Hallo, Herr Nachbar! Wie geht’s?
…
Jaja, dieses neue Krankheit, diese EHEC, die ist echt gefährlich.
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Jaja, in unsere Firma haben die inzwischen neue Klobrillen montiert. Die aus den Autobahnraststätten.
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Nein, doch nicht die verklebten Zugeschissenen. Sondern die, die da wo die Brille sich durch einen Desinfektionsschwamm drehen lässt.
…
Wie? Die kennen Sie nicht? Na, da müssen Sie mal wieder die Autobahn fahren. Da lernen Sie die kennen. Ich sag nur, High Tech. Sie drücken nen Knopf und bzzzzzzzzzzzzzzt, dreht sich die Brille. Einfach genial. Nur, wenn Sie gerade während Ihres großen Geschäfts auf den Knopf drücken. Dann geht’s aber rund, he he he.
…
Nein, wir haben in der Firma noch keinen Fall. Aber man kann nie wissen. Die Kantine hatte letztens Gurkensalat ausgegeben. Hat keiner angepackt. Ich auch nicht, bin doch nicht blöd. Zu viel Naturkost schadet.
…
Wie? Die Gurken waren es nicht? Wer denn nu?
…
Aber einer muss es doch gewesen sein! So einfach kann man uns doch nicht abspeisen.
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Das hängt sicher mit der EURO-Krise zusammen. Jeder kennt den Griechischen Salat, den mit den vielen Gurken. Und dann Gurken aus Spanien. Alles Krisenländer. Die wollen uns vergiften.
…
Ja, hab ich verstanden, die Gurken waren es nicht. Ich tippe eh auf Italien. Bei soviel Zügellosigkeit, Bunga-Bunga und so, EHEC kommt garantiert aus Italien.
…
Durch Nachdenken bin ich draufgekommen.
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Freilich kann ich das. Reine Logik, Herr Nachbar. Hab schließlich Abitur, ne.
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Gut, für nen Doktor hat es nicht gelangt. Aber dafür war ich West-Paderborner Stadtmeister in Mikado.
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Nein, nein, nix Stäbchen oder Beamten-Mikado. Mikado ist eine Kampfsportart. Damit kann man aus nem Herrenfahrrad ein Damenfahrrad machen.
…
Jaja. Was ich sagen wollt, das EHEC ist sicher italienisch. Durchfall, den kriegt man auch, wenne zu viel Fett isst. Und da sind mir die Fettuchini eingefallen, nicht wahr. Da steckt das Fett doch schon im Namen. Und dann bin ich auch noch persönlich bedroht. Bei mir ist noch ne Packung Fettuchini im Schrank. Die werd‘ ich weg werfen. Sicher ist sicher.
…
Och, das meinen die nur. Bakterien, ha. Glaub ich nicht, ich kau immer alles sorgsam durch, da gehen die dabei kaputt, werden von mir höchstpersönlich total zermamlt. Nein, nein, ich glaub eher, das EHEC kommt aus Italien. Die Ihtacker wollen davon ablenken, dass die bei dem ganzen Bunga-Bunga den Euro versenken. Das ist ne Geschlechtskrankheit, nicht wahr. Bunga-Bunga, wissen se?
…
Wie? Na denn, auch noch schönen Abend. Und Gummi nicht vergessen, sonst gibt’s Durchfall!
…
So ein Arsch. Hat’s Fenster zugeknallt. Wahrscheinlich auch so ein Hinterlader. Wenn 2/3 der Durchfall-Erkrankten nu Frauen sein sollen und Gurken verdächtig sind, das sagt doch schon alles. Ich wette, EHEC kommt vom zu vielen Bunga-Bunga. Die sollten sich mal alle beherrschen, dann gäb es auch weniger Krankheiten auf dieser Welt, nicht wahr …
Schlagwort-Archive: notizen an das leben
Schreibzwang – Quäl Dich, Du Sau!
Eingepfercht zwischen Chomsky, PentAgrion, Metterling, Coster und dem eigenen Sprachvermögen
Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20
***
»Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen.« Aristoteles
Meine Bemühungen, mich durch die Papiere des PentAgrion zu arbeiten, waren enorm. Die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung, die verwendeten Worte, das verwirrte mich schon erheblich.
Hatte der Autor der Papiere keine normale Schreibmaschine, als er die Papiere niedertippte? Der Buschstabe »ß« oder Umlaute oder Kommasetzung waren dem Autor entweder unbekannt oder die Schreibmaschine klemmte bei diesen Buchstaben, als er den Text tippte. Es blieb mir nichts anderes üblich, als mir mehrfach einzelne Sätze laut vorzulesen, um das Beziehungsgeflecht der Worte auf der Spur zu kommen. Manches Mal kamen mir schon erhebliche Zweifel, ob ich wirklich ein Manuskript von PentAgrion vor mir haben könnte.
Im Grunde las ich es wie ein Pawlowscher Hund: Das Manuskript vor mir wollte ich nur lesen, weil ich glaubte zu wissen, dass dort für mich etwas großartig geheimnisvolles auf mich wartete. So wie man von Büchern mit dem Untertitel »Biographie« bei dem Leser automatisch erlesbare Lebensweisheiten vermutet, so vermutete ich wohl in den Papieren das Ei des Kolumbus zu finden. So wie das Klingeln den Speichelfluss bei dem Pawloschen Hund bewirkte, weil der mit dem Klingeln Essen verband, so glaubte ich, das große unbekannte Geheimnis unserer Zeit vor mir zu halten. Mittels den klassischen Theorien des »Behaviorismus« könnte dieses Verhalten wohl eingeordnet werden. Umso größer war denn meine Verwirrung, weil ich nichts von dem wiederfinden konnte, was ich bereits im Vorfeld dieser Papiere erfahren hatte.
Wer war der Autor dieses Traktaks? Hätte es nicht PentAgrion sein müssen? Ich fand keinen Hinweis drauf. Weder auf PentAgrion als Autor noch im Inhalt auf den selbigen. Erhofft hatte ich mir auch, eventuell mehr über Stijn Van de Voorde, jenem Radiomoderator des flämischen Senders »studio brussel«, zu erfahren. Aber noch nicht mal auf diesen Radiomoderator fand ich Hinweise.
Einen dunklen Zusammenhang zwischen dem flämischen Radiomoderator und den Papieren des PentAgrion erkannte ich nur in einem Punkt, dass Schreibmaschinen in Belgien wohl keine deutsche Sonderbuchstaben besitzen. Ohne Zweifel hatte ich vor mir eine Materialsammlung, die es in sich hatte. Eine Sammlung, die durchdrungen werden wollte, die aber ihr Geheimnis nicht einfach für umme rausgeben wollte. Mir fiel dabei Avram Noam Chomsky ein, der Antipode des »Behaviorismus« (manche nennen ihn auch den Totengräber eben dieser selben). Avram Noam Chomsky ging davon aus, dass alle Menschen mit der Fähigkeit zum Spracherwerb geboren werden, weshalb Kinder das größte Potential haben, um Sprachen zu erlernen. Dafür bedarf es allerdings eine bei der Geburt vorhandenen Konstitution, einen Spracheninstinkt. Auf dieser Annahme hin hat er auch versucht, die Sprache nicht aus einer Zusammensetzung von Worten zu sehen, sondern aus als ein einheitliches Gesamtes mit gemeinschaftlichen Strukturen zu betrachten. Diese Art, eine Art Reverse Engineering mit der Sprache zu betreiben, musste auch PenAgrion bereits aufgefallen sein, so wie ich es bereits bei meiner Suche nach dessen Papieren erfahren hatte.
Und ebenso versuchte ich nun an dem Text heranzugehen, der vor mir lag. Notfalls laut lesend. Mehrfach. Aufsplitternd. Zerlegend. Erneut zusammensetzend. Eine andere Chance sah ich für mich nicht. Oder wie sollte ich Sätze verstehen wie die folgenden:
Definition von Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Wechselwirkung des aktuellem Potentials der Denkbarkeit von Tatsaechlichem mit Tatsachen die in der Zeit entstehen aus aktuellem Potential Annaeherungsmoeglichkeit von Tatsaechlichem der Wuenschbarkeit fuer Tatsaechliches.
oder
Totalitaerespirale bezieht sich darauf dass in der Zeit identisch ist abnehmende Denkbarkeit von Tatsaechlichem der Minderung des Beeinflussungspotentials von Tatsaechlichem. Phaenomen das Begriff Totaliaerespirale bezeichnet ist, dass Verschlechterung der Verhaeltnisse in der Zeit implizit ist im Zusammenfallen von Zunahme aktueller Nachvollziehbarkeit gesetzter Wuenschenswertheit der Denkbarkeit der Verhaeltnisse und aktueller Abnahme der Denkbarkeit der Verhaeltnisse.
Der Kopf rauchte mir. Hatte ich etwas übersehen? Was sollte mir der Text sagen? Sollte er mir überhaupt was sagen? Mir fiel eine Geschichte von Woody Allen ein, über »Die Metterling-Listen«. Das Leben von Metterling wurde anhand von seiner Wäscheliste rekonstruiert. Metterlings Lebensabschnitte wurden mit sechs seiner Wäschelisten rekonstruiert. 25 Taschentücher auf einer seiner Wäscheliste ließen sich problemlos dem Zeitraum zuordnen, als Metterling bei Sigmund Freud auf dem roten Sofa lag und sich seiner Beziehung zu seinem Vater Gedanken machte.
