Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (34): Demokratieverständnisse

Es ist schön festzustellen, dass das Demonstrationsrecht nicht durch das Infektionsschutzgesetz aushebelbar ist. Es zeigt, dass das Grundrechtsverständnis der Demokratie immer noch lebt.

Andererseits gibt es zu denken, dass wohl liebend gerne über Legislative und Exekutive regiert werden möchte und viele insgeheim dabei hoffen, dass die Judikative möge im Sinne von Gewaltenteilung, also “GewaltEnteilung” statt “Gewalten-Teilung” agieren (die richtige Betonung machte schon immer einen Unterschied). Wenn das Bundesverfassungsgericht den Law-und Order-Mentalisten aufzeigt, dass sie Grundrechte einfach ignorieren, ist das gut, zeigt zudem, dass das Grundrechtverständnis kein Allgemeingut der Ausführenden ist. Es gab bereits Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die zuvor verhängte Ausgangsbeschränkung vom 21-März und die danach erfolgte Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 27-März (u.a.a. in der verschärften Version in Bayern) unter anderem auch beispielsweise gegen die vom Grundgesetz geschützte Versammlungsfreiheit verstoßen, sollte sie bei Demonstrationsanmeldungen zur Ablehnung des Demonstrationsrechts führen.

Jetzt muss man wissen, dass das das Infektionsschutzgesetz explizit das Grundrecht eines jeden einzelnen einschränkt und sich dem Grundgesetz direkt diametral gegenüber aufstellt. Interessant dabei ist, dass das Infektionsschutzgesetz per Verordnung (und ohne demokratisch erforderliche Anhörung des Bundesrates) eingesetzt wurde, dem Gesundheitsminister bundesweite Verordnungshoheit gibt und die Einschränkung der Grundrechte dafür öffentlich kaum erklärt wurde.

Jetzt spricht also das Bundesverfassungsgericht bei der willkürlichen Einschränkung der vom Grundgesetz geschützten Versammlungsfreiheit ein Machtwort. Das Anmelden von Demonstrationen sollte somit kein Problem mehr sein, wenn die Anmeldenden entsprechend sich Vorgaben (z.B. Abstandsgebot) machen. Das Problem bleibt dann eher bei der Exekutiven bestehen.

Am 7-April wurde die angemeldete Demonstration der Organisation “Seebrücke” zu dem Thema “#LeaveNoOneBehind” der Flüchtlinge auf Lesbos / Griechenland gewaltsam von der Polizei mit Hinweis auf die erlassene Ausgangsbeschränkung aufgelöst. Obwohl die Teilnehmer definierten 2 Meter Sicherheitsabstand zueinander hielten, sah die Polizei trotzdem in der Demo an sich einen Verstoß zum Infektionsschutzgesetz und auf das Recht der Allgemeinheit auf körperliche Unversehrtheit und einer potentiellen Bedrohung deswegen.

Vor drei Tagen räumte die Polizei eine Kunstinstallation in Dresden ab, welche zwei Menschen mit Pappaufstellern erstellt hatten. Sie stellten mit Pappaufstellern eine Demo nach, wobei darauf geachtet wurde, normale Passanten nicht zu behindern.. Bei der Kunstinstallation ging es um das Thema “Flüchtlinge” und deren Lage auf Lesbos. Die Polizei sah eine Gefährdung nach dem Infektionsschutzgesetz und beendete die Pappaufsteller-Demo und zeigte die beiden Organisatoren entsprechend an. Andere gab es nicht, die angezeigt werden konnten. Es waren nur jene zwei, welche diese Aktion durchgeführt hatten.

Zwei Tage später (also gestern) gab es die nächste Demo in Dresden: der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (DEHOGA) stellte mehrere hundert Stühle auf den Dresdener Neumarkt auf. Auf Twitter finden sich problemlos Videos (#DD1704, #allgemeinverfügung, #Dresden, #Coronakrise) und Fotos (s.a. hier), bei denen man feststellen kann, dass die Polizei keine Probleme mit Verstößen nach dem Infektionsschutzgesetz hatte. Lag es eventuell am Thema der Demonstration? Oder hat es bei der Exekutiven eine Lernkurve gegeben?

Nun gut. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen politischer Kunstinstallation und einer Deutsche Hotel- und Gaststättenverband-Demonstration. Das ist mir irgendwie klar. Allerdings lässt sich schon nachvollziehen, ab wann Polizei bereits bei geplanten Demonstrationen im Vorfeld mit dem Instrument des “Infektionsschutzgesetzes” eingegriffen hat und wie sie das Instrument währenddessen angewendet hat. Bei der DEHOGA-Demo jedenfalls nicht, bei “Seebrücke”-Aktionen jedenfalls immer. Und wenn es sein muss, Zentimetermessstab finden in jeder Einsatzplanungsjacke Platz …

Na ja, was bleibt mir noch übrig zu sagen? Lebbe geht weider. Auch in Corona-Zeiten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (32): Locker vom Hocker

Hier die neuen Regelungen zur Lockerung der momentanen Situation. Außer der Disco-Samba im 2/4 Takt ist jetzt auch der leichte Foxtrott erlaubt. Wer Tango tanzen will, sollte sich dran gewöhnen, dass der im Bußgeldkatalog als nicht-triftiges Betreuungsangebot für Nicht-Tänzer verzeichnet ist und mit 500 Euro gebüßt wird. Darüber hinaus ist es jetzt auch inzwischen erlaubt, nach dem Ende des Tanzes einen Kuss auf die Hand der Tanzpartnerin anzudeuten. Auch hier der Hinweis: Vollzug ist auch im Bußgeldkatalog geregelt.

Eine weitere Lockerung ist die Erlaubnis, dass zu den triftigen Gründen jetzt auch tiffige Beurteilungen seitens der Vollstreckungsbeamten erlaubt sind. Was triftig ist oder nicht, das wird der Vollstreckungsbeamte jedem argumentativ nicht zu widerlegen genau erklären. Die Erklärungsgebühr beträgt allerdings noch immer 150 Euro. Darin sind enthalten die Rechtsberatung seitens der Vollstreckungsbeamten, Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer und Wegekosten (An- und Abfahrt für den handwerkelnden Beamten). Der Rest sind reine Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die Beamten und Provisionsanteilabgaben an die organisierenden Abteilungen.

