Über Careca

Hang zur Satire, zur Ironie und zum Zynismus; Sinn für jeden Unsinn

Bücher zum Selberbasteln – Sein eigenes Buch veröffentlichen (4)

Der Link zu den Teilen zuvor:
Bücher zum Selberbasteln – BoD und Lulu im Vergleich (1)
Bücher zum Selberbasteln – Preisvergleich Produktionskosten (2)
Bücher zum Selberbasteln – Drei Verlage, drei Druckergebnisse (3)

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Wer sich dafür entscheidet sein Buch zu veröffentlichen, dem bietet sich jetzt zusätzlich durch diese Druckverlage die Möglichkeit, Bücher über den eigenen Bedarf hinaus drucken zu lassen, ohne über die konventionelle Schiene der Verlage zu gehen. Dafür sind aber die buchbeeinflussenden Bucherstellungsprozesse wie Lektorat und Buch-Design in die eigenen Hände zu nehmen. Das kann sowohl Chance als auch Herausforderung sein. Und je nach eigener Begabung entscheidend für die weitere Vermarktung des eigenen Buches.

Freilich ist es möglich, Angebote der Druckdienstleistungsverlage anzunehmen, um sein Buch auf konventionellem Weg in den Markt einzusteuern. Die bislang besprochenen Dienstleister wie Epubli, Lulu und BoD bieten diese Option. Hierbei kann der Autor, sein Buch mittels ISBN katalogisieren lassen. Jene drei sind aber nicht die einzigen Druckverlage, welche ihre Angebote auf Autoren ausgerichtet haben. Im Rahmen dieser Serie habe ich mir auch noch tredition ( http://www.tredition.de ) und Shaker-Media ( http://www.shaker-media.eu ) angeschaut.

Aber prinzipiell spricht auch nichts dagegen, eben diesen Weg ohne Hilfestellung eines Druckverlages zu beschreiten. Epubli, Lulu und BoD dienen bei solch einer Wahl lediglich als verlängerte Werkbank seiner eigenen Veröffentlichung. Sprich, der Druck wird bei einem der Druckdienstleister in Auftrag gegeben. Der Vertrieb des Buches erfolgt dann selbstständig, indem der Autor gezielt versucht, Angebot und Nachfrage in Eigenregie zu regeln. Dieses kann mit den selben Marketingmaßnahmen erfolgen, wie sie ein konventioneller Verlag anbietet: Visitenkarten, Flyer, Postkarten, Lesungen, Werbung über Internet. Das hört sich abenteuerlich an, ist aber nicht weniger abenteuerlicher als das, was der Markt veranstaltet, um ein Buch zu promoten. Es ist klar, dass ein Gießkannenprinzip der Werbung und der Probeexemplare – wie letztens bei dem neusten Dan-Brown-Werk – sich kein Autor wirklich leisten kann. Dieses ist das Privileg der finanzkräftigen Buchverlage, die die entsprechenden Mittel haben, den Markt anzukurbeln, um den späteren Kosten-Nutzen-Koeffizienten zu eigenen Gunsten zu drehen.

Der unkonventionelle Weg und sein Erfolg erfordern vor allem eines: Eigeninitiative.
Das Schreiben ist hierbei nur eine Seite der Medaille. Das eigene Geschriebene lässt sich über Lulu und BoD drucken. Das bedeutet, der Autor druckt sich entsprechend den eigenen Bedarfen Fun-Bücher (also jene Bücher für den Privatgebrauch), um diese dann unter anderem auch mithilfe des Internets zu vermarkten und zu vertreiben. Gerade für solch ein Ansinnen ist Lulu ein dafür ideal zugeschnittener Marktplatz. Der Grund dafür liegt auch in der Gründergeschichte dieses Dienstleisters (siehe Interview mit Robert Young bei Stern-Online): Die Rechte am Werk verbleiben komplett beim Autor und der Autor ist für den Absatz seines Werkes selber verantwortlich. Im Gegensatz zu BoD und Epubli bietet Lulu nicht nur die Verkaufsplattform für im eigenen Dienstleistungsverlag ertellte Bücher, sondern auch für das elektronisch Buche (als Download inklusive DRM).

Der Vorteil den konventionellen Weg der Veröffentlichung nicht zu beschreiten, macht sich durch Wegfall von Zusatzkosten wie beispielsweise „Buchhändlerrabatte“ bemerkbar. Diese erlauben den Verkaufspreis tiefer zu kalkulieren, bei gleicher Marge. Dieses kommt dem Käufer durch tiefere Preise für das eigene Werk zu Gute. Dem Autor ist es möglich, sich selbst günstig mit Buchmaterial zu bevorraten, um es über den Eigenvertrieb verkaufen zu können. Erst durch höhere Stückzahlen beim Drucken wird beispielsweise auch ein Druck bei Lulu rentabel. Für Einzelexemplare des Privatregals mag Lulu bei S/W-Taschenbücher nicht ideal sein, aber bei höheren Stückzahlen und dickeren Werken, steigen die Druckgesamtkosten bei Lulu nicht so stark wie bei BoD oder Epuli. Auch beim Druck im edleren Hardcover-Bereich fällt Lulu angenehm auf. Hier stieß ich auf vergleichende Informationen im Internet, welches die Hardcover von Lulu besser darstellen lassen als bei vielen anderen Druckverlagen und Druckdienstleistern. Der unkonventionelle Publikationsbereich bietet Chancen und Möglichkeiten, die aber – wie schon geschrieben – stark mit der Eigeninitiative des Autors zusammenhängen. Und die Kostenschiene ist die des Fun-Buch-Bereichs mit sich stark verändernden Druckkosten, wenn höhere Stückzahlen und andere Formate als dünne SW-Taschenbücher gedruckt werden.

Sollte aber jemand mit dem Gedanken spielen, den konventionellen Weg zu beschreiten, so entbinden meine Überlegungen denjenigen nicht, sich alle Verlage nochmals kalkulatorisch anzuschauen. Denn je nach Buchthema, Buchstärke, Buchbindung und farbigen Inhalten können sich Unterschiede ergeben. So könnte es auch sein, dass der Druckverlage literareon ( http://www.literareon.de ) eine weitere Möglichkeit darstellt.

Ich veranstalte jetzt hier einmal das Gedankenspielchen, die Memoiren meines Vaters auf konventioneller Weise zu veröffentlichen: 52 Seiten im Taschenbuchformat im S/W-Druck als Ausgangsbasis.

Sowohl BoD, Lulu als auch Epubli bieten ein Programm zur Veröffentlichung von Büchern. Hierzu fallen allerdings immer unterschiedliche Zusatzkosten an. Gerade BoD bietet verschiedene Einstiegspakete an. Wer es mag, kann hierbei Layout- und Lektorat-Paket im Werte von bis zu 2000 Euro abschließen. Oder er belässt es beim Basis-Paket für 39?. Prinzipiell umfassen solche Pakete die zur Veröffentlichung notwendige ISB-Nummer, den Barcode, die Veröffentlichung in der Liste lieferbarer Bücher und gegebenenfalls auch noch die Anbindung an einen Großbuchhändler wie Amazon.de oder Libri.de, sodass mein Werk auch über Internet jederzeit bestellbar und abrufbar sein wird.

Hierzu verweise ich auf den Vortrag von Prinz Rupi, in dem dieses Thema sehr gut erläutert wird (Autor sucht Verleger (5): Der direkte Weg zum eigenen Buch)

Was anfangs noch recht günstig ausschaut, ändert sich, werden alle noch weiterhin anfallenden Fixkosten aufaddiert. So entstehen beispielsweise bei BoD durch 39-€-Vertrag weitere monatliche 1,99-€-Kosten über eine Vertragslaufzeit von 5 Jahren.
Bei Epubli tauchen solche Kosten nicht auf. Epubli will für eine Veröffentlichung in den ersten zwei Jahren insgesamt 19,95 € sehen. Soll das Buch dann aber länger auf dem Markt bleiben, kommen Zusatzkosten hinzu, die angedeutet werden, sich aber auf den Internetseiten von Epubli aber nicht quantifizieren lassen.
Bei Lulu sieht die Lage wieder ganz eindeutig anders aus. Lulu bietet die Veröffentlichung und die Anbindung an große Online-Händler wie amazon.com und Barnes&Noble.com . Aber genau hier liegt auch der Knackpunkt bei Lulu. Denn amazon.com und amazon.de greifen NICHT auf den gleichen Datenbankbestand zu. Lediglich auf amazon.com werde ich es finden und direkt bei amazon.com bestellen können. Sollte ich bei amazon.de nach meinem Buch suchen, werde ich es nicht finden, solange kein anderer Anbieter das Buch führt.
Leider hatte Lulu aufgrund der Wirtschaftslage 2009 ein Vertriebspaket aus dem Programm genommen, welches extra auf Deutschland zugeschnitten war („Published by you für Deutschland“).

Was bedeutet das nun für Lulu und dem konventionellen Vertriebsweg?
Ein Beispiel:
Die Suchanfrage für das Buch „Schlangenlinie“ bringt sowohl bei amazon.de als auch bei amazon.com Ergebnisse. Bei amazon.com kann direkt für umgerechnet 13,20 € gekauft werden. Bei amazon.de findet sich das Buch ebenfalls, kostet aber ca. 46 €, weil es von einem New Yorker Anbieter verschickt wird. Amazon.de selber führt das Buch nicht. Ein schneller Blick ins Angebot des englischen amazon.co.uk zeigt, dass das Buch auch hier auf dem Lager liegt und für ca. 15,50 € erstanden werden kann. Selbst in Japan ist es bei amazon.co.jp käuflich. Eine schnelle Überprüfung bei buch.de, buchhandel.de, bol.de und libri.de ergibt für das Buch „Schlangenlinie“ keine Treffer. Das Werk existiert bei diesen deutschen Online-Händler überhaupt nicht. Es steht leider zu vermuten, dass Frau Ingrids Stenders Buch „Schlangenlinie“ (ISBN-13: 978-1409240105) bislang keinen großen Absatz gefunden haben wird. Darum einfach mal hier der Link bei Lulu.com, wo es das Buch auch für 6 € als Download gibt:
http://www.lulu.com/product/download/schlangenlinie/4114437

Doch zurück zu den Kosten einer Buchveröffentlichung. In dem nachfolgenden Diagramm habe ich zu den drei Druckverlagen die Kosten pro Seite bezogen auf die Anzahl der Seiten eines Werkes zusammengestellt.

KostenproSeite

Das Dia zeigt, dass der Vertrag bei BoD (Buchmodell: BoD-Comfort) mit seiner Laufzeit von 5 Jahren nicht unerhebliche Kosten nach sich zieht. Jede einzelne Seite des Büchleins mit seinen 52 Seiten bei BoD veröffentlicht hätte nach fünf Jahren einen Wert von 3,13 €. Das sind Wertsteigerungen, von so etwas träumen die Bänker inzwischen heute schon wieder bezüglich ihrer faulen Papiere in deren Tresoren. Bei Lulu würde der Wert übrigens weiterhin bei 1,51 € stagnieren. Epubli ist zwar nach zwei Jahren noch immer der billigste Druckverlag, aber wer das Buch dann länger halten will, der muss mit Zusatzkosten rechnen, die Epubli dann mitteilen wird. „Wert“ ist freilich das falsche Wort. Denn für den Autor sind das Kosten, die er finanziell zu tragen hat.

