Und überhaupt ist mal wieder alles klar, auf der Andrea Doria …

»Das Schiff sinkt!«

»Und woran möchtest du das bitte festmachen?«

»Das Bug hebt sich!«

»Das ist immer so, wenn ein Schiff beschleunigt. Der sehr starke Heckmotor haut rein, zieht das Schiff durch seine Pferdestärken im Dieselaggregat hinten runter und das ganze Schiff beschleunigt. Eine göttliche Power hat dieser Motor!«

»Aber hinten läuft kein Motor mehr.«

»Vergaseraussetzer. Kennt man doch. Scheiss Ingenieurskunst. Taugt ja alles nichts. Made in Germany war mal erheblich besser. Früher war alles besser. Und nicht so schrottig wie heute!«

»Aber die Leute da vorne, am Bug, die rutschen bereits zum Heck runter!«

»Ja und? Ist doch normal, wenn das Heck unterhalb vom Bug liegt. Das ist physikalisch normal. Dazu braucht es keine Wissenschaftler. Hätten die Leute dort jetzt bessere Schuhe, wäre das denen nicht passiert. Die sind selber Schuld dran, dass die jetzt rutschen und gegen die Wände schlagen.«

»Steuerbord habe ich bereits Wasser reinlaufen sehen.«

»Das Schiff hat Lenzpumpen. Die pumpen das locker weg. Ganz easy peasy locker. Dafür sind die ausgelegt. Zum Trockenpumpen.«

»Aber Backbord …«

»Du musst hier nicht den BigMac markieren, nur weil du ein paar Seemannsausdrücke kannst.«

»Mir egal. Backbord liegt oberhalb von Steuerbord. Ich will zu den Rettungsboten.«

»Es gibt keinen Grund für Rettungsbote. Erst recht keinen Grund zur Panik.«

»Wo sind die Rettungsboote? Auf halb achtern?«

»Angst zu verbreiten ist eine ganz miese Tour von dir! «

»Ich will überleben!«

»Wollen wir doch alle. Oder kannst du mir einen nennen, der nicht leben möchte?«

»Aber du sagtest doch, dass hier nichts untergeht! Stimmst du mir jetzt doch zu, dass wir sinken?«

»Na und? Wenn es um Rettungsboote geht, dann immer zuerst die Nicht-Schwimmer, nicht war. Das erfordert schon der Anstand. Anstand heißt, zu warten, bis alle Nichtschwimmer versorgt sind, wenn das Schiff untergeht. Dann können die Schwimmer, denn die können notfalls auch schwimmen.«

»Aber das Schiff geht doch unter!«

»Quatsch. Bleib gefälligst hier und hör auf Panik zu schieben. Nur weil einige um uns herum unbegründet den Untergang ausrufen?«

»Die ersten sind schon zu den Rettungsbooten unterwegs.«

»Ty-pisch! Immer diese, die alles unreflektiert glauben, statt es zuerst einmal zu hinterfragen! Und statt dann sich zu fragen, wer nicht schwimmen kann, …«

»Du kannst nicht schwimmen?«

»Nein. Also gehört mir zuerst ein Platz in den Rettungsbooten.«

»Aber du hast doch gesagt, dass das Schiff nicht sinkt, sondern nur beschleunigt.«

»Eben. Daher besteht auch kein Grund zur Panik. Wenn alle so ruhig bleiben würde wie ich, dann wäre hier keine Panik. Und man könnte die Rettungsboote im Ernstfall auch noch nutzen.«

»Oh Gott! Der Vorderteil des Schiffs ist abgebrochen! Um Himmels willen!«

»Siehste! Das macht die Panik. Alle sind nach vorne zum Bug gelaufen, weil keiner am Heck bleiben wollte. Der Bug wurde dadurch zu schwer und ist jetzt abgebrochen. Das sind die real existierenden Auswirkungen von Angst und Panik, hervorgerufen durch Menschen, die alles nachreden, was man denen vorredet. Statt sich erst einmal auch mit vernunftbegabten Menschen abzusprechen.«

»Das Schiff sinkt. Ich will zum Rettungsboot.«

»Ty-pisch. Statt erst einmal zu fragen, wer nicht schwimmen kann?«

»Nicht-Schwimmer?«

»Überzeugter! Ich lass mir doch von niemanden sagen, dass ich auf dem Lande schwimmen können muss. Nur weil einige wenige meinen, dass das Überleben im Wasser vom Schwimmen abhängt. Das Überleben im Wasser hängt ab von den anderen Menschen, die einem dann helfen. Niemand muss schwimmen lernen. Und wenn man schwimmen kann und dabei einen Beinkrampf bekommt oder Herzinfarkt oder Schlaganfall oder Krebs und deswegen ertrinkt, was hat es dann gebracht, schwimmen zu können? Schwimmen ist nicht erforderlich, weil es auf dem Land kein Wasser gibt.«

»Aber hier könntest du doch ein Bedürfnis danach haben, oder? Mach hinne, die Zeit rennt auch gegen dich! Renn um dein Leben!«

»Das Bedürfnis schwimmen zu lernen, wird doch von den anderen Menschen hervorgerufen, die dauernd Angst wegen dem Nicht-Schwimmen erzeugen wollen und am liebsten eine Schwimmpflicht hätten. Damit sie in den Schwimmbädern mit Schwimmkursen ein Heidengeld an uns Nicht-Schwimmern verdienen können. Auf unsere Kosten! Für etwas, was nicht über längere Zeit als wirksam überhaupt zu 100% bei jedem Menschen getestet wurde.«

»Soll ich dir jetzt etwa die Grundzüge des Schwimmens beibringen? Oder kommst du freiwillig mit zu den Rettungsbooten?«

»Nun mal keine Panik auf der Titanic. Ich lasse mir von dir doch keine Schwimmstunde aufdrängen, nur damit mir nachher eine Stunde Lebenszeit fehlt. Und außerdem ist es meine freie Entscheidung, in ein Rettungsboot einzusteigen oder nicht.«

»Dann verreck!«

»Moment! Du kannst nicht einfach meinen Platz im Rettungsboot einnehmen! Ich bin Nicht-Schwimmer!«

»Dann lern schwimmen!«

»Bin ich Fisch, oder was? Für sowas opfere ich doch nicht meine Lebenszeit! Das darf ich doch wohl noch selber entscheiden! Oder willst du mir meine Freiheit einschränken?«

»Dann verreck!«

»Ty-pisch! Ty-pisch Spalter! Diese Spalter müsste man ans Kreuz schlagen! Die spalten mit deren Mentalität die Schiffsgemeinschaft und sind Schuld, dass Menschen ertrinken. Nicht weil das Schiff sinkt, sondern weil die uns als Opfer in Kauf nehmen, indem sie uns zur Wahl zwingen wollen zwischen Ertrinken und Schwimmen-lernen! Die wollen uns zwingen, statt uns die freiheitliche Wahl zu lassen.«

»Niemand zwingt dich zu überhaupt zu etwas! Verdammt, das abgebrochene Heck rollt immer stärker! Ich bin dann mal weg, zu den Rettungsbooten! Ciao!«

»Dann hau doch ab zu deinen Rettungsbooten! Und lass uns Nichtschwimmer doch vorsätzlich allein, du asozialer Sack, du! Ich bleib hier. Das hier ist kein Schiffsuntergang. Dafür gibt es keine evidenzbasierten Beweise dazu. Alles wird gut. Alles wird wieder gut! Und ich werde recht behalten. Und euch Panikhansel wird kein Hahn überhaupt ein Kickeriki nachkrähen, wenn ihr in euren Rettungsbooten abgesoffen seid. Denn 10% von diesen ungetesteten Rettungsbooten kentern sowieso. Sowieso. Da! Da hinten, das gelbe Rettungsbott. Siehste! Eine Welle hat es gerade versenkt! Siehst du das, du Schlafschaf, das immer in der Masse schwimmen will, statt selbst mal zu denken?!?  Na. Da hatte ich doch recht. Das Bott ist untergegangen und die Insassen kämpfen jetzt sogar noch um deren Leben. Es gibt keinen Grund für Rettungsboote. Kein Grund. Nicht einen. Die wurden alle nicht getestet. Von wegen Schiffsuntergang! Kellner! Einen Martini-Cocktail, bitte! Aber bitte rühren und nicht schütteln!«

Ein Kellner-Tablett war im Begriff, auf den Holzplankenboden an ihm vorbei zu schlittern. Es trug zwei halb-volle Cocktail-Gläser. Einen Swimming-Pool und einen Martini. Er stoppte das Tablett geschickt mit dem linken Fuß und ergriff beide Cocktails, während der Kellner hinter ihm an ihm vorbei fiel. Der Blick des Mannes mit den beiden Cocktailgläsern in der Hand, fiel auch mich:

»Hey! Hey du! Was machst du da?«

»Ich schreib nur das alles mit. Für meinen Blog. Ein neues Post,« antwortete ich schüchtern.

»Hab ich das erlaubt? Hast du dafür meine Einwilligung? Das ist illegal! Du kriegst Post von meinem Anwalt!«

»Ich dachte, ich könnte weil … das hier ist eine Notsituation und …«

Er bewegte sich mit den beiden Cocktails bedrohlich auf mich zu:

»Notsituation?«

Ich überlegte fieberhaft meine Antwort. Und dann sprudelte es einfach so aus mir heraus, einfach so, während ich alles auf meinem Notebook abspeicherte, es herunterfuhr und in den wasserdichten Seesack stopfte:

»Nun ja, ich dachte, ich schreib mal mit, bevor hier alles voll Wasser ist. Einfach mal, bevor es keiner mehr lesen kann. Als Nachgedanken an die Nachwelt zum Nachdenken. Als etwas Historisches. Heroisches versus feiglinghaftes. «

»Und? Hast du keine Angst? Keine Panik? Willst du nicht das tun, wie hier alle tun?«

»N … n … n …ein, nein.«

Er lachte laut auf.

»Lobenswert! Du lässt dich nicht von der Panik der Masse anstecken und glaubst nichts vom dämlichen Narrativ der Ängstlichen. Von wegen Untergang. Pah! Du bist ein Mann nach meinem Geschmack, mein Bester! Hier, nimm einen Cocktail und lass uns auf das Leben trinken! Und auf diese Panikhansel spucken! PROST!«

Ich nahm den mir angebotenen Swimming-Pool, trank einen Schluck, hustete ein wenig, nahm den zweiten Schluck und danach wurde es dunkel. Absolut finster. Absolutes nichts.

Und so verschwand meine historische Geschichte für die Nachwelt im Orkus des Internets.

Für immer.

Ungelesen.

So war es, ich schwöre.

Parkbankgeschichte: Verantwortungslos

ER sitzt auf seiner Parkbank und schaut auf seine Pulle “THE DUKE”. Bio Gin durch und durch. Und dazu noch destilliert in seinem Minga, seinem München. Da sitzt ER nun im Englischen Garten und seine Gedanken kreisen um diese “42% vol”. Das hatte ER noch nie, diese nachdenkliche Seite an sich, diese zu entdecken, diese echte Nachdenkseite.

“42%? Vol? Was heißt das? Wenn die Flasche voll ist, hat sie 42%?”

Der Banknachbar packt vorsichtig seine “Münchener Currywurst besonders spezial” aus, jenes neue In-Gericht der “Young-Kitchen-Cooking-B30s”. Sechs Euro fuffzig ohne Semmel. Er zelebriert das Auspacken in der Weise als ob der das Gemälde “Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen” von Max Ernst freilegen würde. Dabei schaut er eher wie zufällig neugierig interessiert zu IHM rüber.

ER aber meditiert nachdenklich über das Etikett seiner Flasche:

“Nullkommasieben. Hm. Mit zweiundvierzig Prozent, wenn die Buddel voll ist? Mach wie viel?”

Sein Nachbar erhebt aufmerksamkeitsheischend seine Hand. Er war schon immer gut im Kopfrechnen. Nur merkt er, dass seine Expertise in diesem Moment nicht gefragt ist. Denn ER grübelt leise vernehmlich weiter:

“Wenn ich also von den Nullkommasieben die Hälfte trinke, dann sind es nur noch einundzwanzig Prozent, weil nicht mehr voll. Und dann davon die Hälfte, dann nur noch knappe elf Prozent. Dann noch zweimal die Hälfte jeweils, dann hat es nur noch den Gehalt eines Light-Bieres. Das ist ungefährlich.”

Sein Nachbar winkte nicht mehr, sondern widmet sich leidlich konzentriert seinem Kochkunstwerk. Er stößt seine Holzgabel in eine der Weißwurstscheiben mitten in der gescheibten Curry-Weißwurst, führt die aufgespießte Scheibe zu seinem Mund, blickt dabei etwas irritiert durch seines Nachbars Worte zu eben diesen, verfehlt dabei im ersten Anlauf seinen geöffneten Mund rechts davon, korrigiert seine Handführung nach links und … . Ein leichter Windstoß umweht die Parkbank, er versucht deswegen ausgleichend seine Holzgabel elegant zu balancieren, aber die Scheibe enthüpft von der Gabel und landet auf seiner beigen YSL-Cargohose.

“Nur, wie komme ich an dieses 2,5% Gin? In der Zeitung las ich, Alkohol ist leichter als Wasser. Und er ist volatil. Also müsste es klappen, wenn ich die Flasche wie vorhin kopfüber trinke. Dann schwimmt der Alkohol oben, entfleucht in den Hohlraum darüber und der Geschmack bleibt unten. Und wenn die 42% der Nullsieben oben ist, dann kann ich ja über die Hälfte trinken, ohne dass ich Alk zu mir nehme.”

Sein Nachbar schaute entsetzt auf seine Hose. In Gedanken stellt sofort die logische Verbindung zwischen Wurstscheiben-Fall und dem irritierenden Gefasels seines Nachbarn her.

“Also”, grübelt ER weiter, “könnte ich doch dreiviertel der Flasche kopfüber trinken, der Hohlraum vergrößert sich, der Alkohol volatiert dahinein und dann habe soviel wie zwei Light-Bier-Mass in mir. Und irgendwer von den wichtigen Menschen in Bayern sagte damals doch, mit zwei Mass kann man noch fahren.”

Sagt es, öffnet die Flasche, stellt zwischen Po-Backen, Rückgrat, Hals und Flasche eine senkrechte Achse her und schluckt. Und schluckt. Und schluckt. Und verschluckt sich, behält aber einen Rest in der Flasche zurück. Den alkoholischen Rest, wie zuvor analysiert.

“So, das war jetzt die vierte Light-Gin- … Light-Gin-Pause. Ei, ein … eine geht noch”, artikuliert ER und platziert die fast leere Flasche zurück in seinen Rucksack zu den anderen Sechsen und holt die nächste Volle heraus. ER schaut sie kritisch an, öffnet sie, stellt die Achse her, setzt zuvor an, noch etwas tiefbewegendes zu sagen, kippt dabei urplötzlich nach links von der Bank, wie ein Brett, und rührt sich nicht mehr. Reglos liegt ER nun dort, neben der Bank unterhalb der Sitzfläche.

Der Banknachbar war in der Zwischenzeit wütend aufgestanden, hatte mit der Edel-Serviette versucht, seine Hose zu säubern, den Fleck aber nur vergrößert. Wutentbrannt hatte er den Rest des In-Gerichts “Münchener Currywurst besonders spezial” vor sich auf den Boden gedonnert, versuchte, dabei den Curry-Spritzern der hingeschmissenen Portion auszuweichen, sah mit wachsendem Entsetzen die Curry-Spritzer auf seinen Schuhen, kriegte mit, wie sein Nachbarn kippte, umkippte und dann regungslos liegen blieb.

Er geht zu IHM rüber und misst dessen Puls an der Halsschlagader, spürt kaum etwas, nimmt seine Finger vom Hals des Mannes und seufzt erbost:

“Typisch mal wieder. Deutschland eben! Unverantwortlich! Und wer bezahlt mir jetzt meine Reinigungskosten?”

Der päpstliche Fasteleer (Teil 2)

Joseph. Auf Deutsch: “Gott vermehre”. Im Rheinland nennt man diesen Vornamen auch Jupp, in Bayern Sepp und in Spanien Pep. Sprachgourmands fällt bereits auf Zwei “p”s im Vornamen kommt immer gut. Wie bei “Pömpel”, “poppen” oder “Papst”.

Aloisius (auf Deutsch: “ganz weise”) dagegen … in meiner Schule im Westfalenland hatte ich einen Mitschüler, der diesen Namen trug. Und alle – von Eltern über Pastor bis hin zum Lehrer – sprachen ihn “Alo-i-sius” aus. Knappe 600 km südlich beharren Eltern, Pastoren, Lehrer und Päpste darauf, dass dieser Vornamen “A-läu-si-us” ausgesprochen wird. Was will man auch machen in einem Bundesland, welches versucht sich die Zunge mit “Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid” zu verknoten, während der Westfale leicht angeödet lediglich ein “Rotkohl bleibt Rotkohl und Brautkleid bleibt Brautkleid” verkündet, um sich danach seine Zunge mit einem Pils und nem Korn zu verknoten. “Alo-i-sius” oder “A-läu-si-us”, das ist schon ein bedeutsamer Unterschied, so wie “Karneval” und “Fasching”. Oder “Knäppchen” und “Scherzerl”. Wichtig ist, um was es dabei im Eigentlichen geht.

Joseph Aloisius. So ein Vornamenkonvolut geht ratzfatz am Standesamt eingetragen und bleibt dem Jungen dann mal eben fünf Dutzend Jahre hängen. Unserm Joseph Aloisius Ratzinger. Unserm Joseph Aloisius, der Ursache für den Aufmacher mit den zwei “p”s: “Wir sind Papst”. Vergelt’s Gott.

Je mehr man sich mit den Verlauf der Geschichte des Papstes Benedikt XVI., unserm Joseph Aloisius Ratzinger, anschaut, so mehr habe ich den Eindruck es war immer schon ein Fangen-Spiel. Oder Fangerl-Spiel, wie der Bayer zu sagen pflegt. Und seine Ankündigung, die als Rücktritt aufgefasst wurde, erscheint mir eher dem Wort “Aus” (“Freio”, “Wupp”, “Haus”, “Klippo”), welches Kinder für einen Ort beim Fangenspiel (Greifen, Haschen, Nachlaufen, Fangkus etc.) ausrufen, an dem man “sicher” ist. Bei jener Ratzinger-Erklärung im Februar 2013 könnte man dessen zeitlichen Umfelds niederträchtiger weise die Züge eines gigantisch historischen Karnevalsstreichs unterstellen.

Jetzt sollte man wissen, dass unser bodenständige bayrische Sepp (“Holleri du dödel di diri diri dudel dö”) und gleichzeitig himmlischer Aloisius (“Wann krieg na i wos z’tringe? … Luhja! Sacklzementhalleluja! Luhja, sog i! Mei Lieber Luja!”) eine besondere Vergangenheit hat. Also noch eine speziellere als man dessen Vitae eh als besonders ansieht.

Was hat der Seppeli Aloisili gemein mit folgenden Personen? Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, Jürgen Möllemann, Edmund Stoiber, Roman Herzog, Horst Seehofer, Markus Söder?

Na? Ihr grübelt noch? Dann noch ein paar Namen zusätzlich: Andreas Gabalier, Heino, Till Schweiger, Thomas Gottschalk, Aenne Burda, Vitali Klitschko und Wladimir Klitschko?

Immer noch nichts? Keine Idee, was alle verbindet? Keine göttliche Eingebung? Ausnahmsweise noch ein paar Namen: Werner Finck, Vicco von Bülow, Sir Peter Ustinov, Ephraim Kishon, Emil Steinberger, Rudi Carell, Hape Kerkeling, Michael “Bully” Herbig, Dieter Hallervorden?

Nun, die alle und noch viel mehr, wurden sie von der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla mit dem “Karl Valentin Orden” ausgezeichnet. Und der Ratzinger-Sepp hat ihn ebenfalls umgehängt bekommen (Foto). Der Grund? Seitens Ratzinger gab schon immer eine innere Verbindung zu Karl Valentin. Im Sommer 1948 ging er auf einer Pilgerfahrt nach Planegg zum Grab von Karl Valentin 15 km zu Fuß. Als er dann vierzig Jahre später seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigte, da war er fällig und die Münchner Faschingsgesellschaft fragte ihn, ob er den Orden haben wolle. Entgegengenommen hatte ihn während des Verleihungsfestakts allerdings Joseph Aloisius Ratzinger nicht persönlich, sondern seine Schwester Maria, welche dann auch Ratzingers Dankesredetext verlas. Darin erklärte er:

Eine närrische Ordnung, mit der wir uns selbst und die Ernsthaftigkeit der großen Welt verspotten, ist eine gute Sache. Und das ist auch der Grund, warum ich es gerne angenommen habe. Einige Leute haben Zweifel geäußert, ob das zu einem so seriösen Beruf wie dem meinen passt. Das scheint mir sehr gut zu passen, denn es ist bekannt, dass es das Privileg des Volkes ist, die Wahrheit sagen zu können. An den Höfen der alten Potentaten war der Hofnarr oft der Einzige, der sich den Luxus der Wahrheit LUXUS DER WAHRHEIT leisten konnte … Und da ich in meinem Beruf zufällig die WAHRHEIT sagen MUSS, bin ich sehr glücklich, nun in die Kategorie derer aufgenommen worden zu sein, die dieses Privileg genießen … „Wir sind Narren um Christi willen (1. Korinther 4:10)”.

Was hat der Valentin-Orden nun mit seinem Verzicht auf die Machtausübung als Papst zu tun?

Nun, am 11. Februar 2013 erklärte Ratzinger in seiner Rolle als Papst Benedikt XVI. seinen Verzicht auf das Regieren im Vatikanstaat für den 28. Februar.

Der 11. Februar 2013 war ein Rosenmontag. Es war der ROSENMONTAG, Rosenmontag, eine Fortsetzung der alten römischen Traditionen, in denen Sklaven und Diener für einen Tag zu Herren wurden, wo der klassische Topos der „Welt auf dem Kopf“ noch heute verwirklicht wird. Nebenbei: an einem Rosenmontag ist auch Karl Valentin 1948 (9. Februar) gestorben, zu dessen Grab Ratzinger 15 km zu Fuß hinging.

Ratzinger erklärte in einen seiner späteren Bücher, dass er sich nicht bewusst war, dass jener 11. Februar ein Rosenmontag war, obwohl er explizit zwei später die Liturgie zum Aschermittwoch geplant und durchgeführt hatte. Er meinte, er hätte das Datum auch gewählt, weil am 11. Februar 1858 gegen 11 Uhr 11 wohl die erste Lourdes-Erscheinung der 14-jährigen Bernadette Soubirous statt fand.

1858?

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts fielen drei Straßenkarnevalsumzüge in Köln aufgrund staatlicher Restriktionen aus, zwei wurden gesplittet durchgeführt (weil sich die Jecken nicht auf einen großen Umzug einigen wollten) und die anderen beiden waren keiner Erwähnung wert. Erst 1858 wurde die Tradition des großen Straßenkarnevalsumzugs wieder durchgeführt, welche am Rosenmontag mit 34 Mottowagen, von Vier-, Sechs- und Achtspännern gezogen, umgesetzt wurde (… ob die Gäule danach im Rheinischen Sauerbraten Verwendung fanden ist nicht überliefert …). Mit dem Wieverfastelovend am 11. Februar 1858 um 11:11 Uhr begann der Kölsche Fasteleer.

Und am 11. Februar 1858 gegen 11:11 Uhr hatte Bernadette Soubirous ihre Vision. Natürlich in Lourdes und nicht in Köln. Seitdem gibt es dort Lourdes-Wasser In Kanister gegen teures Geld für Pilger, während Köln nur kostenloses Rhein-Wasser und Kölsch in Stangen zu bieten hat.