Als Sahnehäubchen der weiteren Lockerung wird es demnächst ermöglicht, die Politiker und Verfasser des bayrischen Bußgeldkatalogs „Corona-Pandemie“ in einer Autogrammstunde in der Münchner Allianz Arena auf elf Meter fünfzig nahe zu kommen. Die teilnehmenden Zuschauer werden aus dem Münchner Telefonbuch gewählt, abzüglich den bereits gemäß des Bußgeldkatalogs straftätig gewordenen Unverantwortlichen. Die Zuschauer erhalten zuvor ein kostenloses einstündiges Training im Synchron-Klatschen und bayrisches Fähnchen-Schwenken. Übertragen wird dieses Live-Event übrigens vom deutschen Bezahlfernsehen. Tagestickets für das Live-Streaming wird es ab 15 Euro (ab reiner SD-Übertragung ohne Audio) geben. Der Erlös aus dem Live-Streaming abzüglich Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer, Wegekosten, Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die vor Ort tätigen Sicherheitsbeamten und Provisionsanteilabgaben der jeweiligen Abteilungen geht an ein Danke-Schön-Event für die Krankenpflegenden und exponierten Polizeibeamten. Nebenbei: Das Streaming des Danke-Schön-Events in einer hohlen Gasse vor einem Söder-Hut kann nach der Autogrammstunde bereits für 35 Euro in allen Internet-Vorverkaufsstellen gebucht werden. Gaststars werden sein: Helene und Gottfried Fischer, Mutter Beimer, Florian Silbereisen, Heintje und Heino, Winnetou und Old Shatterhand, Söder und Stoiber. Der aus jenem Event zu erwartende Reinerlös geht an den Staat Bayern zur Finanzierung weiterer Lockerungsmaßnahmen.

Ich hoffe, Sie alle werden die anstehenden Lockerungen von den Bestimmungen der jetzigen Situation mit der zu erwartenden lockeren Dankbarkeit honorieren.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (27): Grabesruhe

Heute ist Karsamstag. Grabesruhe. Ruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Zwei Dinge sind heuer nicht erlaubt und das WARUM? dafür recht schwierig der Bevölkerung zu vermitteln: Fußball und Abseits.

Fangen wir mit dem einfachen an, der Abseitsregel.

Abseits ist dann, wenn jemand in der Nähe eines Zieles steht, wo er eigentlich ja auch hingehört, aber nicht sein darf, wenn ihm das Spielgerät zugespielt wird.

Verstanden? Nein? Dann nochmal.

Steht jemand extrem peripher kurz hinter dem letzten Vertreter der anderen Mannschaft und in diesem genauen Moment (und ganz genau dann und nicht später) wird das Spielgerät von jemanden abgegeben, der den Überblick auf dem Spielfeld komplett verloren hat und nur zu wissen meint, wo der “jemand” sich befände, und eben jener “jemand”, der gerade extrem peripher kurz hinter dem letzten Spieler und Vertreter der anderen stand, erhält eben jenes Spielgerät, dann darf jener “jemand” dieses im weiteren Verlauf nicht mehr verwenden. Dann wird abgepfiffen. Notfalls wird alles per Videoentscheidung mittels kalibrierten Linien in 8K-Auflösung aus 360 verschiedenen Blickwinkeln und mit Extrem-Super-Duper-SloMo überprüft. Dann ist das Spiel unterbrochen, der Schiedsrichter joggt zu seinem Online-Streaming-Monitor, schaut ne Runde Regelerklärung zum Abseits im Handbuch für Schiedsrichter nach, und wenn er dann im Abspann sieht “alles Nähere regelt ein Bundesgesetz” zuckt er die Schultern und überlegt sich ne Entscheidung. Währenddessen wirft die Mannschaft dem im Abseits Stehenden, also jenen “jemand” von oben, mangelnden Mannschaftsgeist vor, und das Publikum ärgert sich lauthals über die Deppen von Spieler und die Entscheidung von eben jenem, von dem alle wissen, wo dessen Auto steht.

Ich weiß, das war noch immer leidlich abstrakt und drum ist die Abseitsregel auch so schwer zu verstehen. Damit sich auch keiner im täglichen Leben mit solchen Regeln beschäftigen muss, wurde Fußball gleich mit verboten.

Gut, da gibt es jetzt sicher den ein oder anderen Besserwisser unter den Lesern, der sofort sagen wird: “Stimmt doch gar nicht! Ist doch alles wegen Corona, dass der Fußball nicht mehr geballert werden darf!”

Aber das ist so nicht so einfach. Ich versuche mal die Abseitsregel ein wenig praxisnäher zu beschreiben:

Man stelle sich vor, da hat es eine Mannschaft aus allen Bundesländern, also elf Spieler und fünf Auswechselspieler. Dann hat’s da noch einen Trainer und einen Physio. Und ein paar Mannschaftsassistenten. Und um die besten aller Bundesländer für die Mannschaft aufzustellen, nehmen wir … nein! nicht den FC Bayern München mit Flick, Mayer-Wohlfahrt und Konsortium! Wir nehmen die 16 Landespräsidenten, fünf davon dürfen ohne jeglichen Libero-len auf der Auswechselbank Platz nehmen, dann noch die Bundeskanzlerin, den Gesundheitsminister und alles, was sonst noch um Trainerin und Physio so rumjoggt.

Jetzt ist es so, dass für die Mannschaft momentan die Aufstellungsformation 1:9:1 gilt. Also, der Laschet als Spitze, neun andere als Abwehr und Söder als Torwart. Söder orientiert nebenbei seine Rolle als Torwart an der Torwart-Interpretation eines Manuel Neuers. Denn Von Bayern München lernen, heißt siegen lernen, so ist Söders Motto. Und daher kann es auch schon mal sein, dass übers Spielfeld eine 0,5:1:9:0,5-Formation rennt. Somit hat es den berühmt berüchtigten Bayern-Block, welcher dann alles zwischen sich nimmt und auf südliche Strategien einnordet. Also, gewissermaßen ein Ein-Mann-Block, ein Bayern-Tor-Block-Wart, der aufpasst, dass so viel gemeinsam wie möglich geschieht.

