Da ist die Presse mal wieder zügig drauf abgefahren …


Jede Bahn hat ihren Sprecher und jeder Sprecher glänzt so gut er kann wie eine Sternschnuppe:
Erst Stern dann Schnuppe.
Oder so.

Man muss sich mal die Angabe über die Zunge zergehen lassen, was Jürgen Kornmann da binnen 15 Sekunden dem ZDF erzählt:
Auf 1440 Einsätze gab es 3 Ausfälle. Und Herr Kornmann bezog sich auf den Fall, dass es gestern dazu kam, dass Züge wegen dem Ausfall der Klimaanlage überhitzt waren und Passagiere wegen Dehydrierung vor Ort medizinisch versorgt werden mussten (s.a. Video von YouTube unten).

So und nun holen wir mal unsere Hauptschulabschlüsse heraus und fangen an zu rechnen.
Was bedeutet das? 3 ausgefallene Klimaanlagen auf 1440 Zugverläufe.
Erst einmal gar nichts.
Fällt bei einem ICE-Zugverbund eine Klimaanlage aus, so betrifft es im worst-case („schlimsten Falls“) ca. 800 Passagiere eines Zuges (von Klasse 1 bis Klasse 2 und Board-Restaurant). Sozusagen binnenklima-erwärmender Schrott auf Achse.

Die pharmazeutische Industrie hat eine international anerkannte Größe entworfen, die auch in der Automobilindustrie ihre Anwendung verwendet: „ppm“ (parts per million). „ppm“ sagt aus, wie viele Teile auf eine Million Teile ausfallen. 10 ppm sind also 10 fehlerhafte Teile auf eine Millionen Gesamtteile. Also 10 Tote auf 1 Millionen Menschen sind statistisch „10 ppm“. Umgerechnet sind also 3 Zugausfälle auf 1440 Zugvorgänge erst einmal absolut nichtssagend. Nehmen wir also der Einfachheit an, 3 Zügen mit defekten Klimavorrichtungen im gesamten Zugstrang (!) sind unterwegs. Wer die Bahn und ihre Fahrpläne kennt, kommt somit bei drei Zugverbünden auf maximal sieben Zugstrecken, also sieben Zugvorgänge.

Somit hätten wir 21 Zugvorgänge mit defekten Klimaanlagen auf 1440 Zugvorgänge (s.a. Videointerview oben). Das macht dann 14583 ppm (also statistisch 14583 Ausfälle auf 1.000.000 Zugvorgänge).

Im Vergleich mit der Automobilindustrie mit dem Qualitätsziel 0 ppm für Ausfälle im Feld, also im Betrieb, (als Beispiel: unsere Firma liegt bei 1,5 ppm), das ist also eine gnadenlose Katastrophe.

Moment!

In einem Auto sitzen in Deutschland maximal fünf Leute (okay, die Polizei fischt immer wieder auch Autos mit acht Passagieren in einem Twingo bei brütender Hitze aus dem Verkehr), aber bleiben wir mal statistisch: In den meisten Fahrzeugen sitzen statistisch gesehen 2,5 Personen (Zeitung auf dem Beifahrersitz bei Berufsfahrern mal ausgeschlossen). In einem Zugverlauf sitzen aber maximal 800 Leute, was somit die ppm-Zahl auf 19 runter schrumpfen lässt.

19 ppm!

Da wird die Automobilindustrie neidisch. Denn schon im Innenraum eines Fahrzeuges sind laut Verträge für Zulieferer 300 ppm zulässig. Selbst wenn ich 6 Leute in das Fahrzeug stopfe, komme ich personenbezogen nur auf 50 ppm.