Interessant, welche Koinzidenzen es so in der Geschichte gibt. Das kann doch kein Zufall sein, da steckt sicherlich ein ganz großer Plan dahinter. Bill Gates kann es nicht sein, denn der wurde im Oktober geboren und Papst ist er auch nicht geworden. …

Nebenbei für die Historiker unter uns: in Bayern wäre an jenem Tag der “Unsinnige Donnerstag” gewesen, was die Bayern aber zu jener Zeit noch nicht wussten. Abends wurde in München am 11.Februar “Die heimliche Ehe” von Domenico Cimarosa zum zweiten Mal aufgeführt und alle schwelgten in Schöngeisterei. Tags zuvor veranstaltete der bayrische König Ludwig II. (ja genau, eben jener verrückte Neuschwanstein-Erbauer, welcher später im Starnberger See bei 20 Zentimeter Wasserhöhe ertrank) eine Schlittenfahrt mit einem Sechsspänner durch die Straßen Münchens, um mit seiner Gemahlin zu einem Abendessen zu gelangen.

Fasching selber wurde in München drei Tage später begangen. Als Künstlermaskenfest im ehemaligen Odeonssaal: eine italienischen Nacht im Beisein von König Ludwig II., mit dem damaligen “Prinz Carneval” (sic!) und als Höhepunkt dazu noch eine Depesche der Dresdener Künstler zum Lobe des bayrischen Königs.

Eine Verbindung zu den Visionen von Lourdes lässt sich bei allen Münchner Begebenheiten also getrost nicht feststellen. Luhja, sog i!

Zurück zu unserm Joseph Aloisius Ratzinger und seinem 11. Februar. Der 11. Februar, dieses Datum hat eine innere Verbindung, so schreiben Autor Seewald und Ratzinger in deren Buch “Letzte Gespräche” (2016; ISBN: 9783426276952; auch hier). Denn die Visionistin von Lourdes, jene Bernadette Soubirous starb am 18. April (1879; Gründonnerstag). Unser Ratzinger hat nun ebenfalls seinen Geburtstag an einem 18. April (1927; Ostermontag). Innere Verbindung.

So verbindet sich das eine mit dem anderen, das andere mit dem einem und alles mit allem, so dass Ratzinger seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigt und daher am 11. Februar seinen Abschiedsbrief mit zwei lateinischen Syntax-Fehlern veröffentlichte. Der katholische Teil des “Wir sind Papst”-Deutschlands hielt verstört in ihrem Helau und Alaaf inne und brachte stattdessen lediglich ein Feierbiest-trunkenes “Echt jetzt?” als Bäuerchen heraus.

Selbst von der BILD-Zeitung wird berichtet, dass sie es noch nicht mal schaffte, den naheliegenden Aufmacher “Wir Päpste treten zurück” in Schwarz-Rot-Gold zu bringen. Das wäre allerdings eh nicht so günstig gewesen, denn die Mainstream-BILDungsbüger-Leserschaft hätte einen solchen Aufmacher eh nicht verstanden. Stattdessen hätte sie ob der fehlenden Angabe der Richtung bloß ratlos auf die Buchstaben des Aufmachers gestiert, weil denen die Erklärung gefehlt hätte, gegen wen BILD mal wieder tritt.

Überhaupt ist die Geschichte vom angeblichen Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. eh recht schwer verständlich, weil nach kanonischen Recht das Papsttum auf zwei Bereiche (munus und ministerium) sich erstreckt und er wohl nur einen Bereich aufgegeben hat. Oder einfacher, betriebswirtschaftlicher erklärt: das Papstamt umfasst CEO und COO. Der Ratzinger hatte wohl den COO-Bereich einfach abgegeben und den CEO behalten. Es könnte die Erklärung sein, weswegen der Kardinal Jorge Mario Bergoglio bei seinem Amtsantritt nur in Weiß erschien, statt sich in dem üblichen roten Papstroben gekleidet zu haben. Aber das ist nur eine herbeigeklaubte Vermutung, wie man sie nur an einem Donnerstag unsinnigerweise machen kann.

Egal. Fakt ist, der Papst war amtsmüde oder hatte keinen Bock mehr oder beides, und die kirchlichen katholischen Feierbiester mit Rang und Namen versammelten sich in der Sixtinischen Kapelle, um dort beim eintägigen Feiern den Zermonien-Meister Jorge zu inthronisieren. Früher wurden die Feierbiester dann auch schon mal zwei Jahre lang eingesperrt, wenn die sich nicht einigen konnten. Da war dann für diese Rock ’n Roller Feiern bei Wasser und Brot angesagt, im Jahre 1279. Sowas war damals in Rom noch machbar. Im Jahre 2013 waren die Hotelpreise für die Kardinal-Bedienstete in Rom erheblich höher, weswegen das ganze Abstimmen auch nur einen Tag lang dauerte. Man wollte ja nicht arm wie eine Kirchenmaus wieder in deren Kardinalshochburgen zurück kommen … .

Und was sagt uns das? Seit jenem Abend des 13. März 2013, noch kurz vorm Wetterbericht der Tagesschau, seit jener Zeit dürfen nun die Katholen an eine dreifaltige Gottheit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) vertreten auf Erden durch ein zweifaltigem Papsttum (Sepp Loisl und Jorge) mit einfaltiger Einheit glauben. Einfaltig. Nicht einfältig. Also einfaltig eher so wie ein gefaltetes Blatt Papier.

Gefaltetes Papier. Wenn man gefaltetes Blatt Papier mit nem Locher stanzt, kriegt man doppelt so viel Konfetti, als wenn man es nur einfach stanzt. Dazu darf man dann aber auch nicht die Hände falten und beten, sonst wird das ganze private Konfetti-Stanzen richtig ineffektiv.

Und es wird wieder Zeit Konfetti zu stanzen. Der Elfte im Elften ist wieder eingetreten. Der Reigen beginnt erneut: Advent, Maria Empfängnis, Weihnachten, Wieverfastelovend, Rosenmontag und dann vielleicht wieder ein Rücktritt? Ratzinger war ja auch nur acht Jahre lang aktiver Papst. Warum sollte Jorge Mario Bergoglio in seiner Hauptrolle als Papst Franziskus es anders halten? Denn am Aschermittwoch soll doch alles vorbei sein. Warum auch nicht dann der jetzige päpstliche Fasteleer? Zumindest hätten dann der Seppl Loisl und der Jorge im März den dritten Mann auf Augenhöhe zum Skat spielen. Papst-Skat. Als Einsatz könnten die Einkünfte der “Brüder im Nebel” verwendet werden. Als Aschermittwoch-Spende. An darbende Personen im Vatikan. Überwiesen vom Kölner Erzbischof Kardinal Woelki, der während seiner geistlichen Auszeit sein volles Monatsgehalt von 13.700 Euro weiter erhält. Jene 13.700 Euro, die von den normalen deutschen Steuereinnahmen an ihn weiter geleitet werden. 

Und in der Tradition, dass alle acht Jahre ein Papst zurück tritt, dann wäre in acht Jahren drauf auch Schafskopfen möglich. Das würde den Bayer Seppl Loisl erfreuen. Wäre doch mal ne Anregung, für ein wenig Äkschn im Vatikan.

In der Zwischenzeit lasst uns jetzt Konfetti-Stanzen. Ist ja offiziell wieder Karneval. Und der Wieverfastelovend ist ja nicht mehr weit. Genießen wir also solange das Schisma, solange es noch lebt …

Der päpstliche Fasteleer (Teil 1)

Und es begab sich zu einer Zeit, als der Amtsinhaber seines Amtes überdrüssig wurde. Er wurde seines Amtes müde. Übermüde. So müde wie fast der Zuschauer beim Wort zum Sonntag jener müde werden kann, wenn Wetten-dass mal wieder vom Friedhof der Fernsehsendungen ausgebuddelt und als grandiose Leichenschau ausgestrahlt wurde. Und so wartete der Amtsinhaber Wetten-dass ab, wartete auf die Tagesthemen, hörte sich den Wetterbericht an, lauschte stumm der Ansagerstimme und verkündete dann die Weisheit.

Seinerzeit kam der Amtsmüde aus einem Land, in dem ab 62 für ihn beruflich Ende Gelände gewesen wäre. Nur, durch einen unglaublichen Schicksalsschlag, durch eine von der Vorhersehung unvorhergesehene Fügung, durch das unaussprechliche Wort seines angebeteten Gottes – ausgesprochen heiligerweis aber durch seinem eigenem Munde – musste der Weltenlauf in seiner Historie einen einschneidenden Moment erleben. Ein Momentum, was den Weltenlauf verändern sollte.

Dabei war die Grundlage der Weltenänderung doch so klar. Sie begründete auf den Elften im Elften eines jeden Jahres. Und nur der Heide unter den Heiden weiß nicht, was der Elfte im Elften eines jeden Jahres einläutet: das Sterben und die Auferstehung eines Sohnes eines Gottes. Direkt nach dem Wieverfastelovend. Dem Beginn des Straßenkarnevals. Der, der den Rosenmontag und den Aschermittwoch am Ende des karnevalistischen Umzuges mit dem Schlachtruf „De Zoch kütt“ folgt.

De Zoch kütt“ ist nicht nur Warnruf im Straßenkarneval für “Kamelle”-sammelnde Kinder, sich nicht überfahren zu lassen, sondern auch der Hinweis für die Katholen, dass darauf am Aschermittwoch alles vorbei sein wird. Es muss nochmals ordentlich gesündigt worden sein, denn danach folgt die Buße per Fastenzeit mit anschließendem Palmsonntag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Genauer gesagt, errechnet sich der Aschermittwoch aus dem Ostersonntag, welcher Tag auf den Umlauf des Mondes in Referenz zum Frühlingszeitpunkt und dessen Stellung in Relation zur Erde und zur Sonne beruht.

Oder volkstümlicher beschrieben: der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang, der Tag ist der Ostersonntag. Seit nun fast 1700 Jahren ist das so. Die klassische Antwort auf die Frage vom westfälischen Lande im neumodischem Gewande: “Ich hab da noch ein paar alte Autoreifen und paar Kilo Landfolien vom Spargelanbau. Wann ist das Osterfeuer?”.

Wenn das Osterfeuer lodert und die Menschen andächtig in der schützenden Dunkelheit ihre Osterlieder – begleitet vom heimischen Blasorchester und Kirchenchor – wie bei “The Masked Singer” raushauen, dann schwingt die Seele gen Himmel und der CO2-Ausstoß des eigenen SUVs erscheint nicht mehr ganz so sträflich wie der, den das dem Christensohn gewidmete feuerliche CO2-Halleluja. Und ernsthaft: was macht schon den Unterschied zwischen einem deutschen Osterfeuer zur Abendstund im Verhältnis zu den täglichen brasilianischen Urwald-Rodungen. Genau, der Braten wird dadurch nicht fetter, wenn man hier 10.000 km entfernt mal ein paar Feuer zusätzlich anfacht.

Zurück zur angenehmeren Hinterlassenschaft der feierwütigen Gesellschaft. Also demjenigen, was alternative Medien nachdenkensweise seitenweis als unakzeptablen Hedonismus par excellence verteufeln. Verteufeln. Da sind wir gleich wieder bei der Kirche. Die sind die Experten in Sachen Teufel. Daher ist die Zeit vor Ostern auch eine ganz entscheidende. Denn da wurde eine edle Menschengestalt durch niedrigere Daseinsform mit verbrutzelten Engelsflügeln in Versuchung geführt. Dieser edlen Menschengestalt wurden SUV, Grundstücke, Aktien, Fliegzeuge und ultrakostbare Wertgestände angeboten. Diese Menschengestalt sollte sich – so liest man bei einem Zeitzeugen, der seine literarischen Ideen erheblich später in einem christlich-opportunistischem Buchverlag nach vorheriger Lektorierung und konstantinopolitanischer Geschmacksbewertung veröffentlicht bekommen hatte – also, jene semitisch-sektiererische Menschengestalt mit Passion zum Fabulieren ( – da hat er zumindest eine Basiseigenschaft mit mir gemein – ) hat drauf bestanden, dass jene verteufelte Zeit eine Fastenzeit über 40 Tage gewesen wäre. Worauf die nachfolgenden Profanmathematiker des Klerus im Vatikan runtergerechnet hatten: erster Vollmond, davor der Sonntag, minus vierzig Tage, dann ein Mittwoch, davor der Montag, dann der Donnerstag, und somit war der Wieverfastelovend fürn Donnerstag bestimmt, dann der Montag als Rosenmontag und der Mittwoch als Aschermittwoch.

Das eine bedingt das andere. Ohne Wieverfastelovend kein Rosenmontag, ohne Rosenmontag kein Aschermittwoch. Und ohne ersten Vollmond kein Ostern. Helau und Alaaf.

Kompliziert? Zur Berechnung der Daten gibt es sogar eine mathematische Formel, welche den Wieverfastelovend exakt bestimmt und somit auch Ostern.

Lange Rede, wofür der ganze Palaver jetzt?

Ein Kleriker hat immer genau zwei zentrale Daten im Kopf: Weihnachten und Ostern. Weihnachten ist für Kleriker in Deutschland trivial: am 24. Dezember wird die Kirche verdunkelt und am 26. Dezember wird jubiliert, damit man am 26. den Stephanus steinigen kann. Wer dabei fehlt, der hat es zu beichten (bei den Katholen) oder zu bereuen (bei den Evangelen am Buss- und Bettag). Vergebung wird gewährt, gegen geeigneter Spende.

Ostern ist dahingehend ein wenig komplizierter. Es verlangt für klerikalistische Anwärter zumindest einen Mathematik-Abschluss beim Abitur zuzüglich des Großen Latinums. Sonst wird man nie Landesbischof. Oder gar Papst.

Papst.

Wir sind Papst.

So titelte eine harmlose Tageszeitung mit dicken Buchstaben eines Tages protzend auf Seite 1. Der Aufmacher des Jahrhunderts. Und niemand hat es der BILD-Zeitung übel genommen. Nicht mal der Papst. Im Mittelalter wäre allerdings der gesamte Axel-Springer-Verlag dafür wegen Häresie abgefackelt worden. Und nicht nur allein die Redaktion, sondern gleich der ganze Verlag. In den 60ern des letzten Jahrhunderts wurde eben dieses seitens der Staatsmacht eben noch verhindert. Dass dann im folgenden Jahrzehnt eine Günther-Walraff-under-cover-Aktion als Reportage als Buch über die BILD-Machenschaften berichtete und Deutschland ein wenig schockierte … geschenkt … der Sportteil war dafür absolut gut … und das Mädchen auf Seite 2 … obwohl, da waren Playboy und Co in deren fotografischen Darstellung erheblich detailgetreuer …

Was Bundestagsabgeordneten abgeht, das geht auch den deutschen Bischöfen und Kardinälen ab: der Mainstream in Form dessen prägnantesten Vertreter, die BILD-Zeitung. Warum sollten Klerikale etwas anderen glauben, was tagtäglich kritische Gegenmeinungen aus den Axel-Springer-Redaktionen von BILD, WELT, etc, als non-Mainstream-Nachrichten und somit als vertrauenswürdige Nachrichten und Influencer-Statements übernehmen. Da kann man auch locker einem Bodarg oder Whakdi oder Perger glauben schenken, wenn eben jene bei jenen Springer-Mainstreammedien abschreibend ohne Quellenangabe einfach mal so widergeben.

Wie bereits von mir dem Leser insgeheim geframt, die Katholen sind recht pünktlich und genau. Besonders, wenn es um Karneval gibt. Denn ohne Sünde, gibt es keine Reue, gibt es kein Fegefeuer, gibt es keinen Stuhl der Trilliarden Gottesgerechten zu Rechten Gottes. Zu wissen, wann die Fastenzeit beginnt, das ist essentiell. Gerade in Bayern errechnete sich daraus zudem der Beginn der vatikanisch erlaubten Starbierzeit in der Fastenzeit.

Und damit niemand verpasst, wann alles vorbei ist ( – richtig: Aschermittwoch – ) rechnen die Klerikalen penibel deren Kalender durch. Denn gerade nach dem vielen Alk und der vielen Vögelei im Karneval heißt es immer: Bedenke, dass du Staub bist und zu Staub zurück kehren wirst. Daraus wurde dann der populäre Satz: “Ich kann nichts. Ich bin nichts. Gib mir ne Uniform”, der in jeden der Kriegen für die Crash-Test-Dummies eines Landes als Leitsatz postuliert wurden. Der Satz ist eigentlich ein Zitat. Das Original im Holländischen las ich in den 90ern auf einer Wand am Grenzübergang zwischen Vaals und Vaalser Quartier im Aachener Bereich.

Klerikale wissen, wann Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit geschlagen hat. Wann sie das Aschenkreuz in der Kirche zu verteilen haben.

Erstaunlicherweise gibt es aber einen, der es wohl nicht weiß. Begründung? Wir reden hier über Klerikale. Nicht über Menschen mit unzureichendem Bildungshintergrund. Da muss man schon aufpassen, woll!

Eben.

Amen.

Langer Reder kurzer Sinn: Wir sind Papst!

Wolln wir das? Zudem das Blatt mit der Zielgruppe derer bildungsnahen, aber denkensfernen Leser es uns allen angeklebt hat, dieses “Wir sind Papst!”?

Lassen wir doch unsern Ratziger Karl, jenem Papst in Ruhestand reden.

Ratzinger? Ist der schon tot?

Nein. Der alte Holzmichel lebt noch. Und er bildet die unsichtbare Leitplanke seines Nachfolgers. Unsichtbar allerdings auch nur dann, solange der neue Papst Franziskus (seit dem 13. März 2013) in der Spur bleibt. Als Autofahrer schätzt man Leitplanken: sie verhindern einen potentiellen Vollschaden. Allerdings beschränken Leitplanken wie Sicherheitsgurte bekanntlich als auch nachweislich die Freiheit des Menschen. Das haben die Covid-Impfgegner bereits eindeutig nachgewiesen. Nur Deppen, die Häretiker und Ungläubigen, die brauchen noch Zeit, um dies zu verifizieren. Aber die saubere Darlegung der Beweiskette aus Annahmen, Unterstellungen und Glauben, das ist nicht hier das Thema. Zumindest, wenn es um Covid geht. Religion oder Glaubensüberzeugungen sind ein anderes Themengebiet.

Ratzinger und “Wir sind Papst”.

Was hat das gemein mit dem Elften im Elften?

(Fortsetzung folgt)

Alles auf dem Tisch aufgetischt

Ich habe Steffen getroffen. Gestern, mitten in der Fußgängerzone. Steffen ging dort mit Stolz geschwellter Brust. Ihr kennt Steffen nicht? Steffen, das ist derjenige, der irgendwo im Internet etwas gelesen hatte, das niemand wusste. Und damit konnte Steffen das Problem lösen, an welchem Experten jahrelang auf der ganzen Welt geforscht und diskutiert hatten, aber zu dem keiner der Experten eine Lösung fand. Außer Steffen. Im Internet. Durch Lesen von etwas. Was niemand wusste. Steffen ist der wahre Experte aller sogenannten Experten.

Ihr kennt Steffen noch immer nicht? Steffen ist einer der ‘hidden champions’ dieser Welt. Er wird aus berufenen Mündern auch gerne ‘Ehren-Steffen’ genannt. So wie ‘Ehren-Mann’, nur halt ‘Ehren-Steffen’. Warum er Euch trotzdem nicht bekannt ist? Fragt euch selber: cui bono? Wem nützt es, dass er nicht Euch bekannt ist. Eben, den Forschenden, die mit der Schmach leben müssten, dass sie es selber im Internet nicht gefunden hatten. Und deswegen findet sich zu Steffen auch nichts in den Mainstream-Medien.

Gestern lief er mitten in der Fußgängerzone, mit seinem Smartphone vor der Brust. Er nutzte es als Fußgängernavigationshilfsmittel, weil er vom Münchner Marienplatz zum Münchner Stachus musste. Und ohne seine Information aus dem Internet, wer weiß, er wäre vielleicht auf der Kölner Domplatte rausgekommen. Oder im Hamburger Kiez. Wer weiß das schon so genau. Steffen verlässt sich halt nicht auf Expertenmeinungen, denn er hat Internet. Mobil auf seinem Smartphone. Er ist ja selber Experte und lässt sich nicht mehr ‘X’ für ein ‘U’ vormachen.

Freilich ist es wohlfeil und billig, mich hier über das Expertentum Deutschlands auszulassen. Vor nicht ganz 24 Stunden hatte ich es mit Experten zu tun. Ich nenne sie mal so, denn sie sind im Besitz akademischen Segnungen. Wie ich übrigens auch. Aber das tut hier nichts zur Sache.

Es ging mir darum, meine Impfung abzuholen. Nachdem viele Experten erklärt hatten, dass alle Geimpften im September sterben würden, dachte ich mir, dass – wenn jetzt binnen 24 Stunden mindestens 64% der Bevölkerung sterben würde – ich mit den restlichen 36% nicht mehr weiter leben mochte.

Die Impfstation war leer. Die Mehrheit bestand aus freiwilligen Ärzten, die vor ihren Tischen hockten und Kaffee tranken. Ich wollte mich den Tischen nähern, aber eine Person drückte mir Kugelschreiber und Papier in die Hand. Von der Wiege bis zur Bahre halt Formulare, Formulare, Formulare. Die üblichen Fragen mit Auswahlkästchen zum Ankreuzen halt. Ob ich Allergien hätte. Ob ich schwanger wäre. Ob ich die letzten vierzehn Tage eine Person mit Covid kontaktiert hätte. Ob ich dieses oder jenes hätte oder nicht hätte. Und ob ich bereit wäre auf eine medizinisch-ärztliche Aufklärung zu verzichten. Ja, verzichten, das wollte ich, denn die Infos dazu hatte ich schon mehrfach gelesen gehabt.

Mit den ausgefüllten Zetteln in der Hand, meinem Personalausweis, meinem Impfpass und meinem Genesenen-Zertifikat begab ich mich zu den Tischen und wählte mir einen der Mediziner aus. Ich übergab ihm alle Papiere und setzte mich. Ob es meine erste Impfung oder meine zweite sein würde, war die erste Frage. Ich erklärte, dass ich Genesener sei und ich mir darum jetzt die sogenannte Zwei-Impfung abholen würde. Er schaute mich verwirrt an und beharrte auf die Beantwortung seiner Frage. Ich verwies auf mein Genesenen-Zertifikat, was ihn aber nicht weiter interessierte. Ein Kollege flüsterte ihm etwas zu und erst dann schien er zu verstehen. Darauf wollte er das Datum meiner Erkrankung wissen. Ich verwies erneut auf das Genesenen-Zertifikat. Er erwiderte mir, dass er etwas offizielles benötigen würde. Etwas, worin zu lesen wäre, wann meine Erkrankung festgestellt worden ist. Ich verwies zum dritten Male auf mein Genesenen-Zertifikat. Erst jetzt faltete er es unwirsch auf und erklärte mir:

“Nein, da steht dazu nichts drin.”

“Doch, da steht das Datum der Erkrankung drin. Sie müssen nur lesen.”

“Was soll das überhaupt sein, dieses Genesenen-Zertifikat? Das hab ich ja noch nie gesehen.”

Die Antwort lies mich anfangs sprachlos. Ich erklärte ihm, dass diese EU-Genesenen-Zertifikate seit ungefähr sechs Wochen in Apotheken ausgestellt werden, nachdem eine Gesetzesänderung verabschiedet wurde, welches den Apotheken diese erst ermöglichte. Zuvor war das nur bei Ärzten möglich.

“Ja, aber ich brauche das Datum, wann die Erkrankung festgestellt wurde, und das finde ich hier nicht in diesem seltsamen Wisch.”

