Ertrage die Clowns (1): Norwegen und seine Interpreter


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Das Attentat des bekennenden Christen lässt wohl allgemein vorgeschobene Ratlosigkeit bei den Journalisten zurück. Wäre er ein Islamist gewesen, die Welt wäre so einfach zu erklären gewesen. Aber es war ja kein Pluderhosenträger sondern jemand, der die Freiheit Europas verteidigen wollte. Das passt vielen ganz und gar nicht ins derzeitige Konzept. Wie schrieb die rechtsgerichtete Internetplattform „PI“ (Quelle des folgenden Zitats ist die Internetseite http://www.pi-news .net):

Im heute viel diskutierten Manifest des norwegischen Terroristen Breivik kommt auch ein Auszug aus einem Interview Henryk M. Broders vor. Der Tagesspiegel kontaktierte Broder darauf in England, wo er sich gerade aufhält, und fragte, wie er sich dazu stelle und ob er sich Sorgen mache. Broders Antwort:
“Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.”
Eine sehr gesunde Einstellung meiner Ansicht nach!

Weitere Irrungen und Wirrungen der Glaskugelleser finden sich auf den folgenden Internetseiten hier (http://www.bildblog.de/32127/vorzeitiger-mutmassungserguss/) und hier (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/feiges-journalistenpack/) trefflich wiedergegeben.

Im DWF (Deutsche Welle Fernsehen) sah ich heute einen Kommentar, der davon sprach, dass solche Terroristen ernst genommen werden sollten und die Ausländerpolitik in Europa besser geregelt werden müsse. Mir fiel das Frühstück dabei fast aus dem Gesicht. Wäre es ein Islamist gewesen, es wäre übrigens der gleiche Kommentar gewesen, aber mit noch wesentlich härter geforderten Gangarten wie Überwachung von Moscheen, Überwachung ausländischer Gruppierungen, Strafe bei Nicht-Integration usw. usf.. Vielleicht hätte auch jemand eine Bestrafung des Berliner Türken gefordert, der den vorsätzlich provozierenden Sarazin mit seinem Kamerateam aus seinem Lokal warf (was ja bereits die BILD-Zeitung indirekt als bestrafungswürdige Häresie wertete).
Nun war es aber keine unrasierte, dunkelhäutige mit gegelten schwarzen Haaren daher-gelaufene Pluderhose, sondern ein blondes, blauäugiges, sauber rasiert und gescheiteltes Bürschlein. Ein ausgewachsenes Jüngelchen, welches mit voller Ratio und hinterhältiger Planung zum Massenmörder wurde und sich inzwischen damit auch noch brüstet, insbesondere Sozialisten getötet zu haben.

Dass der Junge nun nicht wirklich ins derzeitige Raster der gewollten Terror-Ausübenden passt, wird viele nicht daran hindern, neue Daumenschraubengesetze gegen diejenigen zu verhängen, die damit nicht das geringste zu tun haben. Im Namen der Freiheit werden Freiheiten eingeschränkt werden. Das ist so sicher, wie bei bestimmten „Christen“ das Amen in der Kirche.