Zusammenhänge, die offensichtlich sind, können wie abstrakte Gebilde in den Gedanken hängen und sich zu unwirrschen Gebilden formen. Dabei ist das Offensichtliche manchmal doch so nah. Vielleicht las nicht richtig und interpretierte alles nur falsch: Vielleicht sollte ich alles so annehmen wie es in den Papieren geschrieben stand:
Annahme von Objektivität ist in jedem Verhaltensmoment neu zu motivieren.
Ich gestehe, ich habe nach diesem Satz die Papiere so genommen, wie sie waren, und sie diagonal durch den Raum in die entfernteste Ecke gepfeffert. Spontan. Verärgert. Sauer.
Wie konnte jemand nur so etwas schreiben, der sich über unsere menschlichen Versuche der multilingualen Kommunikation Gedanken gemacht haben soll? Der wie ich einmal von einem Freund erfuhr spöttisch über die ungelenken Versuche der Menschen philosophiert haben sollte, mit Hilfssprachen wie Volapük, Esperanto, dessen Weiterentwicklung Ido und dergleichen Universalsprachen internationale Kommunikation zu ermöglichen. Solchen Weltsprachen schwingt immer die Drohung mit, dass kulturelle Unterschiedliche dabei unterm Tisch fallen und verschwinden. Diese kulturelle Gleichmacherei über eine Hochsprache zeigt sich wie beim Kölsch in Köln oder beim Bayrisch in Bayern, wo sich immer mehr das Hochdeutsch durchsetzt. Nein, es ist nun nicht so, dass niemand mehr diese Dialekte haben will. Vielmehr sehnen sich viele danach, an diese besondere sprachliche Charakteristik. Sie versuchen den Dialekt zu imitieren, scheitern aber.
Kabarettisten, die einen Dialekt, eine sprachliche Eigenart beherrschen, steigen mit dieser Ausdrucksweise in der Gunst der Zuschauer. Diese Eigenart ermöglicht immer den inneren Überdruck einer beschriebenen Situation wegzulachen. Das Lachen als ein biologisches Überdruckventil ausgelöst durch eine von der Hochsprache abweichende Eigenart. Kurz nach der Wiedervereinigung war die Anwendung der sprachlichen Masche deutlich zu beobachten. Wollte ein Filmemacher Humor in seinen Filmen ausdrücken, dass ließ er jemanden auftreten, der sagte nur zwei belanglose Sätze in sächsisch und schon lagen alle Wessis vor Lachen am Boden.
Der Effekt hat sich allerdings abgenutzt. Unsere Wahrnehmungsstrukturen haben sich dahin gehend geändert, dass inzwischen Legasthenie-artiger Humor sich durchgesetzt hat, der assoziativ bei Hartz-4-Empfängern angesiedelt ist, und schon mit einer Stadionfüllung das Guiness Buch der Rekorde füllte.
Der eigentliche echte Politik-Kabarettist erfreut sich üblen Anfeindungen der Presse. Die hält solchen Kabarett-Humor nicht humorvoll sei. Mit dem seltsamen Verweis auf Werner Finck wird die polit-kabarettistische Kritik an bestehenden Verhältnissen inzwischen als ungehörig abqualifiziert und in die Meckerbubenecke verschoben. Zwischen Cindy von Marzahn und Dieter Nuhr bewegt sich eine neue journalistisch hofierte humoristische Welle. Ein Priol, Schramm, Pisper oder Schmickler sind nicht mehr die Gefeierten sondern das Ziel abwertender Kritik geworden. Überbringer schlechter Botschaften waren schon immer in der Bedrohung dafür zumindest übelst geschlagen zu werden. Wie Werner Finck.
Dem Flug des gehefteten Papierstapels zu verfolgen, wie jede einzelne Seite plötzlich mit seinen Eselsecken in der Luft ruderte und den Flug zu verlängern schien, das Geräusch wie von einem aufgescheuchten Taubenclan und dann das hell-dumpfe Aufklatschen an der Wand, das ratschende Geräusch des Runterfallens, der Aufprall
dann die Stille. Ein kleiner Zettel hatte sich aus dem Verbund gelöst und flatterte als Nachzügler ohne Eile dem Boden entgegen.
Stille.
Nein, auf besonderem Papier waren die mutmaßlichen Papiere des PentAgrions nicht getippt gewesen. Und der Flug der Papiere haben mir auch keine neue Offenbarung gegeben. Ich hockte in meinem Schreibtischsessel und schaute auf das Papiergewusel in der Ecke. Die Papiere bewegten sich nicht mehr. So konnten sie aber nicht liegen bleiben. Seufzend stand ich auf, ging in die Ecke und hob den Papierstapel auf, ordnete ihn, stellte fest, dass die Papiere des PentAgrions sogar eingeschränkt flugtauglich sind und schlug willkürlich eine Seite auf:
Die Artikulierungsfaehiger sind, fuer die Potential von Wirklichkeit groesser ist, leben emotional davon darum zu wissen und damit rechnen zu koennen, wie weniger artikulationsfaehige sich an der Begrenztheit ihrer Wirklichkeit stossen: Schmerzen des sichstossens sind Negativ der Lebensform von Artikulationsfaehigerem. ( ) Im Ausmass in dem Artikuationsfaehigkeit nicht gegeben ist, kann eigenes Leiden nicht mit Etikett versehen werden. Im Leiden ohne Etikett vergroessert sich psychischer Raum ins Unendliche und nimmt den der Summe von Abscheidung von Sichentfernen an, das ist von Wirklichkeit. Ausbeutung besteht darin negative Emotionen zu provozieren, Psyche davon zu naehren: sich die Wirklichkeit eigener Existenz bestaetigen zu lassen.
Schön.
Fast ganz verstanden.
Toll.
Aber immer wieder diese Sätze ohne Punkt, Komma, Groß- und Kleinschreibung.
Nervend.
Mein Blick fiel auf den kleinen Zettel am Boden. Ich hob ihn auf.
»Jeremias Coster, Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen« stand drauf zu lesen. Von Jeremias Coster hatte ich bereits im Internet gelesen. War es nicht im Zusammenhang mit Stijn Van de Voorde? Ich versuchte mir den Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Aber meine Gedanken kamen nur bis zu jenem Gebilde, was sich mir wie ein schwarzes Loch vorkam.
Schwarz?
Schwarz.
Da war doch was.
Das schwarze Internet?
Nochmals schaute ich auf den Zettel. Unter dem Namen war die Adresse zu lesen und beinahe unleserlich eine Telefonnummer: 0241… . Ja, es war eine Aachener Telefonnummer. Ich ergriff den Telefonhörer und wählte die Nummer. Die Leitung blieb stumm. Ein erneuter Versuch. Der gleiche Effekt. Unwillig tippte ich auf dem Ziffernblock und plötzlich erhielt ich ein Rufzeichen. Ich unterbrach den Anruf und schaute genauer auf den Zettel. Mir waren die letzten beiden Ziffern nicht aufgefallen. Allerdings waren sie auch unleserlich. Mir wurde klar, dass diese beiden Ziffern mir die Leitung zu Jeremias Coster herstellen würden.
Im Internet schaute ich auf den Seiten der RWTH Aachen nach. Aber ich fand dort kein Jeremias Coster an einem pataphysischen Institut der RWTH Aachen, geschweige denn fand ich überhaupt ein pataphysisches Institut. Ich tippte »Jeremias Coster« und das Wort »PentAgrion« in den Eingabebereich der Suchmaschine ein, drückte die ENTER-Taste und erstarrte: Die erste Seite war voll von Ergebnissen mit beiden Begriffen! Was war das? Das schwarze Internet?
In meinen Hirnwindungen kam eine Erinnerung zurück. Die Erinnerung zu den Anfängen meines PentAgrion-Fiebers und die Suche nach den Papieren.
Ich schaute nochmals auf den Zettel und drehte ihn um.
Eine Skizze, ein Plan. Ein Lageplan mit einer markierten Stelle. Eine Bahnstrecke. Ich drehte den Zettel erneut um und hielt ihn unter meiner Schreibtischlampe. Aber ich konnte die letzten beiden Zahlen der Telefonnummer nicht entziffern. Absolut unleserlich. Gefrustet knüllte ich den Zettel zusammen, steckte ihn in meine Hosentasche und ergriff wieder die Papiere. Erneut wollte ich den Kampf mit der seltsamen Sprache des Dokuments aufnehmen. Durchatmend schlug ich eine Seite auf und fing einfach an zu lesen:
Zweijährige Arbeit am Konzept waere nicht anzufangen und zu Ende zu bringen gewesen, wenn nicht einige Leute ausserhalb ihres Weges gegangen waeren. Diesen Leuten wird hier dank ausgesprochen. Ansatz waere nicht zu entwickeln gewesen ohne die Arbeit von Karl Schneider der bis zu seinem Tode 1980 an Gruppentheorie gearbeitet hat.
Karl Schneider.
Später verbrachte ich Tage in Hochschulbibliotheken, aber einen Karl Schneider gestorben im Jahr 1980 in Zusammenhang mit Gruppentheorien fand ich nicht. Im Internet? Ebenfalls nichts. Karl Schneider. Ein Allerweltsname. Eine Spur, von der ich dachte, sie wäre heiß, diese Spur war kalt.
Da lag es also vor mir, das lang gesuchte Dokument. Aber es sprach nicht zu mir. Papier ist geduldig, sagt man. Aber ich bin nicht aus Papier. Frust scheint wohl ein steter Begleiter bei der Suche nach dem Geheimnis von PentAgrion zu sein.
Es kommt! Morgen kommt’s!
