Erziehungszeiten im Hause zu Guttenbergs

Mein Gott! Wirklich.War ich geschockt.
»Ai äm schoked«, wie der gepflegte Engländer zu parlieren weiß.
Was musste ich auf einer Seite der Internetseite von BILD.de bei der Suche nach Sportfotos und Fußballberichten lesen?
Stephanie zu Guttenberg in Latex?
Halbnackt auf Postern in Kinderzimmern?

Screenshot BILD--9-2010

Nein, Gott sei Dank, nein.
Zuerst einmal: Stephanie zu Guttenberg, das ist die Frau, die bekanntlich dauernd um ihren Gatten zittern muss, wenn der mal wieder für Fotografen und CSU den James Bond in Afghanistan mimt. Stephanie zu Guttenberg, die dadurch zu Everybodys-Yellow-Press-Darling wurde. Noch direkt platziert vor der tätowierten Gattin des Bundespräsidenten Wulfs.

Diese Stephanie zu Guttenberg also, diese hat nicht nur ein Buch geschrieben sondern es auch noch veröffentlicht: »Schaut nicht weg«, heißt der Titel. Darin schreibt sie unter anderem auch über »Pornografie«.
Nein, nein, sie will nun nicht dazu auffordern, Pornos zu schauen, statt sie nicht zu schauen. Eher ganz im Gegentum. BILD hatte deswegen gestern auch als Aufmacher ihres Blattes eine bedrohliche Überschrift gewählt: »Pornografie verdirbt unsere Kinder«.

Nun, jeder hat das Recht Bücher zu schreiben, besonders wenn sich diejenige Person allein, verlassen und unbedeutend fühlt. Wenn also der Banker Herr S. schreibt und dadurch zu Ruhme und Meinungsbildner bei BILD aufsteigt, warum dann nicht auch eine Stephanie zu Guttenberg? Wie soll sie sonst kompensieren, dass sie nur über den eigenen Ehepartner definiert wird?

»Schaut nicht weg.«
»Pornografie verdirbt unsere Kinder.«
Mein erster Gedanke war:
»Richtig so, Stephanie. Blase ins gleiche Horn wie jenes von Kriminellen durchsetzte Milieu, die sich selber als Experte sehen, was denn nu Pornografie sei und was nicht.«
Mir fiel sogleich Heinrich Böll ein. Böll hatte mal gesagt: »Katholisch sein, ist wie ein Leberfleck. Man kriegt ihn nicht spurlos weg«. Daher habe ich sofort meine Blicke zu Boden gerichtet und innerlich Abbitte gegen solche herätischen Gedanken gegen das Bodenpersonal des allumfassenden Christentums geleistet. Bekanntlich ist es zu vermeiden, Pornografie und Kirche in einem Wort zu erwähnen.
Upps, …
Insofern verwunderte mich doch schon ein wenig ein Zitat der guten Frau zu Guttenberg:

… mit ihren aus dem Rotlichtmilieu entliehenen Outfits gezielt auf Provokation zu setzen. Leder, Latex und Spitze auf der Bühne waren stets ein Garant für Schlagzeilen, vor allem dann, wenn im Hintergrund ein Kruzifix zu sehen war.

Da war sie wieder, die Verbindung von Pornografie und Kirche. Sobald ein Kreuz auftaucht, wird Rotlichtmilieu anstößig. Vorher nicht. Aber hallo, war das ein Geschrei aus Politik und Kirche, als Madonna sich in »Justify my love« auf MTV lasziv an einem Gekreuzigten schmiegte. Und selbst noch im März dieses Jahres griff die katholische Kirche unterstützt von Politikern die Satirezeitschrift TITANIC an, weil ein Priester auf Genitalhöhe eines Gekreuzigten dem selbigen eben auf Genitalhöhe zugewendet dargestellt wurde. Das fanden die gar nicht lustig und sahen sich durch die Darstellung in ihren religiösen Gefühlen gekränkt (s.a. hier).

Unproblematisch dagegen ist die Ehrung des Zeichners des dämlichen … äh, ich meinte, dänischen Mohammed-»Karikaturisten« Kurt Westergaard durch die Kanzlerin Merkel,neulich am 8. September in Potsdam.

»Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut«, meinte Merkel zu dem 75-jährigen unweisen Kurt Westergaard.

Nun ja, die TITANIC wird auf so eine Auszeichnung ewig warten können, auch wenn sie sich über die Missbrauchsfälle in der Kirche lustig machen wollte. Es merke sich halt jeder in diesem unserem Kreuzeslande: Kreuze sind nur Steine des Anstoßes und nicht der Ehrung.
Außer sie werden am Bande und dazu militärisch vergeben.

Doch zurück zu unseren verhinderten Miss Moneypenny, die ihren James Bond im Dienste seiner Angela immer nur selten zu Gesicht bekommt und deshalb über ihre Vorstellungen zu Pornografie schreibt. Stephanie zu Guttenberg ist wegen dem Buch nun freilich nicht zur »Doktor-Sommer-honoris-causae 2010« ernannt worden. Aber sie scheint zu wissen, worüber sie schreibt, wenn es um Porno geht. Und sie weiß auch, wie Pornostars aussehen. Nein, nicht so wie sich der geneigte Leser einen Pornostars nun halt mal so vorstellt. In seiner schmutzigen einfältigen Phantasie. Also nackt. Und in Action. In allen Stellungen.
Nein, Pornostars sind vielmehr so wie Lady Gaga, Christina Aguilerra, Britney Spears, Heidi Klum …
Moment!
Heidi Klum? Echt? Heidi Klum sei ein Pornostar, das meint die zu Guttenberg? Doch sei sie wohl, könnte aus ihrem Geschreibsel heraus gelesen werden. Denn – so schreibt sie – bekleidet sei die Klum auch immer wieder mal mit Overknee-Lederstiefeln (im Volksslang auch »Fick-mich-Stiefel« genannt), Lederkorsett, und gleichermaßen knapp bekleidet sei sie wie die jungen Models ihrer Show.
Also, alles voll Porno für die gute Stephanie.

Da können Gina Wild, Kelly Trum oder Dolly Buster noch so viel GV stöhnend vor der Kamera haben, die wahren Repräsentanten der Pornostars sind für Stephanie zu Guttenberg der Snoop Dogg, der Rapper Nelly, Sido, Frauenarzt oder Bushido. Und deren Gesang würde deshalb auch zu Recht nicht in den Radios gespielt. Darüber könnte man sich jetzt theoretisch freilich ausgiebig streiten. Streiten dürfte man sich aber keinesfalls darüber, um wie viel schöner in den Ohren eines Radiohörers ein lateinisch orgiastisch gesungenes »In dulci jubilo« klingen muss. Oder ein karfreitäglich bluttriefendes »Oh Haupt voll Schmerz und Wunden«. Gesungen vielleicht auch noch von alkoholisierten Priestern, welche zusätzlich noch eine dunkle, unveröffentlichte kriminelle Vergangenheit haben könnten.

Egal.
Das sind nur meine verwerflichen, schwarzen Gedanken.
Stephanie zu Guttenberg hat die ihren. Erleuchtete. Allein ersonnen.

Stefanie allein zu Haus.
Da kann schon mal ein Buch daraus entstehen. Wenn man allein mit sich und seinen eigenen Pornovorstellungen und Pornophantasien ist. Politikergattin sein, ist keine einfache Aufgabe. Das hat auch keiner behauptet. Schließlich warten wir jetzt alle noch auf ein Buch von der anderen Frau. Auch allein zu Haus. Der Bettina. Dem Wulf seine. Vielleicht schreibt die dann mal über ihre Erlebnisse mit Maschmeiers, deutschen Bankern und anderen Sportwagenbesitzern.

Doch erneut zurück zur Stephanie zu Guttenberg. Ich schweife einfach zu oft ab.
Erst heute ist mir dann der tiefere Sinn der BILD-Warnung »Pornografie verdirbt unsere Kinder« aufgegangen. Es ist eine weit angelegte Kampagne. Der beiden zu Guttenbergs. Eine Gemeinschaftsarbeit.

Fast jeder männliche Bürger hat vor nicht allzu langer Zeit noch die erste pornografische Erniedrigung im Alter von 18 bis 20 Jahren auf folgende Weise gemacht:

»Die Hose herunter. Okay. Und jetzt husten Sie mal.«
Seine Hand befand sich unter seinen Hoden und der Junge schaute in das ernste sachlich bemühte Gesicht eines Mannes.
»Nun drehen Sie sich um und bücken Sie sich.«
Der Mann schaute dem Jungen vor versammelter Mannschaft ins Gesäß. Und manchmal berührte er ihn auch intimer. Alles im Dienste einer höheren Weihe, versteht sich.

Solche Szenen haben sich immer wieder Jungen von der Musterung zur Bundeswehr erzählen können. Und eben diese Musterung will dem Stephanie zu Guttenbergs ihr Mann, der CSU-Politiker mit den vielen Vornamen im Pass, abschaffen. Das hat der heute erklärt. Somit kann es sich hierbei eindeutigerweise nur um eine Entpornografisierung der Bundeswehr handeln.

Aber das ist nicht das alleinige Ziel, welches der Ehemann der zu Guttenberg-Frau erreichen möchte. Der will die Bundeswehr zu einer exklusiven Schar Berufener machen. Eben Berufssoldaten. Dressed to kill statt Bürger in Uniform.
Aufgenommen werden dann nur die besten. Die moralisch saubersten. Diejenigen jungen Männer, die bei dem Wort »Porno« noch eine Erektion bekommen, und nicht nur anfangen, müde zu gähnen mit einem »Kenn ich schon« auf den Lippen. Diejenigen sollen es werden, die dem Tode todesmutig ins Auge schauen und ihn nicht fürchten, wenn sie ihn anderen zufügen, und das Ganze nachher auch noch als »Kollateralschaden« verkaufen werden.

Und dann, also wenn er das geschafft hat, eben dann schreibt der Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ein Buch.
Nein. Keine Fortsetzung von Ian Flemmings Buch »Tschitti Tschitti Bäng Bäng«. Oder eine neue Episode von Ian Flemmings James Bond und dessen Miss Moneypenny.
Nein.
Nur ein 500 Seiten starkes Buch.
Schlicht und ergreifend. Mit einem Titel, der unter die Haut geht:

»Der Tod ist ein besonderes Aphrodisiakum«

Ich garantiere euch, das wird voll Porno, ey. Da können wir noch in vielen Gedenkgottesdiensten von zehren.

P.S.:
»Kirche« und »Tod« in einem Satz zusammen zu erwähnen, ist nicht anstößig. Darum passen Kirche und Bundeswehr auch so gut zusammen. Sie gehen sozusagen »Hand in Hand«. Was der eine liegen läßt, das sammelt der andere auf, um es zu segnen …
»Kirche« und »Porno« gehen dafür überhaupt nicht zusammen. Das ist pfui-bäh.
Außer das erstere sei mosaisch. Das ist dann doch nicht pfui-bäh. Das ist preiswürdig.
Aber das auch nur am Rande erwähnt.
Bereits zum zweiten Male.
Und das auch nur, um es euch hinterhältig einzubläuen … .

Hautnah statt mittendrin?

Während die deutsche Fußballmannschaft gegen die Weltauswahl aus Aserbaidschan versucht, mit Toren einen gebührenden Abstand zu einer theoretisch machbaren Niederlage herzustellen, reicht es mir nicht.
Einfach nur dabei zu sein? Das reicht mir nicht.
Hautnah den deutschen Fußballern auf den Pelz rücken. Das isses.

Training ist vorbei. Die Spieler verlassen den Rasen, gleich geht’s zurück ins Hotel.

15 Minuten Halbzeitpause.
15 Minuten nachdenken, wie das zu schaffen sein könnte.
Was liegt näher als …

15 Minuten Rückfahrt, die Mannschaft ist zurück im Hotel. Gleich geht’s zum Abendessen.

… nein, doch nicht.
IM ARD … pardon, ich meine: … Im ARD läuft das Spiel zwar live. Kommentator und Co-Kommentator plaudern munter die Zeit der Halbzeitpause tot. Nur, das ist mir noch nicht hautnah genug.
Näher, oh näher zu dir, meine Mannschaft, will ich dir rücken!

Der Bus ist da, die Spieler auch. Philipp Lahm und Co. machen sich gerade warm.

Heureka!
Das isses!
Twitter!
Ich verfolge die Nationalmannschaft über Twitter!
„Näher dran“ gibt es gar nicht, wenn Podolski, Klose, Lahm und Badstuber abwechselnd mit Handy ihre Nachrichten ins WorldWide-SocialWeb abschicken.
Und wenn nicht unsere Stars, dann sicher der Niersbach in Vertretung der Mannschaft.

Die Mannschaften laufen ein. Gleich gehts los…

140 Zeichen Fußballlyrik.
Die Suche unter Twitter spukt mir als Twitter-Teilnehmer „DFB_Team“ aus.
Ich logge mich ein und lese …

Wiederanpfiff in Köln, die zweiten 45 Minuten laufen.

… und schließe die Twitter-Seite wieder.
Soviel spannende DFB-Hochlyrik ist mir zu tiefsinnig.
Das 4:0 fällt und ich lese die letzte Twitter-Prosa vom DFB.

Die Diagnose bei Mertesacker: Platzwunde unter dem linken Auge. Vorsichtshalber wird er zum Röntgen ins Krankenhaus gefahren.

