On the road again – Antipodische Autofahrt unter Anleitung einer Frau …

Oder wie Australier Autofahrten hier erleben könnten, würden sie von down under hier mitfahren …

http://www.facebook.com/v/118770738225656

Rein statistisch gesehen geht es mir gut, ja, sogar irre gesund …

Über Krankheiten zu reden, ist irgendwie krank. Entweder man ist davon betroffen und redet davon, oder man ist nicht betroffen und redet deswegen noch lieber drüber. Der erstere Fall tritt mit zunehmendem Alter als Kommunikationsbasis immer gehäufter auf. Der zweite Fall immer dann, wenn Zeitungen ihre kranken Aufmacher als Eye-Catcher für deren Käufer platzieren.

Von Kindheit auf an hatte ich gelernt, dass Krankheit etwas urchristliches ist. Das Thema an sich gehört ebenso zum christlichen Abendland wie das Amen in der Kirche. Schuld und Sühne werden auch als moralische Instanzen bei der Beurteilung einer Krankheit heran gezogen.

Als Mitte der 80er AIDS zum Thema wurde, gab es im Münchener Postamt gegenüber dem Hauptbahnhof ein BTX-Terminals, über den die Post mittels Datex-J das erste öffentliche Internet aufbaute. Der Terminal war damals praktisch. Wetter, Lottozahlen, Beate Uhse Angebote und vieles andere Querbeet war darüber abzurufen. Allerdings stand dort nur ein Terminal, so dass ich öfters warten musste, bis ich an der Reihe war.

Eines Tages beherrschte der HI-Virus mal wieder die Schlagzeilen des Boulevards. Es wurde von einer bestimmten Zeitung vermutet, dass bereits eine Ansteckungsgefahr gegeben sei, würde ein HIV-infizierter im gechlorten Wasser eines Schwimmbades vor einem Menschen schwimmen. An jenem Tag wollte ich wieder zum BTX-Terminal. Wie üblich war er belegt. Ein Mann bediente ihn. Seine Finger hatte er sorgsam mit Papiertaschentücherstreifen abgedeckt. Und immer wenn ihm ein Streifen beim Tippen auf der Tastatur herunter fiel, riss er von einem Papiertaschentuch einen neuen Streifen ab und umwickelte den blank gewordenen Finger, um beim Tippen fortzufahren. Als er ging, öffnete er die damalige, große Flügeltür der Post, wiederum geschützt durch jeweils ein Papiertaschentuch. Er wirkte auf mich skurril. Für mich war zu jener Zeit HIV genau so irreal wie all die anderen Krankheiten, über die sich immer nur alte Menschen unterhielten.

HIV ist das direkte Beispiel, dass Krankheiten hier viel mit Schuld zu tun haben. Eine Krankheit sollte immer die Kehrseite einer Schuld darstellen. Der ethisch christliche Januskopf: Wer Schuld hatte, sollte gefälligst auch sühnen. Kardinal Meisner redete schon damals von AIDS als Geisel für sexuelles Fehlverhalten. Wobei er mit Fehlverhalten definitiv hierbei nicht die pastorale Pädophilie meinte, sondern Homosexualität oder Promiskuität.

Auch in der elterlichen Pädagogik der Gläubigen, Laizisten und Atheisten von gestern bis heute spielt die Krankheit in der gewollten Symbiosefalle von Schuld und Sühne seine Rolle. Du fühlst dich fiebrig? Bist du etwa gestern barfüßig gelaufen? Kein Wunder. Da bist du ja auch selber Schuld. Kopfschmerzen? Eigene Schuld. Zu viel gesoffen am Vorabend, oder? Oder etwa mal wieder in Zugluft sich aufgehalten? Schnupfen? Kein Wunder, du hast ja auch gestern nicht deine Jacke am frühen Morgen tragen wollen. Und so weiter und so fort.

Schuld und Sühne.
Aber nicht nur das elterliche Haus meiner oder der meiner Freunde haben mir das wie die mittägliche deutsche Kartoffel eingetrichtert. Fernsehen, Radio, Lehrer, Bekannte. Alle führten die Ursache als Abtragen einer Schuld und als verdiente Sühne zurück.

Später, im Job und als Erwachsener hatte sich die Situation ein wenig gewandelt. Schuld und Sühne als naturgegebene Seiten der gleichen Münze reichen nicht mehr aus. Wenn schon Schuld, so der allgemeine Gedanke, dann reichen die Naturgesetze als Sühne nicht. Eine äußere Instanz wurde erforderlich, um das Auftauchen dieser Währungseinheit in andere Sanktionen umzumünzen.
Krankheitsbedingte Kündigungen sind zwar nicht erlaubt, aber dafür interessiert sich mancher Arbeitgeber nicht die Bohne. Krankheit ist der wirtschaftliche Gegner einer auf Produktivität bedachten Wirtschaftsphilosophie. Krankheit, definiert als Antipode eines Wachstumsgedankens ist „persona non grata“. Unerwünscht. Statistisch wird der Krankenstand inzwischen bekanntlich gemessen und damit ein Vergleich zu einem „vorher“ ermittelt. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sinkt der statistische Krankenstand, weil Kranke um ihren Arbeitsplatz fürchten. Nur, Kranke sind bekanntlich nicht nur dann krank, wenn sie in Statistiken auftauchen. Das ist aber Arbeitgeberverbänden und Politik wiederum nicht so wichtig. Wichtig ist, was schwarz auf weiß für sie zu lesen ist. Z.D.F. ist das Schlagwort: Zahlen, Daten, Fakten.

Gesundheit wird heutzutage durch die Abwesenheit von Krankheit definiert. Für Krankheit soll der Kranke dann auch selbstverantwortlich zahlen. Schuld und Sühne tauchen immer wieder als treibendes Motiv auf. Eine „Mutter Theresa“-Einstellung wird als komplett kontraproduktiv angesehen, altruistische Tendenzen als weltfremd gebrandmarkt. Für Verneiner des gesellschaftlichen Sozialgedankens wird dann das Konstrukt des „Gutmenschen“ als Keule geschwungen, um Menschen mundtot zu machen. Krankheiten werden als vermeidbar postuliert und das Auftauchen als Verschulden des Individuums gewertet. Und darum ist es auch so einfach über die Krankheiten anderer zu reden.

Und durch diese Schule bin auch ich gelaufen. Also rede ich lieber nicht drüber. Andererseits, wenn mir jemand begegnet und mich mit einem „Wie geht’s“ begrüßt, erwartet mein Gegenüber nicht, dass ich über meine Zipperleins referiere und aus meiner Krankenakte vorlese. Das will niemand hören.
Als Rudi Carell von Metastasen durchsetzt, seinen letzten Auftritt hatte, waren alle erleichtert, dass er nicht über seine Krebskrankheit lamentierte und stattdessen witzelte. Wenn mir Monica Lierhaus Sonntags mit ihren „Platz an der Sonne“-Losnummern über den Bildschirm flimmert, dann betrachte ich meine Fernbedienung immer mit einem „Drück mich“-Gedanken. Dass Gabi Köster einen Schlaganfall hatte, war auch nur in soweit akzeptabel für mich, als dass ich nicht durch Funk, Fernsehen oder Feuilleton davon behelligt wurde.

Mein Alter steigt und mein Körper zeigt immer mehr die üblichen verschleissbedingte Anfälligkeiten für das, was mir den Unterschied zwischen gesund und nicht-gesund immer deutlicher werden lässt. Zwischenzeitlich wird ebenfalls über die Erhöhung des Rentenalters auf 69 Jahre nachgedacht. Dann denke ich auch drüber nach, ob ich es schaffen werde, gesund und ohne größere Handicaps ins Rentenalter zu gelangen. Oder geschweige denn von der Tatsache, dass die männliche statistische Lebenserwartung bei etwas über 70 Jahre liegt. Wenn jemand seinen 80. Geburtstag feiert, dann muss es rein statistisch auch jemanden geben, der stirbt und noch keine 65 Jahre alt wurde und rentenauszahlungsneutral ablebt. Dabei steigt mit zunehmenden Alter natürlicherweise das Risiko zu erkranken.

In jungen Jahren war es mir egal, ob ich gesund oder krank war. Egal was, Hauptsache aktiv, und nicht immobil und bettlägrig. Und jetzt? Es ist nicht mehr so einfach, gesund zu sein. Denn – wie ich schon schrieb – „gesund“ definiert sich als Abwesenheit des Zustandes „krank“. Als Anwesenheit der Verschuldung des Zustandes „krank“. Ein „bisschen krank“ hat die Wertigkeit von ein „bisschen schwanger“: so etwas hat keinen Platz in der „gesunden“ Denke eines Menschens. Deswegen gibt es auch so viele Medikamente, um dieses „ein bisschen krank“ abzustellen. Das Entkommen des Krankseins geht also mit einem Zustand des Medikamenten-Konsumierens Hand in Hand. Das Medikament als proaktives Behandeln von potentiellen Schuldzuständen. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollen wir ja eh unseren interaktiven Beichtvater – dem Arzt oder Apotheker – fragen. Wobei eine solche Frage mit direkten Kosten („Sühne“) verbunden ist, welche dann Politiker wieder von einer „Kostenexplosion“ reden lässt. Und bei Zuhörenden ein Schuldgefühl hervor ruft. Statt sich einzugestehen, wir sind alle kleine Sünderlein („… ’s war immer so, ’s war immer so …“), herrscht das Schuldgefühl vor und damit die Suche nach Vermeidung einer Sühne (“ … der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, ’s war immer, immer so …“). Also wird die Krankheit verschwiegen, unterdrückt und verdrängt.

Noch fühle ich mich nicht „krank“. Aber auch nicht wirklich so „gesund“ wie damals. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir und meinem Körper und meinen Organen. Verdrängung ist auch mein Prinzip. Ich fühle mich ungesund gesund. Oder wie andere vielleicht sagen mögen „krankhaft gesund“ …

Wie lange noch?

Georg Schramm im TV: Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz

Für alle Fans des genialen Georg Schramm und seinen Kunstfiguren im Kabarett

Georg Schramms neustes Programm „Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz“ wird demnächst im Fernsehen ausgestrahlt.

Es beginnt im Fernsehkanal „ZDFkultur“.
13. September: 20:15 – 21:45 / 14. September: 02:55 – 04:25 / 14. September: 09:15 – 10:45

Weiter geht es in „3SAT“
25. September: 22:30 – 23:15

Und zu guter Letzt werden alle nochmals bedient, die es bis dahin immer noch nicht geschafft hatten sich das grandiose und zugleich feinsinnig gestrickte Programm von Georg Schramm anzuschauen:
01. Oktober: als Bestandteil der „Lange Nacht der Kleinkunst“ im „ZDF“ von 00:50 bis 04:40

In der letzt genannten Sendung treten dann auch noch Volker Pispers & Gäste und auch noch Hagen Rether mit einem 2011-Update zu seinem Programm „Liebe“ (hoffentlich ohne permanent erhobenen moralischen Zeigefinger, wie letztens bei Hagen Rether leider oft fest zu stellen)

Tipp für alle, die sich das ganze digital aufnehmen möchten, aber keinen Rekorder zu Hause stehen haben:
„Bong.TV“ bietet einen kostenlosen, einwöchigen Account, über den sich Fernsehprogramme (sogar in HD!) aufzeichnen und nachher herunter laden lassen. Einfach rechtzeitig dort anmelden, aufzeichnen und später anschauen. Bong.TV bietet zwar „ZDFkultur“ nicht an, aber „3SAT“ und „ZDF“ sind dort zur Aufnahme programmierbar. Internetadresse ist bong.tv (einfach als url eingeben).

Ertrage die Clowns (3): Über Gleichschaltungsmentalitäten und Wahrscheinlichkeiten im bayrischen Radio

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Hast du etwas Zeit?
Es wird wieder länger.
Prosaisch episch überzogen.
Erheblich.
Von Hölzcken auf Stöckscken.
Keine Twitter-Kurzmeldung mit 140 Zeichen.
Auch kein Facebook-Status mit maximal 420 Zeichen.
Ich kann es nu mal nicht lassen, die Facebook-Twitter-Zeichenreglementierung oder den »1:30«-Minuten Wortbeitrag einzuhalten …

Im Juni dieses Jahres verstrich ein Jubiläumsdatum, welches weniger Beachtung erhielt, als es eigentlich verdient hätte. Mit dem »3. Rundfunk-Urteil« vom 16. Juni 1981 wurde vor 30 Jahren das Zeitalter der hohen Low-Level-Unterhaltungskunst für private Medien eröffnet. Private Rundfunk- und Fernsehanstalten in Deutschland (West) erhielten Raum für ihre Sendungen. Low-Level-Unterhaltungskunst musste sein. Der Produktionsstandort »Deutschland« vertrug nichts mit der Vorsilbe »Hoch«. Hoch waren die Arbeitslohnnebenkosten, die Steuern für Unternehmer, die Ansprüche der Arbeitslosen und Arbeitssuchenden, der Wille nach einer friedlichen Zeit (geprägt durch die Hochzeit der Anti-NATO-Doppelbeschluss-Demonstrationen, welche den Politikern »hoch« gewaltsam erschienen) … .
Soviel »Hoch« tut nie gut. Daher wird es verständlich, wenn es ein »Tief« – also ein »Low-Level« an sich – benötigte …

Prinzipiell ist nichts gegen eine Pluralität der Medien einzuwenden. Der mündige Zuschauer hatte zu damaligen Zeiten noch immer den Knopf rechts unten am Fernseher. Radioknöpfe und deren Funktionen wurden auch schon damals ausreichend beschrieben. Auch heute sind die Ausschaltknöpfe der Fernbedienung in Rot gehalten. Ein Druck auf entsprechenden Knopf, und der Quatsch hatte ein Ende. Für den »mündigen« Bürger. Was immer das auch sein mochte.

Dass vier Jahre nach jenem Urteil der amerikanische Schriftsteller Neil Postman zur »Frankfurter Buchmesse« seine vielbeachtete Rede »Wir amüsieren uns zu Tode« (»Amusing Ourselves to Death« als mp3-Hörbuch hier runterladbar: http://www.archive.org/details/Amusing_Ourselves_to_Death) hielt, das hatte mit dem Urteil nicht viel gemein. Beide waren unabhängig gehalten: das eine kam aus dem deutschen, demokratischen Rechtsverständnis (West), das andere aus dem real existierenden Leben des US-Fernsehens. Ein Jahr später hatte Neil Postman in einem gleichnamigen Buch seine Thesen ausgearbeitet und mit bemerkenswertem Erfolg auf den Markt gebracht. Für das Buch erhielt er dann auch 1986 den »Orwell Award« (»NCTE George Orwell Award for Distinguished Contribution to Honesty and Clarity in Public Language«; in Anlehnung an Georg Orwell; einen Preis, den es noch immer gibt, was aber keinen mehr großartig interessiert).
Der »mündige« Bürger konnte es lesen, wenn er wollte. Er las es. Geholfen hatte es aber nicht. Denn offensichtlich saßen die Leser bei den privaten Medien-, Rundfunk- und Fernsehanstalten …

Bislang ist mein Artikel hier nervig? Zu viel der Worte? Keine Sorge. Derer habe ich noch mehr gecopyed und gepasted aus Guttenbergs Duden.