Von den Attentaten hatte ich zuerst nichts mitbekommen, weil ich auf einer Rückreise aus den USA war. Gewundert hatte ich mich am Tage der Attentate lediglich, dass die USA-Ausreise so langwierig wurde. Aber wer die USA-Einreise kennt, den wundert so etwas nicht wirklich. Als ich dann am nächsten Morgen landete und meinen Koffer vom Band holte, fiel mir erst zu Hause auf, dass eines meiner TSA-Schlösser (http://de.wikipedia.org/wiki/TSA-Schloss) fehlte. Es war zusammen mit einer Reißverschlusslasche abgerissen worden (die andere Lasche befand sich kurioserweise verbogen noch dran, so dass das Schloss wohl entweder gewaltsam geöffnet oder gleich zerstörerisch herunter gerissen worden sein musste, wobei die andere Lasche vom Koffer gerissen wurde). Mein Koffer war offensichtlich durchsucht worden. Der Grund präsentierte sich mir auch gleich: Meine vor der Rückreise geleerte Kunststoffwasserflasche. Geöffnet fand ich sie sich in meinem Koffer, obwohl ich sie vorher verschlossen hatte, damit der Rest Wasser nicht auslaufen sollte.
Ja, es war dumm von mir, eine leere Kunststoffwasserflasche im Koffer zu haben. Da sieht der Zöllner am Scanner nichts drin. Keine Flüssigkeit. Nichts. Es könnte ja also auch Gas drin gewesen sein. Richtig dämlich, nicht wahr. So etwas tut man auch nicht.
Aber welches Arsch nimmt sich trotz nicht billigem und für Zöllner jederzeit aufschließbaren TSA-Zahlenschloss (15 Euro das Schloss) heraus, erstens dieses gewaltsam zu entfernen und zweitens meinen Koffer zu beschädigen? Ist das mein Preis für diese deren verdammte Terror-Paranoia?
Super.
Eeeeeeeeeecht toll.
Stürzen die meisten Flugzeuge etwa wegen Terroranschläge ab? Als die Air-France-Maschine zwischen Rio de Janeiro und Paris im Atlantik abstürzte, waren die ersten Vermutungen gleich beim Terrorismus und der „Achse des Bösens“.
Klar, es gibt sie, die Oberärsche, die meinen, Attentate öffnen einem das Tor zur Ruhmeshalle oder zu politischen Lösungen. Ich bezweifle es nicht, dass es solche Gefährliche gibt.
Aber irgendwo hört die Vernunft auf und der Wahnsinn fängt an.
Und das nicht ausschließlich bei Terroristen.

Die Journalisten-Kommentare, die ich inzwischen zu dem Terroranschlag von rechts las, passen zu meinem Erlebnis. Alte Wild-West-Masche: Erst schießen, dann fragen. Und wenn wer dafür seinen Preis zahlen muss, heißt es entschuldigend „Kollateralschaden“. Dann muss auch niemand das zahlen, was eh da ein anderer schon bezahlt hat. So etwas nennt man in der Industrie geflissentlich auch „Eh-da“-Kosten.

Sogenannte Experten (in Regierungen und vor den Kameras und Mikrofonen der Auflagen-hinterher-Hechelnden sind sie eh da … es geht um Werbegelder und Werbeminuten; wer kein attraktives Programm hat, kriegt kein Geld mehr auf dem Markt zusammen und geht im Sinne von „Angebot und Nachfrage“ dem Gang aller wirtschaftlich erfolglosen Unternehmen, den neoliberalistischen Gang …). Und die Exekutiven spielen Hand in Hand.
Teamwork.
Und wir sollen alle brav mitspielen. Respektive mitarbeiten.
Die einen bauen die Pyramide und die anderen haben die Aufpasser und Pläne dazu. Und wir alle spielen brav mit. Denn wir finden Pyramiden toll. Letztendlich können wir darin unsere Freiheit in goldenen Särgen reinstellen. Ist das etwa nichts?

Als 2001 9/11 geschah, waren sich Kommentatoren darüber einig, dass jenes das Ende der „Spaßgesellschaft“ sein müsse. Denn angesichts solch eines ernsten Terroranschlags wäre es unglaublich, dass solche Dinge wie „Love Parade“, Raves und Hedonismus noch eine Berechtigung hätten.

Über zehn Jahre zuvor, Anfang der 1990er wurde in Deutschland der Karneval abgesagt. Denn wenn andere sterben würden (Golf Krieg No. 2, auch unter dem Begriff „Desert Storm“ bekannt), dürfen andere nicht feiern.