Der ARD-Kommentator plaudert weiter wie ein Duracell-Häschen auf AC/DC in sein Mikrofon.
Hm.
Meine Entscheidung für die zweite Halbzeit ist gefallen:
Lieber ARD-Fußball statt DFB-Twitter.
Lieber mittendrin statt hautnah.

Quelle der Twitter-Zitate: hier

Schnellbucher ohne Rabatt

»Ich hatte aber eine Bestätigungsmail erhalten, dass meine Reservierung angenommen worden sei.«
»Wir haben an dem Abend über 1000 Anfragen erhalten. So schnell konnten wir gar nicht auf ‚Ausverkauft« aktualisieren, so wie die Reservierungsmails einprasselten.«
»Ich habe aber eine Reservierung-Bestätigungsmail erhalten. Und meinen Geschäftspartnern habe ich auch schon für den Abend zugesagt. Und heute Morgen erhielt ich dann die Absage. Was soll ich denen jetzt sagen?«

Ich stand in der gemeinsamen Vorverkaufsstelle der »Münchener Lach- und Schießgesellschaft« und des »Lustspielhauses« und wollte nur zwei Abendkarten für eine Aufführung am Wochenende einkaufen. Übers Internet wäre die Vorreservierung auch möglich gewesen. Aber manchmal bin ich altmodisch und will die Karten schon vorher in meinen Händen halten. Der Mann schaute die Frau ärgerlich an und die Frau hinter ihrem Tisch schaute den Mann hilflos an. Er hatte seinen Geschäftspartnern offenbar einen Abend in der »Münchener Lach- und Schießgesellschaft« mit Dieter Hildebrandts Soloprogramm versprochen und war dabei, diesen gegenüber das Gesicht zu verlieren.

44 Euro wechselten den Besitzer und ich erhielt meine beiden begehrten Eintrittkarten. Offenbar scheint jener Künstler nicht so viele Menschen zu interessieren, obwohl er bislang regelmäßiger und stürmisch gefeierter Gast der ZDF-Kabarettsendung »Neues aus der Anstalt« war.

Apropos »Neues aus der Anstalt«:
Am 1. September um Mitternacht begann der Vorverkauf für die 37. Folge von »Neues aus der Anstalt« am 19. Oktober im Münchener ARRI Kino. Nachdem Georg Schramm aus der Sendung ausgeschieden ist, um sich seinem Soloprogramm »Meister Yodas Ende« zu widmen, tritt Urban Priol mit Frank-Markus Barwasser (alias »Erwin Pelzig«) auf. Wie war Georg Schramms Reaktion auf die Auswahl von Barwasser als dessen Nachfolger?

»Ich begrüße es ausdrücklich, dass Herr Pelzig zukünftig in der ZDF-Anstalt versuchen wird, die zweifelhafte Autorität von Herrn Priol als Stationsleiter in Frage zu stellen. Ich habe ihn als einen Mann mit beträchtlichem Quälpotential ohne jegliche Bereitschaft zur Unterordnung kennen und schätzen gelernt. Ein Glücksgriff für die Anstalt. Herr Priol wird sich noch wundern.«

(Quelle: ZDF und Lustspielhaus.de)

Ich fragte nach, wie hoch die Chancen auf eine Internetbuchung für dessen Vorpremiere und für die Liveübertragung selber gewesen seien.

»Alle Karten waren bereits nach eineinhalb Minuten ausverkauft. Da kamen Bestellungen aus Frankfurt, Mainz, Hamburg, Berlin. Da will jeder dabei sein,« beantwortete sie meine Frage und kam meiner nächsten Frage gleich zuvor. »Aber vor der Live-Aufführung gehen manchmal immer wieder zwei, drei Karten an die Kasse zurück. Das ZDF hat ein festes Kontingent von 50 Karten für Sondergäste. Und immer wieder kommen nicht alle von diesen Gästen. Diese Karten gibt es dann an der Abendkasse zu 20 Euro das Stück.«
»Und wenn keine zurückgegeben werden?«
»Dann verpassen Sie die Übertragung im Fernsehen.«

Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Ich verstaute meine Karten in meinem Portemonnaie und verabschiedete mich.
Mein nächster Termin war für mich jetzt erst einmal fix, da bezahlt:
Samstag, 4.9.2010, 20:30 Uhr (also heute Abend).
Jochen Malmsheimer mit seinem Programm »Flieg Fisch, lies und gesunde«

Das wird ein Spass.

Und an dieser Stelle zum Vormerken:
19. Oktober 2010
22:15 Uhr im ZDF
»Neues aus der Anstalt«
mit Urban Priol und Frank-Markus Barwasser (alias »Erwin Pelzig«)
Gäste: Helmut Schleich, Andreas Rebers und Jürgen Becker.

Die E-Mail, das Bild, die Allegorie und die ultimative Schlussfolgerung

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Schaut es euch an.
Das Bild der Harmonie.

Es soll mir Glück bringen, heißt es in meiner E-Mail. Und das, ganz im Gegensatz zu anderen. Wie bleistiftsweise den folgenden: Ein argentinischer Staatspräsident hatte die Email ungelesen gelöscht und acht Tage später starb sein Sohn. Ein anderer leitete die Mail an an 20 anderen Menschen binnen 13 Tagen weiter und gewann im Lotto, obwohl er in der inneren Mongolei gen Peking in einem 120 Kilometer Stau an seine Nägel kaute …

(Der Autor empfiehlt an dieser Stelle dem geneigten Leser, die innere Mongolei großzügig zu umfahren, um dem Stau auszuweichen. Und bei dieser Gelegenheit auch liebe Grüße an die Stauteilnehmer am Kamener Kreuz – Hallo, Stauer, ihr seid nicht vergessen – und nicht vergessen: Jeder immer nur ein Kreuz am Kamener Kreuz …)

… . Eine Sekretärin erhielt von Alberto Martinez den Auftrag, das Foto weiterzuleiten. Sie tat es nicht und wurde wegen Arbeitsverweigerung entlassen. Ihre Familie wollte danach auch nichts mehr mit ihr zu tun haben, da sie denen nur noch auf deren Tasche lag. Alberto Martinez jedoch merkte nichts von ihrem Unglück.

Nun, um zu verhindern, dass ich argentinischer Staatspräsident, Stauteilnehmer bei Peking oder gar Sekretärin werden muss, habe ich mir das Bild jener Email zwangsweise angeschaut. Und das auch meiner alten Bekannten zuliebe, die sich von diesem Mail-Hoax Glück erhofft.

Was zeigt es mir?

Es zeigt eindeutig die karnevalistische Version vom Rattenfänger zu Hameln zur Karnevalszeit.
Deutlich im Vordergrund zu erkennen, kreisförmig um die Hauptdarsteller des Bildes angeordnet, sehen wir die Ratten, die sich als Blumen verkleidet haben. Ja, und diese Ratten sind schon begeistert auf die beiden Hauptdarsteller hinaufgeklettert ob des tonlosen Flötenspiels. In Harmonie in Kreisform. Wie hübsch anzuschauen. Und ihre langen grauen Schwänze haben die auch diszipliniert eingerollt, damit niemand die sieht (wie hinterhältig!).

Doch den Blick lassen wir nun von den Ratten abschweifen. Abschweifen in den Hintergrund hinein. Ab, hinein die Ferne.
Was fällt auf?
Richtig. Da oben in der Mitte im Hintergrund oberhalb der Flöte ist eine Lampe kaputt! Beim genauen Hinschauen sind es sogar derer zwei!!! Eine Schweinerei sondergleichen. Ich wette, auch der Hausmeister wird Job und in Folge Familie verlieren ob seiner eigenwilliger Energiesparmaßnahme.
Ansonsten erfreut sich das Auge an lieblichem Grün, Bäumen und Seen, die wie gemalt in der Landschaft stehen. Es befällt einem die Sehnsucht, in das Bild zu treten und mit roher Hand die geschwungenen Vorhänge brutalst möglich am jungfräulich weißen Pavillon aufzureißen, um ganz im besten Sinne vom alten Goethe „Mehr Licht!“ zu brüllen (spart die Lampen oben an der Decke), um dann vor dem von Arbeitslosigkeit bedrohten Hausmeister zu fliehen.

Doch schauen wir uns die beiden Hauptdarsteller an.
Beide tragen die für die Karnevalssession üblichen Offiziershelme der „Goldenen Funken an der Inde“. Jedoch sind ihre Jacken ein wenig aus der Art geschlagen, um nicht zu sagen, äußerst liederlich und unoffiziersmännisch gebunden. Dafür ist die Armhaltung des Linken bei der Querflöte einfach nur vorbildlich zu nennen. Die Hände greifen anmutig das Instrument, Lippen über dem Instrument auf Distanz, leicht gespitzt, der konkrete Blick in die unkonkrete Unendlichkeit gerichtet und der rechte Fuß locker um den linken Standfuß gewickelt.
Um wie viel weniger anmutig ist dagegen der Rechte der beiden Hauptdarsteller. Leicht debil lächelnd, Lippen komplett überschminkt, Pickel auf der Stirn (ja, hat der denn kein Clearasil?!?), Hände untätig runter hängend, mit beiden Füßen auf dem Boden und auch sonst nur untätig, dient diese Person als ideales Klettergerüst für die als Blumen verkleideten Ratten.

Nun, was will uns dieses Bild sagen?
Flötenspieler werden inzwischen so schlecht bezahlt, dass sie sich schon als lebende Denkmäler verdingen müssen, um nachher als Foto in einer Email auf Tournee gehen zu können. Das ist ein wenig bisschen zu wenig um den Grundstein für eine großartige Musiker-Karriere zu legen. Hätten beide etwas ordentliches gelernt, wie Banker, Versicherer oder Politiker, müssten diese nicht in der Vorkarnevalszeit mit als Blumen verkleidete Ratten posieren. Sie würden sich das Geld zur Verkleidung der Ratten locker einsparen können, könnten Bücher oder Biografien oder minderwertige Wertpapiere in den Umlauf bringen und definieren, wer Ratte ist und wer nicht. Aber so?

Ich wünsche den beiden noch viel Erfolg, dem Hausmeister, dass er schnellstens die Glühbirne austauscht und dafür seine Anstellung behält und mir, ja, mir Egoist, mir wünsche ich allein das Beste. Denn ich werde jetzt das Glück herausfordern und die Mail-Hoax löschen. Amen.

Tschö, wa.

Ein kleines bisschen Horrorschau

»Slum-Touren sollen Besucher anlocken«
Nein. Sie haben schon richtig gelesen. Da steht nichts von »Schlamm-Kuren« sondern von Rundführungen in Armutsvierteln.
»Slum-Touren sollen Besucher anlocken« so schrieb der SPIEGEL ONLINE am 31. August für den deutschen Fernwehgeplagten bezeichnenderweise in seiner Rubrik »Reisen – Fernweh«. Der Artikel handelt über eine neue Initiative in Rio de Janeiro. »Rio Top Tour« heißt das Projekt der 6-Millionen-Einwohner-Stadt. Mitgetragen wird es vom brasilianischen Staatspräsidenten Lula da Silva mitgetragen (Quelle: hier), der sich schon zu Beginn seiner Amtszeit das »Zero fome« (übersetzt: »Null Hunger«) für die in der Marginalität lebende Bevölkerung auf seine ToDo-Liste seiner Regierungszeit als Staatspräsident geschrieben hat. Das Projekt »Rio Top Tour« ermöglicht Touristen aller Welt auf einer Rundführung durch einer Favela Rio de Janeiros das Favela-Leben selbst hautnah zu erleben. Dass die Bewohner solcher Favelas (=Slums) zwar verarmt seien, aber ansonsten ganz normale Menschen seien, mit diesen Worten wird der Präsident von SPIEGEL ONLINE sinngemäß zitiert. Dass die Favela zusätzlich für Touristen größtenteils risikobefreit wurde, das geht auf das Konto des brasilianischen Militärs, welche die Favela und das leben dort kontrolliert

Zur Erinnerung:
In Rio de Janeiro – die Stadt ist geplanter Ausrichter der Olympiade 2016 und einer der geplanten Austragungsorte der FIFA WM 2014 – wohnt 1/3 der sechs Millionen Einwohner in Favelas. Viele „Favelas“ haben ihrem Ursprung eigentlich in illegale Hausansiedlungen. Deren Bewohner haben durch ihre Ansiedlungen Fakten geschaffen haben, die in ihrer Ausprägung einen eindeutigen Unterschied zwischen der Unterschicht und Mittelschicht und Oberschicht zieht.
Zynischerweise sollte man hinzufügen, dass die Bewohner ein autonomes, durch Favela-eigene Regeln organisiertes Leben führen. Fern ab staatlicher Autoritäten. Die Regeln werden meistzeit durch Drogenbarone diktiert. Oder durch einfallende Militärpolizisten, die vorgeben Drogenhändler zu jagen, aber eigentlich nur ihre eigenen Marktanteile sichern. So riegelte schon mal die Militärpolizei eine ganze Favela von der Außenwelt ab, weil die dortigen Drogenhändler in ein Militärlager eigebrochen sein sollten und dort Dutzende Waffen geklaut haben sollten. Später stellte sich heraus, dass militärische Befehlshaber unzufrieden mit dem erzielten Preis für militäreigene Waffen an die Drogenbarone gewesen waren. Und so wollten sie eben das Geschäft mit der militärischen Belagerung der Favela rückgängig machen. Nun besteht die große Mehrzahl der Bewohner einer Favela nicht nur aus Drogenbarone oder Drogenhändler, weswegen der Kollateralschaden an unschuldige Männer, Frauen und Kinder nicht unerheblich war. Das ist nun mal bei Militärs dieser Welt so üblich, wenn die mal ihre erlernte Arbeit verrichten. Das bewegt auch keinen großen Geist mehr. Nur, Journalisten fanden die wahre Geschichte heraus, warum die Favela belagert wurde, dass die gesuchten Waffen keineswegs geklaut waren sondern nur Handelsware. Die beteiligten Militärs der Waffenschieberei wurden pensioniert, die Toten verscharrt oder beerdigt und es herrschte wieder Eintracht zwischen Drogenbarone und Militärs.