Hat schon jemals jemand sich der Versuchung hingegeben, jemand anderem per Telefon die Bedienung eines Fernsehgerätes zu erklären? Oder die Verwendung eines Computers? Oder das Mixen eines primitiven Martini Cocktails? Meine Empfehlung: einfach mal versuchen. Es ist die beste Möglichkeit in tiefen Depressionen zu verfallen und der Menschheit das Überleben aus gewichtigen Gründen abzusprechen. Und bitte! Und bitte, niemals den Satz ‘Lies doch einfach mal in der Gebrauchsanweisung nach’. Das geht gar nicht. Alle Dinge müssen einfach sein. Mundgerecht vorbereitet, abwaschbar, verbrauchergerecht. Und bitte nicht vom Gegenüber verlangen, er müsse selbst etwas tun. Wie lesen beispielsweise. Wer noch nie im Internet eine Gebrauchsanweisung herunter geladen hat, um dem Menschen am anderen Ende der langen Leitung vorzulesen und zu erklären, wie er denn den Fernseher einzustellen habe, der gehört eindeutig zu den glücklichen Teil dieser Menschheit. Zu so etwas fällt mir der Film “Idiocracy” aus dem Jahre 2006 ein. Nicht dass der Film ein wirkliches Kino-Highlight wäre, eher ganz im Gegentum, aber er tröstet so unfassbar sehr. Besonders nach einem Telefongespräch mit Vorlesen und Erklären einer Gebrauchsanweisung, welche der andere Mensch selber lesen und verstehen hätte können.

Und so hatte ich auch meinen positiven PCR-Test von damals dabei. Voraussicht? Vorahnung? Die Gabe? Na gut, eher nur Berufserfahrung. In meinem Beruf rechnet man mit menschlichen Fehlern und versucht diese zu vermeiden. So etwas wirkt sich auch privat aus, was dann von anderen auch gerne als Negativismus ausgelegt wird. Daran habe ich mich bereits gewöhnt. Es ist lediglich die reine Risikoabschätzung. Und somit hatte ich mein damaliges PCR-Testergebnis gleich mit eingepackt gehabt. Somit lagen dann alle meine Papiere vor ihm auf dem Tisch.

Und der gute Mensch mir gegenüber nahm sich mein PCR-Testergebnis und fing auch gleich laut an zu rechnen, ob ich überhaupt impfberechtigt wäre: Erkrankungsdatum plus ein halbes Jahr. Und prompt hatte er sich um vier Wochen verrechnet. Trotz dem Ergebnis seiner Rechnung, wollte er mich ausnahmsweise zulassen.

Demütig schwieg ich zu seinem Rechenfehler. Er war es mir nicht wert. Er war es nicht wert.

Und dann fing er an, mir all jene Fragen zu stellen, welche ich zuvor auf dem Bogen beantwortet hatte und per eigener Unterschrift beglaubigte. Jede dieser einzelnen Fragen nochmals. Den Drang, ihn auf meinen ausgefüllten Bogen hinzuweisen, verkniff ich mir. Dafür unterschrieb ich erneut den Bogen, den er mir frisch aus seinem Laptop ausgedruckt vorlegte. Und auch noch einen Bogen, dass ich auf eine medizinisch-ärztliche Aufklärung zur Impfung verzichten würde. Alles lag nun endgültig auf dem Tisch. Und erst dann durfte ich in den Raum, wo ich den Spritzeninhalt injiziert bekam.

Am Anfang dieses Posts hatte ich übrigens gelogen. ‘Steffen’ habe ich freilich nicht getroffen. Auch nicht in der Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus. Und auch nicht im Impfzentrum. Aber ich hätte ihn treffen können. Jederzeit.

‘Steffen’ gibt es natürlich nicht wirklich. Weil ‘Steffen’ nur die Erfindung eines Karikaturenzeichners ist. Von Joscha Sauer. Derjenige, der die genialen “Nicht Lustig”-Cartoons zeichnet. Und das ‘Steffen’-Cartoon (hier) hatte Joscha Sauer über Twitter allen ‘Steffens da draußen’ gezeichnet. Der Arzt im Impfzentrum mir gegenüber war jetzt kein ‘Steffen’, aber er hätte gut und gerne einer der Applaudierenden (- nein, nicht in dem dargestellten Publikum, sondern aus dem applaudierendem Gremium -) in dem Cartoon sein können.

Ach ja. Und heute ist der 1. Oktober. Die Geimpften sind trotz der Aussagen gewisser verquer denkenden Experten gestern nicht wie die Fliegen gestorben, so wie in Kreisen der Impfschwurbler zur Angstmache einfach mal prophezeit wurde. Es ist einfach nicht eingetroffen, dass mal über 64% verstarben, so wie bei dem ‘Thanos’ aus dem Marvel-Universum der Avengers, der mit seinem Snap die Hälfte der Bevölkerung der Erde einfach mal wegschnipste. ‘Thanos’ des Marvel-Universums wohlgemerkt. Nur zum Verständnis: ‘Thanos’ ist das Pendant zu dem ‘Bill Gates’ der Querdenker.

So.

Damit ist das auch mal auf dem Tisch, was unsere vermeintlichen, so ungewertschätzte heimliche Expertenelite da draußen angeht.

#allesaufdemtisch

Parkbankgespräch: Brauchse wat zu kaun, Quatsch mit Soße

»Hm. Was’n das?«

»Currywurst a la Bavaria.«

»Heißt was?«

»Bayrische Currywurst.«

»Und was ist das besondere daran?«

»Du kannst wählen, ob du auf dem angewärmten Tomatenketchup Currypulver draufhaben willst oder nicht.«

»Echt jetzt? Currywurst ohne Curry?«

»Warum nicht? Ist für Curry-Allergiker. Die allbekannte ‚C‘-Allergie.«

»Allbekannt. Ja, nee is klar.«

»Doch. Es gibt auch ‚CSU‘ ohne ‚C‘. Für jene Mehrheit der ‚C‘-Allergiker.«

»Also Urrywurst ohne Urry?«

»Soziale Union ohne einen Hauch von ‚Christlich‘. Wählbar. Jederzeit zur Wahl. Du kannst in Bayern auch wählen, ob als Currywurst eine als rot oder weiß verwendet werden soll.«

»Rot oder weiß? Ne Soz’n-Wurst oder ne White-Collar-Wirecard-Verwurstung? So wie  pikant oder normal?«

»Naja. Eher Bratwurst normal oder Bratwurst mit mehr Bratwurstgeschmack.«

»Ich dachte, bei Currywurst gibt es eher die Auswahl ‚mit Darm‘ oder ‚ohne Darm‘.«

»Bei den Preußen. Aber nicht hier in Bayern. ‚Mit Darm‘ oder ‚ohne Darm‘, da sei den Bayern der Leibhaftige vor!«

»Gibt es denn in Bayern kein feurig, voll scharf, mit-schaaf oder larifari?«

»Nur bei den Preußen. Oder Türken im Dönerladen. Aber nicht hier bei den Bayern. Hier gibt es die Currywurst mit Currypulver überm angewärmten Ketchup. Oder halt ohne.«

»Ohne? Ai em schockt.«

»Als Merksatz merke dir: Die Geschichte der bayrischen Currywurst ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Man sieht nichts, man riecht nichts, und außen bleibt alles angenehm sauber.«

»Always? Ultra wie bei der Weißwurst?«

»Wie bei der urbayrischen Version von den Bayern-Currywurst-Enthusiasten. Der ‚mit-schaaf?‘-Abstinenten.«

»Na, dann lieber Currywurst mit Po-ro-we-u-se.«

»Po-ro-we-u-se?«

»Pommes rot-weis mit Senf. Currywurst extra scharf mit Po-ro-we-u-se. Der Klassiker der Pause.«

»Pausensnack. Die Currywurst ist der Kraftriegel am Morgen für den Werker am Band. Halb zehn in Deutschland. Das hieß damals noch Currywurst mit Pommes. Jetzt denkt jeder an Haselnusscremewaffel.«

»In Bayern hat sich die Idee des Werkers am Band doch eh nie richtig durchgesetzt. Die stehen eher mehr auf Kette als auf Band. Die Kette im Steuertrieb der Verbrennungsmotoren. Weil Bayrische Motoren Werke. Kette statt irgend so ein Band oder nen nassen Riemen. Südlich des Weißwurstäquators ist das als Gesetz gesetzt.«

»Und nun streicht gerade der VW die Currywurst von dem Speiseplan einer seiner sieben Kantinen.«

»Der Untergang des Abendlandes.«

»Wie schön, dass du auf das Attribut ‚christlich‘ verzichtet hast.«

»Hatte ich doch bereits gesagt, ‚C‘ geht hier gar nicht. Weil ‚C‘-Allergie in Bayern.«

»Äußert sich wie?«

»Emeritierung als Freisinger Papst. Oder als Rücktrittsgesuch als Münchner Kardinal.«

»Vorsicht, ganz dünnes Eis, du Ketzer!«

»Nö, nur Currywurst-ohne-Darm-extra-scharf-mit-Po-ro-we-u-se.«

»Sei froh, dass die Bayern noch nicht wieder auf Preußen schießen dürfen.«

»Stimmt, weil sie es noch nicht begriffen haben, dass die Preußen so schnell nicht schießen.«

»Bayern hätten zwei Schüsse Vorteil. Matchball bereits vor dem ersten Aufschlag auf dem Tennisplatz des Lebens.«

»Schön philosophiert. Worte sind schön, aber Hühner legen Eier. Darum streicht nun VW die Currywurst von dem Speiseplan einer seiner sieben Kantinen. Und unser Ex-Kanzler Schröder wittert die große Verschwörung. Er meinte, wenn er noch im Aufsichtsrat von VW säße, ja, dann hätte es so etwas nicht gegeben.«

»Schröder? Who the fuck ist Schröder?«

»Hartz-4-Erschaffer und Urheber der folgenden Bemerkung: ‚Vegetarische Ernährung ist gut, ich selbst mache das phasenweise auch. […] Aber grundsätzlich keine Currywurst? Nein! Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion. Das soll so bleiben.‘« (hier)

»Wahnsinn! Wird er dafür im nächsten Jahr den Nobelpreis für Biologie erhalten?«

»Schlimmer.«

»Den Friedensnobelpreis?«

»Schlimmer.«

»Die goldene Currywurst am Pommes-Bande?«

»So in etwa. Er wird Spitzenkandidat der Partei ‚DIE SONSTIGEN‘, Listenplatz 43 der kommenden Bundestagswahl.«

»Na ja, als Spitzenkandidat der V-Partei³ hat er es sich wohl verscherzt. Das wird ihm die ‚Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer’ niemals verzeihen.«

»Sicher das. Beim Verzehr einer veganen Currywurst werden sie offen dreimal geschlossen ausspucken.«

»Dabei hat Schröder doch extra erklärt: Vegetarische Ernährung sei gut, er selbst mache das phasenweise auch.«

»Das ist wichtig. In der SPD-Tradition von Helmut und Loki Schmidt. Die haben auch erklärt, dass sie nach jeder Zigarette aufgehört haben, zu rauchen.«

»Lobenswert. Und Mutter Beimer brät sich dabei jedes Mal ein Spiegelei.«

»Absolut.«

»Kann ich mal nen Happen Ihrer Currywurst haben?«

»Einen?«

»Einmal einen Happen Heimat kosten.«

»Heimat-Blues? Hm. Bisse richtig down, brauchse wat zu kaun?«

»Ne Currywurst.«

»Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt?«

»Ne Currywurst.«

»Kommse vonne Schicht, wat schönret gibtet nich?«

»Als wie Currywurst.«

»Aufm Hemd, auffer Jacke, Ker, wat ist dat ne K … ?«

»Mal ehrlich und ganz ungelogen: Was wäre nur die Currywurst ohne der alten Ode an ihr durch Herbert, dem Grönemeyer?«

»Nur ne christliche Version der bayrische Weißwurst mit süßem Senf?«

»Quatsch mit Soße!«

Kneipengespräch: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

»Ist der Knispel von neulich nochmals wieder gekommen?«

Der Wirt stellte seinem Gast ein frisch gezapftes Kölsch hin und blickte ihn an: »Nein. Bislang nicht. Obwohl er noch Drei Fuffzig schuldig geblieben ist.«

»Echt? Er hatte doch drei Zehner hingelegt gehabt.«

»Rechnen konnte der auch nicht.«

»Was is’n passiert?«, fragte der zweite Gast am Tresen.

»Ach, so ein Zeuge Coronas war hier. Der hat uns letztens mehr als eine Halbe Stunde lang etwas vom Pferd erzählt, auf das er so setzt«, erwiderte stattdessen der erste Gast, der dankbar sein Kölsch entgegen nahm.

»Welches Pferd denn?«

»Dieser geschenkte Gaul. Dem jeder ins Maul starren möchte. Diesen Corona-Mist halt, den er uns hier in der Kneipe im Gespräch aufzwingen wollte.«

»Ach so. Übrigens, ich bin der Peter. Und wie heißt du denn so?«

Gast Nummer Eins schaute den Peter an und ignorierte dessen Frage: »Der hat hier wie aus einer Bibel gelabert.«

»Bibel?«

»Ja, seine Mainstream-Medien.«

»Ach so.«

»Und gegen die alternative Gegenöffentlichkeit hat er gewettert.«

»Gegen welche alternative Gegenöffentlichkeit?«

»Gegen all das, was nicht mit dem Mainstream schwimmt und darauf achtet, dass die uns nicht einseitig belügen. Also Telepolis, RT, KenFM, Nachdenkseiten, Junge Welt und so. Nenn mich Stefan. Prost, Peter.«

»Stößcken, Stefan.«

Beide nahmen einen langen Schluck aus deren Kölschglas und horchten ihrem Schluck hinterher, wie er in deren Kehlen verschwand. Stille. Kein Gurgeln, kein Aufstoßen. Ruhe. Im Hintergrund klampften leise ‘De Höhner’ un-plugged ihr “Alles was ich will”.

»Alles klar? Noch jeder ein Kölsch?«, der Wirt blickte abwartend in die Runde.

»Mir erstmal noch nicht«, antwortete Stefan, »Ich hatte mal bei so einer Mainstream-Zeitung einen wohl argumentierenden Leserbrief geschrieben und der wurde nicht veröffentlicht. War denen wohl nicht genehm genug. Seitdem weiß ich, dass die Leserbriefe nach eigenem Gusto filtern.«

»Mir erstmal auch noch nicht«, antwortete Peter dem Wirt und fuhr zu Stefan gewandt fort: »Kenn ich. Ist mir bei alternativen Medien noch nie passiert. Ich hatte dort mal einen der Autoren auf einen Fehler hingewiesen und dass er nicht jene, die nicht seiner Meinung wären, als komplette Vollidioten hinstellen sollte.«

»Und?«

»Der Autor hatte sich aufrichtig entschuldigt und sofort versprochen, seinen Artikel zu korrigieren.«

»Echt?«

»Nö. Er nannte mich uneinsichtig und ich solle nochmals drüber nachdenken, was ich unsägliches geschrieben hatte, wollte ich nicht auch zu den Vollidioten gehören. Fast in der gleichen Weise wie der Knispel letztens auch.«

Beide schwiegen wieder und schauten in deren Gläser.

»Es erinnert mich an den Mitte-80er-Jahre Witz. Sagt der BRD-Deutsche dem Besucher aus DDR-Deutschland angesichts des Bonner Wasserwerks: ‚Wenn ich hier hinstelle und brülle, dass im Bonner Parlament nur Knallchargen sitzen, dann passiert mir nichts. Das nennt sich Meinungsfreiheit.‘ Sagt der Ost-Deutsche darauf: ‚Haben wir auch. Den identischen Satz kannste auch vor Erichs Lampenladen in Berlin brüllen, und dir wird dort auch nichts passieren‘«, sinnierte Peter.

»Politik?« Der Wirt schaute beide scharf an. »Politik? Nicht hier am Tresen, okay! Dann hinten rechts, dafür gibt es den ‚Speakers Room’, da könnt ihr eure Stammtischhoheiten ausfechten.«

»Ashes to ashes and clay to clay, if the enemy doesn’t get you your own folks may,«, flachste Stefan zurück.

Peter zuckte mit den Schultern: »Stammtischhoheiten? Die Kneipen haben doch ausgedient dafür. Heute geht es doch alkoholfreier und dafür wesentlich ungehemmter im Internet zu. Noch ‘n Kölsch, Stefan?«

Stefan nickte.

»Lass uns über Fußball reden. In drei Wochen spielt der Effzeh hier in München in der Bundesliga gegen Mia-san-mia.«

»Schön. Und ich dachte die Leidenszeit wegen Fußball wäre seit der EM beendet. Dass die Bayern sich auch immer Trainingsmannschaften vom Rhein in deren Stadion einfliegen lassen.«

»Die Kölner werden nicht fliegen. Die kommen mit dem Bus über die Landstraßen.«

»Per Bus über Landstraßen? Dann müssten die ja bereits ne halbe Woche vorher losfahren.«

»Tja. Das ist wegen den vielen Blitzern und roten Ampeln. Schneller kommt der Effzeh bei Auswärtsspielen nie an die wertvollen Punkte.«

»Der ewige Kampf gegen den Abstieg. Und was macht ein Kölner, wenn sein Effzeh Deutscher Meister geworden ist? Die X-Box aus!«

Der Wirt kam, stellte zwei Kölsch hin, schaute beide an und meinte mit leicht leidendem Unterton: »Okay. Es reicht. Eure Köln-Witze sind ein Witz. Dann redet mir lieber ruhig wieder über Politik. Aber hört auf mit euren Köln-Witzen. Die sind grausam.«

Still wurd’s. Die beiden Gäste schauten erst sich und dann den Wirt ratlos an. Der schaute lediglich zurück, zuckte mit den Schultern, schnappte sich eine gespülte Kölsch Stange und fing an sie zu polieren.

»Hm. Ob der Knispel von neulich nochmals wieder kommen wird? Zum Rückspiel?«, fragte der eine Gast.

»Ich glaube nicht. Denn das nächste Spiel ist immer das schwerste«, meinte der andere.

Die Eingangstür knarzte leicht. Ihre Köpfe fuhren von deren Kölsch hoch, sie schauten hinter sich zur Tür. Niemand trat ein. Es wurde still.

