Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (35): Maskerade

Wie bitte? Maskenpflicht? Ja, ist denn schon wieder Karneval?!?

Ach so. Nur Mund- und Nasenschutz. Da bin ich aber beruhigt.

Das wird allen ernstes vorgeschlagen, Staubsaugerbeutel zu Gesichtsmasken umzuschnibbeln. Also Staubsaugerbeutel, welche von den Herstellern bereits mit geruchshemmenden Pulvern ausgeliefert werden. Sollte man sich solche Beutel zu Mund- und Nasenschutz umschneidern, dann braucht man sich auch nicht Gedanken drum machen, ob man aus der Lunge stinkt. Oder ob stattdessen gerade ein Virus in der Lunge rumwütet. Das macht dann später schon das Pulver alleine.

Natürlich geht es beim Mund- und Nasenschutz nicht darum, dass die Corona-Polizei schneller erkennen kann, wer renitent und nicht obrigkeitshörig ist, um dessen Daten in deren Datenbanken aufzunehmen. Nein. Das ist nicht der Zweck. Nein. Es geht um uns aller Gesundheit.

Und das Nasenhaare unästhetisch sind. Was die Corona-Polizei da bislang schon alles sehen musste, das kann man sich nicht vorstellen. Drum der Mundschutz, der auch die Nase bedeckt. Bedecken muss. Seit der Laschet seinen Mund- und Nasenschutz falsch herum getragen hat, wissen wir, Politiker atmen mit dem Kinn. Oder Kiemen. So genau weiß man es beim Laschet nun auch wieder nicht. Das ist jetzt auch nicht so wichtig.

Man sollte aber sich schon mal damit vertraut machen, dass man sich den Schutz aus seinem letzten Hemd schnibbeln soll. Da lacht doch jeder 250 Nanometer große Virus drüber. So ein Hemd ist ein Sieb, der dicke Felsbrocken fernhält, den Felsstaub aber per Druckluft (HATSCHI ! ) durch die Siebmaschen drückt.

Gut, der Söder hat einen Mund- und Nasenschutz in bayrischen Landesfarben vorgestellt. Wahrscheinlich weil er meint, weiß-blaue Rauten filtern besser. Jetzt muss er es nur noch den Viren begreiflich machen. Er würde sicherlich mit den Viren ein ernstes Wörtchen reden, aber das geht nun ja auch nicht.

Forscher sollen ja bereits den Verdacht haben, dass der Virus bereits beim Sprechen übertragen werden kann. Beim Sprechen! Das wird dann bald wohl auf der Straße dann so ausgehen:

Polizist: “Sie wissen, warum ich Sie beim Gehen hier anhalte? Haben Sie einen triftigen Grund?” Passant ohne Maske: “Ja.” Und – zack – gibt es ne Anzeige wegen versuchter Körperverletzung gegen den Vollstreckungsbeamten. Bei einem “Nein” kämen noch 150 Euro als Jackpot hinzu. Da freut sich das Staatssäckel. Das Geld wird ja dringend benötigt.

Besonders hier in München gerät ja eine ganze Berufsgruppe in die Arbeitslosigkeit: die Staatsanwaltschaft. Hat es doch neulich in den Medien geheißen, die Kriminalität in München sei im letzten Monat brutal gesunken. Das heißt, die Grundkriminalität wie Bestechung, Betrug, Finanzabzocke und andere Weiße-Kragen-Delikte sind gleich geblieben, aber die zusätzliche, die jetzt fehlt, die gibt der Staatsanwaltschaft zu denken. Aber dafür gibt es ja die Corona-Polizei, die ja so 70 bis 150 Strafzettel täglich im Mindestwert von 150 Euro verteilt.

Und wenn jetzt das Ansprechen eines Polizisten ohne Mund- und Nasenschutz bei Einführung einer Maskenpflicht wieder zur Steigerung der Kriminalität in München führt, dann atmet auch die Staatsanwaltschaft durch, weil um Haaresbreite an der Kurzarbeit vorbei geschrammt.

Und die Polizei braucht sich dann auch nicht mehr um das letzte Urteil vom Bundesverfassungsgesetz scheren. Denn die Demos werden alle genehmigt und dann entweder wegen fehlenden Masken aufgelöst, oder, falls doch wer Masken nutzt, wegen Verstoß des Vermummungsverbots mit Einkesselungen und Verhaftungen beendet.