Osterhasenalbtraum. Morgen ist es wieder soweit. Und das Wetter soll auch mitspielen. Es wird heiß für unsere Schokolieblinge … :
Ein Beitrag zur Vernunft von Herrn Brezner
Ohne Kommentar meinerseits:
Wenn der eigene IPAD mal wieder ausgefallen ist …
Zweimal Damokles, zwei Epigramme, ein Gedanke
Werner Finck (1945)
Am seid’nen Faden hing ein Schwert,
Sich auf mein Haupt zu laden.
Glaubt ihr, dass mich das Schwert gestört?
Mich schreckte nur der Faden.
Erich Kästner (1945)
Schau prüfend deckenwärts!
Die Nähe des möglichen Schadens
Liegt nicht in der Schärfe des Schwerts,
Vielmehr in der Dünne des Fadens.
Blick zurück in den Zorn (oder: Kernschmelze des Vertrauens)
Anfang 1987 fand der damals frisch eingestellte Geschäftsführer der Hanauer Atomfirma „Transnuklear“, Hans-Joachim Fischer, falsche und überhöhte Abrechnungen der Abteilung Radioaktive Abfälle auf. Fischer erstatte Anzeige wegen Veruntreuung von Firmengeldern. Im April 1987 begannen die umfangreichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Ende 1987 erreichte der Skandal für nicht möglich gedachte Dimensionen. Kontaminierte Abfälle mit den radioaktiven Elementen Kobald 80 und Plutonium waren in Fässern als harmlosere Abfallstoffe deklariert worden. Diese Umdeklarierung hatten sich mehrere Mitarbeiter der Hanauer Firma „Transnuklear“ sehr gut bezahlen lassen. Fünfzehn Millionen D-Mark Schmiergelder sollen es gewesen sein.
Anfang Dezember tauchten dann die ersten falsch deklarierten Fässer bei der Preussag in Hannover auf. Immer mehr falsche Lieferungen wurden im Dezember letztendlich bei anderen Firmen entdeckt. Am Ende waren es 1942 Fässer. Kurz vor Silvester ’87 hatte der Skandal seinen Höhepunkt erreicht.
Die Firma SIEMENS war dabei im Atomdorf bei Hanau für ca. eine Milliarde D-Mark, eine Anlage zur Produktion von Mox-Brennelementen zu errichten. Das brisante dabei war, dass in Mox-Brennelemente das nach dem Höllenfürsten Pluton benannte Plutonium eingebaut wird. Mox-Brennstäbe bestehen aus einem Uran-Plutonium-Mischoxid.
Das Brennelementewerk sollte das bei der dort ebenfalls geplanten Wiederaufarbeitung von Brennstäben anfallende Plutonium zu MOX-Brennelementen verarbeiten. Die SIEMENS stellte die Anlage zwar fertig, konnte sie aber nie in Betrieb nehmen und verzichtet 1995 komplett auf die Pläne zur Inbetriebnahme.
Zuvor positionierte sich SIEMENS mit seinen Plänen bereits, nachdem sie im Umfeld des Hanauer Bestechungskandals ahnte, dass deren Pläne zum Umsetzen der Anlage problematisch werden würden.
Der Super-Gau von Tschernobyl aus dem Jahr 1986 war noch frisch in Erinnerung. Im September 1988 wurden 100 Eisenbahnwaggons mit Cäsium 137 verstrahlter Molke bei Rosenheim aufgefunden. Die Süßwarenfirma Ferrero stellte ihre Bewerbung deren Produkt „Ferrero Rocher“ mit dem Werbezusatz „mit Bizantiner Königsnüssen“ ein, denn nachdem die Bevölkerung mitbekam, wo Byzanz lag und wie es mit der Kontaminierung u.a.a. von Haselnüssen damals generell aussah.
Der im September 1998 gestorbene SIEMENS-Vorstandsvorsitzende Karlheinz Kaske sprach am 2. Februar 1988 in einer Münchener Pressekonferenz über den damaligen Skandal bei den Hanauer Atomfirmen. Zu einer möglichen Gefährdung durch falsch deklarierte Atommüllfässer meinte er:
„Nur 0,2 Milligramm Plutonium war in den Fässern. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“
Vielleicht hatte Karlheinz Kaske den damaligen Bayerischer Staatsminister für Umweltfragen Alfred Dick (CSU) als Vorbild. Dieser hatte im September 1988 medienwirksam einen Teelöffel Molke, welche mit Cäsium 137 belastete war und aus den 100 Rosenheimer Eisenbahnwagon stammte, vor laufender Kamera gegessen und dessen angebliche Ungefährlichkeit mit den Worten „Des tut mir nix!“ kommentiert.
Nur, hätte der Atom-Gourmet Kaske das gleiche mit einem Teelöffel Plutonium verseuchten Lebensmittel getan, ihm wäre ein Staatsbegräbnis sicher gewesen. Seinen Worten des „auf der Zunge zergehen lassen“ folgten keine Taten.
Ein Milligramm Plutonium strahlt mit 2,5 Millionen Becquerel. In Konsequenz nach den Strahlenschutzverordnungen Deutschlands hätte dann aber die Aussegnungshalle als „radioaktiv“ und der Friedhof als „strahlengefährdetes Gebiet“ gekennzeichnet werden müssen. Mit 0,2 Milligramm Plutonium lassen sich langfristig 5.000 Menschen in Gräbern befördern, welche dann für die nächsten 100.000 Jahre Sperrgebiet wären. Das würde sich niemand einfach mal so auf der Zunge zergehen lassen, wie es der damalige SIEMENS Vorstandsvorsitzende Kaske lächelnd in die Kameras verkündete.
Die Bemerkung von Karlheinz Kaske war damals von den Medien als Beruhigungsmittel gedacht gewesen. Die Bemerkung fiel in einer durch die Hanauer Atomfabriken „Nukem“ und „Alkem“ aufgeregten Athmosphäre. Und, sie wirkte. Die Bevölkerung war beruhigter.
Jetzt wurde in der Umgebung von Fukushima Spuren von Plutonium nachgewiesen. Spuren von Plutonium. Wer möchte sich diese auf der Zunge zergehen lassen?
Vielleicht könnten sich diejenigen freiwillig zum Kernbrennstäbe putzen melden, welche jetzt meinen, dieser Fund wäre unbedenklich. TEPCO sucht sicherlich noch paar Freiwillige in Schutzanzügen, die deren schmelzende Brennstäbe runterkühlen … .
Quelle des Zitats von Karlheinz Kaske: „Süddeutsche Zeitung“ vom 3.2.1988, Nr. 27
Ein wichtiger Hinweis
Ein guter Artikel.
Ein sehr guter Artikel.
http://tautenhahn.blog.de/2011/03/26/woche-zeichen-krisen-10894220/
Vielleicht macht er ohnmächtig. Aber er steht in der (jungen) Tradtion (?) von Stéphane Hessel Buchs „EMPÖRT EUCH“.
Der Autor des Artikels mag streitbar sein und nicht immer stimme ich ihm zu, aber dieser Artikel gebührt meine Empfehlung.
Gedanken von mir dazu finden sich hier:
http://tautenhahn.blog.de/2011/03/26/woche-zeichen-krisen-10894220/#c15386198
Aber es sind nur wenige Gedanken zu einem so guten Artikel.
Danke, Andre.
Urknall des Überlebenskampfes: Am Anfang war das Feuer …

Na also, es geht doch. Die ersten Bilder aus Lybien. Ganz ohne Zensur von Gaddafi. Fast so schöne Explosionswolken wie bei „Stirb langsam II“. Yippeajei, Schweinebacke!
… Und ganz oben wird der geneigte Leser wiederfinden, dass auch „1860 München“ ums Überleben kämpft …
So ist das Leben.
Ein feuriger Überlebenskampf …
Libyen, eine deutsche Blamage und was uns sonst noch fehlt …
Da tobt also die Presse von links bis rechts:
Westerwelle habe Deutschland blamiert.
So was dummes aber auch.
Da hat Deutschland gerade mal nen temporären Platz in der UN-Sicherheitsexpertenrunde und da macht das D-Land nicht das, was alle machen: Kriegerische Handlungen absegnen.
Wenn ich die renommierten Zeitungen jenseits des Boulevards lese, dann kommt mir der Eindruck, Deutschland habe einer dummen Minderheit gefolgt, den Einsatz gegen Libyen nicht zu legitimieren. Minderheit.
Wenn man dann so am Rande liest, dass die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) sich ebenfalls nicht für einen Militäreinsatz in Libyen …
Moment! Über Libyen. Denn es ging um die Lufthoheit in Libyen, nicht um die Bodenhoheit. Das sollte nicht vergessen werden, wenn Panzer und Truppen vor Bengasi aus der Luft von alliierten Kampfflugzeugen angegriffen werden. Panzer und Truppen können bekanntlich nicht fliegen, aber dieses Detail interessiert niemand. Eine UN-Entscheidung wird mal locker zum Gummiband degeneriert.
Flugverbotszone?
Haut weg, die Truppen von Gaddafi. Mit Bomben und Raketen. Schließlich geht es um den Schutz der apostrophierten „demokratischen“ Rebellen. Rebellen gegen Diktatoren sind automatisch gut.
Und schützenswert.
Sowieso.
Na, da werden wir ja wohl mit dem Angriff gegen Libyen auch militärisch die Bewegungen in Bahrain unterstützen, die niedergeschossen wird. Und die Widersacher bei den Diktatoren der Saudis demokratisierend aufräumen. Und überhaupt die seit 20 Jahren erwartete Demokratie in Kuwait, die soll dann wohl auch mit dem Frühlingsanfang endlich Einzug halten … .
Wurde eigentlich damals in der UNO in Sachen „Dafur-Konflikt“ (Sudan) genauso für einen Eingriff parliert? Hm. War da was? Ich glaube nicht.