Kneipengespräch: Der brutal negative Einfluss der Mainstream-Medien

Koelsch »Endlich ist es mal vorbei, mit diesen Corona-Trendgequatsche.« »Wie bitte?« Mein Thekennachbar schaute mich fragend an, während mir der Wirt ein neues frischgezapftes Kölsch vorbei brachte. »Ich sagte, endlich ist es mal vorbei, mit diesen Corona-Trendgequatsche.« »Und ich sagte, wie bitte?« Ich schaute ihn irritiert an: »Wollen Sie mich provozieren?« »Ich trinke hier nur meinen Kaffee«, sagte er und rührte in seiner Tasse. Daneben stand ein Glasfläschchen. Er öffnete es und schüttete kleine Kügelchen in seinen Kaffee. Und rührte wieder um. »Süßstoff?«, fragte ich. »Nein. Globuli. Arsenicum album.« »Arsenicum album? Leiden Sie unter Magenbeschwerden, Durchfall oder Erbrechen?« »Nein. Ich habe die von meiner Frau. Diese Kügelchen sind wunderbar zum Süßen von Kaffee.« »Ist das nicht teuer?« »Jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir auf. Aber meine Frau kauft es Dutzendweise.« »Zum Süßen von Kaffee?« »Nein, gegen Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen.« »Was hat sie? Ich hoffe doch nichts gefährliches.« Er legte seinen Löffel beiseite, ergriff seine Tasse nahm einen Schluck, verweilte einen Moment, setzte die Kaffeetasse ab, schraubte den Deckel vom Glasfläschchen ab und schüttete nach. »Sie hat durch eine Nomophobie-induzierte Heterophobie gepaart mit derealisationsähnlichen Symptomen.« Er bemerkte meinen fragenden Blick. »Ihr Arzt hat das diagnostiziert und weil sie Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen hatte, verschrieb ihr der Arzt Arsenicum album.« »Und es wirkt?« »Anscheinend. Die Symptome Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen, die sie immer wieder tendenziell bemerkte, die seien wohl vorbei, meint meine Frau. Seitdem soll ich ebenfalls – vorbeugend – täglich ein paar Globuli einschmeißen, damit ich nicht auch Auswirkungen ihrer Nomophobie-induzierten Heterophobie gepaart mit derealisationsähnlichen Symptomen bekomme.« »Haben Sie dieses Nomophobie-Symptom-Gequatsche auswendig gelernt?« Er antwortete zuerst nicht, sondern rührte wieder seinen Kaffee um. Dann blickte er mich an und meinte: »Der Glaube versetzt Berge und die Globuli machen den Kaffee süß. Und immer wenn ich in einer Kneipe bin und Stammtisch-Luft schnuppere, schütte ich etwas davon in meinen Kaffee. Als ihr Wort ‚Corona-Gequatsche’ fiel, merkte ich mal wieder, wie sie wirken.« Ich hatte nicht genau verstanden, was er meinte: »Was bitte?« »Es wirkt gegen ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten.« »Sie wollen sagen, ich rede Quatsch?« »Ihre Worte.« So ein Arsch, ging es mir durch den Kopf. Wenn solche Menschen denkfaul sind, dann sollten die sich mit solch einer dümmlichen Meinung zurück halten. Ich ergriff mein Kölsch und nahm einen Beruhigungsschluck. ‚Corona-Gequatsche‘, das war doch nur ironisch sarkastisch mit einem Schuss Ernsthaftigkeit gemeint. Das war doch eindeutig witzig, humorvoll. Was glaubte der eigentlich, wer er ist? Einer dieser Pseudo-Informierten? »Und was meinen Sie genau mit ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten?« »Genau das, was ich gesagt habe. Nicht mehr und nicht weniger.« »Aha.« Ich drehte das Kölsch auf meinem Deckel. ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten. Soso. Man kann sich zwar seine Stammkneipe aussuchen. Nur Gäste, die darf man leider nicht sich vorher aussuchen. Und erst recht nicht Sitznachbarn. »Ich finde, dass in dieser Hochwasserkatastrophe, der Staat gründlichst versagt hat, wissense. Die ganzen Politiker, die gehören alle mit ihren Hochwassertourismus in dem Schlamm eingebettet, den die selber nicht wegräumen wollen.« Er blickte von seinem Kaffee hoch und sah mich an. Ich rümpfte die Nase ein wenig, um ihm mitzuteilen, dass das Fakt sei. Dass die Politiker einen absolut schlechten Job in der Hochwasserkatastrophe gemacht hatten. Da war verdammt viel Luft nach oben, den Raum, den sie nicht fähig waren, mit Kompetenz auszufüllen. »Wenn Sie meinen.« »Ja, meine ich. Haben Sie nicht die vielen Interviews dieser Selbstdarsteller gesehen? Kaum richtet ein Kamera-Team die Objektive und Mikrofone auf sie, da werden sie ach-soooo mitfühlend in ihren nigelnagelneuen Gummistiefeln. Richtige Empathie-Monster. Dabei imitieren die doch bloß.« »Aha.« »Ja. Aha. Genau. Man muss sich diese Selbstdarsteller mal genau anschauen in diesen Mainstream-Medien. Diese gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen und die Politiker arbeiten doch Hand in Hand. Clericus clericum non decimat.« »Aha. Sie hatten Latein in der Schule, oder? Humanistisches Gymnasium, wa?« »Das heißt für Sie übersetzt: die eine Krähe hackt der anderen Krähe kein Auge aus.« »Das heißt das sicherlich nicht.« »Woher wollen Sie das wissen? Hatten Sie Latein?« Er lächelte leicht spöttisch und rührte in seinem Kaffee. Der Wirt brachte mir ein frisches, neues Kölsch. Vier Striche auf meinem Deckel. Wenn es läuft, dann läuft’s. »Nein, aber ‚clericum‘ hört sich eher nach Kirche an, statt nach Ornithologie. Obwohl, ist eigentlich das gleiche. Es geht auch der Kirche immer nur um klandestine Gelegenheiten zu Vögeln.« »Hab ich übers Vögeln gesprochen?« »Nein, aber über Klerikale. Ist das nicht eh das gleiche?« Guter Versuch. Diese Strategie von ihm. Whataboutism in Reinform. Immer ablenken und andere themenfremde Themen zum Hauptthema machen. Tintenfischtaktik. Vernebeln bis zur Unkenntlichkeit. Er lächelte und ich versuchte zu kontern: »Eben nicht. Wenn diese Selbstdarsteller in Katastrophengebiete sich von anderen Selbstdarstellern interviewen lassen, aber ansonsten keinen Handschlag tun, dann ist das pervers. Und dafür zahlen wir alle diese Zwangs-GEZ-Gebühren.« »Die GEZ gibt es schon lange nicht mehr. Feindbild ‘GEZ’ ist sowas von Nuller-Jahre. In welcher Welt leben Sie?« »Sie wissen, was ich meine!« »Was meinen Sie denn?« »Die Politiker tun gar nichts. Aber lassen uns zahlen. Immer. Immer nur wir. Die nie. Sondern stattdessen lassen sie uns Menschen allein und lachen auch noch hinterrücks, wenn sie meinen, man sähe sie nicht. So wie der lachende Laschet im Rücken vom selbstredenden Steinmeier. Aber wir, wir sind nicht blind, nicht wahr. Wir sehen es! Die absolute Dreistigkeit der Mainstreammedien ist es dann sogar, so etwas trotzdem zu senden!« »Was hätten sie sonst machen sollen? ARD-Brennpunkt zu Laschets Lach-Flash? Halbstündige Sondersendung im ZDF? Und Steinmeier dann auffordern, seine Rede nochmals zu halten, während Laschet nicht mehr hinter ihm stehen darf?« Ich hatte das Gefühl, der Typ legte es drauf an, mich vorsätzlich wegen meiner begründeten Meinung zu provozieren: »Was Sie da reden ist doch Quatsch! Wegen Menschen wie Sie trauen sich doch immer weniger Menschen ihre Meinung zu sagen! Menschen wie Sie sind die nützlichen Idioten der Mainstreammedien«, blaffte ich ihn an. »Na, immerhin besser nützliche Idioten als unnütze Idioten, nicht wahr?«, antwortete er und lächelte maliziös. Erneut provozierend. »Ach ja? Gäbe es die vielen Menschen nicht, die unentgeltlich jetzt in den Hochwasserkatastrophenregionen helfen, dann würden die armen Bewohner der Gegenden weiterhin in ihrem Dreck stecken und leiden. Der Staat aber tut nichts. Stattdessen lässt er von sich Hochglänzbilder und -videos fürs Abendprogramm seiner Medien-Vasallen zwischen Salzgebäck und Bier präsentieren. Statt sich mal mit den Betroffenen zu unterhalten und deren Sorgen und Nöte empathisch zu verstehen. Empathie ist denen völlig fremd.« Ob dieser eklatanten Arroganz der Politik hatte ich mich in Rage geredet. Mein Kölsch war schon zur Hälfte getrunken und ich überlegte, ob ich aus dem Rest noch zwei Schlucke machen oder es gleich exen sollte. Die leichte Schaumkrone in der Stange sprach eher für die Zwei-Schluck-Strategie. Der Wirt blickte in meine Richtung und suchte mein Vorhaben an den Falten auf meiner Stirn abzulesen. »Ist das so?«, fragte der Kaffeetrinker neben mir betont vorsichtig zurück. »Ja, was soll es denn sonst sein? Es ist doch auffällig, dass es nicht nur mir allein auffällt.« »Wieso? Wem fällt es denn noch auf?« »Sie lesen nur Mainstream, oder? Lesen Sie doch mal auch alternative Medien. Zum Beispiel die Nachdenkseiten! Jens Berger, der Spiegelbestseller-Autor seines Corona-Buches, dieser hat einen bemerkenswerten Artikel über diese Selbstdarstellungssucht der unfähigen Politiker geschrieben. Auch in anderen alternativen Internet-Blogs finden Sie gleiches. Das ist die Phalanx gegen die stupiden Mainstreamer!« »Jens Berger? Der Meister der adjektivierten Substantive? Der Spieler mit Adverbien und Füllwörter, Konnotationen und Selbstbeweihräucherung? Der selbst nicht davor zurück schreckt, sich selbst als valide Quelle zu zitieren?« »Was wissen Sie denn schon über Jens Berger?« »Einiges. Auch über Albrecht Müller, dem Herausgeber der Nachdenkseiten. Wenn man Albrecht Müller als den feingeistigen Degenfechter gegenüber der vermeintlichen Bedrohung einer Übermacht des organisierten Verbrechen, also einer staatlichen Konglomerat-Bande, bezeichnet, so ist Jens Berger der Hackebeil-Schlächter, der es versteht seine gedanklichen Rundumschläge in nett anzuschauender adjektivistischer Pseudo-Intellektualität adverbial zu verpacken. Ich würde ihn ebenfalls zu den ‚unnützen Idioten‘ einordnen. Beide sind doch in einem Wahn behaftet, von einer Allmachtsphantasierealitätsgestaltung anderer beherrscht zu sein.« Wortungetüme aussprechen, das konnte er wohl. Aber Inhalt statt  nur solche Worthülsenabsonderung? Für einen Moment musste ich mich sammeln. Vor mir saß ein Ignorant, ein Hetzer und ein Dummkopf par excellence, der sich der Wahrheit, der Realität verweigerte. Ein Schöngeist. Ein Dummkopf: »Ach ja? Er steht allerdings nicht alleine mit seiner fundiert begründeten Meinung. Im Gegensatz zu Ihren Hetzereien hier.« »Hetzereien? Oder wollten Sie sagen, Ketzereien? Wo ist denn Jens Berger seine fundiert begründete Meinung?« »Er bringt Quellen, die zeigen, dass der Staat komplett unfähig ist, Katastrophen angemessen entgegen zu wirken, dass der Staat komplett unfähig ist, zu helfen, dass unsere Politiker nur Reden vor deren Lakaien mit Kameras schwingen statt selber mal tatkräftig anzupacken. Und das weist er nicht erst seit der Hochwasserkatastrophe, sondern bereits seit seit März 2020, dem Anbeginn von Corona, nach. Wie hilft denn der Staat? Wo isser denn, wenn es darum geht Katastrophen zu vermeiden und nach Katastrophen tatkräftig anzupacken? Wo sind denn deren Lakaien und Vasallen, wenn es darum geht, das echte Leid mal deren öffentlich-rechtlichen Zuschauer nahe zu bringen? Wo sind sie denn alle?« Ich musste Luft holen und das tat ich zwischen zwei Schlucke Kölsch. Ja, ich hatte mich in Rage geredet. Nun, wenn ein solcher Spinner neben mir einen solchen Unsinn ablässt und keiner da ist, um solch einem Tand zu widersprechen, ist es dann ein Wunder, wenn dann jeder voller Angst feststellt, dass dieses Land mit Politikern als Kapitäne volle Fahrt auf den nächsten Eisberg zu hält? Und dass sich ein Land kontinuierlich abschafft, dafür war dieser Kaffeetrinker neben mir am Tresen der lebende und treffenste Beweis. »Der Staat hilft …«, setze er an. »Ja, wo isser denn in den Katastrophenregionen?« »Feuerwehr, Rote Kreuz, Polizei …« »Ach ja, paar Tröpfchen auf dem heißen Stein.« »THW, Bundeswehr …« »Jaja, das Lieblingsargument. Aber die wahren Helfer sind die Leute der Umgebung und aus anderen Gegenden. Nur Feuerwehr, Polizei und THW behindern diese, statt denen Raum zum Helfen zu geben! Und die Bundeswehr mit ihren paar Hilfsmittelchen wird nur deswegen beachtet, weil die Mainstreammedien mit Tele auf deren einzelne Bergungsfahrzeuge zoomt. Da brauchste nur ins Internet zu gehen, da findeste Hunderte von Belegen, was da alles für ein Scheiß vom Staat passiert! Der organisiert gar nichts, wenn mal ne Katastrophe passiert!« Ich winkte dem Wirt für ein neues Kölsch. Der Nachbar hier nervte langsam. Keine Ahnung von nichts, aber mitreden wollen. Wie hatte Dieter Nuhr schon 1998 treffend in dem damaligen Programm von ihm bemerkt: Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten. Wobei, das Zitat ist zwar von ihm, aber die eigentliche Quelle ist Ekel Alfred Tetzlaf aus der Mendes-Serie »Ein Herz und eine Seele«. Aber damals war das in der normalen Sprache der Mitte 1970er gesagt worden. Eine Barbrock wäre für das Abkupfern eines solchen Spruches gesteinigt worden. Dieter Nuhr hat die Gunst des Spätgeborenen. Daher darf er auch über Baerbocks aus anderen Büchern kopierten Stellen in deren Buch lästern. Denn er hat Ahnung und hält deswegen nicht seine Fresse. »Was denn nun?«, fragte er mich im ironischen, leicht sarkastischen Tonfall, »beteiligt sich der Staat nun? Oder beteiligt er sich nicht? Oder hätte er Rosinen-Bomber starten lassen sollen, die Euro-Geldscheinbündel über das Krisengebiet abwerfen? Oder Lebensmittel-Pakete? Oder Pampers, zum Aufsaugen der überflüssigen Flüssigkeiten in jenen Dörfern? Die THW-Helfer werden durch selbstdeklarierte Querdenker-Aktivisten behindert, weil diese Aktivisten jene als Büttel des Staates sehen. Die fahren sogar nachweislich mit Fahrzeugen herum, welche Polizeifahrzeugen und deren Lackierungen nachgeahmt wurden und verkünden den Bewohnern per Lautsprecher, dass der Staat sich bei der Hilfsaktion zurück zieht und die Hochwasserofper alleine lässt. In Ahrweiler. Mit Fahrzeugen aus hier um der Ecke: Starnberg. Nummernschild lässt grüßen. Berichtet darüber auch ein Jens Berger? Oder tut er es nicht, weil er damit den Staat und seine Bediensteten nicht niedermachen kann? Wer erkennt darin ein Muster?« »Sie werden unsachlich!« »Und Sie blicken es nicht«, gab er mir zurück. »Katastrophen sind keine Katastrophen, wenn man deren Verlauf im Voraus kennt. Dann wären es schlichtweg normale Ereignisse. Wer sich beklagt, dass der Katastrophenschutz seiner Aufgabe nicht nachgekommen wäre, der hat nicht die Natur einer Katastrophe verstanden. Katastrophe an sich ist etwas unkalkulierbares, das immanente Risiko des Daseins, der Existenz. Wenn es keine Katastrophen gegeben hätte, würde in ihrem Vorgarten noch immer ein Diabloceratops grasen, begleitet von einem Neandertaler und dessen LAG Lucy. Und für Sie wäre es eine Katastrophe. Verstehen Sie? Ein Dino der ihren Garten ohne Lizenz abgrast. Katastrophenschutz ist eine Risikoverminderung, allein getätigt aus einer Risikoabschätzung! Und gerade beim Thema Wetter sagt doch eh jeder, dass der Wetterbericht von morgen die Lüge von heute ist. Keiner vertraut dem Wetterbericht von morgen. Da genießt das tägliche Sternzeichen-Horoskop der BILD-Zeitung bereits erheblich mehr Vertrauen.« Der Typ bewies, dass ihm der richtige Durchblick fehlte. Sternzeichen-Horoskop. Ein wohl arg verwirrter Esoteriker. Ganz klar, der Typ neben mir verstand nichts, blickte nichts. Aber auch dreimal nichts. Geschweige war sein Nachdenk-Vermögen auf niedrigem Niveau. Vernachlässigbar. Ein totaler Nullblicker: »Sie reden am Thema vorbei! Wahrscheinlich sind Sie auch der Ansicht, der Starkregen ist der Klimawandel«, erwiderte ich und versuchte meine Stimme dabei ganz sachlich zu halten. »Natürlich nicht!«, entgegnete er, »weil Wetter und dessen Auswirkungen sind nicht der Klimawandel, sondern die Hinweise, weswegen dass das Klima dabei ist, sich negativ zu verändern. Kimawandel passiert nicht zwischen Salzgebäck und Bier und zwischen ‘Bachelorette 2021’ und ‘Deutschland sucht den Superstar’, sondern zieht sich unerbittlich über zwei, drei Menschengenerationen hin.« Zwei, drei Menschengenerationen. Als ob er solange schon gelebt hätte. Als ob er Wissenschaftler wäre. Der Typ nervte. Die Weisheit glaubte er wohl gepachtet zu haben. Eine eindeutige Auswirkung der verschroben verschobenen, manipulierenden Ansicht der Wahrheit der Mainstreammedien: »Aha, Sie haben also die Weisheit mit Löffeln aus der Mutterbrust ihres Mainstream-Fanboy-Tums gesaugt, nicht wahr?« »Nein. Selbst meine Mutter schwörte bereits auf Globuli. Ebenso wie meine Frau heute. Nur nannte meine Mutter Globuli immer nur ganz profan ‘Zuckerwürfel’. Und auch noch ‘effektive Süße’. Zuckerwürfel knackten wenigstens beim Kauen zwischen den Zähnen. Globuli dürfen das nicht, weil sonst schädigen sie den Zahnschmelz nachhaltig. Drum lösen die sich schneller auf als Süßstofftabletten. Sind allerdings aber auch teurer. Aber meine Frau zahlt’s ja.« Er griff erneut zu seinem Gläschen und schüttete wieder eine Portion in seinen Kaffee: »Tja, nur, Süßstofftabletten sind erheblicher effektiver in Sachen Süßen als Globuli.« »Würde der Staat effektiv in den Katastrophengebieten helfen, dann würde sich niemand beschweren. Dann hätte auch ein Jens Berger nicht als Kronzeugen der staatlichen Untätigkeit das ‚Lohnunternehmen Wipperfürth‘ in seinem Nachdenkseiten-Kommentar anführen müssen. Schau dir doch die Videos an, auf dessen Facebook-Account. Wie er das filmt, was man in den Öffentlich-Rechtlichen verschweigt. Was man dort nicht berichtet, weil man das Versagen derer politischen Protegés kaschieren möchte.« Während ich das sprach, liefen vor meiner inneren Leinwand erneut die erschütternden Videos des Markus Wipperfürth ab. Das brutale Elend. Die hoffnungslose Trostlosigkeit. Und dagegen die heldenhafte Tapferkeit der unermüdliche Helfer. Und dann wieder die hilflos zuschauenden Opfer, die auf deren vernichtetes Hab und wertlos gewordenes Gut blicken. Die den untätigen Staat berechtigt für dessen vorsätzliche Tatenlosigkeit anklagten. Und dann wieder die unermüdlichen Helfer. Und dann die verzweifelten Opfer. Und weit und breit kein staatlicher Helfer. Nur untätig herumstehende Staatsbedienstete, außer wenn sich gerade ein Objektiv oder Mikro auf jene richtete. Er schaute mich zweifelnd an: »Ehrlich? Jens Berger, der Feind der órganisierten Überwachung durch Facebook, Amazon, Mikrosoft und Apple, der hat also einen Account, mit dem er die Videos überhaupt sehen kann? Interessant, dieses Schattenleben im Flutlichte von Facebook. Und: Sie beklagen die Hilfsbereitschaft der Freiwilligen? Und um jene noch weiter zu heroisieren, stellen Sie das angebliche Fehlen staatlicher Organisationen heraus? Weil der Staat keine Lohnunternehmen besitzt, weil er keine Armee der Starkregen-Sondereinsatzkommandos unterhält, ist es das, was falsch läuft? Oder ist es das Beklagen, dass der Staat Arbeitseinsätze nicht im Sinne des Kapitalismus bezahlt, sondern sozialistisch auch auf kostenfreie Nachbarschaftshilfe im Sinne der christlichen Nächstenliebe setzt? Ich hatte eine Woche vor der Katastrophe ein Gespräch, in dem beklagt wurde, dass Deutsche herzlos seien und sich kaum für das Schicksal seiner Nächsten interessieren. Würde jemand leblos in der Fußgängerzone liegen, niemand würde sich drum kümmern. Weil der Staat seine Bürger zur seelenlose Wesen erzieht und Ignoranz belohnt. Kaum eine Woche später entlarvt sich dieses Gelaber jetzt als Unsinn. Oder etwa doch nicht? Aber dem Staat kann man es vorwerfen. Das Volk ist freilich nicht der Staat. Das Volk ist dem Staate ein Fremdkörper, oder? Der Staat, das ist eine Clique von Selbstbereichernden, die andere Selbstbereichernde an deren Selbstbereicherung hindern. Ein Staat, der das Glück auf Bereicherung untersagt? ist das die logische Weiterentwicklung der Anklagen an den Staat? Redet eigentlich jemand in den alternativen Medien von den organisierten Plünderungen in den Hochwassergebieten, welche die Polizei bereits bei angeblichen ‘Schrotthändlern’ festgestellt hat? Nein? Komisch. Der Mainstream berichtet darüber. Den alternativen Medien ist es nicht reitschusterisch genug? Nicht Borriss genug, oder? Eben Weil es keine Kritik am Staat wäre? Erkennen Sie das Muster?« Während seines Monologs ohne Punkt und Komma hatte er sich inzwischen zu mir rüber gebeugt. Dieses Verhalten war definitiv übergriffig. Das bemerkte ich gleich, das musste mir mein Gefühl nicht erst bestätigen. Typisch, wenn Argumente ausgehen, werden solche Tyen einfach mal übergriffig. Wenn so einer schon über Muster redet, entdeckt so einer überhaupt bei sich selbst seine Muster? Nun, andererseits ist das mir auch nicht unbekannt, dass, wenn Menschen keine validen Argumente haben und deren Idiotie auf anderer Weise Nachhaltigkeitsbestreben sucht, sie mit allem an psychologischen Machwerk agieren, um deren Gegenüber in Argumentationsschwierigkeiten zu bringen: »Wissen Sie, Sie brauchen sich nicht so zu mir herüber zu beugen. Das gibt ihren Argumenten auch keine bessere Position.« »Ach ja?« »Ach ja. Denn es geht nicht um das neoliberale Bezahl-Prinzip ‚Geld für Leistung‘, sondern hier geht es um gerechte ‚Aufwandsentschädigung‘ für erforderlichen Einsatz, nicht wahr. Wertschätzung? Kennen Sie das Wort überhaupt? Würde man Geld sofort an Bauunternehmen geben, dann müssten nicht so viele Freiwillige aufräumen!« »Also, genau so wie das Modell ‚Masken gegen Geld‘ im letzten Jahr? Ist Ihnen aufgefallen, dass die Dokumentenfälschungen der Grünen Kanzlerin Baerbock in dieser Nation mehr Staub aufgewirbelt haben, als dass eine Partei mit gesellschaftlich postulierten christlichen Grundwerten mit getürkten Masken-Deals ordentlich in die eigene privatwirtschaftliche Tasche gewirtschaftet hat? Das Modell hatte doch auch Schiffermännchen zu persönlichem Reichtum geführt. Schiffermanneken lässt sich seine Wertschätzung auf sein Konto spenden. Er bittet und Hundertausende oder gar Millionen folgen.« »Also, ‚getürkt‘, das ist jetzt wohl absolut eindeutig rassistisch! Da sollten Sie sich mal hinterfragen, wessen Geistes Kind Sie sind. ‚Getürkt‘. Unglaublich.Das man so etwas in diesem Jahrhundert noch hören muss. Ich dachte, Rassismus wäre überwunden!« Er lachte: »Kommen Sie mir nicht damit, oder gehören Sie auch wie jener Nachdenkseiten-Jens-Berger zu den ‚Cancel Culture‘-Hassern? Die es bedenklicher finden, dass einem Antisemit dessen Internetauftritt gesperrt wird, als sich mit dessen antisemitischer Vergangenheit und seinem nachweislichen Verschwörertum auseinandersetzen?« Diese abgrundlose, hetzerische Bemerkung hatte ich nicht erwartet und sie schlug mir auf den Magen. Ich versuchte meine Übelkeit zu unterdrücken: »Jens Berger gehört zu den besten Kritikern in Deutschland, die es gibt! Er gehört zu den wahren Intellektuellen Deutschlands, zu den wahren Nachdenkern! Also hüten Sie ihre Zunge!« »Ja, nee, is klar. Den meinte ich mit dem Antisemitismus-Vorwurf nicht. Jens Berger weigert sich aber, damit auseinander zu setzen. Die ihn darauf hinweisen, nennt er beckmesserisch. Sein Lieblingswort. Jens Berger folgt einem charakteristischen Muster. Immer wieder. Es scheint seinem Lesern aber nie aufzufallen. Vielleicht sollten dessen Leser sich mal dessen Argumentationslinien pro Kommentar aufzeichnen, vielleicht fällt denen dann das Berger-Muster auf.« Er lachte kurz auf und setzte fort: »Er ist der Widerstand. Jedenfalls meint er es. Jens Berger ist komplett gegen das Tragen von Masken, weil er keinen Sinn in der Corona-Bekämpfung darin sieht. Deswegen leistet er auch Widerstand dagegen. Er hat auch geschrieben, wie er es tut. Dessen eigene Worte: indem er auf den Parkplätzen vor den Supermärkten keine Maske trägt, obwohl es gefordert war. Toll. Ein Held. Wahrscheinlich hat er auch den Lohnunternehmen Wipperfürth dessen Videos gesehen und hat dazu zu Hause tatkräftig seine zwei Daumen nach oben gezeigt: Und weil es heißt ‚Tue gutes und rede drüber‘, hat er in den Nachdenkseiten drüber geschrieben.« »Hetzer! Sie reden nur Schwachsinn! Ist Ihnen da überhaupt klar?« »Jens Berger ist genau eines der Exemplare Gutmenschen, also jene, welche ihm so verhasst sind. Schon mal aufgemerkt, dass er immer darüber meckert, was er selber an sich wohl nicht mag? Ist dir nebenbei aufgefallen, dass der Berger-Held Wipperfürth kein Vorbild sein kann? Ich sage nur STVO §23 und STGB § 201a. Besonders STGB § 201a. Jeder reklamiert Gaffer und die moralische Grenzwertigkeit von Sensationsberichterstattungen. Aber wenn es dann passiert, klatschen die Gleichen dann permanent Applaus. Natürlich nicht, wenn es Öffentlich-Rechtlich passiert. Dann ist das Geschrei groß, weil es Gaffertum und ähnlich mieses ist. Also die privaten Sender wie BILD-TV, die dürfen es, wenn es denn auch Werbung von Nestlé, Pampers, Procter & Gamble und eis.de gibt. Die sind dann innovativ. Öffentlich-rechtliche machen so etwas nicht. Deswegen sind die auch nicht innovativ, sondern ganz im Gegentum.« Beherrschung. Beherrschung. Schreien wäre die richtige Reaktion. Nur, wer schreit, der hat niemals recht. Also Beherrschung. Beherrschung. Hetzern begegnet man nicht mit der Machete. Der zielsichere Stich mit dem feinen Florett ist erforderlich. Ein kräftig geführter Strich eines profunden Arguments ist immer der Feind einer labberigen, unfundierten Meinung. Nur darf man sein Gegenüber nicht so einfach gegen den Kopf stoßen. Man will ihn ja schließlich überzeugen, man ist ja schließlich Mensch. Ich atmete tief durch, griff mein Kölsch und feuchtete meine Kehle an. Kölsch. Nichts hilft besser in solchen Situationen als der wohlgeformte Geschmack eines prickelnden Kölsch. Viva Colonia, viva la vida. Ich schaute meinen Tresennachbarn an und entgegnete: »Sie greifen ziemlich in die unterste Schublade. Vielleicht sollten Sie sich mal Gedanken machen über den Unterschied zwischen einer sachlichen Auseinandersetzung und einem persönlichen Angriff. Wenn Sie nicht verstehen, dass sie beleidigend sind, kann ich Ihnen nicht helfen beim Nachdenken. Verzichten Sie bitte auf weitere wortreiche Epistel.« »Epistel? Richtig, ich vergaß, Sie sprechen auch fließend lateinische Sprichwörter. Sie waren Lehrer in einem früheren Leben, nicht wahr? Sie sind der Meinung, ihre Schüler verehrten Sie, nicht wahr? Auch wenn sie es Ihnen nicht permanent zeigten. An Ihnen ist der absolute Oberlehrer verloren gegangen. Niemand hat Sie befördert. Verstehen Sie? Sie wären jemand, welcher jene Rainer Fühlmichs und seine Brüder Schiffermanns dieser Welt, jene Wolle Wordargs und den anderen Suchart Bakdadis der Randwissenschaftlichkeit, also Sie wären einer gewesen, der diesen den Weg der wahren Wahrheit weisen könnte. Ein wahrer Messias. Nun. Die ersten beiden genannten haben ja bekanntlich Hunderttausende an Spendengeldern auf deren private Konto eingesammelt. Sie dagegen haben nichts auf ihrem Konto, nicht wahr?  Die Füllmichs dieser Welt wollten mit dem eingesammelten Geld die Drostens dieser Welt verklagen, um damit der Welt zu erklären, das alles mit Corona-Bezug nur ein Witz wäre. Der zweite von den ersten beiden heulte öffentlichkeitswirksam über angeblich an Masken erstickte Kinder, tränenreich, anklagend, extensiv, pseudo-empathisch um Spendengelder einzusammeln, um dann dann Safaris in Tansania den Querdenkern anzubieten. Beide sind wohl ne Reinkarnation von den Politikern Friedrich Zimmermann, Old-Schwurhand, welcher dem Titel ‚Ankündigungsminister‘ in den 1990er Jahren erst seine Berechtigung gab. Aber wer interessiert sich schon für Ankündigungen von Querdenkern, die nicht umgesetzt wurden?« Er schütte dabei erneut Globuli in seinen Kaffee, rührte erneut um, schmeckte das Ergebnis mit seinem Löffel ab und fuhr fort: »Wenn eine Gruppe den Begriff ‚Postfaktische Wahrheiten‘ und ‚Fake News‘ ebenfalls mit Inhalt unterfüttert hatte, dann die Gruppe jener vier. Deren Vorteil war es bislang immer gewesen: wenn die was ankündigten und es trat nicht ein, oder wenn deren Behauptungen als falsch entlarvt wurden, es hat kein Schwein interessiert. Es stand in keiner Presse. Nicht mal in den alternativen Medien. Die alternativen Medien sind eh die Besten im Auslassen und Verschweigen, da hilft mal ein wenig Nachdenken, um das zu verifizieren. Aber passiert so etwas dem Mainstream, dann kleben die alternativen Medien wie Fliegen am Leimfänger daran. Der Unterschied? Fliegen sterben, alternative Medien leben vom Leimfänger, weil sie im Leim den Honig rausschmecken. Deren Motto: vom Mainstream lernen, heißt siegen lernen.« Ich hatte ihn bei dieser unsäglichen Aussage gemustert gehabt. Dieser Mensch war der Typus, der keine Frau für seinen Haushalt und sein Bett abbekommen hatte und jetzt alles auf ein Randthema sublimiert hatte. Wenn es einen Beweis für die Gefährlichkeit der Mainstream-Medien, also der Öffentlich-Rechtlichen mit deren verfehlten Bildungsauftrag, gab, dann war er es: manipuliert, verblendet, auf Mainstream-Linie getrimmt und auch noch gefährlich eloquent. Im Grunde war jener es nicht wert, noch ein Wort mit ihm zu wechseln. Nur wir alle wissen: wer bremst, der verliert: »Ach ja? So eine gequirrlte Scheiße, die Sie hier ablassen. Gäbe es die alternativen Medien nicht, die Mainstream-Knispel würden heute noch ungestraft in den Katastrophengebieten deren Lügen verbreiten.« »Richtig. Mud-Facing der Mainstream-Medien ist ja kein Thema für die alternativen Medien. Weil es nicht von den öffentlich-rechtlichen Medien begangen wurde.« »Mud-Facing?« »Mud-Facing. Genauso mies und untergründig wie Black-Facing. Wenn sich Reporter der privaten Sendeanstalten bei der Berichterstattung Schlamm ins Gesicht schmieren, um authentischer zu wirken, um als Helfer zu wirken. Wenn Axel-Spinger-Verlag-Zeitungen und deren TV-Formate über TV-Empfangsgeräte und im Internet deren Senf und Müll zu dem angeblichen Staatsversagen gemeinsam zu den Hochwassermüll an den Straßenrändern stellen und es medial als Gold deklariert wird, dann sollte eigentlich jeder aufmerken. Da redet keiner von diesen Ach-so-Querdenkenden über Mainstream, eben weil es nicht mehr öffentlich-rechtlich ist. Alchemisten, die aus Stroh Gold produzieren wollten, waren schon im Mittelalter die unantastbaren heiligen Kühe zum Melken für eine verschrobene Minderheit. Warum sollte es heute anders für alternative Medien sein?« C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Ich schnaufte. Ich atmete tief. Nein. Nicht provozieren lassen. Nein. Niemals. Nimmer. Nicht. Diese Verblendeten legen es drauf an, andere zu blenden. Jene sind argumentativ geschult, kadermäßig wahrscheinlich, und machen aus komprimierter Scheiße mit viel Druck Kunstdiamanten. Jene Manipulierer sind gefährlich. So wie eine Sekte. Wie Influencer. Ich schnaufte. Ich atmete tief. Nein. Nicht provozieren lassen, aber auch der Antwort nicht schuldig bleiben: »Wir zahlen Zwangsabgaben für das Öffentlich-Rechtliche, die deren Bildungsauftrag nur als Hofnarrenonanisten der Regierung verstehen. Die betreiben Hofnarrenonanie! Das sind Wixer! Totale Wixer!« »Sie sind Sexist? Wixer bezieht sich nur auf Männer. Geht gar nicht. Das ist misogyn. Und auch noch misanthrop. Ich hab was dagegen. Auch ein paar Globuli? Dann ist der Kaffee nicht so bitter.« »Ach, Sie haben wohl ihr Abitur an einer Fernhauptschule übers Internet gemacht, oder was? Oder war es doch eher Lotto, Toto, Rennquintett?« »Sie werden unsachlich.« »Ha! Berechtigte Polemik ist das! Von wegen unsachlich. Gegen Sie hilft nur der starker Strich der Polemik! Unbelehrbar Sie sind! Uneinsichtig eine Sache ihres Geistes ist! Hetze ihr Talent ist! Wie bereits Kindermund sagte: Wer nicht denkt, gibt zu denken. Und wie Sie jetzt bewiesen haben, Sie haben ihr Nachdenken outgesourct! Nein, Sie denken nicht. Sie nicht! Sie geben zu denken. Echt jetzt! Andere Menschen überdenken deren Meinungen, bei Ihnen wird maximal das eigene Auto per Partyzelt überdacht. Das ist ihre gesellschaftliche Maximalleistung, mehr nicht. Ihre Ansichten beweisen, dass das, wie hiesige Denker solche Menschen wie Sie beurteilen: Sie haben ihre Meinung schlafen gelegt und labern dafür Mainstream. Sie denken nicht. Nachdenken ist Ihnen ein Fremdwort!« Ich ergriff mein Kölsch, mein Puls war auf 195, mein Bluthochdruck pochte mir in der Schläfe, vor meinen Augen imaginierte ich mir die Schlussszene vom ersten ‘Bladerunner’-Film. Riesige Angriffsschiffe brennend vor den Schultern des Orions. Nahe des Tannhäuser Tors C-Beams. Verlorene Momente, wie Tränen im Regen. Eine Taube gen Himmel. Ein Donnern, dann Ruhe. Langsam beruhigte ich mich wieder. Selten hatte ich einen so verbohrten Menschen getroffen. Und das dazu in meinem Wohnzimmer. In meiner Kneipe! Wenn man noch nicht mal in seiner Kneipe seine wohl verdiente Ruhe haben kann, dann ist das Leben ein Krieg und der Tod wohl der Waffenstillstand. So musste es wohl sein. Wer hatte diesen Knispel überhaupt rein gelassen? War der überhaupt doppelt geimpft? Wahrscheinlich sogar einer der ersten, die doppelt geimpft waren, ein Streber, einer, der FFP2-Masken als dessen Lebensstandard definiert. Einer jener, der die dümmlichen Maßnahmen des Staates ohne Widerspruch begrüßt, Für den die Eins-fünfzig auch geistig ein Maßstab als Abstand zum eigenen Hirn wichtig ist. Einer, der die Einschränkungen der Grundrechte schon immer wollte, dem eine Diktatur als Bereicherung seiner Lebensumstände erscheint. Einer, für dem Selbstverantwortung ein Fremdwort beim Thema Gesundheit ist, der aber dann im Katastrophenfall auf die Selbstverantwortung der Bürger pocht, statt den Staat in der Pflicht zur Hilfe sehen. Ein Mensch mit verqueer verquastem Demokratieverstand. Einer, der lieber die Diktatur einer wohlhabenden Oberschicht haben will, als dass das Volk das Souverän sein wird. Globalisierung statt Autonomie. Impfpflicht statt individuelles Wohlsein. Abwesenheit vom Staat statt Hilfe im Notfall. Hartz-4 statt Wohlstand für alle. Wie kann man mit so einer Einstellung im Hirn überhaupt leben, ohne täglich Pillen schlucken zu müssen? Wie kann jemand überhaupt mit solchen Gedanken normal sein? Gibt es dazu nicht sogar etwas von Ratiopharm? Oder ist das ein Effekt der Doppel-Impfung? 5G? Gechippt? Oder nur lobotomiert? Schlägt so etwas nicht auch aufs Hirn? Das wollen doch die staatlichen Organisationen, diese mafiösen Weltherrscher, die uns als Schafe zu deren Schlachtbank zum finanziellen Ausweiden führen wollen? Bauern-Schachfiguren auf deren Brett, um für deren Bauern-Gambit herzuhalten? Ich schnaubte erregt: »Wissen Sie, was Sie sind? Sie sind ein Holocaust-Freund. Sie sind einer, der den Holocaust zu einem freundlichen Happening macht, weil er dauernd nur den Saikeirei als aufrichtige und reuevolle Entschuldigung vor Merkel und der amerikanischen imperalistischen Politik ausübt.« »Saikeirei?« »Unterbrechen Sie mich nicht dauernd! Sie mögen wohl keine andere Meinung, oder was? Kein Wunder, dass sich nachgewiesenermaßen heute immer weniger Leute angesichts solcher Äußerungen wie der Ihren trauen, ihre Meinung frei zu äußern. Denn niemand fragt mehr nach Meinungen und Meinungsaustausch, sondern immer nur nach Gründen. Saikeirei ist In Deutschland auch als der chinesische Begriff ‘Kotau’ bekannt.« »Ich hatte nicht nach Ihren Gründen gefragt.« »Immer unterbrechen. Ist wohl ihr Hobby, was? Können Sie noch etwas anderes? Gehen Sie mal auf die Bedenken und Argumentationen derjenigen ein, die nicht mehr das Gedankenschema und das Narrativ des Mainstreams mitmachen wollen. Praktizieren Sie nachdenken!« »Bevor ich meinen ersten Kaffee leer trinke und Sie ihr siebtes Kölsch erhalten, würde ich gerne Ihre Meinung, also ihr Narrativ, zum Thema Querdenken erfahren. Kennen Sie Lore Lorentz Solo-Programm von 1988 ‚Regeln für Querdenker‘? Was würden Sie sagen, wenn Sie die heutigen Querdenker, Rechtsradikalen und Qanon-Jünger gemeinsame Sache machen sehen? Wäre Utøya und das Münchener McDonalds-Massaker vor zehn und vor fünf Jahren dann nur ein Fliegenschiss in der Geschichte der …« Ich schnappte bei seinen Worten nach Luft. Er regte mich auf. Er war unsachlich, hetzerisch und offensichtlich ohne Ahnung von dem, was er sprach. Ich fiel ihm direkt ins Wort: »Sie sind einer dieser verkappten Gutmenschen! Sie sollten …« »STOPP!« Der Wirt donnerte mir ein Kölsch auf meinen leeren Deckel. Pissjelb spritze es heraus, auf meinen hellen Wams. Der Spritzer hinterließ eine feuchte Kölschspur. Mein Wirt starrte mich wütend an: »Hast du das Schild hier am Tresen nicht gesehen?« »Welches Schild?« »Hier ist meinungsfreier Bezirk am Tresen.« »Du willst meine Meinungsfreiheit einschränken?« »Ja.« »Mein ureigenstes verbrieftes Grundrecht? Meine eigene Meinung? Du hast sie ja nicht mehr alle! Wir sind hier doch nicht bei Adolf!« »Ach ja? Ich bin hier Hausherr. Und Adolf Tegtmeier war schon immer mein Idol.« »Den meinte ich nicht. Den anderen Adolf meinte ich. Den, der hier in München mit seiner Meinungsdiktatur angefangen hatte, welche andere hier … .« »Nur den meinte ich nicht«, unterbrach mich der Wirt. »Ich meinte Adolf Tegtmeier und sein Motto ‚Bleibense Mensch‘. Jürgen von Manger. Dein Palaver geht schon über eine halbe Stunde. Da hatte Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier schon erheblich mehr Lacher produziert.« »Was geht mich dein Adolf an. Ich verlange mein Recht auf Meinungs …« »Hier! Auf diesem Schild steht: ‚Meinungsfreier Tresen‘. Wenn du die Lufthoheit über einen Stammtisch erobern möchtest, dafür habe ich extra den Raum da hinten rechts eingerichtet, den ‘Speakers Room’. Da kannste mit deinesgleichen reden und argumentieren. Aber verschone meine Gäste hier am Tresen mit deinen Mist!« »Ach ja?« »Bist du nicht vor einem Monat der Partei ‘AfD’ in deinem Viertel beigetreten?« »Na und? Darf ich das nicht? Sind wir hier in Deutschland keine Demokraten mehr? Da darf ich meine Meinung haben, welcher Partei ich beitrete, oder etwa nicht? Wird man aufgrund der eigenen Meinung in diesem Land diskriminiert? Ist es schon wieder so weit?« »Wie gesagt. Hinten rechts. Diskussionszimmer. Speakers room. Ansonsten, da drüben, schwere Tür, zum Öffnen ziehen und dann Tschüssikowski.« Wutentbrannt zückte ich meine Geldbörse, entnahm drei Zehnerscheine, donnerte sie auf den Tresen neben das noch volle Kölsch, stand kochend auf und steuerte auf den Kneipenausgang zu. Das effektvolle Knallen der Kneipentür gelang mir nicht. Der Wirt hatte nach Jahren endlich den Faulenzer der Tür repariert. Wie gut. Endlich mal eine positive Impression. Deutschland geht doch nicht so ganz den Bach runter, es tut sich was.