Tja, da wünscht man sich doch glatt, es wäre endlich wieder Karneval. Dann hätte man beim Masken-Tragen auch nicht so dumme Nebengedanken über diese Maskerade …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (34): Demokratieverständnisse

Es ist schön festzustellen, dass das Demonstrationsrecht nicht durch das Infektionsschutzgesetz aushebelbar ist. Es zeigt, dass das Grundrechtsverständnis der Demokratie immer noch lebt.

Andererseits gibt es zu denken, dass wohl liebend gerne über Legislative und Exekutive regiert werden möchte und viele insgeheim dabei hoffen, dass die Judikative möge im Sinne von Gewaltenteilung, also “GewaltEnteilung” statt “Gewalten-Teilung” agieren (die richtige Betonung machte schon immer einen Unterschied). Wenn das Bundesverfassungsgericht den Law-und Order-Mentalisten aufzeigt, dass sie Grundrechte einfach ignorieren, ist das gut, zeigt zudem, dass das Grundrechtverständnis kein Allgemeingut der Ausführenden ist. Es gab bereits Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die zuvor verhängte Ausgangsbeschränkung vom 21-März und die danach erfolgte Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 27-März (u.a.a. in der verschärften Version in Bayern) unter anderem auch beispielsweise gegen die vom Grundgesetz geschützte Versammlungsfreiheit verstoßen, sollte sie bei Demonstrationsanmeldungen zur Ablehnung des Demonstrationsrechts führen.

Jetzt muss man wissen, dass das das Infektionsschutzgesetz explizit das Grundrecht eines jeden einzelnen einschränkt und sich dem Grundgesetz direkt diametral gegenüber aufstellt. Interessant dabei ist, dass das Infektionsschutzgesetz per Verordnung (und ohne demokratisch erforderliche Anhörung des Bundesrates) eingesetzt wurde, dem Gesundheitsminister bundesweite Verordnungshoheit gibt und die Einschränkung der Grundrechte dafür öffentlich kaum erklärt wurde.

Jetzt spricht also das Bundesverfassungsgericht bei der willkürlichen Einschränkung der vom Grundgesetz geschützten Versammlungsfreiheit ein Machtwort. Das Anmelden von Demonstrationen sollte somit kein Problem mehr sein, wenn die Anmeldenden entsprechend sich Vorgaben (z.B. Abstandsgebot) machen. Das Problem bleibt dann eher bei der Exekutiven bestehen.

Am 7-April wurde die angemeldete Demonstration der Organisation “Seebrücke” zu dem Thema “#LeaveNoOneBehind” der Flüchtlinge auf Lesbos / Griechenland gewaltsam von der Polizei mit Hinweis auf die erlassene Ausgangsbeschränkung aufgelöst. Obwohl die Teilnehmer definierten 2 Meter Sicherheitsabstand zueinander hielten, sah die Polizei trotzdem in der Demo an sich einen Verstoß zum Infektionsschutzgesetz und auf das Recht der Allgemeinheit auf körperliche Unversehrtheit und einer potentiellen Bedrohung deswegen.

Vor drei Tagen räumte die Polizei eine Kunstinstallation in Dresden ab, welche zwei Menschen mit Pappaufstellern erstellt hatten. Sie stellten mit Pappaufstellern eine Demo nach, wobei darauf geachtet wurde, normale Passanten nicht zu behindern.. Bei der Kunstinstallation ging es um das Thema “Flüchtlinge” und deren Lage auf Lesbos. Die Polizei sah eine Gefährdung nach dem Infektionsschutzgesetz und beendete die Pappaufsteller-Demo und zeigte die beiden Organisatoren entsprechend an. Andere gab es nicht, die angezeigt werden konnten. Es waren nur jene zwei, welche diese Aktion durchgeführt hatten.

Zwei Tage später (also gestern) gab es die nächste Demo in Dresden: der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (DEHOGA) stellte mehrere hundert Stühle auf den Dresdener Neumarkt auf. Auf Twitter finden sich problemlos Videos (#DD1704, #allgemeinverfügung, #Dresden, #Coronakrise) und Fotos (s.a. hier), bei denen man feststellen kann, dass die Polizei keine Probleme mit Verstößen nach dem Infektionsschutzgesetz hatte. Lag es eventuell am Thema der Demonstration? Oder hat es bei der Exekutiven eine Lernkurve gegeben?