Doch zurück zu »Rio Top Tour«, zu den »Slum-Touren sollen Besucher anlocken« von SPIEGEL ONLINE:
Diese Touristen-Sache in Favelas erinnert mich an Prinz Charles und Lady Diana. Prinz Charles führte Camilla schon in königliche mäträssenähnlicher Traditionen ins Königshaus ein und Lady Diana lächelte noch tapfer, bis sie dann mit nem Kaufhaussöhnchen auf Yachten poussierte und mit ihrem besoffenen Chauffeur der Pariser Peripherique entlangbrauste. Prinz Charles und Lady Diana entstiegen damals im Hafen von Rio de Janeiro der königlichen „Queen Mary“ und machten die erste staatlich organisierte Favela-Tour. Ich weiß nicht mehr, welche Favela es war, aber sie war zuvor staatlich gewaltsam pazifisiert worden. Die Militärs hatten ganze Arbeit geleistet und mit den Drogenbaronen ein Stillhalteabkommen zum Wohle der beiden Vize-Hoheiten abgemacht. Und so marschierten diese beiden damals winkend und lächelnd umringt von waffenstarrenden Bodyguards und Yellow-Press-Fotografen (dort ohne Motorroller) durch die Straßen einer Favela. Der Favela-Tourismus begann, gesellschaftsfähig zu werden.

Die Frage ist freilich, was die Gesellschaft denn in den heutigen Tagen so will. Offensichtlich will sie den „thrill“, den kalkulierten Nervenkitzel, das wohldosierte Entsetzen. In Deutschland und auch woanders haben Abendnachrichten und Tageszeitungen ihre Konsumenten bereits total konditioniert. Warum sollte nun im Urlaub auf diese tägliche Tagesration »Lebenshorror« verzichten werden?

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Ein kleines bisschen Horrorschau.
Damit der Verbraucher selber wieder merkt, wie gut es einem selber geht. Und damit der Mensch sich einprägt, wohin er nicht will, um drüber zu jammern, er könne dahin kommen, wo er doch so nass werden könne.
Das ist nicht irreal, sondern höchst real. Anhand der Lebenssituation anderer wird die eigene definiert.
Was dann noch auf solchen Touren fehlt, ist ein wenig Heimatverbundenheit. Ein Erdinger Weißbier, ein Becks oder eine Bratswurst. damit man das eigene Heimweh bekämpft. Und dann um dieses Fernweh nach Hause zu bekämpfen, das Ganze auf einer Terrasse mit romantischem Überblick über die Favela.

Warum?
Warum auch nicht!
Wenn schon ein DFB-Präsident während der WM 2002 (also der Maister-Vorfehler) meinte, langsam reiche ihm das ganze japanisch-koreanische Essen, ihm gelüste es jetzt nach einer echten deutschen Currywurst, wenn die Bläck Fööss damals schon folgerichtig sangen, beim Urlaub in Spanien sei alles so heimisch, es fehle nur noch der Ausblick auf den Kölner Dom, warum dann auch nicht das gleiche in den Favelas? Den Schweizern ihre Rivella, den Österreichern einen Heurigen, den Deutschen ein Becks oder Weißbier, den Amerikanern ein Bud und den Holländern ihr Heinecken. Nur indischen und chinesischen Touristen braucht nichts gesondert importiert werden: Chillies, Reis und steineklopfende Kinder hat es auch Brasilien …

Als die Brigitte Bardot in den 60ern vor den Parparrazis von Rio de Janeiro im 100 km weiter entfernten, unberührten Fischerdorf »Buzios« floh, da war es dort mit der fischenden Gemütlichkeit vorbei. Heute hat Buzios sich gewandelt. Buzios ist nicht mehr das Fischerdorf. Das war es einmal vor einem halben Jahrhundert. Heute gilt Buzios als das »Saint-Tropez« Brasiliens. »Strukturwandel«, wie der Politiker heute mondän verkünden würde.

Klar, wenn das jetzt mit den Favelas genauso funktioniert, dann wird es in einiger Zeit der gezielte Betrug an den Touristen. Eine Art besuchbare »Truman Show«. Allerdings, das wahre Favela-Leben mit seinem Kampf ums Leben und Überleben findet woanders fern ab den touristischen Trampelpfaden statt. Dort wo sich Drogenbarone und brasilianische Militärs mit tödlichen Waffen bis aufs Messer bekämpfen.

Nur eine Frage beschäftigt mich:
Wenn man jetzt in Brasilien in Favelas Urlaub als Abenteuer-Urlaub-Substitut buchen kann, würden dieselben Leute auch nach New York fliegen, um im schwarzen Harlem zu spazieren? Oder nach Sonnenuntergang im Central Park zu flanieren? Oder warum in der Ferne schweifen, wenn das Gute so nah? Saint Denise in Paris im Dunkeln hat ohne weiteres Favela-Flair. Oder die Trabantenstadt Chorweiler bei Köln. Oder in entsprechende Gebiete Berlins. Nachts sind alle Katzen grau, dafür benötigt es kein Fernweh-Flug um den Nervenkitzel zu bekommen. Würden dieselben Leute das auf diesem Kontinent auch tun? Würden sie? Nein, denn es fehlt das touristische Angebot, das Leben in der Marginalität hautnah erleben zu können.

Brasilienaufenthalte sind ja inzwischen nichts mehr wert, wenn dem Arbeitskollegen, dem Freund oder dem Nachbarn nicht erzählt werden kann »Ja, ich war in den Elendsgebieten, dort wo die Armut am größten ist, wo die Gewalt am Brutalsten. Und ja, ich habe dort den Sonnenuntergang bei einem Glas Bier erlebt.«

Brasilien zu besuchen, ohne sich auch noch zwanghaft für die Probleme der Armen zu interessieren, das ist in den Augen anderer ein Beweis von Verrohung, von Gefühlskälte. Das aufgedrängte schlechte Gewissen, man sei »nur« Tourist und auch noch gefühlskalt nagt bei vielen Brasilienurlaubern. Daher dient eine derartige »Rio Top Tour« als die klassisch ideale Gewissensbefriedung. Andere werden mit Schaum vor dem Mund den Besuchern solcher Touren allerdings wieder »Sozialromantismus« und »Gutmenschentum« vorwerfen. Der Tourist wird dann den Gewissensspagat für sich entscheiden müssen.

Nur Brasilien weiß das schlechte Gewissen der Ersten Welt inzwischen vorteilhaft für sich zu nutzen. Fußball-WM 2014 und Olympiade 2016 stehen vor der Tür. Das Angebot an den unterhaltungswütigen und mit Katastrophennachrichten verwöhnten Reisenden steht.
Hauptsache „Thrill“, Nervenkitzel und etwas über das später zu Hause berichten werden kann (statt einer langweiliger „Dia-Shows“ …) … . Wasch mir den Pelz. Aber mach mich nicht nass.

Abenteuer-Urlaub in der Realität anderer. In deren Marginalität. Eine Art Urlaub, um vielleicht sogar nachher den Vergleich mit heimischer und brasilianischer Armut zu tätigen und dabei lapidar festzustellen, dass es den Menschen hier noch viel zu gut geht.

Gewinner in diesem Spiel bleiben aber nur die Kassierer der Touristendevisen.
Alle anderen sind lediglich Statisten.
Oder Verlierer.

Klaus Peter Schreiner

Er war und ist der Mann der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“, welcher Texte für die verschiedenen Hausensemble der „Lach und Schieß“ von den 50er ab bis in die Gegenwart hinein schrieb und auch noch schreibt. Bis 1998 wirkte er „lediglich“ als Autor der Hausensemble mit. 1999 trat er dann selber mit dem „Lach und Schieß“-Hausensemble auf der Bühne auf. Inzwischen hat er sein eigenes Solo-Programm, in der er u.a.a. die alten (aber nicht minder aktuellen) Texte seines Kabarettlebens präsentiert.
Er ist der unumstrittene Grandseigneur des politischen Kabaretts Deutschlands. Der Mann der leisen Zwischentöne. Ein Meister des feinen sprachlichen Floretts im politischen Kabarett.
Mit Dieter Hildebrandt hat er nicht nur die Vergangenheit als Autor der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ gemein, sondern auch das hohe Alter. Klaus Peter Schreiner ist 80, Dieter Hildebrandt 82. Und beide stehen noch aktiv auf der Bühne der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ mit ihren politischen Kabarett-Solo-Programmen.

À la bonne heure!

Klaus_Peter_Schreiner

Klaus Peter Schreiners Internetseite: hier

Was bedeuten diese Bilder?

Stufen

Wolle

generiert via http://zxing.appspot.com/generator

"Bundesanstalt für Arbeit"-Geschäftsbericht 2009 versus dem wahren Leben (ein Erfahrungsbericht)

Vorwort:
Mit »Infodump« wird jener Inhalt eines Textes bezeichnet, der den Leser bis zum Erbrechen mit Fakten füttert. Dieses werde ich mit diesem Text durchführen. Immer wieder unterbrochen wird die Darstellung von tatsächlichen Fakten von den Zitaten aus dem Geschäftsbericht 2009 der »Bundesanstalt für Arbeit« ( BA ), welcher bereits am 23. März 2010 geschrieben wurde, welcher aber erst jetzt beim SPIEGEL und durch ihn Aufmerksamkeit erregt hat. Wer »Infodump« nicht mag, könnte hier deswegen nen Hals bekommen. Leider. Ich konnte den Inhalt nicht anders aufbereiten. Leider.

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Monatlich verzeichneten die ARGEn bzw. Agenturen mit getrennter Aufgabenwahrnehmung durchschnittlich einen Zugang von ca. 100.000 Neukunden.

In ihrer Stimme war ein Zittern zu hören.
Sie war aufgeregt.
Ob ich ihr Geld leihen könnte, war ihre sehr vorsichtige Frage. Sie würde es mir zurückzahlen, fügte sie hastig hinzu. Sie bräuchte – sie zögerte, bevor sie die Summe nannte – deutlich über 1.000 Euro. Es wurde still in der Telefonleitung. Beiderseitiges Schweigen.

Sei der Mensch edel, hilfreich und gut?
Ich weiß es nicht. Muss ich?

Warum, war meine Frage an sie.
Sie müsse Geld an die ARGE zurückzahlen. Sie hatte in den letzten zwei Monaten Geldleistungen von der ARGE erhalten, das Geld fürs Leben aber bereits ausgegeben und nun hätte die ARGE den damaligen Bescheid widerrufen. Sie hätte zu viel Geld erhalten gehabt.

Im Zusammenhang mit Leistungsmissbrauch verfolgen die Grundsicherungsstellen Ordnungswidrigkeiten und leiten Fälle mit Verdacht auf Schwarzarbeit an die Zollverwaltung sowie Fälle mit begründetem Straftatverdacht an die Staatsanwaltschaft weiter. Daneben bearbeiten sie auch Ordnungswidrigkeiten wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten.

Vor einem Vierteljahr hatte ihr Leben eine neue Wendung erfahren. Nach diversen Streitereien war ihr Zusammenleben mit ihrem damaligen Lebensgefährten auf Grund gelaufen. Er besorgte sich eine neue Wohnung und zog aus. Sie blieb mit ihren drei Kindern auf der Mietwohnung sitzen, deren Miete sie nicht zahlen konnte. Sie schaffte es auch nicht, eine neue Wohnung für sich zu finden. Denn kurz davor war sie auch noch arbeitslos geworden. Alleinerziehend, Nicht-Deutsche, arbeitslos und wohnungssuchend sind in München vier unseelige Faktoren, mit deren am teuren Wohnungsmarkt kein Staat zu machen ist. In ihrer Not ging sie zur ARGE. Dort fand sie Hilfe und Unterstützung, ihr Lebensunterhalt bestreiten zu können. Es kostete sie einen Haufen Papiere, die sie als Ausländerin nicht vollkommen durchblickte, die sie aber mit meiner Hilfe alle auf die Reihe bekam.
Sie erhielt auch Beratungstermine der ARGE. In einem der Termine wurde seitens der Sachbearbeiterin festgestellt, dass aufgrund des Profils mit den Stärken meiner Bekannten dringend deren Deutschkenntnisse verbessert werden müssten, damit sie erheblich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen würde. Sie erhielt einen Gutschein über einen Deutschkurs.
Meine Bekannte war glücklich.

Da es insbesondere in der aktuellen Krisensituation Menschen mit geringer Qualifikation besonders schwer haben, eine neue Beschäftigung zu finden, hat der Verwaltungsrat gemeinsam mit dem Vorstand eine gezielte Initiative zur Flankierung des Strukturwandels auf den Weg gebracht. Im Rahmen dieser Initiative stehen zusätzliche Haushaltsmittel bereit, um mehr Arbeitslose ohne Berufsabschluss zu einem qualifizierten Abschluss zu führen. Des weiteren wird der Verwaltungsrat weiterhin darauf drängen, dass die BA ihr Dienstleistungsangebot insgesamt kontinuierlich verbessern wird.

