Kneipengespräch: Kinderspiel

»Daten sind wichtig, Daten und Informationen sind die neue Währung. Ich kann Ihnen ein attraktives Angebot machen. Der DataFilius 2020, die Geheimwaffe, um endlich in Frieden zu leben. Sind Sie fromm?«

Er schaute von seinem Kölsch auf.

»Lammfromm.«

»Es kann der frömmste Mensch nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen …«

»Nachbarn?«

»… nicht gefällt. Genau. Und genau dort setzt unser DataFilius 2020 an. Wir wollen doch alle in Frieden leben, oder etwa nicht?«

»Aber immer. Ich jedenfalls. Auch ein Kölsch?«

»Gerne. Da sind wir doch einer Meinung. Nichts schmeckt besser, als ein Kölsch unter sympathischen Menschen in netter Runde.«

»Nicht Nachbarn?«

»Sie müssen das mal pragmatisch sehen, mein Lieber. Jesus sagte bereits, liebe deinen Nächsten. Redete er dabei über Nachbarn? Ihre Nachbarn? Wer sind ihre Nachbarn? Es sind doch auch nur Menschen. Und als solche Subjekte können die einem das Leben schon ganz schön schwierig machen, nicht wahr? Menschen können furchtbar gefährlich sein. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und somit sollten Sie sich ebenfalls vorsehen, dass Sie nicht unter Wölfe fallen. Wölfe sind nicht ihre Nächsten, das hat Jesus jedenfalls nie gesagt.«

»Der rechte Nachbar von mir, dessen Dackel hatte mir neulich vor der Garage geschissen und meine Frau wäre fast mit dem rechten Vorderrad ihres SUVs voll rein in die Kacke und die ganze Garage hätte eklig gestunken. Der Nachbar hatte uns nur den Stinkefinger gezeigt, als wir uns wegen dessen Mist-Töle beschweren wollten.«

Angewidert ob seines Erlebnisses nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch und verzog sein Gesicht.

»Sehen Sie, und genau da setzt unser DataFilius 2020 ein. Zur Befriedung Ihrer Nachbarschaft. Wir installieren Ihnen an ihren neuralgischen Positionen Ihres Hauses kleinste, höchstauflösende Minikameras, welche jede Änderung und Bewegung registrieren, mit 256-bit-Verschlüsselung an den Server in ihrem Haus senden, und wird dort mittels der von uns mitgelieferten Software diese Daten per Akustik-, Objekt- und Gesichtserkennung auswertet.«

»Echt?«

»In Echtzeit. Darüber hinaus sammelt der DataFilius 2020 alle wichtige Daten ihrer Nachbarn ein, sowohl deren Internetsurfprofile, deren Bewegungsprofile über deren Handys, wenn die sich in verschiedene Sendemasten einloggen, und mittels deren Bankkarteneinsätze. Wir haben sogar eine Softwareroutine in dem Datenpaket eingesetzt, welche es ermöglicht festzustellen, ob auf deren Handys oder Computer bereits der Staatstrojaner installiert wurde. Falls ja, lässt sich dieser Vorteil zu ihren Nutzen verwenden. Sie werden herausfinden, ob der nerdige Sohn des Nachbarn im Internet Daten von Prominenten, Politikern und Schauspielern sammelt und zwecks Aufmerksamkeitsdefizit dann zur Adventszeit veröffentlicht. Selbst die Datensammlungen von Microsoft, Google, Apple, Amazon und anderen Online-Shops werden Ihnen offen stehen. Natürlich alles strengstens vertraulich nur. Denn jeder muss die DSGVO beachten, nicht wahr, ohne Ausnahme. Und wir auch. Wir sehen es als unsere höchste Aufgabe an, sicher zu stellen, dass Ihnen kein Unrecht widerfährt.«

»Ich will kein Ärger.«

»Werden Sie nicht haben. Ganz im Gegenteil. Sie werden erfahren, mit wem die Nachbarsfrau verkehrt, wenn der Mann arbeitet ist. Und ob der Mann auch ihrer Nachbarsfrau auch wirklich arbeite oder mit einer Mitarbeiterin in einem Münchner Motel Überstunden schnackselt. Und ob deren Tochter promisk ist und deren Sohn außer Computerhackereien noch andere Talente hat. Vielleicht spricht er gar russisch und steckt als Hacker mit Putin unter einer Decke.«

»Hacker sind alle von Russland gesteuert. Das weiß doch jedes Kind.«

»Sogar Prognosen sind mit unserem DataFilius 2020 möglich. Und das nicht nur zu Wetter, Börse und dem Ausgang von Serien wie IBES oder DSDS oder …«

»Lottozahlen?«

»Nein, Lottozahlen nicht. Lottokugeln haben kein Gedächtnis und verhalten sich daher irrational. Aber über das Verhalten von Menschen, Tiere und andere Naturgewalten. Alles lässt sich bequem auf ihr Smartphone senden, so dass Sie den Überblick über alle Informationen und Daten immer griffbereit in Ihrer Jackentasche haben. Und das alles schafft unsere hochpotente Software, welche wir auf dem ‘Raspberry Pi 3 B+’ als Server. Den können Sie sogar auf den Wohnzimmerschrank platzieren, da findet es niemals eine SEK mit Hausdurchsuchungsbeschluss.«