Nun gut. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen politischer Kunstinstallation und einer Deutsche Hotel- und Gaststättenverband-Demonstration. Das ist mir irgendwie klar. Allerdings lässt sich schon nachvollziehen, ab wann Polizei bereits bei geplanten Demonstrationen im Vorfeld mit dem Instrument des “Infektionsschutzgesetzes” eingegriffen hat und wie sie das Instrument währenddessen angewendet hat. Bei der DEHOGA-Demo jedenfalls nicht, bei “Seebrücke”-Aktionen jedenfalls immer. Und wenn es sein muss, Zentimetermessstab finden in jeder Einsatzplanungsjacke Platz …

Na ja, was bleibt mir noch übrig zu sagen? Lebbe geht weider. Auch in Corona-Zeiten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (33): Bildersprache

Als die Pandemie Europa überrollte, wurden in der Zuliefererindustrie der Automobilindustrie Anfang Februar Briefe seitens der OEMs verschickt, in welchen diese die Lieferanten auf deren Lieferverpflichtung hinwiesen und einen “force majeure” direkt als unakzeptabel bewerteten, sollte ein Lieferant aufgrund Quarantäne-Verpflichtungen seine Lieferabrufe nicht mehr bedienen können. Eine Deklaration eines “force majeure” hätte zumindest vorübergehende Befreiung von der Leistungspflicht und ein gleichzeitiger Ausschluss von Schadensersatzverpflichtungen bewirken können. Dem wurde seitens der OEMs schon einmal vorbeugend widersprochen. Einen Monat später erklärten dann eben jene Automotive-OEMs, dass sie ihre Werke runterfahren würden. Mittlerweile werden die Werke wieder hochgefahren und die Lieferanten erhalten vermehrt die Anforderung, dass die Lieferketten sicher zu stellen seien und ein Bruch der Lieferketten jetzt anzuzeigen wäre.

Ein europäisch-amerikanisch-asiatisch lokalisierter OEM hat dazu ein Video herumgeschickt, in welchem er sich permanent lobt, welche Maßnahmen zur Sicherstellung seiner Mitarbeitergesundheit er in seinen Produktionswerken eingeführt hat. In dem Video fiel mir ein Bild (Screenshot aus dem Video) auf:Infrared temperature screening

Was zu erkennen ist, dass sich wohl zwei Inder gegenüber stehen und der eine auf die Stirn des anderen zielt. Natürlich mit einem Infrarot-Thermometer und nicht mit einer Waffe. Und das Bild zeigt noch eine andere wichtige Sache: Eineinhalb Meter Abstand.

Und darüber hinaus auch noch: dass der rechte Arm des Messenden Ergebnis einer verdammt schlechten Grafikbearbeitung ist.

Mit diversen Suchmaschinen konnte ich das Bild nirgendwo aufspüren. Ich versuchte es mit “temperature”, “corona” und “screening”. Doch auch damit Fehlanzeige bei der Bildersuche. Aber dabei traf ich auf viele Bilder, welche mich irgendwie an das Foto von Eddie Adamas aus dem Jahre 1968 (hier) erinnerte. Oder vielleicht sogar aus Szenen einer der unzähligen Spielfilme, in denen der Kopfschuss zelebriert wird.

Eines fiel mir bei den Bildern der Suchmaschine ins Auge. Auf denen sehen die Menschen, die gerade überprüft werden, immer irgendwie von demütig über schamhaft bis schuldig aus. Und immer waren sie am Prüfenden näher als jene anderthalb Meter.

Aber vielleicht ist das obige Bild lediglich keine schlechte Grafikbearbeitung. Vielleicht ist der Prüfende auch nur eine “Mutation” in Corona-Zeiten und niemand hat es bemerkt. Ich wollte doch schon immer wissen, was Corona aus Menschen macht, und vielleicht bin ich hier auf etwas offensichtliches gestoßen: die Corona-induzierte spontane Längenmutation eines Armes im Neoliberalismus. Aber wahrscheinlich liege ich falsch und es zeigt mir nur, was Mensch aus Menschen macht: einfache Prüfobjekte auf Distanz.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (32): Locker vom Hocker

Hier die neuen Regelungen zur Lockerung der momentanen Situation. Außer der Disco-Samba im 2/4 Takt ist jetzt auch der leichte Foxtrott erlaubt. Wer Tango tanzen will, sollte sich dran gewöhnen, dass der im Bußgeldkatalog als nicht-triftiges Betreuungsangebot für Nicht-Tänzer verzeichnet ist und mit 500 Euro gebüßt wird. Darüber hinaus ist es jetzt auch inzwischen erlaubt, nach dem Ende des Tanzes einen Kuss auf die Hand der Tanzpartnerin anzudeuten. Auch hier der Hinweis: Vollzug ist auch im Bußgeldkatalog geregelt.