Ihr Glück dauerte aber nicht lange an. Die Sachbearbeiterin wurde versetzt und sie erhielt einen Sachbearbeiter. Dieser glänzte gleich dadurch, dass er ihren Gutschein annullierte. Meine Bekannte – so erklärte er ihr am Telefon – bräuchte keinen Deutschkurs sondern eine Arbeitsstelle. Und aufgrund ihres Ursprungsland bot er ihr auch gleich einen Job in einer italienischen Eis-Diele an. Dort benötige sie keine profunden Deutschkenntnisse, so der Mann und sie könne sich aufgrund ihrer Herkunft auch so verständen.

Die BA lässt ihre Kunden regelmäßig nach wissenschaftlichen Methoden von einem externen Unternehmen zur Zufriedenheit mit den Dienstleistungen der BA befragen. […] In der letzten Befragung beurteilten die Leistungsempfänger die Dienstleistungen im Bereich der Grundsicherung für Arbeitsuchende insgesamt mit „befriedigend“ (Gesamtzufriedenheit: 2,8 nach Schulnotensystem). Knapp 40 % der Befragten bewerten die Servicequalität der ARGEn sogar mit den Noten 1 oder 2.

Meine Bekannte war nicht mehr glücklich, eher angefressen.
Noch stärker angefressen war sie, als sie eine Wohnung gefunden hatte, die knappe 20 Euro über den Förderungshöchstsatz der ARGE lag, aber deren Lage garantierte, dass die Kinder die Schule nicht wechseln müsste. Sie versuchte den ARGE-Mitarbeiter zu kontaktieren, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Knapp eine Woche später – der potentielle Vermieter drohte sich einen anderen Mieter zu suchen – erreichte sie ihren Sachbearbeiter eher zufällig in einer zeit, wo er nach Anrufbeantworteransage eigentlich nicht zu erreichen gewesen wäre. Der Sachbearbeiter verneinte kurz und knapp die Anfrage nach finanzieller Hilfe. Als sie nach den Gründen fragte, warum sie keine finanzielle Hilfe für jene Wohnung erhalten würde, erhielt sie nur ein dahin gerotztes »Darum nicht«, und als sie verärgert nachfragte, pfiff der Sachbearbeiter wie bei einem Hund, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie – so der Sachbearbeiter – solle sich nicht aufregen, aber die Miete läge eindeutig über den Höchstsatz und da gebe es keine Unterstützung. Er habe zu entscheiden und seine Entscheidung sei nun mal ein „nein“, also brauche sie sich nicht mehr aufzuregen. Klar? Danach war das Gespräch beendet.

Bei jenem Gespräch hörte ich zufällig mit und für soviel Unpragmatismus und Regelhörigkeit gepaart mit Hirnverbrandheit hatte ich ihn schon gerne in einer spätrömischen Dekadenz-Arena den Löwen zum Fraße vorgeworfen.
Innerlich in meinen Gedanken. Es wäre mir ein befriedigendes inneres gewesen.
Die Worte, die meine Bekannte für das Verhalten des Sachbearbeiters fand, möchte ich hier nicht wiedergeben. Sie waren schärfer. Und sie waren alle gerechtfertigt. Aber eigentlich noch zu schwach für diesen Sachbearbeiter im Dienste der Steuerzahler.

Das Gesamturteil zur Zufriedenheit mit den Mitarbeitern lag bei 2,5 […]

Nun, knapp ein Monat später hatte sie einen neuen Job gefunden, ohne den fragwürdigen Job der Eisdiele annehmen zu müssen. 40 Wochenstunden. 1100 Euro netto. Wie es erforderlich war, unterrichtete sie Arbeitsamt und ARGE darüber.
Und damit begannen ihre Probleme.

Die Grundsicherungsstellen leiteten im Jahr 2009 rund 224.700 […] Verfahren wegen des Verdachts einer Ordnungswidrigkeit oder Straftat ein. […] Rund 49.200 […] Fälle wurden wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit an die Zollverwaltung weitergeleitet, in weiteren rund 15.700 […] Fällen wurde der Fall mit einem begründeten Straftatverdacht an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Wegen des Vorliegens einer Ordnungswidrigkeit ahndeten die Träger ca. 77.800 […] Verstöße und setzten dabei Verwarnungs- bzw. Bußgelder in einer Gesamthöhe von 9,7 […] Mio. EUR fest.

Das Arbeitsamt reagierte normal. Es stellte mit dem letzten Tag der Arbeitslosigkeit die Zahlungen nach ALG I ein. Und das war der 23. Mai, denn am 24. Mai war ihr Arbeitsbeginn.
Auch die ARGE reagierte. Sie forderte bis zum Ende des Monats die Lohnbescheinigung ein. Der Arbeitgeber meiner Bekannten konnte diesen Wunsch nicht erfüllen. Die Bescheinigung konnte aus firmenorganisatorischen Gründen erst am Ende des nächsten Monats ausgegeben werden könnte.
Meine Bekannte informierte die ARGE. Diese – oder besser gesagt der Sachbearbeiter mit Faible seine Klientel wie Hunde zurechtzuweisen – reagierte prompt und forderte sie schriftlich auf, sie solle vorläufig bis zum Monatsende die Höhe der Lohnzahlung per Kontoauszug nachweisen.
Die Firma überwies ihr den Lohn für die Woche Arbeit zum 1. Juni. Meine Bekannte warf die Kopie des Kontoauszugs bei der ARGE noch am gleichen Abend in deren Hausbriefkasten ein. Danach wartete sie auf den Zahlungseingang der ARGE, damit sie die Miete zahlen könnte. Als die erste Juniwoche verstrichen war und von der ARGE nicht eine einziges Lebenszeichen erfolgt war, rief sie bei der ARGE an und fragte, was los sei. Geschockt erfuhr sie, dass die Zahlung von ihrem Sachbearbeiter wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten gesperrt worden sei, weil sie den Kontoauszug nicht fristgerecht abgegeben hätte. Der Kontoauszug wäre nicht bis zum Ende des Monats eingetroffen.
Sie zahlte die Miete einstweilen und fuhr dafür ihr Konto deutlich ins Negative, nachdem ihre Bank ihren Dispo entsprechend hochgesetzt hatte.

Das Gesamturteil zur Zufriedenheit mit den Mitarbeitern lag bei 2,5. […]

Nebenbei, ihr Sachbearbeiter war mittlerweile versetzt worden. Er hatte sich wohl mehrfach bei seinen Kunden im Ton vergriffen gehabt. Meine Bekannte hatte wieder eine Sachbearbeiterin. Und diese hob die Sperrung auf. Das fehlende Geld wurde ihr überwiesen.
Inzwischen hatte meine Bekannte auch die erste Korrektur der Zahlungen erhalten. Das war auch klar. Da sie verdiente, müsste folgerichtig die Zahlung der ARGE nach unten korrigiert werden.
Um so geschockter war sie dann, als sie nach vier Wochen die erste Rückzahlungsaufforderung der ARGE erhielt. Sie hatte inzwischen ihren ersten Lohnzettel erhalten und diesen ebenfalls zur ARGE geschickt. Und sofort reagierte die ARGE und korrigierte die erste Rückzahlungsaufforderung und schickte eine zweite, weil sie ja schon zwei Zahlungen nach der ersten Berechnung geleistet hatte.
Die Rückzahlungsaufforderung war höher.
Heftiger.
Atemberaubend. Im negativen Sinne.
Zu zahlen, sobald die »Bundesanstalt für Arbeit« ihr die Zahlungsaufforderung zugestellt haben würde. Und diese Zahlungsaufforderung kam. Der klassische »Binnen«-Brief: Zu zahlen binnen 14 Tagen.

Meine Bekannte griff zum Hörer und fragte mich stockend, ob ich ihr finanziell aushelfen könnte.

Im Jahr 2009 wurden von den Grundsicherungsstellen ca. 24.850.000 Bescheide erstellt. Davon wurden rund 805.200 mit Widerspruch (3,2 %) und rund 142.700 mit Klage (0,6 %) angefochten.

Kurz darauf war ich bei ihr und hielt den Bescheid der ARGE in den Händen. Bislang hatte ich solche Bescheide noch nie gesehen. Es war klar, dass meine Bekannte mit ihren Deutschkenntnissen diese Bescheide mit all ihrem Geschreibel kaum bis gar nicht verstehen würde. Außer freilich den Satz, dass sie eine vierstellige Summe binnen 14 Tagen zurückzuzahlen hätte.
In folge dieser Neuberechnung hatte sie dann noch die vier Zahlungsaufforderungen der »Bundesanstalt für Arbeit« erhalten. Für jede Person der Bedarfsgemeinschaft: Mutter mit drei Kinder. Jeder der Briefe enthielt die Aufforderung zu zahlen oder – falls nicht möglich – sich mit der BA in Verbindung zu setzen, um Ratenzahlung zu vereinbaren.
Zwei dieser Zahlungsaufforderungen gingen – nebenbei erwähnt – an zwei ihrer nicht geschäftsfähigen (zu jungen) Kinder. Mir verschlug es beim Lesen die Sprache. Wie sollte eine 9-jährige Tochter und ein 12-jähriger Junge die von ihnen geforderte Beträge zurückzahlen? Im Steinbruch beim Steineklopfen mal schnell Überstunden schieben? So wie die Kinder in Indien? Erwartete die BA wirklich von Minderjährigen, dass diese so reagieren würden, wie man es von Erwachsenen erwartet?

Aber wie kam es zu der Rückzahlungsforderung?
Ich studierte den Berechnungsbögen der ARGE. Irgendetwas konnte nicht stimmen. Denn wäre es so, dass die Rückforderung berechtigt wäre, dann hätte meine Bekannte jenen Job niemals annehmen dürfen. Denn mit Job würde sie weniger zum Leben haben (inkl. Kindergeld und Unterhaltszahlungen) als ohne. Wäre das so, dann würde es bedeuten, dass die Forderungen der Politiker nach mehr Anreizen zur Jobsuche durch Senkung der ARGE-Zahlungen brutale Kürzungen bis hin unter die Hungergrenze von Leistungsbeziehern bedeuten würde. Das Prügeln von Armen in die Marginalität ist ja inzwischen ein globalisierter Sport geworden. Schuld sind die Betroffenen ja per se. Sie hätten ja arbeiten können. Einen Strich gibt es ja in jeder größpßeren Stadt … oder so …

Verwirrt schaute ich nochmals auf den Beginn des Berechnungsbogens, nachdem ich beim ersten Durchschauen die Systematik der Berechnung in etwa verstanden hatte. Und dann fiel mir der Posten »Arbeitslosengeld« ins Auge. Obwohl meine Bekannte zu ihrem Arbeitsbeginn sowohl der BA als auch der ARGE beiden mitgeteilt hatte, dass sie einen neuen Job gefunden hatte, hatte die ARGE weiterhin für die Berechnungen das Arbeitslosengeld als Einkommen mit angesetzt. Damit war klar, wo der Berechnungsfehler lag. Die Rückforderung ergab sich aus der Höhe des angeblich erhaltenen Arbeitslosengeldes verbucht als Einnahmen beim Leistungsbezieher.

Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der eingelegten Widersprüche um ca. 16.600 bzw. 2,1 % erhöht. Am häufigsten betrafen Widersprüche Leistungen für Unterkunft und Heizung (17,8 %), gefolgt von Aufhebungs- und Erstattungsentscheidungen (17,6 %). In 15,5 % der Widersprüche wurde eine Entscheidung zur Anrechnung von Einkommen und in 7,2 % eine Sanktionsentscheidung beanstandet. Rund 830.200 Widersprüche wurden 2009 abschließend bearbeitet. In 36,3% der Fälle wurde dem Widerspruch ganz oder teilweise stattgeben.

Der erste Anruf galt dem Steller der Zahlungsaufforderung, der »Bundesanstalt für Arbeit«. Denn die 14-Tages-Frist lief. Bei der BA war aber zu erfahren, dass Berechnungsfehler nicht deren Problem sei. Meine Bekannte hätte zu zahlen, daran würde auch ein Widerspruch nichts ändern. Oder sie solle Ratenzahlung vereinbaren. Das würde auch akzeptiert. Sollte sie deren Widerspruch bei der ARGE anerkannt bekommen, dann würde sie das zurückgezahlte Geld direkt von der ARGE zurück gezahlt bekommen. Sie hätte aber auf alle Fälle die ergangene Zahlungsaufforderung zu begleichen.

Ich begann zu begreifen: Die ARGE urteilt, die BA kassiert. Tauchen Rechnungsfehler auf, zahlt die ARGE diese direkt an den Kunden. Einstweilen hat aber der Kunde jegliche Zahlungsaufforderung zu begleichen, egal ob berechtigt oder nicht. Das perfekte duale System und dazwischen der Kunde, der für jedes Missverständnis wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten prophylaktisch erst einmal abgestraft wird. Ohne Anhörung der Person und ohne Betrachtung deren wirtschaftlichen Lage.
Ich frage mich nur, woher die ARGE das Geld nimmt, um dem Kunden zu helfen, die Zahlungsaufforderung zu begleichen. Nimmt sie es nachher von dem bei der BA eingezahltem Geld? Oder hat die ARGE ein eigenes Budget für Fehlberechnungen? Oder gleicht die BA nachher das Konto der ARGE aus? Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Wem Gott ein Amt gibt, den nimmt er den Verstand. Oder was sonst?