»Ich will aber nichts illegales.«

»Wer sagt denn, dass das illegal ist? Sie? Sie sollten sich selber nicht so wichtig nehmen, denn ansonsten kann unser DataFilius 2020 nicht für ihren Frieden in Freiheit garantieren. Denken Sie immer dran, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, …«

»… wenn der Nachbar eine vierbeinige Kotmaschine vor unserer Garage austreten lässt.«

»So isses. Sie haben es verstanden. Ihr Nachbar hat – nebenbei erwähnt – auch den DataFilius 2020 erworben, um mehr Frieden in Freiheit zu haben. Da sollten Sie nicht zurück stehen. Wäre irgendwie uncool, der einzige in der Reihenhaussiedlung zu sein, der zwar zwei SUVs hat, aber keinen DataFilius 2020.«

»Hm, ich muss doch nicht jeden Quatsch mitmachen. Allerdings will ich auch nicht mit der Nachbarschaft fremdeln, Außenseiter werden. Ich will doch nur meinen Frieden.«

»Schauen Sie mal hier auf mein Smartphone. Ich habe während unseres Gesprächs nebenbei ihre Daten an unseren ‘Raspberry Pi 3 B+’-Server bei uns im Office eingegeben. Und wissen Sie, unser Server hat sofort eine Alarmmeldung an mich geschickt, die ich Ihnen ausrichten soll.«

»Eine Alarmmeldung?«

»Höchster Dringlichkeitsstufe!«

»Und was ist die Botschaft ihres DataFilius 2020 an Sie für mich?«

»Ihr Nachbarsdackel hat wieder vor Ihrer Garage geschissen.«

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Zitat Aldous Huxley:

Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.

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Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Wer nicht hören will, muss halt mal lesen …

Ein sehr, sehr, sehr wichtiger Mensch dieser wirklich, wirklich großen Welt in dem niedlich kleinen Städtchen namens “Washington” in jenem extra grandios weiß gewittelten Häuschen twitterte heuer:

“When you see ‘anonymous source’, stop reading the story, it is fiction!” Quelle: hier

Was will jenes kleines große Menschlein damit uns Unwissenden und Unverständigen verkünden?

Google übersetzt den Satz mit:

Wenn Sie „anonyme Quelle“ sehen, hören Sie auf, die Geschichte zu lesen, es ist Fiktion!

Die Übersetzung ist selbstredend richtig. Denn die rhetorische Weise jenes selbsternannten (Washington) DC-Helden “Mann aus Stahl” (= Kal-El) würde so etwas nie sagen. Was man wissen sollte: “anonyme Quellen” (= “anonymous source” ) sind nicht näher genannte Leute, die einem etwas gesagt haben. Zu solch einem Sachverhalt passt nur eine Trumpf-Lebensregel zum Verstehen: wenn die Anzahl der Personen unwichtig sind, ist jene Anzahl einfach nur ungenau zu erhöhen („many“), womit die Aussage Gewicht erhält. Sollte die Anzahl der Personen aber wichtig sein, dann ist die Personenanzahl zu reduzieren und mittels „rich“ (reich) oder „important“ (wichtig) zu qualifizieren und die Aussage frisst sich in jedes Hirn wie Öl in Feuer. Hilfreich ist dann gar, diese zu sich selbst in wichtiger Beziehung zu setzen.

Der Begriff “anonymous source” ignoriert diese Regel und ist somit per se unglaubwürdig. Genau in der gleichen Weise, wie wenn ein Journalist in einer deutschen Zeitung die Phrasen “wie aus gut informierten Kreisen” oder “Informant, welcher namentlich nicht genannt werden will” berichtet.

Unglaubwürdig. Lügenpresse halt. Das sagen inzwischen ja auch bereits manche Linke komplett unreflektiert, die dann wie die chaotischen Rechtsradikalen und die der nicht minder aktiven AfD beklagen, dass die Journalie nicht ausreichend recherchiert und berichtet.

Würde der Journalist allerdings korrekterweise schreiben: “Meine Freundin, welche ein sehr berühmtes reiches Model für ein bekanntes, wichtiges Mode-Label ist, meint dazu, …” dann bekäme der Artikel jenes Journalisten das eindeutige Adjektiv “glaubwürdig”. Würde er jedoch schreiben, “Viele meinen dazu, …”, dann würde so etwas keinen Menschen vom Hocker reißen.

Und darum zu dem Satz zuvor, welches in uns die Neugierde geweckt hatte: Was wollte uns noch mal das Mode-Model sagen?

Lieber geneigter, mitlesender Journalist: Wie musst du deinen Artikel formulieren, damit er von allen gelesen wird und höchste Wertschätzung erfährt, wenn dir ein Sachse mit Fischer-Hut und Job beim Landeskriminalamt erklärt, dass er vertrauliche Fahndungsaufrufe in der rechtsradikalen Szene veröffentlicht?

