Auf Jobsuche

Wissen Sie… man geht ja heute nicht mehr einfach… also, man sucht ja keine Arbeit mehr. Das ist ja vorbei. Arbeit sucht heute *uns*. Sagen sie jedenfalls. Findet uns nur nicht. Weil… na ja, wegen der Ortung. Wenn Sie heute von der Arbeit gefunden werden wollen, müssen Sie sich erst mal unsichtbar machen. Das ist moderne Logik. Das ist… das hat Methode!

Neulich erst. Ich sitze bei so einem… wie heißen die jetzt? Talent-Manager! Früher hieß das Menschenhändler, heute heißt es Talent-Manager. Klingt dynamischer. Nach Turnschuh und agilem Denken. Der schaut mich an, über den Rand seiner randlosen Brille – die haben alle randlose Brillen, damit man die Leere dahinter besser sieht – und fragt: »Sie suchen Arbeit?«

Ich sage: »Man könnte sagen: Arbeit sucht mich. Nur findet sie mich selten.«

Da strahlt der! Ein Lächeln… wissen Sie, das ist kein Lächeln aus Freude, das ist das Lächeln eines Mannes, der Provision riecht. Der riecht mein Gehalt, bevor ich es überhaupt verdient habe. Und er sagt: »Dann sind Sie bei uns richtig. Wir bringen Menschen und Stellen zusammen.«

Ich konnte es mir nicht verkneifen. Ich sag: »Wie die Bahn?«

Er, völlig ohne Zuckung im Gesicht: »Nein. Erfolgreicher.«

Erfolgreicher als die Bahn. Gut, das ist jetzt kein Qualitätsmerkmal, das ist eine mathematische Mindestanforderung, aber bitte. Und dann ging es los. Der Apparat lief warm. Die Maschinerie des absoluten Nichts.

»Dann benötige ich Ihren Lebenslauf«, sagt er. »Aber anonymisiert.«

Ich sehe ihn an. »Anonymisiert?«

»Ja«, sagt er, und bekommt diesen religiösen Blick, den sie alle bekommen, wenn sie das Wort aussprechen. »Datenschutz!«

Verstehen Sie? Datenschutz! Das ist das Hochamt des 21. Jahrhunderts. Wir schützen die Daten vor den Menschen, damit die Daten in aller Ruhe ohne uns leben können.

Ich frage also nach: »Ohne Namen?«

»Selbstverständlich.«

»Ohne Adresse?«

»Natürlich.«

»Ohne Telefonnummer?«

»Unbedingt.«

»Ohne Foto?«

»Um Gottes willen!«

»Und ohne beruflichen Werdegang?«

Da wurde er nachdenklich. Das tat ihm sichtlich weh, das Denken. Das ist ja auch nicht vorgesehen im Prozess. Aber er fing sich wieder. Er strich sich über den Maßanzug und sagte: »Eigentlich… eigentlich auch ohne den.«

Ich schaue mich um. Ich schaue an mir herab. »Was bleibt denn dann von mir übrig?«

Und jetzt kommt der Satz. Das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen. Das ist die Krönung der modernen Unvernunft. Er sagt, ganz ernst, ohne zu blinken: »Genau deshalb lieben unsere Kunden anonymisierte Bewerbungen. Sie werden nicht durch Fakten beeinflusst.«

Wunderbar, oder? Fakten stören nur! Wenn wir erst anfangen, uns mit Fakten zu beschäftigen, wo kämen wir denn da hin? Am Ende findet noch jemand den Richtigen für den Job! Das muss verhindert werden! Das ist die reine, destillierte Logik, die nur entsteht, wenn Juristen, Unternehmensberater und PowerPoint-Präsentationen nachts heimlich gemeinsam Nachwuchs zeugen. Eine Missgeburt aus Excel-Tabellen und Paragrafenreiterei!

Ich frage ihn also – ich Depp, ich wollte es ja wissen: »Wie wollen Sie denn feststellen, ob ich geeignet bin?«

»Wir haben bereits Ihr Xing-Profil geprüft«, sagt er.