Eine weitere Lockerung ist die Erlaubnis, dass zu den triftigen Gründen jetzt auch tiffige Beurteilungen seitens der Vollstreckungsbeamten erlaubt sind. Was triftig ist oder nicht, das wird der Vollstreckungsbeamte jedem argumentativ nicht zu widerlegen genau erklären. Die Erklärungsgebühr beträgt allerdings noch immer 150 Euro. Darin sind enthalten die Rechtsberatung seitens der Vollstreckungsbeamten, Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer und Wegekosten (An- und Abfahrt für den handwerkelnden Beamten). Der Rest sind reine Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die Beamten und Provisionsanteilabgaben an die organisierenden Abteilungen.

Als Sahnehäubchen der weiteren Lockerung wird es demnächst ermöglicht, die Politiker und Verfasser des bayrischen Bußgeldkatalogs „Corona-Pandemie“ in einer Autogrammstunde in der Münchner Allianz Arena auf elf Meter fünfzig nahe zu kommen. Die teilnehmenden Zuschauer werden aus dem Münchner Telefonbuch gewählt, abzüglich den bereits gemäß des Bußgeldkatalogs straftätig gewordenen Unverantwortlichen. Die Zuschauer erhalten zuvor ein kostenloses einstündiges Training im Synchron-Klatschen und bayrisches Fähnchen-Schwenken. Übertragen wird dieses Live-Event übrigens vom deutschen Bezahlfernsehen. Tagestickets für das Live-Streaming wird es ab 15 Euro (ab reiner SD-Übertragung ohne Audio) geben. Der Erlös aus dem Live-Streaming abzüglich Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer, Wegekosten, Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die vor Ort tätigen Sicherheitsbeamten und Provisionsanteilabgaben der jeweiligen Abteilungen geht an ein Danke-Schön-Event für die Krankenpflegenden und exponierten Polizeibeamten. Nebenbei: Das Streaming des Danke-Schön-Events in einer hohlen Gasse vor einem Söder-Hut kann nach der Autogrammstunde bereits für 35 Euro in allen Internet-Vorverkaufsstellen gebucht werden. Gaststars werden sein: Helene und Gottfried Fischer, Mutter Beimer, Florian Silbereisen, Heintje und Heino, Winnetou und Old Shatterhand, Söder und Stoiber. Der aus jenem Event zu erwartende Reinerlös geht an den Staat Bayern zur Finanzierung weiterer Lockerungsmaßnahmen.

Ich hoffe, Sie alle werden die anstehenden Lockerungen von den Bestimmungen der jetzigen Situation mit der zu erwartenden lockeren Dankbarkeit honorieren.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (31): Kneipengespräch

Tresen 0

“Ich wüsste schon gerne, warum der Lewandowski damals zum Bayern München gegangen ist.”

“Des Geldes wegen. Weswegen sonst?”

“Der schönen Aussicht auf die Alpen bei Fön-Wetterlage vielleicht.”

“Oder er kam wegen der heilenden Quellen an der Staatskanzlei.”

“Heilende Quellen an der Staatskanzlei?”, ich schaute den Wirt zweifelnd an. “Heilende Quellen? Was für heilende Quellen? Wir sind hier in München”, hakte ich nochmals nach, mit einer Spur Tadel und Ungläubigkeit in der Stimme.

“Nicht? Keine heilenden Quellen? Dann hat man mich falsch informiert”, antwortete er lakonisch und zapfte mir ein neues Kölsch.

Die Eingangstür knarzte. Unsere Köpfe wandten sich der Eingangstür zu und erblickten zwei Polizisten, die eintraten. Der Wirt zuckte zusammen und auch ich versuchte mich kleiner zu machen.

“Was ist das hier?”, blaffte der erste.

“Corona-Party?” gab ich vorsichtig als Antwort zurück.

“Falsch!”, kam es postwendend vom zweiten zurück.

“Nu macht doch mal keinen Stress, Jungs. Zwei Kölsch? Aufs Haus oder wieder per Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer an den Herrn Ministerpräsidenten?”

“Richtig. Zwei Kölsch aufs Haus für mich und zwei mit Rechnung für meinen Kollegen, bitte.”

“Nicht zu fassen: von allen Spelunken dieser Welt müsst ihr ausgerechnet in meine kommen. Wie isses denn da draußen?” fragte der Wirt die beiden.

“Der reinste Stress”, seufzte der erste, “immer dieser Zwang zum Abstand, dann die permanente Nachfragerei, wer wie welchen Grund triftig hat. Und dann immer die Jogger, die nie anhalten wollen. Da kommt man schon ins Schwitzen, wenn wir bei diesen immer dann nebenher rennen müssen.”