Doch zurück zum Abseits. Der Physio kontrolliert derweil per Ministerverfügung während des Spiels die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitspieler und erhält dazu Daten aus seinem dienstbaren Umfeld, also all denen, was sonst noch so um Trainerin und Physio rumjoggt. Jetzt dauert ein Spiel bekanntlich ja zwei Hälften lang und da keiner ein Zeiteisen mit sich führt, reagieren die Leute am Spielfeldrand erst einmal nur zeitlos auf Sichtweite. Das heißt, sie schauen sich den momentanen Zustand an, wie die Spieler so rumrennen. Der Sturmspitze, dem Laschet, war das aber nun mal nicht ganz so recht. Also rannte der in einer Atempause kurz ans Spielfeldrand, bestellte einfach mal mehr Analyse-Infos, ob bald denn bald die Halbzeit in Sicht sei, und schlurfte zurück auf seine Position.

Inzwischen hatte aber Söder bereits aus der zwischenzeitlichen 0:9:1-Formation eine 0,5:9:0,5-Formation umgemodelt und das Spiel neu geordnet. Laschet fand das bei seiner Rückkehr nicht wirklich toll. Aber auf mahnenden Zuruf der Trainerin Merkel, ordnete er sich dem Mannschaftsgeist unter, und die Mannschaft akzeptierte die neue 0,5:1:9:0,5-Formation.

Knappe fünf Minuten später regte sich etwas am Spielfeldrand. Ein Helfershelfer aus der medizinischen Sektion hatte in der Kürze die geforderten Informationen hastig zu einer Würze zusammen geschustert und von außen geschickt in die Mannschaft einwerfen lassen. Diese Info wurde dann wie eine heiße Kartoffel auf Laschet weitergeflankt. Eigentlich war jedem klar, dass eine Fünf-Minuten-Kartoffel wie ein Ein-Minuten-Ei wäre: noch nicht wirklich gar. Aber der Laschet erklärte die dampfende Kartoffel betrachtend, die Pause sei nahe, also auf alle Fälle nach Ostern.

Tja, und in genau diesem Moment hatte der Schiri abgepfiffen, auf mögliches Abseits entschieden und ging zu seinem Streaming-Monitor, um sich die Situation dort bei einer Folge “Traumschiff” in Ruhe anzuschauen.

Inzwischen erklärten alle anderen Spieler einmütig, der Laschet sei zu weit vorgeprescht und der Video-Entscheid sei okay, denn um Entscheidungssicherheit zu erhalten und der Bevölkerung Sicherheit zu geben, dafür wäre eine Videoentscheidung okay. Der Schutz der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Derweil desinfizierten sich alle erst einmal die Hände mit Unschuld, wechselten ihren Mundschutz und Laschet erklärte, dass er betone, er habe gesagt “nach Ostern”, aber nie welches Jahr er meinte. Es sei wie mit den Terrormaßnahmen nach dem Attentat “09/11”. Der Terror sei auch nach 19 Jahren noch nicht besiegt und CoVid-19 würde ebenfalls einschränkende Maßnahmen weit bis ins nächste Jahrhundert erfordern.

Ein Mitspieler nickte beipflichtend in die Kameras der Reporter und erklärte: “Erst wenn sich die Situation auf dem Spielfeld deutlich und nachhaltig verbessert, werden wir die Schublade mit den sukzessiven Ausstiegsplänen weg von der 1:9:1-Formation ziehen. Sicher ist: Wir werden nicht von null auf hundert schalten.“ Und im Hintergrund hörte man es deutlich södern: “Es sollte so viel gemeinsam geschehen wie möglich. Leider scheren jetzt schon einzelne Mitspieler aus. Wir sollten aber die bewährte 0,5:1:9:0,5-Linie einhalten. Insofern muss auch das gemeinsame Konzept in der Mannschaft den unterschiedlichen Situationen gerecht werden.

Und was sagte die Trainerin dazu? “Ich habe gehört, ich habe 74 Beliebtheitspunkte, der Jens 59 und der Söder nur 72. Damit steht es also 133 zu 72, also fast doppelt so viel beim Söder. Wir müssen ganz, ganz vorsichtig vorgehen. Diese Verantwortung kann mir keiner abnehmen, aber in dieser Verantwortung muss ich agieren. Deshalb wird es wohl nie eine 100-Prozent-Lösung geben, sondern immer eine schrittweise Öffnung. Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein – wir müssen konzentriert bleiben – die Lage ist fragil.

Ihr habt jetzt die Abseitsregel verstanden?

Nein?

Dann dürfte es auch klar sein, warum Fußball momentan nicht erlaubt ist. Da säßen dann zu viele Unsachverständige im Rund, welche die ganze Situation eher verkomplizieren als vereinfachen würden. Wenn denn schon Sachverständige deren Forschungsergebnisse von einem Heinsberg nahe bei Laschetshausen nicht klar präsentieren können, was soll man dann schon von uns Unsachverständigen aus Deutschland erwarten?

Somit sollte endlich verständlich sein, was unsere Trainerin in ihre “Wir”-Verantwortung vor sich her trägt. So verständlich wie das Pfeifen im Walde, wie eben jenes bereits der Spatzen von deren Dächern. Und jeder hat schon von Kindesbeinen an gelernt: Lieber eine Taube in der Hand, als solche Spatzen auf seinem Dach.