Neil Postman hatte etwas in seinem Buch treffend beschrieben: Lesen verlangt intensives Sich-Beschäftigen mit dem Inhalt und ein Nachdenken, ein Reflektieren des Gelesenen. Ein gutes Buch kommt nicht im Stile einer BILD-Zeitung, eines Kölner EXPRESS oder der Schweizer BLICKs daher. Bücher lesen, heißt selber am Geschriebenen teilzunehmen und sich mit dem Inhalt aktiv auseinander zu setzen. Es geht hierbei um die Arbeit eines jeden einzelnen mit dem inhalt eines Buches. Deswegen sind solche Empfehlungen wie »Les‘ dieses oder jenes und du verstehst alles« sinnlos, weil sie einfach das Erkennen des Einzelnen pauschalieren und dessen Eigenheiten platt machen.
Meiner Meinung nach, muss derjenige, der ein oder mehrere Bücher liest, eindeutig intellektuell höher eingestuft werden als diejenige Person, die sich als Lektüre nur auf jene ± 80 Cent-Blätter beruft. Eine Bücher lesende Person setzt sich mehr mit seinem eigenen Leben auseinander als diejenigen, die sich rühmen, nie ein Buch im Leben gelesen zu haben. Natürlich gibt es auch hier Unterschiede: Diejenige Person, die nur John-Sinclair- oder Konsalik-Bücher liest, lässt sich nicht mit der Person auf einer Stufe vergleichen, die alle Philosophen dieser Welt durchackert. Andererseits kommt es immer auf das individuelle Ergebnis des eigenen Engagements an. Auf das Ergebnis der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Inhalt.
Und genau das unterscheidet beispielsweise einen Anders Behring Breivik von einem Jesus oder Mohammed: Anders Behring Breivik las viel. Die beiden anderen setzten sich mit vielen anderen Schriften auseinander. Anders Behring Breivik mordete mehr als fünf Dutzend Menschen auf jener Insel Norwegens. Die beiden anderen waren keine Massenmörder und hätten dem Anders Behring Breivik ganz was anderes zu dessen morbiden Plänen erzählt. Aber offensichtlich hatte Anders Behring Breivik sich mit deren Bücher nicht auseinandergesetzt.
Versteht mich nicht falsch: Anders Behring Breivik hat sicherlich sich mit diversen Gedankenmodellen auseinandergesetzt und seine Rückschlüsse gezogen. Für seine Fehlschlüsse darf er nun zahlen. Er erhält auf Staatskosten genügend Zeit, über seinen Schwachsinn nachzudenken. Wir können nur hoffen, dass er nicht den Weg eines Horst Mahlers geht. Ansonsten sollte ihm die Nachdenkzeit danach noch einmal gegönnt werden, statt wie im Falle des ehemaligen RAF-Mitglieds und jetzigen Verfechters der rechten Politik Horst Mahler weiterhin in Deutschland Freiraum zu geben, rechte Hatz verbreiten zu dürfen.

Zurück:
Fernsehen wird lediglich passiv konsumiert. Eine intellektuelle Verarbeitung mit dem Gesendeten ist von den Programmmachern nicht vorgesehen. Gescriptete »Realtity«-Serien dienen nur zur Befriedigung der vorurteilsbehafteten Gelüste der Drehbuchschreiber auf Kosten der Fernsehzuschauer, welchen etwas als Realität verkauft werden soll, was solche Schreiber gerne als Realität sehen würden. Gescriptet eben.
Oder Umberto Eco zitiert:
„Klar, du unterschiebst de anderen, was du selber tust, und da du etwas hässliches tust, beginnst du die anderen zu hassen. Aber da die anderen in der Regel genau das Hässliche, das du gerade tust, gerne täten, kollaborieren sie mit dir, indem sie dich glauben machen, was du ihnen unterschiebst, sei in Wirklichkeit das, was sie sich schon immer gewünscht hatten. Gott blendet, wen er verderben will, man muss ihn nur dabei helfen.“
(aus dem Buch »Das Foucaultsche Pendel«)
Wie es Henning Venske und Jochen Busse in deren gemeinsamen Kabarett-Programm bereits sagten: »Fernsehen macht keine Dummen. Sondern Dumme machen Fernsehen.«

Wenn man sich das Nachmittagsprogramm der Sender, die Rechtsurteile über Nichtigkeiten im Privatleben, die Abmahnwellen im Internet und die Zusammensetzung des Bundestags nach Berufsgruppen generell anschaut, dann fällt sofort auf, wo die Not am größten in diesem Lande ist: Rechtsanwälte und Juristen. Die scheinen momentan eine wirkliche Not in Sachen Berufsausübung zu haben. Wer es nicht in den Bundestag geschafft hat, wer im Zivilrecht keine Nische zur Marktführerschaft ausbauen konnte, wer auch im Internet keine juristische Hoheit für sich klamieren konnte, den muss wohl ein Arzt jegliche intellektuelle Tätigkeit untersagt haben, womit dem armen Menschen nur noch eine Laufbahn blieb: Drehbuchschreiber für die Nachmittagsendungen. … oder es hat ihn berufsfremdelnd ins private Radioprogramm verschlagen.
Gut. Belegt ist das nicht. Es ist meine private, persönliche, despektierliche Meinung. Eine zynisch-satirische Meinungsäußerung von mir. Nicht mehr und nicht weniger.

Nun. Das Radioprogramm in Bayern glänzt durch katastrophale, gleichmachende Aussetzer. Da wird R&B, HipHop, Rave, Rock und Balladen brav hinter einander abgespielt, ohne das sich jemand Gedanken darüber macht, ob es zueinander überhaupt passt. Keine Rolle spielt es, ob ein raviges Stück a la Dr. Alban »Sing Halleluja« sich mit einer danach gespielten Scorpions-Ballade musikalisch beißt. Da steht ein Programmauftrag eines Senders diametral konträr zum erwartenbaren Geschmack. Offensichtlich denkt jeder Programmdirektor in Gießkannenmodellen: Besser alle erhalten immer mal wieder ein Tröpfchen ihres Musikgeschmacks, dann kann auch keiner sagen, es würde eine Musikrichtung bevorzugt.
Der Jingel »Das beste der 80, der 90, der Nuller und das Beste von heute« drückt das aus, was kein Restaurant servieren dürfte, wollte es überleben: »Das Beste von Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag in einem Eintopf vom Samstag mit einem Häubchen Schlagsahne garniert vom Sonntag«. Versteht jemand warum so etwas niemand in einem bayrischen Restaurant serviert haben möchte? Die Radiomacher sehen das aber anders.
1986 probten Thomas Gottschalk und Günther Jauch im Sender »Bayern3« den Aufstand, banden bayrische Printmedien in ihre Kampagne ein, ein einheitliches Musikprogramm im Radio pro Sendung zu präsentieren. Ziel war es, kein Musikmischmasch zu senden, so dass alle befriedet waren. Deep Purple, Phil Collins, Nicki und Biermösl Blasn wurde von denen als Musikmischmasch abgelehnt. Das war vor einem Vierteljahrhundert als die gleichschaltungsmentalität die öffentlich-rechtlichen Sender wie die Pestilenz umwaberte. Damals. Sie haben sich gebessert.

Aber inzwischen auch wieder verschlechtert. Die private Konkurrenz im Nacken, das war nicht wirklich hilfreich. Es hat längst wieder begonnen. Der Kniefall vor dem Idol »Everybodys darling«.

Leuchtturm dieser Gleichschaltungsmentalität ist »Antenne Bayern«.

Kurzreisen über Bundesländergrenzen hinaus können da immer wieder erhellend sein. »Antenne Bayern« bildet hierbei immer wieder den Kontrastsender. Immer mit dem Besten der Musik und Witzen aus den letzten drei Jahrzehnten. Oder was der Programmmacher gerade dafür hält.
Und wenn es mal nicht gerade Musik ist oder die Nachrichten, die hochdramatisierend über Nichtigkeiten des Lebens berichten, dann reichen auch andere Tagesthemen, welche die Welt beschäftigen. Und – auch das muss gesagt werden – die Zuhörer mögen/ertragen es gerne:
»vox populi vox dei« so wird es den Hörern immer wieder gerne verkauft. Und der Hörer lässt sich halt gerne verkaufen. Welche Alternative hat er schon in dem radioinfernalischen Einheitsbrei? Maximal des Pudels Kern, wie bereits Doktor Faustus mal feststellte, als es zum Tacheles-reden ging.

So. Aber jetzt genug des monologisierenden, einschläfernden Einheitsbrei einer Medienschelte. Ich komme zum Kern des Ganzen. Worte sind schön, aber Hühner Legen Eier. Und Radiosender dem Hörer.

So berichtete »Antenne Bayern« letzte Woche doch glatt mal etwas kritischer über »Leerverkaufsgeschäfte«. Zumindest versucht hatte es der Sender.

»Leerverkaufsgeschäfte« sind das, wenn ich jemanden für ein wertloses Papier beispielsweise 10 Euro gebe, in der Hoffnung, es sei in ein paar Tage mehr wert. Dann – die weiter gehende Hoffnung – ich könne es doch dem Verkaufenden für den neuen Wert zurück verkaufen. Für einen Wert, der gesetzlich öffentlich garantiert wird. Und so liefen derer Tausende – ach was schreib ich; lasst es mich privatfunkrechtlich dramatisieren – es liefen Aber-Millionen zu den öffentlichen Handelsplätzen und jeder wollte ein »Leerverkaufsgeschäft« tätigen. Die Hoffnung auf Gewinn stirbt zu Letzt.

Nun sind allerdings »Leerverkaufsgeschäfte« ins Gerede gekommen. Die sollen wirtschaftlichen Schaden bringen. So sagen manche. Börsenjournalisten sagen das gerne.
Und »Antenne Bayern«?

Jetzt glaubt aber mal nicht, dass sich »Antenne Bayern« aufs wirtschaftliche Eis der Kritikübenden begeben würde. Denn bei obige erwähnten Geschäften ging um die rein private Lust an »Leerverkaufsgeschäfte«: Lotto nennt sich das.
20 Millionen gab es zu gewinnen. Da wird jeder mal gerne zum »Leerverkaufsgeschäftstätigender«.

Mal im Ernst: Wer würde nicht gerne ein Papier für 8 Euro kaufen und nachher diese Wette beim Halter dieser Wette – dem Staat – für lockere 20 Millionen Euro einlösen? Börsenmakler machen nichts anderes. Nur, dass bei Börsengeschäften ein Papier nie nur zwischen den Grenzen »völlig wertlos« (also 0 Eurocent) und »etwas wert« (±20 Euro) schwankt.

Und immer wenn der Jackpot im Lotto hoch ist, dann hat »Antenne Bayern« wieder ihren Professor in der Leitung auf Sendung. Der Professor, der dann dem Hörer erklärt, was es denn nu mit der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns auf sich hat.

Der rational aufgeklärte Bundesbürger weiß ja inzwischen: der Aufenthalt unter einer Eiche bei Gewitter kann erfolgreicher sein als das Spielen im Lotto an der nächsten Lotto-Annahmestelle (was auch logisch ist: aufgrund deutscher Bauvorschriften haben Lotto-Annahmestellen Blitzableiter installiert und schützen somit folgerichtig den Lotto-Annahmestellenaufsuchenden).

Während also der Professor versucht zu erklären, dass jede Lottozahlenkombination zu jeder anderen gleichberechtigt ist (was in etwa der gleichmacherischen Musikpolitik von »Antenne Bayern« entspricht), hakt der Moderator nach, welche Lottoscheinmuster total ungünstig seien.
Total ungünstig? Richtig gelesen. Das hatte der Moderator gesagt. Wahrscheinlich hatte er dem Professor zuvor nicht zugehört. »Wahrscheinlich« ist hierbei nur ein Euphemismus, eine Beschönigung. In der Schule hätte der Moderator wegen Unaufmerksamkeit die Note »5« kassiert.
.
Der Professor erklärte also auf Nachfrage des Moderators, dass bei einer Auswertung einer Ziehung festgestellt wurde, dass ca. 8.000 Lottospieler eine Diagonale auf dem Lottoschein angekreuzt hätten. Der Moderator merkte sofort an, dass es also unklug wäre, eine Diagonale anzukreuzen. Richtig. Denn sonst müsse man den 20-Millionen-Gewinn mit 8.000 anderen Menschen teilen. Der Moderator verabschiedete den Professor und empfahl den Hörern keine Diagonale anzukreuzen. Vorgerechnet hatte er die Gewinndifferenz nicht. Bei 20-Millionen wäre der Gewinn für eine Diagonale nur 2.500 Euro gewesen. Statt 0 Euro für eine Nicht-Diagonale. Vorausgesetzt die Diagonale hätte gewonnen.

Nebenbei in obiger Rechnung von mir ist noch ein Fehler drin. Welcher? Ankreuzen bringt nur sechs Richtige. Um den Jackpot zu knacken, benötigt es aber noch eine weitere Zahl des Lottoscheins. Und die kann man nicht ankreuzen, sondern nur in der Lotto-Annahmestelle durch Auswahl des Scheins wählen. Aber das ist die höhere Kunst des Lotto-Spiel-Verlierens und selbst das Wissen kann man von »Antenne Bayern«-Moderatoren nicht erwarten. Hauptsache, die amüsieren ihre Zuhörer mit Schein-Fakten zu Tode.

Es gibt viele Sendungen im Radio, worüber ich mich echauffieren kann. Aber immer wenn ich »Antenne Bayern« einschalte, dann verreist es mich regelrecht. Aber den Grund, warum es nur mich zereist und nicht die anderen Hörer, den habe ich bislang nicht heraus gefunden. Mein Intellekt ist dazu noch nicht weitergebildet genug. Ich glaub, ich nehme mir mal wieder ein Buch zum lesen vor …

Ertrage die Clowns (2): »Em Ei El« Sandock und meine persönlichen Radio-Tage

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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»Und wollt ihre eine Autogrammkarte von mir, dann schreibt an ‚Mal Sondocks Hitparade‘ im WDR. ‚Mal‘, das schreibt ihr ‚Em Ei El‘ und dann ‚Sandock‘, dann kriegt ihr ne Autogrammkarte von mir.«

Nein.
Bitte nicht weiter lesen.
Was jetzt kommt, ist mehr ein Memo-Zettel für mich als wirklich Gutes für euch Careca-Blogverfolger. Darum wird es jetzt wohl eintönig und langweilig. Eine Ode an meine Selbstherrlichkeit. An meine Erinnerung. Erinnerungsschnipsel. Schnitzeljagd auf persönlicher Weise. Rein subjektiv. Ohne irgendwelchen Anspruch. Fast auf RTL-Nachmittagsniveau. Und vielleicht eher mit zu viel des »product placement«.
Vielleicht.
Leider „vielleicht“.
Vielleicht.
Überleg es dir, jetzt weiter zu lesen …

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»Und wollt ihre eine Autogrammkarte von mir, dann schreibt an ‚Mal Sondocks Hitparade‘ im WDR Köln. ‚Mal‘, das schreibt ihr ‚Em Ei El‘ und dann ‚Sandock‘, dann kriegt ihr ne Autogrammkarte von mir.«

Nie habe ich verstanden, was er mit »Em Ei El« meinte. Englisch verstand ich damals noch nicht, geschweige die englische Art zu buchstabieren. Gerne hätte ich mir eine Autogrammkarte von ihm schicken lassen. Aber niemand in meiner Familie konnte mir erklären, wie man »Em Ei El« schreiben sollte. Jeden Mittwoch Abend ab 20:00 hing ich vor dem Radiogerät. ‚Mal Sondocks Hitparade‘ war das normativ Faktische in Sachen Hitparade nicht nur bei mir. Auch in meiner Schule wurden am Donnerstag Morgen die Ergebnisse der Hörerabstimmung per Postkarte diskutiert. Gut. Die Diskussionen waren nicht tiefsinnig, sondern beschränkten sich auf Klassifikationen wie »war klar, das ist Scheiße« oder das »das ist doch klar, das mögen alle, die was davon verstehen«.