Und Somalia? Ich mein, gleich eingreifen und die Piratenfraktion das Lebensgrundrecht entziehen. Was ist mit Kenia? Stimmt. Da wollten wir ja Waffen hinliefern, die uns die somalischen Piraten entführt hatten. Seitdem kreuzen dort Schiffe der Armeen und bewachen die Rüstungsexporte. Kenia gut, Somalia schlecht. Beide Länder sind alles andere als freiheitlich und demokratisch zu klassifizieren. Das eine entspricht Afghanistan, das andere liegt so zwischen Mubarak und Gaddafi.
Und was ist mit China? Dort werden politische Gegner gleich weg gesperrt und erhängt von den dortigen blutrünstigen Machthabern! Die sind genauso so wenig zimperlich wie der Herr Gaddafi. Wieso greift in China niemand ein? Ach, stimmt. Ich vergaß. Wir machen dort ja gute Geschäfte und der chinesische Markt hilft uns aus der Krise. Da sind uns die Demokratiebestrebungen der Leute dort herzlichst egal.
Nur Libyen, die Obersau von Terrorist, der Lockerbie-Bomber, der hatte sein Land nicht mehr im Griff. Vorher war ja alles so toll. Der Gaddafi, sein Öl, seine Armee, welches als Bollwerk für die EU taugte. Und jetzt haut der mit den Rüstungsgütern, die er sich von den Waffenhändlern der 1. Welt zusammen gekauft hat, seine Bürger kaputt. Und der Ölexport nach Europa klappt auch nicht mehr, stattdessen nur Boat People, die nur wegen des Wohlstandes nach EU kommen…
NATOd, übernehmen Sie.
IMHO haben sich unsere oberen Herrschaften Deutschlands, die Westwelles und Merkels, bereits schon lange vorher blamiert, dass sie Nordafrikanische Staaten als stabile und unterstützendwerte Länder klassifizierten, welches sie wohlwollend betrachteten. Und eine wie auch immer geartete Blamage kam nicht mit der Enthaltung im UN-Sicherheitsrat, wo Deutschland am gleichen Strick wie die BRIC-Staaten (Vertreter der Mehrheit der Menschen dieses Globus, so am Rande mal erwähnt, was ich jetzt mal nicht als deren moralische Legitimation verstanden wissen möchte, aber das ist USA und EU ja auch nicht) gezogen hat. Ist ja freilich verwerflich…
Wer es vergessen haben sollte, Haiti liegt immer noch im Erdbebenschutt, den auch Japan gerade neben seiner AKW-Zerstörung bekämpft. Das letztere Land interessiert uns aber erheblich stärker als Haiti oder den 30000 Flüchtlingen in Brasilien wegen den Regenüberschwemmungen.
Oder will wer wissen, dass im worst-case BMW und Daimler seine Produktion hier einstellen muss, weil wichtige elektronische Schaltteile in Japan nicht mehr hergestllt werden?
Eben.
Was ist Haiti uns wert, wenn Japans Wirtschaft Brüderles „XXL-Aufschwung“ im Exportbereich hindern könnte.
Und was hat das mit Gaddafi und der Sperrung seines Luftraums zu tun?
Nun, ich weiß allerdings, dass Gaddafis Sohn den bayrischen KTG in seiner Copy&Paste-Leistung übertroffen hat (die Internetschwarmintelligenz demaskiert inzwischen auch dessen Doktorarbeit und Gaddafis Sohn war ein erheblich besserer Kopierer als KTG), dass Gaddafis Familie vor einem Jahr auf dem Wiener Opernball noch ein gern gesehener Gast war, dass Gaddafi selber vormals in der EU keine persona-non-grata war.
Weil aber die Widerstandsbewegung gegen Gaddafi sich als Windei herausgestellt hat, wollen alle von außen eingreifen. In Tibet, Birma, Dafur und in anderen Ländern wurde zugeschaut. Warum nur?
Dieses Eingreifen ist in meinen Augen ein erneuter Sündenfall und dass Deutschland dabei nicht mitspielt, hat nichts mit moralischer Überlegenheit zu tun, sondern eher von dem Gleichnis von dem mit Blindheit geschlagenen Huhn, der neben dem Gockel auch mal groß da stehen möchte.
Aus dem Bürgerkrieg wurde ein internationaler Krieg.
Meine Buchempfehlung: What Every Man Thinks About Apart From Sex
So heißt das Buch, das ich an dieser Stelle dem geneigten Leser trivialer aber tiefgründiger Literatur vorstellen möchte. Die englischsprachigen Autoren Sheridan Simove und Shed Simove haben über eines der unergründlichsten Themen geschrieben: „An was jeder Mensch denkt, abgesehen vom Sex“.
Um es kurz zu machen, das 200-seitige Buch ist binnen einer Minute zu lesen. Trotzdem erzählt es alles, was der wissbegierige Leser dazu wissen möchte und nie zu fragen wagte. Obwohl es einen provokanten Titel hat, lässt sich das Buch überall problemlos lesen: im Kino, vor der zwischen Börsenbericht und Tagesschau, während der Halbzeitpause eines Fußballspiels, beim Umdrehen der DVD „Sex and the city“ für die eigene Frau, ja selbst kurz vor einem katholischen Gottesdienst lässt sich das Buch schnell durchschmökern.
Der Grund dafür ist einfach und verständlich: Die Seiten des Buchs sind alle leer. Unbedruckt. Zweihundert Seiten tiefgründigster Abhandlung über die Gedankenwelt der Menschen jenseits von Sex auf leeren Seiten. Das sagt alles.
Und der Preis liegt bei umgerechnet 9,99 Euro. Für 200 Seiten ein Schnäppchen. Beim deutschen Amazon hat das Buch zwar nur Platz 161 der englischsprachigen Bücher inne. Jedoch beim britischen Amazon-Buchhandel belegt das Buch bereits Platz 146 der totalen Bestseller-Liste (4,5 Sterne).
Zur besseren Einordnung dieser statistischen Angaben für den Leser:
Thilo Sarrazins Buch belegt bei Amazon UK den Bestsellerplatz 38,233 und kostet dafür dort in der Hardcover-Ausgabe das Doppelte (wohl weil es doppelt so viele Seiten hat), die dann auch noch tatsächlich beschrieben sind. Eine Leseprobe als Vergleich mit dem Buch von Sarrazin zeigt, das Buch von Sheridan Simove und Shed Simove liest sich einfacher und hat genau die gleiche gedankliche Höhe wie bei Sarrazin.
Ergo: Klare Kaufempfehlung für Leute, die eine besser lesbare Version von Sarrazins Buch.
Für Freunde des wortlosen 200-seitigen Buches über die Gedankenwelt der Männer, hier ist der Link zum Bestellen bei Amazon-UK
What Every Man Thinks About Apart From Sex
und bei Amazon-Deutschland
What Every Man Thinks About Apart From Sex
Wenn der Wind weht
Ich kann heute nicht erkennen, dass unsere Kernkraftwerke nicht sicher sind, sonst müsste ich ja mit meinem Amtseid sie sofort abschalten, sagte heute die Kanzlerin Angela Merkel.
Wie versprach sie noch den Bürgern am 6.9.2010, nachdem die Laufzeitverlängerung als mit dem absurden Begriff dieser als „Revolution in der Energieversorgung“ den Medien verkauft wurde:
„… dass die Unternehmen auch in den nächsten Jahren noch erhebliche Summen in die Sicherheit investieren müssen. Denn Sicherheit geht vor und wir haben heute schon die sichersten Kernkraftwerke der Welt.“
Die WDR-Sendung Monitor berichtete am 9.9.2010 unter dem Titel „Bundesregierung will Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke senken“ folgendes:
„Denn laut Bund-Länder-Liste müssen wichtige Nachrüstungen erst mittel- bis langfristig erfolgen. Beispiele: Die Vergrößerung der Flutbehälter, wichtig, für den Fall, dass das Kühlsystem des Reaktors ausfällt. Auf die lange Bank geschoben, ebenso die Trennung redundanter Sicherheitseinrichtungen. Also Systeme, die im Notfall unabhängig voneinander funktionieren sollen. Später vielleicht. Und auch der Austausch der Rohrleitungen. Laut Papier nicht so dringlich.“
Wie gut, dass die Flutbehälter nicht groß genug sind, dass Notsysteme offensichtlich voneinander abhängig sind und dass die Rohrleitungen auch nicht mehr dem aktuellen Standard entsprechen.
Wetten, dass Frau Merkel auch morgen mit ihrem Amtseid die AKWs nicht abschalten wird?
Denn an sich ist das ja nicht wichtig. Angesichts der sich materialisierten „worst case“-Szenarien im japanischen AKW „Fukushima-1“. Denn der Wind bläst ja momentan gen Pazifik.
Und alles ist gut …
… ob ich noch meine bereits geplante Dienstreise nach Japan antreten darf? …
Der Kommentar zum Donnerstag: Gibt es wichtigeres in Deutschland?
Es funktioniert. Ja, langsam aber sicher funktioniert es.
Die Übersättigung bricht sich ihre Bahn.
Nachdem der Mann per Copy&Paste sich seinen Doktor zusammengebastelte hatte und inzwischen mit dem Verlust seines Doktortitels bezahlte, höre in meiner Umgebung höre ich in meiner Umgebung immer öfters die Phrase, ob es denn nichts Wichtigeres gäbe als jenes leidige Thema „zu Guttenberg“.
Nun, was lernen wir daraus, wenn der Herr Ex-Dr. weiterhin im Kabinett beschäftigt bleibt, während andere für Frikadellen, Gebäck oder Pfandbons gekündigt werden, weil bei jenen die vertragliche Vertrauensbasis vom Arbeitnehmer mutwillig zerstört wurde?