Da allergings das Publikum noch nicht bereit ist, zu gurren wie eine Taube, muss Fußball deshalb erst einmal abgesetzt werden. Über Geisterspiele, ausgestrahlt im bezahlten Fernsehen, kann man allerdings noch sprechen, nicht wahr.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Karsamstag. Ruhe. Grabesruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (24): Vermögensverwalter

Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten, die mit ihren Vermietern zwecks Mietstundung in Kontakt getreten sind. Gesetzlich ist “Mietstundung” ermöglicht worden, wobei es doch eher “Mietaufschub mit prozentualen Versäumnisgebühren” heißen müsste. Es hat dann aber auch den Charakter eines Überziehungsspielraum wie beim eigenen Konto. Man zahlt dann halt die vereinbarten Überziehungszinsen. Der Vermieter wird somit zu einer Art “Bank” für den Mieter. Und wenn die “Bank” ziemlich mies drauf ist, dann lernt der Mieter den Begriff “Bad Bank” von einer ganz anderen Seite kennen und zwar in der Leidensform (als Erleidender) und nicht als passiver TV-Zuschauer einer Serie einer Streaming-Mediathek.

Jetzt ist aber nicht jeder Vermieter eine physische Person an sich. Es gibt auch andere Arten von Vermieter, also Immobilien-Gesellschaften, Wohnungskonzerne, Immobilien- und Versicherungsfonds. Gerade in den Innenstadtlagen beherrschen diese “Real Estate”-Immobilien- und Versicherungsfonds den Markt. Nachdem die Zentralbanken die Leitzinsen immer mehr Richtung 0% gesenkt hatten, flüchteten die Sparer in Fonds, welche sich aus Mietzahlungen von Mietern an eben jene Immobilienfonds ernähren. Und der Sparer will seine 7% Marge, damit er sich später einmal von einen solcher “Real Estate”-Konglomerate seine eigenen vier Wände finanzieren kann.

Wenn also Firmen, welche Geschäfts- und Verkaufsräume in bester Innenstadtlage gemietet haben, jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, dann trifft es kaum den privaten Vermieter, sondern vielmehr Immobilienfond-Konzerne. Diese wirtschaften auf Profit ausgerichtet, damit die Rendite derer beteiligten Sparer stimmt. Und der Sparer ist keiner, der auf Wertzuwachs verzichtet.

Fallen im Wohnungsbau Namen von Wohnungskonzerne wie “Vonovia”, “Deutsche Wohnen” oder “LEG”, dann hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter u.a.a. solche Aktionäre wie “BlackRock” (größter Vermögensverwalter der Welt mit über 6,5 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen), “Norges Bank” (Norwegens Staatlicher Pensionsfonds, der  größte Staatsfond der Welt) oder “MfS” (Massachusetts Financial Services als eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt) stehen. Und diese haben das Ziel eines jeden Unternehmens: profitabel zu wirtschaften, um den Shareholder-Value zu steigern und den Shareholdern Dividende zu geben. Es geht nicht um die Allgemeinheit, es geht um den Kreis derer, die mit ihren Einlagen diese Firmen stützen.

Natürlich gibt es in München auch viele “Privat”-Vermieter und einige davon sind hauptberuflich Vermieter und leben davon auch ohne Nebenjob recht komfortabel. In einer Münchner Nachtkneipe begegnete ich kurz vor der Ausgangsbeschränkung jemanden, der mir bierseelig offen gestand, dass er in der Schule schlecht war, trotzdem das Abi mit Hilfe seiner Eltern irgendwie bestand, dann im BWL-Studium nichts zustande brachte, aber eine gesichert Zukunft habe: sein Vater besitze viele vermietete Immobilien in München. Davon könne die Familie sehr gut leben und er übernehme gerade die Verwaltung dieser Immobilien. So funktioniert Wirtschaft und Geldvermehrung. Manche haben halt den Silberlöffel im verlängerten Rücken stecken. Andere müssen den monatlich putzen.

Das aktuelle Virus kann nicht nur die eigene Gesundheit ernsthaft angreifen, sondern es hat bereits ganz konkret die Wirtschaft infiziert und damit das Auskommen mit dem eigenen Einkommen der Menschen. Während nach dem physischen Gegenmittel zu dem Virus mit Hochdruck geforscht wird, bleibt das Forschen nach wirtschaftlichen Gegenmitteln auf der Strecke. Der Gedankenkorridor, der generell als zulässig erachtet wird, ermöglicht dazu nur ein Reagieren auf Sicht. Einen “Plan B” gibt es nicht, denn solch einer läge nicht im Bereich der zulässigen Ideen.

Die lange Schlange vor der Münchner Tafel von gestern erinnerten mich auch daran, dass Mieten in München alles andere als niedrig sind und der Wegfall des üblichen Einkommens die private Lage von Mietern von einen auf den anderen Tag schlagartig verändern kann. Da klingen mir die in den letzten Jahren und Monaten zuvor geäußerten Phrasen wie “wer arbeiten will, der findet auch einen Job” wie Zynismus. Natürlich fällt gerade in der jetzigen Situation gerne noch die Plattitüde “dass hier in Deutschland auf hohem Niveau gejammert wird”. Denn im Vergleich zu den Arbeitern wie jene in Neu-Delhi, die ihren Niedriglohn-Job verloren haben, jetzt auf der Straße vor den Bahnhöfen schlafen, weil sie deren Miet-Wohnungen verloren haben, und zurück zur eigenen Familie außerhalb Neu-Delhis wollen, nun aber wegen Einstellung des Bahnverkehrs das nicht können und dafür auf den Straßen von den Polizisten verprügelt werden, weil die dortige Ausgangssperre nicht beachtet wurde … das wird dann von denen geäußert, die mit der Krise noch keine Probleme haben, solange deren Aktienfonds sich weiterhin positiv entwickelt. Und sollte dann Mietzahlungen nicht kommen und der eigene Versicherungs- und Immobilienfond nicht den Gewinn produzieren, wie jener geplant wurde, dann ist deren Gezeter groß.