Ehrlich. Beinahe, hätte ich jetzt »cool« geschrieben. Aber kannten wir damals das Wort schon? Ich weiß es jetzt nicht mehr. Ich glaube nicht »cool« gab es damals in den frühen 80ern des letzten Jahrhunderts noch nicht. Dafür aber »geil«. Die Lehrer klärten uns auf, dass »geil« geschlechtsreif bedeuten würde und wir daher das Wort absolut unpassend verwenden würden.

Geschlechtsreif.
Wir fanden auch das »geil«. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Weltspartag wurde von der örtlichen Volksbank wieder mal allerhand verlost. Das bedeutete, außer dem Kram zum Sofort-Mitnehmen gab es noch die Aussicht auf mehr. Meine Hoffnungen beruhten eh‘ nur darauf, überhaupt mal einen Trostpreis zu erhalten. Doch dann kam der Brief. Ich hatte eine Schallplatte gewonnen. Also so eine schwarze Scheibe, welche sich unter einer Nadel (Saphir oder Diamant) wegdrehte, und den Lautsprechern des Schallplattenspielers einen ordentlichen Wums versetzen konnte. Meinen 2x 8Watt Lautsprechern mit der Dual-Saphir Nadel. Eine Schallplatte mit Top-Hits. Das war nicht wenig. Kostete doch so eine Scheibe im Handel standardmäßig immer so an die 18,- bis 24 ,- DM. Aber diese Platte war eine besondere. Sie war »Em Ei El« Sandock zusammen gestellt. Auf Seite eins als erstes Lied dröhnte kurz drauf »Nutbush city limits « von Tina Turner durch mein Zimmer. Von Tina Turner hatte ich bis zum damaligen Zeitpunkt nichts. Aber das Lied war für mich der Knaller. Und »Em Ei El« Sandock war für mich der größte im Hörfunkradio des WDR.

Genauer gesagt, es war der zweite Hörfunksender. WDR 1 spielte Schunkel- und Tralala-Musik. WDR 3 war mehr Klassik- bis Dokumentationsradio. WDR 4 und WDR 5 kamen erst später. WDR 2 war das Zentrum des rauschbefreiten Rundfunkempfangs.

Fast.

Mein erstes eigenes Radio erhielt ich 1974. Es war ein handtellergroßer Radioempfänger. „Tschibo“ hatte ihn zur damaligen Fußball-WM herausgebracht. Mein Bruder hatte ihn in blau, ich in gelb. Er kostete damals meinen Eltern knappe 10,- DM (zum Vergleich: das billigste Endspielticket der WM 1974 »Deutschland-Holland« kostete damals im Olympiastadion knappe 40,- DM). Er arbeitet mit einer AA-Batterie und empfing nur MW-Sender und keine UKW-Sender. Das bedeutete eigentlich nur rauschbehafteten Empfang. Aber damit waren zwei Sender klar zum empfangen: Deutschlandradio und der Sender auf MW 1479, die Keimzelle des deutschen Privatradios.

Es war der Sender, der nicht von Deutschland (West) aus sendete. Er sendete von Luxemburg aus. Radio-Tele-Luxemburg. Kurz »RTL« genannt. Wir (meine Familie) hatten ein Wohnzimmer-«Telefunken«-Radio mit jener berühmten grünen RTL-Taste. Einmal kurz die grüne Taste gedrückt und das Radio war über Mittelwelle (technikerspezifisch: AM-Sender = Amplituden modulierter Sendebereich) mit dem Sender auf 1479 kHz verbunden. Frank Elstner, Björn-Hergen Schimpf, Georg Bossert und dessen damalige junge Lebensgefährtin Désirée Nosbusch waren die Hauptprotagonisten des RTL-Radios. Für mich gab es immer kurz vor sieben die »Fünf vor Sieben«-Sendung. Eine fünf-minütige Häppchen-Sendung, in der sogar Michaels Ende »Momo« in erträglicher Kurzform erzählt wurde.

Die kleinen Handradios hielten auch über die WM hinaus. Aber nicht viel mehr Zeit darüber hinaus. Die Batterien liefen aus und zerstörten sie. Ich erhielt mein erstes echtes, eigenes Radio. Ohne grüne Taste. Von »Telefunken« und mit Kassettenaufnahmeteil. Mono. Nicht Stereo. Aber immerhin, das Gerät konnte Kassetten aufnehmen und abspielen. Meine erste Musikkassettensammlung startete.

Meine Eltern hatten nur ein einfaches Kassettenabspielgerät, um Maria und Margot Hellwig zu lauschen. Im Alter von 5 Jahren hatte ich mit meiner damaligen Tante ein paar Worte aufgenommen. Direkt vor dem Lied „Fußball ist unser Leben“. Ihre Stimme höre ich noch wie damals. nur meine eigene ist mir jetzt seltsam fremd.
Nun. Mittlerweile besaß ich einen Radiorekorder und meine Eltern weiterhin das Kassettenabspielgerät und ein Autoradio. Aber ich immerhin schon einen Radiorekorder, um …
Egal, Hauptsache Radiorekorder und Aufnahmefunktion. Und der Radiorekorder hatte eine undokumentierte Sonderfunktion. Drehte man das Empfangsband zu weit in den kurzwelligen Bereich, dann ertönte ein Pfeifen. Die Grenze vom UKW und dahinter kamen dann die Funksprüche der Polizei. Interessant, wo im Ort oder in sonst irgendwo immer Prügeleien stattfanden.
Es kam die erste Flasche Isopropanol und die erste Packung Wattestäbchen, um Tonkopf und Andruckrollen vom Eisenoxid der billigen BASF-Kassetten zu reinigen. UKW nahm ich vom Radio auf. Wiederholt. Und immer wieder. Mit nur einer Kassette. Immer und immer wieder wurde die gleiche Bandstrecke neu überspielt. Aber nur UKW. Mittelwelle und RTL waren nur zum Hören. Zum Aufnehmen taugte der Sender RTL nicht. Zu viel Ohrenkratzen war bei der Mittelwelle-Aufnahme garantiert. Dafür aber anderer Spaß. Erinnert sich noch wer an die „Blaue Stunde“?

»RTL, ihr Sender auf 1479 kHz«, war eine Ansage, die für sich sprach und jedes WDR-Hörfunkprogramm in den Schatten stellte. Da machte es später auch keinen Unterschied mehr, wenn RTL seine Sendefrequenz auf 1480 kHz zugewiesen bekam und in der Schule von den Lehrern offiziell lehrbuchmäßig erklärt wurde, RTL sei Schund. RTL-Radio war einzigartig. Auch die Lehrer hörten es gerne. So wie sie auch gerne die BILD-Zeitung lasen, obwohl Günther Wallraf einiges bei der BILD aufgedeckt hatte. Aber wir alle hörten gerne die heile Welt von RTL im Radio.

Ich auch. Bis auf Sonntags Nachmittag. Da galt es die Radioantenne im tiefsten Münsterland auf SWF 3 auszurichten. 500 km gen Südwesten. Das Wetter war entscheidend. War die Wetterlage okay? Der Sender kam rein und verschwand wieder, kam rein und verschwand wieder, kam rein und verschwand wieder. Immer wieder. Und Frank Laufenberg erklärte derweil auf SWF 3 den Stand den Stand der Beliebtheit der wichtigsten Lieder in der deutschen Musikszene.
Lange Zeit war ich der beneidete Besitzer einer Tonbandaufnahme (Audio-Kassette) der vierteiligen »Beatles«-Serie von dem anerkannten »Beatles«-Experten Frank Laufenberg. Durch Unbedarftheit nahm ich irgendwann etwas anderes auf und war danach unbeneideter Dummkopf in Sachen Radio-Sendungen-Aufnehmen.

1985.
Inzwischen war ich Besitzer eines Stereo-Radiorekorders mit zwei Kassettenfächern. Die waren nötig, um Bandkopien zu ziehen. Von Freunden. Früher hieß das noch »Bootleg« erstellen. „Beatles“-Bootlegs standen hoch im Kurs. „Stones“ ebenso. Nein, nicht »Raubkopie« wurde es genannt, sondern „Bootlegs“. Legal war es aber ebenso wenig wie später. Obwohl mit dem Kauf einer Audio-Kassette auch die GEMA mit bezahlt wurde. Nur die Musikindustrie fühlte sich noch auf der sicheren Seite. Wer saubere Aufnahmen wollte, sollte gefälligst für die Schallplatten zahlen und sich entsprechendes Abtastgerät beschaffen.
Als Kassettenjockey auf Privatfeten taugten meine Kassetten ohne Probleme. Letztendlich wusste ich, auf welcher Kassettenseite bei welcher Kassettenstelle sich welches Lied exakt befand. Vor- und Zurück-Spulen gehörten für mich zum Handwerk beim Kassetteneinstecken in das Tape-Deck bei Privat-Feten. Dafür zollten mir genügend Leute Dank. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich so etwas wie ein Disc-Jockey war. Aber das war mir damals total egal. Ich wollte nur die passende Musik zur passende Stimmung für alle. Genau. Immer diese dümmlichen Idealisten. Hätte, wäre, wenn. Egal. Eine Zeit lang hatte ich Erfolg. Später nicht mehr. Trotz damals aktueller Radioaufnahmen. Mein Geschmack war nach einiger Zeit nicht mehr mehrheitsfähig. So geht es, wer nicht mit der zeit geht. So einer muss mit der zeit gehen.

1985. In Äthiopien grassierte eine brutale Hungerkatastrophe (wie jetzt in Somalia). Die weltweite Politik sah tatenlos zu (nichts neues) und interessierte sich lediglich nur für ihren kalten Krieg. Bob Geldorf organisierte das im Juli 1985 viel beachtete »Live Aid«-Konzert (bei dem damals Madonna als Hupfdohle am Bühnenrand hin und her tanzte und sich die erste Beachtung verdiente). Auch hier lief wieder mein neuer Stereo-Radiorekorder mit und nahm fleißig auf. Jeder kann noch den deutschen Beitrag zum »Live Aid 85« im Internet ermitteln: »Nackt im Wind«. Es war aber eine musikalische Katastrophe als es in London live zugespielt wurde. Alle Mitwirkenden waren verkrampft. Nach der Übertragung wurde live gejammt. Lediglich der WDR nahm noch auf und sendete im Dritten Programm jenes fleißig weiter, was dann geschah: Alle Beteiligten jammten Wolf Mahns »Deserteure«. Ein Highlight der Live-Performance. Nur finde ich keinen WDR-Mitschnitt mehr dazu. Allein bei mir Zuhause auf Audio-Kassette (inzwischen digitalisiert und digital aufgehübscht).
Oder das in London auf grandiose 20 Minuten ausgedehnte »Purple Rain« von ‚Prince‘: Lange Einleitung, langes extatisches Ende. Es gibt keine vergleichbare Version zur »Live Aid«-Version. Sie existiert (ebenfalls digitalisiert) als Tonbandaufnahme in meinem Radio-Aufnahme-Archiv.

Radio bestimmte noch immer das Leben. Mal Sondocks Sendung im WDR 2 war bereits abgesetzt worden. Ich hörte weniger Radio. Meine Musik lief weniger. Der Plattentausch mit anderen war angesagt. Radio hörte ich mehr wegen Live-Konzerte. Oder Live-Veranstaltungen in Sachen Kabarett oder Theater.

Fernsehen hatte inzwischen einen wichtigen Bereich für sich erobert gehabt. Wie hieß es im Fernsehen, als noch die Apollo-Raketen gen Mond sich auf den Weg machten? »Live sein, heißt dabei sein«, sprach Hoimar von Ditfurth in die Kameras. Radio konnte da nicht mithalten. Wie auch. Bilder vom Mond im Radio waren nicht vermittelbar. Die Herausforderung war zu hoch.Es würde dem vergeblichen Versuch gleichen, den Einschlag der Flugzeuge von vor zehn Jahren und den Zusammensturz der Türme per Radio bildlich zu vermitteln. Zumindest fällt mir kein Moderator ein, der es aus dem Stand schaffen würde, das Ungeheuerliche in Worte zu fassen. Da müssen eher Bilder sprechen, damit der Zuschauer begreift.

Mein Vater hatte damals (also noch weit vor dem Tag 09/11) immer den Ton vom Fernseher abgeschaltet und das Radio eingeschaltet, wenn ein Fußball-Länderspiel lief. Im Fernsehen schienen die Kommentatoren überfordert. Anfang war mir das als kleiner Knirps gar nicht recht. Aber bald erkannte ich die Vorteile. Selbst in langweiligsten Spielsituationen waren Fernsehmoderatoren kaum in der Lage noch interessantes zu vermitteln. Wurde gerade Rasenschach gespielt, dann waren selbst die Fernsehkommentatoren von der Situation überwältigt und zollten der Situation mit Schweigen ihren Tribut. Solche Perlen der Fußballfernsehunterhaltung, als in Madrid 1998 vor dem Spiel BVB-Real Madrid das Tor zusammenbrach und ein Günther Jauch und Marcel Reif über eine halbe Stunde Unterhaltung auf hohem Niveau zum Überbrücken der Situation spontan erbrachten, solche Perlen der Unterhaltung sind selten.

Legendär ist ja der Kommentar von 1978 bei der Fussball-WM in Argentinien, als Deutschland gegen Österreich in Córdoba spielte. Edi Finger wurde dabei zur Legende. Als Radiokommentator (»Tooor, Tooor, Tooor, […] I wer’ narrisch!«) überflügelte er den deutschen Fernsehkommentator Armin Hauffe um Welten.

1979 lief der Hit »Video Killed the Radio Star« die Radioprogramme im WDR rauf und runter. 8 Jahre später drehte Woody Allen den Film »Radio Days« als Abgesang auf die Tage, in denen das Radio in den USA noch Bedeutung hatte.

Trotzdem, in Deutschland war noch die Geiselnahme in Gladbeck. 1988. Fernsehen war nicht aktuell, Internet gab es nicht. 24-Stunden-Fernsehen war auch noch ein Fremdwort. Das Nachtprogramm endete mit einer vorgelesenen Geschichte von Hans-Joachim Kuhlenkampf. Anschließend gab es eine deutsche Fahne im Wind untermalt von der Nationalhymne. Danach Pausenbild. Nur das Radio hatte ein 24-Stunden-Programm. Und dann gab es das Gladbecker Geiseldrama. Besonders die Radioreporter erlebten ihre fragwürdige Sternstunde. Immer live dabei. Mit den Gangstern auf Du und Du. Vis a vis zwischen Mikro und Kanonenmündung.

Andererseits, 1982. Ich hatte jemand mit Autoradio erwischt und hörte die Debatte um die Mißtrauenserklärung gegen Altkanzler Schmidt durch Helmut Kohl mit an. Der Autobesitzer duldete mein Zuhören, obwohl er nicht zu verstehen schien, was mich bewegte. Es war eine spannende Bundestagsdebatte im Radio, die in dem Ausruf von Helmut Schmidt gipfelte »Noch bin ich hier Kanzler«. Damit war alles klar. Alles geklärt. Kurz darauf war Helmut Schmidt es nicht mehr. Der Vorname blieb, der Nachname änderte sich und die 16-jährige Kanzlerregentschaft des Pfälzers begann.

Damit endeten die Radio Days für mich noch längst nicht. Bis April 1995 hatte der WDR eine Frequenz-Lizenz erworben, über welche der WDR ein Testprogramm ausstrahlte. Es lief in Endlosschleife ein einstündiges Musikprogramm.

