Kneipengespräch: Der brutal negative Einfluss der Mainstream-Medien

Koelsch

»Endlich ist es mal vorbei, mit diesen Corona-Trendgequatsche.«

»Wie bitte?«

Mein Thekennachbar schaute mich fragend an, während mir der Wirt ein neues frischgezapftes Kölsch vorbei brachte.

»Ich sagte, endlich ist es mal vorbei, mit diesen Corona-Trendgequatsche.«

»Und ich sagte, wie bitte?«

Ich schaute ihn irritiert an: »Wollen Sie mich provozieren?«

»Ich trinke hier nur meinen Kaffee«, sagte er und rührte in seiner Tasse. Daneben stand ein Glasfläschchen. Er öffnete es und schüttete kleine Kügelchen in seinen Kaffee. Und rührte wieder um.

»Süßstoff?«, fragte ich.

»Nein. Globuli. Arsenicum album.«

»Arsenicum album? Leiden Sie unter Magenbeschwerden, Durchfall oder Erbrechen?«

»Nein. Ich habe die von meiner Frau. Diese Kügelchen sind wunderbar zum Süßen von Kaffee.«

»Ist das nicht teuer?«

»Jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir auf. Aber meine Frau kauft es Dutzendweise.«

»Zum Süßen von Kaffee?«

»Nein, gegen Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen.«

»Was hat sie? Ich hoffe doch nichts gefährliches.«

Er legte seinen Löffel beiseite, ergriff seine Tasse nahm einen Schluck, verweilte einen Moment, setzte die Kaffeetasse ab, schraubte den Deckel vom Glasfläschchen ab und schüttete nach.

»Sie hat durch eine Nomophobie-induzierte Heterophobie gepaart mit derealisationsähnlichen Symptomen.«

Er bemerkte meinen fragenden Blick.

»Ihr Arzt hat das diagnostiziert und weil sie Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen hatte, verschrieb ihr der Arzt Arsenicum album.«

»Und es wirkt?«

»Anscheinend. Die Symptome Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen, die sie immer wieder tendenziell bemerkte, die seien wohl vorbei, meint meine Frau. Seitdem soll ich ebenfalls – vorbeugend – täglich ein paar Globuli einschmeißen, damit ich nicht auch Auswirkungen ihrer Nomophobie-induzierten Heterophobie gepaart mit derealisationsähnlichen Symptomen bekomme.«

»Haben Sie dieses Nomophobie-Symptom-Gequatsche auswendig gelernt?«

Er antwortete zuerst nicht, sondern rührte wieder seinen Kaffee um. Dann blickte er mich an und meinte: »Der Glaube versetzt Berge und die Globuli machen den Kaffee süß. Und immer wenn ich in einer Kneipe bin und Stammtisch-Luft schnuppere, schütte ich etwas davon in meinen Kaffee. Als ihr Wort ‚Corona-Gequatsche’ fiel, merkte ich mal wieder, wie sie wirken.«

Ich hatte nicht genau verstanden, was er meinte: »Was bitte?«

»Es wirkt gegen ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten.«

»Sie wollen sagen, ich rede Quatsch?«

»Ihre Worte.«

So ein Arsch, ging es mir durch den Kopf. Wenn solche Menschen denkfaul sind, dann sollten die sich mit solch einer dümmlichen Meinung zurück halten. Ich ergriff mein Kölsch und nahm einen Beruhigungsschluck. ‚Corona-Gequatsche‘, das war doch nur ironisch sarkastisch mit einem Schuss Ernsthaftigkeit gemeint. Das war doch eindeutig witzig, humorvoll. Was glaubte der eigentlich, wer er ist? Einer dieser Pseudo-Informierten?

»Und was meinen Sie genau mit ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten?«

»Genau das, was ich gesagt habe. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Aha.«

Ich drehte das Kölsch auf meinem Deckel. ‚Corona-Gequatsche‘-Ansichten. Soso. Man kann sich zwar seine Stammkneipe aussuchen. Nur Gäste, die darf man leider nicht sich vorher aussuchen. Und erst recht nicht Sitznachbarn.

»Ich finde, dass in dieser Hochwasserkatastrophe, der Staat gründlichst versagt hat, wissense. Die ganzen Politiker, die gehören alle mit ihren Hochwassertourismus in dem Schlamm eingebettet, den die selber nicht wegräumen wollen.«

Er blickte von seinem Kaffee hoch und sah mich an. Ich rümpfte die Nase ein wenig, um ihm mitzuteilen, dass das Fakt sei. Dass die Politiker einen absolut schlechten Job in der Hochwasserkatastrophe gemacht hatten. Da war verdammt viel Luft nach oben, den Raum, den sie nicht fähig waren, mit Kompetenz auszufüllen.

»Wenn Sie meinen.«

»Ja, meine ich. Haben Sie nicht die vielen Interviews dieser Selbstdarsteller gesehen? Kaum richtet ein Kamera-Team die Objektive und Mikrofone auf sie, da werden sie ach-soooo mitfühlend in ihren nigelnagelneuen Gummistiefeln. Richtige Empathie-Monster. Dabei imitieren die doch bloß.«

»Aha.«

»Ja. Aha. Genau. Man muss sich diese Selbstdarsteller mal genau anschauen in diesen Mainstream-Medien. Diese gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen und die Politiker arbeiten doch Hand in Hand. Clericus clericum non decimat.«

»Aha. Sie hatten Latein in der Schule, oder? Humanistisches Gymnasium, wa?«

»Das heißt für Sie übersetzt: die eine Krähe hackt der anderen Krähe kein Auge aus.«

»Das heißt das sicherlich nicht.«

»Woher wollen Sie das wissen? Hatten Sie Latein?«

Er lächelte leicht spöttisch und rührte in seinem Kaffee. Der Wirt brachte mir ein frisches, neues Kölsch. Vier Striche auf meinem Deckel. Wenn es läuft, dann läuft’s.

»Nein, aber ‚clericum‘ hört sich eher nach Kirche an, statt nach Ornithologie. Obwohl, ist eigentlich das gleiche. Es geht auch der Kirche immer nur um klandestine Gelegenheiten zu Vögeln.«

»Hab ich übers Vögeln gesprochen?«

»Nein, aber über Klerikale. Ist das nicht eh das gleiche?«

Guter Versuch. Diese Strategie von ihm. Whataboutism in Reinform. Immer ablenken und andere themenfremde Themen zum Hauptthema machen. Tintenfischtaktik. Vernebeln bis zur Unkenntlichkeit. Er lächelte und ich versuchte zu kontern:

»Eben nicht. Wenn diese Selbstdarsteller in Katastrophengebiete sich von anderen Selbstdarstellern interviewen lassen, aber ansonsten keinen Handschlag tun, dann ist das pervers. Und dafür zahlen wir alle diese Zwangs-GEZ-Gebühren.«

»Die GEZ gibt es schon lange nicht mehr. Feindbild ‘GEZ’ ist sowas von Nuller-Jahre. In welcher Welt leben Sie?«