Jetzt, 10 Jahre später – wir schreiben das Jahr 2011 -, ertönen bereits die Kommentare, dass Länder zu sehr offen sein können, dass Europa in der Ausländerpolitik irre. Wohlgemerkt, es wird bereits nicht darüber diskutiert, wie gegen Terror von Rechts vorgegangen werden soll, sondern wie rechte Terroristen durch Politikwandel beruhigt werden können.

Selbsternannte Experten aus dem journalistischen „Allzeit-bereit-Experten“-Pool erklären uns, warum uns ein Massenmörder nicht schrecken sollte. Solche „Experten“ füllen Seiten und Sendezeiten. Oder wie BILD darüber unter dem Titel „Wie gefährlich ist dieser Täter-Typus?“ schrieb (ich zitiere lediglich den ersten und den letzten Satz; der Rest dazwischen unterstreicht beides):

Fanatische Einzelgänger oder Amokläufer erschießen nicht selten Dutzende Menschen. […] „Mit diesem Risiko müssen wir leben.“

Quelle des Zitats aus der BILD-Unterseite …/politik/ausland/norwegen-massaker/anders-breivik-wie-gefaehrlich-ist-dieser-taeter-typus-19027034.bild.html
Da muss ich mir mal den polemischen Zwischenruf gestatten dürfen: Wer redet da eigentlich noch von Fachkräftemangel in Deutschland, bei solchen Experten?

Bislang lese ich nicht vieles, was darauf hindeutet, was getan wird, um den Terror von rechten Menschen zu bekämpfen, außer dass man denen nachgeben will, indem man auf deren Forderungen mit Kompromissen eingehen könnte. Eher wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um ein Einzeltäter handele und dass Norwegen eine zu freie Gesellschaft sei, aufgrund dessen ein Einzeltäter zum Schluss kam, ein Massaker in Oslo und auf einer Insel zu realisieren.
Wie heißt es doch immer wieder in bestimmten Kreisen: Wozu brauch ich staatlicherseits im Hirn ein erhellendes 100-Watt-Lämpchen, wenn die ganzen Watt gleich in die Exekutive und ihre Oberarme gesteckt werden?

Naja, ich vermute insgesamt wird wieder die Freiheit ein Opfer der Journalisten und Politiker werden. Es wird so kommen, wie es in den letzten Zeiten immer kam: Im Namen der Freiheit werden Freiheiten eingeschränkt. Als Koonzession den Linken und Rechten gegenüber.
Aufklärung dagegen und über die verursachenden Grundübel wird seitens solchen Parteien nicht betrieben, denn Wissen ist Macht. Und es soll doch so bleiben, dass alle Macht vom Volke ausgeht und nicht, dass es zum Volke zurückkehrt.
Wie immer.
Freiheit ist gefährlich. Für Linke insbesondere wie für Rechte.
Wir warten auf deren Einschränkungen.
Im Namen der Freiheit.

Die Freiheit
(von Georg Danzer)

Vor ein paar Tagen ging ich in den Zoo,
die Sonne schien, mir war ums Herz so froh.
Vor einem Käfig sah ich Leute stehn,
da ging ich hin, um mir das näher anzusehn.

„Nicht füttern“ stand auf einem großen Schild
und „bitte auch nicht reizen, da sehr wild!“
Erwachsene und Kinder schauten dumm,
und nur ein Wärter schaute grimmig und sehr stumm.

Ich fragte ihn: „wie heißt denn dieses Tier?“
„Das ist die Freiheit!“ sagte er zu mir,
„die gibt es jetzt so selten auf der Welt,
drum wird sie hier für wenig Geld zur Schau gestellt.“

Ich schaute und ich sagte: „Lieber Herr!
Ich seh ja nichts, der Käfig ist doch leer!“
„Das ist ja grade“, sagte er, „der Gag!
Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg!

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
und manche Menschen haben Angst vor ihr.
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein,
denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.