Die Rückkehr der “Cui-Bono”-Krieger

Lasset uns konjugieren:

Mein Leben läuft. // Dein Leben läuft. // Sein/Ihr/Sein Leben läuft. //

Unser Leben läuft. // Euer Leben läuft. // Ihr Leben läuft.

Es ist ein reinster Lebenslauf, dass das Leben läuft. Manchmal geht es aber auch, das Leben. Oder schleicht. Und so am Ende des Lebenslaufs geht es wieder der Erde entgegen. Der reinste Lebenslauf? Na. So einfach sollte man es sich nicht machen. „Lebenslauf einfach“ geht schon mal gar nicht. Einfach einfach kann jeder einfach mal so einfach. Mal so. So.

Lebensläufe zu analysieren ist wieder total en vogue. Der Baerbocks ihrer. Geht gar nicht, derer ihrer einer. Voll der Fehler und der eindeutig eindeutigen Hinweise, die sie disqualifizieren für den Posten des Kehrpersonals der Republik. Wie schrieb irgend so ein pseudo-investigativer Journalist mal im Internet? „Kanzlerette“. Dabei ist die Baerbock noch nicht mal „Kanzlerin“, damit dieser despektierlich verwendete Ausdruck überhaupt auf sie passen würde. Aber abgeschrieben hat er es woanders, trotzdem. Weil er weiß, dass seine Leser nicht gerade die hellsten Kerzen auf seiner Torte sind.

Ach ja? Super! Voll toll! Machste hier eine Stimme des Widerstandes wieder nieder? Und überhaupt. „Die Baerbock“? Geht’s noch, Herr Schreiberling dieses Blogeintrags? „Die Baerbock“! Die hat einen richtigen Vornamen und der lautet bestimmt nicht „die“. Und Anstand und gute Kinderstube gebietet auch, zumindest ihre Anrede zu nennen: „Frau“, wenn schon der Vorname nicht genannt werden sollte. Herr Schreiberling! Capito, stupido?? Mann, Mann, Mann.

Hm.

Das war ich jetzt nicht.

Das war mein Über-Ich. Nicht ich. Solche Einwürfe schreibe ich nicht. Okay. Weiter im Kontext und das Über-Ich von mir, dieses kleine Monster der gewissen Gewissenlosigkeit, wieder weggesperrt, in den tiefsten Kerkern meines unbewussten Bewusstseins. Was andere schon längst können, kann ich schon länger.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Beim Lauf des Lebens. Der Lebenslauf der Baerbock ist inzwischen hinreichend bekannt, ausreichend durchgekaut und mehrfach ausgespuckt worden. Und all die meinungsstarken Schreiberlinge der vorherrschenden Medien und der selbst-ernannten alternativen Medien sind sich einig: Frisieren ist gleich fälschen, und Fälschen ist kriminell. So wie beim Theodore, dem Guttenberger. Oder jetzt wie bei jener, der Annalena, dieser Baerbock. Geht gar nicht. Folglich sieht jeder auch deswegen die automatische Disqualifizierung der Frau fürs Kanzleramt. Somit ist es auch völlig okay und bleibt unwidersprochen, die Baerbock als Moses, dem Oberverbieter von „laissez-faire, laissez-aller“, darzustellen. Klandestiner Antisemitismus geht. Immer. Dann schreit auch keiner auf. Weil: böses Weibchen, ganz böses Frauchen.

Gut. Ein Blick in den Lebenslauf von Armin Laschet, den jener als Kandidat für den Vorsitz der CDU Deutschlands abgab (Stand 28-Okt-2020, abrufbar in den Archivdokumentseiten der CDU im Internet und auf den parlamentarischen Seiten NRWs), lässt putativ ebenfalls auf Frisieren schließen.

Was auffällt ist, dass Laschet in seinem Leben weder Bundeswehr noch Zivildienst absolviert hat, sondern gleich nach dem Abitur gen München ins damalige Herrschaftsreich des Franz-Josef Strauß übersiedelte. Womit sich auch Laschets Verbundenheit zu München und damit zu Herrn Dr. Söder erklärt. Und es wird dann auch klar, warum das NRW-Kabinett deren Kabinettssitzung auf Veranlassung von Ministerpräsident Laschet am 12. März 2019 bei Ministerpräsident Dr. Söder in München durchführen ließ.

Nun, dass Laschet nicht ein Jahr zur Bundeswehr gegangen zu sein scheint oder alternativ 18 Monate lang Zivildienstleistender der Gesellschaft diente, das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder wurde er wegen seinem Jura-Studium (erfolglos, da ohne Abschluss) zurückgestellt. Oder er wurde in NRW vom Kreiswehrersatzamt bei dessen Bemusterung als Vulnerabler ausgemustert. Also Klassifizierung „T5“ wegen der Feststellung einer schweren Gesundheitsstörung (will sagen: eine Besserung des Gesundheitszustandes stand nicht zu erwarten). Oder vielleicht auch „T4“. Wegen einer Zahnspange. Oder so.

Nun gut. Herr Laschet dokumentiert drei Tage vor dem 31. Oktober in seinem Lebenslauf, dass er Mitglied des Direktoriums zur Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen war. Das galt exakt bis zum 31. Oktober 2020. Danach schied er aus. Aus dem Direktorium. Wegen der Pandemie allerdings gehörte er informell bis zur Nachholung der Verleihung des Preises 2020 auch 2021 noch dem Direktorium an. Informell. Sagt das Direktorium. Formell wird er von diesem Verein auf seinen Internetseiten seit Dezember 2020 nicht mehr geführt. Und seinen Lebenslauf hat Laschet danach auch nicht angepasst.

Oder es fällt auf, dass etwas nicht vorhanden ist: es fehlt in seinem Lebenslauf, dass Laschet als Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen Klausuren verlor und diese dann trotzdem benotete … gut, so etwas steht maximal in dessen Zeugnis: „Herr Laschet gab sich stets äußerste Mühe, seine Aufgaben pflichtgemäß zu erfüllen. Hierbei zeichnete er sich durch Proaktivität auch gegenüber der Zukunft seiner Studenten aus“. So etwas steht natürlich nie in einem Lebenslauf. Stimmt. Gehört auch nicht dort hinein.

Oder er umschreibt seine Lebensphasen: dass er hier in München seine „Ausbildung zum Journalisten“ machte. Nebenbei, das war beim Privatsender „Charivari“ und nicht beim „Bayrischen Rundfunk“ … Privatsender „Charivari“ … ja, nee, is klar, ne … `ne Ausbildung bei der Zeitungbeilage „Prisma“, die Beilage zum TV-Programm, wäre da schon erheblich journalistischer und investigativer …

Dafür ist er aber immerhin Mitglied der „Europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste“ in Salzburg. Liegt bei München. Also genau genommen, inoffiziell sehr knappes Oberbayern. Das hört sich nobel an. So nach „Mozart“, „Mozartkugeln“ und „Salzburger Nockerl“. Und in dieser Akademie ist er in der Abteilung „Weltreligionen“ tätig.

Und? Cui bono? Wem tut’s gut? Wer ist ebenfalls mit ihm in der gleichen Abteilung jener Akademie? Richtig. Ein anderer Münchener: Richard Marx. Der zurücktreten wollte. Den der Papst im Vatikan aber nicht ließ. Richard Marx. Nicht zu verwechseln mit Karl Marx (kein Münchner, aber schon im Himmel). Oder gar jenem Rainer Maria Kardinal Woelki (nicht Münchner, nicht Himmelaner), der Nachfolger von Joachim Kardinal Meisner. Meisner das war der, den damals schon Jürgen Becker wegen seiner Managerfähigkeiten als “Nulpe” einordnete (“In der freien Wirtschaft würde er nur als Pförtner eingestellt.” Jürgen Becker, 2007, DFL-Kultur). Und Joachim Kardinal Meisner hat Maria Kardinal Woelki offensichtlich komplett beerbt. Der Apfel stammt nicht weit vom Fall …

Also. Jener Rainer Maria Kardinal Woelki, der an einem 18. Februar zum Kardinal zu Köln ernannt wurde. An dem Tag, an welchem Armin Laschet immer seinen Geburtstag feiert. An dem 18. Februar. An dem gleichen Tag, an dem im Jahre 2014 redaktionell niedergeschrieben wurde, dass Reinhard Marx auf Lebenszeit Kardinal bleibt und was dann am nächsten Tag vom Presseamt des Heiligen Stuhls im Vatikan schriftlich verkündigt wurde.

