Über Wassermassen, Persönlichkeiten und andere Kaventsmänner …


»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Kaventsmänner sind einflussreiche Menschen, die aufgrund ihrer Position für andere bürgen können. Und meistzeit sind solche Menschen auch noch reiche Menschen, diese Kaventsmänner.
Als Kinder haben wir bei dem Wort »Kaventsmann« immer unsere Backen aufgeblasen und mit unseren Armen einen dicken imaginären Bauch von uns umrundet. Vor meinem inneren Auge sah ich immer einen speckrolligen Mann in Anzug, wenn ich an Menschen, an »Kaventsmänner« dachte.

Aber es gibt nicht nur menschliche »Kaventsmänner«. Es gibt sie auch umgangssprachlich in der Natur. »Monsterwellen« wurden schon seit langem in der Seemannssprache als »Kaventsmänner« bezeichnet. Als Seemannsgarn wurden die Erlebnisse mit »Kaventsmänner« auf See der Seemänner verspottet. Kam ein Schiffseigner zu seiner Versicherung und behauptete, ein »Kaventsmann« hätte sein Schiff versenkt oder beschädigt, dann zahlte die Versicherung keinen Heller. »Monsterwellen« waren nicht bewiesen und gehörten der vermeintlichen hellen Seemannsphantasie an. Niemand glaubte den Seemännern. Bis zu dem Zeitpunkt, als eine Ölbohrinsel sich urplötzlich einer Monsterwelle gegenübersah und dieses von den Kameras der Bohrinsel festgehalten wurde. Und bis das Kreuzfahrtschiff »Queen Elisabeth 2« von einer Monsterwelle getroffen wurde. Das geschah innerhalb von 10 Monaten, vor erst 15 Jahren. Bis dahin hielten es die Versicherungsexperten für ausgeschlossen, dass deren mathematische Berechnungen von Wellen nicht vollständig sein könnten. Denn gemäß den Berechnungen von Meereswellen durfte es keine Monsterwelle geben. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Bis es zu den Vorfällen im Jahr 1995 kam. Seitdem zahlen Versicherungen auch bei nachgewiesenen Zerstörungen am Schiff durch Monsterwellen.

Wissenschaftler fanden inzwischen heraus, dass Monsterwellen ihrer Natur nach eher den Beobachtungen der Quantentheorie folgen, also den Beobachtungen atomarer und subatomarer Zustände. Die Entstehung von Monsterwellen wies eine verblüffende Ähnlichkeit zu dieser Quantenmechanik auf. Dieses Phänomen der Monsterwelle ließ sich mit einer mathematischen Gleichung berechnen, welche zuvor ausschließlich für diese atomare und subatomare Bereiche verwendet wurde: die »Schrödinger Gleichung«.
Das Dumme daran ist nur, mit der Gleichung lässt sich wunderbar beschreiben, was geschehen war. Nur Vorhersagen lassen sich damit nicht erstellen. Die Kapitäne der Weltmeere werden auch weiterhin den Horizont genau beobachten müssen, um eine geringe Überlebenschance gegen das Unerwartete, das zerstörerische Moment des Meeres zu behalten.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Den Satz hatte ich oft gehört. Dabei bin ich auf dem plattesten Land aufgewachsen. 400 Kilometer von jeder Meeresbucht entfernt. »Monsterwellen« war für mich ein Fremdwort. Maximal gab es die Monsterwelle, die Moby Dick dem miesepetrigen Gregory Peck als Kapitän Ahab vor dem Schiff erzeugte.
»Überschwemmung« an sich war für mich ein Fremdwort.
Fast.
Die einzige Überschwemmung, die ich erlebte, fand mitten im Sommer statt. Ein kleiner beschaulicher Bach in unserer Nähe wurde nach schweren Regenfällen zu einem reißenden Fluss. Er trat über seine ihm zugewiesenen Ufer und flutete ein Gebiet in der Größe von sieben Fußballfeldern. Und auf jenem Gebiet befanden sich unsere Kühe. Getrennt waren wir durch die Autobahn und zu diesem Gebiet führte lediglich die Autobahnunterführung, ein quadratischer Tunnel in Betonverschalung gegossen.