Lieber Journalist, dann schreib doch verdammt noch eins einfach:

“Ich erfuhr etwas. Sie werden es als sehr, sehr, sehr nicht unglaubwürdig empfinden. Es wird großartig sein. Das können Sie mir glauben. Meine Freundin, ein berühmtes, reiches Model für ein bekanntes Mode-Label, erklärte mir, Donald Trump pinkele im Sitzen. Und ein verantwortungsloser Nicht-Bio-Deutscher wollte ihn dabei wohl vom Pinkelpott schubsen. Traurig. Sehr, sehr, sehr traurig. Und hier die genaue Adresse des Polizei-bekannten Verlierers aus dem großen PI-News-Computer (= Polizei-internen Neuigkeiten-Computer): … .”

… . Everybody is now saying, it’s going to be amazing. That’s just what I had heard.

Believe me. …

… was einem gute Deutschlehrer lehren oder man sich selber in jungen Jahren beigebracht hat, verlernt man später im eigenen Alter nicht unbedingt … .

Talking like Donalds way to speak – die lebende Phrasendreschmaschine ohne Punkt und Komma

Believe me, I am very, very, very proud to be here. A lot of people are saying, that I should be glad about it. That’s just, what I had heard. I must tell you in all fairness and I’m a believer in it, this is an incredibly fantastic place to give a sophisticated speech to you, my hard working shop people, in this amazing village.

And it is a special village to be perfectly honest, because a lot of people tell me that the crooked Clinton politicians and ridiculous whitch hunt society of the dishonest democratic party had no audience here. Dozens of people have called me to tell me that these democratic party people are really, really not honest persons. I don’t know, but that is what people are telling me. That is so sad. And believe me, in the whole world nobody is playing in the big league, as we do now. That’s just what I had heard! Also in the massive outstanding FoxTV. I’ve seen this, and I’ve sort of witnessed it—in fact, in two cases I have actually witnessed it. And not like the staggering ridiculous Fake News.

You know Fake News? You Know? Everybody knows it in Canada, Europe, Germany and so on. In Germany fine people created its own word for it and call it ‘lu-gen-pres-se’. It is major, major sad for this world we have big Fake News. Even they call themselves journalists. So unfair. So stupid. But what I’ve heard, everyone is now saying that the loser shithole-pages are absolutely overrated talking about  journalism at all. We will not do any rude out of control censorship, because we are fine democratic republicans and extremely not crooked democrats, okay? This will not gonna happen that I can tell you.

To be perfectly honest I went here yesterday to meet my great mate of the honest republicans. I’m a believer in him. However in the one of the democrates for sure not. Well, I mean, we defend everybody. Yes, we defend everybody. No matter who it is, we defend everybody. We’re defending the world. But that person, he’s just a low-energy person, let’s face it. We don’t need low energy. We need lots of energy. Like my amazing mate here, at this very, very, very, great place.

Before assisting a fantastic movie in his private outstanding movie theatre, we talked about beautiful tarrifs for unfair car imports in future. How many BMWs you have seen in this village? Dozen more than Camaros you will encounter not in Berlin. Great tarrifs will make not only this elegant village, but entire  America strong again. And your phenomenal village also.

Before we saw that outstanding movie we ate special steakes. Everyone is now saying, how I can ate a steak, when the goofy BMWs are flooding  our beautiful country. Flooding like the African Americans, the blacks, the cyber, the Latinos and the women? Yes, weak women. Worst women cause a lot of car accidents. Well, this week some pathetic people confronted me with boring facts that undermine my honest statement. Okay, but someone is causing those ridiculous accidents and we do have to do something against it, don’t we? Believe me, I’m doing very well with getting away with murder. We will hit a home run. I must tell you I have many, many friends and a huge and incredibly support of unbelievable people, and all of the extremely numerous complete and total clowns  doesn’t have a clue, why I’m doing very well with assisting movies at my powerful republican mate.

We saw the outstanding Apache movie “July 12, 2007 Baghdad airstrike” against sad Fake News members and disgusting terrorists. And after this we assisted the tremendous documentation about a brilliant  man of a fantastic show called “You are dismissed”. Believe me, in all fairness, I have never seen before, ever such a tremendous reality show on TV.

And since we had a good time, we continued watching “Stormy Daniels” in “Desert Storm 2”, a brilliant and elegant documentation of a special soldier, who has a avoided very, very, very not smart hostage situation with a sad woman of porn in Iraque supported by crooked democrats.

My hard working shop people a lot of people are saying, I am great. The proof of my hard work? It’s going to be amazing. Believe me. My friends, who happens to be a very famous fashion and hard working model, told me I dress very well and even more, I am working unbelievably tremendous hard. And I am doing it for you, believe me.

God bless you all and vote not for the boring candy in November, but for the amazing people of my party. To make America strong again.

Meine Damen und Herren, der Vertreter der republikanischen Partei hat vorhin gesprochen. Das Publikum applaudiert stehend.

Das Wichtigste lässt sich kurz zusammenfassen: in diesem Ort der USA, in dem er die Rede hielt, dort werden gerne deutsche BMW-Fahrzeuge gekauft – etwas, was sehr positiv anzumerken ist – und am Vorabend seiner Rede hatte er mit seinem lokalen Abgeordneten begeistert sowohl Splatter-Movies als auch einen Porno angeschaut.

Darüber hinaus empfahl er den Zuhörern, im November für die Republikaner zu wählen, und dass er weiterhin an den nationalen Slogan “Make America great again” glaubt.