8 Gedanken zu „Ertrage die Clowns (1): Norwegen und seine Interpreter

  1. Ein ganz und gar bemerkenswerter Text, den ein zweites und drittes Mal zu lesen, sich lohnt. Einen kurzen Moment der Erheiterung (trotz des Ernstes der Thematik), bescherte mir allerdings ein Tippfehler – wenn es denn einer war: (Golfkrieg No 2, auch unter dem Begriff „Dessert Storm“ bekannt.)
    Ich weiss schon, warum ich dich auf der FL habe.

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  2. Ich habe jetzt schon mehrfach gelesen der Attentäter sei „bekennender Christ“ gewesen – und mindestens dreimal so viele Dementi, mit Zitaten aus seinen Texten, worin er sich als an keinen Gott glaubend bezeichnet.
    Einstweilen sag ich dazu nur: ein Frosch, der sich zum Ochsen erklärt, ist noch lange keiner, und selbst in der „christlichen Waffenrüstung“ (Epheser-Brief) steht nichts, rein gar nichts von automatischen Waffen.

    Mit „Mit diesem Risiko müssen wir leben.“ hat Bild allerdings einen seltenen Lichtblick gehabt.

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  3. Jeder, der sich „Christ“ nennt und Gewalt missbrauchend gegen andere und somit gegen Gott und Jesus ausübt, schadet dem wirklichen christlichen Glauben. Genau so wie es diejenigen verursachen, die ihre Taten durch den „Koran“ rechtfertigen und Gewalt gegen Andersgläubige in Ordnung finden, genauso schaden vorgebliche „Christen“ dem christlichen gewaltlosen Glauben. Diese führen das unter dem Deckmantel irgendwelcher, kruden „christlichen Leitlinien“ das durch, was sie bei den anderen verurteilen. Wenn dann einer sich als Bewahrer des christlichen Abendlandes und ebenso erklärter Gegner alles Nicht-Christlichen erklärt, dann schadet er nur. Und das nicht nur der eigenen Glaubensrichtung sondern der gesamten Menschheit. Der Massenmörder Norwegens ist einer davon. Wie war nochmals die Sache mit dem Balken, dem Splitter und den Sehorgan (beziehe ich nicht auf dich, sondern auf obige Personengruppe)?

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  4. Vielleicht. Ich kann mich mit dem Schreibfehler schlecht anfreunden, denn der „Wüstensturm“ war auch eine Art „wüst bestürmen“ und weniger ein „Sturmnachtisch“ …

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  5. Wobei Breivik ja wohl deutlich gemacht hat, daß es ihm nicht um Christsein geht, sondern um das, was man so gern das „christliche Abendland“ nennt. Mit Jesus hat er nichts am Hut, der Mann ist bestenfalls sowas wie ein Kulturchrist. (Bisher kannte ich nur den Begriff „Kulturprotestant“, und hier in Frankreich „protestant sociologique“ ; ob Breiviks nichtkonfessioneller (und nichtgläubiger) Einstellung fasse ich das mal weiter.)

    Und das ist kein Widerspruch zu dem, was du schreibst, eher eine Randbemerkung.
    Wie gesagt: auch der Frosch, der sich aufbläst, wird kein Ochse, und Breivik ist sowenig Christ wie die meisten Leute, an deren Sarg ich zu reden habe (seit 50 Jahren keine Bibel aufgeschlagen, keine Kirche besucht, kein Gebet – aber beerdigt werden will man vom Pfarrer).

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  6. Ich finde es schade, dass so eine Tragödie passieren musste. Die Menschen sind in unserer modernen Welt nicht mehr in Sicherheit. Ich befürchte, dass es in Zukunft mehr Attentate geben wird. Die Regierung muss sich mehr um die Sicherheit der Bevölkerung kümmern. Es sind bedauerlicherweise so viele Meschen gestorben. Jetzt kann man sie leider nicht mehr retten. Daher muss man schon vor solchen Anschlägen Maßnahmen zur Sicherheit treffen. Zusätzliche Informationen zu dieser Thematik kann man auf http://www.zeitong.de finden.

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