»Sie wissen, was ich meine!«

»Was meinen Sie denn?«

»Die Politiker tun gar nichts. Aber lassen uns zahlen. Immer. Immer nur wir. Die nie. Sondern stattdessen lassen sie uns Menschen allein und lachen auch noch hinterrücks, wenn sie meinen, man sähe sie nicht. So wie der lachende Laschet im Rücken vom selbstredenden Steinmeier. Aber wir, wir sind nicht blind, nicht wahr. Wir sehen es! Die absolute Dreistigkeit der Mainstreammedien ist es dann sogar, so etwas trotzdem zu senden!«

»Was hätten sie sonst machen sollen? ARD-Brennpunkt zu Laschets Lach-Flash? Halbstündige Sondersendung im ZDF? Und Steinmeier dann auffordern, seine Rede nochmals zu halten, während Laschet nicht mehr hinter ihm stehen darf?«

Ich hatte das Gefühl, der Typ legte es drauf an, mich vorsätzlich wegen meiner begründeten Meinung zu provozieren: »Was Sie da reden ist doch Quatsch! Wegen Menschen wie Sie trauen sich doch immer weniger Menschen ihre Meinung zu sagen! Menschen wie Sie sind die nützlichen Idioten der Mainstreammedien«, blaffte ich ihn an.

»Na, immerhin besser nützliche Idioten als unnütze Idioten, nicht wahr?«, antwortete er und lächelte maliziös. Erneut provozierend.

»Ach ja? Gäbe es die vielen Menschen nicht, die unentgeltlich jetzt in den Hochwasserkatastrophenregionen helfen, dann würden die armen Bewohner der Gegenden weiterhin in ihrem Dreck stecken und leiden. Der Staat aber tut nichts. Stattdessen lässt er von sich Hochglänzbilder und -videos fürs Abendprogramm seiner Medien-Vasallen zwischen Salzgebäck und Bier präsentieren. Statt sich mal mit den Betroffenen zu unterhalten und deren Sorgen und Nöte empathisch zu verstehen. Empathie ist denen völlig fremd.«

Ob dieser eklatanten Arroganz der Politik hatte ich mich in Rage geredet. Mein Kölsch war schon zur Hälfte getrunken und ich überlegte, ob ich aus dem Rest noch zwei Schlucke machen oder es gleich exen sollte. Die leichte Schaumkrone in der Stange sprach eher für die Zwei-Schluck-Strategie. Der Wirt blickte in meine Richtung und suchte mein Vorhaben an den Falten auf meiner Stirn abzulesen.

»Ist das so?«, fragte der Kaffeetrinker neben mir betont vorsichtig zurück.

»Ja, was soll es denn sonst sein? Es ist doch auffällig, dass es nicht nur mir allein auffällt.«

»Wieso? Wem fällt es denn noch auf?«

»Sie lesen nur Mainstream, oder? Lesen Sie doch mal auch alternative Medien. Zum Beispiel die Nachdenkseiten! Jens Berger, der Spiegelbestseller-Autor seines Corona-Buches, dieser hat einen bemerkenswerten Artikel über diese Selbstdarstellungssucht der unfähigen Politiker geschrieben. Auch in anderen alternativen Internet-Blogs finden Sie gleiches. Das ist die Phalanx gegen die stupiden Mainstreamer!«

»Jens Berger? Der Meister der adjektivierten Substantive? Der Spieler mit Adverbien und Füllwörter, Konnotationen und Selbstbeweihräucherung? Der selbst nicht davor zurück schreckt, sich selbst als valide Quelle zu zitieren?«

»Was wissen Sie denn schon über Jens Berger?«

»Einiges. Auch über Albrecht Müller, dem Herausgeber der Nachdenkseiten. Wenn man Albrecht Müller als den feingeistigen Degenfechter gegenüber der vermeintlichen Bedrohung einer Übermacht des organisierten Verbrechen, also einer staatlichen Konglomerat-Bande, bezeichnet, so ist Jens Berger der Hackebeil-Schlächter, der es versteht seine gedanklichen Rundumschläge in nett anzuschauender adjektivistischer Pseudo-Intellektualität adverbial zu verpacken. Ich würde ihn ebenfalls zu den ‚unnützen Idioten‘ einordnen. Beide sind doch in einem Wahn behaftet, von einer Allmachtsphantasierealitätsgestaltung anderer beherrscht zu sein.«

Wortungetüme aussprechen, das konnte er wohl. Aber Inhalt statt  nur solche Worthülsenabsonderung? Für einen Moment musste ich mich sammeln. Vor mir saß ein Ignorant, ein Hetzer und ein Dummkopf par excellence, der sich der Wahrheit, der Realität verweigerte. Ein Schöngeist. Ein Dummkopf: »Ach ja? Er steht allerdings nicht alleine mit seiner fundiert begründeten Meinung. Im Gegensatz zu Ihren Hetzereien hier.«

»Hetzereien? Oder wollten Sie sagen, Ketzereien? Wo ist denn Jens Berger seine fundiert begründete Meinung?«

»Er bringt Quellen, die zeigen, dass der Staat komplett unfähig ist, Katastrophen angemessen entgegen zu wirken, dass der Staat komplett unfähig ist, zu helfen, dass unsere Politiker nur Reden vor deren Lakaien mit Kameras schwingen statt selber mal tatkräftig anzupacken. Und das weist er nicht erst seit der Hochwasserkatastrophe, sondern bereits seit seit März 2020, dem Anbeginn von Corona, nach. Wie hilft denn der Staat? Wo isser denn, wenn es darum geht Katastrophen zu vermeiden und nach Katastrophen tatkräftig anzupacken? Wo sind denn deren Lakaien und Vasallen, wenn es darum geht, das echte Leid mal deren öffentlich-rechtlichen Zuschauer nahe zu bringen? Wo sind sie denn alle?«

Ich musste Luft holen und das tat ich zwischen zwei Schlucke Kölsch. Ja, ich hatte mich in Rage geredet. Nun, wenn ein solcher Spinner neben mir einen solchen Unsinn ablässt und keiner da ist, um solch einem Tand zu widersprechen, ist es dann ein Wunder, wenn dann jeder voller Angst feststellt, dass dieses Land mit Politikern als Kapitäne volle Fahrt auf den nächsten Eisberg zu hält? Und dass sich ein Land kontinuierlich abschafft, dafür war dieser Kaffeetrinker neben mir am Tresen der lebende und treffenste Beweis.

»Der Staat hilft …«, setze er an.

»Ja, wo isser denn in den Katastrophenregionen?«

»Feuerwehr, Rote Kreuz, Polizei …«

»Ach ja, paar Tröpfchen auf dem heißen Stein.«

»THW, Bundeswehr …«

»Jaja, das Lieblingsargument. Aber die wahren Helfer sind die Leute der Umgebung und aus anderen Gegenden. Nur Feuerwehr, Polizei und THW behindern diese, statt denen Raum zum Helfen zu geben! Und die Bundeswehr mit ihren paar Hilfsmittelchen wird nur deswegen beachtet, weil die Mainstreammedien mit Tele auf deren einzelne Bergungsfahrzeuge zoomt. Da brauchste nur ins Internet zu gehen, da findeste Hunderte von Belegen, was da alles für ein Scheiß vom Staat passiert! Der organisiert gar nichts, wenn mal ne Katastrophe passiert!«

Ich winkte dem Wirt für ein neues Kölsch.