Was bedeuten aber diese Zusatzkosten?
Zur Verdeutlichung die entsprechende mathematische Aufgabe: Welchen Verkaufspreis muss ich bei dem Druckverlag im Vertrag angeben, damit ich bei nur einem verkauften Buch und dem daraus erzieltem Autorenhonorar all diese Zusatzkosten bezahlen könnte?
Bei BoD würde mir der Verkaufspreis von 300 € alle meine BoD-Kosten der nächsten fünf Jahren neutralisieren. Ich bräuchte nur einen Käufer, der für mein Büchlein 300 € locker macht. Danach plätschern für jedes verkaufte Buch weitere 300 € in meine Urlaubskasse.
Bei Lulu kann ich den Verkaufspreis geringer ansetzen. Für 149 € könnte das Buch im Buchhandel bestellt werden und mit dem ersten Verkauf wären mir meine Kosten entledigt.
Die Verkaufspreise sind freilich bar jeder Realität. Dieses Szenario diente nur der besseren Illustration.

Die meisten Autoren haben das Ziel, an deren eigenem Geschreibe etwas zu verdienen. Die Höhe des Verkaufspreis regelt hierbei die Erlöse für den Autor. Und eben dieser Verkaufspreis ist die einzige Stellschraube, an der die Druckverlage den Autor drehen lassen. Auf die weiteren Kostenschrauben wie „Distributionsgebühr“, „Herstellkosten“, „Mehrwertsteuer (7%)“ und „Buchhändlerrabatt“ hat der Autor keinen Einfluss.

Jetzt einmal angenommen, ich wolle als Autor meines Büchleins 1 € pro Buch als Autorenhonorar erlösen. Zusätzlich zu den bisherigen Druckverlagen nehme ich jetzt auch noch die Druckverlage tredition und Shaker-Media mit hinzu. Somit ergeben sich für mein Büchlein die folgenden Verkaufspreise (in Klammern habe ich die zu verkaufende Stückzahl gesetzt, ab der ich überhaupt erst Gewinn mache):

BoD: 4,50€ (163 St.) // Lulu: 6,12 € (59 St) // Epubli: keine Angabe erhältlich // tredition: 9,80 € (34 St) // Shaker-Media: 8,90 € (keine Angabe erhältlich; in einem Forum las ich, dass zwei Jahre lang jedes mal 25 Bücher vom Autor abzunehmen seien, eine Bestätigung bei Shaker-Media fand ich dafür nicht).

Verglichen mit den Preisen im Buchhandel sind die 4,50 € für mein Büchlein der realistischere Preis. Allerdings muss das Büchlein in den nächsten fünf Jahren pro Monat seine drei Käufer finden. Während tredition und Shaker-Media die Preise für mein 52 Seiten-Büchlein in der Region eines handelsüblichen 250-Seiten Buchs heben, erscheint gerade Lulu noch relativ fair: 1/3 höherer Preis bei nur 1/3 geringerer zu verkaufender Stückzahl im Vergleich zu BoD macht Lulu relativ attraktiv für so ein Kleinsttaschenbuch.

Das bezog sich jetzt alles auf den S/W-Druck im Taschenbuchformat. Aber selbst Farbdruck wird von den Druckverlagen angeboten. Hier unterscheidet sich allerdings Lulu von den restlichen erwähnten Druckverlagen. Bei Lulu heißt es ganz oder gar nicht, während BoD und Co. den Preis je eingefügter Farbseite nach oben korrigieren. Sollte also wer sein Buch mit bunten Buchstaben verlegen oder auf jeder Seite eine Farbgrafik einbinden wollen, der sollte aufpassen: Ein paar farbige Seiten machen sich bei BoD und Co. nicht so stark in der Preissteigerung der Herstellkosten bemerkbar, aber alle Seiten in Farbe gedruckt zu bekommen, der sollte eindeutig Lulu allein schon wegen des Preises den Vorzug geben (wenn die Vertriebsmöglichkeiten von Lulu nicht so bescheiden wären).

Soweit so gut. Dem eigenen Werk auf dem Markt Geltung zu verschaffen, ist nicht einfach und kein Selbstläufer. Das Verlagswesen und sein Buchhandel sind definitiv nicht fair. Es hilft darum auch nicht, den Markt aushebeln zu wollen. Es bleibt nur das Beste daraus zu machen.

Die Bucherstellung liegt völlig in der Hand der Autoren, falls der sich entschlossen hat, sein Werk selbst im Umlauf zu bringen. Andere sehen die neuen Möglichkeiten, die sich ergeben haben. Seit die Digitalisierung des Drucks voranschreitet, ist der Markt reif für das „Buch 2.0“ geworden. „Buch 2.0“ ist jedoch kein bequemer Klappstuhl, von dem aus beobachtbar ist, wie sich das eigene Buch zum Perpetuum mobile zweiten Grades entwickelt. Geschweige denn, dass es überhaupt erst einmal zum Perpetuum mobile (Selbstläufer) wird.

Die Möglichkeit der Designer seines eigenen Buches zu sein, bringt Vorteile wie Nachteile. Vorteil wie Nachteil ist, dass die Verantwortung bei Buch und Inhalt beim Autor selbst liegt. Als ich die erste Ausgabe meines Büchlein vor mir hatte, war mir bereits klar, was ich völlig unberücksichtigt gelassen hatte.

Ein Buch an sich ist schon fast standardisiert aufgebaut. Wer viel liest, dem wird es dann auffallen, wenn gegen diese Standards verstoßen wird. Die ersten beiden Seiten eines Buches haben keine Funktion (maximal mit Widmung und/oder Informationen über Buch und Autor), die nächste trägt den Haupttitel, die vierte das Impressum, die nächsten sind entweder das Inhaltsverzeichnis oder es beginnt das erste Kapitel. Und jedes Kapitel startet immer auf der rechten Seite (mit der ungeraden Seitenzahl)

Ein weiterer Punkt ist Rechtschreibung und Grammatik: Ein Buch mit Grammatik- und Rechtschreibfehler ist für den Leser ein absolutes Ärgernis. Um Rechtschreib- und Grammatikfehler zu verhindern, ist mindestens ein passendes Textverarbeitungsprogramm mit entsprechender Funktion erforderlich. Ansonsten bleibt nur ein Lektorat durch Freunde und Bekannte oder durch eine professionelle Lektoratsstelle. Alle Druckverlage bieten diese Lektoratsdienstleistung kostenpflichtig an.

Zudem würde ich von Internet-Hilfsmitteln der Druckverlage zur Buchcover-Erstellung abraten. Was für die Privattaschenbucherstellung vielleicht noch denkbar ist, wird einer Veröffentlichung nicht gerecht. Die Druckverlage bieten auch hierfür unterschiedliche Dienstleistungen an, die ihren Preis haben. Im Internet finden sich auch Druckverlagsunabhängige Personen, die bei der Buchgestaltung unter die Arme greifen und ihre Dienstleistungen anbieten (z.B. http://www.design.ulinne.de ).

Einen besonders interessanten und lohnenswerten Tipp fand ich hierbei im Buch-Shop von Lulu. Auf dem folgenden Internet-Link (bitte hier klicken) kann sich jeder das Buch „BUCH & COVER HILFE!“ kostenlos herunter laden. In dem Ebook findet sich dann das Angebot, dass der Autor demjenigen bei der Buch-Cover-Gestaltung Unterstützung zusichert, der sich das Buch als Druckausgabe bei Lulu (15,57 €) bestellt. Das Ebook an sich ist selbst schon eine große Hilfe, wer sich mit den oft unbeachteten Details der eigenen Bucherstellung beschäftigt.

Nebenbei, es ist immer ein guter Tip, sich alles Foren der jeweiligen Druckverlage durchzulesen. Insbesondere das Forum bei BoD (zu finden unter http://www.bod.de/autorenpool/index.php ) bietet viel Hilfe bei unterschiedlichsten Fragen.

Eine weitere Entwicklung von „Buch 2.0“ ist der verstärkte Weg zum Ebook. Wie bei demvorhin vorgestellten Buch zu erkennen, ist der Download kostenlos, die Druckausgabe kostet aber 16 € mehr. Der Trend, sich Bücher auf ein mobiles Gerät (Smartphone, Kindle, iTouch, etc.) zu laden, um es später dann dort zu lesen, wird sich immer mehr verstärken. Wer dieses beim Verlegen seines Buchres mit berücksichtigt haben will, der wird bei BoD nicht fündig werden. Dagegen bieten Druckverlage wie Lulu oder tredition diese Formate an. Der Vorteil ist sicherlich, dass man unabhängiger vom Vertriebskanal „Buchhandel“ ist und sich eigene Vertriebswege im Internet für sein „Buch 2.0“ finden kann.

Fortsetzung: Bücher zum Selberbasteln – Softwareunterstützung bei der Bucherstellung (5)

Bücher zum Selberbasteln – Drei Verlage, drei Druckergebnisse (3)

Der Link zu den Teilen zuvor:
Bücher zum Selberbasteln – BoD und Lulu im Vergleich (1)
Bücher zum Selberbasteln – Preisvergleich Produktionskosten (2)

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Wie man selbst zum privaten Buch kommt, hatte ich oben in den zwei Blogeinträgen bereits beschrieben gehabt. Was noch fehlte, war das Endergebnis meiner Bestellungen. Gestern kam die letzte Auslieferung und somit kann ich ein Fazit der Privatbücher ziehen.

Kurz nochmal zur Erinnerung. Aus dem Erbe meines Vaters hatte ich dessen Memoiren eingescannt und dann jeweils formatiert drei Verlagen zur Drucklegung übergeben:

  • dem Book on Demand-Verlag (BoD) mit Sitz in Norderstedt (bod.de)
  • dem Lulu-Verlag mit europäischem Sitz in der UK (lulu.com) und
  • dem Epubli-Verlag mit Sitz in Berlin (epubli.de)

Am 20. November bestellte ich jeweils ein Exemplar bei BoD und bei Lulu, zwei Tage später (am 22.) eines bei Epubli. Am 2. Dezember kam das Buch von Lulu und von Epubli in meinem Postkasten an. Epubli lieferte somit binnen acht Werktagen. Lulu benötigte 10 deutsche Werktage mit ihrer Lieferung des gefertigten Buches aus England (acht englische Werktage!). Lediglich BoD benötigte mehr Zeit und sein Exemplar traf am 3. Dezember (11 Werktage Lieferdauer) bei mir ein.