Wir schalten jetzt zurück in unser Studio nach Dresden, in dem unser Chef-Redakteur über die neuerlichen Vorwürfe des amerikanischen Redners über die “Fake News”-Presse mit dem Vertreter der AfD reden wird. Er wird kritisch nachfragen, welche Straftaten Fake-News-Mitarbeiter, welche sich ja selber auch gerne als deutsche “Qualitätspresse” bezeichnen, für gewöhnlich begehen und zwar ohne jeglicher rechtlicher Ahndung.

Von hier aus einen Guten Abend aus Little Village World und nach der Werbung direkt zurück nach Dresden.

Die Spielwarenmesse für Computerspieler

Die Internetseite der Kölner gamescom 2018 lacht ihn an:

»Das willst du nicht verpassen! Geballte Spielfreude, pures Entertainment, Inspiration und Innovation – auf der gamescom trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Entdecke die neuesten Games, teste Spiele vor allen anderen und sei Teil des größten Events, das die Games-Industrie zu bieten hat.«

Die gamescom vom 19. August bis zum 26. August 2018 in Köln. Also geht er zu dem erstbesten Stand in der Halle 05.1 zum Stand A070 C071 und fragt nach deren Angebote.

»Was bieten Sie? Ich stehe auf Ego-Shooter-Spiele, wo’s richtig blutig knallt und wummert.«

»Shooter ja, aber nicht Ego. Sondern Multi-Player at its best! Keine langweiligen Single-Player-Mods. Sondern hier heißt es Team-Player.«

»Heißt was?«

»Also, echte Kameradschaft. Wirklich.«

»Wirklich?«

»Echt. Und dazu noch Shooter-Spielfelder ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht. Wir sind die einzigen, die das hier auf der gamescom 2018 anbieten.«

»Und was noch?«

»Eine geregelte 41-Stunden-Woche. Teilzeit, Job-Sharing und Heimarbeit sind auch möglich.«

»Arbeit? Echt?«

»Wirklich.«

»Und wenn ich an einem Tag mal nicht mehr möchte?«

»Wir sind familienfreundlich. Dann kann ihre Tochter oder auch ihr Sohn weitermachen. Zuhause vorm Monitor. Allerdings nur in der VGA-Version, die ist unscharf und stark verwaschener Szenerie und somit jugendfrei, aber genau so effizient.«

»Und meine Frau?«

»Wir haben eine Frauenquote. 50%. Da kann sie mitmachen.«

»Vegan?«

»Kein Thema, wir haben auch vegane Angebote. Vegane Menschen sind bei uns besonders gefördert. Die haben mehr Action-Power und mehr Standing in den entscheidenden Situationen. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr. Veganer sind unsere Zukunft. Ausbeutung war schon immer unser Gegner.«

»Cool. Kann ich Ihren Shooter mal probespielen?«

»Gerne. Level 25, Einsatz am Hindukusch. Sie haben fünfzehn DM-51-Splittergranaten, eine HK-G36 mit Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Dazu noch das Funkgerät SEM 93, mit dem Sie auch Bombereinsätze steuern können.«

»Geil. Ein eigenes Geschwader?«

»Keine Sorge. Geschwader ‘Oberst Klein’. Sie können über den Handregler am Funkgerät vieles regeln. Zum Beispiel auch, wie viel Bio-Treibstoff die Bomber beim Ausbreiten ihrer Teppiche geladen haben.«

»Sind auch Zeitarbeitskräfte im Spiel hinzuschaltbar?«

»Bei dem Rekrutierungsmodul lässt sich einstellen, dass beim Ausheben der Söldner keine religiöse oder ethnische Diskriminierung stattfindet. Über das Versorgungsmodul können die zusätzlich mit ausreichend Bio-Nahrungsmittel versorgt werden, damit sie das gesteigerte Kombattantenpotential zur Verfügung haben. Darüber hinaus lassen sich auch wichtige, arbeitsrechtlich relevante Arbeitsschutzmechanismen beim Umgang mit Uranmunition einstellen.«

»Wow. Das ist geil. Und wenn ich dann gegnerische Truppenelemente eingesammelt habe, gibt es auch eine Möglichkeit, diese investigativ zu behandeln?«

»Kein Thema. Sie können aus ihrem Team ‘Befrager’ bestimmen. Dazu steht ihnen freilich die gesamte technische Unterstützung bei den Befragungen zur Verfügung.«

»Waterboarding?«

»Wasserbehandlung nur mit einwandfreiem, keimfreien Alpenquellwasser.«

»Elektroschocker?«

»Regelbare Energieübertrager verwenden Strom garantiert aus erneuerbaren Ressourcen, gewonnen durch die Biogas- und die Solaranlagen im Base-Camp.«

»Freie Zigaretten?«

»Reine Bioware, CO2-reduziert, allergenfrei und garantiert narbennegative Inhaltsstoffe beim Ausdrücken.«

»Selfies mit den Befragten?«

»Dafür steht das Modul ‘Lynndie ‚Abu-Ghuraib England’-Kamera zur Verfügung. Und zum Nachbearbeiten die Filter ‘Helden-Epos’, ‘gerecht’, ‘selbstgerecht’, und ‘brutal gerächt’.«