Ich atme tief durch. »Dort stehen mein Name, mein Foto und mein gesamter Lebenslauf.«

»Ja.«

»Das ist kein Datenschutzproblem?«

»Nein«, sagt er, als wäre ich der letzte Idiot auf Erden. »Das steht ja öffentlich im Internet.«

Ach so! Wenn es im Internet steht, für jeden Geheimdienst, für jeden Heckenschützen, für jede KI in Silicon Valley greifbar… dann ist es privat. Wenn ich es ihm aber auf einem Stück Papier direkt in die Hand drücke, dann ist es hochgradig vertraulich, kriminell und muss sofort geschreddert, sterilisiert und vor der Menschheit verborgen werden!

Wenn die Daten öffentlich sind, sind sie privat. Und wenn sie privat sind, müssen sie geschützt werden. Vor wem eigentlich? Vor uns!

Und dann zieht er ein Formular heraus. Acht Seiten! Für die… halten Sie sich fest… für die »Datensparsamkeit«. Acht Seiten Papier, um mir zu beweisen, wie sparsam er mit meinen Daten umgeht.

»Bitte hier unterschreiben«, sagt er.

»Wofür?«

»Damit wir Ihre Daten speichern, verarbeiten, weitergeben, archivieren und gegebenenfalls bis zum Ende der bekannten Welt aufbewahren dürfen.«

Ich dachte, ich bin im falschen Film. Ich sage: »Ich dachte, wir anonymisieren alles.«

»Das tun wir auch.«

»Und warum brauchen Sie dann meine Daten?«

»Damit wir sie anonymisieren können!«

Das… das müssen Sie erst mal… also, das muss man sich erarbeiten, so ein Delirium. Man braucht die Daten, um sie zu löschen. Man braucht den Menschen, um ihn wegzustreichen. Da saß er vor mir. Der Geist der Bürokratie in Person. Er trug einen Maßanzug, roch nach teurem Aftershave und nannte sich Talentmanager. Ein Verwalter des Vakuums.

Ich habe dann die einzig logische Frage gestellt: »Und was passiert, wenn ich nicht unterschreibe?«

Er sah mich an. Ganz traurig. Fast mitleidig.

»Dann können wir Ihre Privatsphäre leider nicht schützen.«

»Vor wem?«

»Vor uns.«

Liebe Leser, mal unter uns. Gehen Sie also nach Hause. Löschen Sie Ihren Namen. Vergessen Sie Ihr Gesicht. Und wenn Sie Glück haben… findet Sie morgen die Arbeit. Aber erschrecken Sie nicht, wenn Sie sich selbst nicht mehr erkennen.

Opa Fred und seine Wal-Verwandtschaft

Opa Fred ist letztens rauf zur Ostsee. Ganz allein.

Was er da wollte? Seinen Traum verwirklichen: einmal Ostsee sehen und sterben.

Sterben? Yep. Da lag er wohl halb nackt im feuchten Sand, also ohne Hawaiihemd, ohne weiße Sportstrümpfe und ohne die obligatorischen blauen Adiletten.

Also fast nackt, lediglich in seinen beigen Bermudas. Am Strand. Regungslos.

Die ersten Passanten kamen vorbei und musterten ihn vorsichtig. Einer fasste sich dann ein Herz:

»Oppa, was machste denn hier am Strand? Ist doch viel zu kalt noch!«

»Lasst mich in Ruh. Ich will die Ostsee sehen und dann sterben.«

»Ostsee, Oppa? Aber das kannste auch daheim im Internet sehen. Dafür brauchste doch nicht hier am Strand. Hier ist kalt, hier holste dir noch den Tod!«

»Hier ist aber ruhiger, als bei mir zu Hause.«

»Oppa, das kannste aber nicht machen, hier am Strand sterben. Was sollen denn die ganzen Leute von dir denken? Wie alt bisste denn?«

»80.«

»80 ist doch kein Alter. Schau dir den Lindenberg, die Cher, den McCartney an, die hüpfen noch herum, wie Kinder auf ner Hüpfburg.«

»Ich will aber keine Hüpfburg.«

»Oppa, du musst vital bleiben. Du musst das Leben genießen. Rausgehen. Den lieben Gott einen Mann sein lassen. Sterben kannste später noch immer, aber jetzt doch nicht.«

»Lasst mich in Ruhe, die Ostsee sehn.«

»Und sterben haste gesagt? Denk mal nach. Also, einsam sterben kann doch kein Ideal sein. Das ist doch Mist, so einsam zu sterben.«

