Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Wenn Sie in einem Aufzug sterben, achten Sie darauf, den Auf-Knopf zu drücken.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Erschöpft von der Wanderung an dem Felsen in der Heide war er kurz eingeschlafen. Ein kalter Wind wehte ihm Regengischt ins Gesicht. Es dämmerte, der graue Himmel tauchte die Landschaft in unwirklich graues Licht. Die Orientierung war ihm schon lange verloren gegangen. Er ärgerte sich, dass er sein Smartphone zum Anhören eines Hörbuchs genutzt hatte und beim Zuhören vergaß, dass er es noch zur Orientierung mittels einer Karte benötigt hätte. Erst als er bemerkte, dass er sich in der Heide verlaufen hatte, war es zu spät. Sein Smartphone schaltete sich ab. Eine Powerbank hatte er nicht mitgenommen, um notfalls den Akku aufladen zu können. Während er seine Nachlässigkeit bereut hatte, versuchte er sich an Steinen und Sträuchern zu orientieren, wo diese Moos führten und wo daher Westen sein könnte. Irgendwann, als der Himmel sich endgültig zugezogen hatte und zusätzlich zu dem scharfen Wind noch ein Sprühregen einsetzte, traf er auf einer Anhöhe den Felsen, der ihm Schutz vor den Regen gab. Er hockte sich leeseitig am Felsen. Er schwitze leicht unter seiner Windbreaker-Jacke und wollte nur ein wenig verschnaufen. Er blickte runter auf die Ebene und versuchte Hinweise auszumachen, die ihm die weitere Richtung weisen könnten. Aber der graue Himmel hing bis auf den Boden und der Sprühregen tat sein Übriges dazu, dass er nichts erkennen konnte.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Er war aufgeschreckt. Fenster? Er blickte um sich, aber da war kein Fenster. Er saß weiterhin am Felsen, die Sicht war schlechter geworden und sein Windbreaker war wohl doch nicht so gut, wie ihm der Verkäufer im Outdoor-Geschäft versprochen hatte. Er fühlte, dass sein Schweiß und die Feuchte des Regens, die in seinem Kragen herunterlief, in seinem Thermohemd eine unseelige Partnerschaft eingegangen waren.

“Kati? Katarina?”, murmelte er, “Katarina bist du’s?”

“Ich bin’s, Kati. Laß mich rein, durch dein Fenster.”

“Hier ist kein Fenster, Kati. Was machst du hier, Katarina?”

“Was machst du hier?”

“Ausruhen, Kati, ausruhen. Ich hab mich wohl verlaufen,” er lachte ein wenig und es klang verzweifelt, “ich, der immer behauptete, man solle ein Buch nehmen, wenn man dem Alltag entfliehen möchte. Ich hatte ein Hörbuch mitgenommen, jetzt habe ich dafür keine Karte mehr.”

“Bücher sind dafür da, um den Lesenden mit anderen Möglichkeiten im Leben vertraut zu machen. Für die Bildung, fürs Leben. Lebe in Übereinstimmung mit deiner Natur und verwirkliche deine Möglichkeiten.”

“Fängst du wieder mit den inneren Werten an, Kati? Darüber haben wir doch ausdauernd diskutiert. Die Sanftmütigen und die Großherzigen sind im Grunde selbstgerechter als die Tyrannen. Ihr jedoch strebt innerlich immer nach den Erhabensten.”

“Und Ihr immer nach Prunk und Gehabe.”

“Wir handeln aber immerhin in Übereinstimmung mit den Forderungen anderer! Und das ist unser Gott, unser Alpha und unser Omega. In aller Bescheidenheit gesagt.”

“Sei nicht so bescheiden, denn so eine großartige Person bist du nun auch wieder nicht.”

“Was du nicht sagst. Es macht dir wohl noch immer Spass, über unser christliches Abendland zu lästern?”

“Lästern? Der Holocaust lässt grüßen. Aber auch die Mongolei des WW2s, wo Menschen bei lebendigem Leibe gehäutet wurden, um sie mit Feuer und Salz zu foltern. Oder die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor über 70 Jahren. Deren Hitze zerstört die oberen Hautschichten und legt die Nerven blank. Deswegen laufen verbrannte Menschen breitarmig und breitbeinig durch die Gegend. Das Feuer dieser Bomben hatte bereits bei ihnen Höllenqualen ausgelöst. Ein weitere Kontakt auf der Haut würde das bereits quälende Gefühl, immer noch lichterloh zu brennen, verstärken. Feuer auf Menschen zu werfen ist die brutalste Qual für Menschen.”

“Du beschreibst Dantes Inferno.”