Was will ich damit total und überkandidelt ketzerischerweise sagen?
Ganz einfach.
Nachdem Deutschland schon nicht unter die besten zwei der FIFA-Fußball-WM kommen konnte und auch sonst kein Vollidiot etwas presse-würdiges verbrochen hatte, da musste die Bahn dran glaube.
Lesen wir mal die Presseberichte.
Wie viele waren von dem Ausfall der Klimaanlage betroffen?
Es wird von einem Teil einer Schulklasse gesprochen (max. 30 Schüler), in anderen Berichten von 40 Menschen. Gut, lassen wir es mal 100 sein. Seien wir mal realistisch: 1000 Menschen gemäß der Pfeifer’schen Regel „Nur 4% der Kunden beschweren sich über mangelnde Qualität“ (ISBN 3-446-18579-8). Was dann fast genau der Zahl derjenigen Anzahl der Zuginsassen entspricht, die in einem Zug gesessen haben könnten (nämlich 1000 Passagiere entsprechend den Angaben der Journailien). 1000 Passagiere statistisch gesehen auf drei Züge verteilt, denn der 2. Klasse ist es nicht erlaubt im Zugrestaurant, auf der Zugtoilette oder in der 1. Klasse herum zu lungern.

Und dann mal die spontan er-google-te Nachricht:

Auf der A9 bei Gefrees hat Freitag Mittag die Unachtsamkeit eines Lkw-Fahrers neben 100-tausend Euro Sachschaden auch einen 12 Kilometer langen Stau verursacht.

12 Kilometer.
Zweispurig.
Also 24 Kilometer rechnerisch.
Und sicherlich nicht nur dort.
Bei „Jugend forscht“ wurde ausgerechnet, dass auf 3 km Stau 500 Autos kommen. Ergo haben wir hier mal locker 4000 Fahrzeuge mit statistisch gesehen 2,5 Personen drinne (es ist Freitag Mittag bei brüllender Hitze (wer Klimaanlagen kennt, weiß, dass dies jetzt keine rhetorische Phrase sein muss), viele Berufstätige fahren nach Hause und das allein in Begleitung ihrer Tageszeitung auf dem Beifahrersitz), also 10.000 Personen (oder reduziert wegen dem Ich-Will-Jetzt-Nach-Hause-Pendler auf 8000 Personen).

Das sind locker mal 4 so viele Personen als in den ICEs und das bei brütender Hitze in deren Fahrzeugen, die KEINE gut funktionierende Klima haben. Wer nicht genügend im Monat verdient, weiß, was ich meine.

Hm.

War da was?
Eine Nachricht im ZDF?
In der ZEIT?
In der FAZ, der SZ, NHZ oder gar im Buxtehuder Werbeblatt?
Nicht?
Nüscht?
Gar nüscht?
Hm.
Und was war mit den Unwettern in NRW vor knapp 24 Stunden? Glaubt da wer Gutmütiger, dass deswegen weniger als 10 Flüge á 100 Passagiere nicht landen konnten? Das die gar nicht dort ankamen, wohin die wollten?
Kein Wort in der Journalie? Nada? Niete? Nullinger?
Ja, ist denn schon wieder saure Gurkenzeit?
Ja?
Dann taugt die Bahn genau als Depperle der Nation.
Zum Draufschlagen einfach.
Wenn schon ein Westerwelle nicht mehr Angriffsfläche in seinem Sommerurlaub bieten möchte …

Und nun meine Quintessenz?
Jürgen Kronmann ist ein verdammt schlechter Pressesprecher. Genau solch einer, den die Presse braucht, um einen Stellvertreterkrieg für die große Hitze mit irgendwem zu schlagen.
So ein Depperl.
Die Volksseele kocht.

Nicht allein im Stau auf der A8, der Dehydrierung nahe (kein ADAC oder Ramsauer verteilt Wasser gratis und auf den Raststätten gibt es auch nur Kraneburger Jahrgang 2010) fluchen alle auf die Bahn. Weder im Sommer noch im Winter sei sie fähig eine Klimakatastrophe in deren Waggons zu vermeiden.

Aber wir sind auf die Bahn ja nicht angewiesen. Mit dem „Mein-Bac-dein-Bac“-Feeling sicher für die nächsten 8×4 Stunden fluchen wir auf die Bahn und auf den LKW-Fahrer. Denn wäre der mit der Bahn transportiert worden, hätte es auf der A8 keinen Stau gegeben. Und als vorweggenommene Strafe hätte der dort geschmorrt, da wo die 40 bemitleidenswerten Leute im Zug schmorrten.
Mein Beileid. Meinen zumindest die acht bis zehntausend Stauteilnehmer …

Oder etwas anders ausgedrückt, so wie bei Jürgen Kornmann.
Do it again, Jürgen:

5 Gedanken zu „Da ist die Presse mal wieder zügig drauf abgefahren …

  1. Was für eine Rechnung! Hut ab, Herr Careca.

    PS. Wie auch immer: ich würde gern darauf verzichten, bei lebendigem Leibe in einem ICE gegrillt zu werden.