Der Nachbar hier nervte langsam. Keine Ahnung von nichts, aber mitreden wollen. Wie hatte Dieter Nuhr schon 1998 treffend in dem damaligen Programm von ihm bemerkt: Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten.

Wobei, das Zitat ist zwar von ihm, aber die eigentliche Quelle ist Ekel Alfred Tetzlaf aus der Mendes-Serie »Ein Herz und eine Seele«. Aber damals war das in der normalen Sprache der Mitte 1970er gesagt worden. Eine Barbrock wäre für das Abkupfern eines solchen Spruches gesteinigt worden. Dieter Nuhr hat die Gunst des Spätgeborenen. Daher darf er auch über Baerbocks aus anderen Büchern kopierten Stellen in deren Buch lästern. Denn er hat Ahnung und hält deswegen nicht seine Fresse.

»Was denn nun?«, fragte er mich im ironischen, leicht sarkastischen Tonfall, »beteiligt sich der Staat nun? Oder beteiligt er sich nicht? Oder hätte er Rosinen-Bomber starten lassen sollen, die Euro-Geldscheinbündel über das Krisengebiet abwerfen? Oder Lebensmittel-Pakete? Oder Pampers, zum Aufsaugen der überflüssigen Flüssigkeiten in jenen Dörfern? Die THW-Helfer werden durch selbstdeklarierte Querdenker-Aktivisten behindert, weil diese Aktivisten jene als Büttel des Staates sehen. Die fahren sogar nachweislich mit Fahrzeugen herum, welche Polizeifahrzeugen und deren Lackierungen nachgeahmt wurden und verkünden den Bewohnern per Lautsprecher, dass der Staat sich bei der Hilfsaktion zurück zieht und die Hochwasserofper alleine lässt. In Ahrweiler. Mit Fahrzeugen aus hier um der Ecke: Starnberg. Nummernschild lässt grüßen. Berichtet darüber auch ein Jens Berger? Oder tut er es nicht, weil er damit den Staat und seine Bediensteten nicht niedermachen kann? Wer erkennt darin ein Muster?«

»Sie werden unsachlich!«

»Und Sie blicken es nicht«, gab er mir zurück. »Katastrophen sind keine Katastrophen, wenn man deren Verlauf im Voraus kennt. Dann wären es schlichtweg normale Ereignisse. Wer sich beklagt, dass der Katastrophenschutz seiner Aufgabe nicht nachgekommen wäre, der hat nicht die Natur einer Katastrophe verstanden. Katastrophe an sich ist etwas unkalkulierbares, das immanente Risiko des Daseins, der Existenz. Wenn es keine Katastrophen gegeben hätte, würde in ihrem Vorgarten noch immer ein Diabloceratops grasen, begleitet von einem Neandertaler und dessen LAG Lucy. Und für Sie wäre es eine Katastrophe. Verstehen Sie? Ein Dino der ihren Garten ohne Lizenz abgrast. Katastrophenschutz ist eine Risikoverminderung, allein getätigt aus einer Risikoabschätzung! Und gerade beim Thema Wetter sagt doch eh jeder, dass der Wetterbericht von morgen die Lüge von heute ist. Keiner vertraut dem Wetterbericht von morgen. Da genießt das tägliche Sternzeichen-Horoskop der BILD-Zeitung bereits erheblich mehr Vertrauen.«

Der Typ bewies, dass ihm der richtige Durchblick fehlte. Sternzeichen-Horoskop. Ein wohl arg verwirrter Esoteriker. Ganz klar, der Typ neben mir verstand nichts, blickte nichts. Aber auch dreimal nichts. Geschweige war sein Nachdenk-Vermögen auf niedrigem Niveau. Vernachlässigbar. Ein totaler Nullblicker:

»Sie reden am Thema vorbei! Wahrscheinlich sind Sie auch der Ansicht, der Starkregen ist der Klimawandel«, erwiderte ich und versuchte meine Stimme dabei ganz sachlich zu halten.

»Natürlich nicht!«, entgegnete er, »weil Wetter und dessen Auswirkungen sind nicht der Klimawandel, sondern die Hinweise, weswegen dass das Klima dabei ist, sich negativ zu verändern. Kimawandel passiert nicht zwischen Salzgebäck und Bier und zwischen ‘Bachelorette 2021’ und ‘Deutschland sucht den Superstar’, sondern zieht sich unerbittlich über zwei, drei Menschengenerationen hin.«

Zwei, drei Menschengenerationen. Als ob er solange schon gelebt hätte. Als ob er Wissenschaftler wäre. Der Typ nervte. Die Weisheit glaubte er wohl gepachtet zu haben. Eine eindeutige Auswirkung der verschroben verschobenen, manipulierenden Ansicht der Wahrheit der Mainstreammedien:

»Aha, Sie haben also die Weisheit mit Löffeln aus der Mutterbrust ihres Mainstream-Fanboy-Tums gesaugt, nicht wahr?«

»Nein. Selbst meine Mutter schwörte bereits auf Globuli. Ebenso wie meine Frau heute. Nur nannte meine Mutter Globuli immer nur ganz profan ‘Zuckerwürfel’. Und auch noch ‘effektive Süße’. Zuckerwürfel knackten wenigstens beim Kauen zwischen den Zähnen. Globuli dürfen das nicht, weil sonst schädigen sie den Zahnschmelz nachhaltig. Drum lösen die sich schneller auf als Süßstofftabletten. Sind allerdings aber auch teurer. Aber meine Frau zahlt’s ja.«

Er griff erneut zu seinem Gläschen und schüttete wieder eine Portion in seinen Kaffee: »Tja, nur, Süßstofftabletten sind erheblicher effektiver in Sachen Süßen als Globuli.«

»Würde der Staat effektiv in den Katastrophengebieten helfen, dann würde sich niemand beschweren. Dann hätte auch ein Jens Berger nicht als Kronzeugen der staatlichen Untätigkeit das ‚Lohnunternehmen Wipperfürth‘ in seinem Nachdenkseiten-Kommentar anführen müssen. Schau dir doch die Videos an, auf dessen Facebook-Account. Wie er das filmt, was man in den Öffentlich-Rechtlichen verschweigt. Was man dort nicht berichtet, weil man das Versagen derer politischen Protegés kaschieren möchte.«

Während ich das sprach, liefen vor meiner inneren Leinwand erneut die erschütternden Videos des Markus Wipperfürth ab. Das brutale Elend. Die hoffnungslose Trostlosigkeit. Und dagegen die heldenhafte Tapferkeit der unermüdliche Helfer. Und dann wieder die hilflos zuschauenden Opfer, die auf deren vernichtetes Hab und wertlos gewordenes Gut blicken. Die den untätigen Staat berechtigt für dessen vorsätzliche Tatenlosigkeit anklagten. Und dann wieder die unermüdlichen Helfer. Und dann die verzweifelten Opfer. Und weit und breit kein staatlicher Helfer. Nur untätig herumstehende Staatsbedienstete, außer wenn sich gerade ein Objektiv oder Mikro auf jene richtete.