»Mir egal. Ich will hier nur in Ruhe liegen. Wollte ich im Beisein anderer Menschen sterben, wäre in die Ost-Ukraine gefahren. Aber ich wollte Ostsee und …«

»Oppa, ich rufe dir den Matthäser-Hilfsdienst, die werden dir hier weghelfen. Schatzi, mach mal.«

»Ich will aber nicht weg.«

»Die bringen dich zu den deinen, dann wirste das Leben wieder mit anderen Augen sehen.«

»Meine Augen wollen aber …«

»Ost sehen, ich weiß. Nur wenn ich dir tief in deine Augen schaue, dann sehe ich das sprühende Leben, diese Abenteuerlust, diese Vorfreude auf das Leben in der Gemeinschaft der deinigen.«

»Ich …«

»Da! Da kommen’se! Die Jungs vom Matthäser. Wie gerufen!«

»Lasst mich lieber allein. Ich will hier am Strand meine Ruhe, ich will …«

»Hallo. Wir sind vom Malteser Hilfsdienst, wie können wir helfen?«

»Sehr gut. Der halb nackte Oppa hier, der will hier allein am Strand liegen und sterben.«

»Oppa, das geht aber nicht!«

»Ich will doch nur …«

»Könnt ihr Jungs vom Matthäser nicht den fast nackten Oppa hier zu dem rechten Weg hin bringen…«

»Aber sicher. Der kommt bei uns auf die Bahre, wird festgeschnallt, und dann bringen wir ihn mit Lalülala gleich zu den Seinen.«

»Das hört sich gut an, das wird Oppa gefallen. Das wird ihn freuen. Nicht wahr, Oppa?

»Ich will aber nicht von hier weg.«

»Wir wuchten ihn auf die Bahre und dann geht’s mit ihm ins Altersheim.«

»Das ist gut. Der kann doch nicht hier allein am Strand sterben, nur weil es ihm so gefällt. Wie egoistisch ist das denn? Also mal ehrlich. Im Altersheim hat er’s sicher besser.«

Und so wurde Opa Fred auf die mitgebrachte Bahre gewuchtet, festgeschnallt und dann dort, wo Fuchs und Hase sich zur guten Nacht tot überm Zaun hängen, in ein unterbelegtes und überteuertes Altersheim verfrachtet. So wurde mir später erzählt.

Opa Fred soll noch protestiert haben, auf der Bahre, angesichts der Formulare, die er ausfüllen sollte. Trotzdem waren alle einstimmig der Meinung: Das wäre das Beste für ihn, da würde er nicht einsam sterben.

In der folgenden Nacht soll Opa Fred wohl ausgebüxt sein. Man fand ihn erneut wieder an der Ostsee-Küste. Tot im Wasser. Von Einheimischen beim morgendlichen Joggen entdeckt. Entsetzt waren jene auch, weil offenbar schon Möwen den Leichnam als Futterstelle nutzten. Um den Tourismus nicht zu stören, haben sie ihn gleich wieder ins tiefere Wasser gezogen, damit er ordentlich abtreiben sollte, und der Wasserpolizei Bescheid gegeben, dass man einen Leichnam in der Ostsee treiben sah.

Ein Fischerkutter barg ihn eine Woche später in dessen Fischerschleppnetz auf hoher See, als der Leichnam von Opa Fred wohl zu seiner letzten Ruhestätte unterwegs war. Gen Skagerak. Richtung Küste Dänemarks, Antholm. Opa Fred bevorzugte schon immer ruhige Gegenden.

Als der Leiter des Altenheims von Opa Freds Verbleib erfuhr, zuckte er nur die Schulter und kondolierte den Vorfall mit einem: »Leider hat der Opa Fred seine Chance zu unserer Freiheit nicht nutzen können.«

Tja. Das war die Geschichte von Opa Fred.

Und wenn ihr recht brav seid, dann erzähle ich euch als Gute-Nacht-Geschichte noch das Märchen von der Rettung des Wals »Timmy«. Oder »Hope«. Oder »Timmine«. Oder »Hopine«. Nun ja, über den Namen des Wals ist man sich jetzt momentan nicht mehr wirklich so recht einig, aber …