Im Rahmen der Bearbeitung der Widersprüche und Klagen wurde rund 301.500 Widersprüchen stattgegeben (1,2 % aller Bescheide), darunter 162.300 Fälle (0,7 %) aufgrund fehlerhaften Arbeitens in der Grundsicherungsstelle. Rund 55.800 Bescheide wurden im Klageverfahren aufgehoben oder geändert (0,2 %).

Meiner Bekannten habe ich den offensichtlichen Fehler der Berechnung erklärt. Sie hatte ihn schnell begriffen. Kalte Wut war die Reaktion. Sehr kalte Wut.

Es war klar. Für jeden winzigen Fehler wird der Kunde der ARGE bestraft. Der Kunde steht per se in Verdacht, Auskunfts- und Mitwirkungspflichten zu verletzen. Daher hat der Kunde seinen Sachbearbeiter mit ausgefüllten Formularen die Entscheidung abzunehmen, ob und wie viel der Kunde als Unterstützung erhält. Nur das Lesen der Formulare kann der Kunde dem Sachbearbeiter noch nicht abnehmen. Und das Mitdenken sowieso nicht. Oder wie kann es sein, dass BA und ARGE informiert sind, dass ein Kunde einen Job begonnen hat, die ARGE aber trotzdem annimmt, der Kunde erhielte weiterhin Leistungen der BA wegen Arbeitslosigkeit. Das widerspricht jedem Allgemeinwissen in diesem unserem lande.
Die Behörden können – wenn es darauf ankommt – so viele Datenbanken gegenseitig nach Auskunftspflichtverletzungen durchforsten. Hat ein ALG-II-Bezieher ein PKW angemeldet und in Besitz, dann erfährt es die ARGE blitzschnell. Hat der ALG-II-Bezieher ein Konto, von dem die ARGE nicht unterrichtet wurde, die ARGE wird es dem Bezieher heimzahlen. Die ARGE hat ihre Mittel und diese sind nicht ohne.
Aber hier waberte der geistig beschränkte Sachverstand einer Sachbearbeiterin durch den Berechnungsbogen. Und als Kunde muss man noch höflich und nett bleiben, wenn grob fahrlässige Fehler dieser ARGE-Mitarbeiter entdeckt werden. Fehler, die die Kunden in argste finanzielle existenzbedrohende Bedrängnisse bringen können.

Wut beschreibt das Gefühl unvollständig.
Zorn trifft es besser.
Ohnmächtiger Zorn.
Nun. Nicht ganz ohnmächtig. Das Ergebnis war der Widerspruchsbrief, den ich in ihrem Namen schrieb.

Und zu guter Letzt noch das »Happy End«:
Nach dem Widerspruchsbrief kam bei meiner Bekannten ein Anruf der Sachbearbeiterin, dass diese erstens den Aufhebungsbescheid der »Bundesanstalt der Arbeit« über das von ihr erhaltene Arbeitslosengeld benötige und dann als Bestätigung des Aufhebungsbescheids lückenlos alle Kontoauszüge seit dem Aufhebungsbescheid. Nach diesem Stapel kopiertem Papier – Abwurf unter Zeugen in dem Hausbriefkasten der ARGE – wurden die Berechnungen korrigiert und meiner Bekannten wurde das Geld zur Zahlung an die BA noch vor dem Ende der 14-Tages-Frist überwiesen, damit sie die unberechtigten Zahlungsaufforderungen trotzdem zahlen konnte, ohne sich bei mir Geld zu leihen.

Wichtigste Erkenntnisquelle für Leistungsmissbrauch ist der automatisierte Datenabgleich nach §52 SGB II. Im Geschäftsjahr 2009 haben die ARGEn und Agenturen mit getrennter Aufgabenwahrnehmung aufgrund von Erkenntnissen hieraus in rund 136.900 Fällen Überzahlungen festgestellt. Die Schadenshöhe belief sich auf rund 72,2 Mio. EUR.

»Happy End«?
Ich habe bis heute nicht verstanden, warum ARGE und BA Hand in Hand arbeiten, aber wenn es um Geld geht, die rechte Hand nicht mehr weiß, was die linke so anstellt. Dazwischen steht der Bürger und kriegt die nackte Angst ums Überleben, während sich die Mitarbeiter der ARGE und BA aufführen, als besäßen sie ein Königreich mit einem absolutistischen Anspruch. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus. Jedenfalls bedeutet Kundenorientierung nicht den Kunden dem Generalverdacht auszusetzen, nur Arbeit zu verursachen und auch noch potentieller Leistungsbetrüger zu sein.

Wie schrieben Heinrich Alt, Frank-J. Weise und Raimund Becker (alle Vorstand der »Bundesanstalt für Arbeit«) am Anfang ihres Geschäftsberichts 2009?

Unter dem Strich bleibt dennoch eine positive Bilanz. Die BA hat ihren Beitrag in der schlimmsten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet und sich als wertvoll und unverzichtbar erwiesen. Bei den Koalitionsverhandlungen der neuen Regierung stand daher die Existenzberechtigung der BA nie ernsthaft zur Diskussion.
Für diese Leistung bedanken wir uns bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die unerwarteten Belastungen schultern mussten. Unser Dank gilt ebenso allen Partnern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem unserem Verwaltungsrat und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Wie schön, dass der Vorstand der Politik dankt. Schließlich ist diese der Politik verantwortlich und nicht dem Bürger. Da verstehe ich diese Danksagung und kann diesen karnevalistischem Dreigestirn selber nur danken, dass eine Mitarbeiterbenotung von 2,5 (nach deutschem Schulnotensystem) unterm Strich keine ernsthafte Panik verursacht.

Wieso auch? Panik kriegen maximal nur die Kunden. Insbesondere diejenigen, die nicht wirklich gut Deutsch beherrschen (Inländer als auch Ausländer). Bei denen nicht für notwendig erachtet wird, deren Deutschkenntnisse zu fördern. Da wächst der Verdacht, das habe den Zweck, damit jene die Auskunfts- und Mitwirkungspflichten schneller übersehen, schlechter verstehen und somit Kandidaten werden, gezahltes Geld wieder zurückzuholen. Das hübscht die Bilanzen für Geschäftsberichte auf.

Es soll gespart werden. Aber da, wo gespart wird, da könnte man es sich locker sparen. Denn dabei wird nämlich nichts eingespart. Die Verwaltung dient sich als Selbstzweck und die kostenverursachenden Stellen werden nicht optimiert sondern maximal der Kunde mit seinen Ansprüchen im Sinne jenes Selbstzweckes.

Mir bleibt nur die kalte Wut, schaue ich auf diesen konkreten Fall zurück. Das ganze hat bei meiner Bekannten mit keinem Wimpernschlag etwas mit spätrömischer Dekadenz zu tun.
Vielmehr vermute ich eher bei BA und ARGE die Bäder mit frischer Eselsmilch rumstehen, in denen sich offensichtlich immer gerne eigene derer Mitarbeiter drin rumsuhlen, damit sie auch ein wenig römischer Spätdekadenz verspüren können, von der der Westerwelle dieses Frühjahr seinen Wählern vorgeschwärmt hatte. Denn jener muss sich damit ja aus dem eff-eff auskennen …

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Quellennachweis der Zitate:
öffentlicher Geschäftsbericht 2009 der »Bundesanstalt für Arbeit« (Stand vom 23.3.2010), Seite 5, 9, 34-36;

Download-Link:

Klicke, um auf Geschaeftsbericht-2009.pdf zuzugreifen

Umarmungen frei für Jedermann – Free Hugs

Sich von wildfremde Menschen umarmen lassen?
Einfach so, ohne Grund?

Vielleicht sogar noch per Zettel darum bitten?
So einfach.
Warum?
Warum nicht?

Umarmungen frei für Jedermann.
„Free Hugs“ hatte er auf seinem Zettel geschrieben. Mitten auf dem Münchener Marienplatz zwischen den fotografierenden Touristen. Einfach so.

Und er wurde von wildfremden Menschen umarmt.
So einfach. Einfach so.
Geschadet hat es ihm nicht.

Musiktitel „Arrival“ von Sonic Mystery (http://www.myspace.com/sonicmystery).

http://www.youtube.com/watch?v=YxAn-LaIsjM

Da ist die Presse mal wieder zügig drauf abgefahren …

Jede Bahn hat ihren Sprecher und jeder Sprecher glänzt so gut er kann wie eine Sternschnuppe:
Erst Stern dann Schnuppe.
Oder so.

Man muss sich mal die Angabe über die Zunge zergehen lassen, was Jürgen Kornmann da binnen 15 Sekunden dem ZDF erzählt:
Auf 1440 Einsätze gab es 3 Ausfälle. Und Herr Kornmann bezog sich auf den Fall, dass es gestern dazu kam, dass Züge wegen dem Ausfall der Klimaanlage überhitzt waren und Passagiere wegen Dehydrierung vor Ort medizinisch versorgt werden mussten (s.a. Video von YouTube unten).

So und nun holen wir mal unsere Hauptschulabschlüsse heraus und fangen an zu rechnen.
Was bedeutet das? 3 ausgefallene Klimaanlagen auf 1440 Zugverläufe.
Erst einmal gar nichts.
Fällt bei einem ICE-Zugverbund eine Klimaanlage aus, so betrifft es im worst-case („schlimsten Falls“) ca. 800 Passagiere eines Zuges (von Klasse 1 bis Klasse 2 und Board-Restaurant). Sozusagen binnenklima-erwärmender Schrott auf Achse.

Die pharmazeutische Industrie hat eine international anerkannte Größe entworfen, die auch in der Automobilindustrie ihre Anwendung verwendet: „ppm“ (parts per million). „ppm“ sagt aus, wie viele Teile auf eine Million Teile ausfallen. 10 ppm sind also 10 fehlerhafte Teile auf eine Millionen Gesamtteile. Also 10 Tote auf 1 Millionen Menschen sind statistisch „10 ppm“. Umgerechnet sind also 3 Zugausfälle auf 1440 Zugvorgänge erst einmal absolut nichtssagend. Nehmen wir also der Einfachheit an, 3 Zügen mit defekten Klimavorrichtungen im gesamten Zugstrang (!) sind unterwegs. Wer die Bahn und ihre Fahrpläne kennt, kommt somit bei drei Zugverbünden auf maximal sieben Zugstrecken, also sieben Zugvorgänge.

Somit hätten wir 21 Zugvorgänge mit defekten Klimaanlagen auf 1440 Zugvorgänge (s.a. Videointerview oben). Das macht dann 14583 ppm (also statistisch 14583 Ausfälle auf 1.000.000 Zugvorgänge).

Im Vergleich mit der Automobilindustrie mit dem Qualitätsziel 0 ppm für Ausfälle im Feld, also im Betrieb, (als Beispiel: unsere Firma liegt bei 1,5 ppm), das ist also eine gnadenlose Katastrophe.

Moment!

In einem Auto sitzen in Deutschland maximal fünf Leute (okay, die Polizei fischt immer wieder auch Autos mit acht Passagieren in einem Twingo bei brütender Hitze aus dem Verkehr), aber bleiben wir mal statistisch: In den meisten Fahrzeugen sitzen statistisch gesehen 2,5 Personen (Zeitung auf dem Beifahrersitz bei Berufsfahrern mal ausgeschlossen). In einem Zugverlauf sitzen aber maximal 800 Leute, was somit die ppm-Zahl auf 19 runter schrumpfen lässt.

19 ppm!

Da wird die Automobilindustrie neidisch. Denn schon im Innenraum eines Fahrzeuges sind laut Verträge für Zulieferer 300 ppm zulässig. Selbst wenn ich 6 Leute in das Fahrzeug stopfe, komme ich personenbezogen nur auf 50 ppm.

Was will ich damit total und überkandidelt ketzerischerweise sagen?
Ganz einfach.
Nachdem Deutschland schon nicht unter die besten zwei der FIFA-Fußball-WM kommen konnte und auch sonst kein Vollidiot etwas presse-würdiges verbrochen hatte, da musste die Bahn dran glaube.
Lesen wir mal die Presseberichte.
Wie viele waren von dem Ausfall der Klimaanlage betroffen?
Es wird von einem Teil einer Schulklasse gesprochen (max. 30 Schüler), in anderen Berichten von 40 Menschen. Gut, lassen wir es mal 100 sein. Seien wir mal realistisch: 1000 Menschen gemäß der Pfeifer’schen Regel „Nur 4% der Kunden beschweren sich über mangelnde Qualität“ (ISBN 3-446-18579-8). Was dann fast genau der Zahl derjenigen Anzahl der Zuginsassen entspricht, die in einem Zug gesessen haben könnten (nämlich 1000 Passagiere entsprechend den Angaben der Journailien). 1000 Passagiere statistisch gesehen auf drei Züge verteilt, denn der 2. Klasse ist es nicht erlaubt im Zugrestaurant, auf der Zugtoilette oder in der 1. Klasse herum zu lungern.

Und dann mal die spontan er-google-te Nachricht:

Auf der A9 bei Gefrees hat Freitag Mittag die Unachtsamkeit eines Lkw-Fahrers neben 100-tausend Euro Sachschaden auch einen 12 Kilometer langen Stau verursacht.