Er schaute mich zweifelnd an: »Ehrlich? Jens Berger, der Feind der órganisierten Überwachung durch Facebook, Amazon, Mikrosoft und Apple, der hat also einen Account, mit dem er die Videos überhaupt sehen kann? Interessant, dieses Schattenleben im Flutlichte von Facebook. Und: Sie beklagen die Hilfsbereitschaft der Freiwilligen? Und um jene noch weiter zu heroisieren, stellen Sie das angebliche Fehlen staatlicher Organisationen heraus? Weil der Staat keine Lohnunternehmen besitzt, weil er keine Armee der Starkregen-Sondereinsatzkommandos unterhält, ist es das, was falsch läuft? Oder ist es das Beklagen, dass der Staat Arbeitseinsätze nicht im Sinne des Kapitalismus bezahlt, sondern sozialistisch auch auf kostenfreie Nachbarschaftshilfe im Sinne der christlichen Nächstenliebe setzt? Ich hatte eine Woche vor der Katastrophe ein Gespräch, in dem beklagt wurde, dass Deutsche herzlos seien und sich kaum für das Schicksal seiner Nächsten interessieren. Würde jemand leblos in der Fußgängerzone liegen, niemand würde sich drum kümmern. Weil der Staat seine Bürger zur seelenlose Wesen erzieht und Ignoranz belohnt. Kaum eine Woche später entlarvt sich dieses Gelaber jetzt als Unsinn. Oder etwa doch nicht? Aber dem Staat kann man es vorwerfen. Das Volk ist freilich nicht der Staat. Das Volk ist dem Staate ein Fremdkörper, oder? Der Staat, das ist eine Clique von Selbstbereichernden, die andere Selbstbereichernde an deren Selbstbereicherung hindern. Ein Staat, der das Glück auf Bereicherung untersagt? ist das die logische Weiterentwicklung der Anklagen an den Staat? Redet eigentlich jemand in den alternativen Medien von den organisierten Plünderungen in den Hochwassergebieten, welche die Polizei bereits bei angeblichen ‘Schrotthändlern’ festgestellt hat? Nein? Komisch. Der Mainstream berichtet darüber. Den alternativen Medien ist es nicht reitschusterisch genug? Nicht Borriss genug, oder? Eben Weil es keine Kritik am Staat wäre? Erkennen Sie das Muster?«

Während seines Monologs ohne Punkt und Komma hatte er sich inzwischen zu mir rüber gebeugt. Dieses Verhalten war definitiv übergriffig. Das bemerkte ich gleich, das musste mir mein Gefühl nicht erst bestätigen. Typisch, wenn Argumente ausgehen, werden solche Tyen einfach mal übergriffig. Wenn so einer schon über Muster redet, entdeckt so einer überhaupt bei sich selbst seine Muster?

Nun, andererseits ist das mir auch nicht unbekannt, dass, wenn Menschen keine validen Argumente haben und deren Idiotie auf anderer Weise Nachhaltigkeitsbestreben sucht, sie mit allem an psychologischen Machwerk agieren, um deren Gegenüber in Argumentationsschwierigkeiten zu bringen:

»Wissen Sie, Sie brauchen sich nicht so zu mir herüber zu beugen. Das gibt ihren Argumenten auch keine bessere Position.«

»Ach ja?«

»Ach ja. Denn es geht nicht um das neoliberale Bezahl-Prinzip ‚Geld für Leistung‘, sondern hier geht es um gerechte ‚Aufwandsentschädigung‘ für erforderlichen Einsatz, nicht wahr. Wertschätzung? Kennen Sie das Wort überhaupt? Würde man Geld sofort an Bauunternehmen geben, dann müssten nicht so viele Freiwillige aufräumen!«

»Also, genau so wie das Modell ‚Masken gegen Geld‘ im letzten Jahr? Ist Ihnen aufgefallen, dass die Dokumentenfälschungen der Grünen Kanzlerin Baerbock in dieser Nation mehr Staub aufgewirbelt haben, als dass eine Partei mit gesellschaftlich postulierten christlichen Grundwerten mit getürkten Masken-Deals ordentlich in die eigene privatwirtschaftliche Tasche gewirtschaftet hat? Das Modell hatte doch auch Schiffermännchen zu persönlichem Reichtum geführt. Schiffermanneken lässt sich seine Wertschätzung auf sein Konto spenden. Er bittet und Hundertausende oder gar Millionen folgen.«

»Also, ‚getürkt‘, das ist jetzt wohl absolut eindeutig rassistisch! Da sollten Sie sich mal hinterfragen, wessen Geistes Kind Sie sind. ‚Getürkt‘. Unglaublich.Das man so etwas in diesem Jahrhundert noch hören muss. Ich dachte, Rassismus wäre überwunden!«

Er lachte: »Kommen Sie mir nicht damit, oder gehören Sie auch wie jener Nachdenkseiten-Jens-Berger zu den ‚Cancel Culture‘-Hassern? Die es bedenklicher finden, dass einem Antisemit dessen Internetauftritt gesperrt wird, als sich mit dessen antisemitischer Vergangenheit und seinem nachweislichen Verschwörertum auseinandersetzen?«

Diese abgrundlose, hetzerische Bemerkung hatte ich nicht erwartet und sie schlug mir auf den Magen. Ich versuchte meine Übelkeit zu unterdrücken:

»Jens Berger gehört zu den besten Kritikern in Deutschland, die es gibt! Er gehört zu den wahren Intellektuellen Deutschlands, zu den wahren Nachdenkern! Also hüten Sie ihre Zunge!«

»Ja, nee, is klar. Den meinte ich mit dem Antisemitismus-Vorwurf nicht. Jens Berger weigert sich aber, damit auseinander zu setzen. Die ihn darauf hinweisen, nennt er beckmesserisch. Sein Lieblingswort. Jens Berger folgt einem charakteristischen Muster. Immer wieder. Es scheint seinem Lesern aber nie aufzufallen. Vielleicht sollten dessen Leser sich mal dessen Argumentationslinien pro Kommentar aufzeichnen, vielleicht fällt denen dann das Berger-Muster auf.«

Er lachte kurz auf und setzte fort: »Er ist der Widerstand. Jedenfalls meint er es. Jens Berger ist komplett gegen das Tragen von Masken, weil er keinen Sinn in der Corona-Bekämpfung darin sieht. Deswegen leistet er auch Widerstand dagegen. Er hat auch geschrieben, wie er es tut. Dessen eigene Worte: indem er auf den Parkplätzen vor den Supermärkten keine Maske trägt, obwohl es gefordert war. Toll. Ein Held. Wahrscheinlich hat er auch den Lohnunternehmen Wipperfürth dessen Videos gesehen und hat dazu zu Hause tatkräftig seine zwei Daumen nach oben gezeigt: Und weil es heißt ‚Tue gutes und rede drüber‘, hat er in den Nachdenkseiten drüber geschrieben.«