Jede Krise produziert Verwerfungen und macht Dinge sichtbar, welche vorher latent unter der Oberfläche gelauert haben. Bei der Finanzkrise von vor zehn Jahren platzte die Spekulationsblase der Banken, der Immobilien- und Versicherungsbranche und es wurde deutlich, wie sehr unser Leben von Hausse und Baisse der Börsen und deren Leidenschaft, auf unsere Lebensumstände zu wetten, geprägt wurde. Dass dabei Milliarden an Milliarden in systemische Banksysteme gepumpt wurden, zeigte damals bereits, dass Armut keinen systemischen Status hat, Reichtum und Besitz aber sehr wohl.

Vielleicht ist das Zynische an dem jetzigen Virus, dass es sich nicht für Vermögenswerte oder Wirtschaftssysteme interessiert (nebenbei, auch nicht für den Inhalt, den Blogautoren wie ich schreiben) lediglich rein biologisch agiert, und dass alle Menschen vor dem Virus gleich sind. Naja, zumindest was grauhaarige, ältere Männer angeht. Aber die will ja eh niemand mehr. Und da gibt es inzwischen ja genügend, die eh gerne dem “survival of the fittest” anhängen …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (23): Triftige Gründe

Mit “triftigen” Grund war ich heute in der Innenstadt. Ich wollte mir bei Banken (die im Internet als “geöffnet” markiert waren) 50-Cent-Rollen einkaufen. Damit ich die Waschmaschine und den Trockner im Keller nutzen kann. Aber ich war zu gutgläubig. Banken hatten alle zu.

Mit dem Bus fuhr ich in die Stadt. Er kam an einer sehr langen Menschenschlange (geschätzt 100 Meter) mit “Hackenporschen” (Einkaufskörbe auf Räder) vorbei. Jeder der in der Schlange stand, hielt den Eins-Fünfzig-Abstand. Und am Kopf der Schlange standen zwei Männer mit Mundschutz und Schürze, welche die Schlange am Kopf instruierten. Auf deren Schürze las ich “Münchner Tafel e.V.”. Mir wurde klar, dass dort nicht die Toilettenpapier-Suchenden sich befanden. Sondern wahrscheinlich vielmehr die, welche jetzt plötzlich noch weniger zu beißen haben. Eigentlich habe ich es doch noch ganz gut erwischt, ging mir als Gedanke durch den Kopf.

Die Fußgängerzone in der Innenstadt erinnerte mich eher an “Sonntagmorgen” als an “Dienstag Nachmittag”. Ich war dort schon mal paar mal an Sonntagmorgen, nachdem ich aus Clubs kam. Im Vergleich zu heute stand damals aber die Sonne noch immer recht tief (oder es war noch dunkel) und nüchtern war ich dabei dann auch kaum. Aber jetzt strahlte die Sonne vom blauen Nachmittagshimmel. Jeder Mensch und jedes Paar in der Fußgängerzone war auf Sicherheitsabstand. Selbst entgegenkommende Polizisten waren näher an sich dran, als manch andere Passanten. Der Stacchus, der sonst vor Personen nur so wimmelt, war spärlich bevölkert von Leuten, die einfach nur die Sonne genössen. Die Imbiss-Geschäfte hatten auf, aber Stress sieht bei dem Personal immer anders aus. Sie verkauften wohl wenig bis nichts. Es stand kein einziger Kunde wartend vor denen. Langeweile beim Verkaufspersonal. Mir fiel die Menschenschlange an der Tafel von vorher wieder ein. Ein Kontrastgedanke.

Mundschutze werden immer häufiger sichtbar. Es gibt die einfachen, die hochwertigen, die Selbstgenähten und dann die stylischen. Und immer mehr erinnern mich solche an einen Maulkorb, so wie die getragen werden. Der Mundschutz als Unterstützung zur Ruhe, der ersten Bürgerpflicht. Es lässt das Seufzen undeutlich werden. Am seltsamsten wirkten Mundschutze jedoch bei diejenigen Menschen, die den Mundschutz runter gezogen haben, um zu rauchen. In deren Sinne gefährden sich jene Raucher doppelt und dreifach: weil sie den Schutz entfernen, weil sie rauchen und weil sie somit zur Risikogruppe zählen. Nur wirklich wichtig ist das nicht. Sonst wäre Rauchen ja auch schon völlig verboten.

Ich habe das Gefühl, es fahren wieder mehr Autos. An meiner Fußgängerampel unweit meiner Wohnung hatte ich diesmal auf mein “Grün” gewartet, welches den Verkehrsfluss der Autos zum Stocken brachte. Vor einer Woche konnte ich locker über die Straße gehen, da benötigte ich die Ampel nicht. In Autos fühlen sich die Menschen wohl sicherer als an der offenen Luft.

Der Tag kam, der Tag ging. Der Blick auf Zahlen ist mittlerweile Routine. Ebenso ihre weitere Entwicklung nach oben. Ansonsten?

Im Südosten nichts Neues.

Bösartige Umfrage

Eine kleine Forschungsgruppe der Elite-Universitäts LMTU München ging Ende Februar 2020 in die Innenstadt von München und konfrontierte Passanten, die eine Atemmaske trugen, mit der folgender Situation:

“Angenommen Sie müssten zwischen der Aufnahme eines Flüchtlings aus Syrien und der Corona-Virus-Erkrankung wählen, was wäre dann Ihre Wahl? a) vierzehn Tage Quarantäne und dann mit akuter Erkrankung knapp dem Tod entgehen? b) zusätzlich zu den Masernparties für die eigenen Kinder in den Kitas eine Immunisierungsparty mit CoVid-19-Erkrankten zur Eigen-Immunisierung durchführen? c) Flüchtling sofort zu Hause aufnehmen d) Flüchtlinge in CoVid-19-sichere Drittstaaten ausweisen e) eine CoVid-19-genehme Alternative für Deutschland wählen?”

Folgendes war der völlig überraschende Ausgang der Umfrage:

Tja, leider reichte das Budget der kleinen Forschergruppe nicht aus, die Zusammenfassung zu veröffentlichen …

Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’

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“Warum heulst du?”

“Ich?”

“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”

“Ach?”

“Ja.”

Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.

“Und?”

“Und was?”

“Warum heulst du?”

“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”

“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”

“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”

“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”

“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”

“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”

“Was?”