Wird jetzt klarer, warum die Öcher Printe ohne akademischen Jura-Titel, also eben jener Armin Laschet, mehr Münchner ist als es jener hiesige, nach München zugezogene Franke mit Doktortitel, ein gewisser Herr Dr. Söder? Warum Laschet somit das volle Recht hatte, mit seinem Kabinett in jenem März 2019 seine NRW-Kabinettssitzung in München abzuhalten? Und warum Söder fürchten muss, dass Laschet als Kanzler mit der Bundeswehr in München einmarschiert und das Straußoleum (die Münchner Staatskanzlei) einnimmt und Söder zum Postboten von Baerbock degradiert? Cui bono?

Na gut. Details hinter den aufgeführten Punkten in Laschets Lebenslauf kenne ich nicht im Detail. Aber ist das kriegsentscheidend? Gehören die bisher aufgezählten Dinge etwa nicht zum „Frisieren“? Nun, wichtig ist aber lediglich: Hauptsache, sie machen dicke Backen der Empörung. Dicke Backen wie hart gekochte Kohlenhydrate an gematschten Tomaten mit Olivenöl und feinem Grünzeugs drüber. Auf Deutsch: Spaghetti Napoli. Und Krieger brauchen Kohlenhydrate. Ansonsten verhungern sie im Krieg mit den Feind, noch bevor dieser sie hätte töten können. Warum die damals durch das Kreiswehrersatzamt ausgemusterten Vulnerablen nicht trotzdem genommen wurden … sie hätten ja als Pufferweichziele verwendet werden können … Cui bono?

Ich schaue in meinen Lebenslauf. Mein Lebenslauf. Frisiert? Frisieren? Wer ich?

Hm. Herr Schreiberling, was sehe ich da? Keine Lücken? Allerdings auch kein One-Pager wie jener Lebenslauf vom Laschet. Vielmehr ein Mehr-Seiter. Und verdammt viel Text. Sozusagen eine Bleiwüste als Lebenslauf getarnt. Jaja. Und dann noch ein halbes Jahr Südamerika-Praktikum. Soso. Niemals gekündigt und niemals in einer Führungsposition. Aha. Alles so rund. So verdächtig unverdächtig. Was soll verborgen werden? Wo ist der Lebenslauf frisiert? Aber dann der entscheidende Hinweis, nicht wahr: Geburtsdatum des Schreiberlings ist der 18. Februar. Jetzt wird’s aber extrem verdächtig, Herr Schreiberling! Cui bono? Eben! Erwischt! Der 18. Februar als Tag der Nulpen …

Nööööö, ich frisiere doch nicht! Ich nicht! Doppelschwör! Ich bin ehrlich. Wie meine Haut. So wahr, wie ich sie zu Markte trage. So abziehbar, wie die Panini-Klebebildchen in den Schokoladen-Häppchen vom Kiosk an der Ecke. So ehrlich wie Hinz und Kunz hier auch.

Wie Hinz und Kunz? Okay. Dann doch eher wie Kunz. Denn Hinz habe ich bereits kennengelernt. Der beherrscht Photoshop erheblich schlechter als Kunz. Und im Gegensatz zu Hinz hat Kunz auch das passende Druckerpapier für Fake-Impfausweise, also die inoffiziellen Hinzugehörigkeitspapiere der schlaflosen Außerparlamentarischen Fake-News-Opposition, der Abteilung der Trypanophobie-Adepten und sonstige Lebensphobiker …

Menno. Ich muss an dieser Stelle konstatieren: Kerkerwächter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Alles muss man selbst machen. Gutes Personal ist heuer so schwierig zu bekommen, um sein überwaberndes Über-Ich eingesperrt zu halten.

Damals, ja, damals, da konnte man noch guten Gewissens das eigene Über-Ich wegsperren, zusammen mit all den Bruchstücken der eigenen Vergangenheit. Das war noch der berühmt berüchtigte Zeitgeist, der alles unter Kontrolle hatte. Richtig, daran war nur der Zeitgeist schuld. Der hat damals die eigenen Kerkerwächter vergütet und belohnt. Aber heuer? Wenn nicht mal der eigene frisierte Lebenslauf sicher ist vor den eigenen Ansprüchen, welche man gerecht zur Rache an andere Menschen setzt, …

Komm jetzt trau dich. Sag es schon. Na los. “Cui bono” kannste doch auch aus dem Effeff buchstabieren. Tu es. Trau dich. Du bist jetzt ein alter, grauhaariger weißer Mann. Du darfst jetzt. Soll ich dir den Anfang vorsagen? Das Stichwort geben? Gut: Früher. War. Alles. …

Besser? Nö, nicht wirklich. Früher war nicht alles besser. Eines ist sogar definitiv schlechter geworden. Die Doppelmoral. Die wurde verbessert. Sie fällt jetzt nicht mehr so auf.

Cui bono? Uns Nulpen halt. Frag nicht so blöd! Armin! Äh, „Amen“ wollt ich, äh, ganz lasch dahinrotzen …

Amen.

“Ashes to ashes, clay to clay, if the enemy doesn’t get you, your own folks may.”
(aus “The peacelike mongoose” von James Thurber)

Kneipengespräch: Doppelt dumm gelaufen, du Ehrlicher, du!

Er brabbelte vor sich hin. Nicht laut, aber störend.

“Hey, kannste mal damit aufhören, hier rumzubrabbeln?”

Er starrte mich verwundert an. Wahrscheinlich schon im Delirium Tremens. Ich seufzte und wollte mir gerade das nächste Kölsch bestellen, als er spontan loslegte

“Ich lass mir nichts verbieten!”

Vorsichtig entgegnete ich: “Was bitte?”

“Ich’s bin’s nicht gewesen.”

“Ja?”

“Die anderen war’s.”

“Sie meinen Türkenhochzeiten? Oder Oma-Geburtstag? Motorrad im Hühnerstall?”

“Bürschchen, halt die Klappe.”

“Wie bitte?”

“Das ist momentan normal. Außer Verboten fällt denen nix ein.”

“Verbote? Wem?”

“Ich kenn keinen, den es in Wirklichkeit erwischt hat.”

“Okay …”

“Also wird es wohl nicht so schlimm sein.”

“Und?”

“Mich trifft’s nicht.”

“Echt?”

“Alles übertrieben. Total übertrieben.”

“Hm, warum?”

“Das ist wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen. Und irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um mich zu unterdrücken. Great Resett. Weiß doch jeder!”

“Ähem, weiß wer?”

“Das Ganze ist lediglich ein primitives Machtinstrument. Ein Spiel der Herrschenden!”

“Ein Machtinstrument?”

“Die da oben gegen uns da unten! Mit Fake-News der Mainstream-Medien wie BILD, EXPRESS und so. Hör mal! Ich hab keinen Bock auf Verzicht!”

“Was?”

“Ich selber hab ein Recht, durch die Welt zu fliegen. Ein natürliches Anrecht auf meine Freiheit! Steht auch im Grundgesetz.”

“Freiheit?”

“Jawohl, meine demokratische Freiheit ist wichtiger als irgend so ein Live time-Fußabdruck für paar Dagegen-Fuzies.”

“Fußabdruck? “

“Hömma, wir reden bekanntermaßen von einer Erfahrungsdimension, von vielleicht jetzt knapp ein Dutzend Monaten.”

“Okay. Erfahrungsdimension?”

“Hey, ein Wandel wird nichts sein, worauf man dann nach paar Monaten Einschränkung keinen Bock mehr hat. Das macht pessimistisch.”

“Dass die Menschheit das hinkriegt? Moment. Erklär mir mal: Worüber hast du gerade geredet? Über Corona an sich? Oder über den Klimawandel generell?”

”Herr Oberspielleiter, zwei Kölsch bitte!”

Gott des Gehäcksels

A: Sie sind …

B: Internet-Künstler. Und Sie?

A: Internet-Künstler? Wie interessant. Ich selber habe im Internet eine Meinungsseite, erkläre meinen Lesern, wie sie mit den neusten Entwicklungen umgehen können. Wie so etwas auch gesehen werden sollte. Ein Angebot für Tausende von Lesern.

B: Tausende?

A: Abertausende. Mindestens Abertausende. Mehr als nur die Tausende. Ich fühle mich der Aufklärung und des klaren Denkens verpflichtet.

B: Über die neusten Entwicklungen?

A: Wenn bei Entwicklungen Börsenwerte steigen, was als Ausgleich dafür sinkt. Wenn Influencer A sagen, was das unausgesprochene B dazu ist. Wenn da jemand etwas ganz deutlich erklärt, was damit aber in Wahrheit vorsätzlich verschwiegen wird. Wenn jemand investigativen Journalismus betreibt, warum es nur pseudo-investigativ ist. Wer lediglich Mainstream ist und wer sich in Wahrheit um die Aufklärung bemüht. Warum die Verwendung von Adjektiven in Artikeln auf meiner Seite lebenswichtig ist zur Meinungsbildung.

B: Nicht schlecht. Meine Kunst ist es Erregungen aufzunehmen und künstlerisch in Worten umzusetzen.

A: Dann sind Sie also von meiner Branche?

B: Nein, eigentlich nicht. Sie sind Aktivist, ich bin Künstler. Sie wühlen im politischen Dreck, ich überblicke es und berichte darüber.

A: Über mich?

B: Über den Dreck, der Sie umgibt.

A: Sehen Sie, das sehen Sie eindeutig falsch. Ich lasse mich nie drauf ein, mit Schweinen im Dreck zu suhlen. Die sind eindeutig zu dreckig und wer zahlt mir nachher die Reinigungskosten, nicht wahr.

B: Aber Sie setzen sich mit Schweinen auseinander.

A: Sie verstehen meine Position miss. Ich suhle mich nicht im Schlammloch, ich stehe am Spielfeldrand und gebe Hilfe denjenigen, die im Schlamm die Übersicht verlieren. Dafür werde ich respektiert und geachtet.

B: Also so in etwas wie Billigarbeitskräfte aus Bulgarien oder Rumänien im Schlachterbetrieb mit der Kettensäge.

A: Nicht allein die Kettensäge. Erst das Bolzenschussgerät. Dann zum Zerteilen die gute Stihl-Säge. Wir sind inzwischen humanistisch weiterentwickelt. Wir bieten denen auch Jobs zum unblutigen Spargel-Ernten an.

B: Deutsche Wertarbeit. Frisch auf dem Tisch.

A: Nun, ich bin eher wie ein Trainer der internationalen Fußball-Welt. Wer lediglich lokal denkt, kommt nie in den Schlachtbetrieb einer Champions-Ligue. Gute Trainer betätigen sich auf den Feld der Strategen und Positionierungen. Mein Schlachtfeld als Trainer ist das der Narrative.

B: Narrative.

A: Erzählungen. Der Dichtung. Unaufgeklärten, unreflektierte Narrative. Ungenauen Informationen der anderen. Der Gegner. Mit deren gefilterten Informationen. Das Verschwiegene. Das Unausgesprochene, das Gelogene. In einem Schlachthof ist der erste Schritt immer der radikalste. Beim Spargelstechen geht es sogar unter der Oberfläche beim Abstechen. Beim Spargelstechen und im Schlachthof wird gezielt zugestochen.

B: Sie keulen Ihre Gegner gezielt? Mit was?

A: Ja. Mit Nazi-Keulen, Stasi-Keulen, DDR-Keulen, Antifa-Keulen. Hauptsache keulen. Wie es Schweine im Schlachthof verdient haben. Das ist mein Handwerk.

B: Gut, Keulen ist nicht mein Handwerk. Aber das Stechen. Als Internet-Künstler bin ich auch immer darauf erpicht, im Recht beim Stechen zu sein. Auch wenn ich immer wieder als lächerlich wirkender Schwärmer hingestellt werde, dessen Tatendrang an den realen Gegebenheiten scheitert.

A: Als Gutmensch?

B: Nein, als Don Quijote. Das Leben ist voll der Kämpfe gegen der so viel versteckte Dinge. Letzten wurde mir ein neues Notebook mit Trackpad angeboten. Trackpad. Ich lasse mich doch nicht beim Eintippen meiner Internetkunst zurückverfolgen. Warum sollen meine Blogeinträge getrackpad werden? Ich habe den Kauf abgelehnt.

A: Ihre Kritik ist basal. Einfach gut. Man muss nicht alles akzeptieren, was heute so angeboten wird. Eine gewisser gesunder Menschenverstand sollte immer Basis der eigenen Entscheidungsfindungssuche sein. Mündige Bürger bestehen drauf, schreibe ich als Credo.

B: Richtig. Eine Entscheidungssituation sollte bewusst gemacht werden und formuliert werden.

A: Und jener Prozess, seine Beteiligten und deren Verantwortliche definiert sein.

B: Zudem das Risikomanagement. Absolut unentbehrlich. Erst dann besteht Einigkeit, auch über das festgelegte Maß für den Erfolg. Mit allen Informationen, den Optionen und den Risiken. Eine Risikobewertung gemäß der DIN ISO 9001.

A: Yep. Nur so geht es. Die üblich gemachten Fehler durch kognitive Verzerrungen sind bewusst zu vermeiden. Nur dann können Entscheidungen getroffen werden. Und genau das ist zu kommunizieren. Und umzusetzen.

B: Alles gemäß des DEMING-Kreises “PDCA”: plan, do check, act. Planen, durchführen, überprüfen und aus den Ergebnissen handeln.

A: Lenins Leitsatz hat sich in Deutschland bislang immer bewährt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber denke ich an Deutschland in der Nacht, ist Lenin um dessen Schlaf gebracht.

B: Richtig. Ein solcher Leitsatz lässt sich nur als Blockwart-Mentalität ummünzen, wenn es opportun ist. Ich habe dazu ein entsprechendes DIN ISO 9001 Zertifikat erworben. Made in Germany.

A: Als Internet-Künstler.

B: Als Internet-Künstler. Ich bin der erste Internet-Künstler mit PDCA-Zertifizierung. Somit haben Sie und ich einiges gemeinsam, nicht wahr.

A: Meine Meinungsseite baut auf PDCA. Nur bislang ohne Zertifizierung. Weil, wir leben in einer Meinungsdiktatur. Da wird Lenins Meinung nicht akzeptiert. Die Meinung meiner Seite wird klar unterdrückt.

B: Unterdrückt?

A: Verschwiegen. Nicht berücksichtigt. Nicht auf großen Plattformen diskutiert. Und wenn doch, dann wird sie lediglich kritiklos zerpflückt. Von weißen, alten Männern ohne Ahnung.

B: Weißhaarige Dinos.

A: Boomern. Statt meine Meinung als Grundlage zu wertschätzen, wird sie unterdrückt. Oder angegriffen. Man wagt es heute kaum noch seine Meinung zu äußern, weil man dafür angegriffen wird. Wenn ich mal konträre Meinung in den Raum stellen, warum muss sie immer gleich bewertet werden? Warum kann sie nicht mal im Sinne der Meinungsfreiheit als Meinung offen honoriert werden? Warum kann sie nicht auch mal kritiklos übernommen werden?

B: Absolut meine Meinung! Solange unsere Meinungen nicht als Meinungen auf dieser Weise honoriert werden, also kritikfrei, solange gibt es keine echte Meinungsfreiheit.

A: Eben. Kritisierung unserer Meinung ist Meinungsdiktatur! Nicht Meinungsfreiheit.

B: Man darf halt seine Meinung inzwischen nicht mehr ungestraft äußern.

A: Wahrhaft gesprochen! Ihre Meinung ist eine wahrhaftige Meinung. Meinung muss man aushalten dürfen. Und zwar von den anderen! Weil wir halten sie bereits aus.

B: Meine ich auch. Meinung aushalten dürfen. Wie ein Zuhälter. Als Internet-Künstler. Meinungsprostitution ohne legitimen Widerspruch.

A: Dann sind wir uns ja einig. In dieser unerträglichen Meinungsdiktatur.

B: Ich bin stolz auf Sie. Wie war nochmals Ihr Name?

A: Nennen Sie mich Jei-Bi.

B: Gut, Jei-Bi. Ich zieh mich mal kurz zurück. Ich muss mich mal um meine besten Meinungspferdchen im Stall kümmern. Sie müssen endlich mal wieder ertragreicher werden.

A: Sie scheinen mir ein meinungsstarker Meinungscoach zu sein. Kann ich Ihnen mal ein paar meiner besten Pferde im Stall zukommen lassen?

B: Momentan schlecht.

A: Hafer-Rohstoffkrise?

B: Tja, momentan geht der ganze Hafer in die laktosefreie und Gluten reduzierte Hafermilch.

A: Oh.

B: Ich tüftle momentan an einem Programm zum Umgewöhnen meiner Pferdchen auf vegane Mandelmilch. Vegan macht zudem friedlich. Und friedliche Pferdchen ziehen keinen Streitwagen.

A: Ihre Ironie steht Ihnen nicht zu. Zu veganer Mandelmilch kann es keine zwei Meinungen geben. Ihre Ironie setzt aufs falsche Pferd. Satire und Ironie darf nur gegen die Obrigkeit gehen. Ansonsten ist es fehl am Platz.

B: Ich denke einen Monat über ihre Meinung nach. Im Internet. Ich bin Künstler.

A: Dann wünsch ich Ihnen eine gute Meinungsfindungsphase. Mögen Sie in dem Schoße der rechten Meinung zurück kommen.

B: Ich gebe mir rechte Mühe.

A: Habe die Ehre.

Sich im Kosmos herumzutreiben ist doch was für die Jugend, oder?

“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

»Jim.«

»Spock?«

»Unser Computer empfängt Frequenzen von einem Planeten der Klasse M.

»Klasse M?«

»Klasse M, Captain.«

»Also humanoides Leben? Faszinierend.«

»Jim?«

»Spock?«

»’Faszinierend’ als Aussage von Ihnen als Vertreter der Humanoiden ist unlogisch.«

»Sie haben recht, Spock. Ich würde sagen, seien wir vorsichtig. Alarmstufe 1. Maschinenraum! Scotty, alles auf Position! Alles bereit für einen potentiellen Alarmstart. Wir haben Kontakt zu einer unlogischen Lebensform. Sind die Warp-Kerne aktiv?«

»Jim, mein zweiter Offizier macht sich gerade einen Earl-Grey. Ich tue mein Bestes, aber 24 Stunden brauche ich mindestens.«

»Scotty, das ist nicht akzeptabel. Versuchen Sie es bitte in der Hälfte der Zeit.«

»Ay,ay, Captain.«

»Sulu! Kurs auf Klasse M Objekt! Ungefähre Ankunft?«

»Jim, Steuermann Sulu hat die korrekte Aussprache unseres R-Konsonanten noch nicht korrekt gelernt. Bis dahin ist ihm vom Kommando untersagt in seiner Rolle als Steuermann R-Worte auszusprechen. Das wäre gegen die achtzehnte Direktive.«

»Spock, das ist nicht witzig!«

»Ich habe einen Witz gemacht? Faszinierend.«

»Spock, wo ist Fähnrich Chekov, unser Navigator?«

»Jim?«

»Pille?«

»Ich muss leider mitteilen, dass ich Fähnrich Chekov zur Weizendestillation eingeteilt habe. Er kennt sich darin am besten aus.«

»Pille, warum? Konntest du nicht jemand anderen dazu einteilen, Pille?«

»Jim, ich war in unserem Vodka-Vorratsraum.«

»Wo warst du, Pille?«

»Im Vodka-Vorratsraum. Er ist tot, Jim. Fast tot, Jim.«

»Pille, sei kein Maschineningenieur, sei ein Arzt! Lieutenant Uhura!«

»Ja, Captain? Soll ich Sie wieder einmal küssen? Black and white, unite, unite?«

»Lieutenant Uhura, übertragen Sie die Kommunikation vom Klasse M Planeten! Frequenzen auf den Äther!«

»Guten Tag. Spreche ich mit dem Gesundheitsamt? Sind Sie Herbert?«

»Ja, hier ist Ihr Gesundheitsamt.«

»Ich brauche eine Quarantänebescheinigung.«

»Eine Quarantänebescheinigung?«

»Genau, eine Quarantänebescheinigung wegen einer Corona-Erkrankung und der von Ihrer Behörde verordneten Quarantäne.«

»Aber Sie haben doch bereits eine Quarantäneverfügung erhalten, da steht doch ihr Quarantäne-Zeitraum drin.«

»Ja, ja, ja. Aber die eigentliche Quarantäne ging länger, als wo da in der Verfügung drin stand. Und laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Aber nur in begründeten Fällen.«

»Mein Fall ist begründet.«

»Ach ja?«

»Ach ja. Mein Arbeitgeber will das auch so.«

»Wie lang war denn ihre Quarantäne?«

»Zwei Tage länger als in der Verfügung.«

»Und da benötigt ihr Arbeitgeber jetzt eine Bescheinigung? Über diese zwei Tage?«

»Über diese zwei Tage.«

»Greift da nicht die Drei-Karenztage-Regelung für Erkrankungen?«

»Laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Laut Gesetz muss ich gar nichts.«

»Laut Gesetz sind Sie Staatsbediensteter und somit ein Diener des Volkes! Und ich gehöre zum Volk! Also müssen Sie mir dienen!«

»Laut Gesetz benötigen Sie einen Anwalt.«

»Laut Gesetz werde ich Sie verklagen! Sie Herbert, Sie!«

»Ihren Namen, Geburtsdatum, Adresse.«

»Gebe ich Ihnen nicht! Datenschutz! DSGVO, Sie Analphabet!«

»Und wohin sollen wir dann die Bescheinigung schicken?«

»Ja, haben Sie denn meine Daten nicht? Warum muss ich denn ihrer Behörde alles hundertmal mitteilen? Erfassen Sie unsere Daten etwa doch nicht?«

»Laut Gesetz benötige ich dazu Ihre Daten.«

»Ja, glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben! Sie sind ja anmaßend! Ich will nur eine klitzekleine Bescheinigung, die binnen zwei Minuten ausstellt werden kann und Sie machen hier am Telefon nen Ballyhoo, als ob die Sicherheit des Staates in Frage steht! Wir reden bereits schon 125 Sekunden, also über zwei Minuten! Vergessen Sie nicht, wer Sie bezahlt! Und zwar ich von meinen Steuergeldern!«

»Ach ja? Sie zahlen brav Ihre Steuern? Ich würde das gerne mal von unseren Finanzexperten überprüfen lassen. Name? Adresse?«

»…«

»Hallo? Aufgelegt? Arschloch.«

»Ich hab Sie gehört! Sie Herbert, Sie! Geben Sie mir Namen, Geburtsdatum, Adresse, um Sie zu verklagen! Sie hören von meinem Anwalt!«

»Sie mich auch. Und Tschüß.«

»Jim?«

»Spock?«

»War das vom Klasse M-Planeten?«

»Direkt vor uns. Blauer Planet. Scheint bewohnt zu sein. Mit humanoider Lebensform.«

»Faszinierend.«

»Ähhmmm – mir fällt da etwas ein: Warum sagen die eigentlich immer Herbert zu Ihnen, Spock?«

»Jim, ja, wissen Sie, sehr schmeichelhaft ist das nicht, Captain. Herbert war ein mittlerer Beamter, der für seine engstirnige, kleinkarierte Denkweise bekannt war.«

»Dann versuchen Sie eben in Zukunft etwas weniger eng zu denken, Herbert. Scotty?«

»Jim, hier Scotty, alles erledigt, der Whisky ist gelutscht, der Warp-Kern steht bereit. Wir können.«

»Sehr schön, Scotty. Warum nicht gleich so schnell.«

»Ay, ay, Jim. Unmögliches mache ich sofort, nur für Wunder brauch ich länger. «

»Pille?«

»Vodka-Vorräte sind wieder aufgefüllt, Jim. Chekov kommt sehr viel später wieder auf deine Kommandobrücke zurück. Er ist tot, Jim. Noch. Ich muss ihn noch von seiner Vodka-Verkostungstour reanimieren.«

»Er gehört dir Pflaume, ähh… Doktor McCoy.«

»Jim, Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu!«

»Pille, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu? Spock? Weitere geistreiche Bemerkung zum Ergänzen?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Captain?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Spock.«

»Faszinierend.«

»Spock, eine anhaltende, humanoide Vorliebe für Irrelevanz. Demonstriert nur für Sie. Sulu, nächste Galaxie mit intelligentem Lebensformen ansteuern. Am besten die dort hinten rechts, die da wo so blau blinkt und leuchtet. Spock?«

»Jim?«

»Eine Runde Scrabble?«

»Faszinierend.«

»Tun wir’s so.«

König Kunde

»Könnten Sie bitte Ihre Maske aufsetzen? Der Aufenthalt hier ist ohne Maske nicht erlaubt.«

Er reagierte nicht, sah durch sie hindurch. Mit routinierten Handgriffen überprüfte er das, was er glaubte mit seinen eigenen Händen greifen zu können: die Frische der Brötchen.