Wie ich bereits im ersten Blogeintrag dieser Kurzserie erwähnte, blieben die Versandkosten und die Kosten der Verpackung bei der BoD-Bestellung mit völlig im Dunkeln. Nachdem ich die Rechnung von BoD erhalten habe (das Buch war einfoliert in einem stabilen Pappumschlag), sind auch diese Kosten endlich klar. 85 Euro-Cent (Buchversandkosten) kommen damit auf den Buchpreis drauf.

Epubli hatte mir für die Verpackungs- und Versandkosten 4,95 Euro in Rechnung gestellt. Geliefert bekam ich das in einer Plastikfolienhülle eingepackte Buch in einem stabilen DIN A4-Pappumschlag, handfrankiert mit 1,45 Euro Normalpost aus Berlins Oranienstraße.

Lulu hatte mir für die VV-Kosten 7,99 Euro in Rechnung gestellt. Geliefert wurde per Eilbriefsendung („Priority-Mail“; analoge Kosten bei der DP ca. 8,50 Euro) aus dem Land der angelnden Sachsen.

Aufgrund dieser Erfahrungen stellen sich die Kosten für eine Privat-Buchbestellung anders dar:

Fun-Buecher

Lulu bleibt aufgrund seiner Anlieferung aus England der kostenintensivste Buchdruckverlag. Es können zwar ein paar Euros gespart werden, wenn man den Versand mit normaler Post durchführen lässt. Jedoch bleibt Lulu geldaufwendiger, je mehr Seiten das eigene Buch aufweist.
Epubli wird seine Gründe haben, einen normalen Großbriefversand (statt Büchersendung) durchzuführen. Die VV-Kosten von 4,95 Euro von Epubli verschaffen BoD einen komfortablen Kostenpuffer.
BoD bleibt selbst bei einem Taschenbuch mit 200 Seiten die kostengünstigste Druckwerkstatt der eigenen Schreibkunst. Denn nur BoD greift auf die kostengünstige Versandform „Buchsendung“ zurück.

Doch nun zu den Büchern an sich:

Epubli:
Epublis Buch hat mich am meisten mit dem glänzenden Buchumschlag überrascht. Erwartet hatte ich mir von dem Buchumschlag wenig. Epubli bietet seinen Kunden wenig Unterstützung, auf Design-Seiten ein attraktives Äußeres für das geplante Buch zu gestalten. Entsprechend eintönig sieht denn nun auch meine Auswahl aus. Auf der Rückseite konnte auch kein Buchtext verfasst werden. Allein der Barcode und die Internetadresse von Epubli wurden dort noch aufgebracht. Würde ich jemanden das Buch auf der Straße schenken, ich wette die erste Reaktion wäre »Boah ein Reclam-Heft! Ach nö, doch nicht«, denn dieses Exemplar hat eher das Aussehen eines Arbeitsexemplares für den Deutschunterricht. Fire and forget.
Wer sich nicht in Eigenregie ein Buchcover entwirft und es bei Epubli zu seinem Druck hochläd, der wird letztendlich zum einen mit einem schmucklosen Äußeren, zum anderen mit 4,95 Euro Verpackungs- und Versandkosten bestraft.
Auch der Beschnitt des Buches ist nicht wirklich als erstklassig zu bezeichnen. Am Beschnitt sind Wellen zu erkennen. Beim leichten über-den-Umschlag-gleiten-lassen der Finger spüren diese einen gratigen Buchumschlagrand.War das Messer nicht mehr scharf? Gab es gar eine »Aufbauschneide«? Vielleicht ist es aber auch handgeschnitten mit einem alten »Fallbeil« aus Holzbrincks Devotionalienhandel der Gutenberg-Zeit, genauso wie der Briefumschlag liebevoll handfrankiert wurde (kein Grat an der Briefmarke!).
Das Druckbild ist sauber. Zwei Graustufenbilder (eingescannte Dokumente) hatte ich in die Druckdatei eingearbeitet gehabt. Sie sind einwandfrei wiedergegeben. Auf der letzten Druckseite findet sich rechts unten der kleine Barcode von Epubli, nicht weit unterhalb des Schlussworts. Auf diese technische Ergänzung wurde seitens Epubli nicht hingewiesen. Sie findet sich aber eindeutig in der Vorschau-Ansicht des Buches und ist von mir übersehen worden.
Und noch eine kleine aber nicht unbedeutende Kleinigkeit, die ich ersthaft lobend hier erwähne: Titel und Autor finden sich auf den sehr schmalen Buchrücken. Zwar sind sie in Ameisengröße, aber diese Angaben sind vorhanden, sauber und einwandfrei. Weder BoD noch Lulu wiesen den Buchrückendruck auf, da denen mein Buch zu schmal war..

Lulu:
Da Lulu kein deutsches Taschenbuchformat (12x19cm) anbietet, griff ich hierbei auf das amerikanische 6×9-Zoll-Format zurück. Von allen drei Druckverlagen macht der Buchumschlag von Lulu am meisten her. Das liegt zum einen an der Möglichkeit, ein Foto ganzflächig auf der unteren Buchdeckelhälfte zu platzieren und zum anderen es mit von Lulu-angebotenen Werkzeuge farblich auf den Rest der Umschlaggestaltung anzupassen. Auch wenn das Buch mit nur 38 Seiten richtig dünn ausfällt, das Format gleicht optisch einiges aus.
Der Beschnitt des Buches ist fast erstklassig. Die letzte Seite hatte sich offenbar vor dem Schneiden gefaltet gehabt, sodass die Ecke der Seite ein künstlich gerissenes Eselsohr mit strenger Knickfalz aufweist. Diese falsch beschnittene Ecke hatte ich schon bei Nicht-Remitenten. Sowas ist zwar ärgerlich und definitiv auch reklamationswürdig, aber verschmerzbar.
Das Druckbild ist – bis auf eine Extra-Linie in einem Buchstaben im Text – einwandfrei. Die eingescannten Dateien werden aber mit erheblich mehr Grautönen dargestellt. Hierdurch erhalten die Grafiken einen sichtbaren Weiß-Grau-Rand. Weder bei Epubli noch bei BoD fiel mir das zuvor auf.
Auf der Buchrückseite findet sich lediglich der selbst geschriebene Buchtext und darunter der Barcode. Ein weiterer Hinweis – wie bei Epubli oder BoD – auf den Druckverlag wurde nicht mit aufgedruckt.

Book on Demand (BoD):
Hier macht das Taschenbuch den besten Eindruck. Das Buch könnte aus der Buchhandlung gekommen sein. Folienverschweißt und ein beanstandungsfreier Beschnitt. Das Druckbild ist ohne Mangel und die eingescannten Dokumente geben keinen Grund zum Beklagen. Auf der Buchrückseite findet sich sowohl der Barcode als auch das Logo von BoD in gleicher Größe. Da ich einen dunkelbraunen Umschlagton ausgewählt hatte, fällt das blaue BoD-Logo recht heftig aus dem Rahmen. Und das trübt etwas den gesamten guten Eindruck seitens des Druckverlages.
Will jemand diese Augenfälligkeit des Logos mindern, so müsste dann der Umschlag in den Logo-Farbtönen von BoD gehalten werden. Gut. Stände da jetzt PIPER oder KNAUR, dann wäre es wahrscheinlich mir egal, obwohl deren Logo raumgreifender ist als jenes von BoD. Es ist halt eine Augenfälligkeit, wenn sich die eigens gewählte Umschlagfarbe mit dem Logo-Blau von BoD beißt.

Quintessenz:

Von der Textformatierung über die Bestellung bis hin zum Empfang des Buches gibt es von den drei Druckverlagen schon jetzt einen, der es mir einfach gemacht hat: Epubli kommt an meine Ansprüche nicht heran. Schnittfehlers führen im Buchhandel zu Remitenten, die immer wieder gerne auf dem Wühltisch verkauft werden. Dass so eine Ware zur Auslieferung kommt, deutet auf nicht greifende Qualitätsregelkreise hin. Wenn bei einer Einzelbuchfertigung dieser Fehler nicht beseitigt wird, um dem Kunden ein einwandfreies Produkt zur Verfügung stellen zu können, was muss dann in einer größeren Bestellung erwartet werden? Ein solcher Beschnittfehler darf bei einer korrekt ablaufenden vorbeugenden Wartung der Betriebsmittel nicht auftauchen. Das Beschneiden von Büchern gehört zu der Kernkompetenz eines Druckverlages. Wenn die schon bei einem Einzelbuch nicht korrekt nachweisbar ist, wie sieht es dann mit den anderen Kompetenzen bei größeren Aufträgen aus?
Ein weiterer Punkt sind auch die VV-Kosten. Kundenfreundlichkeit bedeutet nicht, dass jemand eine Sondermarke zum Frankieren aufklebt (ich bin kein Philatelist mehr), sondern dass man den Bedürfnissen der Kunden auch monetär Rechnung trägt und Kosten vermindert. BoD macht es beispielhaft vor.
Epubli war für mich ein »Fire ’n Forget«-Versuch mit »Quick ’n Dirty«-Ergebnis: Zum Drucken von Privatbücher werde ich mich dort nicht mehr umschauen.

Lulu und BoD sind letztendlich die Kandidaten einer engeren Wahl.

Lulu hatte mir das Buch in einem sehr präsentablen Zustand zugeschickt. Bis auf die beiden kleineren Einzelfehlern, die keine systematische Fehlerursache bei der Produktion haben dürften, macht das buch optisch einen starken Eindruck.
Lulu krankt jedoch daran, noch kaum Fuß in Deutschland gefasst zu haben. Diese macht sich nicht nur auf deren Internetseite bemerkbar, wenn ein weiterführender Hyperlink auf einer englischsprachigen Seite endet. Lulu verdirbt sich seine Preise letztendlich durch seine unvermeidbaren hohen Portokosten (Versand aus UK nach D). Sollte Lulu mehr auf die Bedürfnisse des deutschen Marktes eingehen, würde Lulu zu einem ernsthaften Mitwettbewerber von BoD werden.

Es bleibt nur noch BoD. BoD bringt den Kunden dem Traum vom eigenen Privatbuch wirklich näher. Ich selber hatte an dem gelieferten Produkt nichts auszusetzen. Und schaue ich bei der Herstellung des Privattaschenbuchs rein aufs Geld, so bleibt eigentlich wirklich nur noch BoD. Dieser Druckverlag liefert im Bereich der Fun-Bücher bislang den meisten Mehrwert. Die beiden anderen lieferten mir entsprechend Wenigerwert.

Momentan sieht es für die Privatbuchherstellung in der Dreieckskonstellation BoDEpubliLulu so aus, das BoD fett im Geschäft sitzt, Epubli sich mit wenig Aufwand aber mit guten eigenem Kosten-Aufwand-Verhältnis (effizient und effektiv zugleich) am Geschäft beteiligen will und Lulu wie der Ferrari auf dem Kölner Ring zur Hauptverkehrszeit erscheint (ausgebremst und nicht wirklich effektiv).