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  2. Selbst in nem vierrädigen Vehikel im Stau macht es keinen Spass. Der Unterschied: Im Zug kann man in der Gemeinschaft herzzerreißend fluchen. Im eigenen Automobil bleibt man allein oder zu zweit und dann kommt nur noch der Fatalismus. Ob in Gemeinschaft oder allein, ich möchte das nicht nochmals mitmachen (damals war sowas in Sommerhitze bei der Bahn total normal und Staus in brütender Hitze kenne ich auch zu genüge; inkl. einstündiges Warten nach Massenkarambolage bei -10° C auf der Auobahn und dann im Freien ohne Klimaanlage …).
    Wir haben ja Klimaanlage. Und den Rest macht die Reklamation. Oder das ZDF, wenn die mal wieder Sendezeit zu vergeuden haben … ;)

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  3. Die Beschwichtigungen der BörsenbahnIm heute-journal kam gestern der Bahnsprecher Jürgen Kornmann zu Wort. Jeden Tag gäbe es 1400 Fernverkehrsverbindungen, so der Sprecher. Wenn da nur drei Klimaanlagen defekt seien, sei das doch eine gute Quote. Der absolute Großteil der Reisenden würde…

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  4. Mal ganz unabhängig von der Aufmerksamkeit, die der Fall erregt, sollte doch beachtet werden, dass es sich bei der Bahn von der Struktur her um ein öffentliches Verkehrsmittel handelt, das nunmehr über 100 Jahre und dem Einsatz von zig Milliarden Steuergeldern über Generationen hinweg aufgebaut wurde. Das unterscheidet die Bahn dann doch von einem privaten PKW, in dem man natürlich auch denselben Problemen ausgesetzt sein kann, wie zuletzt in den ICE-Zügen mit defekter Klimaanlage.

    Um die Klimaanlagen geht es dabei auch nicht speziell, sondern einfach um die Tatsache, wie hier mit öffentlichem Eigentum umgegangen wird. An zahlreichen Beispielen wird der Verfall sichtbar. Die Klimaanlagen fallen auch nicht erst dieses Jahr aus, sondern regelmäßig in den Sommermonaten. Die Züge sind zudem überfüllt, was sie nicht sein müssten, wenn die Bahn ihren Auftrag der Personenbeförderung ernst nehmen würde. Stichwort: Abschaffung der Inter Regios.

    Wenn die öffentliche Kampagne mehr auf die Schieflage durch den Privatisierungsprozess abzielen würde und eine Chronologie des Verfalls dazu gerade benutzen würde, um für eine Bahn in öffentlicher Hand einzutreten, wäre deutlich mehr gewonnen.

    So aber geilt man sich nur an kollabierenden Menschen auf und lenkt die Diskussion somit auf eine Therapie an den Symptomen. Die Bild-Zeitung brachte das heute auf den idiotischen Satz:

    Da hilft jetzt nur die Flucht nach vorne:

    Fehler zugeben! Aufklären! Besser machen!

    http://www.bild.de/BILD/news/standards/kommentar/2010/07/13/kommentar-von-stefan-ernst.html

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  5. Die Bahn und die Klimaanlagen… Naja,
    @ adstar: Wenn die Regios abgeschafft werden, dann können auf den regionalen Strecken die Regio Express Züge auch nicht schneller fahren da Kurvenradien, Überhöhungen und Steigungen gar nicht für diese Bahnen ausgelegt sind, geht also nicht…
    Schlimmer finde ich wenn in Grossküchen die Lüftung ausfällt. Auch in gewisser Weise öffentlich. Da kann ich aus dem Bekanntenkreis berichten. Da sind aber auch alle Klimaanlagen, also egal ob Carrier, Yazaki, Stulz oder Fan Coils betroffen. Und wenn die Lüftungsdecken ausfallen (z.B. Halton) und der Smog in den Gästebereich zieht ist das auch aslles andere als schön. Also ich will damit sagen, dass das Problem eher bei den Klimaanlagen selber liegt…

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