“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”

“Wie?”

“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”

“Scheiß-Situation?”

“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”

“Was?!?“

“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”

“Was willst du mir erzählen?”

“Willst du noch ein Kölsch?”

“Was meintest du?”

“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”

“Ja und?”

“Dann hast du auch keine Oma, oder?”

“Und deswegen bin ich schwul?”

“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”

“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”

“Du hast doch Twitter, oder?”

“Ja.”

“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”

“Hab ich.”

“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”

“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”

“Ach.”

“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”

“Omma mit Doppel-M?”

“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”

“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”

“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”

Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:

“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”

Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:

“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:

“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”

Ich legte den Zehner auf den Tresen.

“Wohin?”

“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”

“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”

“Du mich auch. Leck mich.”

Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.

 

Adventsgedanken für Arme

Drei Mädels stehen zusammen und schreien in ihr Mikrofon “Warum”. Warum? Ich gehe durch die dunklen Straßen Münchens. Weihnachtslichter der Wohnungen erhellen die Zwischenräume der Straßenlaternen, warm eingehüllt in meiner isolierenden Jacke schreite ich Richtung Zuhause. Warum?

Warum? Warum ist die Banane krumm? Warum macht wen die Banane krumm? Warum ist krumm dumm?

Weihnachtsfeiern machen lustig. Weihnachtsfeiern machen seltsam duhn im Kopf. Ich sitze in gemeinsamer Runde und jeder analysiert das gleiche Thema aus seiner Sichtweise. Mein Steinkrug verdunstet das Kellerbier, wie meine Pflanzen zu Hause das Wasser verschlingen. Aber duhn ist nun mal eine menschliche Eigenschaft und keine pflanzliche. Da muss ich alleine durch.

Pflanzen zu Hause? Geht gar nicht! Geht überhaupt gar nicht, eben diese Phrase “geht gar nicht”. Packt mein Kind sechsmal unbedarft mit seiner Hand auf eine Herdplatte und ich warne jedes Mal: “Vorsicht, die Herdplatte könnte heiß sein!”, dann ist es schon in etwa verständlich, dass ich beim siebten Mal einfach nur noch schnauze “Das geht gar nicht!”“ und dessen Hand gewaltsam roh wegreiße.

Nur unter Erwachsenen gleich beim ersten Mal mittels einer Email mit großem Verteiler ein solcher Satzanfang, das ist Kindergarten pur. Oder eher Kita. Denn die werden staatlich bezahlt und da darf sich jeder rein rechtlich straffrei austoben und selbst verwirklichen. Insbesondere dann, wenn später jährlich über mangelnde Kommunikation innerhalb den Strukturen geklagt wird. Von eben gleichen Personen. Mit dem Angeschriebenen gleich zu reden, statt einer Email mit großem Verteiler in cc: zu verschicken … nun Firmenkultur kann auch umfassen, dass man sich darüber beklagt, das andere die gleiche Verhaltensweise wie man selber an den Tag legt. So wird das Klagen, Seufzen und so zum täglichen Qualifikationsnachweis.

Und warum sollte es auf einer Weihnachtsfeier denn somit anders sein?

“Basse ma’ uff. Wenn der eine klagt, dass hinter seinem Rücken gelabert wird und dieses auch hinter dem Rücken der anderen macht, warum soll er sich dann beklagen?”

“Verstanden. Nur wenn er sich als einziger nicht darüber beklagen darf, dann ist etwas oberfaul bei der offenen Kommunikation, nicht wahr.”

“Freilich. Wenn das Getuschele und Getratsche als Kultur anerkannt ist, aber das Ausgeschlossen-Sein vom Getuschele als Manko angeklagt wird, klagt derjenige sich dann nicht selber an?”

“Tratscherei umgibt sich nun mal nicht mit Plüsch und Samt. Getuschele ist und bleibt nun mal ein Gefühl.”

“Gefühle kistenweise. Und es sieht blendend aus. Nur, das Gefühl steht niemanden.”

“Eben. Das nennt sich Lebensqualität. Dinge sich anzueignen, welche man nicht braucht, mit Mitteln, die man nicht hat, um Leuten zu imponieren, die man erst recht nicht leiden kann.”

“Ja, der letzte Schrei als einzige Konstante im Wandel. Schreie verschwinden und gehen vorbei. Ewigkeiten kommen und gehen. So wie Sonderangebote bei Amazon. Immer auf den letzten Drücker, zum Sonderpreis als Ramschware. Rudis Resterampe als Lebensmotto der eigenen Kommunikationfähigkeit. Schreien ist laut. Flüstern leise. Wer flüstert, der lügt. Wer stille Post betreibt, betrett seit Jahrhunderten Niemandsland.”

Mein Blick wandert vom einen zum anderen, dann vom anderen zum einen, und dann wieder vom einem zum nächsten. Mir schwant, ich bin nicht mehr in meiner Firma, sondern auf einem Kongress der Kommunikationswissenschaftler. Und Kommunikationswissenschaftler sind dieZukunft der medialen Welt. Ohne Kommunikationswissenschaftlergerät man von einem Shitstorm-Regen in eine Shitstom-Traufe. Und wer Kommunikationswissenschaftler ist, der sagt dir auch, wie man seine eigene Marke am besten und schnellsten versenkt. Und dabei noch ordentlich klasse Kasse macht.

“Ich würde das Unausgesprochene nicht unausgesprochen lassen.”

“Wie belieben?”

“Was du nicht weißt, was ich dir sagen will, kann du nachher nicht mehr als Unwissenheit erklären.”

“Nur wenn alles Unaussprechliche ausgesprochen wird, wo bleibt dann noch der Schutz der Privatsphäre. Manches muss unausgesprochen bleiben.”

“Voldemort.”

“Oder 42. Der Sinn des Lebens.”

“Oder das unser Vorgesetzte weder das eine, noch das andere verkörpert.”

“Du solltest deine Gedanken zügeln. Das darfst du so nicht sagen.”

“Nicht? Okay, aber dann doch vielleicht noch ein Pfefferminzplättchen?”