Nickend bestätigte der andere die Aussage seines Kollegen und griff nach dem Kölsch vor sich. Er schaute mich an und kniff dabei ein Auge zu, als er mir warnend zuflüsterte:

“Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente, überall lauern sie einem auf.”

Ich zuckte gleichgültig mit der Schulter: “Politik interessiert mich nicht. Die Probleme dieser Welt gehören nicht zu meinem Ressort. Ich bin lediglich Gast einer illegal geöffneten Kölsch-Kneipe”, und blickte konzentriert auf mein Kölsch.

“Welche Nationalität haben Sie?”, schnarrte er mich an.

“Ich bin Trinker”, gab ich zurück.

“Aha, ein Weltenbürger also.”

“Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest meines Lebens”, erwiderte ich leise.

Der erste seufzte und schaute den Wirt an: “So, jetzt kommen wir zum Bedauerlichen, was uns jetzt wieder bevor steht: wir müssen weiter. Die Corona-Regelverletzer aufspüren und mit Strafzettel versehen.” Er griff nach seiner Stange, trank sie leer und blickte den Wirt an.

“Hier, die Rechnung.” Der Wirt reichte ihm einen Bewirtungsbeleg

“Oh, bitte Herr Oberspielleiter. Das ist ein kleines Spiel, das wir hier spielen. Sie setzen alles auf meine Rechnung, ich zerreiße die Rechnung. Das ist sehr befriedigend”, zerriss den Beleg, lachte und verließ mit seinem Kollegen die Kneipe.

Ich schaute den Wirt ungläubig an. “Hab ich das jetzt nur geträumt? Sind die beiden jetzt wirklich gegangen, ohne einen Strafzettel wegen Verstoß gegen aktuelle Bestimmungen?”

Der Wirt zuckte mit der Schulter: “Tja, seit dem Freitag, den Dreizehnten im letzten Monat, seitdem alles mit Corona losging, seitdem kommen die beiden recht verzweifelt hier in meiner Kneipe rein, trinken vier Kölsch und zerreißen die Rechnung. Das reinste Minusgeschäft für mich. Ein echtes Problem. Unglaublich, nicht wahr.” Er hielt ein gerade frisch gespültes Kölschglas unterm Zapfhahn. “Hier in München hat jeder seine Probleme. Deine sind vielleicht zu lösen. Noch ‘n Kölsch?”

“Gerne. Nur, was wird jetzt aus uns?”

“Uns bleibt immer noch München aus den Vor-Corona-Zeiten.”

Meine Uhr vibrierte. Sie ging also doch noch. Ich strich paarmal übers Glas, um die Vibration zu beenden. 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Der Fernseher war noch eingeschaltet und zeigte mir das Titelbild von “Casablanca”. Ich muss wohl beim Film eingeschlafen sein.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (30): 35 qm Deutschland

31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer? Außer Rupi?

Was hat diese Blog-Serie aus mir gemacht? Was hat es aus allen gemacht? Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Wie oft muss man sich solche Fragen in Blogs durchlesen?

Basis dieses Blog-Eintrags: Prunotto Bansella. DOCG. 2017. 750 ml. 14,5% Vol.

Die Baustelle baut. Das Wetter wettert. Der Himmel himmelt. Die Krise kriselt. Die Wohnung mit Aussicht sichtet aus. Draußen dunkelt es dunkel.

Die monatlich bereinigten Arbeitslosenstatistiken, wie jeden Monat. Die monatlich unbereinigten CoVid-19-Statistiken wie immer. Trau, schau, wem du Expertenmeinung zugestehst.

Nach der Veröffentlichung der LEOPOLDINA-Papiere herrschte auf Twitter das Meinungschaos. Die Wischi-Waschi-Ansicht als pure Meinungsansicht gelesen in Auszügen. Oder über Drittquellen. Es hatte die Mehrheit der Twitter-Gemeinde blasenübergreifend erreicht. Das steht außer Frage. Aber wirklich sich selber jene Papiere durchzulesen, war wohl zu anstrengend, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Das korrelierte zu der Forderung, die Jugend nicht in die Schulen zurück zu schicken. Weil man sich deswegen selber anstecken könnte. Und das gehe gar nicht.

Was eher konvenierte: den gemeinen Wald auch noch an den restlichen drei Ecken anzünden, um recht zu behalten, dass der Wald an allen vier Ecken lichterloh brennt. Besser er brennt an allen vier Ecken als nur an einer Seite. Es geht um Meinungsgewichtung.