»Hetzer! Sie reden nur Schwachsinn! Ist Ihnen da überhaupt klar?«

»Jens Berger ist genau eines der Exemplare Gutmenschen, also jene, welche ihm so verhasst sind. Schon mal aufgemerkt, dass er immer darüber meckert, was er selber an sich wohl nicht mag? Ist dir nebenbei aufgefallen, dass der Berger-Held Wipperfürth kein Vorbild sein kann? Ich sage nur STVO §23 und STGB § 201a. Besonders STGB § 201a. Jeder reklamiert Gaffer und die moralische Grenzwertigkeit von Sensationsberichterstattungen. Aber wenn es dann passiert, klatschen die Gleichen dann permanent Applaus. Natürlich nicht, wenn es Öffentlich-Rechtlich passiert. Dann ist das Geschrei groß, weil es Gaffertum und ähnlich mieses ist. Also die privaten Sender wie BILD-TV, die dürfen es, wenn es denn auch Werbung von Nestlé, Pampers, Procter & Gamble und eis.de gibt. Die sind dann innovativ. Öffentlich-rechtliche machen so etwas nicht. Deswegen sind die auch nicht innovativ, sondern ganz im Gegentum.«

Beherrschung.

Beherrschung.

Schreien wäre die richtige Reaktion.

Nur, wer schreit, der hat niemals recht.

Also Beherrschung.

Beherrschung.

Hetzern begegnet man nicht mit der Machete. Der zielsichere Stich mit dem feinen Florett ist erforderlich. Ein kräftig geführter Strich eines profunden Arguments ist immer der Feind einer labberigen, unfundierten Meinung. Nur darf man sein Gegenüber nicht so einfach gegen den Kopf stoßen. Man will ihn ja schließlich überzeugen, man ist ja schließlich Mensch.

Ich atmete tief durch, griff mein Kölsch und feuchtete meine Kehle an. Kölsch. Nichts hilft besser in solchen Situationen als der wohlgeformte Geschmack eines prickelnden Kölsch. Viva Colonia, viva la vida. Ich schaute meinen Tresennachbarn an und entgegnete:

»Sie greifen ziemlich in die unterste Schublade. Vielleicht sollten Sie sich mal Gedanken machen über den Unterschied zwischen einer sachlichen Auseinandersetzung und einem persönlichen Angriff. Wenn Sie nicht verstehen, dass sie beleidigend sind, kann ich Ihnen nicht helfen beim Nachdenken. Verzichten Sie bitte auf weitere wortreiche Epistel.«

»Epistel? Richtig, ich vergaß, Sie sprechen auch fließend lateinische Sprichwörter. Sie waren Lehrer in einem früheren Leben, nicht wahr? Sie sind der Meinung, ihre Schüler verehrten Sie, nicht wahr? Auch wenn sie es Ihnen nicht permanent zeigten. An Ihnen ist der absolute Oberlehrer verloren gegangen. Niemand hat Sie befördert. Verstehen Sie? Sie wären jemand, welcher jene Rainer Fühlmichs und seine Brüder Schiffermanns dieser Welt, jene Wolle Wordargs und den anderen Suchart Bakdadis der Randwissenschaftlichkeit, also Sie wären einer gewesen, der diesen den Weg der wahren Wahrheit weisen könnte. Ein wahrer Messias. Nun. Die ersten beiden genannten haben ja bekanntlich Hunderttausende an Spendengeldern auf deren private Konto eingesammelt. Sie dagegen haben nichts auf ihrem Konto, nicht wahr?  Die Füllmichs dieser Welt wollten mit dem eingesammelten Geld die Drostens dieser Welt verklagen, um damit der Welt zu erklären, das alles mit Corona-Bezug nur ein Witz wäre. Der zweite von den ersten beiden heulte öffentlichkeitswirksam über angeblich an Masken erstickte Kinder, tränenreich, anklagend, extensiv, pseudo-empathisch um Spendengelder einzusammeln, um dann dann Safaris in Tansania den Querdenkern anzubieten. Beide sind wohl ne Reinkarnation von den Politikern Friedrich Zimmermann, Old-Schwurhand, welcher dem Titel ‚Ankündigungsminister‘ in den 1990er Jahren erst seine Berechtigung gab. Aber wer interessiert sich schon für Ankündigungen von Querdenkern, die nicht umgesetzt wurden?«

Er schütte dabei erneut Globuli in seinen Kaffee, rührte erneut um, schmeckte das Ergebnis mit seinem Löffel ab und fuhr fort:

»Wenn eine Gruppe den Begriff ‚Postfaktische Wahrheiten‘ und ‚Fake News‘ ebenfalls mit Inhalt unterfüttert hatte, dann die Gruppe jener vier. Deren Vorteil war es bislang immer gewesen: wenn die was ankündigten und es trat nicht ein, oder wenn deren Behauptungen als falsch entlarvt wurden, es hat kein Schwein interessiert. Es stand in keiner Presse. Nicht mal in den alternativen Medien. Die alternativen Medien sind eh die Besten im Auslassen und Verschweigen, da hilft mal ein wenig Nachdenken, um das zu verifizieren. Aber passiert so etwas dem Mainstream, dann kleben die alternativen Medien wie Fliegen am Leimfänger daran. Der Unterschied? Fliegen sterben, alternative Medien leben vom Leimfänger, weil sie im Leim den Honig rausschmecken. Deren Motto: vom Mainstream lernen, heißt siegen lernen.«

Ich hatte ihn bei dieser unsäglichen Aussage gemustert gehabt. Dieser Mensch war der Typus, der keine Frau für seinen Haushalt und sein Bett abbekommen hatte und jetzt alles auf ein Randthema sublimiert hatte. Wenn es einen Beweis für die Gefährlichkeit der Mainstream-Medien, also der Öffentlich-Rechtlichen mit deren verfehlten Bildungsauftrag, gab, dann war er es: manipuliert, verblendet, auf Mainstream-Linie getrimmt und auch noch gefährlich eloquent. Im Grunde war jener es nicht wert, noch ein Wort mit ihm zu wechseln. Nur wir alle wissen: wer bremst, der verliert:

»Ach ja? So eine gequirrlte Scheiße, die Sie hier ablassen. Gäbe es die alternativen Medien nicht, die Mainstream-Knispel würden heute noch ungestraft in den Katastrophengebieten deren Lügen verbreiten.«

»Richtig. Mud-Facing der Mainstream-Medien ist ja kein Thema für die alternativen Medien. Weil es nicht von den öffentlich-rechtlichen Medien begangen wurde.«

»Mud-Facing?«

»Mud-Facing. Genauso mies und untergründig wie Black-Facing. Wenn sich Reporter der privaten Sendeanstalten bei der Berichterstattung Schlamm ins Gesicht schmieren, um authentischer zu wirken, um als Helfer zu wirken. Wenn Axel-Spinger-Verlag-Zeitungen und deren TV-Formate über TV-Empfangsgeräte und im Internet deren Senf und Müll zu dem angeblichen Staatsversagen gemeinsam zu den Hochwassermüll an den Straßenrändern stellen und es medial als Gold deklariert wird, dann sollte eigentlich jeder aufmerken. Da redet keiner von diesen Ach-so-Querdenkenden über Mainstream, eben weil es nicht mehr öffentlich-rechtlich ist. Alchemisten, die aus Stroh Gold produzieren wollten, waren schon im Mittelalter die unantastbaren heiligen Kühe zum Melken für eine verschrobene Minderheit. Warum sollte es heute anders für alternative Medien sein?«

C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Ich schnaufte.