“Oder die Bilder von Hyronimus Bosch. Oder die Bilder der Bomben in Vietnam, Afghanistan, die Straße des Todes im Irak, Syriens Feuerbomben und so weiter, wo Menschen Kriege führen. Oder die andere Art des Tötens in Ruanda. In Ruanda wurden manche sofort getötet, anderen wurden die Achillessehnen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Oder heutzutage, wenn Menschen im Mittelmeer dem Ertrinken überlassen werden, wenn Drohnen oder hochtechnisierte Bomberstaffeln Feuer und Verderben den Feinden bringen.”

“Wie schön, dass uns die Reporter nicht mit Details über das Sterben der Menschen versorgen.”

“Wenn dann andere – wie deren exemplarischer Vertreter Donald Trump – gegen Reporter als Vertreter einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ mit deren ‚Fake News‘ überbordend zürnen dürfen, dann ist das okay. Es scheint, als sei die Welt in gute und böse Menschen aufgeteilt. Die Guten schlafen besser, während die Schlechten die wachen Stunden viel mehr zu genießen scheinen, weil sie diese Stunden dann für deren Taten nutzen.”

“Kati, hör mir endlich mal zu: Warum tötet der Mensch? Er tötet, um zu essen. Und nicht nur, um zu essen: Häufig muss es auch ein Getränk dazu geben. Bei Gott, ich schwöre, Geld ist besser als Armut, schon allein aus finanziellen Gründen.”

“Dein ach-so-mächtiger Gott. Also schnell ein Gebet an ihn, nicht wahr, und alles wird sich ändern. Jedoch immer nur bei den anderen, die sich nicht dir entsprechend verhalten. Ein Vater, der Ausschwitz zulässt, hat nicht verdient, dass ein Kind ihm zuhört, oder? Warum ist überhaupt ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. Er müsste doch von dem detaillierten Übel besser Bescheid wissen, als alle Reporter dieser Welt zusammen.”

“Was willst du von mir, Katie? Was habe ich dir getan?”

“Diese deine Diskussionen, dein ewiges Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen, das hat mich getötet. Immer ein wenig mehr. Tag für Tag. Ich gebe sie dir zurück. Zu meiner Entlastung.”

“Kati, so verstehe doch! Du bist nicht so wie diese Gutmenschen. Du bist meine Kati. Meine Katarina.”

“Du sagtest vorhin, du hättest ein Hörbuch auf deinem Smartphone angehört?”

“Um ein wenig der Welt zu entfliehen, ja. Um abzuschalten beim Wandern. Wuthering Heights.”

Wuthering Heights? Dann hast du sicher auch das folgende gehört, oder? Erinnere dich. Lass es mich für dich rezitieren:

Catherine Earnshaw, mögest du dich nicht ausruhen, solange ich lebe. Du hast gesagt, ich hätte dich getötet – verfolge mich dann. Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder. Ich glaube – ich weiß, dass Geister über die Erde gewandert sind. Sei immer bei mir – nimm jede Form an – mach mich verrückt. Nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! Oh Gott! Es ist unaussprechlich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht ohne meine Seele leben!

Du erinnerst dich? Erinnerst du dich? An was erinnert es dich?”

Er erinnerte sich. Mehrfach hatte er während dieses Gesprächs um sich geblickt, um zu sehen, wo sie war, von wo sie aus zu ihm sprach. Aber er sah sie nicht. Hinter sich war lediglich der mächtige, regenfeucht glänzende Heidefelsen, wie er sich klar gegen den immer dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Aber keine Katarina.

“Kati, ich hab noch eine Flasche Lambrusco im Wanderrucksack. Ich hatte ihn in einem Kühlakku gepackt gehabt.”

Er musste bei diesen Worten innerlich lachen. Den Kühlakku hatte er mitgenommen, dabei reichte das jetzige Wetter allein schon aus, um den Lambrusco richtig zu temperieren. Er öffnete den Rucksack und holte die Flasche heraus. Sein Blick fiel auf den Kühlakku. Ihm wäre eine Powerbank für den Smartphone-Akku jetzt lieber.

“Willst du einen Schluck? Wein direkt vom Erzeuger aus der Region Emilia-Romagna importiert. Ich habe ihn vorgestern erst erhalten. Frisch abgefüllt.”

Er drehte den Verschluss der Flasche auf und hielt die Flasche anbietend von sich weg. Ob sie das Angebot annehmen würde? Dann würde er sie sehen, dann würde sie aus ihrem Versteck hervorkommen und er könnte sie bestrafen, dafür dass sie wieder mit diesen bereits ausdiskutierten Themen anfing und ihn nervte.

Er wartete. Nichts regte sich. Er beschloss selbst einen Schluck zu nehmen. Der Wein war prickelnd, kühl. Aber auch seine Hand war bereits durch die kalte Flasche abgekühlt. Er spürte den Regen, wie er als Rinnsal seinen Unterarm entlang in seine Kleidung hinein lief.