Diese Unterführung stand an jenem Nachmittag bis zu einem halben Meter unter Wasser. Der heftige Regen („Katzen und Hunde“-Regen) dauerte seit dem frühen Morgen und hatte nicht nachgelassen. Mein Vater kam mit der schlechten Botschaft heim, der Bach wäre über die Ufer getreten und die ganzen
Felder geflutet. Die Kühe wären erheblich unruhig und er befürchtete, sie könnten irgendwann in Panik ausreißen, weil bald alles unter Wasser stehen würde. Es war notwendig, die Kühe unter der Unterführung durchzutreiben. Es war so oder so nötig, sie am Abend zurück in den Stall zu treiben, also durch die Auobahnunterführung hindurch, damit sie gemolken würden. Aber zu jenem Zeitpunkt war es erst nachmittag und es war schon notwenig, sie bereits vorher zu holen.
Als wir kamen, hatten sie sich auf eine kleine Erhöhung auf der regengefluteten Wiese zusammen gestellt. Sie muhten um ihr Leben, aber wollten von der Insel nicht weg. In der Not ist mein Vater nach Hause, stieg auf seinen FIAT-Traktor, raste im Traktorengalopp durch die Unterführung und hielt auf die Kühe zu. Mit dem Traktor hatte er vor, sie auf die Unterführung zuzutreiben. Es mag bequem und faul klingen, auf einem Traktor Kühe vor sich herzutreiben. Nur zuvor war meine Mutter, mein Bruder und ich zu Fuß in Gummistiefeln zu jener Insel hin und wollten die Kühe mit bloßen Händen in Richtung Unterführung treiben. Aber die Kühe wollten nicht. Sie liefen immer wieder zu der stetig kleiner werdenden Insel zurück. Sie wollten einfach nicht weichen. Zum Schluss senkten sie dann auch noch die Köpfe und präsentierten angriffslustig die Hörner.
Das war der Zeitpunkt, als mein Vater sauer hupend mit dem Traktor auf die Kühe zuraste. Kompromisslos zu allem entschlossen. Die Kühe verstanden instinktiv, kapitulierten und rannten auf den ihnen bekannten Weg der Autobahnunterführung zu.
Dort lauerte bereits ein ernstes Hindernis: einen halben Meter tiefes Wasser. Wir hatten die Angst, die Kühe würden den Weg durch das Wasser meiden und stattdessen den trockeneren Weg über die Autobahn suchen. Wir flankierten die Autobahnböschung, bewaffnet mir Holzstöcken. Während oben der Autobahnverkehr lärmend im heftigsten Regen seinen Weg zog, hetzten wir unten neben den Kühen her. Kühe haben im Gegensatz zu Bullen den Vorteil, dass sie eindeutige Herdentiere sind. Es bleibt selten eine Kuh weit zurück. So eine kleine Stampede ist überschaubar in seiner Ausdehnung. Es gilt dabei, die zwei, drei Leitkühe der Herde zu lenken, die anderen folgen ihnen blind. Zudem sind Kühe Gewohnheitstiere, keine Individualisten. Und so kam es, dass die Kühe direkt in die Fluten unterhalb der gewohnten Unterführung hinein trabten, dann jedoch erkannten, dass sie keine Wahl mehr hatten: hinter ihnen jener hupende stampfende Traktor und vor ihnen das Ende des gefluteten Tunnels. Sie trabten halb schwimmend durchs Wasser. Während wir menschliches Fußvolk hinten auf den Trecker aufsprangen, schoben die Kühe eine selbsterzeugte Welle vor sich her, gewissermaßen eine »Monsterwelle« des Plattlandes. Mein Vater steuerte den Traktor mit gezogenem Vollgas durch die Fluten und schob die nächste »Monsterwelle« des Plattlands vor sich her. Die Kühe erreichten das Ende der Unterführung und kurz darauf ungeflutetes Festland. Wir hatten es geschafft. der restliche Weg war ein Klacks.
Es regnete die ganze Nacht durch. Ein eklig nasskalter Tag bei vielleicht 15° C endete glücklich für uns. Am nächsten Morgen schien die Sonne. Es war mitten im Juli und die Sonne knallte auf die überfluteten Wiesen und das Wasser lief langsam wieder in sein angestammtes Bachbett zurück. Nur die Wassermassen in der Autobahn-Unterführung blieben. Am Nachmittag kletterte das Thermometer auf 30° Grad. Es war der Tag, an dem ich unter der Autobahn unweit vor unserer Haustüre durchschwamm.