Darf ich überhaupt Zweifel gegen die medialen Veröffentlichungen anmerken? Oder bin ich damit automatisch terroristischer Gefährder? Bin ich gar fehlgeleiteter Denker? Natürlich bin ich fehlgeleiteter Denker. Weil ich der Verfechter der populären These “Ein Geisterfahrer? Hunderte davon kommen mir entgegen!” bin?  Vox populi? Verschwörungstheoretiker? Dazu wird man schneller als ein Sonnenuntergang, wenn man sich eh nicht zuvor unter anderen Sonnen gebräunt hat.

Was ist Wahrheit? Es war vor ein paar Tagen Karfreitag. Also. Reicht mir meine Schale mit Wasser, um meine Hände in Unschuld zu baden. Um mich selber von meinen vorherigen  Entscheidungen frei zu sprechen. Vergesst aber bitte die Seife nicht. Ohne Seife, keine Virenbekämpfung. Das hatte in der Bibel eben jener dubioser Pontius Pilatus vergessen gehabt.

Ich bin kein Experte. Ich bin nur Expertenmeinungsverwutzer. Ist das okay? Nein? Dafür wurde ich inzwischen privat als “unmündiger”, als “Mainstreamgläubiger” wegklassifiziert.

Ich gnage an dieser abschätzigen Wertschätzung und versuche mich allein mir gegenüber, mich trotzdem zu rechtfertigen. Es klappt nicht. Ich stehe mir mit meinen Argumenten alleine gegenüber. Die daraus folgenden Grundsatzdiskussionen sind heftig. Weil, ich hätte ja wohl zuvor und überhaupt, da gab es Hinweise und andere hätten bereits gesagt und dann sind die aktuell anerkannten Experten und dann noch die nicht zu ignorierenden Schlagzeilen und dann die anderen die sowieso und ich bin ja eh dumm und unwissend und ohne hi und hott und dort gelesen zu haben eh unmündig und dann noch alles ohne Punkt und Koma geschrieben ist so wie eine Sahne-Creme-Torte anzurühren …

Ich schau aus dem Fenster. Es ist dunkel.

Meine Beleuchtungsanlage dimmt das Licht. “35 Quadratmeter Deutschland”. Null Balkon. Null Garten. Null Wohnungsluxus. Aber mit Blick nach draußen, gen Süden in die Sonne, das ist mein Anrecht an Ausgangsbeschränkung und Kurzarbeit. Hätte ich vormals ordentlich und fleißig gearbeitet, hätte ich wohl jetzt keinen Grund eben diesen anzumäkeln. Ich bin wohl faul, weil ich in der Innenstadt Münchens keinen Balkon oder Garten mir leisten konnte … ich hörte heute, wie großzügig Kollegenschweine dieses erklärten. Nur jene Fete der 50 Studenten wurde verurteilt, jene Party, welche die Münchener Polizei am Sonntag aufgelöst hatte. Unverantwortliches Gesocks. Und alle nickten. Eine normative Kraft des Faktischen ist so leicht herzustellen.

Meine Mutter ist 86. Am Telefon meinte sie, dass ihre Lebensqualität durch die Maßnahmen gekappt wurden. Warum würde ihr niemand deren letzten Jahre mit Kontakt zu anderen gönnen? Durch diese Verordnungen wäre sie noch einsamer als zuvor. Damit sie weiterhin in Isolation leben werde, um dann ohne CoVid-19-Einfluss zu sterben? Sie beklagte sich zuvor über wenige Kontakte. Und jetzt klagt sie durch die Social-Distancing-Parole aller anderen Personen (Bruder, dessen Sohn, dessen Frau, die Nachbarn) noch weniger Kontakte zu haben. Ich versuchte ihr zu erklären, wie brutal der Virus in der Lunge wüten würde und welche irreparablen Schäden der Virus anrichten würde, welche Qualen er hervorrufen könne, dass ihre Abgrenzung ihr paar Lebensjahre mehr bringen würden. Sie meinte, dass sie nicht für die Statistik leben würde, sondern für ihr Leben. Für ihre eigene Lebenserfahrung, für ihren Kontakt von ihr mit der Welt, von ihr Leben in dieser Welt.

Geht es nur darum, die statistischen Zahlen niedrig zu halten? Zahlen vor Kontakte? Ich gerate ins Grübeln. Ich hatte fahrlässig gegenüber meiner Mutter zu erwähnen vergessen, dass durch ihre Einstellung als unverständige 86-jährige die Gesundheitskosten unverantwortlich nach oben getrieben würden. Was nützt mir Tinder, wenn ich es im Sinne der Corona-Maßnahmen nur als reinen gedanklichen Austausch nutzen darf? Tinder ist keine Philosophenplattform, in der man alle elf Minuten seine Meinung wechselt, wenn man ein Foto sieht.