Es erinnerte mich dabei an die nachmittäglichen Testprogranmme im Fernsehen, in denen eine Mehrkanal-Versuchssendung ausgestrahlt wurde. Um einmal sachlich zu bleiben, die Versuchssendung präsentierte exakt zwei Audio-Kanäle im testprogramm. Mein Vater hatte damals bereits einen Grundig-Stereo-Fernseher gekauft. Im ZDF lief dazu jene Testsendung. Also offenbar hatte mein Vater eine Technologie eingekauft, die damals erst zum Standard werden sollte. Hier (http://video.google.com/videoplay?docid=3878958518011014170) findet sich noch jeden Fernsehschnipsel, der das verbreitete, was technologisch heute altertümlich wirkt (Stimmen im off als Erklärung von Stereo in einer Szene mit Beatrice Richter, ab 06:00: »Also ist Stereophonie ist ein neues Ausdrucksmittel der Dramaturgie?« »Könnte sein.«). Berauscht hatte mich immer der Vorschauschnipsel vom Fußballspiel von »Union Solingen«. War der Verein mal ne Fußballmacht? Er verlor im DFB-Spiel 1:2 gegen Gladbach. Zumindest war er damit zum Stereo-Vorzeige-Fußballverein avanciert (s.o. Ab 08:13). Jenen Film zu dem Schnipsel mit der ewig lächelnden Maria Schell (ab 09:25) wollte ich später noch sehen. Er wirkte so geheimnisvoll, so magisch (»Hör zu, du bist nicht David. Aber irgendwer bist du.«). Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, ich hatte den Fernsehfilm dazu gesehen. Nur an den Inhalt oder Titel erinnere ich mich nicht mehr. Unbedeutsam. Genauso wie Giovanni Spadolini, Francois Mitterand oder Margret Thatcher ohne unterlegter deutscher Übersetzung. Interessant auch die Demonstration des Zwei-Kanal-Ton über eine Debatte im Europäischen Parlament: Anfangs wird die deutsche Übersetzung eines Abgeordneten zu Gehör gebracht. Sobald aber auf den rechten Kanal geschaltet wurde, war auch damals so gut wie nichts zu verstehen. Ein Symbol des EU-Parlaments? …

Wie bereits erwähnt, bis April 1995 hatte der WDR eine Frequenz-Lizenz erworben, über welche der WDR ein Testprogramm ausstrahlte. In einer Endlosschleife. Aus dieser Endlosschleife entstand der Sender 1Live, der das Programm »WDR 1« ersetzte.

Das Leben ging weiter. 1997 lief früh morgens die Nachricht durch die Sendeanstalten, dass Prinzessin Diana tödlich verunglückt sei. Ich saß in jener Nacht vor einem PC und chattete im Internet in einer Chatgruppe und postete dort die Nachricht in den Chat-Raum. Die Reaktion war zynisch ungläubig. Meine Gegenreaktionen voll von Sarkasmus. Chatmässig eben.

Irgendwann in meinem Leben verließ ich dann den Sendebereich vom WDR-Hörfunk. Was mit RTL-Radio gesät worden war, wurde mit dem Fernseh- und Rundfunkvertrag unter Kanzler Helmut Kohl geerntet. Die Privat-Radio-Programme erhielten ihre Sendefrequenzen. Begleitet waren sie mit guter Hoffnung.

Da war im Bereich Bremen-Hannover das geniale vierstündige »Guten-Morgen-Programm« von 8 bis zwölf Uhr Mittags im FFN: »FFN-Frühstyxradio«. Eine Comedy-Truppe rollte das tief-ernste, deutsche Radio von Niedersachsen aus auf. Mit norddeutschem Bierernst. Die Betonung liegt auf »Bier«. Aus dieser Truppe gingen Comedeians der tiefschürfensteren Sorte wie Kalkhofe oder Wischmeyer hervor. »RTL Samstag Nacht« war nur ein Abklatsch dagegen. »Frühstyxradio« war real-existierende Comedy, welche kein Kabarett war, aber trotzdem nichts mit den Oberflächenwischern der darauf folgenden Generation zu tun hatte. Gnadenlos wurden alle hörerischen Tabus geschleift. Die letzte Sendung von 2000 existiert noch als kaufbare CD. Selten nahm sich eine Comedy weiter ernst, als sie sich selber werfen konnte. »Der kleine Tierfreund«, »Onkel Hotte«, »Arschkrampen«, »Frieda und Anneliese«, »Günther, der Treckerfahrer«, »Kalkofes Mattscheibe« (genau! im Radio! und nicht wie nachher im TV!) usw. usf. . Die Truppe des »Frühstyxradio«s war auch für die Eröffnungsshow der »Expo 2000« in Hannover verantwortlich. Nur, wenn jeder über die »Expo 2000« redet, dann erinnern sich mehr Menschen an einen „Prinz“, der an einen Pavillon gepinkelt haben soll als an die Eröffnungsshow vom Frühstyxradio-Team.

Radio-Tage.

Als ich mir meinen letzten MP3-Player kaufte, schwankte ich zwischen normalen Radio-Empfangsteil und DAB-Empfangsteil. Das war vor mehr als fünf Jahren. Die Entscheidung fiel auf normalen im MP3-Player integrierten Radio-Empfangsteil. Genutzt habe ich diese Fähigkeit meines MP3-Players kaum. In Bayern gibt es im Grunde nur Schrott-Radio. Die Auswahl heißt immer »Pest« oder »Cholera«: »Bayern 3« oder »Antenne Bayern«. Dort wird Heiterkeit und Spontanität durch die Moderatoren simuliert. Vorbei sind die Zeiten als Thomas Gottschalk und Günther jauch 1986 den Sender „Bayern 3“ erfolgreich aufgemischt und verbessert hatten. Die Ansagen der heutigen Moderatoren haben die Temperatur eines Aschermittwochs mit Heiterkeitsdirektive vom Vorgesetzten. Also so eine Mischung aus Karneval in Aachen und Karneval in Münster. es schunkelt jeder zweite. Wegen der Ordnung.
Darüber hinaus drängt sich immer wieder der Verdacht auf, dass spontane Anrufe in den Sendungen einfach fingiert sind. Im Privatfernsehen heißt so etwas »scripted reality«. Übersetzt: »Verarschung der Zuschauergefühle«. Nicht einmal für eine Verkehrsstau-Durchsage taugt das Radio in München und Umgebung. Ob auf jener Autobahn nun wirklich der angesagte Stau existiert, darüber gibt inzwischen jedes Smartphone verlässlichere Informationen als das Radio (egal ob öffentlich rechtlich oder privat-werbungsfinanziert). Besonders lieb sind mir dann immer die Lobhudelanrufe, welche den eingeschalteten Sender über jenen Klee loben, der eh bereits mit der Sense nivellierend sensibilisiert wurde. Wie gut, dass man mit einem Smartphone inzwischen auch Internetradio hören kann. damit ist man nicht mehr auf bayrisches Funkterritorium angewiesen.

Seltsam empfinde ich es inzwischen nicht mehr, dass ich jenen Sender im fernen Köln, der vom damaligen »WDR 1« zu »EinsLive« ummodeliert wurde, über Internet höre. Weniger Werbung als in Bayern, mehr ehrliche Spontanität und weniger Ballyhoo-Moderationen. Die bayrische Kulturverweigerung, die offene Tendenz zur Parallelgesellschaft, das gehört auch bei mir zum Programm, wenn ich mit dem Radioprogrammen Bayerns konfrontiert werde. Dafür brauche ich keinen fremdländischen Pass.

Ich weiß, so etwas zu schreiben, ist billig. „Fishing for compliments“ wird so etwas auch genannt. Billigste Anti-Propaganda.
Allerbilligste.

Nur las ich letztens, dass jene Sendesystem-Totgeburt „DAB“ (digitale Audioübertragung über normaler Antenne; der Antagonist zu DVB-T) auf Staatskosten ausgebaut werden soll. Nicht dass DVB-T eh bereits digitales Radio vorgesehen hatte, nein, es soll eine Technik ausgebaut werden, die bislang weder im Radio- noch im Receiver-Geschäft eine Bedeutung hatte. Und das angesichts der immer stärker verbreiteten Internet-Übertragung von Radio-Programmen. Inzwischen besitzen überwiegend mehr Menschen Internet-Radio (über PC, Notebook, Smartphones oder andere stationäre WLAN-Empfänger) und immer noch das alt-hergebrachte, analoge Radio. DAB ist weiterhin ein Fremdwort. Selbst DVB-T ist erheblich stärker verbreiterter (in Ballungszentren) als DAB.

Und dann beim Aufräumen daheim hielt ich die Schallplatte wieder in meinen Händen. ‚Mal Sondocks‘ LP mit original Unterschrift auf der Rückseite. Inklusive Foto. Er hatte immer damit geworben, dass mit seinem Foto einer Insektenplage ausreichend Barriere geschaffen sei. Sein Foto aufgestellt, würde jede Mücke sofort vertreiben. Das Foto hatte ich nie aufgestellt. Die LP dutzendfach gespielt. Insbesondere »Nutbush city limits « von Tina Turner.
Tina Turner wird im November 72 Jahre alt. »Em Ei El« Sandock starb im Juni 2009 mit 75 Jahre. Beide verkörpern für mich einen nie gedrehten Bestandteil von Woody Allens »Radio Days«.

Nein. Früher war nicht alles besser. Aber die Fußballübertragungen im stumm gestellten Fernseher und die Radiokommentare dazu, das kommt nie zurück. Auch das »Mahlzeit, meine Damen und Herren. Guten Morgen, liebe Studenten und Studentinnen« von Manni Breukmann damals im »WDR 2 Mittagsmagazin«, das kommt nie wieder. Das war einmal.

Was mir bleibt, ist eigentlich nur ein nach verkappter Propaganda wirkender Hinweis auf meinen Lieblingsradiosender »EinsLive«. Spontaner und ehrlicher als alles in Bayern über Luft zu empfangende.

»Em Ei El« Sandock. Das war ein Bestandteil meiner Jugend. Meiner Pubertät. Der Moderator Sandock war vielleicht nicht der beste, aber er war der verbindlichste, der sich allen ungeschützt im Radio offenbarte. Wegen ihm wurde ich zum Radio-Fan. Und das, obwohl mir alle Moderatoren Bayerns diese Fanschaft bislang erfolglos mit niedrigstem Niveau austreiben wollten. Deren Absichten habe ich aber bislang ignoriert. Erfolgreich.

Ich höre einfach weiterhin vergnügt lohnenswertes spontanes »Preußen-Radio«. Ein Bayer bin ich nun mal nicht. Ich mag es nun mal spontaner und ehrlicher. Nicht-bayrisch halt.

Und hiermit endet mein persönliches, recht langwierig, langweiliges Radio-Glaubensbekenntnis.

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca

Ertrage die Clowns (1): Norwegen und seine Interpreter

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Das Attentat des bekennenden Christen lässt wohl allgemein vorgeschobene Ratlosigkeit bei den Journalisten zurück. Wäre er ein Islamist gewesen, die Welt wäre so einfach zu erklären gewesen. Aber es war ja kein Pluderhosenträger sondern jemand, der die Freiheit Europas verteidigen wollte. Das passt vielen ganz und gar nicht ins derzeitige Konzept. Wie schrieb die rechtsgerichtete Internetplattform „PI“ (Quelle des folgenden Zitats ist die Internetseite http://www.pi-news .net):

Im heute viel diskutierten Manifest des norwegischen Terroristen Breivik kommt auch ein Auszug aus einem Interview Henryk M. Broders vor. Der Tagesspiegel kontaktierte Broder darauf in England, wo er sich gerade aufhält, und fragte, wie er sich dazu stelle und ob er sich Sorgen mache. Broders Antwort:
“Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.”
Eine sehr gesunde Einstellung meiner Ansicht nach!

Weitere Irrungen und Wirrungen der Glaskugelleser finden sich auf den folgenden Internetseiten hier (http://www.bildblog.de/32127/vorzeitiger-mutmassungserguss/) und hier (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/feiges-journalistenpack/) trefflich wiedergegeben.

Im DWF (Deutsche Welle Fernsehen) sah ich heute einen Kommentar, der davon sprach, dass solche Terroristen ernst genommen werden sollten und die Ausländerpolitik in Europa besser geregelt werden müsse. Mir fiel das Frühstück dabei fast aus dem Gesicht. Wäre es ein Islamist gewesen, es wäre übrigens der gleiche Kommentar gewesen, aber mit noch wesentlich härter geforderten Gangarten wie Überwachung von Moscheen, Überwachung ausländischer Gruppierungen, Strafe bei Nicht-Integration usw. usf.. Vielleicht hätte auch jemand eine Bestrafung des Berliner Türken gefordert, der den vorsätzlich provozierenden Sarazin mit seinem Kamerateam aus seinem Lokal warf (was ja bereits die BILD-Zeitung indirekt als bestrafungswürdige Häresie wertete).
Nun war es aber keine unrasierte, dunkelhäutige mit gegelten schwarzen Haaren daher-gelaufene Pluderhose, sondern ein blondes, blauäugiges, sauber rasiert und gescheiteltes Bürschlein. Ein ausgewachsenes Jüngelchen, welches mit voller Ratio und hinterhältiger Planung zum Massenmörder wurde und sich inzwischen damit auch noch brüstet, insbesondere Sozialisten getötet zu haben.

Dass der Junge nun nicht wirklich ins derzeitige Raster der gewollten Terror-Ausübenden passt, wird viele nicht daran hindern, neue Daumenschraubengesetze gegen diejenigen zu verhängen, die damit nicht das geringste zu tun haben. Im Namen der Freiheit werden Freiheiten eingeschränkt werden. Das ist so sicher, wie bei bestimmten „Christen“ das Amen in der Kirche.

Von den Attentaten hatte ich zuerst nichts mitbekommen, weil ich auf einer Rückreise aus den USA war. Gewundert hatte ich mich am Tage der Attentate lediglich, dass die USA-Ausreise so langwierig wurde. Aber wer die USA-Einreise kennt, den wundert so etwas nicht wirklich. Als ich dann am nächsten Morgen landete und meinen Koffer vom Band holte, fiel mir erst zu Hause auf, dass eines meiner TSA-Schlösser (http://de.wikipedia.org/wiki/TSA-Schloss) fehlte. Es war zusammen mit einer Reißverschlusslasche abgerissen worden (die andere Lasche befand sich kurioserweise verbogen noch dran, so dass das Schloss wohl entweder gewaltsam geöffnet oder gleich zerstörerisch herunter gerissen worden sein musste, wobei die andere Lasche vom Koffer gerissen wurde). Mein Koffer war offensichtlich durchsucht worden. Der Grund präsentierte sich mir auch gleich: Meine vor der Rückreise geleerte Kunststoffwasserflasche. Geöffnet fand ich sie sich in meinem Koffer, obwohl ich sie vorher verschlossen hatte, damit der Rest Wasser nicht auslaufen sollte.
Ja, es war dumm von mir, eine leere Kunststoffwasserflasche im Koffer zu haben. Da sieht der Zöllner am Scanner nichts drin. Keine Flüssigkeit. Nichts. Es könnte ja also auch Gas drin gewesen sein. Richtig dämlich, nicht wahr. So etwas tut man auch nicht.
Aber welches Arsch nimmt sich trotz nicht billigem und für Zöllner jederzeit aufschließbaren TSA-Zahlenschloss (15 Euro das Schloss) heraus, erstens dieses gewaltsam zu entfernen und zweitens meinen Koffer zu beschädigen? Ist das mein Preis für diese deren verdammte Terror-Paranoia?
Super.
Eeeeeeeeeecht toll.
Stürzen die meisten Flugzeuge etwa wegen Terroranschläge ab? Als die Air-France-Maschine zwischen Rio de Janeiro und Paris im Atlantik abstürzte, waren die ersten Vermutungen gleich beim Terrorismus und der „Achse des Bösens“.
Klar, es gibt sie, die Oberärsche, die meinen, Attentate öffnen einem das Tor zur Ruhmeshalle oder zu politischen Lösungen. Ich bezweifle es nicht, dass es solche Gefährliche gibt.
Aber irgendwo hört die Vernunft auf und der Wahnsinn fängt an.
Und das nicht ausschließlich bei Terroristen.