»Sagten Sie Lynndie England. Etwa jene Lynndie England? Eine Frau?!?«

»Aber sicher. Wir befolgen strikt die Geschlechterquote. Gender-Ärger in der Bundeswehr wird es nicht geben. Wir sind alle gleich. Wir alle sind Multi-Player. Multi-Player at its best. Ein Spiel ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht.«

»Könnte ich vorher noch einen Boss-Fight ausprobieren?«

»Den bekommen Sie nur als Vollversion bei uns in der Bundeswehr. Gratis. Hätten Sie gerne einen Boss-Fight in Afrika, Kosovo, Afghanistan oder im Mittelmeer?«

»Welcher macht mehr Knall, Aua und Hurra?«

»Der Boss-Fight in den Kasernen. Mit unseren Ausbildern. Die bilden ohne Waffen aus. Nur qua ihrer körperlichen Überzeugung. Melden Sie sich doch morgen einfach bei einer unserer Beratungsstellen. Du unterstützt die Streitkräfte, wir dafür deine Entwicklung. Bring deine Zukunft in Führungsposition! Hier sicherst du Deutschland und deine Zukunft.«

»Wo?«

»Unweit der ‘gamescom’ hier, am Standort Köln-Wahn, da übt die IT-Einheit den Aufbau von Netzwerken und die Abläufe, die damit in Zusammenhang stehen.«

»Hm. Ich dachte aber eher so an Boss-Fights und so.«

»Kein Thema. Jeder Kaserne startet bei Level 1 mit dem Thema ‚Nationale Vaterlandsliebe unter Mutter Erde‘. Da ziehen Sie erst einmal Firewalls um unsere Feldlager gegen die ganzen Hacker, die Sie später mal hacken dürfen. Ein guter Soldat kennt jeden Maulwurf beim Vornamen, bevor er ihn mit der Hacke erschlägt. «

»Echt? Am PC?«

»Nein, mit 50-Kilo-Gepäck auf dem Rücken in der Spezialeinheit. Zusammen mit HK-G36, Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Wäre das nichts für Sie? Die Bundeswehr ist die Schule der Nation. «

»Äh, nein danke. Ich bin bereits ausgebildet. Das ist nichts für mich. Wo geht‘s hier nochmals zum Stand von ‘Wolfenstein 3D HDR’ und ‘Call of Duty UHD’?«

Nachrichten aus dem Untergrund

Neulich redete jeder über jene “Momo”-Nachricht mit dem angeblichem Schock-Bild, welche per WhatsApp an Kinder verschickt wurde. Hintergrund ist eine japanischen Special-Effect-Firma, welche Horrorgestalten u.a.a. Make-up-Masken von Zombies für Fernseh- und Filmproduktionen herstellt. Und aus deren Produktion stammt jene Skulptur, dessen Bild ungefragt für die “Momo”-Nachricht verwendet wurde und sich besonders bei Kindern in Deutschland auf deren Smartphones verbreitete. Die besorgten Mütter und Väter sahen in Folge dessen das Seelenheil ihrer Sprösslinge gefährdet und wandten sich direkt an die Polizei. Die Polizei diverser Bundesländer gab u.a.a. über die Social-Media-Kanäle dann entsprechend Warnungen an interessierte Eltern heraus. Kurz darauf war diese “Momo”-Nachricht in den Medien und jeder empörte sich, dass Kinder zu erschrecken, unterste Schublade sei. Psychologisch und moralisch. Unerwähnt blieb dabei regelmäßig, dass in der Europäischen Region die Nutzung von WhatsApp gemäß deren Nutzungsbedingungen Jugendlichen erst ab 16 Jahre erlaubt ist, aber generell nicht Kindern. Die darauf folgende Besorgnis der Väter und Mütter war daher auch, dass Smartphones an Schulen untersagt werden sollten. Dieses Ansinnen wurde von diesen besorgten Müttern und Vätern mit dem Hinweis bekämpft, dass die Erreichbarkeit derer Kinder über WhatsApp und Telefon Grundrecht sein müsse.

Erwachsene schreckt man nicht mit “Momo”-Nachrichten. Gruseln mit entsprechender Reaktion darauf geht anders. Erheblich moderner und geschickt getarnt mit dem Deckmantel der bedrohten Information. So erhielt ich letztens per WhatsApp zwei gleichlautende Nachrichten. Der Inhalt schürte direkt am Anfang die Besorgnis, dass jene Nachricht wohl möglich schon bald einer Zensur zum Opfer fallen könnte. Die Nachricht handelte über den Brief einer “iranischen Christin” an die deutsche Öffentlichkeit. Dafür, dass jene fundamentalistisch gegen moslemische Immigranten gerichtete Nachricht nach Ansicht des Verfassers recht bald gelöscht werden wird, war sie schon recht lange im Umlauf. Spuren zu diesem als “Kommentar” deklarierte Nachricht führten auf den Facebook-Account der AfD Solingen.Im Jahr 2016 tauchte dieser “Kommentar” auf und wurde von einem habilitierten und promovierten Menschen sofort auf seinen Seiten weiter verteilt. Dass dieser Mensch der CDU angehörte, dass er intensive Kontakte zur NPD und DVU hatte und dass er jetzt in MeckPom für die AfD als MdL in dem Landtag sitzt, so etwas fällt bei solch einer Recherche als Nebenprodukt ab. Dass der “Kommentar” aber gleich drei unterschiedlichen Autorinnen (“Susa Patricia”, “Daggy Beygang” und “Ami Ines”) zugeschrieben wird, lässt stark vermuten, dass der “Kommentar” ausschließlich in den Köpfen anderer geschrieben wurde. Und dass dieser “Kommentar” am Anfang die Besorgnis schürte, der Inhalt könnte wohlmöglich schon bald einer Art Zensur zum Opfer fallen – also mittels eines Eingriffs auf meinem Smartphone durch staatliche Kontrollinstanzen – das ist dann regelrecht absurd. Und wenn man dann noch feststellt, dass der “Kommentar” es bereits in verschiedenen einschlägigen Büchern geschafft hat, dann wird diese Besorgnis vor einem Löschen erst recht skurril.