Verdammt. Was ist Gesundheit? Kann mir das mal jemand erklären?

Ist Gesundheit lediglich die Abwesenheit von Krankheit? JA! Genau das ist es. Das Ideal ist Gesundheit, ist die Norm. Und alles was krank ist, ist abnorm. Ausmerzenswert. Hallo? Darum schluck ich Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil und andere, damit ich dem Idealbild eines gesunden Mannes entspreche. Schon mal wegen den fehlenden Wirkstoffen der Letzt Genannten von der Bettkante geschubst geworden? Nur mein Problem? Okay. Eure Meinung.

Nein? Nicht? Solltet ihr das nicht einordnen können, dann seid ihr empathisch negativ einzuordnen. Denn deswegen abgeurteilt zu werden, scheint nur für empathisch Unbedarfte ein “normal” zu sein. Denn “normal” braucht das nicht. Nicht in dieser Gesellschaft, welche “empathisch” als Kampfbegriff ohne jegliche Differenzierung nutzt. Wahrscheinlich, um direkt danach die Schublade der narzisstischen Dysfunktionalität zu ziehen.

Was ist gesund? Per definitionem ist “gesund” das, was die Wirtschaft am Wachstum nicht hindert. Seid ihr der gleichen Meinung? Oder habt ihr eine andere Version, welche Neoliberalismus nicht beinhaltet?

Ob man als deutscher apostrophierter abendländischer “Christ” sein Leben einem anderen opfern solle? Also, der Toten-Trage anderer zuvor zu kommen? Über Ostern habe ich die normative Kraft der Argumentation erhalten: Ein Verzicht auf das eigene Leben zugunsten eines anderen Menschen wäre Selbstmord und somit unchristlich. Das wurde mir von berufener christlicher Seite erklärt. Da ich ausgetreten bin, darf ich jene christliche Ansicht eh nicht verstehen. Ich versuchte darauf, gleich Oberst Klein anzurufen und ihm im Sinne des abendländischen Christen-Seins zu seiner Attacke in Afghanistan zu beglückwünschen. “Kein Anschluss unter dieser Nummer.” Der BND hat meinen Anruf wohl registriert.

Egal.

Ich gebe es auf. Es ist mir egal. Genauso wie jene die mir permanent erklärt hatten, ich solle heiraten, weil man dann im Angesichts des Todes nicht alleine sterben würde. Mein Vater starb auf einem Schrottplatz. Da hat es ihm nicht geholfen, dass er zuvor die goldene Hochzeit gefeiert hatte. Er starb einsam an einem Schrotthaufen, wo er wohl etwas für ihn wertvolles entdeckt haben mochte. Die Wiederbelebungsmaßnahmen des Rettungsteam des Rettungswagen kamen eine Stunde zu spät. Muss man heiraten, um sterben zu dürfen? Ab wann ist ein Tod menschenwürdig? Ist das abhängig von einem Virus? Ist menschenwürdig nur dann menschenwürdig, wenn die Statistik keinen Ausschlag zeigt? Was sind die krankheitsbereinigten Corona-Statistiken? Die Arbeitslosen-Statistiken werden immer bereinigt. die der Corona-Erkrankten nicht.

Verzweiflung macht sich bei mir breit. Ich will ja nur verstehen, nur verstehen.Bislang habe ich euch immer und überall verstanden. Nur versteht mich wer? 31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer?

Ich werde wohl diese täglichen Corona-Blog-Einträge reduzieren. Es ist eh kein Tagebuch-Blog. Nichts bedeutsames. Eher unbedeutsames.

Zudem, weil das kollektive Imperativ nur einen Gedankenkorridor (gemeinhin “framing” genannt) offen lässt.

Ich weiß nicht, ob ich CoVid-19 positiv oder negativ bin, aber in mir reift der Gedanke, als potentieller Muttermörder in die Geschichte einzugehen: indem ich meine Mutter umarme und sie dadurch glücklich mache, aber die Gesellen von Spahn bis hin zu Söder sonst unglücklich mache. Ihr Lebensende soll statistisch positiv in de Daten eingehen, so ist das gesellschaftliche Ansinnen.

Glück ist eine Sache, welche eh auf einem anderem Papier geschrieben steht. Statistisch unerfasst und gesellschaftlich meistzeit als “sektiererisch” gebranntmarkt.

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Ausgangsbeschränkung. Auf 35 Quadratmeter Deutschland.

Will wer tauschen?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (29): Ostermontag

Ostermontag. From dawn till dusk.