12 Kilometer.
Zweispurig.
Also 24 Kilometer rechnerisch.
Und sicherlich nicht nur dort.
Bei „Jugend forscht“ wurde ausgerechnet, dass auf 3 km Stau 500 Autos kommen. Ergo haben wir hier mal locker 4000 Fahrzeuge mit statistisch gesehen 2,5 Personen drinne (es ist Freitag Mittag bei brüllender Hitze (wer Klimaanlagen kennt, weiß, dass dies jetzt keine rhetorische Phrase sein muss), viele Berufstätige fahren nach Hause und das allein in Begleitung ihrer Tageszeitung auf dem Beifahrersitz), also 10.000 Personen (oder reduziert wegen dem Ich-Will-Jetzt-Nach-Hause-Pendler auf 8000 Personen).

Das sind locker mal 4 so viele Personen als in den ICEs und das bei brütender Hitze in deren Fahrzeugen, die KEINE gut funktionierende Klima haben. Wer nicht genügend im Monat verdient, weiß, was ich meine.

Hm.

War da was?
Eine Nachricht im ZDF?
In der ZEIT?
In der FAZ, der SZ, NHZ oder gar im Buxtehuder Werbeblatt?
Nicht?
Nüscht?
Gar nüscht?
Hm.
Und was war mit den Unwettern in NRW vor knapp 24 Stunden? Glaubt da wer Gutmütiger, dass deswegen weniger als 10 Flüge á 100 Passagiere nicht landen konnten? Das die gar nicht dort ankamen, wohin die wollten?
Kein Wort in der Journalie? Nada? Niete? Nullinger?
Ja, ist denn schon wieder saure Gurkenzeit?
Ja?
Dann taugt die Bahn genau als Depperle der Nation.
Zum Draufschlagen einfach.
Wenn schon ein Westerwelle nicht mehr Angriffsfläche in seinem Sommerurlaub bieten möchte …

Und nun meine Quintessenz?
Jürgen Kronmann ist ein verdammt schlechter Pressesprecher. Genau solch einer, den die Presse braucht, um einen Stellvertreterkrieg für die große Hitze mit irgendwem zu schlagen.
So ein Depperl.
Die Volksseele kocht.

Nicht allein im Stau auf der A8, der Dehydrierung nahe (kein ADAC oder Ramsauer verteilt Wasser gratis und auf den Raststätten gibt es auch nur Kraneburger Jahrgang 2010) fluchen alle auf die Bahn. Weder im Sommer noch im Winter sei sie fähig eine Klimakatastrophe in deren Waggons zu vermeiden.

Aber wir sind auf die Bahn ja nicht angewiesen. Mit dem „Mein-Bac-dein-Bac“-Feeling sicher für die nächsten 8×4 Stunden fluchen wir auf die Bahn und auf den LKW-Fahrer. Denn wäre der mit der Bahn transportiert worden, hätte es auf der A8 keinen Stau gegeben. Und als vorweggenommene Strafe hätte der dort geschmorrt, da wo die 40 bemitleidenswerten Leute im Zug schmorrten.
Mein Beileid. Meinen zumindest die acht bis zehntausend Stauteilnehmer …

Oder etwas anders ausgedrückt, so wie bei Jürgen Kornmann.
Do it again, Jürgen:

"Bildung für die besten" oder: Hauptsache, Werbung produziert Umsatz …

Lebewesentechnisch bin ich ein kleines Licht. Nicht mit übermäßig viel Intelligenz ausgestattet, dankbar zu leben, biologisch ein XY-Chromosom-Inhaber und auch sonst ein übliches gnadenlos männliches Alphatier, wenn es denn darf, so wie man es lässt.
Und heute durfte ich nicht.
In meinem Postfach befand sich ein Brief vom Verein »Management Circle ®«.
Ja, ich bin nun mal ein hochbezahltes »Manager«-Vieh mit einem sechsstelligen Monatseinkommen (inkl. Kommastellen). Und darum darf ich auch solche Briefe erhalten, mit denen Beratungsfirmen versuchen, Umsatz zu bolzen.
Nur manchmal, aber nur manchmal, vergess ich, dass ich ein geschult männliches Alpha-«Manager«-Tier bin, dann schließ ich mich als Mann in der Bürotoilette ein, falte orthodox deutsch mein Toilettenpapier und schnäuzte dann heftig in das selbige und führ mir solche Briefe nochmals zu Gemüte, wie ich ihn heute vom »Management Circle ®« erhielt:

Werbungsbrueller

(zum Vergrößern anklicken)

Oder ist das eine versteckte Einladung zum Gruppensex mit Team-Assistentinnen (vullgo: Sekretärinnen) und nur ich hab’s nicht kapiert?!?

Über Wassermassen, Persönlichkeiten und andere Kaventsmänner …

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Kaventsmänner sind einflussreiche Menschen, die aufgrund ihrer Position für andere bürgen können. Und meistzeit sind solche Menschen auch noch reiche Menschen, diese Kaventsmänner.
Als Kinder haben wir bei dem Wort »Kaventsmann« immer unsere Backen aufgeblasen und mit unseren Armen einen dicken imaginären Bauch von uns umrundet. Vor meinem inneren Auge sah ich immer einen speckrolligen Mann in Anzug, wenn ich an Menschen, an »Kaventsmänner« dachte.

Aber es gibt nicht nur menschliche »Kaventsmänner«. Es gibt sie auch umgangssprachlich in der Natur. »Monsterwellen« wurden schon seit langem in der Seemannssprache als »Kaventsmänner« bezeichnet. Als Seemannsgarn wurden die Erlebnisse mit »Kaventsmänner« auf See der Seemänner verspottet. Kam ein Schiffseigner zu seiner Versicherung und behauptete, ein »Kaventsmann« hätte sein Schiff versenkt oder beschädigt, dann zahlte die Versicherung keinen Heller. »Monsterwellen« waren nicht bewiesen und gehörten der vermeintlichen hellen Seemannsphantasie an. Niemand glaubte den Seemännern. Bis zu dem Zeitpunkt, als eine Ölbohrinsel sich urplötzlich einer Monsterwelle gegenübersah und dieses von den Kameras der Bohrinsel festgehalten wurde. Und bis das Kreuzfahrtschiff »Queen Elisabeth 2« von einer Monsterwelle getroffen wurde. Das geschah innerhalb von 10 Monaten, vor erst 15 Jahren. Bis dahin hielten es die Versicherungsexperten für ausgeschlossen, dass deren mathematische Berechnungen von Wellen nicht vollständig sein könnten. Denn gemäß den Berechnungen von Meereswellen durfte es keine Monsterwelle geben. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Bis es zu den Vorfällen im Jahr 1995 kam. Seitdem zahlen Versicherungen auch bei nachgewiesenen Zerstörungen am Schiff durch Monsterwellen.

Wissenschaftler fanden inzwischen heraus, dass Monsterwellen ihrer Natur nach eher den Beobachtungen der Quantentheorie folgen, also den Beobachtungen atomarer und subatomarer Zustände. Die Entstehung von Monsterwellen wies eine verblüffende Ähnlichkeit zu dieser Quantenmechanik auf. Dieses Phänomen der Monsterwelle ließ sich mit einer mathematischen Gleichung berechnen, welche zuvor ausschließlich für diese atomare und subatomare Bereiche verwendet wurde: die »Schrödinger Gleichung«.
Das Dumme daran ist nur, mit der Gleichung lässt sich wunderbar beschreiben, was geschehen war. Nur Vorhersagen lassen sich damit nicht erstellen. Die Kapitäne der Weltmeere werden auch weiterhin den Horizont genau beobachten müssen, um eine geringe Überlebenschance gegen das Unerwartete, das zerstörerische Moment des Meeres zu behalten.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Den Satz hatte ich oft gehört. Dabei bin ich auf dem plattesten Land aufgewachsen. 400 Kilometer von jeder Meeresbucht entfernt. »Monsterwellen« war für mich ein Fremdwort. Maximal gab es die Monsterwelle, die Moby Dick dem miesepetrigen Gregory Peck als Kapitän Ahab vor dem Schiff erzeugte.
»Überschwemmung« an sich war für mich ein Fremdwort.
Fast.
Die einzige Überschwemmung, die ich erlebte, fand mitten im Sommer statt. Ein kleiner beschaulicher Bach in unserer Nähe wurde nach schweren Regenfällen zu einem reißenden Fluss. Er trat über seine ihm zugewiesenen Ufer und flutete ein Gebiet in der Größe von sieben Fußballfeldern. Und auf jenem Gebiet befanden sich unsere Kühe. Getrennt waren wir durch die Autobahn und zu diesem Gebiet führte lediglich die Autobahnunterführung, ein quadratischer Tunnel in Betonverschalung gegossen.
Diese Unterführung stand an jenem Nachmittag bis zu einem halben Meter unter Wasser. Der heftige Regen („Katzen und Hunde“-Regen) dauerte seit dem frühen Morgen und hatte nicht nachgelassen. Mein Vater kam mit der schlechten Botschaft heim, der Bach wäre über die Ufer getreten und die ganzen
Felder geflutet. Die Kühe wären erheblich unruhig und er befürchtete, sie könnten irgendwann in Panik ausreißen, weil bald alles unter Wasser stehen würde. Es war notwendig, die Kühe unter der Unterführung durchzutreiben. Es war so oder so nötig, sie am Abend zurück in den Stall zu treiben, also durch die Auobahnunterführung hindurch, damit sie gemolken würden. Aber zu jenem Zeitpunkt war es erst nachmittag und es war schon notwenig, sie bereits vorher zu holen.
Als wir kamen, hatten sie sich auf eine kleine Erhöhung auf der regengefluteten Wiese zusammen gestellt. Sie muhten um ihr Leben, aber wollten von der Insel nicht weg. In der Not ist mein Vater nach Hause, stieg auf seinen FIAT-Traktor, raste im Traktorengalopp durch die Unterführung und hielt auf die Kühe zu. Mit dem Traktor hatte er vor, sie auf die Unterführung zuzutreiben. Es mag bequem und faul klingen, auf einem Traktor Kühe vor sich herzutreiben. Nur zuvor war meine Mutter, mein Bruder und ich zu Fuß in Gummistiefeln zu jener Insel hin und wollten die Kühe mit bloßen Händen in Richtung Unterführung treiben. Aber die Kühe wollten nicht. Sie liefen immer wieder zu der stetig kleiner werdenden Insel zurück. Sie wollten einfach nicht weichen. Zum Schluss senkten sie dann auch noch die Köpfe und präsentierten angriffslustig die Hörner.
Das war der Zeitpunkt, als mein Vater sauer hupend mit dem Traktor auf die Kühe zuraste. Kompromisslos zu allem entschlossen. Die Kühe verstanden instinktiv, kapitulierten und rannten auf den ihnen bekannten Weg der Autobahnunterführung zu.
Dort lauerte bereits ein ernstes Hindernis: einen halben Meter tiefes Wasser. Wir hatten die Angst, die Kühe würden den Weg durch das Wasser meiden und stattdessen den trockeneren Weg über die Autobahn suchen. Wir flankierten die Autobahnböschung, bewaffnet mir Holzstöcken. Während oben der Autobahnverkehr lärmend im heftigsten Regen seinen Weg zog, hetzten wir unten neben den Kühen her. Kühe haben im Gegensatz zu Bullen den Vorteil, dass sie eindeutige Herdentiere sind. Es bleibt selten eine Kuh weit zurück. So eine kleine Stampede ist überschaubar in seiner Ausdehnung. Es gilt dabei, die zwei, drei Leitkühe der Herde zu lenken, die anderen folgen ihnen blind. Zudem sind Kühe Gewohnheitstiere, keine Individualisten. Und so kam es, dass die Kühe direkt in die Fluten unterhalb der gewohnten Unterführung hinein trabten, dann jedoch erkannten, dass sie keine Wahl mehr hatten: hinter ihnen jener hupende stampfende Traktor und vor ihnen das Ende des gefluteten Tunnels. Sie trabten halb schwimmend durchs Wasser. Während wir menschliches Fußvolk hinten auf den Trecker aufsprangen, schoben die Kühe eine selbsterzeugte Welle vor sich her, gewissermaßen eine »Monsterwelle« des Plattlandes. Mein Vater steuerte den Traktor mit gezogenem Vollgas durch die Fluten und schob die nächste »Monsterwelle« des Plattlands vor sich her. Die Kühe erreichten das Ende der Unterführung und kurz darauf ungeflutetes Festland. Wir hatten es geschafft. der restliche Weg war ein Klacks.
Es regnete die ganze Nacht durch. Ein eklig nasskalter Tag bei vielleicht 15° C endete glücklich für uns. Am nächsten Morgen schien die Sonne. Es war mitten im Juli und die Sonne knallte auf die überfluteten Wiesen und das Wasser lief langsam wieder in sein angestammtes Bachbett zurück. Nur die Wassermassen in der Autobahn-Unterführung blieben. Am Nachmittag kletterte das Thermometer auf 30° Grad. Es war der Tag, an dem ich unter der Autobahn unweit vor unserer Haustüre durchschwamm.
Im angrenzenden Dorf hatte es sich herumgesprochen, dass die Unterführung bis zu einem Meter unter Wasser stand. Leute brachten Schlauchboote mit und paddelten die knappen 40 Meter hin und her. Und irgendwann am nächsten Tag kamen auch die Jugendlichen, die schon ein Fahrzeug ihr Eigen nannten. Sie versuchten, in dem verbliebenen halben Meter ihre Fahrzeuge auf Amphibientauglichkeit zu testen. Zwei Fahrzeuge schleppte mein Vater mit seinem Traktor aus der Unterführung. Jene hatten Wasser in den Motor bekommen und waren mitten in der Überflutung abgesoffen. Danach gehörte die überschwemmte Überführung wieder uns Schwimmern und den Paddelbooten. Ein Freibad eigenwilliger Natur bei 30° im Freien. Über uns der Reiseverkehr gen Norden an die Nordsee, darunter wir schwimmend im Wasser.
Nebenbei, die regionalen Zeitungen hatten die Überflutung mit keinem Wort erwähnt. Einflussreiche Persönlichkeiten hatten darauf hingewirkt, dass diese Naturkatastrophe unerwähnt blieb. Denn die Natur zeigte nur zu deutlich jene Fehler auf, welche durch eine gewissenlose Flurbereinigung des Baches landschaftlicherseits gemacht worden waren. Der Bach wollte nur in sein altes Bett zurück. Genau in jenem leicht abgesenkten Streifen des alten Bachbettes, der vom neuen Bachbett hundert Meter entfernt lag, hatte die Flut auch ihren Höchststand erreicht gehabt.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Wir standen vor dem Findling und staunten nicht schlecht. Mein Vater hatte einen befreundeten Bauunternehmer gebeten, ihm mit dem Bagger zwei Findlinge aus dem Acker zu holen. Für mich war es normal, im Frühjahr über den kargen Acker neben dem Anhänger des Traktors herzulaufen und kleinere und größere Steine auf den Anhänger zu werfen. Die Äcker meines Vaters ließen viele Steine aus den Böden wachsen. Faustgroße bis fußballgroße Steine. Sogenannte »Findlinge«. Sie störten den Ackerbau. Sei es, weil die Pflugschare davon zerstört wurden, sei es, weil bei der Getreideernte Steine in den Mähdrescher gelangen und dessen Dreschwerk zerstören konnten. Die größten kamen immer als Ziersteine in den Garten, die anderen wurden auf dem »Steinhaufen« nahe des Waldes abgeladen.
Die meisten »Kaventsmänner« holte mein Vater beim Pflügen aus den Boden. Er konnte nicht einfach mit dem Traktor die Bahnen mit dem Pflug auf den Äckern ziehen. Immer hatte er seinen Fuß direkt auf der Kupplung, um den Schaden beim Auffinden solcher Kaventsmänner zu minimieren. Mit der Zeit hatte er sogar eine Technik heraus, wie er solche Findlinge frei pflügen konnte.
Nur bei zwei Findlingen hatte er keine Chance. Der Bagger kam und beförderte zwei Findlinge zu Tage, die sich auf knapp zwanzig Zentimeter Tiefe an die Erdoberfläche heran gearbeitet hatten. Der eine konnte noch auf dem Traktor-Anhänger verfrachtet werden. Er hatte den Durchmesser von einem Meter. Der zweite allerdings hatte die Form eines Hinkelsteins und eine Höhe von 1 ½ Meter. Der Bagger musste diesen Kaventsmann auf der Schaufel vom Acker tragen. Für den Anhänger wäre der Stein zu schwer gewesen. Die beiden Steine kamen in der letzten Kurve der privaten Hofzufahrt. Als Straßenbegrenzungssteine.
Besonders der letzte Stein hatte uns arg verblüfft. Es war ein Kaventsmann von einem Findling. Mir diente er als Kletterstein. Mein Mount-Everst in Kleinformat. Meinem Vater zu Ostern diente er immer wieder als Versteck für zu suchenden Ostereier.
Und jemand anderem diente der Kaventsmann als Stein des Anstoßes. Dieser Kaventsmann war ein einflussreicher Mensch des nahegelegenen Dorfes. Jener Mensch wollte den Findling bestaunen, so hatte er erst angekündigt. Aber meinem Vater wurde bald klar, was jener wirklich wollte. Der menschliche Kaventsmann wollte den steinernen Kaventsmann für seinen Garten als Schmuckstück. Der Mensch schaute sich den Stein an und meinte dann, dass der Stein gar nicht so dicht an der Straße liegen dürfe. Sollte jemand meinen Vater mit dem Fahrzeug besuchen und zufällig an den Stein kommen, dann wäre mein Vater haftbar und schuldig. Er sollte den Stein dort entfernen. Der Stein läge vorschriftswidrig zu nahe an der Straße. Der Stein müsse weg. Und er, der einflussreiche Mensch würde dafür sorgen, dass der Stein deswegen abgeholt werden würde. Jener bot meinem Vater auch noch ein wenig Geld an, den Stein vorher zu entsorgen, bevor der Stein auf Kosten meines Vaters entsorgt werden sollte. Nur, die Straße war ein Privatweg, der Stein lag auf Privatgelände. Mein Vater verwies den Menschen des Hofes. Dieser stieg wütend in sein Fahrzeug und fuhr drohend weg. Später erschien die Polizei und befragte meinen Vater, weil er angeblich an einem gesetzlichen Feiertag seinen Acker bestellt haben sollte. Der Ärger, den jener Kaventsmann verursachte, wurde so groß, dass mein Vater später in seiner Wut versuchte, den Stein mit einem Vorschlaghammer zu zerstören. Der Stein blieb ganz, der Vorschlaghammer brach.