Ich atmete tief.

Nein. Nicht provozieren lassen.

Nein. Niemals. Nimmer. Nicht.

Diese Verblendeten legen es drauf an, andere zu blenden. Jene sind argumentativ geschult, kadermäßig wahrscheinlich, und machen aus komprimierter Scheiße mit viel Druck Kunstdiamanten. Jene Manipulierer sind gefährlich. So wie eine Sekte. Wie Influencer.

Ich schnaufte.

Ich atmete tief.

Nein. Nicht provozieren lassen, aber auch der Antwort nicht schuldig bleiben:

»Wir zahlen Zwangsabgaben für das Öffentlich-Rechtliche, die deren Bildungsauftrag nur als Hofnarrenonanisten der Regierung verstehen. Die betreiben Hofnarrenonanie! Das sind Wixer! Totale Wixer!«

»Sie sind Sexist? Wixer bezieht sich nur auf Männer. Geht gar nicht. Das ist misogyn. Und auch noch misanthrop. Ich hab was dagegen. Auch ein paar Globuli? Dann ist der Kaffee nicht so bitter.«

»Ach, Sie haben wohl ihr Abitur an einer Fernhauptschule übers Internet gemacht, oder was? Oder war es doch eher Lotto, Toto, Rennquintett?«

»Sie werden unsachlich.«

»Ha! Berechtigte Polemik ist das! Von wegen unsachlich. Gegen Sie hilft nur der starker Strich der Polemik! Unbelehrbar Sie sind! Uneinsichtig eine Sache ihres Geistes ist! Hetze ihr Talent ist! Wie bereits Kindermund sagte: Wer nicht denkt, gibt zu denken. Und wie Sie jetzt bewiesen haben, Sie haben ihr Nachdenken outgesourct! Nein, Sie denken nicht. Sie nicht! Sie geben zu denken. Echt jetzt! Andere Menschen überdenken deren Meinungen, bei Ihnen wird maximal das eigene Auto per Partyzelt überdacht. Das ist ihre gesellschaftliche Maximalleistung, mehr nicht. Ihre Ansichten beweisen, dass das, wie hiesige Denker solche Menschen wie Sie beurteilen: Sie haben ihre Meinung schlafen gelegt und labern dafür Mainstream. Sie denken nicht. Nachdenken ist Ihnen ein Fremdwort!«

Ich ergriff mein Kölsch, mein Puls war auf 195, mein Bluthochdruck pochte mir in der Schläfe, vor meinen Augen imaginierte ich mir die Schlussszene vom ersten ‘Bladerunner’-Film. Riesige Angriffsschiffe brennend vor den Schultern des Orions. Nahe des Tannhäuser Tors C-Beams. Verlorene Momente, wie Tränen im Regen. Eine Taube gen Himmel. Ein Donnern, dann Ruhe. Langsam beruhigte ich mich wieder.

Selten hatte ich einen so verbohrten Menschen getroffen. Und das dazu in meinem Wohnzimmer. In meiner Kneipe! Wenn man noch nicht mal in seiner Kneipe seine wohl verdiente Ruhe haben kann, dann ist das Leben ein Krieg und der Tod wohl der Waffenstillstand. So musste es wohl sein.

Wer hatte diesen Knispel überhaupt rein gelassen? War der überhaupt doppelt geimpft? Wahrscheinlich sogar einer der ersten, die doppelt geimpft waren, ein Streber, einer, der FFP2-Masken als dessen Lebensstandard definiert. Einer jener, der die dümmlichen Maßnahmen des Staates ohne Widerspruch begrüßt, Für den die Eins-fünfzig auch geistig ein Maßstab als Abstand zum eigenen Hirn wichtig ist. Einer, der die Einschränkungen der Grundrechte schon immer wollte, dem eine Diktatur als Bereicherung seiner Lebensumstände erscheint. Einer, für dem Selbstverantwortung ein Fremdwort beim Thema Gesundheit ist, der aber dann im Katastrophenfall auf die Selbstverantwortung der Bürger pocht, statt den Staat in der Pflicht zur Hilfe sehen. Ein Mensch mit verqueer verquastem Demokratieverstand. Einer, der lieber die Diktatur einer wohlhabenden Oberschicht haben will, als dass das Volk das Souverän sein wird. Globalisierung statt Autonomie. Impfpflicht statt individuelles Wohlsein. Abwesenheit vom Staat statt Hilfe im Notfall. Hartz-4 statt Wohlstand für alle.

Wie kann man mit so einer Einstellung im Hirn überhaupt leben, ohne täglich Pillen schlucken zu müssen? Wie kann jemand überhaupt mit solchen Gedanken normal sein? Gibt es dazu nicht sogar etwas von Ratiopharm? Oder ist das ein Effekt der Doppel-Impfung? 5G? Gechippt? Oder nur lobotomiert? Schlägt so etwas nicht auch aufs Hirn? Das wollen doch die staatlichen Organisationen, diese mafiösen Weltherrscher, die uns als Schafe zu deren Schlachtbank zum finanziellen Ausweiden führen wollen? Bauern-Schachfiguren auf deren Brett, um für deren Bauern-Gambit herzuhalten?