Das Fernsehprogramm hat nach dreimaligen Durchsehen der Programm-Software nichts spannendes zu bieten. Die Streaming-Dienste und Mediatheken bieten Angebote so spannend wie trocknende Farbe.

Die Baustelle steht still. Nichts bewegt sich, außer der Kran im Wind. Mein Rechner rendert den Timelapse, den ich mit meiner Kamera aufgenommen habe. Titel: Kran wie ein Fähnchen im Wind. Uninteressant.

Unweit bollert ein 8-Zylinder vorbei. Wahrscheinlich macht jemand triftige Besorgungen. In den Nachrichten wird gesagt, dass die Mehrheit sehr diszipliniert war und nicht mit deren Fahrzeugen zum Ausflug in die Umgebung fuhr. Ich wäre gerne undiszipliniert gewesen, aber ich besitze kein Fahrzeug. Drum nehme ich das Lob aus dem Fernseher mal persönlich.

Das Telefon schweigt. Bis auf eine Nachricht. Per WhatsApp weist mich ein Bekannter darauf hin, dass alle Corona-Infos nur Fake sind, um uns dienstbar zu machen. Ich überlege die Block-Funktion zu aktivieren, lass es aber. Über jedes Stöckchen muss ich nicht springen, was mir irgendwer hinhält.

Ich zappe mich in verzweifelter Schwermut wieder durch alle Fernsehkanäle. Auf einem Programm erklärt ein Werbespot, dass in der aktuellen Situation niemand alleine sei. Ich schaue mich um. Niemand anwesend. Ich bin allein. Leere Floskeln für eine fast leere Kleinwohnung mit einer leeren Weinflasche vor mir.

Draußen bollert erneut ein 8-Zylinder vorbei. Mit triftigen Gründen.

Dieses Ostern geht zu Ende. Morgen ist ein anderer Tag.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (28): Tierlieber Ostersontag

Wenn Osterhase mit seinen Eiern … Moment, der Eierhase mit seinem Ostern, … äh, die Ostereier vom Hasen …

Ich krieg es nicht hin. Der Text sollte einfach nur U18 sein, jugendfrei. So etwas darf ich nicht schreiben. Niemals, nie, nicht. Es könnten ja Kinder mitlesen, die gerade Kinderüberraschungseier auspa … Mist! Schon wieder.

So etwas darf ich nicht schreiben. Kann mir jemand die siebenschwänzige Katze zum Selbstauspeitschen wegen unkeuscher Gedankenlage reichen? Wie? Katzen haben jetzt ebenfalls CoVid-19? Echt jetzt? Auch ne Risikogruppe? Per Test nachgewiesen? Ich dachte, es wird nur derjenige getestet, der persönlich einen CoVid-19-positiv Kontakt hatte, also einen Menschen, weil diese Tests so kostbar sind.

Hunde und Großkatzen können auch SARS-CoV-2 bekommen, habe ich jetzt lesen müssen. Zoos wurden ja bereits gesperrt. Wahrscheinlich damit niemand Tiger und Löwen streichelt. CoVid-19 Gefahr! Lediglich Hunde und Katzen laufen weiterhin frei herum. Diese Kotmaschinen auf vier Beinen sind deswegen entwicklungstechnisch tiefer gelegt worden, damit wir uns bücken müssten, um sie zu streicheln. Und wir bücken uns nicht! Wir sind aufrechte Menschen. Immer. Da bücken wir uns nicht. Außer hoch. Dass herausgefunden wurde, dass Hunde SARS-CoV-2 übertragen können wurde wahrscheinlich bei einer “Triage” herausgefunden: deutscher Schäferhund versus Hartz-4-Empfänger. Und das mit den Katzen? Dito. Katzen sind billiger im Unterhalt. Zudem, Hunden und Katzen braucht es schließlich noch, um auf Twitter oder Instagram seine Follower mit süßen Bildern bei der Stange zu halten.

Wobei “Stange halten” geht jetzt ja auch nicht, nicht wahr. Geht gar nicht. Nicht wirklich, weil erstens Kontaktverbot und zweitens latent sexistisch. Vor allem, weil Frühling ist, und da geht weder “Stange”, noch “Fieber” und erst recht nicht beides zusammen.

Und wenn Tote zu Ostern auferstehen, dann hat das nichts mit Sex in Corona-Zeiten zu tun, sondern mit … nein, die Statistikzahlen sind heute auch nicht zurück gegangen …

Nur, Osterwunder passieren selten dann, wenn man sie braucht. Glaubt daran. Oder streichelt mal wieder ne Katze. Oder kommt auf nen Hund. Aber lasst sie vorher auf SARS-CoV-2 testen …