Um es nochmals klar zu sagen: die Quintessenz bezieht sich nur auf Bücher mit Softcover (Taschenbuchausgaben mit geklebter Bindung). Bei höherwertigen Hardcover-Bücher (also Bücher mit gebundenen Rücken) kann die Bewertung aber ganz anders aussehen. Allerdings würde ich mit meinen jetzigen gemachten Erfahrungen eine Hardcover-Version eines anderen Druckes nur mit Lulu oder BoD planen. Bevor ich bei Epubli einen Hardcover in Auftrag geben würde, müsste ich erst einmal ein anderes zur Begutachtung in den Händen halten.

Und: meine Quintessenz bezieht sich nur auf eine Momentaufnahme der Fähigkeiten der Druckverlage. Das heißt, an einem anderen Tag (also nicht so kurz vor Weihnachten, sondern meinetwegen im Januar) könnte das Ergebnis wieder anders aussehen. Der Dreikampf »Lulu-BoD-Epubli« könnte dann über das Erscheinungsbild des fertigen Produktes wieder anders ausgehen. Allerdings wage ich hier meine Prognose, dass ich von Epubli noch immer genauso begeistert sein könnte.

Und: Sollte jemand privat seine eigene „Bibel“ oder seinen eigenen „Krieg und Frieden“ geschrieben haben und dieses Werk dann an alle seine 32 Familien- und Verwandschaftsmitglieder schenken wollen, so sei der Hinweis erlaubt, dass BoD beim Bestellvorgang die VV-Kosten nicht transparent darstellen wird. Die VV-Kosten können dann von der einfachen Black-Box zu einer harten „Büchse der Pandorra“ in Bezug auf den Preis pro Buch werden. Zwar erfährt man bei Lulu die VV-Kosten, aber leider erst nur beim Bestellvorgang. Bei beiden Verlagen hilft hierbei das Abschätzen des Gewichts des eigenen Werkes und das Studium der Tabellen der Deutschen Post (für BoD) oder der USPS („United States Postal Services“ für Lulu).

Ausblick:

Wenn ich vorhabe, meine Bücher zu veröffentlichen, wie sieht es mit Lulu, Epubli, BoD und den anderen bereits erwähnten Druckverlagen aus?
Das Ganze ist nicht so einfach. Auch mit dieser Frage habe ich mich beschäftigt. Anhand vier Verlage habe ich eine Übersicht erstellt, was die Kosten gewesen wären, würde ich das 52-seitige Taschenbuchheft mit den Erinnerungen meines Vaters auf den Markt gebracht haben.

Empfehlenswert für alle eigenen Druck-Vorhaben ist es, die Gestaltung des Umschlages in eigener Hand zu nehmen. Das eigene Buch gewinnt sicherlich mehr als alle drei oben erwähnten Druckverlage mit ihren Vorlagen anbieten können. Im nächsten Teil werde ich weiterführende Gestaltungshinweise zum Buch-Cover und zum Inhalts an sich geben. Nein, es werden keine High-End-Tipps an sich sein. Aber zumindest ein paar Gehhilfen, um zu einem besseren Ziel zu gelangen. Ganz konkret, ich werde auf Anfängerfehler hinweisen, die mir nach dem Erhalt meiner Bücher gleich selbst aufgefallen sind.

Eine weitere Frage, die nicht nur ich hatte, der ich auch im Internet immer wieder begegnete, betrifft die Frage nach Software-Unterstützung beim Schreiben des Buches. Welche Softwaren, die extra auf Autoren abzielen, gibt es? Worin unterstützen sie und wie sieht der Vergleich zu den Office-Paketen aus? Nicht alle marktverfügbaren Softwaren werde ich betrachten. Ich fand aber einige Software-Helferlein, die nicht erforderten, die Urlaubskasse zu plündern.

Dieses findet sich in dem nächsten und definitv letzten Teil dieser Serie.

Fortsetzung: Bücher zum Selberbasteln – Sein eigenes Buch veröffentlichen (4)

Wasserstandsmeldung

Und nun mal die aktuelle Wasserstandsmeldung:
Es stand mir bis zum Hals.
Gesundheitlich.
Grippe.

Jetzt könnt Ihr Euch ja denken, was in solchen Fällen bei Ärzten passiert. Die ziehen einen sofort vom Arbeitsmarkt ab und stecken diesen dann für die restliche Woche ins Bett.
Gelbe Karte sozusagen. Für Arbeitsgeber und Krankenkasse, zu verteilen von Arbeitnehmer. Damit alles seine Richtigkeit hat und nicht Arbeitnehmerlein wegen Überschreitung von irgendwelchen Kulanzgrenzen vom Platz gepfiffen wird.

Jetzt hat mein Arzt sofort 1 und 1 auseinandergezählt und meinte:
»Ha! 1 ´n 1! Dat hammse! Sischer dat!«
Abstrich gemacht, Blut gezogen, alles ins Labor geschickt und paar Tage später zerknirscht am Telefon:
»Hönnse mal! Jeet et ihne wieder? Sie haben die Schweinegrippe nicht. Is´n ganz normaler Grippevirus. Und überhaupt, sie haben schon Schweinegrippen-Antikörper in ihrem Blut. Woher haben Sie die denn her? Hatten Sie überhaupt schon die H1N1-Grippe gehabt? Warum hammse nichts gesagt? Man hätte Ihnen doch helfen könne.«

Ja, das stimmt. Offenbar hatte ich die schon routinemäßig abgearbeitet gehabt. Abgewickelt sozusagen. Anfang November. Es war wie eine leichte Erkältung vorüber gegangen. Hatte mich nicht wirklich großartig gestört. Dauerte auch nur von Freitag Abend bis Sonntag Mittag.
Von einem Kind habe ich mir die Gruppe partywilliger H1N1-Viren eingefangen. Aber der Körper des Kindes hatte ebenfalls kein Bock auf Party. Lediglich leichte Erkältungssymptome machten sich bemerkbar. Da waren die H1N1-Viren wohl beleidigt und sind dann zur nächsten Party-Location gezogen. Zu mir. Wieder so eine Virenspassbremse. Da war nichts gravierendes in meinem Körper zu bemerken. H1N1? Sicher, H1N1-Light sozusagen.

14 Tage später hatte sich ein Kollege das volle H1N1-Vergnügen abgeholt: Samstag ging es los, Montag war er schon krank und am Dienstag Morgen vermeldete er den H1N1-Laborbefund.

Und am Dienstag Vormittag kam dann das Sondereinsatzkommando mit Desinfektionsmittel und hat seinen Arbeitsplatz geputzt. Einfach so. Nachdem er schon 3 1/2 Tage nicht mehr am Arbeitsplatz was angefasst hatte. Und die Türklinken wurden desinfeziert. Alle. Sicher ist sicher. An dem Tag titelte Kai Diekmanns BILD auch schon wieder die nächste H1N1-Weltuntergangsmeldung: Die zweite Welle sei im Anmarsch und es sei erforderlich, noch mehr zu desinfizieren.

14 Tage lag der Kollege flach. Jetzt lacht er wieder und freut sich: Impfung gespart. Von mir hatte er es aber nicht. Die Viren hatte er sich offenbar in vollen Zügen der DB reingepfiffen.

Hm.
Ich hab jetzt einen taktischen Fehler begangen. In meiner Firma hätte ich mich jetzt als H1N1-Leidender outen sollen. Mein Schreibtisch wäre endlich mal wieder geputzt worden. Zu spät. Ne stinkelig piefig normale Grippe entlockt nicht mal nem Schwein ein Grunzen.
Egal.

Und darum jetzt nochmals die aktuelle Wasserstandsmeldung:
Ich han‘ den Kanal noch lange net voll.
Wenn ich schon sowas wieder schreiben kann, dann werd‘ ich noch ne ganze Menge leben.

Die wohlfeile Blitzbestellung

Bestellung

Jedes lieferbare Buch wird innerhalb 24 Stunden bestellt? Wahnsinn. Ich selber schaffe eine Bestellung in 5 Minuten bei amazon.de, wenn es lieferbar ist … .

Wenn das eine gemeint sein soll, aber das andere geschrieben wurde, sollte lieber das Geschriebene umgeschrieben werden, damit das Ungeschriebene geschrieben steht.

Oder dem Käufer erklären, dass die berufliche Zielerreichung der Bestellung einer Verkäuferin dann erfüllt ist, wenn diese das Buch in den nächsten 24 Stunden bestellt hat. …

Bücher zum Selberbasteln – Preisvergleich Produktionskosten (2)

Der Link zu dem ersten Teil:
Bücher zum Selberbasteln – BoD und Lulu im Vergleich (1)

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Aufgrund meiner eigenen Neugierde habe ich mich inzwischen bei zwei weiteren Verlagsdienstleistern angemeldet.

Der eine Dienstleister ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Georg von Holzbrinck. Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH, ein Familienunternehmen, hat seinen Sitz in Stuttgart. Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH publiziert in klassischen und elektronischen Medien. Dieser Gruppe gehören auch die sozialen Netzwerke schülerVZ, studiVZ und meinVZ. Auch Die Zeit und das Handelsblatt gehören zu dieser Verlagsgruppe.

Als Verlagsdienstleister hat die Verlagsgruppe Georg von Holzbrinck das Produkt „epubli – Buchdruck von morgen“ (http://www.epubli.de) auf den Markt gebracht.

Der andere Verlagsdienstleister ist tredition (http://www.tredition.de), welches seit Anfang 2007 besteht. tredition gehört keiner großen Verlagsgruppe an, sondern wurde von vier Menschen gegründet, die in das Verlagsgeschäft eingestiegen sind.

Während epubli sich an das gleiche Publikum wie lulu und BoD richtet, ist die Ausrichtung von tredition eher auf Audiobools und Ebooks. Gedruckte Bücher kommen bei tredition erst an dritter Stelle und sind ein angebotenes Nebenprodukt der Ebooks. Somit ist tredition eher etwas für Leute, die Bücher schreiben und diese dann im größeren Stil vermarkten wollen. Entsprechend ist auch der Autorenvertrag zwischen tredition und Autor gehalten. Wer mit tredition lediglich ein Dutzend einzelne Bücher herstellen will, ist dort nicht so gut aufgehoben.

Ich habe jetzt bei diesen vier Dienstleister verglichen, was die reine Bucherstellung (Schwarz-Weiß-Druck) kostet. Der Vergleich richtet sich also an all die, welche ein Buch nur für sich erstellen möchten (Fun-Buch).

tredition habe ich trotz seiner Ausrichtung auf spezielles Klientel mit in den Vergleich mit hinein genommen.

Schwierig war es lulu mit BoD und epubli direkt zu vergleichen. Das Problem ist das Angebot der Buchformate. Während BoD und epubli das normale deutsche Taschenbuchformat 12x19cm anbieten, finden sich bei lulu nur ähnliche Formate, welches sich nach dem amerikanischen Zoll-Maßsystem richtet.

Ich habe hierzu das lulu-Format 15,24×22,86cm (lulu-US Trade-Format) und das lulu-Format 10,795×17,463cm (lulu-Paperback) gewählt und anhand meiner im ersten Teil erstellten Datei das Verhältnis auf das Taschenbuchformat 12x19cm umgerechnet.