Im angrenzenden Dorf hatte es sich herumgesprochen, dass die Unterführung bis zu einem Meter unter Wasser stand. Leute brachten Schlauchboote mit und paddelten die knappen 40 Meter hin und her. Und irgendwann am nächsten Tag kamen auch die Jugendlichen, die schon ein Fahrzeug ihr Eigen nannten. Sie versuchten, in dem verbliebenen halben Meter ihre Fahrzeuge auf Amphibientauglichkeit zu testen. Zwei Fahrzeuge schleppte mein Vater mit seinem Traktor aus der Unterführung. Jene hatten Wasser in den Motor bekommen und waren mitten in der Überflutung abgesoffen. Danach gehörte die überschwemmte Überführung wieder uns Schwimmern und den Paddelbooten. Ein Freibad eigenwilliger Natur bei 30° im Freien. Über uns der Reiseverkehr gen Norden an die Nordsee, darunter wir schwimmend im Wasser.
Nebenbei, die regionalen Zeitungen hatten die Überflutung mit keinem Wort erwähnt. Einflussreiche Persönlichkeiten hatten darauf hingewirkt, dass diese Naturkatastrophe unerwähnt blieb. Denn die Natur zeigte nur zu deutlich jene Fehler auf, welche durch eine gewissenlose Flurbereinigung des Baches landschaftlicherseits gemacht worden waren. Der Bach wollte nur in sein altes Bett zurück. Genau in jenem leicht abgesenkten Streifen des alten Bachbettes, der vom neuen Bachbett hundert Meter entfernt lag, hatte die Flut auch ihren Höchststand erreicht gehabt.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Wir standen vor dem Findling und staunten nicht schlecht. Mein Vater hatte einen befreundeten Bauunternehmer gebeten, ihm mit dem Bagger zwei Findlinge aus dem Acker zu holen. Für mich war es normal, im Frühjahr über den kargen Acker neben dem Anhänger des Traktors herzulaufen und kleinere und größere Steine auf den Anhänger zu werfen. Die Äcker meines Vaters ließen viele Steine aus den Böden wachsen. Faustgroße bis fußballgroße Steine. Sogenannte »Findlinge«. Sie störten den Ackerbau. Sei es, weil die Pflugschare davon zerstört wurden, sei es, weil bei der Getreideernte Steine in den Mähdrescher gelangen und dessen Dreschwerk zerstören konnten. Die größten kamen immer als Ziersteine in den Garten, die anderen wurden auf dem »Steinhaufen« nahe des Waldes abgeladen.
Die meisten »Kaventsmänner« holte mein Vater beim Pflügen aus den Boden. Er konnte nicht einfach mit dem Traktor die Bahnen mit dem Pflug auf den Äckern ziehen. Immer hatte er seinen Fuß direkt auf der Kupplung, um den Schaden beim Auffinden solcher Kaventsmänner zu minimieren. Mit der Zeit hatte er sogar eine Technik heraus, wie er solche Findlinge frei pflügen konnte.
Nur bei zwei Findlingen hatte er keine Chance. Der Bagger kam und beförderte zwei Findlinge zu Tage, die sich auf knapp zwanzig Zentimeter Tiefe an die Erdoberfläche heran gearbeitet hatten. Der eine konnte noch auf dem Traktor-Anhänger verfrachtet werden. Er hatte den Durchmesser von einem Meter. Der zweite allerdings hatte die Form eines Hinkelsteins und eine Höhe von 1 ½ Meter. Der Bagger musste diesen Kaventsmann auf der Schaufel vom Acker tragen. Für den Anhänger wäre der Stein zu schwer gewesen. Die beiden Steine kamen in der letzten Kurve der privaten Hofzufahrt. Als Straßenbegrenzungssteine.
Besonders der letzte Stein hatte uns arg verblüfft. Es war ein Kaventsmann von einem Findling. Mir diente er als Kletterstein. Mein Mount-Everst in Kleinformat. Meinem Vater zu Ostern diente er immer wieder als Versteck für zu suchenden Ostereier.