»Ihre Maske, bitte.« Sie machte eine entsprechende Geste zu ihrem Gesicht und deutete auf ihre eigene FFP2-Maske.

»Was wollen Sie von mir?«

»Mein Herr, ich muss Sie leider nochmals auffordern, Ihre Maske aufzusetzen.«

»Was soll ich?« Sein Blick war weder fragend noch irritiert, er war herausfordernd.

»Der Aufenthalt hier in der Lounge ist ohne Maske nicht erlaubt.«

»Warum sollte ich eine Maske aufsetzen? Ich wurde in den letzten 48 Stunden negativ getestet. Extra für meinen Flug.«

»Würden Sie jetzt bitte Ihre Maske …«

»Warum sollte ich? Mein Test war negativ. Wo bitte ist denn der Ihrige, um mich zu schützen?«

»Wie bitte?«

»Sie quatschen mich hier von der Seite an, meine Maske aufzusetzen, dabei wissen Sie doch, dass jeder Passagier einen Test vorzuweisen hat, der diesen als negativ ausweist. Ansonsten kommt er doch gar nicht erst in den Sicherheitsbereich. Und ich selbst, ich bin negativ. Also brauche ich auch keine Maske hier!«

Er war lauter geworden, hatte sich provokant einen Meter vor ihr aufgebaut und starrte sie jetzt durchdringend an.

»Die Maske hier in der Lounge ist eine Pflicht!«

»Ach ja? Und Sie müssen sich nicht testen lassen? Und haben dann das Recht, mich so schwach von der Seite anreden zu dürfen?«

»Ich …«

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich arbeite hier.«

»Dann sollten vor allem Sie einen Test vorweisen können, um nachzuweisen, dass Sie kein Risiko für uns Passagiere sind! Wir haben schließlich teuer für unsere Tickets und das Zutrittsrecht zur Lounge bezahlt! Da kann man doch auch wenigstens von den Bediensteten verlangen, …«

»Ich diskutiere nicht mit Ihnen. Sie haben Ihre Maske aufzusetzen oder ich muss Sie von hier entfernen lassen.«

»Ach ja? Und wer gibt Ihnen das Recht dazu? Wollen Sie mich etwa als einen dieser dämlichen Querdenker diffamieren? Oder als irgend so ein Leugner? Ich habe einen negativen Test und Sie konnten mir bislang keinen vorweisen, trotz meiner Aufforderung. Ich möchte umgehend Ihren Vorgesetzten sprechen! Sie behandeln mich unverschämt! Typisch Servicewüste Deutschland, mal wieder!«

Die letzten Worte hat er ihr mit lauter, fester Stimme ins Gesicht geworfen, zu ihr drohend vorgebeugt, mit dem erhobenen Zeigefinger fuchtelte er wie mit einem Degen vor ihren Gesicht erregt hin und her.

Eine uniformierte Frau tippte dem Passagier von hinten auf die Schulter: »Kommen Sie doch bitte mal mit. Ich bringe Sie direkt zu der Vorgesetzten unserer Mitarbeiterin. Kommen Sie bitte mit.« Freundlich, aber bestimmt nahm sie ihm beim Arm und schob ihn Richtung Ausgang.

Die Servicemitarbeiterin atmete tief durch, um ihren Ärger herunter zu schlucken. Die uniformierte Frau drehte sich noch kurz zu ihr um und erinnerte sie freundlich: »Und bitte, werfen Sie bitte alle Brötchen weg, die der Mann hier einfach so angefingert hatte. Die können keinem anderen Passagier mehr zugemutet werden.«

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch … (Woody Allen)

Das Spiel ist eröffnet.

Ein erneutes Match Mensch gegen Virus. Über vierzehn 24-Stunden-Runden. Der Sieger wird durch das Absterben des anderen gekürt. Ein Remis wird es nicht geben. Kampf ums Überleben.

Was ist der Virus? Was ist der Mensch? Ein Raubtier, ein Karnivor, ein Prädator? Ein unbequemer Gast auf dieser Welt? Die Krone der Schöpfung? Eine mit roten Blutkörperchen vollgestopfte Mammalia gesteuert mit ADHS im Hirn? Ein Attentat der Natur auf sich selbst? Eine schlechte Laune der Natur? Ist der Mensch souverän? Ist der Mensch autonom?

Nach Karl Marx, haben Philosophen immer nur die Welt interpretiert: Veränderung war nicht deren Metier. Allein der Kinder wegen müsste die Welt verändert werden. Nur eine neue Realität, die will keiner. Alle wollen nur die alte Realität. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.

Und am besten ist, der Mensch partizipiert an der Situation. Die Besten sterben zuerst. Niemand will beim Sterben der Erste sein. Helden, sagt man, Helden sterben immer zuerst. Denn sonst wären es keine Helden. Und Helden sollen immer die anderen sein. Denn man selber hat gerade zu tun. Damit, beim Sterben nicht der Erste zu sein. Erster zu sein, das ist maximal im wirtschaftlichen Leben förderlich. Denn wer Erster ist, der kassiert die ganze Ziffer aus der Bruchrechnung. Und die besteht bekanntlich aus Nenner und Zähler. Die Nenner stehen oben, die Zahler unten und es wird alles gebrochen. Das, was dabei raus kommt, also das Wichtige dabei, das ist der Rest vor dem Komma. Diesen Rest gilt es zu bekommen. Zum Erreichen des Zieles tut es notfalls auch Bestechung.

Das Problem der Bestechung ist nicht das Ungewöhnliche oder das Verwerfliche. Denn eigentlich ist es ja das Normale. Das Ungewöhnliche ist vielmehr bei allen die vielfachen Fragezeichen hinter der Frage: Echt? Hat der so wenig genommen? War der wirklich so bescheiden? Es wird dann auch gar nicht mehr großartig verschleiert. Nein, verschleiern ist ja bekanntlich belügen.

Es wird einfach gemacht, durchgeführt, umgesetzt. Hauptsache, einträchtig einträgig. Immer als Beratertätigkeit abgerechnet. Ist eigentlich bewusst, dass das Justizministerium zur Erstellung von Gesetzen Beraterfirmen beauftragt? Und wenn das Gesetz später kassiert wird, ist die Tätigkeit bereits bezahlt. Und allenthalben erfüllt ein großräumiges Schweigen die enge Sprachlosigkeit darüber, dass sprachgewaltige Experten stumme Experten beauftragen, gemeinsames Experten-Know-How zu simulieren.

Show-Program for customers. Das Handgeschäft der Zauberer. Wenn allerdings echte, also wirkliche Experten komplizierte Sachverhalte einfach erklären, dann ist das Geschrei groß. Denn Zauberer erklären nie deren Tricks. Also ist einer, der erklärt, wie es geht, eben drum allen suspekt.

Denn wer schon alle Herr-der-Ringe-Film-Folgen und alle Avengers-Filme sich einverleibt hat, der gibt sich nicht mehr mit normalen Erklärungen zufrieden. Da ist dann zu wenig Chichi, zu wenig Krach-Bumm-Peng und zu wenig Dutzend tote Affen-Trinitäten. Die Realität ist zu ernüchternd. Und deswegen muss dagegen die eigene Stimme erhoben werde. Gegen die Experten, welche wirklich Ahnung haben. Denn wenn denen keiner widerspricht, dann könnte die Ahnung aufkommen, dass man selber erst recht keine Ahnung habe. Ich frag mich, für wie blöd halten eben solche ihre Mitmenschen eigentlich?

Richtig. Genau für so blöd, wie wir nun mal sind. Wissen ist Macht. Von Experten mit Wissen, davon war ja bei „Wissen ist Macht“ nie die Rede. Es geht darum, Meinung zu äußern. Auch gegen Expertenwissen. Und wenn jene Meinungen kein Gehör finden, dann ist es opportun von Meinungsdiktatur oder Meinungszensur zu reden. Wissen, das ist etwas ganz anderes.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sagte irgendwer im alten Griechenland, kurz bevor er den gereichten Schierlingsbecher leer trank

“Ich weiß nicht mehr, was ich gewusst habe”, sagte irgendwer im Mittelalter angesichts der Folterwerkzeuge, die ihm präsentiert wurden.

“Hehehe, mir sollte mal erst jemand beweisen, dass ich etwas gewusst habe”, sagen die Leute von heute, vertreten deren Ansichten felsenfest und pochen auf Meinungsfreiheit.

In der Politik wird immer fatal deutlicher, dass in der Corona-Angelegenheit nie eine einheitliche Linie bestand. Vor zwei Wochen drohte Merkel noch, dass sie sich das Ganze in Deutschland keine vierzehn Tage mehr anschauen und dann reagieren würde. Hat Sie inzwischen auch. Sie denkt jetzt nach. Über eine gemeinsame bundesweite Linie der Länder zur Corona-Frage. Als Physikerin weiß sie, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine gerade Linie ist. Bewusst wird ihr allerdings wohl auch, dass momentan die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eher eine unbestimmte amorphe Linie ist.

Und weil eine gerade einheitliche politische Gedankenlinie nicht existiert, wird sie halt erdacht. Von anderen. Vorsätzlich konstruiert. Wo bestimmte Leute ohne Hosen da stehen, gefällt es den Züchtigen nicht und sie dichten denen eine gestrenge Hosennaht als Linie an. Damit dazu deren eigenes Denken quer gelegt werden kann. Eine erdachte Linie wird als real existierend erklärt. Ansonsten würde dem eigenen Querdenken überhaupt eine Orientierung fehlen. Man müsste dann zugeben, dass man im Denken amorph nachzugeben hätte, um gedacht quer zur Regierungslinie zu kommen. Was im Grunde ein ganz unsympathischer Gedanke ist. Eine schwabbelige undefinierte Linie als Basis der eigenen Querdenkerei.

Bereits damals hatten schon immer die Eltern ihren Kindern versucht zu erklären, der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt nach und stellt sich nicht in die Quere. Der Klügere gibt nach und gönnt dem Denken das Verquere. Nur, Nachgeben ist ja nur etwas für Schwächlinge. Also jene, denen eben jene Herr-der-Ringe-, DC- und die vielen Marvel-Filme nicht gewidmet worden waren und die die Q-Denker jahrelang begeistert konsumiert hatten.

Das Prinzip “Der Klügere gibt nach” ist dumm, weil dann alle, die sonst nichts zu sagen haben, das Sagen haben werden. Aber nicht die Klügeren. Was den Querdenkern nicht gefällt. Auch wenn es denen nicht auffällt. Oder sollte den Eltern mal recht gegeben werden, dass sie doch recht hatten und die eigene jugendliche Pubertät nichts als die reine Pubertät war? So etwas geht gar nicht. Schließlich erklären bereits Psychologen, dass die Pubertät immer auch die Verneinung der Prinzipien in sich vereint, welche Eltern den Pubertierenden vorhielten, um sie in deren jugendlichen Handlungen zu entmündigen. Oder wie heißt es so schön: wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Und womit? Mit vollstem Recht.

Aber das zu erkennen, würde bedeuten, dass Superman, die Hobbits und die Avengers in Ricks Café in Casablanca sich bei einem alten Cognac unter den Augen eines Kommandanten nie die üblichen Verdächtigen zur Brust nehmen würden. So sitzen sie einträglich mit deren Experten am gleichen Tisch und planen die nächsten Predigten für deren Gläubige. Die Bergpredigt über Thanos seinen Finger-Schnipp.

Es werden keine “Glorreichen Sieben” am Horizont zu meinem Kampf “Against all odds” auftauchen und mir helfen. Kein Avengers, kein Batman, keine Wonder Woman, kein Superman wird sich neben mir stellen. Allein.

Der Sauerstoffgehalt liegt bei 98%, Puls bei 79, Temperatur erhöht, leichter Husten, der Blutdruck wie immer zu hoch und das Konto für mein 14-Runden-Match noch gedeckt. Wie geschaffen für ein Duell mit einem Virus, der mit N501Y klassifiziert wird.

Los geht’s.

Lebe geht wieder.

Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt. (Woody Allen)

Warteschleifen

Wie lange ist Warten? Ist Warten länger, wenn es kürzer dauert? Das ist natürlich eine schwachsinnige Frage. Zeit hat eine konstante Beschleunigung. Und zwar keine. Zeit steht für sich alleine. Wäre Zeit variabel, dann gäbe es keine Uhren.

Als in der Gegend von Manchester zur Zeiten des Manchester Kapitalismus festgestellt wurde, dass Terminlieferungen aufgrund unterschiedlicher Zeitdefinitionen nie zuverlässig funktionierten, da führten die Engländer Zeitzonen ein. So wurde einigermaßen sichergestellt, dass der 16-Uhr-Nachmittags-Tee immer von allen zur gleichen Unzeit begangen wurde. Okay, es ging nicht um “tea time”, sondern “just in time”-Lieferungen, aber egal. Prinzip ist Prinzip.

In Deutschland wurde darauf einerseits die kostenlose Zeitansage per Telefonnummer eingeführt, andererseits diente das Signal der “heute”-Sendung oder der “Tagesschau” immer zur genauen Kalibrierung der stoisch ungenauen Küchenuhr.

Mein Vater stellt immer die Uhr um fünf Minuten vor, nur um sicher zu gehen, dass alle nachher auch pünktlich waren. Später aber studierten zwei seiner Söhne, und aus den “nur-fünf-Minuten-zu-spät” wurde gleich eine akademische Verspätungsviertelstunde. Danach stellte er die Uhr immer passend zum “Tagesschau”-Gong. Er war “Tageschau”-Schauer. Der “Tagesschau”-Gong war seine zeitliche Orientierung. Das Zeitalter der Internet-Uhren und die damit einhergehende Reduzierung der analogen Signalübermittlungsverzögerung lernte er nicht mehr kennen.

Der Zettel vor mir sah aus wie ein Kassenzettel. Oder eher so einer, den man an Kassen erhält, wenn man seine Telefonkarte aufladen möchte. Benutzername plus PIN.

Warten. Jeder Versuch des Runterladens des Ergebnis resultierte in der Information, dass die Information noch nicht vorliegt. Eine gewissermaßen validierte Nullinformation.

Von dem Ernst der Lage erfuhr ich durch meine Kontaktperson. Den Beweis erhielt ich direkt auf mein Smartphone. Direkt meldete ich mich auf meiner Arbeit krank. Krank oder potentiell krank sind ernste Angelegenheiten, die über Tod und Leben entscheiden können. Seit dem Germanwings-Flug 9525 von Barcelona nach Düsseldorf, der für deren Passagiere nicht auf der Düsseldorfer Kö, sondern an einer Gebirgswand der Westalpen endete, wurde jedem Menschen blutig vor Augen geführt, dass kranke Menschen oder Menschen, die vor der Gefahr des krank-Werdens stehen, nicht mehr arbeiten sollten. Auch nicht bei leichtem Schnupfen oder zartem schleimigen Husten. Oder einem leichten Unwohlsein.

Wer vor 16 Uhr getestet wurde, sollte das Ergebnis noch am gleichen Tag erhalten. So stand es im Internet. Um Mitternacht gab ich es auf. Immer wieder war die Antwort ein Hinweis, dass Warten angesagt wäre.

Warten war auch vor dem Testzentrum angesagt. Trotz Terminvereinbarung reihte ich mich in eine zwanzig-Meter langen Schlange ein. Zwanzig Meter bedeutete hier 10 Leute vor mir. An Supermarkt-Kassen bedeuten momentan 10 Leute kaum 10 Meter, inklusive natürlich dem Ruf nach einer weiteren Kasse.

Zwei Rumänen vor mir fragten mich, ob ich Ihnen den Platz vor mir frei halten würde. Sie sahen am Ende des Platzes des Verkehrsmuseums eine riesige, putzige in Stein gehauene Schnecke. Sie wollten dort noch ein paar Selfies machen. Erst habe ich verneint. Jeder würde halt warten müssen und warum sollten die gerade ihre Selfies nicht auch nach dem Testen erledigen können. Die Schnecke würden denen schon nicht weggekrochen sein. Aber dann war es mir egal. Ich sagte denen zu, sie vor mir wieder rein zu lassen. Auf die zwei Minuten mehr Warten käme es auch nicht an. Mein Sterbedatum würde von den zwei Minuten nur unwesentlich bis gar nicht abhängen. Außer es würde mir der Himmel auf den Kopf fallen. Mein Blick nach oben zeigte den kalten, grauen April-Himmel. Es roch nach Schnee.

Die beiden verließen die Schlange in Richtung Schnecke. Unweit davon saß eine Gruppe Menschen zusammen. Vielleicht sechs, vielleicht sieben. Ein Hinzukommender wurde per Handschlag begrüßt. Nein, kein Alkohol, keine Musik, keine Feierei oder Party. Smalltalk in der Gruppe. Und wir hier in der Schlange. Wartend. Stumm. Schweigsam. Egal.

In der Schlange fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, die von mir zu Hause zuvor ausgefüllten Fragebögen mitzunehmen. Ärgerlich. Ich hatte diese extra mit der passenden Software am Rechner ausgefüllt, ausgedruckt, unterschrieben, auffällig an meiner Wohnungstür platziert und dann dort vergessen. Warum auch nicht.  Hätte ich sie nicht so auffällig platziert, wahrscheinlich wäre mir aufgefallen, dass mir was fehlte … Meine kurz aufkommende Sorge, man würde mich ohne diese Fragebögen abweisen, verwies ich nach kurzem logischen Nachdenken ins Reich der Legenden. Die Basis für solch einen Test kann nicht das Besitzens eines Druckers sein. Wenn jemandem so etwas aufgefallen wäre, dann doch den Schnellmerkern der Querdenkern. Aber die hatte nie darauf hingewiesen. Cui bono? QED.

Nebenbei: Wer momentan Drucker kaufen will, wird überrascht sein. Es gibt nur noch wenige günstige. Falls überhaupt. Überall ist Home Office angesagt. Darum sind alle Drucker ausverkauft und die Druckerindustrie kann nicht mehr ausreichend liefern. Entweder sind die wenigen Billig-Drucker überteuert oder ausverkauft.

Es ist beileibe nicht die einzige Hardware auf dem Markt, welche momentan Mangelware ist. Preisgünstige Grafikkarten gibt es momentan auch nicht mehr. Wer eine sucht, um seine Videos zu bearbeiten oder um Spiele zu spielen, guckt bei schlecht gefüllter Börse in die Röhre. Aber das hängt nicht mit der Pandemie zusammen. Auch nur sekundär mit der Rohstoff-Krise am Weltmarkt, welche die Automobilindustrie momentan am Rande des Produktionsstopps treibt.

Es hängt mit den Bitcoin-Währungen zusammen. Viele der Grafikkarten werden inzwischen verwendet, um nach diesen Bitcoins zu “minen”. Das heißt, die Grafikkarten werden mit Rechenaufgaben (Algorithmen) beschäftigt, die immer wieder virtuelles Geld erzeugen. Wer genug Bitcoins geschürft hat, der hat die Kosten seiner Grafikkarten bald wieder raus. Rechner dienen somit der Vermehrung des eigenen Vermögens. Und verbrauchen dabei Unmengen an Strom. Daher wird inzwischen auch drüber nachgedacht, ob Bitcoins wirklich so umweltfreundlich sind, wie es zuvor erscheinen mag. Sicherlich ist es menschlicher, PCs mit Grafikkarten nach Bitcoins “schürfen” zu lassen, als Kinder in afrikanischen Goldgräberminen oder auf asiatischen Schrotthaufen mit Quecksilber Gold zu waschen … aber so richtig überzeugend sind beide Lösungen nicht.

Warten. Im Innern vom Museum lasse ich mich an einen der fünf Stellen für den Test registrieren, erhalte den Kassenzettel und ein Aufkleber-Etikett und reihe mich in der Schlange vor dem Test-Zelt wieder ein. Im Austausch zum Klebeetikett erhalte ich ein Stäbchen in den Hals und gehe wieder. Die beiden Rumänen sehe ich nirgends mehr, weder in der Schlange zur Registration, noch in der vom Test-Zelt, noch in der Nähe der Schnecke.

Die Gruppe hat sich vergrößert. Jetzt sitzen an die neun Leute auf dem kalten Boden und quatschen miteinander. Ich schaue in den Himmel. Es braut sich etwas zusammen. Der Geruch von Schnee wird penetranter. Eine Flocke segelt auf mich zu.

Um Mitternacht versuchte ich es zum letzten Mal. Direkt nach der Wiedergabe des Film “Fantomas” mit Luis de Funes aus der ARD-Mediathek. Als der damals zum ersten Mal im ZDF lief, war ich noch quietschjung und fand den Film oberspannend und komplett lustig. Wiedersehen macht Freude. Wahrscheinlich kamen auch 50% meiner Lacher daher. Die anderen Fantomas-Filme warten noch aufs Streamen.

Morgens dann, nach dem Aufwachen, der erste Griff zum Smartphone und nach dem Abrufen bin ich noch immer in der Warte-Schleife. Gut Ding will Weile haben. Guten Wein trinkt man auch nicht direkt nach dem Abfüllen aus der Flasche. Okay. Beaujolais Primeur schon.

Auf der Arbeit war man über meine erneute Krankmeldung genau so begeistert wie am Tage zuvor. Wann ich denn vorhätte, wieder zur Arbeit zu kommen. Und dass ich am dritten Tage eine Krankschreibung benötigen würde. Die Schnelltests dort in meiner Abteilung waren bereits durchgeführt. Alle negativ. Warum sollte ich denn bitteschön positiv sein?

Der Guten-Morgen-Kaffee war wie ein Dunlop-Reifen: stark, schwarz und schaumig schön. Mit ein wenig Zucker erhielt er die richtige Süße. Mein innerer Motor startete und hinterließ nach dem ersten Schluck Gummi auf dem Asphalt des morgentlichen Daseins.

Ich malte mir aus, was es bedeuten würde, wenn der Fall der Fälle eintreten würde. Eine ganze Abteilung könnte dann sofort ins Wochenende abtreten. Ich konnte mir das mephistophelische Grinsen nicht verkneifen. Nur danach: Formulare, Formulare, Formulare von der Wiege bis zur Bahre. Jedes Grinsen hat seinen Preis.

Gegen Zehne zeigte mir das heruntergeladene Dokument noch immer nur eine Botschaft: Warten. Der vierte Espresso tröpfelt in meiner Tasse. Etwas Zucker und dann: genießen. Diesen Geschmack aus süßer Bitternis.

Zwischen zwei Kapiteln meines aktuellen Hörbuchs “Die Hungrigen und die Satten” versuchte ich es noch einmal: Seite aufrufen, Benutzername eingeben, PIN reintackern, den Button drücken und dann … das Telefon klingelte:

“Hast du schon dein Testergebnis?”

“Moment.”

“Ja?”

“Hm. N501Y“.

“Was?”

“Warte mal. Ich ruf dich gleich zurück. Warte, okay?”