Das bedeutet, dass der gleiche Text des Taschenbuchformat 12x19cm mit 52 Seiten im lulu-US Trade-Format 38 Seiten ergab. Im lulu-Paperback waren es 64 Seiten. Mir ist klar, dass je nach Art des Textes die Seitenzahl schwanken kann. Dieses kann sich im Buchpreis auf eine Abweichung von 10 Euro-Cent nach oben oder nach unten auswirken. Es hängt vom Text ab.

Mit all diesen Daten (basierend auf ein von mir erstelltes Buchdokument) habe ich die folgenden Preisverläufe (Stand: 23. November 2009) abhängig von der Seitenzahl des Buches in einer Grafik eingebaut:

Preise_Grafik

Hieraus ergibt sich, dass BoD bei einer Seitenzahl bis zu 100 Seiten die kostengünstigere Variante ist. Bei höheren Seitenzahlen ist epubli von allen Anbietern preislich der Günstigere.

Anhand der Grafik zeigt sich auch die Verwendbarkeit von BoD. Für Bücher mit wenig Seiten ist BoD am Günstigsten, wird aber schon ab einer Stärke von ca. 125 Seiten sogar in der Herstellung teurer als das Angebot lulu-US Trade-Format. Nach 200 Seiten hat BoD sogar das Angebot lulu-Paperback übertroffen.

Interessant ist bei diesem Vergleich auch, dass lulu-Paperback immer teurer ist als das Taschenbuch-Format von tredition. tredition wird also dann interessant, wenn jemand größere Publikationen (mehr als 200 Seiten) mittels EBook, Audiobook und mit zusätzlich angeschlossenem Print-Book (auf deutsch: das ausgedruckte Buch) auf den Markt bringen möchte.

Lulu scheint somit bei Büchern bis 125 Seiten abgeschlagen zu BoD und epubli. epubli könnte nach dieser Grafik also eine Empfehlung sein. Dieses stimmt erst einmal, wenn man sich lediglich die Produktionskosten anschaut und sich nur auf die Angebote ohne Veröffentlichung mit ISBN-Erteilung einlässt (also reine Privat-Editionen). Und es stimmt auch nur, wenn man all die Randbedingungen unbetrachtet lässt, die unter dem Bereich ‚Service‘ und ‚Unterstützung‘ für die Privat-Autoren fallen. Denn epubli bot weniger Unterstützung beim Buch-Design als es von BoD und Lulu angeboten wird. Hierzu hatte mir Prinz-Rupi einen treffenden Kommentar gegeben (Link).

Auch die Versandkosten habe ich jetzt außen vor gelassen, da ich diese von epubli, BoD und Lulu nach Erhalt der von mir bestellten Bücher mit einberechnen werde.

Dieses ist erst nur ein Zwischenbericht, was die Kosten anbetrifft. Wichtig dabei ist zu beachten, dass ich als Basis meine Buchvorlage gewählt hatte. Bei anderen Buchvorlagen können sich ohne Zweifel Verschiebungen ergeben. Die Tendenz für die Buchdruckkosten wird aber trotz dieser Verschiebungen die Gleiche bleiben.

Erhebliche Verschiebungen kommen aber dann, wenn der Autor überlegt, nicht nur ein Privat-Buch zu erstellen, sondern es wirklich auf dem Büchermarkt heraus zu bringen. Hierbei fallen bei allen Anbietern Zusatzkosten an, die unterschiedlich sind. Auch die darin dann enthalten Dienstleistungen, ein Buch auf den Markt zu bringen sind unterschiedlich.

Darum wird das, was über diese Kosten hinaus geht, im dritten Teil meiner Kleinserie enthalten sein.

Wie schon geschrieben, das geschieht, sobald ich alle meine bestellten Privat-Bücher bekommen habe.

Fortsetzung: Bücher zum Selberbasteln – Drei Verlage, drei Druckergebnisse (3)

Bücher zum Selberbasteln – BoD und Lulu im Vergleich (1)

Langsam setzt die Weihnachtsgeschenkepanik ein. Oder auch nicht. Es kommt nur darauf an, wie schnell einem eine Idee kommt. Mir kam die Idee ein echtes Buch mal mittels eines Buch-Dienstleisters selber zu erstellen.

In meinen Archiv der nützen und unützen Staubfänger fand ich aus dem Nachlass meines Vaters dessen Memoiren. Er hatte vor 15 Jahren seine Erinnerungen niedergeschrieben und mir dann – „Ich hab dir schließlich geholfen den Computer zu kaufen“ – zum Abtippen und Binden – „Du hast mir mal gesagt, an Eurem Institut könnt ihr Bücher binden“ – gegeben.

So saß ich damals an meinem 386er 40 MHZ (sic!) und tippte das in „WordPerfekt für DOS“ (sic!), was ich so aus meines Vaters Handschrift entziffern konnte. Er hatte eine Vorkriegshandschrift und seitdem ich sie entziffern gelernt hatte, machen mir andere kryptischen „Sauklauen“ (wie die meinige) keine wirklichen Probleme mehr.

Leider musste ich jetzt feststellen, dass die CD mit den Originaldateien Datenverlust verzeichnet. Die CD war altersbedingt unlesbar geworden. Totaler Datenverlust. Vielleicht hätte ich ja mal vorher die CD umbrennen sollen …

CD-Datenverlust hin, CD-Datenverlust nach 15 Jahren her, das Papier, auf dem ich damals ausgedruckt hatte, zeigte keinen Datenverlust. Den Nachlass meines Vaters mit seinen Erinnerungen habe ich jetzt nicht nochmals abgetippt. Es gibt ja Scanner und OCR-Software.

Das Ergebnis davon war also eine verwertbare Datei, die ich zu einem Buch umsetzen wollte. Und dieses habe ich vorgestern bei „BoD“ (Books on Demand GmbH, Norderstedt; http://www.bod.de) durchgeführt.

Gestern las ich dann den Eintrag von Prinz Rupi in seinem Blogeintrag Autor sucht Verleger (5): Der direkte Weg zum eigenen Buch. „Lesen“ ist jetzt allerdings ein wenig zu viel behauptet. Er hat dort in seinem Eintrag ein YouTube-Video verlinkt, welches einen wirklich erhellenden und kurzweiligen 55-Minuten-Vortrag von ihm zeigt (Link: YouTube-Video). In diesem Vortrag geht er besonders auf die Möglichkeiten ein, über Buch-Dienstleister ein eigenes Buch kostengünstig zu produzieren. Er bezog sich hierbei besonders auf „BoD“ (http://www.bod.de) und „Lulu“ (http://www.lulu.com).

Angeregt durch diesen Vortrag habe ich gleich meine Daten nach der Anmeldung auch bei Lulu hoch geladen.

Sowohl bei BoD als auch bei Lulu habe ich die jeweils Option gewählt, welche recht nah an einem veröffentlichbaren Buch liegen. Im Grunde müsste ich bei beiden nur noch eine ISBN beantragen, etwas mehr Geld hinblättern und schon würde jeder die Memoiren meines Vaters bei amazon.de bestellen können.

Bei BoD ist diese publikationsnahe Dienstleistung das „BoD-Fun“-Angebot. Bei Lulu gibt es so etwas explizit nicht, aber wie sich nachher zeigt, wird m.E. jedes Buchprojekt erst einmal privat angelegt und ist dann per Mausklick der Weltöffentlichkeit im Buchhandel zur Verfügung stellbar.

Was ich hier nur zeigen möchte, sind die Unterschiede zwischen BoD und Lulu. Die Unterschiede, die mir direkt auffielen und die mir bei dem einen besser gefiel als beim anderen.

Basis war ein Foto (zur Buchtitelgestaltung) und die entsprechende Datei, um ein Paperback-Buch zu erstellen.

Das Ergebnis bei „BoD“:
Um ein Paperback zu erstellen sind mindestens 52 Seiten erforderlich. Bei der Buchgröße von 12×21 cm musste ich ein wenig bei den Formatierungen nachhelfen, um auf die 52 Seiten zu kommen.
Der Preis des Buch-Exemplar beträgt 3,62 EUR. Zu Porto-Kosten fand ich keine Angaben. Ebenso wenig zur Dauer bis zum Erhalt des Exemplars.
Die Bezahlung soll auf Rechnung erfolgen. Der Einfachheit halber habe ich dort meine Kontodaten mit Einzugsermächtigung hinterlassen (no risk, no fun).

Das Ergebnis bei „Lulu“:
Die Größe des Paperback-Buchs hatte ich mit 15.24×22.86 cm (6×9“) gewählt, was 38 Seiten ergab. Der Preis des Buch-Exemplar beträgt 7,38 EUR (bei 2 Exemplaren gäbe es schon 10% Rabatt). Das Drucken dauert normalerweise 3-5 Werktage plus Versand mit 7,99 EUR für 5-12 Werktagen. Die Bezahlung erfolgt entweder über Kredit- oder Kontodaten oder über PayPal.

Jetzt zu den einzelnen Punkten bei der Unterstützung zur Buchgestaltung der beiden Anbieter:

Monetäre Bewertung:
Vom Preis her dürfte einwandfrei BOD gewonnen haben. Unklar sind mir aber deren Versandgebühren. Ich werde es wohl noch erfahren.

Buch-Cover-Gestaltung
Eine reichhaltige Vielfalt der Buch-Cover-Gestaltung mit entsprechenden Vorlagen bietet BOD. Lulus Vorlagen sind nicht so reichhaltig. Auffällig war aber, dass die Fotogestaltung auf den Buch-Covern bei BoD recht bescheiden war, während Lulu eine Anpassung der Fotos über Größe und Ausschnitt ermöglichte.

Anwenderfreundlichkeit
Die Anwenderfreundlichkeit bei der Buchgestaltung (sprich: formatieren etc.) geht eindeutig zugunsten von Lulu. Lulu bietet für alle angebotenen Buchgrößen entsprechende Formatvorlagen. Die Formatierung verlief damit sehr einfach. Und das schöne, die Vorlagen sind im Word-doc-Format und im rtf-Format. Mit der aktuellen Version von Open Office hatte ich keine Probleme die Vorlagen zu nutzen.
BoD bietet hierbei gar nichts. Wer die Seiteneinstellung bei dem eigenen Daten nicht korrekt durchführt, wird möglicherweise Überraschungen wegen falschem Buchformat erleben. Die Hilfetexte von BoD auf deren Portal haben mir nicht sonderlich viel Licht ins Dunkle gebracht. Zumindest ich hatte nichts hilfreiches gefunden.
Was mir bei Lulu auffiel, waren zum Teil nicht ins Deutsche übersetzte Sätze im Englischen bei bestimmten Sachen. Für mich ist das kein Problem, für Englisch-Unkundige vielleicht schon.

Logistik und Rechnung
Transparenz in Sachen Rechnung und Lieferzeit liefert eindeutig Lulu. BOD hat es damit weniger. Eigentlich ist mir noch immer schleierhaft, wie lange ich auf mein Buchexemplar zu warten habe.