Die Journalisten-Kommentare, die ich inzwischen zu dem Terroranschlag von rechts las, passen zu meinem Erlebnis. Alte Wild-West-Masche: Erst schießen, dann fragen. Und wenn wer dafür seinen Preis zahlen muss, heißt es entschuldigend „Kollateralschaden“. Dann muss auch niemand das zahlen, was eh da ein anderer schon bezahlt hat. So etwas nennt man in der Industrie geflissentlich auch „Eh-da“-Kosten.

Sogenannte Experten (in Regierungen und vor den Kameras und Mikrofonen der Auflagen-hinterher-Hechelnden sind sie eh da … es geht um Werbegelder und Werbeminuten; wer kein attraktives Programm hat, kriegt kein Geld mehr auf dem Markt zusammen und geht im Sinne von „Angebot und Nachfrage“ dem Gang aller wirtschaftlich erfolglosen Unternehmen, den neoliberalistischen Gang …). Und die Exekutiven spielen Hand in Hand.
Teamwork.
Und wir sollen alle brav mitspielen. Respektive mitarbeiten.
Die einen bauen die Pyramide und die anderen haben die Aufpasser und Pläne dazu. Und wir alle spielen brav mit. Denn wir finden Pyramiden toll. Letztendlich können wir darin unsere Freiheit in goldenen Särgen reinstellen. Ist das etwa nichts?

Als 2001 9/11 geschah, waren sich Kommentatoren darüber einig, dass jenes das Ende der „Spaßgesellschaft“ sein müsse. Denn angesichts solch eines ernsten Terroranschlags wäre es unglaublich, dass solche Dinge wie „Love Parade“, Raves und Hedonismus noch eine Berechtigung hätten.

Über zehn Jahre zuvor, Anfang der 1990er wurde in Deutschland der Karneval abgesagt. Denn wenn andere sterben würden (Golf Krieg No. 2, auch unter dem Begriff „Desert Storm“ bekannt), dürfen andere nicht feiern.

Jetzt, 10 Jahre später – wir schreiben das Jahr 2011 -, ertönen bereits die Kommentare, dass Länder zu sehr offen sein können, dass Europa in der Ausländerpolitik irre. Wohlgemerkt, es wird bereits nicht darüber diskutiert, wie gegen Terror von Rechts vorgegangen werden soll, sondern wie rechte Terroristen durch Politikwandel beruhigt werden können.

Selbsternannte Experten aus dem journalistischen „Allzeit-bereit-Experten“-Pool erklären uns, warum uns ein Massenmörder nicht schrecken sollte. Solche „Experten“ füllen Seiten und Sendezeiten. Oder wie BILD darüber unter dem Titel „Wie gefährlich ist dieser Täter-Typus?“ schrieb (ich zitiere lediglich den ersten und den letzten Satz; der Rest dazwischen unterstreicht beides):

Fanatische Einzelgänger oder Amokläufer erschießen nicht selten Dutzende Menschen. […] „Mit diesem Risiko müssen wir leben.“

Quelle des Zitats aus der BILD-Unterseite …/politik/ausland/norwegen-massaker/anders-breivik-wie-gefaehrlich-ist-dieser-taeter-typus-19027034.bild.html
Da muss ich mir mal den polemischen Zwischenruf gestatten dürfen: Wer redet da eigentlich noch von Fachkräftemangel in Deutschland, bei solchen Experten?

Bislang lese ich nicht vieles, was darauf hindeutet, was getan wird, um den Terror von rechten Menschen zu bekämpfen, außer dass man denen nachgeben will, indem man auf deren Forderungen mit Kompromissen eingehen könnte. Eher wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um ein Einzeltäter handele und dass Norwegen eine zu freie Gesellschaft sei, aufgrund dessen ein Einzeltäter zum Schluss kam, ein Massaker in Oslo und auf einer Insel zu realisieren.
Wie heißt es doch immer wieder in bestimmten Kreisen: Wozu brauch ich staatlicherseits im Hirn ein erhellendes 100-Watt-Lämpchen, wenn die ganzen Watt gleich in die Exekutive und ihre Oberarme gesteckt werden?

Naja, ich vermute insgesamt wird wieder die Freiheit ein Opfer der Journalisten und Politiker werden. Es wird so kommen, wie es in den letzten Zeiten immer kam: Im Namen der Freiheit werden Freiheiten eingeschränkt. Als Koonzession den Linken und Rechten gegenüber.
Aufklärung dagegen und über die verursachenden Grundübel wird seitens solchen Parteien nicht betrieben, denn Wissen ist Macht. Und es soll doch so bleiben, dass alle Macht vom Volke ausgeht und nicht, dass es zum Volke zurückkehrt.
Wie immer.
Freiheit ist gefährlich. Für Linke insbesondere wie für Rechte.
Wir warten auf deren Einschränkungen.
Im Namen der Freiheit.

Die Freiheit
(von Georg Danzer)

Vor ein paar Tagen ging ich in den Zoo,
die Sonne schien, mir war ums Herz so froh.
Vor einem Käfig sah ich Leute stehn,
da ging ich hin, um mir das näher anzusehn.

„Nicht füttern“ stand auf einem großen Schild
und „bitte auch nicht reizen, da sehr wild!“
Erwachsene und Kinder schauten dumm,
und nur ein Wärter schaute grimmig und sehr stumm.

Ich fragte ihn: „wie heißt denn dieses Tier?“
„Das ist die Freiheit!“ sagte er zu mir,
„die gibt es jetzt so selten auf der Welt,
drum wird sie hier für wenig Geld zur Schau gestellt.“

Ich schaute und ich sagte: „Lieber Herr!
Ich seh ja nichts, der Käfig ist doch leer!“
„Das ist ja grade“, sagte er, „der Gag!
Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg!

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
und manche Menschen haben Angst vor ihr.
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein,
denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.

Wer nicht fragt, bleibt dumm (ESTA Teil 2)

… sind Sie gegenwärtig an Spionage- oder Sabotageakten, an terroristischen Aktivitäten oder an Völkermord beteiligt, …

Ein bisschen komisch, wird mir schon als ich der obigen Frage im amerikanischen ESTA-Verfahren begegne. Sollte ich die Frage mit „Ja“ beantworten, müsste dann nicht binnen kurzer Zeit die Polizei mit einem SEK bei mir aufschlagen? Oder der CIA mit paar Marines in einem Hubschrauber vor meinem Balkon landen? Oder wenigstens ein Sniper auf dem Dach dort drüben 500 Meter entfernt? Oder wäre mein Weg nur gepflastert mit Schlapphüten und andere unauffällige Gestalten? Oder würde mich spätestens bei der Einreise in Gods-own-Country der ESTA-Fragesteller ein Empfangskomitee mit blitzenden Schmuck für meine Handgelenke empfangen?

Welchen Sinn macht diese ESTA-Frage?
„An Spionage- oder Sabotageakten, an terroristischen Aktivitäten oder an Völkermord beteiligt“.
Bin ich natürlich nicht. Meine Weste ist blütenweiß. Krieg ich jetzt bei der Einreise einen Orden dafür, wenn ich mit „Nein“ antworte? Sollte mir dafür nicht wenigstens lobend auf die Schulter klopfen? Oder wird man mir unterstellen, dass ich unehrlich geantwortet habe? Also gelogen? Und vor allem, wer wird das entscheiden?

Vor der Einreise werde ich mich rasieren, ein leichtes Bleichmittel auf meine Gesichtshaut auftragen, meine Haare schneiden lassen, sie straßenköterblond färben und mit einem rechten, haarscharf gezogenen Scheitel aufhübschen. Letztendlich will niemand wirklich irgendwie arabisch aussehen, nicht wahr.

Die Frage lautet, ob der Befragte „beteiligt“ sei. „Beteiligt“. Nicht „verordnend“.
Die Befehle-Verteiler können somit guten Gewissens „Nein“ ankreuzen und einreisen. Vorausgesetzt es liegt kein nationaler oder internationaler Haftbefehl vor.

Ich kreuze vorsätzlich „Nein“ an.

Am Schluss des ESTA-Prozesses und der Überweisung der 14 US-$ Einreisegebühr erhalte ich die positive elektronische Rückmeldung: ich sei legitimiert, mich den US-Grenzbeamten auf US-Boden zur Erlaubniserteilung der Einreise vorzustellen. Das werde ich dann wohl tun.
Man gönnt sich ja sonst nichts.

Schau’n mer mal.

Fundstück

Ein öffentliches Bedürfnisanstaltsangebot für eine öffentliche Bedarfsgemeinschaft auf dem Bürgersteig. Da freut sich das Hundchen und das Herrchen bleibt sauber.
ffentlich

"Willkommen auf der Website des elektronischen Reisegenehmigungssystems" (ESTA)

dieser Art von Delikten liegen in der Regel Handlungsweisen zugrunde, die von Natur aus auf niederen Beweggründen beruhen, anstößig oder moralisch verwerflich sind und zudem unvereinbar mit den allgemein anerkannten Regeln der Sittlichkeit und den Pflichten, die gegenüber anderen Personen und der Gesellschaft im Allgemeinen bestehen.

Ich war Soldat in Afghanistan. Als das Auto auf die Straßensperre zufuhr, schossen wir. Nachher zogen wir die Leichen von Frauen und Kindern heraus. Sie hatten auf unsere Aufforderung zum Anhalten nicht reagiert.

Ich war Soldat im Iran. Die Terroristen an der Ecke, wir haben sie mit unserem Apache ausradiert. Gründlichst. Sie hörten uns nicht kommen. Noch nicht mal die Journalisten unter der Gruppe konnten uns fotografieren. Das verkommene Subjekt, dass unsere glorreiche Tat an Wikileaks rausgab, gehört auf den elektrischen Stuhl. Wegen Geheimnisverrats.

Ich flog einen Tornado und ließ auf Befehl Bomben fallen. Hinter mir schoss ein Feuerschweif in den Himmel. Später hieß es, unter den Toten der explodierten Tankzüge sollten auch Taliban gewesen sein. Alles sei vollkomen in Ordnung. Die Nicht-Taliban, das wäre Kollateralschaden. Und sie wären daran selber Schuld. Was geben die sich auch mit Talibans ab.

Ich war in Abu-Ghuraib und bin jetzt auf Guantanamo Bay Naval Base für Frieden und Freiheit. Nein, nicht Gefolterter, sondern wieder Soldat. Sogar als Frau. Ich wusch und wasche viele Gefangenen unter kaltem, klaren Wasser rein. Obwohl sie sich dagegen wehrten und noch immer wehren, trotz das es nur zu ihrem besten ist. Zu ihrem besten, bis dass sie das gestanden haben oder gestehen, was wir von ihnen wollen, weil sie nicht mehr waterboarden wollen.

Ich war in Serbien und woanders, warf damals wie heute ebenfalls Bomben ab. Chirurgische Schnitte nennen wir es. Unser Messer hat eine verdammt breite Klinge. Okay, es trifft Unschuldige. In Serbien auch mal eine chinesische Botschaft. Aber sind nicht auch Unschuldige dann schuldig, weil unter denen immer auch potentiell Schuldige sein könnten? In Serbien, das alles war rechtens, um den Diktator, der die Bevölkerung undemokratisch unterdrückte und quälte, dort zu entmachten.

Ich war Spieler an der Wall Street. Auf Immobilienkredite hatte ich gewettet. Vielmehr gesagt, dagegen. Also darauf, dass die Kredite zusammenbrechen würden. Ich gewann. Andere verloren und wurden arbeitslos. Auch nicht wettende. In der Krise stieg die Anzahl der Vermögensmillionäre weltweit besonders stark. Genau wie die private Verschuldung. Viele Privatpersonen leben von Krediten. Besonders stark in Brasilien. Ich wette darauf, dass auch hier die Kredite wieder ausfallen werden. Und dann gehört mir deren Geld.

Ich war Geldgeber anderer Länder. In Folge den Nachbeben der Mortgage-Krise drohen sie aus der Bahn zu schleudern. Ich rate, diesen Ländern eisern zu sparen. Den eigenen Gürtel bei denen deutlich enger zu schnallen, die sich eh‘ schon nicht wehren können. Solche haben wenig zu verlieren. Wer kaum was hat, dem fällt es nachher kaum auf, wenn er gar nichts mehr hat. Und klappt es nicht, auf die Zahlungsunfähigkeit solcher Länder wette ich bereits. Vergesst nie: Geld kommt zu Geld. Zu mir. Nicht zu den Habenichtsen. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren, der kann deswegen auch mehr geben.

Ich hatte früher einen Fernseher. Heute brauch ich ihn nicht mehr. Ich mache es bereits wie Karl Lagerfeld, ich „streame“ meinen bestellten Inhalt zu mir nach Hause, bin immer bestens informiert. Bei Katastrophen, Mord und Totschlag. Immer online. Nur die armen Teufel mit ihren riesigen Flachbildschirmen und den vielen Schulden deswegen, die sind noch immer nur „live“ dabei. Leben in ihrer gescripteten Resality. Die brauchen ihr Morphium-Kaugummi fürs Großhirn. Und ich verkaufe es ihnen.

Ich habe damals laut im Publikum mitgelacht, als der Mann gröhlend mit der Kettensäge durch den Film lief, eine Frau damit jagte und erledigte. Der Film war zurecht nicht frei ab zwölf Jahre und erhielt das Rating „XX“ für pornografisch: In einer Szene war deutlich der Busen der Frau zu sehen.

Ich bin kompromisslos pro-amerikanisch. Dazu stehe ich. Amerikaner sind unsere Lord-und-Siegel-Bewahrer der Freiheit. Unser Schutzschild gegen die Geißel eines menschenverachtenden Terrors. Der große Bruder für uns ungläubige Thomase. Sie bewahren die Stabilität von Paris/Berlin bis nach Peking und bekämpfen Diktaturen von Kuba über Venezuela bis Iran und Afghanistan.
Ich bekenne mich gegen die Achse der Bösen eindeutig zu der freiheitlich, demokratischen Grundordnung, der einzig Wahren, der Allmächtigen, welche alles geschaffen hat, Cash, Wertpapiere und die allmächtige Börse mit ihren Ratingagenturen, die aus Besitz und Gütern hervorgeht, die mit Besitz und Gütern angebetet und verherrlicht wird. Ich bekenne die eine demokratische und vor allem freiheitliche Grundordnung zur Vergebung meiner wirtschaftlichen Sünden in Gedanken, Worten und Werken. Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Und daher vergibt sie mir meine Schuld, wie auch ich lediglich moralisch vergebe meinen Schuldnern, wenn sie alles bezahlt haben. Ich erwarte nicht deren Auferstehung von den wirtschaftlichen Toten, aber dafür um so mehr mein kommendes Leben in der guten, vermögenden Welt.

Dafür würde ich sogar kleine amerikanische Kinder von ihren Töpfchen schubsen.