Ich schnaubte erregt:

»Wissen Sie, was Sie sind? Sie sind ein Holocaust-Freund. Sie sind einer, der den Holocaust zu einem freundlichen Happening macht, weil er dauernd nur den Saikeirei als aufrichtige und reuevolle Entschuldigung vor Merkel und der amerikanischen imperalistischen Politik ausübt.«

»Saikeirei?«

»Unterbrechen Sie mich nicht dauernd! Sie mögen wohl keine andere Meinung, oder was? Kein Wunder, dass sich nachgewiesenermaßen heute immer weniger Leute angesichts solcher Äußerungen wie der Ihren trauen, ihre Meinung frei zu äußern. Denn niemand fragt mehr nach Meinungen und Meinungsaustausch, sondern immer nur nach Gründen. Saikeirei ist In Deutschland auch als der chinesische Begriff ‘Kotau’ bekannt.«

»Ich hatte nicht nach Ihren Gründen gefragt.«

»Immer unterbrechen. Ist wohl ihr Hobby, was? Können Sie noch etwas anderes? Gehen Sie mal auf die Bedenken und Argumentationen derjenigen ein, die nicht mehr das Gedankenschema und das Narrativ des Mainstreams mitmachen wollen. Praktizieren Sie nachdenken!«

»Bevor ich meinen ersten Kaffee leer trinke und Sie ihr siebtes Kölsch erhalten, würde ich gerne Ihre Meinung, also ihr Narrativ, zum Thema Querdenken erfahren. Kennen Sie Lore Lorentz Solo-Programm von 1988 ‚Regeln für Querdenker‘? Was würden Sie sagen, wenn Sie die heutigen Querdenker, Rechtsradikalen und Qanon-Jünger gemeinsame Sache machen sehen? Wäre Utøya und das Münchener McDonalds-Massaker vor zehn und vor fünf Jahren dann nur ein Fliegenschiss in der Geschichte der …«

Ich schnappte bei seinen Worten nach Luft. Er regte mich auf. Er war unsachlich, hetzerisch und offensichtlich ohne Ahnung von dem, was er sprach. Ich fiel ihm direkt ins Wort:

»Sie sind einer dieser verkappten Gutmenschen! Sie sollten …«

»STOPP!«

Der Wirt donnerte mir ein Kölsch auf meinen leeren Deckel. Pissjelb spritze es heraus, auf meinen hellen Wams. Der Spritzer hinterließ eine feuchte Kölschspur.

Mein Wirt starrte mich wütend an:

»Hast du das Schild hier am Tresen nicht gesehen?«

»Welches Schild?«

»Hier ist meinungsfreier Bezirk am Tresen.«

»Du willst meine Meinungsfreiheit einschränken?«

»Ja.«

»Mein ureigenstes verbrieftes Grundrecht? Meine eigene Meinung? Du hast sie ja nicht mehr alle! Wir sind hier doch nicht bei Adolf!«

»Ach ja? Ich bin hier Hausherr. Und Adolf Tegtmeier war schon immer mein Idol.«

»Den meinte ich nicht. Den anderen Adolf meinte ich. Den, der hier in München mit seiner Meinungsdiktatur angefangen hatte, welche andere hier … .«

»Nur den meinte ich nicht«, unterbrach mich der Wirt. »Ich meinte Adolf Tegtmeier und sein Motto ‚Bleibense Mensch‘. Jürgen von Manger. Dein Palaver geht schon über eine halbe Stunde. Da hatte Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier schon erheblich mehr Lacher produziert.«

»Was geht mich dein Adolf an. Ich verlange mein Recht auf Meinungs …«

»Hier! Auf diesem Schild steht: ‚Meinungsfreier Tresen‘. Wenn du die Lufthoheit über einen Stammtisch erobern möchtest, dafür habe ich extra den Raum da hinten rechts eingerichtet, den ‘Speakers Room’. Da kannste mit deinesgleichen reden und argumentieren. Aber verschone meine Gäste hier am Tresen mit deinen Mist!«

»Ach ja?«

»Bist du nicht vor einem Monat der Partei ‘AfD’ in deinem Viertel beigetreten?«

»Na und? Darf ich das nicht? Sind wir hier in Deutschland keine Demokraten mehr? Da darf ich meine Meinung haben, welcher Partei ich beitrete, oder etwa nicht? Wird man aufgrund der eigenen Meinung in diesem Land diskriminiert? Ist es schon wieder so weit?«

»Wie gesagt. Hinten rechts. Diskussionszimmer. Speakers room. Ansonsten, da drüben, schwere Tür, zum Öffnen ziehen und dann Tschüssikowski.«

Wutentbrannt zückte ich meine Geldbörse, entnahm drei Zehnerscheine, donnerte sie auf den Tresen neben das noch volle Kölsch, stand kochend auf und steuerte auf den Kneipenausgang zu.

Das effektvolle Knallen der Kneipentür gelang mir nicht. Der Wirt hatte nach Jahren endlich den Faulenzer der Tür repariert. Wie gut. Endlich mal eine positive Impression. Deutschland geht doch nicht so ganz den Bach runter, es tut sich was.

Gott des Gehäcksels

A: Sie sind …

B: Internet-Künstler. Und Sie?

A: Internet-Künstler? Wie interessant. Ich selber habe im Internet eine Meinungsseite, erkläre meinen Lesern, wie sie mit den neusten Entwicklungen umgehen können. Wie so etwas auch gesehen werden sollte. Ein Angebot für Tausende von Lesern.

B: Tausende?

A: Abertausende. Mindestens Abertausende. Mehr als nur die Tausende. Ich fühle mich der Aufklärung und des klaren Denkens verpflichtet.

B: Über die neusten Entwicklungen?

A: Wenn bei Entwicklungen Börsenwerte steigen, was als Ausgleich dafür sinkt. Wenn Influencer A sagen, was das unausgesprochene B dazu ist. Wenn da jemand etwas ganz deutlich erklärt, was damit aber in Wahrheit vorsätzlich verschwiegen wird. Wenn jemand investigativen Journalismus betreibt, warum es nur pseudo-investigativ ist. Wer lediglich Mainstream ist und wer sich in Wahrheit um die Aufklärung bemüht. Warum die Verwendung von Adjektiven in Artikeln auf meiner Seite lebenswichtig ist zur Meinungsbildung.

B: Nicht schlecht. Meine Kunst ist es Erregungen aufzunehmen und künstlerisch in Worten umzusetzen.

A: Dann sind Sie also von meiner Branche?

B: Nein, eigentlich nicht. Sie sind Aktivist, ich bin Künstler. Sie wühlen im politischen Dreck, ich überblicke es und berichte darüber.

A: Über mich?

B: Über den Dreck, der Sie umgibt.

A: Sehen Sie, das sehen Sie eindeutig falsch. Ich lasse mich nie drauf ein, mit Schweinen im Dreck zu suhlen. Die sind eindeutig zu dreckig und wer zahlt mir nachher die Reinigungskosten, nicht wahr.

B: Aber Sie setzen sich mit Schweinen auseinander.

A: Sie verstehen meine Position miss. Ich suhle mich nicht im Schlammloch, ich stehe am Spielfeldrand und gebe Hilfe denjenigen, die im Schlamm die Übersicht verlieren. Dafür werde ich respektiert und geachtet.

B: Also so in etwas wie Billigarbeitskräfte aus Bulgarien oder Rumänien im Schlachterbetrieb mit der Kettensäge.

A: Nicht allein die Kettensäge. Erst das Bolzenschussgerät. Dann zum Zerteilen die gute Stihl-Säge. Wir sind inzwischen humanistisch weiterentwickelt. Wir bieten denen auch Jobs zum unblutigen Spargel-Ernten an.

B: Deutsche Wertarbeit. Frisch auf dem Tisch.

A: Nun, ich bin eher wie ein Trainer der internationalen Fußball-Welt. Wer lediglich lokal denkt, kommt nie in den Schlachtbetrieb einer Champions-Ligue. Gute Trainer betätigen sich auf den Feld der Strategen und Positionierungen. Mein Schlachtfeld als Trainer ist das der Narrative.