Fünfunddreißig Jahre später stand ich wieder vor dem Stein. Er war definitiv kleiner geworden. Einerseits war er um zwanzig Zentimeter wieder in den Boden eingetaucht, aber zum anderen hatte der Stein seine Existenz an der freien Luft mit Erosion bezahlt. Früher war seine Außenoberfläche hart. Ein Hammer prallte ab, ohne überhaupt viel Schaden zu erzeugen. Nun jedoch konnte ich mit bloßer Hand Teile aus ihn heraus brechen. Regen, Eis und Wind hatten ihn mürbe gemacht, hatten ihm seine Größte geklaut. Beim Streicheln mit der Hand über dessen Oberfläche krümelte er bereits. Kleine Steinchen brachen aus ihm heraus. Sein kleiner Bruder dagegen, der zwei Meter weiter lag, hatte seine ursprüngliche Größe noch. Auch die anderen kleineren Findlinge, die vom Acker geholt worden waren, besaßen noch ihre Größe. Nur dieser Findling war geschrumpft. Er war nicht aus Granit wie die anderen Findlinge.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Hier im Süden Deutschland höre ich das Wort selten. Und wenn ich es höre, dann stammt es von einem Nordmann. Südmänner nutzen das Wort offenbar weniger. Und wenn, dann scheinen sie auch eher mit Kaventsmann das zu verbinden, was ich als kleiner Junge damit verband: Kugelrunde Männer mit mit aufgeblasenen Backen und noch mehr Einfluss, die sich durch die Gegend schieben statt zu gehen. Als ich das Wort in München das erste Mal verwendete, wurde ich der Diskriminierung verdächtigt. Ich würde mit dem Wort korpulente Menschen aufs Schärfste beleidigen. Unsensibel und verroht sei ich deswegen. Den Ursprung des Wortes »Kaventsmann« kannten sie nicht. Selbst als Wort zur Bezeichnung von Monsterwellen war denen es unbekannt. Und erst recht die Vorstellung, dass dieses Wort zu dem normalen Sprachschatz einer Bevölkerung eines Landstrichs gehören könnte. So etwas passte letztendlich auch nicht in deren Anwurf, ich wäre diskriminierend. »Kaventsmänner« gibt es in Bayern nicht. Stattdessen nennt man solche Persönlichkeiten hier eher ironisch »Großkopferte«, Leute mit einem großen Kopf. Mit Köpfe wie »Kaventsmänner«. Ob hiermit eine Monsterwelle oder eine riesige Sache bezeichnet wird, ist dabei auch wieder egal. Denn der Bezeichnung »Kaventsmann« wie auch »Großkopferte« schwingt immer ein ironischer Unterton mit.

Nebenbei, das Wort »Kaventsmann« stammt von dem lateinischen Wort »cavent« ab. »Cavent« heißt »Bürge«. Und aus dem Wort »Cavent« leitet sich ein Wort ab, welches Wohnungsvermieter immer gerne sofort im Zusammenhang mit der Kaltmiete einer Wohnung benutzen: »Kaution«. Der Leistende einer Kaution wird somit zum »Kaventsmann« in eigener Sache. Aber das auch nur am Rande.

Und now to something completly different. Football …

Wir schreiben den 15. Juni 2010. Es ist 18:00 Uhr. Bis um 20:00 Uhr sind bislang bei der gesamten WM 20 Tore gefallen. In 13 Spielen. Vor vier Jahren gab es bereits bis zum 15. Juni in 19 Spielen 36 Tore.

Damit im Schnitt bei dieser WM mehr Tore pro Spiel als vor vier Jahren fallen, muss jetzt Brasilien gegen Nordkorea mindestens 7:0 gewinnen. Danach würde zwar jeder von einem erneuten Endspiel Brasilien-Deutschland träumen (inkl. einem 2:0 für Brasilien; mein Déjà-vu-Traum), aber es würde wenig an dem bisherigen Verlauf der WM ändern. Eine grottige WM mit Spielen, bei denen das Einlaufen der Mannschaften spannender als das Spiel an sich ist.

Oder?

Oder etwa doch? Oder etwa nicht?

Was meint Professor Hastig aus der Seamstraße dazu?

Professor Hastig am Schlafen

Professor Hastig? Professor Hastig! Hm. Na, gut. Dann machen wir mal weiter. Mit dem nächsten Spiel der WM: Brasilien gegen Nord-Korea.

Êbá BRASIL!!!!!!!!!!

Mostra-nos que vocês estão orgulhoso a ser brasileiros!

Franzis wichtige Nachricht an die Welt

Und ich sag noch „Franzi, tu das nicht. Das interessiert keine Sau. Lass das aus dem Feed der Süddeutschen Zeitung heraus.“ Aber Franzi wollt nicht hören. Darum zwischen Unverständnis in Bayern und NRW ein unverständlicher Testartikel von Franzi.

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Georg Schramm und seine anderen Egos

»Georg Schramm gibt es nicht.«
»Auf der Bühne existiert er nicht.«
Georg Schramm

Der Name »Georg Schramm« ist seit der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« für viele Menschen in Deutschland ein Begriff. Bekannter als er selber sind aber inzwischen seine Spielfiguren: Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben, der alte Sozialdemokrat August und die rheinische Frohnatur des Pharmareferenten.
Wer aber ist Georg Schramm selber?
Lothar Dombrowski schrieb dazu in seinem Buch »Lassen Sie es mich so sagen … Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit«:

»Ich habe all die Jahre Georg Schramm als Pseudonym benutzt, seine Vita erfunden. Er der Offizier Sanftleben und der alte Sozialdemokrat August sind Spielfiguren, Abspaltungen meiner Person, … . Im realen Leben gibt es nur mich, Lothar Dombrowski, …«

Es verwirrt.
Der Name »Lothar Dombrowski« an sich ist schon länger ein Begriff als der Name »Georg Schramm«. »Lothar Dombrowski« war ein ehemaliger Sprecher der »Tagesschau« (s.a. Bild links).
Aber wer ist jener »Lothar Dombrowski«, dessen Name von jenem Tagesschau-Sprecher entlehnt wurde und den Sprecher vergessen lässt?
Wer ist Georg Schramm?

Georg SchrammWer die Auftritte des unfreundlichen Lothar Dombrowski in der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« oder auch von Georgs Schramms letzten Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« her kennt, der gerät leicht in die Gefahr, diese Spielfigur mit der Person Georg Schramm gleich zu setzen.

Wer ist der Georg Schramm also? Hierzu findet sich viel Geschriebenes im Internet. Und es finden sich viele Videos über Georg Schramms Spielfiguren, sei es in der ZDF-Mediathek, sei es bei podcast.de oder bei YouTube.

Durch Zufall traf ich hierbei auf eine Sendung vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2008. Im Programm »Zwischentöne« hat Joachim Scholl mit Georg Schramm an die 90 Minuten ein lockeres Gespräch geführt: über die Figuren des Lothar Dombrowskis, des Oberstleutnants Sanftleben und des Sozialdemokraten August, über Georg Schramms vorherigen Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« und über die Sendung »Neues aus der Anstalt«.
Der Deutschlandfunk bietet dieses Gespräch noch immer in zwei Teilen zum Download im mp3-Format an:

Teil 1
Teil 2
Playlist

Es lohnt, sich die 1 ½ Stunden Zeit zu nehmen und hinein zu hören.
Es macht Lust auf Georg Schramms neues Programm »MEISTER YODAS ENDE – Über die Zweckentfremdung der Demenz« und tröstet auch darüber hinweg, dass Georg Schramm zum letzten Mal mit Urban Priol in drei Tagen am Dienstag, den 8-Juni-2010, in »Neues aus der Anstalt« auftreten wird (22:15 Uhr, ZDF; Gäste: Frank Markus Barwasser, Monika Gruber und Jochen Malmsheimer).