Wie bitte?
Ich erhalte nicht die Einreiseerlaubnis in die USA?
Wieso dass denn nicht?
Nur wegen dem letzten Satz im vorherigen Abschnitt?
Unglaublich.
Verstehe da einer die Heimatlandschutzbehörde (Department of Homeland Security) …

dieser Art von Delikten liegen in der Regel Handlungsweisen zugrunde, die von Natur aus auf niederen Beweggründen beruhen, anstößig oder moralisch verwerflich sind und zudem unvereinbar mit den allgemein anerkannten Regeln der Sittlichkeit und den Pflichten, die gegenüber anderen Personen und der Gesellschaft im Allgemeinen bestehen.

Es reißt mich aus meinen Tagträumen. Siedendheiss fällt es mir ein: das ESTA-Formular für die USA ist von mir noch auszufüllen, damit ich am Dienstag in die USA eingelassen werde und die USA meine Daten dann 75 Jahre lang aufbewahrt.

Moralisch verwerflich bin ich nicht: weder schubse ich kleine Amerikaner vom Klo noch werde ich jemals Waffe oder Geld gegen das Leben von Menschen richten. Eigentlich sollte meiner Einreise nichts im Wege stehen. Die einmalige Einreisepauschale von 10 US-Dollar werde ich auch freiwillig zahlen.
Und die Geschwindigkeitsbegrenzung auf den US-Highways verspreche ich auch zu beachten.
Ehrlich.
Doppelschwör.
Das gelobe ich angesichts meiner klammen, wirtschaftlichen Lage und den hohen Bearbeitungsgebühren für ein Verkehrsticket.

In God we trust, the resting bill will be a payback by cash.
Kill bill.
Amen.

Zum Blogger-A-Flashmob

A

Das Wort zum Sonntag

Warten auf Godot.
Er kommt gleich.
… please try later, your call could not be attended by now, please call later …

Warten auf Godot

EHEC: P.A.N.I.K. (Teil 2)

Irgendwo in Süddeutschland in der berühmt berüchtigten Herr-Gotts-Früh:

0.30:
Stehe mit meinem Kameraden am Tresen. Tanken uns zwei Weißbier. Wir kommen ins Philosophische. Er meint, Bier wird aus Getreide hergestellt, welches mit Gülle gedüngt wurde. Ich widerspreche. Das Bier schmeckt gar nicht nach Gülle. Er gibt mir recht.

0.50:
Kellnerin kassiert uns ab. Will wegen der zwei Schweinsbraten noch den Rohkostsalat berechnen. Wir widersprechen heftigst. Kellnerin ist sauer. Sie meint, trotz EHEC müssten wir auch Rohkostsalate zahlen. Wir erhalten Unterstützung vom Nachbartisch. Die hätten es auch nicht gezahlt. Wirt kommt und beruhigt aufgeladene Stimmung mit sechs Gläsern Grappa und Gurkenhäppchen. Zweimal direkt hintereinander. Zur Beruhigung der Gemüter. Mein Kamerad und ich sind selig.

0.59:
Verlassen die Kneipe. Kellnerin ist sauer, weil sie ihr geforderte Trinkgeld von uns nicht erhielt. Hatten ihr stattdessen einen Gutschein für den eigenen hauseigenen Salat ausstellen wollen. Fand sie gar nicht lustig.

1.08:
Wanken volltrunken über die Straße. Zwei Porsche Panamera konnten uns nur knapp ausweichen. Wir geraten in Sorge, dass vielleicht Porschefahrer nicht wirklich das freie Leben achten, sondern maximal die freie Fahrt. Nehmen noch einen Schluck aus den Weißbiergläsern, die wir mitgenommen hatten. Bezahlt ist schließlich bezahlt.

1.14:
Meinem Kumpel fällt ein roter Wollbeutel am Straßenrand auf. Er dreht in um und es fallen ein Salatkopf, zwei Gurken und diverse Tomaten heraus. Ungekocht. Rohkost. Ich gerate in Panik. 110.

1.19:
Sind umringt von Lalü´, Lala und Blaulicht. Bestaunen die gesamte Flotte der Münchener Polizeifahrzeuge. Hatte mich im Innern gewarnt gehabt, ich solle die Polizei nicht verständigen.

1.31:
Der Häuserblock muss wohl definitiv evakuiert worden sein. Nur mein Kumpel und ich, wir dürfen uns nicht von der Stelle rühren. Schon seit dem Notruf. Krampf in der rechten Wade. Halte aber tapfer still. Befehl ist Befehl.

1.35:
Menschen in weißen Vollkörperkondomen haben mit Pinzetten und Petrischalen an uns herum gefummelt. Ein Reporter liess uns Walkie-Talkies geben. Er will von der Kirche gegenüber mit uns ein Interview führen. Er erwähnte nur kurz, er könne uns an BILD verkaufen.

1.59:
Mein Kumpel und ich sind allein auf weiter Flur. Zu unseren Füßen liegt das Rohgemüse. Unangetastet. Ein Mikrofon an einem gigantischen Galgenausleger wird über uns reingeschwenkt. Man sagt uns, das Interview sei für den ARD-Brennpunkt am nächsten Abend. Zweitverwertungsrechte hätte im übrigen das ZDF. Wir sollten uns also bei den Antworten konzentrieren.

2.55:
Jemand in einem weißen Ganzkörperkondom hat uns ein Fernseher hingestellt. Er meinte, in 5 Minuten seien wir auf Sendung bei RTL2. Eine Sondersendung zu EHEC.

3.25:
Es wird uns langweilig. Interview fand nicht statt. Fernseher ist noch immer ohne Strom.

3.53:
Vor zehn Minuten wurde Anti-Terrorbekämpfungstruppe der GSG-9 per Hubschrauber vor uns abgeseilt. Mit Atemschutzmasken und ABC-Anzügen. Man wolle die Bevölkerung schützen, drohnte es uns aus den Schutzanzügen entgegen. Dabei wedelten sie herrisch mit ihren MP7 herum.

4.07:
Mein Kumpel meint, er müsse kotzen.

4.08:
Erkläre ihm, dass es momentan weder der Ort noch die Zeit sei, sich in solchen niedrigen Gefilden der körperlichen Äußerung zu begeben. Er solle sich gefälligst mannhaft beherrschen.

4.10:
Er hat es getan. Direkt übers Gemüse. Niemand hat es gesehen. Unsere Umgebung ist isoliert. Still.

4.29:
Mein Kumpel erklärt, er langweile sich. Außerdem seien ihm die Flutlichtscheinwerfer, die inzwischen hier alles ausleuchten, zu heiß. Er würde jetzt gehe. Ich versuche ihm zu erklären, dass es für die Erforschung des EHEC-Bakteriums unheimlich wichtig sei, würde er an Ort und Stelle bleiben. Er würde sich in dem ehrenvollen Dienste der Forschung stellen.

4.31:
Mein Kumpel ist gegangen. Einfach so. Ich stehe allein vor dem Gemüse. Niemand zu sehen. Offenbar alles abgesperrt. Ich langweile mich.

4.35:
Habe mich klamm heimlich aus dem Scheinwerferlicht vom Gemüse entfernt. Stehe in der verdeckten Einfahrt eines Gemüsehändlers. Sehe wie einige GSG-9-Bewaffnete mich mit Taschenlampen beim Gemüse suchen und dann dort etwas ablegen.

4.37:
Eine Explosion verreißt die Stille der Nacht. Die haben das Gemüse gesprengt!!!!

4.43:
Komme zurück nach Hause. Lag fast direkt um der Ecke. Stelle den Rechner an und schalte Internet-Radio ein. Richard Clayderman am Piano. Für Elise. Das beruhigt.

4.44:
Unterbrechung! Sondermeldung!
„Heute morgen gelang es Spezialkräfte der GSG9 eine Ansammlung von Rohgemüse unschädlich zu machen. Gegen 3.45 hatten aufmerksame Bürger einen Beutel mit ungewaschenen Rohgemüse entdeckt und vermutet, dass es sich hierbei potentielle Überträger des EHEC-Bakteriums handeln könne. Um eine ernsthafte Bedrohung der Bevölkerung zu vermindern, sprengten Spezialeinsatzkräfte und Sprengstoffexperten der GSG9 die Gemüseanhäufung. Bei direkten Untersuchungen am Sprengort konnten metallische Teile sicher gestellt werden. Diese Spuren stammten nicht von der Sprengung her und müssten wohl zuvor in das Gemüse eingearbeitet worden sein. Es seien Federelemente und uhrenähnliche Rückstände sichergestellt worden. Ein terroristischer Hintergrund durch die Freisetzung von Rohgemüse mit Hintergrund zur nachhaltigen Schädigung der Bevölkerung der Stadt gilt als nicht mehr ausgeschlossen“

4.52:
Telefon klingelt. Bin fast schon am Schlafen und kann ihm nicht mehr antworten. Mein Kumpel wollte wissen, ob ich seine Armbanduhr gesehen hätte. …

Persönliches Akzeptieren nicht idealer Katastrophen = P.A.N.I.K.

Hallo, Herr Nachbar! Wie geht’s?

Jaja, dieses neue Krankheit, diese EHEC, die ist echt gefährlich.

Jaja, in unsere Firma haben die inzwischen neue Klobrillen montiert. Die aus den Autobahnraststätten.

Nein, doch nicht die verklebten Zugeschissenen. Sondern die, die da wo die Brille sich durch einen Desinfektionsschwamm drehen lässt.

Wie? Die kennen Sie nicht? Na, da müssen Sie mal wieder die Autobahn fahren. Da lernen Sie die kennen. Ich sag nur, High Tech. Sie drücken nen Knopf und bzzzzzzzzzzzzzzt, dreht sich die Brille. Einfach genial. Nur, wenn Sie gerade während Ihres großen Geschäfts auf den Knopf drücken. Dann geht’s aber rund, he he he.

Nein, wir haben in der Firma noch keinen Fall. Aber man kann nie wissen. Die Kantine hatte letztens Gurkensalat ausgegeben. Hat keiner angepackt. Ich auch nicht, bin doch nicht blöd. Zu viel Naturkost schadet.

Wie? Die Gurken waren es nicht? Wer denn nu?

Aber einer muss es doch gewesen sein! So einfach kann man uns doch nicht abspeisen.

Das hängt sicher mit der EURO-Krise zusammen. Jeder kennt den Griechischen Salat, den mit den vielen Gurken. Und dann Gurken aus Spanien. Alles Krisenländer. Die wollen uns vergiften.

Ja, hab ich verstanden, die Gurken waren es nicht. Ich tippe eh auf Italien. Bei soviel Zügellosigkeit, Bunga-Bunga und so, EHEC kommt garantiert aus Italien.

Durch Nachdenken bin ich draufgekommen.

Freilich kann ich das. Reine Logik, Herr Nachbar. Hab schließlich Abitur, ne.

Gut, für nen Doktor hat es nicht gelangt. Aber dafür war ich West-Paderborner Stadtmeister in Mikado.

Nein, nein, nix Stäbchen oder Beamten-Mikado. Mikado ist eine Kampfsportart. Damit kann man aus nem Herrenfahrrad ein Damenfahrrad machen.

Jaja. Was ich sagen wollt, das EHEC ist sicher italienisch. Durchfall, den kriegt man auch, wenne zu viel Fett isst. Und da sind mir die Fettuchini eingefallen, nicht wahr. Da steckt das Fett doch schon im Namen. Und dann bin ich auch noch persönlich bedroht. Bei mir ist noch ne Packung Fettuchini im Schrank. Die werd‘ ich weg werfen. Sicher ist sicher.

Och, das meinen die nur. Bakterien, ha. Glaub ich nicht, ich kau immer alles sorgsam durch, da gehen die dabei kaputt, werden von mir höchstpersönlich total zermamlt. Nein, nein, ich glaub eher, das EHEC kommt aus Italien. Die Ihtacker wollen davon ablenken, dass die bei dem ganzen Bunga-Bunga den Euro versenken. Das ist ne Geschlechtskrankheit, nicht wahr. Bunga-Bunga, wissen se?

Wie? Na denn, auch noch schönen Abend. Und Gummi nicht vergessen, sonst gibt’s Durchfall!

So ein Arsch. Hat’s Fenster zugeknallt. Wahrscheinlich auch so ein Hinterlader. Wenn 2/3 der Durchfall-Erkrankten nu Frauen sein sollen und Gurken verdächtig sind, das sagt doch schon alles. Ich wette, EHEC kommt vom zu vielen Bunga-Bunga. Die sollten sich mal alle beherrschen, dann gäb es auch weniger Krankheiten auf dieser Welt, nicht wahr …

Kleines Abendgedicht zur Guten Nacht

Kurz vor Tagesschluss:

Abendgedicht

Schreibzwang – Quäl Dich, Du Sau!

Schreibzwang

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Gedankensuche im Tunnel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20, Teil 21

***

»Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedankens kann wachsen. Er kann dich aufbauen und zerstören.«
Cobb aus dem Film »Inception«

Die Kopfschmerzen machten sich wieder stärker bemerkbar. Eigentlich dachte ich, dass ich sie überwunden hätte. Uneigentlich aber wurde mir jetzt wieder klar, dass die Kopfschmerzen mir nur eine Atempause gegönnt hatten. Ich stellte das Handy aus, denn ich musste mich setzen. Auf dem Absatz am Gleisbett hockte ich mich hin. Mir war schwindelig geworden. Eine leichte Übelkeit umgab mich. Auf der Party musste ich wohl zu viel getrunken haben.

Alkohol. Der Körper verzeiht nie.

Ich stützte meine Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und versuchte gleichmäßig tief durchzuatmen. Es war die vergebliche Hoffnung, frische Luft in meine Lunge zu pumpen, um die Kopfschmerzen zu verdrängen und einen klaren Gedanken zu fassen.

Nie wieder Alkohol.

Wie oft hatte ich diesen Satz schon gedacht, wenn der Abend zuvor seine Krallen mir noch am nächsten Morgen präsentierte. Ein wenig sehnte ich mich nach den früheren Jahren. Da öffnete ich am nächsten Morgen nur die Fenster und der morgendliche Wind hatte meinen Kater weg geblasen. Danach war ich meistzeit wieder fit wie ein Turnschuh.
Aber heute? Da hilft ein geöffnetes Fenster nicht mehr. Der Körper verzeiht nicht mehr. Kopfschmerztabletten in der Schublade gehörten zu meiner The-Day-After-Behandlung und mindestens ein Liter Wasser.
Aber hier? Die Luft war leicht modrig, abgestanden, wie schon mal geatmet. Und Wasser sah ich weit und breit nirgends.
Wie paralysiert saß ich im Dunkeln und wartete darauf, dass mein Körper aufhören würde, gegen die Alkoholausschweifungen des Vorabends zu rebellieren. Was hatte ich nur getrunken? Bier. Okay. Mehrere Biere. Und, richtig, zwei, drei Gläser Prosecco und dann … es war Ouzo im Spiel. Vor meinen geistigen Augen sah ich mir Ouzo in große Schnapsgläser einschenken und trinken. Ich hatte es mal wieder übertrieben.
Mir wurde erneut übel. Mir schien, als ob der Magen dem inneren Augenkino zugesehen haben müsste, er rebellierte beim Gedanken an den Ouzo. Mit tiefen Atemzügen versuchte ich meinen Magen zu stabilisieren. Es gelang, nur die Kopfschmerzen klopften wie wild . Als ob jedes Schnapsglas Ouzo mir nochmals von innen gegen die Schläfen hämmern würde.

So hockte ich im Dunkeln und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Bruchstücke vom Abend kamen mir in Erinnerung zurück. Mir fiel ein Gesicht ein, ein Mann, seine eckige, schwarzumrandete Brille, Schlips und Kragen. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Grübelnd überlegte ich, aber dessen Name konnte ich mir nicht in meine Gedanken zurück rufen.
Deshalb nenne ich ihn hier Robert.
Also Robert erzählte eine Geschichte. Eine Geschichte über Gedanken.