B: Narrative.

A: Erzählungen. Der Dichtung. Unaufgeklärten, unreflektierte Narrative. Ungenauen Informationen der anderen. Der Gegner. Mit deren gefilterten Informationen. Das Verschwiegene. Das Unausgesprochene, das Gelogene. In einem Schlachthof ist der erste Schritt immer der radikalste. Beim Spargelstechen geht es sogar unter der Oberfläche beim Abstechen. Beim Spargelstechen und im Schlachthof wird gezielt zugestochen.

B: Sie keulen Ihre Gegner gezielt? Mit was?

A: Ja. Mit Nazi-Keulen, Stasi-Keulen, DDR-Keulen, Antifa-Keulen. Hauptsache keulen. Wie es Schweine im Schlachthof verdient haben. Das ist mein Handwerk.

B: Gut, Keulen ist nicht mein Handwerk. Aber das Stechen. Als Internet-Künstler bin ich auch immer darauf erpicht, im Recht beim Stechen zu sein. Auch wenn ich immer wieder als lächerlich wirkender Schwärmer hingestellt werde, dessen Tatendrang an den realen Gegebenheiten scheitert.

A: Als Gutmensch?

B: Nein, als Don Quijote. Das Leben ist voll der Kämpfe gegen der so viel versteckte Dinge. Letzten wurde mir ein neues Notebook mit Trackpad angeboten. Trackpad. Ich lasse mich doch nicht beim Eintippen meiner Internetkunst zurückverfolgen. Warum sollen meine Blogeinträge getrackpad werden? Ich habe den Kauf abgelehnt.

A: Ihre Kritik ist basal. Einfach gut. Man muss nicht alles akzeptieren, was heute so angeboten wird. Eine gewisser gesunder Menschenverstand sollte immer Basis der eigenen Entscheidungsfindungssuche sein. Mündige Bürger bestehen drauf, schreibe ich als Credo.

B: Richtig. Eine Entscheidungssituation sollte bewusst gemacht werden und formuliert werden.

A: Und jener Prozess, seine Beteiligten und deren Verantwortliche definiert sein.

B: Zudem das Risikomanagement. Absolut unentbehrlich. Erst dann besteht Einigkeit, auch über das festgelegte Maß für den Erfolg. Mit allen Informationen, den Optionen und den Risiken. Eine Risikobewertung gemäß der DIN ISO 9001.

A: Yep. Nur so geht es. Die üblich gemachten Fehler durch kognitive Verzerrungen sind bewusst zu vermeiden. Nur dann können Entscheidungen getroffen werden. Und genau das ist zu kommunizieren. Und umzusetzen.

B: Alles gemäß des DEMING-Kreises “PDCA”: plan, do check, act. Planen, durchführen, überprüfen und aus den Ergebnissen handeln.

A: Lenins Leitsatz hat sich in Deutschland bislang immer bewährt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber denke ich an Deutschland in der Nacht, ist Lenin um dessen Schlaf gebracht.

B: Richtig. Ein solcher Leitsatz lässt sich nur als Blockwart-Mentalität ummünzen, wenn es opportun ist. Ich habe dazu ein entsprechendes DIN ISO 9001 Zertifikat erworben. Made in Germany.

A: Als Internet-Künstler.

B: Als Internet-Künstler. Ich bin der erste Internet-Künstler mit PDCA-Zertifizierung. Somit haben Sie und ich einiges gemeinsam, nicht wahr.

A: Meine Meinungsseite baut auf PDCA. Nur bislang ohne Zertifizierung. Weil, wir leben in einer Meinungsdiktatur. Da wird Lenins Meinung nicht akzeptiert. Die Meinung meiner Seite wird klar unterdrückt.

B: Unterdrückt?

A: Verschwiegen. Nicht berücksichtigt. Nicht auf großen Plattformen diskutiert. Und wenn doch, dann wird sie lediglich kritiklos zerpflückt. Von weißen, alten Männern ohne Ahnung.

B: Weißhaarige Dinos.

A: Boomern. Statt meine Meinung als Grundlage zu wertschätzen, wird sie unterdrückt. Oder angegriffen. Man wagt es heute kaum noch seine Meinung zu äußern, weil man dafür angegriffen wird. Wenn ich mal konträre Meinung in den Raum stellen, warum muss sie immer gleich bewertet werden? Warum kann sie nicht mal im Sinne der Meinungsfreiheit als Meinung offen honoriert werden? Warum kann sie nicht auch mal kritiklos übernommen werden?

B: Absolut meine Meinung! Solange unsere Meinungen nicht als Meinungen auf dieser Weise honoriert werden, also kritikfrei, solange gibt es keine echte Meinungsfreiheit.

A: Eben. Kritisierung unserer Meinung ist Meinungsdiktatur! Nicht Meinungsfreiheit.

B: Man darf halt seine Meinung inzwischen nicht mehr ungestraft äußern.

A: Wahrhaft gesprochen! Ihre Meinung ist eine wahrhaftige Meinung. Meinung muss man aushalten dürfen. Und zwar von den anderen! Weil wir halten sie bereits aus.

B: Meine ich auch. Meinung aushalten dürfen. Wie ein Zuhälter. Als Internet-Künstler. Meinungsprostitution ohne legitimen Widerspruch.

A: Dann sind wir uns ja einig. In dieser unerträglichen Meinungsdiktatur.

B: Ich bin stolz auf Sie. Wie war nochmals Ihr Name?

A: Nennen Sie mich Jei-Bi.

B: Gut, Jei-Bi. Ich zieh mich mal kurz zurück. Ich muss mich mal um meine besten Meinungspferdchen im Stall kümmern. Sie müssen endlich mal wieder ertragreicher werden.

A: Sie scheinen mir ein meinungsstarker Meinungscoach zu sein. Kann ich Ihnen mal ein paar meiner besten Pferde im Stall zukommen lassen?

B: Momentan schlecht.

A: Hafer-Rohstoffkrise?

B: Tja, momentan geht der ganze Hafer in die laktosefreie und Gluten reduzierte Hafermilch.

A: Oh.

B: Ich tüftle momentan an einem Programm zum Umgewöhnen meiner Pferdchen auf vegane Mandelmilch. Vegan macht zudem friedlich. Und friedliche Pferdchen ziehen keinen Streitwagen.

A: Ihre Ironie steht Ihnen nicht zu. Zu veganer Mandelmilch kann es keine zwei Meinungen geben. Ihre Ironie setzt aufs falsche Pferd. Satire und Ironie darf nur gegen die Obrigkeit gehen. Ansonsten ist es fehl am Platz.

B: Ich denke einen Monat über ihre Meinung nach. Im Internet. Ich bin Künstler.

A: Dann wünsch ich Ihnen eine gute Meinungsfindungsphase. Mögen Sie in dem Schoße der rechten Meinung zurück kommen.

B: Ich gebe mir rechte Mühe.

A: Habe die Ehre.