“Kati, willst du einen Schluck?”

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

“Kati, hör auf mit dem Quatsch. Du musst sehen, wie die Welt wirklich ist, Kati. Du bist doch nicht wie die anderen. Durch Schmerz und Einsicht geläutert, vermögen Menschen manchmal von den nichtigen Dingen des Daseins loszukommen. Aus Schaden wird man klug und Leid formt den Charakter immer in positiver Weise. Wer dem Leid flieht, wird nichts. ‘Per aspera ad astra’ wie der Lateiner zu sagen pflegt: Durch Ungemach zu den Sternen. Survival of the fittest, Kati. Diese Ansichten sind nicht neu, es hatte sie bereits vor dem Mittelalter gegeben. Du kannst es nachlesen.”

“Ja, ich weiß. Und diese Beschreibung wurde vom mittelalterlichen Klerus als Warnung vor dem Ende der Welt interpretiert. Und alle waren danach sehr enttäuscht, als der Montag ankam und man wieder arbeiten musste.”

“Kati, spotte nicht. Du bist selbstgerecht. Ungerecht. Unerfahren. Erinnere dich an uns in Venedig. Willst du einen Schluck vom Lambrusco? Katarina? Willst du?”

Er streckte seinen Arm mit der Flasche wieder aus. Sein Hand fühlte sich eisig an. Er spürte, die Kälte aus seiner Hand den Unterarm erobern, den Ellenbogen passierend, seine Schulter erreichend.

Eine kleine feine Klaviermusik ertönte. Eine hohe Stimme dazu singend vernahm er. Neben ihm. Eine eindringlich Stimme. Er verstand sie nicht, konnte die Worte nicht zuordnen. Es kam aus seinem geöffnetem Rucksack, den er neben sich stehen hatte. Sein Blick wanderte hinein in dessen Dunkelheit, tastete sich an dem gegerbten Rindsleder entlang, nach unten, immer tiefer und ganz unten sah er seinen alten MP3-Player. Das Display leuchtete gelb-orange, eine halbe Iris konnte er erkennen, japanische Schriftzeichen und eine Frau, die sich an dem Holzgestell eines riesigen Papier-Flugdrachen festhielt und aussah, als ob sie an einem Kreuz hing. Aber jene hing dort herausfordernd, lasziv. Er glaubte einen Tritt in sich tief drinnen zu verspüren. Kate? Kati? Katarina?

“Lass mich dir deine Seele wegnehmen. Ich bin’s, Kati. Komm nach Hause. Mir ist so kalt. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Schwarze Schriftzeichen erschienen auf dem Display. Auch dieser Akku hatte sich wohl geleert. Das Gerät fuhr herunter. Das Display verlöschte. Der MP3-Spieler wurde stumm. Der Regen drang in seinem Rucksack und bedeckte das Display vollständig.

Er rutschte etwas zurück und lehnte sich an den Heidefelsen. Den Lambrusco weiterhin von sich gestreckt haltend starrte er hinaus in die dichter werdende Dunkelheit.

“Kati? Katarina?”, murmelte er fast unhörbar, “Kate, bist du’s?”

Die Hoffnung stirbt zuletzt …

“Ausgeschieden.“

“Wie ‘ausgeschieden’?”

“Halt ausgeschieden.“

“Aber die spielen doch noch mal, oder?”

“Nein.”

“Wenigstens um Platz 3, nicht wahr. Die haben mindestens doch immer um Platz 3 gespielt.”

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Haarige Angelegenheit

“Der Rudi is a Saukerl! Der Rudi is a Saukerl!”

“Wieso? Was hat er denn gemacht?”

“Er hat meiner Nachbarin die Haare verfärbt. Total verfärbt. Der Rudi, der Saukerl!”

“Sieht Sie jetzt aus wie ein Wellensittich?”

“Naaa, eher wie die Brigitte Bardot. Und all die Schnitten vom Dorf stehen bei der Schlampe nu Schlange.”

“Auch der GTI-Günther?”

“Der auch.”

“Der Porsche-Heinz?”

“Nicht nur dieser Depp.”

“Na, das ist aber blöd.”

“Eben. Gestern hat der Ferrari-Luigi mich noch zum Briefkasten chauffiert und jetzt? Jetzt parkt der heute Vormittag bei meiner Nachbarin!”

“Ja, so ein Arsch!”

“Unglaublich! Und wie soll ich jetzt zum Tenniskurs? Mit meinem Fahrrad?”

“Leg doch deinen Kurs auf den Abend, dann kann dich nach dem Feierabend doch dein Mann fahren.”