Portalbewertung
Für registrierte und angemeldete Anwender ist das Portal von BoD („myBoD“) im eigenen Bereich eindeutig aufgeräumter als bei Lulu („Mein Lulu“) und in vier klare Bereiche unterteilt. Allerdings gefällt mir der Aufbau von Lulu besser, weil ich mit der linken html-Menüleiste in meinem bereich kreuz und quer umherspringen kann. Wer klare Strukturen vorzieht, der wird bei Lulu leicht verschnupft reagieren und sich bei BoD wohl fühlen.

Datensicherheit
Erstmal habe ich keine Ahnung, wo meine Kontodaten sicherer sind. Im Zweifelsfall sind sie nirgendwo sicher, würde mir jeder Datenbeauftragte erzählen. Aber mir ist aufgefallen, dass meine Kontodaten bei BoD einmal eingegeben nicht mehr editierbar sind. Bei Lulu kann ich diese Daten selbständig editieren und/oder löschen. Sicherlich ist es für BoD praktischer, wenn sich jeder User bei Änderung der Kontodaten bei denen per Mail, Post oder Fax melden muss, anwenderfreundlicher ist aber hierbei Lulu.

Vorläufiges Fazit:
Lulu ist für die Erstellung eines Einzelexemplars sicherlich teurer als BoD. Auch bei den Vorlagen für die Covergestaltung glänzt BoD. Aber dann fällt eigentlich BoD im Vergleich zu Lulu ab.

Ausblick:
Was mir jetzt nur noch fehlt, ist der direkte Vergleich in Sachen Lieferung des Buches. Und freilich die Qualität der beiden Buchausgaben an sich. Sobald BoD und Lulu geliefert haben, werde ich dazu einen weiteren Blogeintrag verfassen und meine endgültige Bewertung dazu geben.

Nichtsdestotrotz, ich finde es faszinierend, wie einfach es ist, ein eigenes Buch zu erstellen. Dieses dann auf den Markt zu bringen, das ist dann wohl mit BoD und Lulu das kleiner Problem. Das größere Problem ist aber dann – wie immer – der Käufer. Aber der Weg zum Pulitzer-Preis war noch nie einfach.

Fortsetzung: Bücher zum Selberbasteln – Preisvergleich Produktionskosten (2)

Wenn die Volksgondeln Trauer tragen …

Volkstrauertag.

Wer trauert um wen und warum?
40.000 trauern um einen im Mittelkreis des Fußballstadions mit Kränzen drapierten Sarg.
Die SPD um Ex-Bundesfinanzminister Matthöfer, dessen Tod heute vermeldet wurde.
Bundestagsabgeordnete gedenken zusammen mit dem Bundespräsidenten Köhler im Plenarsaal des Bundestags den Opfern von Krieg und Gewalt.

Volkstrauertag.

Verteidigungsminister zu Guttenberg trauert in einer Verlautbarung um mehr als 3.100 deutsche Soldaten seit 1952. 3.100 tote Soldaten gestorben aufgrund „kriegsähnlicher“ Todesursachen.
Und dann kritisiert er in seinem Kommentar zum Volkstrauertag, dass viele in der Gesellschaft sich mit Begriffen wie „Dienen“ und „Pflichterfüllung“ schwer täten.

Der Verteidigungsminister, der gerade bei seiner Afghanistan-Reise mit erstklassigen Posings vor den Fotografen glänzte. Fotos von zu Guttenberg a la Pierce Brosnan in dessen Rolle als „James Bond“. Fotos, unter denen die FAZ den fotogenen Baron zu Guttenberg passend als „Dressmen“ (http://i35.tinypic.com/2uogiab.jpg) bezeichnet.

Vielen in der Gesellschaft täten sich mit Begriffen wie „Dienen“ und „Pflichterfüllung“ schwer, meint zu Guttenberg. Dem zu Guttenberg sind also mehr als 3.100 tote Soldaten noch nicht genug?
Oder zu Guttenbergs Satz frei übersetzt in die Worte des Alten Fritz, dem Preußenkönig:
„Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“

Also, meine Herren über 18:
Auf zum „Dienen“ und zur „Pflichterfüllung“.

Neugierde tötete Schrödingers Katze (Kneipengespräch)

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12

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Tresen1

Ich starrte auf den Tresen. Er hatte mir geduldig zugehört. Bis seine Kölsch-Stange leer war. Dann orderte er eine neue, nahm einen Schluck daraus und schaute mich an.

– Wie furchtbar ist Wissen, wenn es dem Wissendem keinen Gewinn bringt.
– Du zitierst Lui Cifre aus dem Film „Angel Heart“?
– Ja. Und noch ein Zitat aus dem Film: Wie geschickt du dich an einen Spiegel heranschleichst, das Spiegelbild schaut dir direkt ins Auge.
– Ich bin nicht geschlichen.

Meine Kölsch-Stange war noch halb voll. Nur der restliche Schaum auf dem Kölsch schien mir eher „halb leer“ zu erzählen.

– Ich hatte dir ja erzählt, dass das Traktat von PentAgrion existiert. Du hast es ja selbst vor deinen Augen gehabt und auszugsweise gelesen.
– Es hat mir kein Glück gebracht. Es stand viel zu lesen drin.
– Und du hast viel erfahren, bei deiner Suche.
– Ich hab nicht gesucht.
– Stimmte, es hat dich gefunden.
– Gesucht. Gefunden. Wir haben uns getroffen. Zufällig.

Er leerte sein Kölsch mit einem weiteren Schluck. Der Wirt brachte ihm sofort ein neues und schaute mich dabei ironisch grinsend an.

– Und? Auch in Amsterdam nach PentAgrion gefahndet?
– Arsch.

Er lachte und entfernte sich wieder. Mein Nachbar setzte fort:

– Du hast einen Teil der Wahrheit gefunden.
– Meine Ehe ist ruiniert. Meine Frau will sich scheiden lassen. Momentan wohnt sie bei ihrer Mutter.
– Weil deine Frau eine der Möglichkeiten, warum man sich in einem Puff aufhalten kann, als die einzige Wahrheit gehalten hat.
– Ich meine, ich verstehe sie ja, dass sie glaubt, ich wollte dort. Aber sie glaubt mir nicht, dass ich nicht hatte.
– Sie sieht eine der Möglichkeiten als Wahrheit an.
– Was ist schon Wahrheit.
– Du zitierst den Statthalter Jerusalems, als er Jesus zum Kreuzigen verurteilt hatte.
– Na und?
– Angenommen ich werfe jetzt mein Kölschglas hoch, was passiert dann?
– Es wird auf dem Boden zerbersten.
– Warum sollte es so sein? Wenn ich das Glas hoch werfe und es zu Boden gefallen ist, dann weiß ich – ohne wenn und aber – ob es zerbrochen ist.
– Schön. Und was willst du damit sagen?
– Solange ich das Glas nicht geworfen habe, gibt es unter anderen die folgenden Möglichkeiten: das Glas zerbricht, das Glas bleibt ganz, das Glas erhält nur einen Sprung, das Glas bleibt oben, das Glas bleibt in der Luft stehen, das Glas löst sich in seine Atome auf, das Glas fällt ewig durch ein Loch ins Universum …
– Jetzt bleib mal auf dem Teppich. Das Glas wird auf den Boden fallen und zerbrechen.
– Nicht wahr? Das Ergebnis raubt uns alle Möglichkeiten, die ich mir gerade überlegt hatte, nicht wahr. Das Ergebnis macht arm.
– Schön. Und nochmals: Was willst du mir damit sagen?
– Die Wahrheit raubt uns alle Möglichkeiten. Das Ist an sich ist einfältig. Das Kommende, das Zukünftige, dagegen aber ist vielfältig. Nur die Wirklichkeit, also das Ergebnis, ist ohne Möglichkeit.
– Herr Oberspielleiter! Nochmals ein Kölsch für zwei! Der hier neben mir will in meinen Synapsen einen Kurzschluss verursachen.

Der Wirt blickte maliziös lachend zu uns herüber und fuhr fort, Gläser zu spülen. Mein Nachbar versuchte meinen Blick aufzufangen.

– Deine Frau hat eine Möglichkeit als Wahrheit ergriffen und damit dem Kommenden alle Zukunft beraubt. Sie hat euch eurer zukünftigen Vielfalt beraubt.
– Stimmt. Sie ist Schuld, dass ich im Puff war!
– Quatsch. Ich rede nicht von Schuld, sondern Verursachung und Ursache. Schuld ist eine moralische Frage.
– Aber darum geht es doch.
– Okay für dich schon. Aber nicht bei den Papieren von PentAgrion.
– Sondern?
– Gewissheit und Wissen machen arm. Das wurde bereits auch schon in der Bergpredigt der christlichen Bibel geschrieben: „Selig sind die, die geistig arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Anders ausgedrückt formuliert: Wissende werden mit Glücksentzug bestraft. So wurden auch Adam und Eva gleich aus dem Paradies geschmissen.
– „Sie wussten zu viel.“ Hört sich ja an wie in einem Mafia-Film. Der letzte Satz bevor der Schuss fällt und der Mitwisser röchelnd stirbt.
– Mag sein. Aber das Fehlen oder der Entzug von Glück hat die Menschheit weiter gebracht. Jemand, der immer ausgeglichen, zufrieden und selbstgenügsam ist, der empfindet niemals den Drang nach Forschung und Wissen. Und zu allem Verhängnis kommt auch noch hinzu, dass das Gefundene und Entdeckte nur kurzfristig zufrieden stellt.
– Und das heißt jetzt?
– Hättest du die Papiere von PentAgrion jetzt vor dir liegen gehabt, dann hätte dich diese Wahrheit aller Möglichkeiten beraubt gehabt.
– Und weil ich sie nicht vor mir habe, erlebe ich jetzt ein Chaos in meinem Leben?
– Eine Zukunft mit vielen Möglichkeiten.
– Super. Mir stehen wieder alle Frauen der Welt offen? In meinem Job kann ich wieder von vorne anfangen? Sind das die vielfältigen Möglichkeiten?

Ich griff nach meinem Kölsch und leerte es ärgerlich.