Richtig.
Leistung muss sich wieder lohnen.
Und wer gut entlohnt wird, darf sich auch viel leisten.
Jene werden „Leistungsträger“ genannt, samt derer Fehler und Reue.
Die anderen werden entlassen.
Die Definition von „Leistungsträger“ hat bereits Thilo Sarrazin in seinem Buch niedergeschrieben: Als er bei der Bundesbank arbeitete und gutes Geld als Leistungsträger erhielt, hatte er seine Arbeit bis Dienstag Mittag erledigt gehabt und dann an sein Buch geschrieben.
Ich faule Sau, ich benötige für meine Arbeit 40 Stunden die Woche. Deshalb bin ich auch kein „Leistungsträger“. Ich arbeite zu lange.
Gestern sah ich die „Fragestunde“ und „Aktuelle Stunde“ im Bundestag auf dem Sender „Phoenix“:
Zu Guttenberg verhielt sich Demut simulierend aalglatt. Es steht berechtigterweise zu vermuten, dass alle seine Reue-Erklärungen und Selbstanschuldigungen Guttenberg als eine geritzte aber ehrliche Haut erscheinen lassen. Auch die BILD-Zeitung berichtet vollmundig, dass zu Guttenberg mit 87% Zustimmung der BILD-Leser seinen Job erledige.
Zu Guttenberg beendet somit seinen Gang durch eine Art Fegefeuer, welches er selber mit angefeuert hatte. Recht heiß sollte es erscheinen. Aber er bleibt weiterhin Verteidigungsminister und wird fleißig weiterhin un unsere Freiheit am Hindukush besuchen, wo diese angeblich mit bewaffneter Gewalt verteidigt wird …
In der „Fragestunde“ und „Aktuelle Stunde“ im Bundestag war das Geschrei auf den Abgeordnetenbänken recht groß. Leider waren die vielen Zwischenbrüller der CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne und Linken nicht zu verstehen. Zu Guttenberg stand dabei wie ein Fels in der Brandung der Aufregung und erklärte immer wieder, wie leid es ihm tue.
Irgendwer meinte heute zu mir – ich hörte diese Meinung zum zweiten Mal binnen 24 Stunden -, dass die Opposition nicht so laut schreien solle. Die hätte doch auch alle Dreck am Stecken.
Und dabei fiel mir die FDP auf.
Stimmt, die FDP muss wohl sauber sein, denn während der ganzen Causa „zu Guttenberg“ hat die nichts dazu gesagt. Die ist genauso sauber wie die Bildungsministerin Schavan, die für Uni-Angelegenheiten ihren Job hat. Brutalst mögliche Aufklärung durch beredendes Schweigen einer Ministerin. Und von den anderen Laberköpfen wissen wir ja, dass die alle Leichen im Keller haben müssen, nicht wahr. Das Nichtauffinden dieser Leichen ist doch Beweis genug. Was bedarf es der Schwarmintelligenz eines Internets um eine Doktorarbeit zu diskreditieren. Die Bösen sind immer die anderen, die schreien. Denn wer schreit hat NICHT Recht. Oder hat wer zu Guttenberg schreien gehört? Na also. Dafür war da aber Reue, Demut und Entschuldigung medial zubereitet zu Hauf.
Gibt es denn nichts wichtigeres in Deutschland?
Klar, gibt es wichtigeres als jene Tugenden wie Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Anstand, welche immer wieder mal als Mangelware bei Deutschen durch die presse geistern.
Nichts wichtigeres? Aber sicher gibt es das:
Zum Beispiel Bankenrettung, Wahlen, HRE, Landtagswahlen, Afganistan, Wahlen, Eurorettung, Landtagswahlen, Leistungsgerechtigkeit, Wahlen, Exportweltmeisterschaft, medienwirksame Charity, öffentlichkeitswirksame Medienpflege und dann wieder Wahlen.
Aber weniger Hartz-IV, Armut, noch viel weniger die seit Jahren stagnierende Binnennachfrage und vor allem ganz und gar nicht die seit 10 Jahren stagnierende Löhne in diesem Lande, weil das kostet doch alles viel zu viel und bringt doch nichts … zudem soll sich der Staat endlich aus allen sozialen Dingen raushalten und es der freien Marktwirtschaft überlassen (wie Rente, Gesundheit, Pflege etc.), damit unsere so sehr verehrten deutschen Maschmeyers das Geld dahin schaufeln können, wohin es garantiert gehört: in private Taschen zum Zocken an deregulierten Börsen.
Mein Gott, jeder ehemaliger Ossi wird sofort aus den öffentlichen Dienst rausgeschmissen, wenn später bekannt wird, dass er gelogen hat und es Stasi-Notizen in Akten von ihn gibt (dazu muss jener noch nicht mal IM gewesen sein!), egal welchen Posten der beim Entdeckungszeitpunkt bekleidet hatte. Der wird dann geschmissen, weil der wegen unwahrhaftigen Angaben bei der Einstellung nicht mehr vertrauenswürdig sein soll.
Aber ein zu Guttenberg, der darf das, weil seine Beziehungen als Alumnus der „Atlantischen Brücke e.V.“ so brutal stark verankert sind, dass wir jetzt alle das Credo „Gibt es nichts wichtigeres im Lande?“ runterbeten sollen. Die Presse macht es uns am Altar der Merkel-Regierung vor und wir sollen es gefälligst kritiklos nachbeten.
Nö danke.
Nicht mit mir.
Diese Einlullungsmethode und Mundtot-Macherei erlaubt doch bestimmten Kreisen genüßlich in Eselsmilch zu baden und die Mehrheit der deutschen Bürger voll zu verarschen …
Denn das Wichtige in diesem Lande wird gar nicht erst angepackt.
Wozu auch?
Geht es den bestimmten Zirkeln etwa schlecht?
Na also.
Und falls es denen schlecht gehen sollte, dann schrauben wir an den da unten rum, bis die noch weniger haben. Warum soll es uns hier besser gehen als den Menschen in den Schwellenländern?
Ergo: Wir sind alle nur arme Würstchen in dem Spiel der Mächtigen.
Im Kommunismus kommt der Senf für die Würstchen, die die Mächtigen verspeisen, aus einem zuvor gemeinsam erarbeiteten Gemeinschaftstopf; in einer nicht-kommunistischen Diktatur wird den Würstchen der Senf heraus gepresst, bevor sie verspeist werden; in einer Demokratie dürfen die Wähler zwischen Löwensenf, mittelscharfen Senf, Dijon-Senf, Weißwurstsenf und so weiter wählen, mit denen die Mächtiger und Politiker ihre Leute nachher verspeisen …
Deutschland ist endgültig in der internationalen Gemeinschaft der Bananenländer angekommen.
Recht haben die da oben allesamt:
Und darum wälze Ich halte lieber mal die Klappe und stelle meine politische Arbeit in diesem Lande ein. Denn es gibt bezahlte, die es besser wissen, können, machen und dürfen.
Ruhe ist des Deutschen erste Bürgerpflicht.
Und Friedhofsruhe ist das Gold im Munde des zu früh aufgestandenen Deutschen.
Und keinesfalls des dabei gefangenen Wurms.
Amen.
Fernsehtipp: Film mit Wolfgang Neuss
Am Sonntag, den 6. März von 23:45-01:30 Uhr wird im Bayrischen Fernsehen die bissige Satire „Wir Wunderkinder“ gezeigt. Der 1958 veröffentlichte Film erzählt in Episoden die Zeit vom Wilhelminischen Zeitalter bis in die Adenauer-Ära der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Der legendäre Kabarettist Wolfgang Neuss verbindet zusammen mit seinem kongenialen Partner Wolfgang Müller als Erzähler die einzelnen Filmepisoden in galligen Moritaten. „Wir Wunderkinder“ wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem „Bundesfilmpreis“, dem „Filmband in Silber“ des „Deutschen Filmpreises“ und in den USA mit dem „Golden Globe“ als „Bester ausländischer Film“.
Quelle via TV-Browser
Der Films erhielt von Zuschauern die folgenden Bewertungen
– bei IMDb: 7,3 von 10.
– bei OFDb: 7,74 von 10.
– von mir: wirklich sehenswert.
Und dann bei dieser Gelegenheit noch gleich der nächste Hinweis:
Am nächsten Tag wird der Film „Herr Ober!“ von Gerhard Polt gezeigt: Montag, 21:15-22:50 Uhr im Bayrisches Fernsehen. Er ist zwar nicht soooo toll und gut wie der Film „Wir Wunderkinder“, aber doch recht anschauenswert und echt amüsant.
Anm.: Die oben angeführten Links öffnen neue Fenster, welche auf die entsprechenden Seiten von IMDb und von OFDb führen.
blog.de arbeitet mit Hochdruck an der Betriebstemperatur seiner Mitglieder …
Vorwort 27.01.2011:
Der beschriebene, verärgernde Missstand wurde von blog.de kurz danach behoben.
****
Mein Bad wurde renoviert.
Mein Vermieter hatte es nicht angekündigt.
Aber er hatte es direkt gemacht. Ohne viel Federlesen und von langer Hand vorbereitet.
Als ich nach Hause kam, war ich überrascht. Die Eingang in meinem Wohnblock war verschlossen. Ein mehrfach kopierter Zettel klebte an alle Eingangstüren und verkündete unisono:
Wartungsarbeiten.
Gut, dachte ich mir. Wenn es sein muss.
Ich bin eh der mehr gutmütige Mensch.