Und ich hätte es dabei bewenden lassen, wäre nicht die dritte gleichlautende besorgte WhatsApp-Nachricht eingetroffen. Daher schrieb ich auch allen dreien zurück, teilte denen die Ergebnisse meiner Recherche mit und bat diese Mitmenschen mich aus deren AfD-Filterblase heraus zu halten. Dass ich dann von zweien per Ankündigung geblockt wurde und der dritte mir empfahl zu chillen, das hatte mich dann allerdings nicht wirklich weiter tangiert.

Wesentlich mehr hatte es mich dann berührt, dass ich am gleichen Nachmittag beim Aufbrechen aus einem Kaffeehaus mitbekam, wie eine Frau einer anderen Frau an deren Tisch diesen “Kommentar” vorlas, während das Kind daneben die Frau kurz darauf unterbrach und krähend ihr die “Momo”-Nachricht von deren Smartphone hinhielt. Zu soviel erregter Besorgnis – direkt akkumuliert an jenem Tisch – fiel mir nichts mehr ein. Außer: es ist wieder Wahlkampfzeit.

Link: Peter Gabriel: We do what we’re told (Milgram’s 37)

 

Wenn Sie in einem Aufzug sterben, achten Sie darauf, den Auf-Knopf zu drücken.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Erschöpft von der Wanderung an dem Felsen in der Heide war er kurz eingeschlafen. Ein kalter Wind wehte ihm Regengischt ins Gesicht. Es dämmerte, der graue Himmel tauchte die Landschaft in unwirklich graues Licht. Die Orientierung war ihm schon lange verloren gegangen. Er ärgerte sich, dass er sein Smartphone zum Anhören eines Hörbuchs genutzt hatte und beim Zuhören vergaß, dass er es noch zur Orientierung mittels einer Karte benötigt hätte. Erst als er bemerkte, dass er sich in der Heide verlaufen hatte, war es zu spät. Sein Smartphone schaltete sich ab. Eine Powerbank hatte er nicht mitgenommen, um notfalls den Akku aufladen zu können. Während er seine Nachlässigkeit bereut hatte, versuchte er sich an Steinen und Sträuchern zu orientieren, wo diese Moos führten und wo daher Westen sein könnte. Irgendwann, als der Himmel sich endgültig zugezogen hatte und zusätzlich zu dem scharfen Wind noch ein Sprühregen einsetzte, traf er auf einer Anhöhe den Felsen, der ihm Schutz vor den Regen gab. Er hockte sich leeseitig am Felsen. Er schwitze leicht unter seiner Windbreaker-Jacke und wollte nur ein wenig verschnaufen. Er blickte runter auf die Ebene und versuchte Hinweise auszumachen, die ihm die weitere Richtung weisen könnten. Aber der graue Himmel hing bis auf den Boden und der Sprühregen tat sein Übriges dazu, dass er nichts erkennen konnte.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Er war aufgeschreckt. Fenster? Er blickte um sich, aber da war kein Fenster. Er saß weiterhin am Felsen, die Sicht war schlechter geworden und sein Windbreaker war wohl doch nicht so gut, wie ihm der Verkäufer im Outdoor-Geschäft versprochen hatte. Er fühlte, dass sein Schweiß und die Feuchte des Regens, die in seinem Kragen herunterlief, in seinem Thermohemd eine unseelige Partnerschaft eingegangen waren.

“Kati? Katarina?”, murmelte er, “Katarina bist du’s?”

“Ich bin’s, Kati. Laß mich rein, durch dein Fenster.”

“Hier ist kein Fenster, Kati. Was machst du hier, Katarina?”

“Was machst du hier?”

“Ausruhen, Kati, ausruhen. Ich hab mich wohl verlaufen,” er lachte ein wenig und es klang verzweifelt, “ich, der immer behauptete, man solle ein Buch nehmen, wenn man dem Alltag entfliehen möchte. Ich hatte ein Hörbuch mitgenommen, jetzt habe ich dafür keine Karte mehr.”

“Bücher sind dafür da, um den Lesenden mit anderen Möglichkeiten im Leben vertraut zu machen. Für die Bildung, fürs Leben. Lebe in Übereinstimmung mit deiner Natur und verwirkliche deine Möglichkeiten.”

“Fängst du wieder mit den inneren Werten an, Kati? Darüber haben wir doch ausdauernd diskutiert. Die Sanftmütigen und die Großherzigen sind im Grunde selbstgerechter als die Tyrannen. Ihr jedoch strebt innerlich immer nach den Erhabensten.”