– Die Wissenschaftler haben für deine Situation ein herrliches Gedankenexperiment.
– Welches?
– Schrödingers Katze.
– Was für ne Pussy?
– In der Quantentheorie der Physik gibt es den Satz, dass Messungen physikalische Zustände beeinflussen. Beispielsweise hat jedes Wasserstoffatom ein Elektron, welches sich in einer Art Hülle um das Atom herum bewegt. Zusätzlich hat das Elektron auch noch eine Eigenrotation. Aber jedes Mal wenn dieser sogenannte Spin gemessen wird, kann der sich ändern. Es ist daher nur eine Momentan-Aussage über den Zustand möglich.
– Sind wir in einer Kneipe oder im Chemieunterricht?
– Warte. Schrödinger hatte aufgrund dieser Sache in einem Gedankenexperiment eine Katze in einer Holzkiste mit einer definierten Menge instabiler Atome gesetzt. Zerfällt jetzt ein Atom in der Kiste, löst dieses einen Mechanismus aus, der wiederum eine Zyankali-Kapsel zerstört, womit die Katze getötet wird.
– Danach hat Schrödinger sicherlich Probleme mit PeTA erhalten.
– Es scheint also nur zwei Zustände zu geben. Zustand 1: Atom ganz, Katze lebt. Zustand 2: Atom zerfallen, Katze tot. Jetzt befinden wir uns also auf Atomebene und das Atom befindet sich auf dem Weg zum Zerfall. Also befindet sich auch die Katze in einem Zwischenstadium aus Tod und Leben.
Aber dann brauch ich ja nur die Kiste zu öffnen, und schon sehe ich, ob die Katze tot oder lebendig ist.
– Genau. Und da greifst du in dem Experiment mit deiner Messung ein und veränderst die Realität. Tot ODER lebendig, während sie vor deiner Messung Tot UND Lebendig war.
– Curiosity kills the cat. Neugierde tötet die Katze.
– Richtig. Die Messung und die Befriedung des eigenen Wissens bestimmt den Zustand der Katze. Sie greifen in die Wirklichkeit ein und rauben vielfältige Zukunftsmöglichkeiten.
– Wie? Sollte die Katze etwa spurlos aus der abgeschlossenen Kiste verschwinden? Sie kann doch nur tot oder lebendig sein. Die Chancen sind 50:50.
– Mit dieser Annahme und Erzwingung der Wirklichkeit raubst du dir die Zukunft. Deine Frau nimmt an, dass du im Puff zum Vögeln warst. Sie wird dir nie glauben, dass du in Architektur und mathematischen Verhältnissen weiter gebildet wurdest.
– So ein Quatsch!
– Bestimmten Heiligen wird die Fähigkeit der Bilokation nachgesagt. Sie sollen zeitgleich an zwei verschiedenen Orten aufgetaucht sein.
– Das kenne ich von Handwerkern. Wenn man die braucht, sind die überall und nirgends. Aber nur nicht dort, wo man sie braucht.
– Andere Heilige sollen über die Fähigkeit des Fliegens, der Levitation, verfügt haben. Schließt man dieses aber von vornherein aus, dann bleibt nur der Schluss, dass es sich hierbei um fromme Legenden handeln muss.
– Du glaubst doch nicht etwa an den Quatsch?

Er schaute mich lächelnd an. Doch, er glaubte daran. Diese Antwort schien ihm auf der Stirn gemeisselt.

– Was wäre, wenn es kein Quatsch wäre?
– Dann müsste Bilokation und Levitaion reproduzierbar sein. Warum sollte es nur von Heiligen beherrschbar sein?
– Im alten Ladakh in Tibet gibt es Mönche, die von sich behaupten, dass sie es beherrschen.
– Und warum tun sie es dann nicht, um Zweifel auszuräumen?
– Weil es denen nicht wichtig ist. Weil es die ganzen anderen Materialisten in die Verzweiflung treiben würde. Denn deren existentialistisches Leben bar jeder vielfältigen Zukunft ist nicht nicht das der Mönche. Wie furchtbar ist Wissen, wenn es dem Wissendem keinen Gewinn bringt?

Ich rollte mit den Augen. Mein Kölsch neigte sich wieder dem Ende entgegen. Proportional zu meinem Unverständnis dem gegenüber, was er mir da so erzählte.
Ich setzte noch einen neuen Versuch ihn zu verstehen:

– Und die Papiere von PentAgrion?
– Wären sie Realität geworden, hättest du sie vor dir, dann hätten sie dein Leben einfältiger und einfarbiger gemacht.
– Eintöniger?
– Du hast die Messung nicht vollzogen, die Kiste zu Schrödingers Katze noch nicht geöffnet. Du kannst nicht definitiv sagen, das Atom sei zerfallen und die Katze deswegen tot. Die Katze schwebt für dich noch immer zwischen tot und lebendig.
– Tot oder lebendig?
– Tot UND lebendig! Erst wenn du in die Kiste hinein schaust kannst du das Wort ODER nutzen. Vorher ist der Zustand zwischen den beiden Extremen.
– Soll das heißen, nur wenn ein höheres Wesen uns beobachtet, dann kann damit etwas über unseren Zustand ausgesagt werden? Jemand, der unser Biotop wie unter einem Mikroskopenauge betrachtet, und dann seine Erfahrungen vom aktuellen Zustand niederschreibt ? Damit wir es lesen? Damit wir wissen, wer wir sind?
– Du sagst es. Wie PentAgrions Papiere, die PentAgrion in seiner zehnjährigen Aufenthaltsphase zusammengestellt hatte.
– Und solange diese Papiere nicht der Öffentlichkeit wieder zugänglich sind, sondern lediglich bei einigen wenigen herum fliegen, solange interpretieren wir nur unsere Welt unzulänglich?
– Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert. Letztendlich kommt es ja darauf an, sie zu gestalten.
– Jetzt hast du fast Karl Marx zitiert. Aber der Marx hat in Schrödingers Kiste auch nicht hinein blicken können.
– Einige haben es vor 20 Jahren aber getan.
– Und dann haben sie festgestellt, dass die Katze nicht gefüttert wurde, der Sozialismus tot verhungert war.
– Dafür haben sie sich konsequent des „Oder“s angenommen und die Mauer fallen lassen.
– Eine Warnung für uns heute. Wir sollten den Blick in der Kiste Schrödingers dem Kapitalismus verbieten. Sonst bliebe uns wieder nur ein ODER.
– Wiederholungen gefallen nicht.
– Und wer weiß dann schon, vielleicht existiert die Kiste mit Schrödinger seiner Katze auch gar nicht. Vielleicht ist unsere Kiste zum Öffnen lediglich die verkleidetet Büchse der Pandorra und alles käme noch schlimmer.
– Ja, wer weiß.

Das Thema war zerredet.
Wir saßen schweigend nebeneinander.
Während ich meine Kölschstange schweigend auf dem Tresen drehte, fragte ich mich, ob sich mir ein zweites Mal die Chance bieten würde, nach Remagen zu reisen, um an die Papiere des PentAgrion zu gelangen.

Draußen wurde es dunkel. Ich zahlte. Um 18:00 hatte ich noch einen Termin beim Scheidungsanwalt.

PentAgrion und seine Papiere.
Ich wurde das Thema nicht los.

(Fortsetzung hier)

Auf den Weg zu den Papieren des PentAgrions

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11

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Längst sitze ich nicht mehr am Hotelfenster, wenn ich jetzt aus einem Fenster hinaus schaue. Mueder_JesusDas Hotelzimmer konnte ich wieder mit meinen eigenen vier Wänden tauschen. Irgendwie geht das Leben weiter. Nur, getrennt in den eigenen vier Wänden zu leben, ist schwierig. Im Endeffekt ist ein gemeinsames Leben manchmal wie ein Ausziehtisch: Ausgezogen gibt es für alle mehr Platz.

Die Suche nach dem PentAgrion-Traktat habe ich für mich beendet. Meine letzte Hoffnung, noch eine Kopie der Papiere zu erhalten, war hinüber, als ich meine Hose in dem Waschsalon in die Waschmaschine schob. Ich zog es beim Bügeln sauber gefaltet und gewaschen aus der linken Hosentasche. Das Faltblatt, welches ich in Köln erhalten hatte, vom Jürgen aus Remagen, der mir eine Kopie zuschicken wollte. Lediglich der Goethe Text vom Hexen-Einmaleins war dort noch zu entziffern:

„Du mußt versteh’n! / Aus Eins mach Zehn, / Und Zwei laß geh’n, / Und Drei mach gleich, / So bist Du reich. / Verlier die Vier! / Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex’, / Mach Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht: / Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmaleins!“

Auch ohne dieses faustische Gedicht hatte ich bereits Probleme „eins“ und „eins“ zusammen zu bringen. Die Fülle der Informationen hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt, aber dem Ziel, dass zu erkennen, was sich dahinter verbarg, ein Stückchen näher zu kommen. Mir erging es wie dem Jesus, den ich über einer Dominikanerkirche in Rottweil antraf: Ratlos. Da saß ich nun ich armer Tor, klüger war ich nicht geworden. Diese Situation frustrierte, weil das ganze Wissen ohmächtig machte. Was nützt das ganze Wissen, wenn man damit nichts anfangen kann.

Hermann Hesse hatte mal geschrieben:

„Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst.“

Vielleicht lag ja hierin der Schlüssel zu den Papieren des PentAgrions.

Goethe verfasst einen Brief an Karl Ludwig von Knebel, dem Hofmeister des Prinzen Konstantin in Weimar, mit folgenden Sätzen:

„Die rechte Art, ihm beizukommen, es zu beschauen und zu genießen, ist die, welche Du erwählt hast: es nämlich in Gesellschaft mit einem Freunde zu betrachten. Überhaupt ist jedes gemeinsame Anschauen von der größten Wirksamkeit; denn indem ein poetisches Werk für viele geschrieben ist, gehören auch mehrere dazu, um es zu empfangen; da es viele Seiten hat, sollte es auch jederzeit vielseitig angesehen werden.“
(Brief vom 14. November 1827)

Philosophenweg

Vielleicht müsste das Traktat von PentAgrion genauso behandelt werden. Vernetzt betrachtet, wäre dem auf die Spur zu kommen. Auf mich allein gestellt konnte die Suche nach dem Wissen um die Papiere des PentAgrions nur sinnlos sein und in einer privaten Katastrophe enden. Alleine und zu Fuß war der Weg zu den Papieren nicht beschreitbar.

Diese Erkenntnis vermochte mich allerdings nicht wirklich zu trösten. Jenes Gefühl, einen Zipfel der Erkenntnis zu erlangt zu haben und das dieser mir dann entwischt ist, dieses Gefühl war nicht wirklich erbaulich. Wie gewonnen, so zerronnen. Der Weg zu den Papieren des PentAgrions hatte sich mir verschlossen.

Es bleibt nur noch die letzte Hoffnung, dass sich der Zipfel von jenem Mantel der Geschichte noch wiederfindet, der den Blick auf die Papiere des PentAgrion verschleiert.
In der Hoffnung, dass sich bei solch einer Gelegenheit erklärt, was es mit den Papieren des PentAgrion nun wirklich noch auf sich hat, leite ich an dieser Stelle die Einladung zur langen Deniere-Lesenacht bei Trithemius weiter:

Einladung-Lesenacht

Fortsetzung

Maxwells Silberhammer

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Draußen ist Vollmond, während ich diese Zeilen in meinem Zimmer schreibe, der 2. November 2009.

Dem Vollmond werden starke Kräfte nachgesagt. Hexen reiten dann auf ihren Besen, einsame Werwölfe streifen durch nebelverschleierte Wälder, Eulen haben besonders große Augen und Fledermäuse fleddern im Lichte des Vollmondes außer Motten und Mücken auch noch Kühe, Ratten und Menschen. Hunde jaulen wehmütig den Vollmond an, weil sie vermuten, was wir bereits seit Langem wissen: Da oben wohnt kein Mensch. Eine menschenfreie Zone.