Und jemand anderem diente der Kaventsmann als Stein des Anstoßes. Dieser Kaventsmann war ein einflussreicher Mensch des nahegelegenen Dorfes. Jener Mensch wollte den Findling bestaunen, so hatte er erst angekündigt. Aber meinem Vater wurde bald klar, was jener wirklich wollte. Der menschliche Kaventsmann wollte den steinernen Kaventsmann für seinen Garten als Schmuckstück. Der Mensch schaute sich den Stein an und meinte dann, dass der Stein gar nicht so dicht an der Straße liegen dürfe. Sollte jemand meinen Vater mit dem Fahrzeug besuchen und zufällig an den Stein kommen, dann wäre mein Vater haftbar und schuldig. Er sollte den Stein dort entfernen. Der Stein läge vorschriftswidrig zu nahe an der Straße. Der Stein müsse weg. Und er, der einflussreiche Mensch würde dafür sorgen, dass der Stein deswegen abgeholt werden würde. Jener bot meinem Vater auch noch ein wenig Geld an, den Stein vorher zu entsorgen, bevor der Stein auf Kosten meines Vaters entsorgt werden sollte. Nur, die Straße war ein Privatweg, der Stein lag auf Privatgelände. Mein Vater verwies den Menschen des Hofes. Dieser stieg wütend in sein Fahrzeug und fuhr drohend weg. Später erschien die Polizei und befragte meinen Vater, weil er angeblich an einem gesetzlichen Feiertag seinen Acker bestellt haben sollte. Der Ärger, den jener Kaventsmann verursachte, wurde so groß, dass mein Vater später in seiner Wut versuchte, den Stein mit einem Vorschlaghammer zu zerstören. Der Stein blieb ganz, der Vorschlaghammer brach.

Fünfunddreißig Jahre später stand ich wieder vor dem Stein. Er war definitiv kleiner geworden. Einerseits war er um zwanzig Zentimeter wieder in den Boden eingetaucht, aber zum anderen hatte der Stein seine Existenz an der freien Luft mit Erosion bezahlt. Früher war seine Außenoberfläche hart. Ein Hammer prallte ab, ohne überhaupt viel Schaden zu erzeugen. Nun jedoch konnte ich mit bloßer Hand Teile aus ihn heraus brechen. Regen, Eis und Wind hatten ihn mürbe gemacht, hatten ihm seine Größte geklaut. Beim Streicheln mit der Hand über dessen Oberfläche krümelte er bereits. Kleine Steinchen brachen aus ihm heraus. Sein kleiner Bruder dagegen, der zwei Meter weiter lag, hatte seine ursprüngliche Größe noch. Auch die anderen kleineren Findlinge, die vom Acker geholt worden waren, besaßen noch ihre Größe. Nur dieser Findling war geschrumpft. Er war nicht aus Granit wie die anderen Findlinge.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Hier im Süden Deutschland höre ich das Wort selten. Und wenn ich es höre, dann stammt es von einem Nordmann. Südmänner nutzen das Wort offenbar weniger. Und wenn, dann scheinen sie auch eher mit Kaventsmann das zu verbinden, was ich als kleiner Junge damit verband: Kugelrunde Männer mit mit aufgeblasenen Backen und noch mehr Einfluss, die sich durch die Gegend schieben statt zu gehen. Als ich das Wort in München das erste Mal verwendete, wurde ich der Diskriminierung verdächtigt. Ich würde mit dem Wort korpulente Menschen aufs Schärfste beleidigen. Unsensibel und verroht sei ich deswegen. Den Ursprung des Wortes »Kaventsmann« kannten sie nicht. Selbst als Wort zur Bezeichnung von Monsterwellen war denen es unbekannt. Und erst recht die Vorstellung, dass dieses Wort zu dem normalen Sprachschatz einer Bevölkerung eines Landstrichs gehören könnte. So etwas passte letztendlich auch nicht in deren Anwurf, ich wäre diskriminierend. »Kaventsmänner« gibt es in Bayern nicht. Stattdessen nennt man solche Persönlichkeiten hier eher ironisch »Großkopferte«, Leute mit einem großen Kopf. Mit Köpfe wie »Kaventsmänner«. Ob hiermit eine Monsterwelle oder eine riesige Sache bezeichnet wird, ist dabei auch wieder egal. Denn der Bezeichnung »Kaventsmann« wie auch »Großkopferte« schwingt immer ein ironischer Unterton mit.

Nebenbei, das Wort »Kaventsmann« stammt von dem lateinischen Wort »cavent« ab. »Cavent« heißt »Bürge«. Und aus dem Wort »Cavent« leitet sich ein Wort ab, welches Wohnungsvermieter immer gerne sofort im Zusammenhang mit der Kaltmiete einer Wohnung benutzen: »Kaution«. Der Leistende einer Kaution wird somit zum »Kaventsmann« in eigener Sache. Aber das auch nur am Rande.

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