“Und Ihr immer nach Prunk und Gehabe.”

“Wir handeln aber immerhin in Übereinstimmung mit den Forderungen anderer! Und das ist unser Gott, unser Alpha und unser Omega. In aller Bescheidenheit gesagt.”

“Sei nicht so bescheiden, denn so eine großartige Person bist du nun auch wieder nicht.”

“Was du nicht sagst. Es macht dir wohl noch immer Spass, über unser christliches Abendland zu lästern?”

“Lästern? Der Holocaust lässt grüßen. Aber auch die Mongolei des WW2s, wo Menschen bei lebendigem Leibe gehäutet wurden, um sie mit Feuer und Salz zu foltern. Oder die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor über 70 Jahren. Deren Hitze zerstört die oberen Hautschichten und legt die Nerven blank. Deswegen laufen verbrannte Menschen breitarmig und breitbeinig durch die Gegend. Das Feuer dieser Bomben hatte bereits bei ihnen Höllenqualen ausgelöst. Ein weitere Kontakt auf der Haut würde das bereits quälende Gefühl, immer noch lichterloh zu brennen, verstärken. Feuer auf Menschen zu werfen ist die brutalste Qual für Menschen.”

“Du beschreibst Dantes Inferno.”

“Oder die Bilder von Hyronimus Bosch. Oder die Bilder der Bomben in Vietnam, Afghanistan, die Straße des Todes im Irak, Syriens Feuerbomben und so weiter, wo Menschen Kriege führen. Oder die andere Art des Tötens in Ruanda. In Ruanda wurden manche sofort getötet, anderen wurden die Achillessehnen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Oder heutzutage, wenn Menschen im Mittelmeer dem Ertrinken überlassen werden, wenn Drohnen oder hochtechnisierte Bomberstaffeln Feuer und Verderben den Feinden bringen.”

“Wie schön, dass uns die Reporter nicht mit Details über das Sterben der Menschen versorgen.”

“Wenn dann andere – wie deren exemplarischer Vertreter Donald Trump – gegen Reporter als Vertreter einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ mit deren ‚Fake News‘ überbordend zürnen dürfen, dann ist das okay. Es scheint, als sei die Welt in gute und böse Menschen aufgeteilt. Die Guten schlafen besser, während die Schlechten die wachen Stunden viel mehr zu genießen scheinen, weil sie diese Stunden dann für deren Taten nutzen.”

“Kati, hör mir endlich mal zu: Warum tötet der Mensch? Er tötet, um zu essen. Und nicht nur, um zu essen: Häufig muss es auch ein Getränk dazu geben. Bei Gott, ich schwöre, Geld ist besser als Armut, schon allein aus finanziellen Gründen.”

“Dein ach-so-mächtiger Gott. Also schnell ein Gebet an ihn, nicht wahr, und alles wird sich ändern. Jedoch immer nur bei den anderen, die sich nicht dir entsprechend verhalten. Ein Vater, der Ausschwitz zulässt, hat nicht verdient, dass ein Kind ihm zuhört, oder? Warum ist überhaupt ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. Er müsste doch von dem detaillierten Übel besser Bescheid wissen, als alle Reporter dieser Welt zusammen.”

“Was willst du von mir, Katie? Was habe ich dir getan?”

“Diese deine Diskussionen, dein ewiges Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen, das hat mich getötet. Immer ein wenig mehr. Tag für Tag. Ich gebe sie dir zurück. Zu meiner Entlastung.”

“Kati, so verstehe doch! Du bist nicht so wie diese Gutmenschen. Du bist meine Kati. Meine Katarina.”

“Du sagtest vorhin, du hättest ein Hörbuch auf deinem Smartphone angehört?”

“Um ein wenig der Welt zu entfliehen, ja. Um abzuschalten beim Wandern. Wuthering Heights.”

Wuthering Heights? Dann hast du sicher auch das folgende gehört, oder? Erinnere dich. Lass es mich für dich rezitieren:

Catherine Earnshaw, mögest du dich nicht ausruhen, solange ich lebe. Du hast gesagt, ich hätte dich getötet – verfolge mich dann. Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder. Ich glaube – ich weiß, dass Geister über die Erde gewandert sind. Sei immer bei mir – nimm jede Form an – mach mich verrückt. Nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! Oh Gott! Es ist unaussprechlich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht ohne meine Seele leben!

Du erinnerst dich? Erinnerst du dich? An was erinnert es dich?”

Er erinnerte sich. Mehrfach hatte er während dieses Gesprächs um sich geblickt, um zu sehen, wo sie war, von wo sie aus zu ihm sprach. Aber er sah sie nicht. Hinter sich war lediglich der mächtige, regenfeucht glänzende Heidefelsen, wie er sich klar gegen den immer dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Aber keine Katarina.

“Kati, ich hab noch eine Flasche Lambrusco im Wanderrucksack. Ich hatte ihn in einem Kühlakku gepackt gehabt.”

Er musste bei diesen Worten innerlich lachen. Den Kühlakku hatte er mitgenommen, dabei reichte das jetzige Wetter allein schon aus, um den Lambrusco richtig zu temperieren. Er öffnete den Rucksack und holte die Flasche heraus. Sein Blick fiel auf den Kühlakku. Ihm wäre eine Powerbank für den Smartphone-Akku jetzt lieber.