Der Kommentar aus der Vergangenheit zu Merkels Vorschlag für die Zukunft

16. Juni 1992: Bundespräsident Richard von Weizsäcker kritisiert die Parteien

„Nach meiner Überzeugung ist unser Parteienstaat von beidem zugleich geprägt, nämlich machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen Führungsaufgabe.“

Kein Zutritt von unten (Kneipengespräch)

Tresen 0

»Lang nicht mehr gesehen.«

Er ergriff sich den Hocker neben mir, zog ihn in Sitzposition, deutete dem wird mit dem Zeigefinger an, dass er gerne ein Kölsch haben würde, und zog seine Regenjacke aus.

»Na ja, ich dich ja auch nicht.«
»Ich habe ein wenig privatisiert.«
»Privati … was’n das?«
»Ins Private zurück gezogen. Und was hast du in der Zwischenzeit so getrieben?«

Der Wirt schob ihm eine frisch gefüllte Stange Kölsch auf einem Bierdeckel rüber. Während er seine Regenjacke unterm Tresen an einen Haken aufhängte, langte er nach dem Kölsch, nahm einen Schluck und schwang sich auf den Hocker.

»Getrieben? Ich hab mich mal mit Hartz 4 vertraut gemacht.«
»Gesetzestexte durchwühlt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe einer Bekannten durch den Formularwust für dieses Arbeitslosengeld II durchgewühlt. Ich sag dir, dieses ALG2 ist der reinste Papierslalom. Für alles und jedes wollen die Belege sehen.«
»Na gut, schließlich soll verhindert werden, dass Betrüger Geld abzocken.«
»Abzocken?«
»Sagt dir der Fall Florida-Rolf noch was?«
»Ja klar. Die BILD-Zeitung und deren Angst, dass es einem Sozialhilfeempfänger besser gehen könnte als deren eigenen Freelancer-Journalisten.«
»Jetzt wirste polemisch!«
»Pass mal auf. Ich bin mit meinem Lebensstandard weit weg von Hartz 4. Irgendwo in der Reihe der Mittelständler zwischen Bild-Zeitungsredakteur und Politiker kannste mich einordnen. Mir klingen noch die Worte eines Geschäftsführer von vor zwei Jahren in den Ohren, der seinen Angestellten erklärte, würde die Banken seine Firmenkredite kappen, dann sei er Ruck-Zuck Hartz 4.«
»Ja und?«
»Die haben doch alle keine Ahnung, was für eine Knochenmühle Hartz 4 geworden ist.«
»Aber du, oder was.«
»Hast du dir mal den Fragebögen zur Antragsstellung für ALG2 durchgelesen? Da sind die Abfragen der persönlichen Daten bei Facebook Kinderkram.«
»Na und? Wer Leistungen vom Staat bekommen will, der muss auch selber dem Staate gegenüber in Vorleistung gehen.«
»Toll. Meine Bekannte hat zwei entschiedene Probleme: Sie ist Ausländerin, spricht deutsch recht schlecht, von Lesen ist mal ganz abzusehen, hat drei Kinder und dann ist ihr Lebensgefährte ausgezogen.«
»Und?«
»Als sie dann noch letztens arbeitslos wurde, hat sie bei den Fragebögen nur noch Bahnhof verstanden.«
»Sie hätte ja vorher deutsch lernen können.«
»Hätte. Selbst ich mit Deutsch als Muttersprache verstand die Fragen nicht beim ersten Mal. Anfangs hatte sie nach einem Gespräch bei der ARGE einen Deutschkurs bewilligt bekommen. Auch mit dem Hintergrund sich für neue Jobs besser bewerben zu können. Dann kam aber der neue Sachbearbeiter. Ein Arsch von Gottes Gnaden. Der hatte ihr den Deutschkurs gleich mal gestrichen. Seiner Ansicht nach sollte sie nach 11 Jahren Deutschland ausreichend deutsch sprechen können. Er hat ihr dann gleich einen neuen Binnenbrief geschickt.«

Sein Gesichtsausdruck hatte sich beim erzählen verfinstert. Seine Stimme war immer eregter geworden.

»Binnenbrief? Was ist denn das?«
»Zu beantworten binnen zwei Wochen oder es gibt Sanktionen der ARGE, weil sie nicht kooperativ sei.«
»Was wollten die?«
»Ihren vollständigen Lebenslauf. Ich hab ihn ihr dann geschrieben. Dutzend von mir ausgefüllte Papiere später hatte sie dann Mietunterstützung für ihre alte Wohung erhalten. Aber sie sollte sich eine neue suchen.«
»Und?«
»Der Münchener Wohnungsmarkt wimmelt von maklervermittelten Wohnungen. Bei den Besichtigungsterminen mit den Maklern wurde ihr dann immer erklärt, dass keine Arbeitslosen mit drei Kindern akzeptiert würden.«
»Wieso? Wenn die Stadt die Miete von ihr zahlt, dann ist die Mietzahlung doch garantiert.«
»Früher, das war früher. Mit der Einführung von Hartz 4 kann die Stadt die Mietzahlung dann kürzen oder sperren, wenn der Empfänger sanktioniert werden muss. Seitdem sind Arbeitslose von Vermietern meistens unerwünscht. Arbeitslose könnten zu Hartz-4-Empfänger werden.«
»Aber sie kriegt die jetzige Wohnung bezahlt?«

Er lachte auf. Ein hilfloses zynisches Lachen.

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Hartz-4-Sachbearbeiter nicht gefällt.«
»Wie das?«
»Sie muss jeden Monat 9 Wohnungssuchen nachweisen: Gesprächspartner, Telefonnummern, Wohnungsbeschreibung, Absagegrund, Bewerbungen bei Wohnungsgesellschaften. Und das wird von jemand verlangt, der nur deutsch sprechen aber kaum schreiben kann. Witzig, nicht? der hatte wohl ihren Deutschkurs gestrichen, damit er sie wohl schneller sanktionieren konnte. Wahrscheinlich kriegen die Bonus-Zahlungen für jede eingestellte Hartz-4-Zahlung. Ich habe ihr bei dieser Schreibarbeit dann geholfen. Sie hatte dann nebenbei auch eine Wohnung gefunden. Aber sie war von dem ARGE-Sachbearbeiter angewiesen worden, dass sie nur einen Mietvertrag unterschreiben dürfe, wenn Sie zuvor mit dem Sacharbeiter Rücksprache gehalten hätte. Würde sie vorher unterschreiben, würde die ARGE nicht zahlen.«
»Und?«
»Sie versuchte ihn eine Woche zu erreichen und hat ihm tagelang auf dem Anrufbeantworter gesprochen. Er war nie persönlich zu erreichen. Der Vermieter sagte ihr schließlich ab, weil sie nicht unterzeichnen konnte.«
»Und der Sachbearbeiter?«
»Sie erreichte ihn dann persönlich, nachdem ich mich mal einschaltete und ihr half. Erst auf Umwegen erreichte sie ihn. Als sie ihm sein Leid klagte, dass er nie zu erreichen sei, …«

Er schnappte deutlich Luft, ergriff sein Kölsch, leerte es und starrte vor sich hin.

»Und was sagte der Sachbearbeiter ihr dann?«
»’Ruhe jetzt!’«
»Was? Wieso?«
»Er blaffte ihr nur in den Hörer ‚Ruhe jetzt!‘. Fast wie ein Offizier. Als meine Bekannte verstört nachfragen wollte, was er damit meinte, pfiff er dreimal in den Hörer. Weißt du, es war das Pfeiffen, was normalerweise ein Hundehalter beim Gassigehen seinen Hund zupfeifft.«
»Was?«
»Er hat gepfiffen, als sei sie wie ein Hund zu behandeln! Und ihr dann nochmals ein ‚Ruhe jetzt‘ entgegengeschleudert. Sie bräuchte sich nicht aufzuregen, wenn er wolle, dass sie Ruhe gebe. Verstehst du das? Behandelt man so seinen Kunden? Welches Recht hat so ein Sachbearbeiter jemanden wie einen Hund zu behandeln?«
»Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag.«
»Einen schlechten Tag?«

Er starrte mich an. Sein Gesicht drückte eine Verzweifelung ob meiner Bemerkung aus. Der Wirt schob ihm ein neues Kölsch hin, welches er sofort ergriff und einen tiefen Schluck raus nahm. Seine Hand umfasste die Kölschstange krampfhaft. Fast erschien es mir, er würde das Glas zusammendrücken wollen, als würde es gleich splittern …

»Einen schlechten Tag? Wenn ich in meinem Beruf in der freien Wirtschaft einen Kunden behandeln würde, dann würde ich Ärger mit meinem Chef bekommen. Aber der Sachbearbeiter ist ja Beamter. Ein Beamte, der das Klischee über Beamten füttert. Einen schlechten Tag? Ach ja, nur am Rande, meine Bekannte hatte inzwischen einen neuen Job gefunden und entsprechend den Vorschriften, alle Behörden informiert. Drei Tage später erhielt sie von dem ARGE-Sachbearbeiter einen neuen Binnenbrief. Sie solle ihm binnen vier Wochen bis Mitte Juni eine Kopie des Arbeitsvertrages und der Verdienstbescheinigung zuschicken.«
»Und?«
»Diese Woche sollte eigentlich die Mietunterstützung auf ihrem Konto eintreffen. Sie kam nicht. Sie konnte die Miete bislang nicht zahlen. Gestern hatte meine Bekannte dann bei der ARGE angerufen. Dort erfuhr sie, dass sie gesperrt sei. Sie sei so lange gesperrt, bis sie Arbeitsvertrag und der Verdienstbescheinigung vorlegen würde.«
»Wo ist das Problem?«
»Jener Sachbearbeiter hatte sie direkt nach Versendung des Briefes vor zwei Wochen gesperrt gehabt. Den Arbeitsvertrag erhielt sie erst vor einer Woche und die Verdienstbescheinigung von der ersten Arbeitswoche kommt erst Mitte Ende nächster Woche. Bis dahin bleibt sie gesperrt.«
»Sie kann doch ihre Miete schon mal zahlen.«
»Das waren die Worte des Sachbearbeiters. Aber ihr Konto gibt das nicht her.«
»Schulden?«
»Schulden. Aber dazu hatte der Sachbearbeiter ihr erklärt gehabt, Schulden seien Privatsache. Das interessiere ihn nicht. Sie solle sich Geld leihen.«

Seine letzten Worte hatten einen stark zynischen Klang und ich glaubte noch ein leises »So ein Arschloch« zu vernehmen.

»Und wieso erzählst du mir das?«
»Okay, du verstehst es nicht. Du verstehst wohl nicht, dass meine Bekannte momentan durch ein Spalier der Demütigungen geht.«
»Na und? Es geht halt nicht anders. Zu viele Leute haben die Sozialhilfe genutzt, um den Staat abzuzocken.«

Er drehte seinen Kopf ein wenig und blickte mich leicht säuerlich von unten her an.

»Ach ja? Aber mit den Abzockern der Bankenwirtschaft, da verfahren wir anders, oder etwa nicht? Die werden von unserer Regierung an den Verhandlungstisch eingeladen. Aber Hartz-4’ler sind die Bedrohung der Gesellschaft, oder was?«
»Hey! Übertreib es nicht! Du redest Quatsch. Wir können das Geld nun mal nicht mit der Gießkanne verteilen. Wir sind kein Sozialstaat mehr. Wir müssen sparen. Sonst ergeht es uns wie Griechenland. Wer nichts leisten will, soll halt woanders hin gehen. Meinetwegen nach Griechenland, die aktiv unseren Wohlstand gefährden. Dann werden die schon sehen, wo es besser ist.«
»Ach ja? Schön.«

Abrupt stellte er seine Kölschstange ab, stand er auf, legte ein paar Geldstücke auf den Tresen und nahm seine Regenjacke vom Haken.

»Der 14-jährige Sohn meiner Bekannte redete genau so wie du jetzt. Er hatte Hartz-4’ler als Schmarotzer bezeichnet, die nur faul seien und selber Schuld an deren Misere seien, die nichts leisten würden. Das sagte er, als meine Bekannte noch mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte. So wie du jetzt redete er. So wie es in den Medien immer wieder rauf und runter gebetet wird. Als der Bewilligungsbescheid für meine Bekannte eintraf, kam er hinzu und fragte, ob sie jetzt alle Hartz-4’ler seien. Als seine Mutter bejahte, meinte der nur, dann solle sie halt mehr arbeiten und verschwand in seinem Zimmer.«

Mit Verärgerung im Gesicht drehte er ab und verschwand grußlos durch die Kneipentür.
Mein Kölsch-Glas war fast leer, eine kleine schaumlose Pfütze befand sich noch drin. Ich hob das Glas und winkte dem Wirt zu. Es war noch zu früh, nach Haus zu gehen.

Piep, piep, piep, wisst Ihr eigentlich, …

… wer gestern zurück getreten ist?
Ihr müsst nur mal in Wikipedia nachschauen, dann wird es euch erklärt!

Guildo Horn (* 15. Februar 1963 in Trier, Rheinland-Pfalz; eigentlich Horst Köhler) ist ein deutscher Schlagersänger und Musiktherapeut.

Somit schließt sich der European-Song-Contest-Kreis von Satelliten-Lena über Piep-piep-piep-Guildo Horn und Will-nicht-mehr-Köhler zum Metzger Stefan Raab.

Jetzt frag ich mich nur, wo hat der Guildo Horn nur diesen erfolgreichen Gesichtschirugen aufgetrieben … ?

Und hiermit erkläre ich das Casting zu „Deutschland sucht den nächsten Präsidenten Deutschlands“ (DSDNPD) für eröffnet.