen Punkten findet ein zeitversetzter Start der Mannschaften statt. Welche Mannschaft als erste über die Ziellinie gelangt, die wird den Weltmeistertitel erlangen.

Außer der Mannschaftswertung gibt es noch eine Einzelwertung für alle Sportsoldaten und eine Gesamtwertung.

Es ist übrigens ein übles Gerücht, dass der Oberst Klein durch seine Aktion am Hindukush am letzten Wochenende in der Disziplin „Feindbekämpfung“ wegen mangelnder Weitsicht mehr als 130 Verlustpunkte einbrachte. Verteidigungsminister Jung bestätigte, dass es bei den deutschen Soldaten keine Verluste gab.

An alle, die planen, an den verbleibenden Kampfdisziplinen als Schlachtenbummler für die deutsche Mannschaft teilzunehmen:
Der Militärische Fünfkampf in München wird ungestört vom Hindukush und in voller Mannstärke fortgesetzt werden.

Und für alle CISM-Begeisterte:
Im Jahre 2011 findet die Weltmeisterstadt in Rio de Janeiro statt. Ob dort aber die Wettkämpfe am lebenden kriminellen Objekt der dortigen Favelas durchgeführt werden, ist noch nicht klar. Die „Policia Militar“ Rio de Janeiros hatte sich noch nicht dazu geäußert.

Das Buch "Der Dompteur der Affen" von Supergringo (eine Buchrezension)

Der Darsteller, der dem Zaungast ein gesellschaftliches Paradies vorspielt, ist von ihm abhängig, genau wie der Dompteur vom Affen; das Verhältnis beider ist dialektisch verschränkt; die Dressur des Zaungastes wirkt auf den Darsteller zurück; der eine ist jeweils Affe und Dompteur des anderen, beides zu gleicher Zeit.

Hans Magnus Enzensberger (1962)

Buch-Screenshot

Der Autor:
„Supergringo“ ist das Pseudonym eines 40-jährigen Mannes aus der Gegend Mannheim/Frankfurt. Sein Pseudonym hat der Autor nach eigenem Bekunden in Brasilien von Bekannten in Rio de Janeiro erhalten. Der Begriff „Gringo“ bezeichnet in Brasilien wie überall in Südamerika den Ausländer (seinen Ursprung hat das Wort aus dem Englischen „Green go“und bezeichnete anfangs die amerikanischen „Green Barrets“ und wurde dann zum allgemeinsprachlichen Begriff für alle Ausländer Südamerikas). Mit der Vorsilbe „Super“ wurde der Begriff „Gringo“ übersteigert, womit der Autor seinen Spitznamen in Brasilien weg hatte. Unglücklich darüber war er nach eigenem Bekunden nicht, weil er nicht wirklich negativ gemeint war. Lediglich für deutsche Ohren klingt einiges Negative in diesem Wortspiel mit.

Das Buch:
„Der Dompteur der Affen“ spielt in der Metropole Rio de Janeiro Brasiliens. Der Autor verbringt dort 14 Tage Urlaub. Das Ziel für ihn ist klar ausgerichtet: er will die Frauen jener Stadt treffen. Genauer gesagt, er will die Frauen, welche im südlichen Teil der Stadt Rio de Janeiro in jenen weltbekannten Vierteln Cobacabana und Ipanema leben. Und er will sie nicht nur sprechen, er will sie erleben mit Haut und Haaren. Durch seine bereits zehn Aufenthalte zuvor kennt sich Supergringo aus, wo er sie treffen kann. Er spricht nicht nur deren Sprache, er kennt auch deren Art und Weise, wie sie ticken und wie sie denken. In jenen 14 Tagen lebt Supergringo ein unbeschwertes Leben.

„Ich habe mehrere konträre Gefühle und Gedanken. Zum einen, ganz profan, ich bin im Urlaub und will ein unbeschwertes Leben.“

Der Satz im letzten Viertel des 136-seitigen Buchs ist nicht das formulierte Postulat seines Urlaubs, sondern dieser Satz unterstreicht, was bereits über 100 Seiten geschildert war.

Meine Bewertung:
In die Rubrik „Sextourismus“-Berichte lässt sich dieses Buch definitv nicht einordnen. Es ist zwar definitiv erst „frei ab 18 Jahre“ und dessen erotische Schilderungen werden manches Mal auch richtig konkret, aber nie werden sie vulgär. Sicherlich ist es möglich das Buch als „Sextourismus“-Berichte herunter zu machen und zu dequalifizieren, aber sowas wird dem Buch nicht annähernd gerecht.
Im Vergleich zu echten „Sextourismus“-Berichten (a la „Elicsan“, der über seine Tourismus in Thailand im Jahr 2001 berichtet hat, oder „Ebres“, der seinen 14-tägigen Aufenthalt im Jahr 2001 in Rio als Stafettenlauf von Prostituierte zu Prostituierte beschrieb; s.a. http://thailandbuch.de) kann Supergringos „Der Dompteur der Affen“ nicht mithalten. Mit detaillierten Tipps zur Prostituiertenszene in Rio de Janeiro kann dieses Buch nicht dienen. In jenes Paysex-Genres des „Kiss’n tell“ passt dieses Buch einfach nicht rein.
Mir ist klar, dass manche dieses Buch nach dem Klischee „Zuckerhut, Samba, Frauen“ gerne in so eine Schublade packen würden, aber es wird immer nur die eigene Schublade bleiben. Das Buch wird keine neue Schublade aufmachen, wo nicht schon eine vorhanden ist. Und wenn es geschieht, wird es schade sein.