“Willst du einen Schluck? Wein direkt vom Erzeuger aus der Region Emilia-Romagna importiert. Ich habe ihn vorgestern erst erhalten. Frisch abgefüllt.”

Er drehte den Verschluss der Flasche auf und hielt die Flasche anbietend von sich weg. Ob sie das Angebot annehmen würde? Dann würde er sie sehen, dann würde sie aus ihrem Versteck hervorkommen und er könnte sie bestrafen, dafür dass sie wieder mit diesen bereits ausdiskutierten Themen anfing und ihn nervte.

Er wartete. Nichts regte sich. Er beschloss selbst einen Schluck zu nehmen. Der Wein war prickelnd, kühl. Aber auch seine Hand war bereits durch die kalte Flasche abgekühlt. Er spürte den Regen, wie er als Rinnsal seinen Unterarm entlang in seine Kleidung hinein lief.

“Kati, willst du einen Schluck?”

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

“Kati, hör auf mit dem Quatsch. Du musst sehen, wie die Welt wirklich ist, Kati. Du bist doch nicht wie die anderen. Durch Schmerz und Einsicht geläutert, vermögen Menschen manchmal von den nichtigen Dingen des Daseins loszukommen. Aus Schaden wird man klug und Leid formt den Charakter immer in positiver Weise. Wer dem Leid flieht, wird nichts. ‘Per aspera ad astra’ wie der Lateiner zu sagen pflegt: Durch Ungemach zu den Sternen. Survival of the fittest, Kati. Diese Ansichten sind nicht neu, es hatte sie bereits vor dem Mittelalter gegeben. Du kannst es nachlesen.”

“Ja, ich weiß. Und diese Beschreibung wurde vom mittelalterlichen Klerus als Warnung vor dem Ende der Welt interpretiert. Und alle waren danach sehr enttäuscht, als der Montag ankam und man wieder arbeiten musste.”

“Kati, spotte nicht. Du bist selbstgerecht. Ungerecht. Unerfahren. Erinnere dich an uns in Venedig. Willst du einen Schluck vom Lambrusco? Katarina? Willst du?”

Er streckte seinen Arm mit der Flasche wieder aus. Sein Hand fühlte sich eisig an. Er spürte, die Kälte aus seiner Hand den Unterarm erobern, den Ellenbogen passierend, seine Schulter erreichend.

Eine kleine feine Klaviermusik ertönte. Eine hohe Stimme dazu singend vernahm er. Neben ihm. Eine eindringlich Stimme. Er verstand sie nicht, konnte die Worte nicht zuordnen. Es kam aus seinem geöffnetem Rucksack, den er neben sich stehen hatte. Sein Blick wanderte hinein in dessen Dunkelheit, tastete sich an dem gegerbten Rindsleder entlang, nach unten, immer tiefer und ganz unten sah er seinen alten MP3-Player. Das Display leuchtete gelb-orange, eine halbe Iris konnte er erkennen, japanische Schriftzeichen und eine Frau, die sich an dem Holzgestell eines riesigen Papier-Flugdrachen festhielt und aussah, als ob sie an einem Kreuz hing. Aber jene hing dort herausfordernd, lasziv. Er glaubte einen Tritt in sich tief drinnen zu verspüren. Kate? Kati? Katarina?

“Lass mich dir deine Seele wegnehmen. Ich bin’s, Kati. Komm nach Hause. Mir ist so kalt. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Schwarze Schriftzeichen erschienen auf dem Display. Auch dieser Akku hatte sich wohl geleert. Das Gerät fuhr herunter. Das Display verlöschte. Der MP3-Spieler wurde stumm. Der Regen drang in seinem Rucksack und bedeckte das Display vollständig.

Er rutschte etwas zurück und lehnte sich an den Heidefelsen. Den Lambrusco weiterhin von sich gestreckt haltend starrte er hinaus in die dichter werdende Dunkelheit.

“Kati? Katarina?”, murmelte er fast unhörbar, “Kate, bist du’s?”

Lunatic

“Schauen Sie, das hier ist unser Premium-Park mit Flussläufen und Wellness-Garantie. Für die Auszeit von der Hektik des Alltags. Mit ungehindertem Blick zum Nachhimmel. Eine 400 Hektar Oase.”

“Das sind ja mehr als der Englische Garten in München.”

“Und sicherer. Wir achten darauf, dass sich jeder dort wohlfühlen kann. Grasflächen, Bäume, Pflanzen und kleine ungefährliche Nagetiere wie Eichhörnchen, Häschen, Meerschweinchen und so weiter.”

“Und warum sind Sie so sicher, dass ihr Park der sicherste der Welt ist?”

“Am Eingang erhält jeder eine Eintrittskarte, welche einen NFC-Chip enthält. Damit lassen sich bei uns in der Hauptzentrale – wir nennen es unser “Doktor-Feel-Good-Center” – die Position von Personen übermitteln. Einzelne Spanner und andere bedrohliche, suspekte Individuen beim Versuch, ihre niederen Instinkte auszuüben, sind somit sehr leicht zu identifizieren und zu isolieren.”

“Sie sehen Einzelpersonen als Gefährder an?” Weiterlesen