Nach ein paar Stunden – ich vertrat mir die Beine auf der Straße – kam ich schließlich rein. So fuhr ich direkt zu meiner Wohnung hoch, schloss auf und wollte direkt ins Bad. Es pressierte mir.
Aber das Bad war abgeschlossen.
Die Küche war auch nicht betretbar.
Gleichfalls abgeschlossen. Ich kam nicht rein.
Telefonisch war der Vermieter nicht zu erreichen.
Bis auf seinen Anrufbeantworter: Ich solle mich gedulden. Man habe im gesamten Häuserblock alle Bäder renoviert. Jedes Bad habe jetzt ein ganz niegelnagelneues Bad-System. Einfach vom feinsten. Nur könne es jetzt vorkommen, dass in bestimmten Wohnungen das Bad nicht betreten werde könne. Bei bestimmten Fällen sei sogar die Küche nicht erreichbar sei. Die Techniker würden mit Hochdruck an der Behebung dieses Missstandes arbeiten.
Als ich wütend den Hausflur durchstampfte, begegnete ich vielen anderen Mietern, denen es so ergangen war wie mir. Auf einen kleinen Zettel neben dem Aufzug las ich, dass dem Vermieter das von ihm verursachte Ungemach wirklich sehr Leid täte. Nur, er hätte es ja bereits angekündigt gehabt: Am Hausmeisterbrett unten bei den Kellerfächern.
Ich prüfte es nach.
Stimmt.
Er hatte nicht gelogen.
Das stand es: „Demnächst werden wir die Bäder renovieren.“
So sitze ich noch immer in meiner Wohnung und warte darauf, dass Techniker Bad und Küche mir aufschließen.
Gelogen?
Meine Geschichte ist erstunken und erlogen?
Stimmt.
Aber trotzdem fühle ich mich entsprechend hier bei „blog.de“, der Einführung eines niegelnagelneuen Bezahlsystems bei „blog.de“, dem Verlust meiner PRO-Mitgliedschaft trotz Überweisung der Dienstleistungsgebühr an „blog.de“ und dem Statement von blog.de
Leider können wir aber noch keinen konkreten Zeitpunkt benennen, ab dem alle Nutzer wieder ihren Pro-Status zurück haben. Wir bitten daher um eure Geduld, bis wir das Problem behoben haben.
Sollte es für diesen Ausfall nur die üblichen paar warme Worte geben, dieser Vorfall wäre nicht wirklich einfach verschmerzbar.
Geduld? Die bitten um meine Geduld? Mir scheint, die haben bald davon mehr als genug, eben weil wir PROs diese Geduld an blog.de peu à peu abgeben. Und was machen die mit unserer Geduld? Einlagern? Damit an der redaktionseigenen Börse spekulieren?
blog.de arbeite mit Hochdruck an dem Problem? Haben die Druck? Aber zumindest kommen aus deren Hochdruckkessel ein paar warme Worte für uns.
Nur, bei diesen üblichen Warmen Worten sollte sich blog.de nicht wundern, wenn bei manchen aufgrund solcher verbalen Wärmezufuhr letztendlich der Kessel platzt …
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Joachim Gauck, ein Unfall und der Fahrradfahrer …
Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?
Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.
Joachim Gauck, der Preisträger des Aachener Karlspreises als Europa-Wohltäter und ehemaliger Vorsitzender einer Behörde, deren neuer Name „Birtler-Behörde“ im Gegensatz zur „Gauck“-Behörde nicht wirklich der Renner ist.
Und Christian Wulff, als Kenner der Maschmeyer-AWD-Szene und der Koch-Merz-Bouffier-Öttinger-Connection, jenem „Anden-Pakt“, wie der SPIEGEL diese Männer-Macht-Freundschaften betitelte.
Und dann das:
Eine Woche vor der Wahl, er war ja nur bei der Münchener SPD, um für sich zu werben. Nicht mehr und nicht weniger. Das was jeder so vor der Wahl zum Bundespräsidentenamt so unternimmt. Und genau dabei gerät dem Fahrer des eigenen Wagens ein Radfahrer vor die Motorhaube des gepanzerten und mit Sicherheitsleuten ausstaffierten 7er-BMWs.
Ein Terrorakt?
Nein, freilich nicht, denn der Fahrradfahrer trug keinen Helm. Nach Angaben mehreren Zeitungen war der Fahrradfahrer nach dem Zusammenstoß sofort bewusstlos (… uff, Glück gehabt …).
Die „Süddeutschen Zeitung“ berichtet sogar, dass der Fahrradfahrer „sehr flott“ unterwegs gewesen wäre und der Bundespräsidentschaftsanwärter in dem BMW sollte kurz nach dem Unfall den verletzten Radler im Krankenhaus besucht haben. Von dem Klinikum hätte er denn auch erfahren, dass was er am Krankenbett des Schwer-Verletzten nicht mitgeteilt bekam: der Fahrradfahrer sollte den Unfall überleben. Das sagte eben jener nach dem Unfall am Abend in der ZDF-Sendung „Was nun?“. Da befand er sich bereits wieder in Berlin …
Natürlich meine ich hiermit nicht Christian Wulff sondern den anderen, der das nicht wurde, was der Wulff nachher wurde. Joachim Gauck hatte wohl irgendwie nur Pech. Und erst recht bei dem Unfall, so vermittelte es uns betroffen die Presse. Denn sein Fahrer fuhr normalerweise so 80.000 Kilometer im Jahr. Unfallfrei. Und nun das. Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Ein Fahrradfahrer bewußtlos auf der Straße und Gauck kurz darauf am Krankenbett.
Was ist eigentlich aus dem Fahrradfahrer geworden?
Er betreibt ein Restaurant im Münchener Stadtteil Sendling, nicht unweit von der Stelle, wo dem Münchener Schmied von Kochel gehuldigt wird.
Der Schmied von Kochel ist eine Bayrische Sagengestalt. Er hat so in etwa die Stellung des biblischen Samsons, der einst fürchterlich stark war, bis ihm Delila einfach die langen Haare abschnitt. Und weil Samson gottesfürchtig war, erhörte die biblische Hauptperson des Buches seine Stoßgebete und in einem letzten Kraftakt soll Samson dann noch mal eben mit einem Eselskinnbacken 1000 Gegner niedergemeuchelt haben. Als Belohnung erhielt er für dieses Massaker das Amt eines Richters.
Für deutsche Geschichtshistoriker ist das nichts ungewöhnliches. Man gedenke nur des Tausendjährigen Nazi-Reichs, was sich geistig, moralisch und wirtschaftlich aufs Übelste und Makaberste schon nach zwölf Jahren vorsätzlich abgewirtschaftet hatte. Die Karrieren einiger der damaliger deutschen Nazi-Protagonisten wurden danach mit Richterposten und anderen Ehren entlohnt. Manche wurden sogar demokratisch gewählte Präsidenten mitteleuropäischer Staaten.
Also nicht wirklich neues, könnten da Historiker über Samson beruhigt konstatieren, auch für die heutige Zeit. Man sieht, die Bibel ist nicht in-aktuell in der Beschreibung der bestialischen Niederungen der Menschheit.
Aber es geht ja nicht um Samson.
Und um den Schmied von Kochel geht es hier auch nur am Rande. Denn jener lebt in der bayrischen Erinnerung als Held weiter. Lediglich mit einer Stange ausgerüstet, soll er das Stadttor von Belgrad erfolgreich zerstört haben. Dafür starb er dann in der Sendlinger Mordweihnacht 1705 in dem Bauernaufstand, einem Ausdruck des niedrigen Wutbürgertum gegen den Staat, als Vertreter von recht und Ordnung. Der Schmied von Kochel hat jetzt gegenüber der alte Pfarrkirche St. Margaret in Sendling sein Denkmal.
Und 300 Meter weiter hat das Unfallopfer von Joachim Gauck sein Restaurant seit Weihnachten eröffnet. „Ferry’s Holzofen Pizzeria“ in Sendling. Gut, das mag jetzt wie billige Werbung sich lesen. Aber darum geht es mir nicht.
In jener Pizzeria erzählte mir das Unfallopfer seine Geschichte.
Er sei prominentes Unfallopfer, meinte er.
Ich verstand nicht.
Ob ich nicht die Zeitungen gelesen hätte.
Nein, Boulevard lese ich eigentlich nicht. Und uneigentlich nur das Fett-Gedruckte zu meiner Belustigung. Unfallgeschichten sind nicht mein Metier.
Er erzählte mir die Geschichte von dem Unfall. Wie es ab lief, woran er sich erinnerte. Er erinnerte sich bis zum Zusammenstoß, dann endete seine Erinnerung.
Direkte Unfallzeugen gab es. Vier waren es auf alle Fälle. Und deren Aussage hatte erhebliches Gewicht: die vier Sicherheitsbeamten, die alle ähnlich lautend das Unfallopfer als Unfallverursacher belasteten. Zwei weitere, zivile Zeugen gab auch noch. Sie hatten den Unfall nur aus den Augenwinkel mitbekommen und konnten die Aussagen der Sicherheitsbeamten nicht direkt erhärten oder widerlegen.
Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen Gauck seinen Fahrer eingestellt. Die Aussagen der Sicherheitsbeamten wären eindeutig, die der beiden Zeugen schwammig und die Aussagen des verunfallten Radfahrers nicht stichhaltig.
Akte geschlossen. Prozess zu Ungunsten und zu Lasten des Radfahrers beschieden.
Drei Operationen am Kopf waren die Konsequenz aus dem Zusammenstoß mit dem 7er BMW. Der Radfahrer kam sofort für niemanden erreichbar auf die Intensivstation. Jede Operation dauerte länger als die vorherige. Die letzte dauerte neun Stunden.
An einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auch keine andere Person konnte den Besuch bezeugen. Wie auch? Nur engste Familienangehörige würden die Chance haben auf die Intensivstation des Krankenhauses zu gelangen.
Wer hat denn da verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte? Gauck, der mitfühlende Kandidat zum Bundespräsidentenamts. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?
Nur, das einzige, was der Verunfallte an seinem Krankenbett fand, war ein Blumenstrauß des SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro hatte Joachim Gauck vor dem Unfall noch für seine Kandidatur geworben.
Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.
Ganz staatsmännisch hatte Joachim Gauck sich auf seine Wahl konzentriert und seine Bemerkung in der ZDF-Sendung „Was nun?“ ist das, was medientechnisch über die Zeitungen dem Verkehrsopfer übermittelt worden war: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck)
Das Restaurant hatte das Unfallopfer mit mehr als einem halben Jahr Verzug zu Weihnachten 2010 eröffnet. Als offizieller „Unfallverursacher“ muss er für alle Schäden des Unfalls aufkommen: der beschädigten gepanzerten 7er BMW, die eigenen Operationen, die Prozesskosten und die Kosten aufgrund der verspäteten Eröffnung. Er habe es bereut, dass er keine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hatte. Denn für einen Widerspruch im Prozess fehlte ihm das Geld. Also habe er das Urteil gegen ihn akzeptiert. Durch den Unfall habe er aber festgestellt, dass er ein „Steh-auf-Männchen“ sei und nicht aufgegeben hätte. Das Ergebnis sei schließlich sein Restaurant.
Nein, ich möchte an dieser Stelle nicht ins Horn von „Justizirrtum“ oder „Gesinnungsjustiz“ stoßen. Auch wenn es nach meinen vorherigen Bemerkungen danach schmecken könnte.
Was mich an dieser Geschichte im Restaurant so wortlos werden werden ließ, war einfach der Fakt, dass sich Gauck zuvor als der „Bürgerpräsident“ hingestellt hatte. Aber als es auf einen Bürger ankam, da war von ihm nichts mehr zu sehen. Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Beide waren betroffen, ohne eigentlich direkt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.
Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.
Früher hieß es in einer Waschmittelwerbung immer „Weißer geht’s nicht“. In einer Parodie wurde daraus „Weiter geht’s nicht“.
Doch es geht weiter.
Immer weiter.
Nach der heutigen, vernommenen Geschichte weiß ich, was immer Zukunft in diesem Land hat: Verarschung durch Medien und Politiker findet noch immer guten Nährboden zur fruchtbaren Verbreiterung …
Ach ja, dem Restaurantinhaber (ex-prominentes Unfallopfer) wünsche ich, dass sein Restaurantkonzept aufgeht. Das, was ich dort verzehrte, fand 1a (siehe auch hier). Meine Restaurant-Empfehlung.
Staatsbürger ganz unikonform
Ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.
…
Wie bitte?
Die Vierschanzentournee war heute gar nicht in Oberstdorf? Sondern in Innsbruck?
Macht nichts. Wintersport interessiert mich ja auch nicht die Bohne. Nur, warum war denn dann der Kalle denn dort? Wollte der für die Oberstdorfer Kandidatur zu den Winterspielen mit seiner Neujahrsansprache werden?
…
Wie? Oberstdorf kandidiert nicht? Warum denn nicht? Und der Kalle war ebenfalls nicht dort? Die Neujahrsansprache hat er auch nicht gehalten? Aber wer hat denn dann der Nation die Neujahrsansprache gehalten? Der Vermittlungs-Heiner, die Geißel? Schrödinger? Von der Leine? Osterwelle?
…
Wer? Angela Merkel? Die schon wieder? Aber die hatte doch schon letztes Jahr …
…
Okay, da gehe ich ganz konform. Die darf das. Dafür wurde sie vom Bundestag ja gewählt. Als Stummelmutti der Nation. Und? Hat sie endlich die Wahrheit gesagt? Hat sie gestanden? So wie der Wulf? Nein? Nicht? Sie steht halt nicht zu dem, was sie sagt. Selbst Wulf traute sich vor der Kamera nicht, zu seiner Rede alleine einzustehen.
…
Wie? Ich hab keine Ahnung? Okay. Da gehe ich ganz konform. Wie es sich eben gehört, für einen Staatsbürger ohne Uniform. Nie war ich in der Staatsschule. Bin vielmehr Angehöriger der PISA-Staatsbürgerkundler. Immer schon gewissenhaft drauf bedacht gewesen.
Drückeberger ohne Uniform.
Die Ablehnung dieser Köpenickiade zur Rückgrat-Ausformung im noch formbaren Alter, diese schriftlich niedergelegte Entsagung war mein Vergehen an der deutschen Demokratie, die damals an den Ostgrenzen zur DDR verteidigt wurde und jetzt – kusch, kusch, kusch – am Hindukush.
Stattdessen hatte ich – gewissenlos dem Staate gegenüber – gewissenhaft Tucholsky und seine Sätze gelesen:
„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord?
Natürlich Mord.
Soldaten sind Mörder.“
Aber jetzt, ganz nach Kiesingers Leitbild stellt Kanzlerin und Bundesregierung die Bundeswehr so dar, dass wir 08-15-Michel denken sollen: „Donnerwetter, das sind aber ganze Kerle in Afghanistan“.
Haben denn unsere Jungs in Afghanistan fleißig Weihnachtspäckchen bekommen?
…
Ich weiß.
Päckchen gen Afghanistan bedeuten nur eines: Wohltat und Anerkennung des soldatischen Handwerks.
Päckchen im eigenen Land: Terrorgefahr.
Das zu lernen, ist des Staatsbürgers zweite Pflicht.
Direkt nach dem Schweigen.
…
Aber ich schweige nicht.
Denn ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.
…
Egal. Auch Merkels Neujahrsansprache, phantasielose Kamerafahrten von links (von Weitwinkel) nach rechts (zur Naheinstellung) und Wintersport haben bei mir die gleiche Chance wie eine Schneeflocke im Hochsommer: Und tschüss …
Wenn das Fernsehvolk Kunst- und Handgriffe erfährt
Die Hände sind zu einer Raute geformt, die Daumen stützen die Unterarme gegeneinander ab, die aneinander gelegten Finger deuten verhalten auf den Betrachter. Auch wenn sie leicht nach unten gerichtet sind, so sprechen sie den Betrachter offensiv an. Diese Geste ist inzwischen schon all bekannt, von der Kanzlerin Merkel eingeführt (s.a. hier und hier), nach ihren eigenen Worten, um nicht gebuckelt herumzustehen. Das obige Bild sind die Hände vom Bundespräsident Wulff. Zum ersten Mal hielt ein Bundespräsident seine Weihnachtsansprache stehend und umgeben von Menschen. Die WELT schrieb bereits applaudierend, dass Wulff damit bei der Bevölkerung gewonnen habe und seine Sympathie gesteigert hätte.
Ein Bild fast wie bei einer privaten Traueransprache: Der Pfarrer spricht zu der Gemeinde, die wortlos dabei steht. Fast. Denn vor den Füßen von Wulff hocken Kinder, die andächtig seinen Worten lauschen. Das Ganze hat etwas von den Votivbildern, die es vor dreißig Jahren zu Kommunion, Firmung oder Konfirmation gab: Jesus hält Ansprache vor seinen Zuhörern und die Kinder durften zu ihm kommen, während die Erwachsenen andächtig lauschten.
Ja, die Rede hatte ich mir angeschaut. So etwas kann bei mir keine Weihnachtsfeststimmung versauen, das haben bislang immer schon die vier Wochen zuvor geschafft (wie dieses Mal). Aber ich musste mir die Rede nicht nur einmal anschauen. Nicht wegen dem Gerede vom Wulff, sondern weil ich ein Déjà-vu-Erlebnis hatte. Als die laufenden Bilder noch nicht digital korrigiert wurden und Leia Organa in Star Wars von 1979 noch jene bescheuerte Schneckenfrisur hatte, da war es ein Sport festzustellen, welche Unstimmigkeiten es in den Filmen gab. „Goofs“ werden diese Fehler in den Filmen genannt. Mikrofongalgen im Bild (z.B. „Willkommen, Mister Chance“) oder schneller Schuhwechsel von einer Szene zur nächsten („Romancing the Stone“). Ein „Goof“ wird erst dann zu einem richtig guten „Goof“, je perfekter der Film ist. Auch zu den Festtagen liefen wieder diverse Meisterwerke im Fernsehen. Wenn Henry Fonda Charles Bronson im Zug gefesselt zurück lässt und sich dann mit seiner Gangsterbande buchstäblich aus dem Staube macht, dann erscheinen nach 85 Minuten „Spiel mir das Lied vom Tode“ bei der Kamerafahrt in den Hintergrund im Vordergrund die Reifenspuren des Kamerawagens.