“Dann lieber doch zur Kreuzigung. Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz.”

“Oh ja. Wenn es die Kreuzigung nicht gäbe, wäre dieses Land in einem solchen Zustand … .”

“Pöser Purche!”

Der Tisch wälzte sich vor Lachen in Erinnerungen.

Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins. Handke. Literaturnobelpreisträger. Zitiert aus dem Film “Der Himmel über Berlin”. Darf man das noch zitieren? Darf man Handke noch zitieren?

“Ich sag es mal so, über uns herrscht eine Phalanx aus Vorgesetzten. Die investieren 75% ihrer Arbeitszeit in Status-Quo-Erhaltung und den Rest in Arbeitsinhalte.”

“Na, jetzt redest du aber wie ein Kommi. Den Kommunismus in seinem Lauf halten immer nur Kommunisten auf. Ergo, manisch ineffektiv. Bewiesen im letzten Jahrhundert. Mehrfach.”

“Geht nicht. Kommi-Klassifikation ist total vorbei. Denn dann hätte unsere Phalanx zumindest einen 5-Jahres-Plan. Aber die haben nur ihre Daseins-Berechtigung, wenn sie als Krisenmanager reüssierten.”

“Re-Ü-was?”

“Erfolg! Erfolg als Konsequenz von Leistung. Und Leistung in einer Leistungsgesellschaft muss sich bei uns lohnen. Das heißt, wer sich was leistet, wird belohnt. Flughäfen im Planungs-Soll zu eröffnen oder Versprechen zu realisieren, das kann jede Sau. Aber man muss das Undenkbare denken. Und nicht lang lachen. Einfach machen. So etwas nicht zu schaffen oder nicht zu erfüllen, dass musst du dir erstmal leisten können.”

“Das kann ich auch. Locker vom Hocker.”

“Nur gehörst du nicht zur Phalanx.”

“Nein, aber zur römischen Schildkrötenformation oder zu den im Hinterland rekrutierten Männern für das Kanonenfutter von Verdun.”

“Ich sag ja, du bist ein elender Kommi.”

“Steht etwa auf meiner Stirn ‘Mir doch egal’ ?”

“Keine Ahnung, aber auf der Weihnachtsfeier so gegen die eigene Firmenpolitik zu lästern, dann biste hier falsch.”

“Lästere ich nur, weil wegen paar Dutzend Hundert Betrügern in der Dieselindustrie eine positive Motorenentwicklung und deren Industrie momentan den Bach runter geht und Arbeitslose erzeugt?”

“Was willst du? Hat man in der Bankenkrise vor zehn Jahren die Betrüger tausendfach eingebuchtet? Hat man die Pleite von Thomas Cook jemals auf das spielsüchtige Pokern der Hedge-Fonts zurück geführt? Nur Uli Hoeness wurde Opfer seiner Spiel- und Wettsucht. Aber auch nur, weil jener den Staat mit seinen verbrieften Steuernabgaben außen vor ließ und ignorierte. Er ging nicht in die Landsberger Festung, weil er spielsüchtig war.”

“Stimmt. Die anderen Loser gingen leer aus. Die kriegten noch nicht mal Wasser, Brot und Weißbier in einer Notunterkunft, weil wir sparen müssen. Ist Spielsucht eigentlich eine anerkannte Krankheit? Ich meine, von jedem HIV-Erkrankten mit Sex-Libido verlangt man doch lebenslange Einzelhaft. Aber Alkohol und Zocken werden nie wirklich aktiv bekämpft. Aber Hauptsache, der Ehepartner oder Lebensabschnittspartner vögelt nicht fremd und wird nicht außerhalb der Familie der Pädophilie überführt.”

“Du wirst unsäglich unsachlich. Ekelig! Wundere dich nicht, dass bei so einer Einstellung niemand mit dir reden will. Fremdgehen und ein wenig Zocken sind zwei verschieden Sachen. Und HIV, Clamidien und Ebola sind bedrohlicher als diffuse Gestalten mit halbgefülltem Pils-Glas am Spielgeldautomaten. Und von der Börse profitieren wir letztendlich alle.”

“Und? Lebst du auch fair? Ich meine so in Richtung Fairtrade?”

“Ich versuche es. Ich finde es unerträglich, wenn in Pakistan Kinder Nike-Socken oder KIKA-Kleidung für eine Handvoll Cents stricken müssten.”

“Schaffst du es, 1% von deinem Leben in Fair-Trade-Produkte zu investieren? Ich nicht. Aber ich finde es okay, wenn ein Kind ein paar Cent verdient, statt in einer naßkalten, dunklen Behausung hungernd mit ein paar Steinbrocken die WM 2018 in der Ersten Welt vom Hören-Sagen hustend und hungernd nachspielen zu müssen. Das ist doch grausam. Da hat das Kind dann doch eine sinnvollere Beschäftigung, wenn es Kleider schneidert, nicht wahr. Besser als überhaupt keine Tätigkeit und tätigkeitslos dahin vegetieren. Das will selbst hier in unseren Breitengraden niemand.”

“Du bist ein elender, verkappter Kommi! Träumer! Gutmensch!”

“Naja, dann bin ich Kommi. Aber du als Kapitalist, oder besser Neoliberaler-Kapitalist mit Deregulierungsphilie, findest es besser, dass in Billiglohnländern die Komponenten deines PKWs erzeugt werden, damit du ihn dir leisten kannst. Oder deine Sneakers, Jeans, Jacken oder so. Weil hier beklagst du dich über zu hohe Lohnkosten, die dir die Produkte unerschwinglich machen würden.”

“Das ist hier eine Weihnachtsfeier! Du schaffst nur Unruhe und Unfrieden durch deinen Mist!”