Denn das Buch bietet überraschenderweise eine sehr klar strukturierte Handlung. Nicht nur lernt der Protagonist sein Mädchen kennen, auch lernt er durch sie deren Umgebung kennen, deren Lebensumfeld, deren Mutter und Schwester. Und dieses verkommt nicht lediglich zu einer Randnotiz, einem Einmal-Handtuch der Erzählung, sondern es bestimmt sowohl den Verlauf des Romans und als auch gibt es Einblicke zu den Personen der Geschichte und deren Leben. Dem Mädchen, die Mutter und der Schwester kommt gegen Ende des Romans eine Schlüsselstellung zur Auflösung dieser Konstellation zu.

Erst in den letzten beiden Kapiteln erklärt sich der Titel „Der Dompteur der Affen“. Er hat im Grunde wenig mit dem davor Geschriebenen gemein. Weder hat Supergringo zuvor Chancen die Dompteur-Rolle auszuüben, noch lässt ihn eine der weiblichen Protagonisten diese Rolle belegen. Die Rolle des Dompteurs kommt erst am Schluss, aber wie und warum, dass muss sich jeder selber erlesen.

Der Roman kommt nicht mit gerecktem moralischen Zeigefingern dem Leser daher. Ebenfalls begeht der Autor auch nicht den Fehler, einfach mal direkte und offene Vergleiche zwischen der deutschen und brasilianischen Kultur her zu stellen. Wenn es vergleiche gibt, so fallen sie dezent und fast unauffällig aus. Letztendlich bleibt es dem Leser selber überlassen, solche Vergleiche anzustellen und selber moralisch darüber zu urteilen.

Nebenbei ist die Handlung kein 1:1-Bericht, sondern die Figuren und Handlungen hatte der Autor nach eigenem Bekunden mir gegenüber aus verschiedenen erlebten Dingen verdichtet. Die Personen des Buches an sich sind bis auf den „Ich“-Erzähler wohl alle mehr oder weniger fiktional, deren Leben findet sich aber als mehr oder weniger große Mosaiksteinchen im Leben anderer Brasilianerinnen wieder.

„Der Dompteur der Affen“ ist locker und unterhaltsam. Wer eine Geschichte mit tiefgehender Analytik oder gar moralischen Anwandlungen zu Rio de Janeiro und Sextourismus im speziellen erwartet, der geht in diesem Buch leer aus. In diesem Buch findet sich dazu nicht das geringste.
Bei dem Buch handelt es sich um einen Roman, welches im Tagebuch-Format geschrieben worden ist. Für mich gehört es eindeutig in den Unterhaltungsbereich der erotischen Erlebnisromane.

Zusammenfassung
Auf einer Schulnoten-Skala zwischen 1 und 6 gebe ich dem Buch eine „2“.
Lockere, luftige Unterhaltung leicht und angenehm zu lesen.
Das Buch zu lesen hat sich gelohnt.

Zusatzanmerkungen
Zu den oben von mir erwähnten Schubladen, die bei manchem Brasilienfreund und Brasilienkenner aufgehen, und dort dann das Buch wohl endlagern wollen, fiel mir eine markante Szene aus dem Film „Harold & Maude“ ein. Nicht weil der Autor Supergringo des obigen Buches wie Harold als anfänglicher Antiheld durch den Roman schlurft, sondern weil das Thema „Sex und Brasilien“ bei manchem verdammt strenge Gefühlswallungen hervor ruft:

Mrs. Chasen füllt für ihren Sohn Harold einen Kontaktfragebogen aus und liest deren Fraggen laut vor:
„Wird das Thema Sex ihrer Meinung nach von unseren Massenmedien übermäßig ausgeschlachtet?“
Sie hält kurz inne. Harold lädt einen Trommelrevolver.
„Das muss man mit JA beantworten. Findest du nicht?“
Harold richtet einige Zeit später die Waffe erst gegen seine Mutter dann gegen seine Stirn.
Mrs. Chasen (aus dem Fragebogen vorlesend): „Sind Sie der Meinung, dass die sexuelle Revolution zu weit gegangen ist?“ (ausfüllend, leicht empört) „Aber sicher, ja.“ (wieder aus dem Fragebogen vorlesend) „Halten Sie die Idee des Partnertausch für geschmacklos?“ (selber antwortend) „Ich halte schon die Frage selber für geschmacklos.“
Harold erschießt sich.
Mrs. Chasen empört: „Harold, bitte!“
(aus dem Film „Harold & Maude“)

Weitere Buchdaten:
136 Seiten
Auflage: 2 (11. September 2008)
Bestellnummer: ISBN 978-3837040876
Preis: 9,80 €

Taxistand: Treffen der Generationen

Taxistand

Schlichtes Design löst die pilzartigen Säulen mit ihren oben drauf rotierenden Lämpchen ab.

*— CUT! Das geht so nicht. Die Einleitung schläfert ja nicht nur jeden Hund ein. Der Leser erwartet nicht wie ein Hund behandelt zu werden. Also nochmal von vorn. Uuuuund action:

„Ich bin der Computer HAL 9000, Seriennummer 3. Ich wurde am 12. Januar 1997 in der HAL-Fabrik in Urbana, Illinois, in Betrieb genommen. Gehirne der Serie 9000 sind die besten Computer, die jemals gebaut worden sind. Kein Computer der Serie 9000 hat jemals einen Fehler gemacht oder unklare Informationen gegeben. Wir alle sind hundertprozentig zuverlässig und narrensicher – wir irren uns nie.“

8 Jahre später, abgeschoben aufs Altenteil, verdient HAL 9000 sein Gnadenbrot an einem Taxistand als spacige Taxirufsäule, direkt neben seinem pickelhaubigen Vorgänger.

Treffen der Generationen.