“Naaa, das geht nicht, da muss ich meinem Beruf als Hausfrau doch nachgehen, sonst wird mein Mann wieder fuchsteufelswild und ich habe wieder blaue Flecken und kann nicht Tennis spielen. Der Rudi is a Saukerl! Der Rudi ist einfach a Saukerl!”

Des einen Tod, des andern Brot

Omma ist tot. Einfach so. Herzinfarkt. Direkt im Beichtstuhl. Einfach umgekippt. Bums. Tot. Der Pastor konnte nur noch den Tod von Omma feststellen.

Er hatte dann die Aufgabe, die Angehörige zu benachrichtigen. Dreizehn Briefe in sieben Bundesländern mit drei Kreuzen auf dem Umschlag. Zudem ging er zu dem von Omma erklärten Notar. Dieser verschickte den Termin zur Testamentseröffnung, der einen Tag vor der Beerdigung sein sollte.

Der Bischoff, der gerade zu einem Besuch beim Pastor verweilte und über das letzte Abendmahl referierend mit der kirchlich organisierten Seniorenbetreuungsgruppe in einer Konditorei saß, zeigte sich erschüttert. Jedoch äußerte er auch sofort, dass es allein Gottes weiser Ratschluss gewesen sei, nach der vollzogenen Beichte diese gutmütige und herzensgute Omma zu sich zu berufen. Und man solle sich an der Gläubigkeit der Omma ein Beispiel nehmen. Denn er hatte erfahren müssen, dass Missgunst um jene beschützenswerte und gottgesegnete Omma geherrscht haben soll und der Pastor ihr edel, mutig und gottesfürchtig immer beigestanden habe.

Zwei Tage nach dem Verschicken der Briefe tauchte die Verwandtschaft auf. Sie war überrascht, dass die Beerdigung binnen vier Tagen geschehen sollte. Ein Abschied von der Verstorbenen am Sarg hatte der Pastor in der Aussegnungshalle angesetzt. In der Andacht sollte die vom Herzinfarkt dahin geraffte Omma aufgebahrt werden und nach der Andacht könne jeder persönlich Abschied nehmen. Weiterlesen

Das Angebot von gestern

Das ultimative Angebot: …

“Sie wollen einen Job?”

“Ich könnte es mir vorstellen.”

“Sind Sie qualifiziert?”

“Aber so etwas von. Da werden sich alle Ihre Fingerchen nach lecken.”

“Schön.”

“Ja. Und?”

“Ich hätte gerne von Ihnen ein Kurzprofil und den Lebenslauf. Aber anonymisiert.”

“Wie?”

“Anonymisiert.”

“Häh?” Weiterlesen

Unter einem Schutz und Schirm

Liebe Fluggesellschaft,

ich habe deine Email erhalten und ich bin begeistert: so bunt, viele Buchstaben und tolle Bilderchen! Und du hast mir ex pressis verbis geschrieben, dass du meine Daten schützen wirst. Einerseits weiß ich, dass du mir diese Email doch nur aufgrund der Datenschutzgrundverordnung DSGVO schickst. Aber andererseits finde ich es einfach nur klasse, dass du für den Schutz meiner Daten jetzt sogar bis zu den höchsten Gerichten dieser Welt klagen wirst, wenn wieder diese  regierungsstaatlichen Datensaugerorganisationen wie NSA (USA), GAB (China), GCHQ (UK), BR BRENS (FR) oder BND (BRD) bei euch im Computersystem rumstöbern. Da fühl ich mich rundum gesichert. Das muss ich hier mal deutlich sagen.

Gesichert. Und zwar genau so sicher wie bei dem Polizeiaufgabengesetz Bayerns, gegen dem nur irgendwelche dahergelaufenen Strolche, lebend in Bayern und wohlmöglich auch noch irgendwelche Zuàgroàsdà („Zugereiste“), Weiterlesen

Kneipengespräch: Der Sabbernde gärt voll Odium.

Tresen 0

“Doris sagt: ‘Geh voraus, Otto’.”

“Wie?”

“Du siehst grundsätzlich vögelnde Organe.”

“Häh?”

“Donnerstag schreibt Günther versaute Orthografie.”

“Herr Oberspielleiter! Nehmen Sie dem Knilch mal das Kölsch weg! Der dreht hier unrund!”

“Diese Sachlage gibt verdammte Ordnung.”

“Tickst du nicht mehr ganz sauber?”

“Ich versuche nur diese dusselige Abkürzung zu entschlüsseln. ‘DSDS’ musste ich vier Wochen lernen, ‘GNTM’ einen ganzen Monat und für ‘IBESHMHR’ brauchte ich zweimal vierzehn Tage. Und dann erst ‘MUSIDWNIOUISIDIMW’, das war hart.” Weiterlesen