“Und ehrlich, erst jetzt verstehe ich Dieter Nuhr, wenn dieser Karl Dall für Arme meint, dass ein Kampf gegen den Klimawandel schwerwiegende Krisen und Weltkriege hervorrufen könnte. Da hat er wohl Recht. Wer will schon für normale 08/15-Schuhe statt 50 Euro das Doppelte zahlen, wenn dann der eigene Lohn sinkt. Was nützt einem der Porsche Cayenne für 7.500 Euro, wenn durch konsequente Lohnsenkung der Monatslohn nur noch 500 Euro beträgt, wovon man 75% an Lebenshaltungskosten abziehen muss. Da werden Leute rebellisch, dass heißt Revolution. Wobei: Revolution heißt, Aufbegehren der Unteren gegen die Oberen. Oder wie es für Leute von hier und heute heißt: Terrorist.”

“Dein ‘Karl Dall für Arme’ hatte einmal ganz treffend zu Leuten wie dir gesagt: ‘Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.’ Der Satz war bis vor paar Jahren noch bei dessen heutigen Kritikern ein bibelgleiches Gebot. Die größten Kritiker der Elche sind heute selber welche!”

“Stimmt. Nicht jeder schafft das erste Staatsexamen, um Lehrer werden zu dürfen. Das hat der Nuhr sich geleistet und jetzt hat er die offizielle Lehramtsstelle für alle ohne Schulabschluss in der Öffentlichkeit erobert. Quasi von unten übers Gymnasium und Uni auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und eben letztere hat er sich auf die Stirn genagelt, um Deutschland zu beglücken.”

“Was hat er sich genagelt? Die Welt?”

“Nein, eher das andere.”

Ich zutzle an meinem Weißbier und schlürfe meine Weißwurst vor mir in seinem Weißwurstsenf. Wie gerne wünschte ich mir beim Zuhören das Weiße weg. Es bliebe übrig: Bier, Wurst und Senf. Und von der bayrischen Flagge nur das Blaue vom Himmel.

Versprochen. Kein Weißes im Auge würde mehr stören. Und aus den grauhaarigen, weißen Männern würden nur grauhaarige Männer übrig bleiben, welche aussähen wie Morgan Freeman oder Samuel L. Jackson heute. Oder Schäuble, Seebacher-Brandt oder Seehofer. Oder so. Und nicht wie Scheuer, Söder oder Schröder, künstlich auf ungrau für-immer-jung gefärbt.

Ich erhebe mich und wünsche allen einen schönen Restabend. Bier, Wurst und Senf sind mir Wurscht.

Weiß eigentlich die Welt, dass Wiener aus den Resten von bayrischen Leberkäs zusammengesetzt werden? Und was von den Resten der Wiener Deutschlandweit übrig bleibt, kommt dann in den bayrischen Leberkäs. Ja, so ist der nachhaltige Kreislauf. Und seit dem Döner-Skandal, ist ja inzwischen bekannt, dass eine der Döner-Erzeugungszentren für Berlin in Bayern liegt. Die nehmen dann die Reste der gut gewürzten Dönerspiesse und füttern die wiederum in den Leberkäs. Eine unerschöpfliche Quelle des Wiener- und Leberkäsfrohsinns.

So ist das auch mit den bayrischen Noagerl des Oktoberfestes. Bekanntlich werden diese jeden Abend kurz vor Mitternacht  in Fässern zusammengeschüttet, von einem Vergeistigten gesegnet und nach Köln als Kölsch verschickt. Die Kölner verwerten dies dann im Karneval und der Rest davon kommt zurück nach München und wird später auf dem Oktoberfest wieder in Maßen ausgeschenkt, wo dann die Noagerl …

Ein ewiger nachhaltiger Kreislauf. Nur hin und wieder müssen dann deutsche Landwirte ihre Ernte diesen beiden Städten zur Verfügung stellen, damit er Verlust mit Frisch-Gebrauten ersetzt wird. Oder es wird ne Sau geschlachtet, die zuvor durch irgendein Dorf getrieben wird, damit die vegetarischen Döner-Spieße nicht so fleischlos daher kommen und die Wiener-Leberkäs-Connection nicht trocken wird.

Hauptsache, der Verbrauchende hat beim Essen und Trinken seinen alloholinduzierten, sättigenden Spass, woll. So wie in Mittelwest-Deutschland wie in Südost-Deutschland. Ganz ohne Brot und Spiele.

Hauptsache es ist ess- oder trinkbar und lässt sich in Senf versenken. Gott, wir sind dir dankbar für diesen unerschöpflichen Rohstoffkreislauf, der uns mit Stoff bei Weihnachtsfeiern versorgt. Und dank an unseren legalen Dealern, dass die unser Essen und Trinken immer wieder aufpimpen …

Warum klappt das nur nicht bei der Energieversorgung? Herrschafftszeiten, lasst Phantasie für Arme regnen!

In den Ohren isoliert mich das orchestrales Arrangement eines Liedes von einer der zusammen gecasteten, erfolgreichen Girl-Bands der End-90er von der Außenwelt. Neun Quadrate, zwei Gegenspieler, einer setzt die Kreuze, der andere die Kreise. Ein Spiel, was keiner verlieren kann, wenn man weiß, wie es geht. Tic Tac Toe. Warum? Es ist das Lied der Verzweiflung einer ehemaligen Girl-Band über eine verlorene Freundschaft, welche von Außen zerstört wurde, weil einer der beiden Freunde sich dabei verlor. Warum? “Warum Score 1” ist die orchestrale Version ohne viel Worte (hier oder hier oder Verlinkung auf Youtube-Video).

Die Straßen sind erleuchtet, die Gedanken irrlichtern zwischen den Lichtern der Straße in meinem Kopf. Die Stimmung ändert sich angepasst am Licht, das Lied wechselt. Über mir erstreckt sich ein silberner Mond und Silbermond feiert den Mensch und die Unterschiede und Kritiker krakeelen: Was wollen die Hippies nur?

Reichtum, der für alle reicht? Im Rhythmus des Liedes von Silbermond gibt meine Körperhülle den Resonanzkörper für mein Summen: “Alle Hände in die Luft für die Musik, für den Frieden. Mann, entspann dich, ich träum‘ ja nur …”

Weihnachtslichter und Straßenlaternen säumen meinen Weg.

Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.