Auf dem Fernseher wirkt das nicht mehr so wie damals noch im Kino auf der Riesenleinwand, wo ich tief im Sessel gedrückt diesen genialen Höhepunkt des „Western“-Genres sah. Nun, auch bei der Weihnachtsansprache vom Bundespräsidenten Wulff finden sich „Goofs“. Der Regisseur der Rede hatte versucht, einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung herzu stellen. Fast – aber auch nur fast – hatte ich den Eindruck aus jedem Sektor des deutschen Lebens hätten die Verantwortlichen ein Paar ausgewählt. So wie damals Noah auf der Arche. Fast so. Denn in Wahrheit waren es entweder drei oder eine Person einer Bevölkerungsgruppe. Fast ein jeder Bevölkerungsgruppe. Denn Gangsta-Rapper und Strauchdiebe fanden sich ebenso wenig wie Banker und Priester. Böse Stimmen könnten zwar behaupten, der Vertreter der letzteren Gruppe der beiden von mir Genannten wäre der Wulff sowieso und die letztere Gruppe versuchte er durch seine salbungsvollen Rede zu repräsentieren. Andererseits wurden diverse Bevölkerungsgruppen geschickt in Stereotypen verpackt um den Bundespräsidenten herum drapiert. So fanden sich in weißer Burka gesteckte Frauen wieder, welche sowohl das Christentum in seiner Asexualität wie die des Islams präsentierten. Soldaten als Repräsentanten der waffengläubigen Gewalt. Multikulti – was doch bereits Frau Merkel als für gescheitert erklärt hatte – repräsentiert durch entsprechende Alibi-Menschen. Und gerade diese Weihnachtsansprachen-Multikulti-Präsentation ließ mir die Goofs ins Auge springen. Schaut einfach mal die nächsten Bilder an:
Während der Rede herrschte also ein reger Positionswechsel und keiner hat es im Bild gesehen. Das ist doch mal ein Applaus an den Regisseur vom Wulff fällig, nicht wahr? Ehre, wem Ehre gebührt.
Und dann war noch der fromme Wunsch eines 7-jährigen Mädchens: „Mer Zeit mit den Eltern“. Dem Kinde kann geholfen werden. Nicht nur bei der Rechtschreibung, auf welche der Regisseur und der Wulff garantiert geachtet hatten.
Bei momentan de facto mehr als 7,5 Millionen Arbeitslosen, da sollte es doch möglich sein, den Eltern des Kindes ebenfalls ein Platz im Heer der Arbeitslosen zu vermitteln. Und dann können die Eltern in deren Arbeitslosenzeit, dem Kind beibringen, dass ein „Mer“ nicht immer mehr ist, sondern das ein „weniger“ von allem unser aller Zukunft ist, was Hilfe durch den Staat angeht. Das glaubte ich zumindest vom Gesicht unseres Bundespräsidenten ablesen zu können. Oder ich habe es zumindest hinein projiziert. Oder sollte Wulff sich im nächsten Jahr an die Spitze der Gewerkschaften setzen wollen und die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zur Ankurbelung der Binnennachfrage und der Wirtschaft fordern?
Aber sicherlich wird es nur so sein wie immer: Die Kinder werden gerne in den Mittelpunkt der Gesellschaft hinein gesetzt, um dann über ihre Köpfe hinweg zu reden. Und die Kinder langweilen sich, schneiden Weihnachtssterne aus und schreiben ihr „Mer Zeit“ drauf. So wie bei dieser Weihnachtsansprache.
Oder lernen von der Straße. So wie im wahren Leben. Und dürfen dafür auch an der nächsten Weihnachtsansprache in der Mitte stimmlos auf dem Boden hocken. Oder auch nicht. Dafür sorgen die Hände der Macht. Und das nicht nur die vom Wulff.

Kunst- und Handgriffe werden durch Hände geführt. Durch eine „Be hand lung“. „Eine Hand voll“. Die entsprechende lateinische Übersetzung dazu heißt „manipulus“. Im Deutschen entstand daraus das Wort „Manipulation“. Uns behandeln derzeit die „Hände der Macht“ auf allen Ebenen. Nicht nur im Fernsehen …
Quellennachweis: Bei allen Bildern handelt es sich ausschließlich um Screenshots aus den entsprechenden Video-Materialien.
Umnächtigtes Erwachen
Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17
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Wann beide Züge in einen gemeinsamen Bahnhof einlaufen, ob es je geschieht, das ist eine offene Stelle in der Netzstruktur.
Bahnhof.
Das war das erste Wort, dass mir einfiel, als ich langsam zu mir kam. Mein Kopf schmerzte, besonders vorne rechts an der Stirn. Mir war, als würde ich schwitzen. Ein Tropfen lief mir zäh am Augewinkel vorbei, die Backe runter, wo er verharrte. Ich registrierte, dass ich mit dem Gesicht nach unten auf einem Boden lag.
Die Kopfschmerzen verlangten kurzfristig wieder meine Aufmerksamkeit, stechende Kopfschmerzen, die wie Blitze von meiner Stirn auszugehen schienen und sich wie ein glühender Ring um meinen Kopf zu legen schienen. Die Schmerzen dauerten nur Sekunden, aber ließen mich innerlich verkrampfen. Etwas in mir sagte mir, mit jeder Muskelfaser meines Körpers dagegen anzukämpfen und alle Muskeln gehorchten. Einem Spasmus gleich verkrampfte sich mein Körper. Vor Schmerzen versuchte ich meine Augen gewaltsam zusammen zukneifen, mein Oberkiefer schien gewaltsam auf meinen Unterkiefer zu pressen, sodass mein Kinn auf meine Brust gedrückt wurde. So schnell, wie die stechenden Kopfschmerzen gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Mein Körper entspannte sich wieder, der Druck im Gebiss ließ nach, meine Augen entkrampften sich. Zögernd öffnete sich, aber ich konnte nichts erkennen, es war dunkel um mich herum. Die Luft schmeckte eigentümlich. Es war aber nicht die Luft, die so schmeckte. Es war eine Erinnerung, die in mir auftauchte und in meinem Mund diesen Geschmack hervor rief.
Ein Fahrradunfall in meiner Jugend.
Damals wollte ich den Abstandshalter vom Vorderradschutzblech vom Vorderrad wegbiegen, damit dieser nicht in mein Vorderrad geraten konnte. Stattdessen geriet ich mit meiner Hand ins Vorderrad. Wäre das im Stehen geschehen, es wäre keiner Erwähnung mehr wert gewesen. Es geschah aber in voller Fahrt. Aufgrund dieses Leichtsinns überschlug ich mich. Als ich nach dem Überschlag wieder auf der Straße liegend erwachte, hatte ich einen eigentümlichen Geschmack im Mund. Leicht steinig, erdig, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge und metallischen Nachhall an den Zähnen.
Es wurde für mich der Geschmack von Beton und Asphalt. Jedes Mal, wenn ich mit diesem Material näher in Kontakt kam, schmeckte ich ihn im Mund. Dafür brauchte ich noch nicht mal gewaltsam mit diesen Materialien in Kontakt kommen. Es reichte, wenn ich mich in Vollkontakt mit ihm begab. Dann tauchte der Geschmack auf, so wie das Amen in der Kirche.
Und wieder schmeckte ich ihn wieder, diesen Untergrund, im Dunkeln. Ich versuchte meine Hände zu bewegen und war im ersten Moment überrascht, dass ich nicht wusste, wo sie waren. Erst als ich meine Schultern bewegte, bemerkte ich, in welcher beengten Lage ich mich befand. Meine Arme waren mir an den Körper gepresst. Vermutlich lag ich zwischen zwei Wänden eingeklemmt, meine Ellenbogen drückten gegen diese und kaum hatte ich das bemerkt, meldeten sie sich mit einem leichten Schmerzgefühl. Für einen Augenblick ging ich der Frage nach, was zuerst war, der Schmerz oder der Gedanke, es müsse eigentlich Schmerzen geben. Ich ließ den Gedanken fahren und konzentrierte mich, meine Hände zu entdecken.
Es war ein eigentümliches Gefühl, jedes Körperteil gewissermaßen per Gedanken reaktivieren zu müssen. Und wieder hatte ich ein Déjà-vu. Diese Situation des Wiederentdeckens kannte ich bereits. Von meinem damaligen Fahrradunfall.
Nachdem ich alle meine Sinne wieder beisammenhatte, erkannte ich, dass ich wohlmöglich in einem Schacht lag, der wahrscheinlich nicht mehr als einen halben Meter Breite maß. Und, obwohl ich beengt lag, meine Ellbogen leicht schmerzten und mein Kopf auf Beton lag, fühlte ich mich nicht unwohl in meiner Position.
Einstweilen aber nur.
Zumal verstand ich nur Bahnhof, wo ich mich befand. Bahnhof. Mein Hirn fing emsig an, mit dem Wort »Bahnhof« zu arbeiten. Irgendetwas sollte das Wort sagen. Aber warum Bahnhof und nicht Schacht? Und überhaupt wie kam ich hierher?
Zu dem Geschmack von Beton und Asphalt mischte sich nun auch noch der Geschmack von Magensäure und diversen Alkoholika. Rotwein, Bier, Absinth. Und wieder Magensäure. Nein, mir war nicht übel, aber der Geschmack von Magensäure signalisierte mir unmissverständlich, dass es mir wohl vorher schon erheblich schlechter gegangen sein muss.
Ich versuchte leicht den Kopf zu heben und sofort setzte der stechende Schmerz wieder ein. Wie ein Blitzstrahl strahlte er auf meinen gesamten Kopf aus und umfasste ihn wie einen Schraubstock. Mein Körper verkrampfte erneut. Diesmal spürte ich, wie sich meine Hände in den auf denen liegenden Oberschenkel krallten. Ich wollte locker lassen, aber es ging nicht.
Kurze Zeit später verschwand der Schmerz, so wie er gekommen war. Mein Körper entkrampfte. Erleichtert seufzte ich. Wie schön, wenn Schmerz nachlässt. Gleichzeitig übermannte mich Müdigkeit. Ein wenig ruhen, nur noch ein wenig, nur ein wenig Schlafen, ein bißchen. Meine Gedanken wurden matter, erlahmten regelrecht und mein Körper fiel in ein schwarzes Loch aus unruhigem Schlaf.