Sire, geben Sie Gedanken …

»Schwingen. Ottoschwingen. Unser Dorf heißt Ottoschwingen. Nicht Wringen, also nicht Ottowringen. Im Dreiländereck von Oberbayern, Franken und Schwaben. Nördlich der Donau, südlich vom Großen Brombrachsee.«

»Ah, ja so, ja, okay. Verstanden. Sie als Bürgermeister von Ottoschwingen haben ein vollkommen, neues Konzept, wie Sie und ihr Ort auf die Corona-Krise reagieren wollen.«

»Ja, das haben wir. Wir wollen mit Schwung in den wirtschaftlichen Aufschwung. Eine win-win-Situation für jedermann. Und erst recht wirtschaftlich für Ottoschwingen.«

»Könnten Sie unseren Hörern am Radio ein wenig ihr Konzept erläutern. Wie sind Sie dazu gekommen?«

»Nun, in unserem Rat hatten wir die letzten Umfragen vorliegen.«

»Die Infratest-Umfrage vom 1. April?«

»Also wo da Leute andere 100% der Leute gefragt hatten, was sie meinen, was andere über die Corona-Krise meinen. 24% von den 100% waren der Meinung, die Maßnahmen auf sich selbst angewendet müssen nicht erweitert werden. 48% meinten, die Maßnahmen für die anderen sind noch nicht weit genug.«

»Und 24% gingen sie zu weit.«

»Was verständlich ist. Bekanntlich stecken sich die einen ja immer von den anderen an. Wenn somit jenen 24% die eigenen Maßnahmen für sich selber verringert würden, und diese dann auf die anderen 74% der Spreader umgelegt werden würden, dann wäre allen 100% geholfen.«

»Worin besteht nun ihr Konzept in Ottoschwingen?«

»Wir bauen ein komplett neues Open-Air-Sportcenter für unseren Ort.«

»Ein neues Stadion?«

»Mit Blick von der Haupttribüne auf das neue Impfcenter. Wir verkaufen dazu Dauerkarten. Dauerkartenbesitzer können 24 Stunden pro Tag Impfcenter Binge Watching betreiben.

»Impfcenter Binge Watching?«

»Auf die Menschen in den Impfschlangen. Eine spannende Sache. Man weiß nie, wie es weiter geht, wie die Menschen reagieren, wenn wieder ein Impfstoff ausfällt. Wir planen schräg gegenüber des Impfcenters ein Supermarktcenter mit angeschlossenem neuartigem Übernachtungscenter.«

»Ein Hotel?«

»Nun, geplant sind modernste, gestapelte Komfort-Schlafkabinen inklusiver selbst reinigender Nasszelle nach neusten, hygienischen Standards.«

»Neuste, hygienische Standards?«

»Sie könnten darin beispielsweise reihenweise Leprakranke und Pestkranke unterbringen, der nächste Übernachtende wird davon nichts bemerken. Weder gesundheitlich, noch anderswie. Alles wird picobello sein. Vorher, wie nachher. Excellence ist unser Standard. Der Gast steht an erster Stelle.«

»Mit welchen Gästen rechnen Sie denn?«

»Nun, wir werden überregional zu Demonstrationen einladen, um zum Anti-Corona-Demo-Zentrums Deutschlands zu werden. Auf dem Sportplatz vor der Haupttribüne können jene ihre Demonstrationen auf nächster Distanz vor dem Impfzentrum ausüben. Die Journalisten erhalten schlagsichere, mobile Reporterkabinen, um hautnah von den Demonstrationen weltweit berichten zu können.«

»Organisierte, überregionale Demos in Ottoschwingen?«

»Es wird auch ein Blockadetrainingscenter geben, in der Übungen für Blockadeschulungen vor dem Impfcenter trainiert werden. Schwerpunkt: “Wie verhindere ich gewaltfrei mit aller Macht, dass Menschen gechipt werden und nachher zur Zombieapokalypse der Impfindustrie erwachen”. Der Bedarf ist enorm, die Nachfrage vorhanden, wie wir auf anderen Corona-Demos erfahren konnten. Organisiert ist die halbe Miete zum Erfolg und für internationale Beachtung. Der brasilianische Samba konnte auch nur mittels des Samabdromos in Rio seinen weltweiten Siegeszug durchführen.«

»Wie bitte? Sie wollen Blockadeschulungen …«

»Ich als Bürgermeister muss betonen, dass Demonstranten für uns Menschen sind. Selbst, wenn es jetzt lediglich die breite gut situierte Mittelschicht der wütenden Freiberufler und Selbständigen sind. Aber die sind es nun mal. Und nicht irgendwelche daher gelaufene Linke mit Stangenzelte, die auf morastigen Wiesen campieren. Nein. Es sind in erster Linie Menschen. Ja, Menschen! Und genau so werden wir sie behandeln. Wie Menschen. Also als Kunden und Konsumenten. Darum wird es neben dem Blockadetrainingscenter auch ein Eroscenter geben.«

»Sie meinen einen Puff gegenüber dem Impfcenter?«

»Und weil heutzutage Sexualität und Glaube eng miteinander verbunden sind, weil viele glauben, dass Sex nun mal wichtig ist, haben wir dort um der Ecke ein Glaubenscenter geplant.«

»Eine Kirche?«

»Und zusätzlich für alle Glaubenscenter-Anhänger, ganz in der Nähe, dort hinten neben der neuen, modernen Polizeistation, also dort hinten, da gibt es gleich die angeschlossene, einmalige heilige Wunderquelle.«

»Eine Wunderquelle zwischen Kirche und Puff?«

»Das musste so sein. Auf Anordnung vom bischöflichen Ordinariat. Sonst hätten es beim Eroscenter nicht zugestimmt. Und unserem Ort wären Fördergelder der katholischen Kirche entgangen.«

»Es wurde also die Lage der aufzubauenden Kirche anhand des Standorts der Eroscenters bestimmt?«

»Nun, wie Sie wissen, sind in heutiger Zeit, Kirche und Sexualität eng untrennbar miteinander verwoben. Ohne Sex, keine Sünde. Ohne Sünde, keine Beichte. Ohne Beichte, keinen Beichtstuhl. Ohne Beichtstuhl, keine Kirche. Unser Dorf hätte dann somit einen arbeitslosen Theologen und seine gesamte Entourage durchzufüttern. Solche Kosten kann sich niemand leisten. Zusätzlich hinter der Kirche entsteht auch noch eine Schule unter Leitung und mit Fördermitteln der Kirche. Ist so vertraglich abgemacht.«

»Aber dort, wo die Wunderquelle geplant ist, da soll doch das Entsorgungscenter errichtet werden. Das hatte mir zumindest ihr Stellvertreter im Vorgespräch am Telefon erklärt.«

»Entsorgungscenter?«

»Fäkaliencenter. Öffentliches Klo. Also die noch aufzustellenden, blauen Toilettenhäuschen, die mobilen Toilettenhäuschen mit Sickergrube für die Kirch- und Puffgänger.«

»Hm. Echt? Dann ist aber Kacke mit den Wunderquellen … und mit unserem Aufschwung.«

»Ach, kommense. Drauf geschissen. Danke für das Interview. Und damit gebe ich wieder ab, zurück in die Sendeanstalt. Auf Wiederhören.«

Ars gratia artis, oder: ein Münchner Nachmittag

Ein Aperol, ein Königreich für einen Aperol! Ein Königreich von hier bis zur eingehaltenen eins fuffzig Abstandregel.

Und über allem die Sonne. Die Sonne des Südens. Blauer Himmel. Eiswürfel im durchsichtigen Plastikbecher. Gedeckelt, in der Mitte führt ein Strohhalm durch eine Öffnung zum Aperol.

Ein Strohhalm. Nicht etwa aus Stroh, sondern einer aus Plastik. Aus wahrhaftigem Plastik. Keiner von diesen ökologisch wertvollen Trinkhalmen, die es jetzt überall zum Cocktail dazu gibt. Jener neuen aus Bambus mittels Kunststoffkleber konstruierten Trinkhalmen. Sondern einer aus purem echten PE, Polyethylen. Wenn man sie anzündet, riechen sie nach Wachs, so wie es sich gehört.

Und jetzt herausragend aus einem Aperol bei einem Cocktails-to-go. Bei jenen Cocktails, mit denen die geschlossene Innengastronomie außen wirbt. Cocktails-to-go.

Cava?, hatte er gefragt.

Cava, hatte die Frau am Tisch vor dem Restaurant lächelnd geantwortet. Das Lächeln war die Offenbarung pur. Nur solch ein Lächeln sagte die Wahrhaftigkeit.

Cava. Aperol mit Cava. Und Spritz? Ja, natürlich mit Spritz. Aus feinstem Alpenwasser. Garantiert. Und nicht jenes 15,8° dH des Sendlinger Viertels. Sondern ehrliches Alpenwasser.

Gut. München hat das beste Trinkwasser aus dem Wasserhahn, unbestreitbar den besten Kraneburger Deutschland-weit. Aber ein Aperol mit 15,8° dH, das ist wie eine Espresso-Maschine mit einem Sieb, welches keine Abstimmung zwischen Lochgröße, Druck und Temperatur hat. Ein Touristenfang. Espresso für Arme.

Ein Aperol benötigt mindestens 21,2° dH. Nicht jene 15,8° dH. Jeder wahrhafte Italiener schwört auf den maßgeblichen Geschmack 21,2° dH. Selbst ein Espresso mit dieser Wasserhärte wird vom Genussmittel zum wahrhaften Erlebnis für jeden Feinschmeckergaumen. Mehr Sinnlichkeit ist kaum darstellbar. Ein Erlebnis wie ein Orgasmus für die Sinne.

Wer Norditaliens handverlesene In-Gastronomen kennt, der weiß um deren Aperol-Geheimnis. Jene schöpfen das passende Wasser aus einer speziellen, geheim gehaltenen Alpenregion, unweit des Dreiländerecks Schweiz, Lichtensteins und Österreichs. Also dort, wo unwissende Deutsche meinen, sie hätten das Paradies entdeckt, genau dort schöpfen die Eingeweihten das Wasser und importieren es unter Umgehung der zollrechtlichen Abfertigung im gefrorenen Zustand an die Tische der wohlig entspannten Toskana. Und gegen Bares im Umschlag auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair …

… nein, nicht jene Donau-gespaltene Stadt von Johann Adam Weishaupt, dem Gründer der Erleuchteten, jener Illuminaten, die von Aperol nicht den blassesten Hauch eines gesunden Wissens hatten, haben oder jemals haben werden …

… auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair war dieses orphische Know-How vorhanden. Und nur die Crème de la Crème der Hinzugehörigen wusste darum. Sie genoss es im Stillen zufrieden, während das Plebs angesichts rosa gefärbten Sekts bereits in Ektase und Urlaubsschwurblereien geriet. Selbst jene Weltstädte wie Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und Münster waren hinter dem Wissen des Wissens her, aber liefen kontinuierlich ins Leere und imitierten Aperol-Rezepte für deren eigene Adepten.

Nun. Ganz extrem wurde diese Sehnsucht nach italienischem Flair in jener nördlichen italienischen Exklave unter weiß-blauen Himmelsdach im Februar 2020. Da war es besonders schlimm. Schlimmer noch als das berühmt berüchtigte Stangenfieber in deren Englischem Garten.

Nachforschungen der “Aperol-Società per la verità e la saggezza” musste resignierend konstatieren, dass es kein Restaurant in München mehr gab, welches Aperol auf deren Karten nicht anbot. Schlimmer noch, die ersten Döner-Buden boten sogar veganen Aperol zum Knofi-Zaziki-Falafel-Menü im Knusper-Weissbrotbrötchen an. Dubios anmutende mexikanische Burrito-Food- Anbieter folgten. Als dann sogar ein stadtbekannter Weißwurst-Verwurstler seine biologisch-dynamisch hergestellten Weißwürste mit vegetarischen Aperol aus kontrolliert veganen Raubbau mit naturidentischem Bayer-Düngemittel zu angeblich niedrigen Discount-Preisen auf bekanntem Hartz4-Niveau anbot, da war Gefahr im Verzug. Wenn schon die Schickeria ihren Porsche-Gourmet-Sinn gegen einen Daimler-Smart umtauscht, dann muss etwas faul sein. Mitlaufen ohne Denken kann nicht gut sein, auch nicht für eine gute Sache.

Es musste etwas getan werden. Die Weishaupt-Nachfolgeorganisation konnte nicht eingreifen. Sie war in einem staatlich angezetteltem Rechtsverfahren über Auspuffe verhaftet und musste deren Rechtsvertreter von USA über Stuttgart, München bis Wolfsburg voll beschäftigen.

In diesen Stunden der höchsten Not traf ein Abgesandter der Società auf einen Amerikaner in Schottland, der gerade versuchte, einen kleinen, weißen Golfball in ein etwas größeres, schwarzes Loch einzuputten. Anfangs war jener Amerikaner not amused, aber dann wurde der Pakt geschlossen. Auf Ruhm und Ehre. Klandestiner Ruhm und und noch mehr klandestine Ehre. Lunga vita alla patria plus München leuchtet und dazu noch America first. Nur so gelang der Società im Einklang mit der Schutzmacht Europas für amerikanische Produkte und Ideen, der unkontrollierten Ausbreitung einer Aperol-Mentalität auf unterstem Niveau zu verhindern. Ein voller Erfolg. Auf den Restaurantkarten gab es zwar noch Einträge, aber niemand konnte mehr diese bestellen.

Er sog an seinem Trinkhalm. Er spürte das Prickeln des Aperol Spitz. Die pure Erfrischung. Die Blicke der Vorbeigehenden registrierte er. Es waren neidvolle Blicke. Eindeutig. Neid musste man sich erarbeiten, Respekt gab es dann als Kleinod hinzu.

Er genoss diesen Moment der Unbeschwertheit. Die belebende Wirkung des Cavas, die 21,2° dH, die Bitternis des Zusatzstoffes, das Prickeln des Sodas. Alles war eins. Alles um ihn herum umgab ihn in wohligem Sein.

Die Sonne schien und wärmte den Frühling. Die Passanten, die ihn passierten, gaben ihn das Gefühl der Exklusivität. Ihre Blicke waren  neidvoll und bewundernd. Er fühlte sich als  Ausgewählter, als Kenner der Wahrheit, als Begünstigter seines Wissens. Und alle um ihn herum wussten nicht, was sie verpassten. Sie wussten nicht, was sie mit deren gewöhnlich trainierten Gaumen nie erfahren könnten. Würden sie wissen, wo man den Aperol bekommen könnte und wie er wirklich schmeckte, sie würden es selber erfahren können, wie erhaben er sich fühlte.

Die Sonne schien. Er fühlte sich wohl. Er schwebte. Wie ein Auserwählter. Einer der wahrlich Erleuchteten in der Masse jener, die nur einen Sonntag vor dem nächsten rigiden Lock-Down für deren niederen Intentionen nutzen wollten.

Die Sonne schien. Rot versank sie hinter dem Kirchturm Sendlings.

Er sog noch einmal am Trinkhalm. Ein Genuss mit 21,2° dH. Sowas gibt es nicht alle Tage, nördlich Italiens. Das kann nicht jeder haben. Das muss seitens jedem neidlos anerkannt werden.

Leer. Ein schwungvoller Wurf und der Becher landete im Mülleimer an der Ampel im Schatten des Kirchturms.

Jede Zeit hat ihre Helden

»Früher da hatte ich einen Bagger, damit konnte man rechts kurbeln und dann hatte der Bagger gebaggert. Den ganzen Sandkasten hatte ich damals damit weggebaggert. Den Sand von links nach rechts. Und wieder zurück. Als ich noch richtig junger Jüngling mit viel Zeit war.«

»Und was biste heute?«

»Älter ohne Zeit.«

»Warum gehste nicht zum Suezkanal? Mit deinem Sandkastenbagger? 400 Meter Stahl versperren momentan 200 Meter Kanalbreite.«

»Über 400 Meter wurde vor fünf Jahren bei der Olympiade in Rio de Janeiro der Weltrekord aufgestellt. Mit 43 Sekunden.«

»Über 200 Meter steht er bei knappe 19 Sekunden durch Ursain Bolt. Das ist die Zeit die ein jagender Gepard für 400 Meter braucht.«

»Solange benötige ich zum Überlegen, um den Gedanken an Leistungssport gleich wieder zu verwerfen. Sollen die anderen doch.«

»So siehste auch aus.«

»Willste sagen, ich wäre dick?«

»Nein, nur langsam im Denken.«

»Blitzmerker.«

»Danke.«

Über Hunde, die bellen, …

»Dritte Kasse, bitte!« Ich liebe diesen Moment. Meine Stimme allein im Verkaufsraum. Mit Recht gegen Bequemlichkeit und Kundenfeindlichkeit in einem Drogerie-Markt. Danach nur noch betretene Stille abseits den Verkaufsregalen.

»Dritte Kasse, bitte!« Prinzipiell werden Wünsche immer nur erfüllt, wenn der Nachdruck stimmt. Auf den Nachdruck kommt es an.

»Nu schreien Sie mal nicht so rum, junger Mann«, fiept eine Stimme zu mir rauf. Die alte Seniorin, Typ Hackenporsche-Schlepperin mit internalisierten 5-Promille-PS-DöSchwo-Motor, vor mir hat sich umgedreht und schaut mich jetzt entrüstet an.

»Ich schrei nicht. Ich will nur mein Recht auf schnelles Kassieren. Ich will nicht hier meinen Lebensabend verbringen«, ich tippe dabei auf meine Sportuhr und packe dem noch etwas nachdrücklich einen drauf: »Dritte Kasse, bitte!«

»Ja, is ja gut. Man hat dich gehört, Mann.« Ein junger Hipster in der anderen Schlange schaut mich vorwurfsvoll an. Mit seinen kleinen Finger rührt er in seinem rechten Ohr, als ob er gerade so etwas wie ein Knalltrauma erlebt hätte und sich den Rest vom Knall aus seinen Gehörgängen pömpeln wolle.

»Ja, nee, klar. Die Jugend mal wieder. Wie ihr über unsere restliche Lebenszeit mal wieder verfügen wollt, echt jetzt, das ist doch die reinste Arroganz.«

»Ey, Boomer, ist mir doch egal, ob du hier beim Warten krepierst, Hauptsache du kannst dann nicht mehr so rumtröten. Sei mal cool, Alter!«

»Ach ja? Am Wochenende sich mit R&B die Ohren voll knallen, aber hier auf Sensibelchen machen? Super. Tolle Zukunft. Dritte Kasse, bitte!«

»Wir haben es gehört«, tönt es enerviert von einer der Kassen.

»Ach ja? Und hat das Hören geholfen? Dritte Kasse, bitte!« Zeit für Kundenunfreundlichkeit statt mal etwas für den Kunden zu tun. Service-Wüste Deutschland.

Eine Hand legt sich leicht auf meinen Oberarm: »Ich muss Sie bitte, ein wenig leiser zu sein.« Eine Frau im Business-Outfit dreht mich zu ihr hin. »Wir haben Sie gehört, das hat meine Kollegin doch bereits gesagt. Es ist völlig unnötig, immer wieder das Gleiche zu fordern. Wir sind um unsere Kunden bemüht und …«

»Haben Sie mich angefasst?« Ihre Hand ergreifen, sie ruckartig von meinem Oberarm zu nehmen und weg zu stoßen waren mir ein wohltuender Reflex. »Haben Sie mich etwa angefasst? Sie sollten das unterlassen. Das ist eine Tätlichkeit, sie wissen das, nicht wahr.«

»Und Sie wissen, dass ich die Marktleiterin bin und hier das Hausrecht habe? Das sollten Sie sich merken. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, sehe ich mich gezwungen, Ihnen Hausverbot zu erteilen.«

»Ach ja? Nur weil Sie uns Kunden mies behandeln wollen und keine dritte Kasse aufmachen wollen? Gewinnmaximierung durch Beschäftigungsminimierung, oder was?«

»Die dritte Kasse wird gleich geöffnet.«

»Und?«

»Und was?«

»Und deswegen müssen Sie gewalttätig werden und mich anfassen? Nur weil Sie sich weigern, eine dritte Kasse zu öffnen?«

»Ich war nicht gewalttätig. Das kann hier jeder erklären. Und ich hatte Ihnen doch bereits gesagt, dass eine dritte Kasse geöffnet wird. Und … «

»Absichtserklärungen, Absichtserklärungen, immer nur Absichtserklärungen! Worte sind schön, nur Hühner legen Eier. Statt Kunden auf solch mieser Weise zu behandeln. Kundenfreundlichkeit geht anders …«

Die Schlange bewegt sich. Die dritte Kasse war geöffnet worden. Die zwei Schlangen erweiterten sich um eine weitere, indem die Wartenden sich schnell an der neuen Kasse einreihten. Durch jene Marktleiterin war ich zu sehr abgelenkt, so dass mir nur wieder einer der letzten Plätze in einer der drei Schlangen blieb.

»Verhalten Sie sich ruhig, bitte. Sie hätten sich Ihr Hausverbot eigentlich redlich verdient gehabt. Ich lass aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen. Verhalten Sie sich also ruhig«.

Die Marktleiterin dreht sich weg und verschwindet zwischen zwei Regalen inmitten von Pillen, Tampons, Gummis fürs Haar und achtlagigem Tissue-Klopapier aus grauen Recyclingpapier der Marke »Extra rau«.

Drei Schlangen verharren vor mir und ich starre die Schlangen an. Kaum Bewegung. Der Blick auf meiner Uhr ergibt, dass ich bereits knappe fünf Minuten in diesem Laden verweile, vier allein davon mit drei Deos in beiden Händen an der Kasse.

Vor mir allein diese drei Schlangen. Endlose Schlangen. Jede mindestens aus drei Leute gebildet. Erstarrt wie Salzsäulen eines Kunst-Happenings. Als ob die ganze Welt unendliche Zeit im totalen Überfluss besitzen würde. Als ob jeder die Unendlichkeit gepachtet hätte.

Drei Augenblicke hat diese Szenerie noch verdient. Drei. Mehr nicht. Kriegen die Kassierenden es nicht hin, die Scanner korrekt zu bedienen? Oder sind die Geldstücke für jene zu klein zum Nachzählen? Oder die Bankkarten alle unleserlich? Oder sammeln die Sammelpunktekarten die Punkte zehntelweise? Wissen die dort eigentlich, was die zu tun haben? Wer hat die geschult?

Noch einen weiteren großzügigen Augenblick. Keine Änderungen. Die Schlangen verlängerte sich bereits um jeweils eine weitere Person. Merkt eigentlich niemand, dass an den Kassen Zeitdiebe sitzen? Elendige Zeitdiebe, die die Kunden dafür zusätzlich noch abkassieren? Eigentlich müssten die Kunden für deren Warten bezahlt werden, für deren Geduld, für deren schweigendes Ertragen, für deren Murrenlosigkeit.

Ganz klar. Putative Notlagen hin oder her, so etwas erfordert deutliche und klare Ansagen. In meine Lungenflügel pumpt sich Luft, mein Brustkorb hebt sich, ich drücke den Rücken durch und lasse es vibrierend gen Decke ertönen:

»Vierte Kasse! Bitte!«

Sage mir, Mignon, kennst du das Land, wo …

Kennst du das Land, wo die Kennzahlen blühn,
Im reinen Licht der Mathematik glühn,
Ein milder Hauch der mächtgen Numerik,
Jed’ Bär wird still, jed’ Bulle seelig,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, Arithmasthenie, ziehn!

Kennst du Mathe? Auf der Welt ruht ihr Dach,
Es glänzt die Zahl, gern als Wert auch mehrfach,
Kennzahlen-Bildner stehn und sehn dich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst es nicht wohl?
Damit, damit
Rechne, du Mathe unkundig’ Relikt.

Kennst du Wahrscheinlichkeit und Algebra?
Jed’ Rechner hat sein Abrakadabra,
Wartend mit Formeln, Ziffern und Zahlen,
Um Arglose ungnädig zu mahlen.
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg. Oh Kennzahl, lass uns ziehn!