Robert berichtete, er hätte einen Professor kennengelernt, der hätte Gehirnforschung betrieben. Jener Professor wollte der Natur der Gedanken auf die Spur kommen. Nach dessen Meinung wären Gedanken nichts außer neurologische Produkte von Synapsen. Ein Elektronengewitter in verschiedenen Gehirnbereichen, so erklärte es der Professor. Um diesen Synapsengewittern auf die Spur zu kommen, hätte jener eine Anlage aufgebaut, welche Hirnströme überwachen konnte.

Eigentlich wäre das nichts bedeutsames, so meinte Robert. Und die Erkenntnis, dass Gedanken als elektronenartige Gewitter messbar und darstellbar seinen, wäre ja auch nichts neues. Die Schwierigkeit wäre es nur immer gewesen, den berühmt berüchtigten »Versuchsleitereffekt« bei den Untersuchungen auszumerzen. Dieser Effekt zeige sich dabei, dass jede Messung das zu messende Objekt beeinflussen würde.
In den Naturwissenschaften sei dieser Effekt immer wieder ein Problem. Denn eine Messung sagt immer nur etwas über ein Maß aus der Vergangenheit aus, aber nie über ein Maß der Gegenwart. Werner Heisenberg hatte dieses zum ersten Mal ausgiebig in der Quantenphysik formuliert. Als »Heisenbergsche Unschärferelation« fand jenes seinen Weg in die Lehrbücher.
Klar, in grobstofflicher Umgebung lässt sich eine Messung auch nach der Messung verifizieren, wenn denn die Umgebungsbedingungen gleich blieben. Allerdings komme es immer drauf an, welches Messmittel verwendet würde. Unterschiedliche Messmittel können schon unterschiedliche Ergebnisse bringen. Robert führte als Erklärung die Fertigungstechnik in der Automobilindustrie an. Dort würde bereits der Tausendstel eines Millimeters eine große Rolle spielen. Komme beispielsweise ein Teil aus einem kalten Lager, dann könnte das gemessene Maß Forderungen an dessen Maßhaltigkeit erfüllen. Jedoch, wenn das Teil zu lange in einer Hand gehalten würde, könne es bereits maßlich ein fehlerhaftes Teil werden, welches zu groß, zu lang, zu dick sei. Um diesen Effekt auszuschließen, gibt es feste Richtlinien zu Messungen, unter welchen Bedingungen gemessen werden müsse.

Robert erzählte weiter, dass jener Professor der Meinung gewesen wäre, dass er nur die Natur der Gedanken und deren Gedankenströme im Hirn an sich selber untersuchen könne. Dokumentiert hätte er alles über einen privaten Videoblog. Der Professor ersann Vorrichtungen und Apparaturen, welche eine hohe Messgenauigkeit und Reproduzierbarkeit der Messungen garantierten. Nicht der Professor befestigte Sensoren an seinen Kopf sondern ein programmierte Maschine. Hierzu hatte er seinen Kopf immer wieder über eine Laseranlage exakt bis auf jedes Grübchen vermessen lassen und in sein privates Computernetzwerk eingespeist. Mit der Zeit hatte der Professor seinen Kopf nicht nur äußerlich genau vermessen, sondern durch seine Apparatur und Sensoren hatte er ebenfalls das Innere seines Kopfes in den Computer 1:1 eingespeist gehabt. Der Professor hatte es in mehrjähriger Arbeit geschafft gehabt, auch das komplizierte Nervengeflecht des Hirns sehr genau darin als 3D-Modell abzubilden. Und dann begann er, sich zu konzentrieren, in welchen Gehirnwindungen und Synapsenbereichen bei welchen Worten elektronische Regungen zu messen waren. Schon bald hatte er die Synapsen lokalisiert, die für das Wort »ich« zuständig waren. Es war zwar kein eindeutiger Bereich, aber er konnte sehr gut zwischen »ich« und »du« unterscheiden.

Und so erforschte der Professor sein Gehirn. Mit der Zeit konnte er seine Gedanken fließen sehen, wenn er einfache Sätze dachte. Dann sah er, wie sich verschiedene Synapsenbereiche regten, Ströme flossen und sich vereinigten, sich wieder trennten, in bestimmte Hirnbereiche des vorderen Hirns strömten, sich wieder vereinigten und dann langsam verebten. Robert meinte, dass der Professor es letztendlich so weit brachte, dass er den Satz »ich denke, also bin ich« genau in seiner Entstehung und seiner Verarbeitung am Bildschirm verfolgen konnte.

Irgendwann wäre der Professor dann übergegangen, sich Gedanken darüber zu machen, wie er Gedanken mittels elektronisch induzierten Reizungen verschiedener Synapsenbereiche erzeugen könne. Das ganze war recht kompliziert und seine Zweitwohnung auf dem Lande war eher ein Gewirr von Kabeln und Apparaturen und Sensoren und anderen geheimnisvollen Gerätschaften. Robert sprach dabei davon, dass der Professor einige Apparaturen sich illegal auf dem russischen Schwarzmarkt beschafft hätte. Nach dem Zusammenbruch der UDSSR hatte er sich dort immer wieder Dinge und medizintechnisches Gerät besorgt und nach Deutschand geschmuggelt. Apparaturen und Werkzeuge, die in Deutschland nicht ohne Lizenz erhältlich gewesen wären.

Das ganze Vorhaben war freilich nicht ungefährlich. Ein Gehirn vorsätzlich elektrisch zu manipulieren, barg eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Aber eigentlich war es genau der Punkt, den der Professor plante zu erreichen. Insbesondere deswegen hatte er alle Untersuchungen nur an seinem Gehirn durchführen wollen, um nicht andere zu gefährden. Der Professor riskierte ohne Zweifel, sein Gehirn zu schädigen und damit auch gleich den Schlusspunkt seiner Untersuchungen zu setzen. Das Risiko nahm er jedoch wohl voll in Kauf.

Der Professor hatte alles durch gerechnet und startete die ersten Testserien. Der Erfolg dieser Versuche war verblüffend. Per Programmierung seiner Apparaturen steuerte er den Synapsenbereich des »ich«-Zentrums an, induzierte einen winzigen, einen fast schon homöopathischen elektrischen Reiz an den Synapsen: der Professor dachte »ich«.

Andere Menschen wären angesichts des Ergebnisses zu dem Zeitpunkt in einem Rausch verfallen. Aber nicht der Professor. Er analysierte die Aufzeichnungen bei dem Versuch, modifizierte das Programm in mühsamer Programmierarbeit und startete alles nochmals neu, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war und definitiv jeglichen Versuchsleitereffekt ausschließen konnte.

Drei oder vier Jahre dauerte es, so erklärte Robert, bis der Professor den Satz »ich denke, also bin ich« in seinem Gehirn induzieren konnte. Das hieß, der Professor regte Synapsen in seinem Hirn an und er dachte das, was er vorher seiner riesigen Apparatur auftrug, ihm als Gedanken zu geben.

Dem Professor war sehr wohl bewusst, was er mit seinen Forschungsergebnissen am Horizont aufzeigte. Ein dunkler Schatten von Aldous Huxleys »Schöne neue Welt«. Denn es schien möglich, ein Gehirn von außen zu veranlassen, innere Gedanken zu reproduzieren, die der Denkende als seine eigenen erachtete.
Eine Einschränkung war dem Professor jedoch bewusst: keines der gemachten Versuchsergebnisse wäre direkt von Gehirn zu Gehirn übertragbar. Jedes Gehirn stellte ein Individuum dar und funktioniere immer ein wenig anders. Je nach Entwicklung des jeweiligen Gehirns würden andere Synapsenbereiche zu reizen sein, um ähnliche Ergebnisse zu reproduzieren. Zumindest hatte der Professor aber für sich nachgewiesen, dass Gehirne prinzipiell von außen steuerbar wären. So wie manch ein Mensch einem Wellensittich das Sprechen beibringe, so lernte der Professor bei sich selber, Gedanken zu induzieren, Gedanken zu erzeugen und diese zu denken. Und gerade hierin sah er dabei das große Manko: Wellensittiche plappern nur nach, was denen vorgesprochen wird. Und sein Gehirn dachte nur die kurzen Gedanken, die sich der Professor zuvor ausgedacht hatte. Der Professor spielte mit seinem Gehirn, wie ein ein Mann sein Klavier nutzte: er drückte Tasten, die mit einem Ton verbunden waren. Und der Ton erklang.

Allerdings – so erklärte Robert – gab es einen Unterschied zwischen dem Klavierspieler am Flügel und dem Professor am Gehirn: Der Professor musste zuvor viele Fehlversuche hin nehmen, viele negative Ereignisergebnisse erzeugen, bevor er ein positives Resultat erhielt. Der Professor reduzierte mit der Zeit die Fehlversuche und erhöhte mit der Zeit die Erfolgsquote. Er lernte aus seinen negativen Ergebnissen.
Um sich selber den Satz »ich denke, also bin ich« denken zu lassen, benötigte er anfangs über 50 Versuche. Später waren es maximal ein Dutzend. Fehlversuche brachten entweder unvollständige Sätze oder manchmal ganz andere Sätze. Das tat jedoch dem Forschergeist des Professors keinen Abbruch, sich Gedanken über seine Gedanken zu machen.

Robert lachte dabei an jener Stelle seiner Geschichte unvermittelt laut auf:
»Versteht ihr, der Professor erzeugte eine Situation, in der sich ein eigener Gedanke sich Gedanken über sich diesen statt findenen Prozess des Gedanken-Machens Gedanken macht. Das hat doch etwas von der Geschichte des Kretaners, der behauptete, alle Kretaner seien Lügner, nicht wahr.«

Als Robert merkte, dass niemand diesen Vergleich auf Anhieb verstand, fuhr er mit seiner Geschichte fort.
Der Professor war also an einem Punkt angekommen, an dem er ein wirklich schwer kontrollierbares Experiment durchführen wollte: Er wollte sein Gehirn eine von außen elektrisch induzierte Frage stellen und dann die Antwort verfolgen. Bislang hatte der Professor immer die Gedanken vorgedacht, die sein Gehirn denken sollte. Er hatte nur die lineare Funktionsweise seines Hirns überprüft gehabt. Also die rein statische Funktionalität. Aber jeder weiß – so merkte Robert an –, dass Gedankenvorgänge dynamisch seinen. Gedanken bestehen mehr als aus nur aus gerade entstehenden Gedanken.
»Der Kopf ist rund, damit er seine Richtung wechseln könne«, heißt es im Volksmund. Und diese Dynamik wollte der Professor nachvollziehen. In Gedanken geht sowohl in der Vergangenheit Gelerntes völlig spontan und unkontrolliert ein. Der Professor bezeichnete es als die nächste Stufe seiner Nachforschungen. Dass er fähig werden würde, diese Dynamik von außen ebenfalls entsprechend zu induzieren, damit rechnete er nicht. Aber er erhoffte sich doch die ein oder andere Regelmäßigkeit zu finden. Sollte er wider erwarten es aber schaffen, diese Dynamik systematisch zu erfassen, so könnte es möglich sein, Lernprogramme von außen in das Hirn einzuspeisen und mit den Gedanken dynamisch zu verankern. Es hätte dann etwas von dem MATRIX-Film gehabt, in welchem die Frau Trinity schnell mal erlernt, wie ein Hubschrauber geflogen oder ein Motorrad gefahren wird.

Meine Erinnerung legte eine Pause ein. Mein Kopf schmerzte zu sehr ob dieser Erinnerung an den Abend zuvor. Roberts Geschichte erschien unglaublich, aber mit einem Bier in den Händen hatte sich dort alles leichter verstehen lassen. Auch wenn es unglaubwürdig erklang. Alkohol ermöglicht es.
Und so hörte eine Gruppe von vier Leuten dem Robert zu, den niemand von uns kannte oder zuvor gesehen hatte. Seine Geschichte war für uns wie eine intellektuell philosophische Partyunterhaltung.

Robert fuhr fort, uns zu beschreiben, wie der Professor sich auf seinen Tag X vorbereitete. Der Professor hatte versucht, alle Eventualitäten und Notsituationen abzudecken. Dem Ausgang des nächsten Schrittes seiner Gedankenforschung sollte das Risiko genommen werden. Einerseits war er zuversichtlich, dass ihm von seiner Apparaten-Landschaft keine Gefahr drohte. Er kannte sie bis ins Detail und vertraute ihr. Aber, was er befürchtete, war, dass er einen neuronalen Spannungsüberschlag in seinem Hirn erzeugen könnte, wenn er die von außen induzierten Dynamik der Eigendynamik seiner Gedanken aussetzen würde. Und an diesem Punkt war er sich nicht sicher, was das Resultats eines überhöhten neuronalen Gewitters in seinem Hirn mit den Synapsen anstellen könne. Er hatte das Risiko mehrfach abgeschätzt und kam auf ein kleines Restrisiko, welches er aber nicht qualitativ erfassen konnte.

Und eines Abends war es dann so weit, erklärte uns Robert. Der Professor schloss sich in seiner Wohnung ein, richtete alles her und ließ das Experiment starten. Der Apparatur hatte er 500 Fragen vorprogrammiert und sie sollte völlig zufällig eine dieser Fragen aussuchen, ihm ins Gehirn induzieren und dann die Reaktionen und die Antwort der Gedanken registrieren. Hauptsächlich handelte es sich um einfache Fragen. Zum Beispiel wie solche aus dem kleinen Ein-mal-eins. Und um dem Gehirn nicht nur einfach Wissensabfragen zu stellen, wurde jeder Frage eine persönliche Anrede hinzugefügt. Entsprechend lautete eine Frage nicht einfach »Wie viel ist zwei plus drei?« sondern vielmehr »Weißt du, Gehirn, wie viel denn zwei plus drei ist?«
Von dieser personalisieren Frage erhoffte er sich ein Ansprechen verschiedener Bereiche seines Hirns und entsprechende Aufschlüsse über den dynamischen Prozess der Beantwortung.

Robert erzählte, dass der Professor das Experiment startete. Er beschränkte sich für das Experiment auf eine einzige Frage, die die Apparatur zufällig auswählen sollte und sein Hirn induzieren sollte. Das Experiment startete mit der recht einfachen Frage:

»Hallo, Gehirn, wo bin ich?«

Nach den Aufzeichnungen des Professors verstrich eine Zeit von vielleicht fünf Sekunden, ohne dass die Apparatur eine Reaktion des Gehirn des Professors feststellen konnte. Erst leicht, dann aber immer heftiger strömte es von seiner Stirn über der Nasenwurzel ausgehend in verschiedene Gehirnbereiche. Die Sensoren zeichneten ein neuronales Gewitter im Hirn des Professors auf. Und erst dann, darauf erst baute sich aus den Signalen auf dem Monitor zur Darstellung der Gedanken ein Satz auf. Er formte sich vor den Augen des Professors. Ein einfacher Satz mit einer simplen Gewalt, die den Professor später an sein Gehirn und dessen Gedanken verzweifeln ließ. Ein Satz, der den Professor später seine gesamte Versuchseinrichtung zerstören lies. Ein Satz, der wohl auch an dem Suizid des Professors am darauf folgenden Tag entscheidend mitgewirkt haben musste. Polizisten lasen den Satz bei der Auswertung der Videokameraaufzeichnung, welche die sich in dem Raum abspielende Raserei des Professors dokumentierte.
Ein einfacher Satz mit großer Sprengkraft, der auch oft bei Eheleuten vor deren Scheidung fällt:

»Du verstehst mich nicht mehr.«

Eingepfercht zwischen Chomsky, PentAgrion, Metterling, Coster und dem eigenen Sprachvermögen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20

***

»Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen.« Aristoteles

Meine Bemühungen, mich durch die Papiere des PentAgrion zu arbeiten, waren enorm. Die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung, die verwendeten Worte, das verwirrte mich schon erheblich.Zaun Hatte der Autor der Papiere keine normale Schreibmaschine, als er die Papiere niedertippte? Der Buschstabe »ß« oder Umlaute oder Kommasetzung waren dem Autor entweder unbekannt oder die Schreibmaschine klemmte bei diesen Buchstaben, als er den Text tippte. Es blieb mir nichts anderes üblich, als mir mehrfach einzelne Sätze laut vorzulesen, um das Beziehungsgeflecht der Worte auf der Spur zu kommen. Manches Mal kamen mir schon erhebliche Zweifel, ob ich wirklich ein Manuskript von PentAgrion vor mir haben könnte.

Im Grunde las ich es wie ein Pawlowscher Hund: Das Manuskript vor mir wollte ich nur lesen, weil ich glaubte zu wissen, dass dort für mich etwas großartig geheimnisvolles auf mich wartete. So wie man von Büchern mit dem Untertitel »Biographie« bei dem Leser automatisch erlesbare Lebensweisheiten vermutet, so vermutete ich wohl in den Papieren das Ei des Kolumbus zu finden. So wie das Klingeln den Speichelfluss bei dem Pawloschen Hund bewirkte, weil der mit dem Klingeln Essen verband, so glaubte ich, das große unbekannte Geheimnis unserer Zeit vor mir zu halten. Mittels den klassischen Theorien des »Behaviorismus« könnte dieses Verhalten wohl eingeordnet werden. Umso größer war denn meine Verwirrung, weil ich nichts von dem wiederfinden konnte, was ich bereits im Vorfeld dieser Papiere erfahren hatte.

Wer war der Autor dieses Traktaks? Hätte es nicht PentAgrion sein müssen? Ich fand keinen Hinweis drauf. Weder auf PentAgrion als Autor noch im Inhalt auf den selbigen. Erhofft hatte ich mir auch, eventuell mehr über Stijn Van de Voorde, jenem Radiomoderator des flämischen Senders »studio brussel«, zu erfahren. Aber noch nicht mal auf diesen Radiomoderator fand ich Hinweise.

Einen dunklen Zusammenhang zwischen dem flämischen Radiomoderator und den Papieren des PentAgrion erkannte ich nur in einem Punkt, dass Schreibmaschinen in Belgien wohl keine deutsche Sonderbuchstaben besitzen. Ohne Zweifel hatte ich vor mir eine Materialsammlung, die es in sich hatte. Eine Sammlung, die durchdrungen werden wollte, die aber ihr Geheimnis nicht einfach für umme rausgeben wollte. Mir fiel dabei Avram Noam Chomsky ein, der Antipode des »Behaviorismus« (manche nennen ihn auch den Totengräber eben dieser selben). Avram Noam Chomsky ging davon aus, dass alle Menschen mit der Fähigkeit zum Spracherwerb geboren werden, weshalb Kinder das größte Potential haben, um Sprachen zu erlernen. Dafür bedarf es allerdings eine bei der Geburt vorhandenen Konstitution, einen Spracheninstinkt. Auf dieser Annahme hin hat er auch versucht, die Sprache nicht aus einer Zusammensetzung von Worten zu sehen, sondern aus als ein einheitliches Gesamtes mit gemeinschaftlichen Strukturen zu betrachten. Diese Art, eine Art Reverse Engineering mit der Sprache zu betreiben, musste auch PenAgrion bereits aufgefallen sein, so wie ich es bereits bei meiner Suche nach dessen Papieren erfahren hatte.

Und ebenso versuchte ich nun an dem Text heranzugehen, der vor mir lag. Notfalls laut lesend. Mehrfach. Aufsplitternd. Zerlegend. Erneut zusammensetzend. Eine andere Chance sah ich für mich nicht. Oder wie sollte ich Sätze verstehen wie die folgenden:

Definition von Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Wechselwirkung des aktuellem Potentials der Denkbarkeit von Tatsaechlichem mit Tatsachen die in der Zeit entstehen aus aktuellem Potential Annaeherungsmoeglichkeit von Tatsaechlichem der Wuenschbarkeit fuer Tatsaechliches.

oder

Totalitaerespirale bezieht sich darauf dass in der Zeit identisch ist abnehmende Denkbarkeit von Tatsaechlichem der Minderung des Beeinflussungspotentials von Tatsaechlichem. Phaenomen das Begriff Totaliaerespirale bezeichnet ist, dass Verschlechterung der Verhaeltnisse in der Zeit implizit ist im Zusammenfallen von Zunahme aktueller Nachvollziehbarkeit gesetzter Wuenschenswertheit der Denkbarkeit der Verhaeltnisse und aktueller Abnahme der Denkbarkeit der Verhaeltnisse.

Der Kopf rauchte mir. Hatte ich etwas übersehen? Was sollte mir der Text sagen? Sollte er mir überhaupt was sagen? Mir fiel eine Geschichte von Woody Allen ein, über »Die Metterling-Listen«. Das Leben von Metterling wurde anhand von seiner Wäscheliste rekonstruiert. Metterlings Lebensabschnitte wurden mit sechs seiner Wäschelisten rekonstruiert. 25 Taschentücher auf einer seiner Wäscheliste ließen sich problemlos dem Zeitraum zuordnen, als Metterling bei Sigmund Freud auf dem roten Sofa lag und sich seiner Beziehung zu seinem Vater Gedanken machte.

Zusammenhänge, die offensichtlich sind, können wie abstrakte Gebilde in den Gedanken hängen und sich zu unwirrschen Gebilden formen. Dabei ist das Offensichtliche manchmal doch so nah. Vielleicht las nicht richtig und interpretierte alles nur falsch: Vielleicht sollte ich alles so annehmen wie es in den Papieren geschrieben stand:

Annahme von Objektivität ist in jedem Verhaltensmoment neu zu motivieren.

Ich gestehe, ich habe nach diesem Satz die Papiere so genommen, wie sie waren, und sie diagonal durch den Raum in die entfernteste Ecke gepfeffert. Spontan. Verärgert. Sauer.

Wie konnte jemand nur so etwas schreiben, der sich über unsere menschlichen Versuche der multilingualen Kommunikation Gedanken gemacht haben soll? Der – wie ich einmal von einem Freund erfuhr – spöttisch über die ungelenken Versuche der Menschen philosophiert haben sollte, mit Hilfssprachen wie Volapük, Esperanto, dessen Weiterentwicklung Ido und dergleichen Universalsprachen internationale Kommunikation zu ermöglichen. Solchen Weltsprachen schwingt immer die Drohung mit, dass kulturelle Unterschiedliche dabei unterm Tisch fallen und verschwinden. Diese kulturelle Gleichmacherei über eine Hochsprache zeigt sich wie beim Kölsch in Köln oder beim Bayrisch in Bayern, wo sich immer mehr das Hochdeutsch durchsetzt. Nein, es ist nun nicht so, dass niemand mehr diese Dialekte haben will. Vielmehr sehnen sich viele danach, an diese besondere sprachliche Charakteristik. Sie versuchen den Dialekt zu imitieren, scheitern aber.

Kabarettisten, die einen Dialekt, eine sprachliche Eigenart beherrschen, steigen mit dieser Ausdrucksweise in der Gunst der Zuschauer. Diese Eigenart ermöglicht immer den inneren Überdruck einer beschriebenen Situation wegzulachen. Das Lachen als ein biologisches Überdruckventil ausgelöst durch eine von der Hochsprache abweichende Eigenart. Kurz nach der Wiedervereinigung war die Anwendung der sprachlichen Masche deutlich zu beobachten. Wollte ein Filmemacher Humor in seinen Filmen ausdrücken, dass ließ er jemanden auftreten, der sagte nur zwei belanglose Sätze in sächsisch und schon lagen alle Wessis vor Lachen am Boden.
Der Effekt hat sich allerdings abgenutzt. Unsere Wahrnehmungsstrukturen haben sich dahin gehend geändert, dass inzwischen Legasthenie-artiger Humor sich durchgesetzt hat, der assoziativ bei Hartz-4-Empfängern angesiedelt ist, und schon mit einer Stadionfüllung das Guiness Buch der Rekorde füllte.

Der eigentliche echte Politik-Kabarettist erfreut sich üblen Anfeindungen der Presse. Die hält solchen Kabarett-Humor nicht humorvoll sei. Mit dem seltsamen Verweis auf Werner Finck wird die polit-kabarettistische Kritik an bestehenden Verhältnissen inzwischen als ungehörig abqualifiziert und in die Meckerbubenecke verschoben. Zwischen Cindy von Marzahn und Dieter Nuhr bewegt sich eine neue journalistisch hofierte humoristische Welle. Ein Priol, Schramm, Pisper oder Schmickler sind nicht mehr die Gefeierten sondern das Ziel abwertender Kritik geworden. Überbringer schlechter Botschaften waren schon immer in der Bedrohung dafür zumindest übelst geschlagen zu werden. Wie Werner Finck.

Dem Flug des gehefteten Papierstapels zu verfolgen, wie jede einzelne Seite plötzlich mit seinen Eselsecken in der Luft ruderte und den Flug zu verlängern schien, das Geräusch wie von einem aufgescheuchten Taubenclan und dann das hell-dumpfe Aufklatschen an der Wand, das ratschende Geräusch des Runterfallens, der Aufprall … dann die Stille. Ein kleiner Zettel hatte sich aus dem Verbund gelöst und flatterte als Nachzügler ohne Eile dem Boden entgegen.
Stille.

Nein, auf besonderem Papier waren die mutmaßlichen Papiere des PentAgrions nicht getippt gewesen. Und der Flug der Papiere haben mir auch keine neue Offenbarung gegeben. Ich hockte in meinem Schreibtischsessel und schaute auf das Papiergewusel in der Ecke. Die Papiere bewegten sich nicht mehr. So konnten sie aber nicht liegen bleiben. Seufzend stand ich auf, ging in die Ecke und hob den Papierstapel auf, ordnete ihn, stellte fest, dass die Papiere des PentAgrions sogar eingeschränkt flugtauglich sind und schlug willkürlich eine Seite auf:

Die Artikulierungsfaehiger sind, fuer die Potential von Wirklichkeit groesser ist, leben emotional davon darum zu wissen und damit rechnen zu koennen, wie weniger artikulationsfaehige sich an der Begrenztheit ihrer Wirklichkeit stossen: Schmerzen des sichstossens sind Negativ der Lebensform von Artikulationsfaehigerem. (…) Im Ausmass in dem Artikuationsfaehigkeit nicht gegeben ist, kann eigenes Leiden nicht mit Etikett versehen werden. Im Leiden ohne Etikett vergroessert sich psychischer Raum ins Unendliche und nimmt den der Summe von Abscheidung von Sichentfernen an, das ist von Wirklichkeit. Ausbeutung besteht darin negative Emotionen zu provozieren, Psyche davon zu naehren: sich die Wirklichkeit eigener Existenz bestaetigen zu lassen.

Schön.
Fast ganz verstanden.
Toll.
Aber immer wieder diese Sätze ohne Punkt, Komma, Groß- und Kleinschreibung.
Nervend.

Mein Blick fiel auf den kleinen Zettel am Boden. Ich hob ihn auf.
»Jeremias Coster, Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen« stand drauf zu lesen. Von Jeremias Coster hatte ich bereits im Internet gelesen. War es nicht im Zusammenhang mit Stijn Van de Voorde? Ich versuchte mir den Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Aber meine Gedanken kamen nur bis zu jenem Gebilde, was sich mir wie ein schwarzes Loch vorkam.
Schwarz?
Schwarz.
Da war doch was.
Das schwarze Internet?

Nochmals schaute ich auf den Zettel. Unter dem Namen war die Adresse zu lesen und beinahe unleserlich eine Telefonnummer: 0241… . Ja, es war eine Aachener Telefonnummer. Ich ergriff den Telefonhörer und wählte die Nummer. Die Leitung blieb stumm. Ein erneuter Versuch. Der gleiche Effekt. Unwillig tippte ich auf dem Ziffernblock und plötzlich erhielt ich ein Rufzeichen. Ich unterbrach den Anruf und schaute genauer auf den Zettel. Mir waren die letzten beiden Ziffern nicht aufgefallen. Allerdings waren sie auch unleserlich. Mir wurde klar, dass diese beiden Ziffern mir die Leitung zu Jeremias Coster herstellen würden.

Im Internet schaute ich auf den Seiten der RWTH Aachen nach. Aber ich fand dort kein Jeremias Coster an einem pataphysischen Institut der RWTH Aachen, geschweige denn fand ich überhaupt ein pataphysisches Institut. Ich tippte »Jeremias Coster« und das Wort »PentAgrion« in den Eingabebereich der Suchmaschine ein, drückte die ENTER-Taste und erstarrte: Die erste Seite war voll von Ergebnissen mit beiden Begriffen! Was war das? Das schwarze Internet?
In meinen Hirnwindungen kam eine Erinnerung zurück. Die Erinnerung zu den Anfängen meines PentAgrion-Fiebers und die Suche nach den Papieren.

Ich schaute nochmals auf den Zettel und drehte ihn um. PlanEine Skizze, ein Plan. Ein Lageplan mit einer markierten Stelle. Eine Bahnstrecke. Ich drehte den Zettel erneut um und hielt ihn unter meiner Schreibtischlampe. Aber ich konnte die letzten beiden Zahlen der Telefonnummer nicht entziffern. Absolut unleserlich. Gefrustet knüllte ich den Zettel zusammen, steckte ihn in meine Hosentasche und ergriff wieder die Papiere. Erneut wollte ich den Kampf mit der seltsamen Sprache des Dokuments aufnehmen. Durchatmend schlug ich eine Seite auf und fing einfach an zu lesen:

Zweijährige Arbeit am Konzept waere nicht anzufangen und zu Ende zu bringen gewesen, wenn nicht einige Leute ausserhalb ihres Weges gegangen waeren. Diesen Leuten wird hier dank ausgesprochen. Ansatz waere nicht zu entwickeln gewesen ohne die Arbeit von Karl Schneider der bis zu seinem Tode 1980 an Gruppentheorie gearbeitet hat.

Karl Schneider.
Später verbrachte ich Tage in Hochschulbibliotheken, aber einen Karl Schneider – gestorben im Jahr 1980 – in Zusammenhang mit Gruppentheorien fand ich nicht. Im Internet? Ebenfalls nichts. Karl Schneider. Ein Allerweltsname. Eine Spur, von der ich dachte, sie wäre heiß, diese Spur war kalt.

Da lag es also vor mir, das lang gesuchte Dokument. Aber es sprach nicht zu mir. Papier ist geduldig, sagt man. Aber ich bin nicht aus Papier. Frust scheint wohl ein steter Begleiter bei der Suche nach dem Geheimnis von PentAgrion zu sein.

Fortsetzung Teil 22

Es kommt! Morgen kommt’s!

Osterhasenalbtraum. Morgen ist es wieder soweit. Und das Wetter soll auch mitspielen. Es wird heiß für unsere Schokolieblinge … :

Ein Beitrag zur Vernunft von Herrn Brezner

Ohne Kommentar meinerseits:

Wenn der eigene IPAD mal wieder ausgefallen ist …

… und deswegen das Herz vor Zorn mal wieder wie im Schockzustand aussetzt, da gibt es am koreanischen Flughafen „Seoul Inchenion“ das passende Erste-Hilfe-Set: Ein IPAD als Defibrillator …

Nothilfeset