Ich sitze hier und lecke mir meine Wunden. Heulen könnte ich wie ein Hund. Die Ereignisse hatten sich mit jener Polizeikontrolle verselbständigt. Die Polizei nahm mich mit, weil ich meinen Personalausweis nicht dabei hatte. „Wir müssen Ihre Personalien auf dem Revier überprüfen. Kommen Sie bitte mit“, waren die Worte des Polizeibeamten. Unter Aufsicht durfte ich mich anziehen und nach etlichen Stunden des Wartens wurde ich gegen vier Uhr morgens in ein Polizeirevier gefahren. Eine knappe halbe Stunde später stand ich wieder an der frischen Luft, orientierungslos nach einem Taxi Ausschau haltend.

Bei meinem Abschied vom Revier meinte der protokollierende Polizeibeamte nur noch:
„Sie erhalten einen Anhörungsbogen von uns geschickt. Wir brauchen noch weitere Angaben von Ihnen. Sie sollten es Ihrer Frau beichten, damit ihr Schock nicht zu groß wird.“

Das war jetzt allerdings mein kleineres Problem. Ich war hundemüde und hatte zu allem Überfluss auch noch den Geschäftstermin in Wuppertal-Elberfeld vor mir. Im Hotel angekommen war mein erster Gang zur Kaffeemaschine vom Frühstücksbuffet. Ich schenkte mir eine große Tasse ein und ging Richtung Aufzug. Den ersten Schluck nahm ich noch vor dem Aufzug, den Zweiten im Aufzug, den Letzten, als ich die Code-Karte in den Türschlitz zu meinem Zimmer schob. Den Mischhebel der Dusche hatte ich auf „kalt“ gestellt. Trotz heißem Kaffee und kalter Dusche war ich noch immer nicht so richtig wach. Eine halbe Stunde später stand ich erneut vor dem Kaffeeautomat.

Kurz vor sieben. Der Termin war für elf angesetzt. Ich setzte mich in der Hotellobby in eine der Sessel, um noch bis zur Abfahrt ein wenig Zeitung zu lesen. Als mich der Hotelangestellte weckte, war es bereits fast zehn Uhr. Meine Kalkulation, rechtzeitig vor elf in Wuppertal einzutreffen, wurde am Leverkusener Kreuz gründlich zunichtegemacht. Entsprechend begeistert war dann der Anruf meines Chefs.

„Da spendiere ich dir einen Wellness-Abend und du übertreibst es. Hast du wenigstens den Mietwagen heil gelassen?“
„Ich konnte nichts dafür, ich bin in eine Polizeikontrolle geraten.“
„Ja, ja, ja, Ausreden hast du dauernd auf Lager. Aber erst die Arbeit und dann das Vergnügen, Junge!“
„Das ist keine Ausrede!“
„Und noch was: Wenn du jemanden unsere Faxnummer gibst, dann stelle vorher sicher, dass damit kein Faxspam geschickt wird. Einer deiner sauberen Freunde hat 50 Seiten Müll übers Pentagon gefaxt. Einen Termin schmeißen und dann noch geschäftliche Nummern für Privates nutzen, du kannst dich auf eine scharfe Abmahnung einstellen.“

Mein Chef warte meine Antwort nicht mehr ab und legte auf. Na, toll. Ich befürchtete, dass das, was mein Chef „Pentagon-Faxspam“ nannte, offensichtlich die Papiere des PentAgrion gewesen waren. Ich versuchte, unsere Teamassistentin anzurufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die 50 Seiten noch aufbewahrt oder bereits weggeschmissen waren. Nach fünf Minuten hatte ich die Teamassistentin am Telefon. Sie reagierte kühl und distanziert. Ja, sie hatte das Fax entsorgt. Nein, es wäre ihr egal, ob es „Pentagon-“ oder „PentAgrion“-Papiere seien, sie würde die Papiere nicht wieder aus dem Müll fischen. Und süffisant fügte sie hinzu, zudem könne sie nicht mehr weiter telefonieren. Sie würde gerade an einer Abmahnung für denjenigen schreiben, der das Wuppertal-Projekts geschmissen hätte. Noch bevor ich mich rechtfertigen konnte, hatte sie aufgelegt. Ich schien beliebt wie die Pest.

Den dunkelblauen Audi TT neben mir auf der Autobahn hatte ich nicht beachtet gehabt. Erst als aus dessen Seitenfenster energisch winkend eine rote Polizeikelle auftauchte, merkte ich, dass es etwas Besonderes mit den beiden Fahrern auf sich hatte. Nach dem Vollstrecken der Formalitäten (ein Punkt in Flensburg und 40 Euro für das Telefonieren hinterm Steuer) und der Bemerkung, dass ich etwas übermüdet aussehe, konnte ich weiter fahren.

Drei Staus später kam ich am Kölner Flughafen an. Die Fahrzeugrückgabe zog sich in die Länge. Der Mann an der Rückgabestation ließ sich beim Begutachten der Karosserie Zeit. Der Mann war einer der gründlicheren Sorte. Sorgen machte ich mir deswegen aber keine, denn mein Flug ging am frühen Abend und Zeit hatte ich ja genug.

Zeit. Kaum hatte ich das Wort gedacht, wurde mir klar, dass ich die mir verbliebene nicht richtig genutzt hatte. Das Mietfahrzeug hatte ich nicht vollgetankt zurückgegeben. Somit erhöhte der Mann die Rechnung pauschal um 100 Euro. Super. Wie sollte ich das meinem Chef erklären? Die 100 Euro durfte ich selber tragen, da war ich mir sicher.

Zeit. Zu allem Überfluss hatte der Flieger auch noch Verspätung. Eine Stunde. Da konnte ich die Personenüberprüfung innerlich für mich zum Sicherheitsbereich des Flughafens schon als soziale Zuwendung wegbuchen. Der Sicherheitskontrolleur meinte es besonders gründlich mit mir. Dreimal schickte er mich durchs Metalldetektor-Portal. Beim zweiten Mal ohne Schuhe, beim dritten Mal ohne Gürtel. Aber das Portal wollte nicht schweigen. Danach griff er mich manuell ab. Letztendlich musste ich meine Krawattennadel abgeben. Er meinte, ich könne sie als Waffe verwenden. Meine Proteste blieben wirkungslos. Selbst sein Chef war der Meinung, mit meiner Krawattennadel würde ich die Flugzeugsicherheit gefährden.

Zeit. Von der erhielt ich im Laufe des Abends noch genügend. Der Flug wurde wegen technischer Probleme annulliert und ich auf den ersten Flieger am nächsten Morgen gebucht. Ich beschloss am Flughafen zu bleiben, denn ich befürchtete, würde ich in ein Hotel gehen, ich könnte verschlafen. An einem Kiosk kaufte ich mir ein Buch, eine Ersatzkrawattennadel und drei Flaschen Kölsch als Einschlafhilfe. Eine Sitzreihe diente mir als Schlafgelegenheit. Der Weckdienst kam pünktlich gegen fünf Uhr morgens: Ein Schäferhund begleitet von zwei Polizeibeamten. Eine Personalausweiskontrolle später erhielt ich den Hinweis, dass mein Schnarchen Lärmbelästigung gewesen wäre und ich nicht mehr weiterschlafen dürfe.
An einem Kiosk organisierte ich mir Kaffee.

Das Warten auf meinen Flieger in zwei Stunden hatte begonnen. Ist es erwähnenswert, dass mein Flieger mit einer Stunde in München landete? Oder interessiert es wen, dass der Triebwagen meiner S-Bahn für weitere Verspätung sorgte? Oder dass mir mein Chef kurz angebunden per Handy Urlaub bis zum Ende der Woche verordnete? Der nächste Schicksalsschlag erwartete mich dann zu Hause. Im Grunde war es aber nicht wirklich eine Überraschung. Die Polizei arbeitete schneller, als ich mir dachte. Meine Frau hatte den Briefumschlag bereits geöffnet gehabt und las das Schreiben und den Anhörungsbogen. Sie erwartete mich bereits am Wohnzimmertisch, den Brief vor sich liegend. Es war ihr gleichgültig, ob ich nur Kölsch getrunken hatte oder ob ich eine Frau gebucht hatte. Für sie zählte allein die Absicht und der Wunsch mich nicht mehr in der Wohnung zu haben.

Draußen ist Vollmond, während ich diese Zeilen schreibe, an diesem 2. November. Durch das Hotelzimmerfenster starre ich hinaus in die Nacht. Der Mond erleuchtet den Hinterhof. Am Fenster gegenüber konnte ich ein Pärchen ausmachen. Und das gibt sich jetzt bei geöffnetem Fenstervorhängen dem klassischen Akt hin, worum mich wahrscheinlich jetzt alle Spanner dieser Welt beneiden werden.
Im Hintergrund startete das kleine Nachttischradio, ein altes Beatles-Lied zu spielen. Ein Déjà-vu der letzten Tage:

Joan was quizzical / Johanna war skeptisch
Studied pataphysical / studierte pataphysische
Science in the home. / Wissenschaft zu Hause.
Late nights all alone / Nachts mutterseelenallein
With a test tube. / mit einem Reagenzglas
Oh, oh, oh, oh.

Maxwell Edison
Majoring in medicine / Studienschwerpunkt Medizin
Calls her on the phone. / rief sie an
„Can I take you out to the pictures, / Kann ich dich ins Kino ausführen?
Joa, oa, oa, oan?“

But as she’s getting ready to go, / Als sie sich aber zum Ausgehen fertig macht
A knock comes on the door. / klopf es an ihrer Tür.

Bang! Bang! Maxwell’s silver hammer / Bäng! Bäng! Maxwells Silberhammer
Came down on her head. / traf sie auf ihren Kopf

Bang! Bang! Maxwell’s silver hammer / Bäng! Bäng! Maxwells Silberhammer
Made sure she was dead. / stellte sicher, dass sie tot war.

quoted lyric by The Beatles

(Fortsetzung hier)

Le Corbusier und der Versuch, einem weißen Kaninchen zu folgen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9

***

Ich kam zurück zum Hotel. Mein Kampf mit dem Mietwagen zuerst über den völlig zugestauten Kölner Ring und dann noch über den Kölner Hohenzollernring hatte ich mit stoischer Geduld gemeistert. Direkt gegenüber dem Hotel am Waschsalon hatte ich auch einen kostenlosen Parkplatz ergattern können.

So ganz hatte ich die Ereignisse nicht verdaut. Zuerst das Aufwachen mit der Erinnerung an die Träume, dann der Besuch bei Jürgen und den Papieren, die ich gelesen hatte, und dann noch jene Frau in der Appolinaris-Kirche.

Die Frau sagte, dass ich einem Phantom hinterher jage. Bei meinem Besuch zuvor schien ich entweder auf die Papiere oder deren Fragment gestoßen zu sein. Zumindest wollte Jürgen mir eine Kopie davon schicken. Und dann war da auch noch mein Kneipenkollege, der mich einen Abend lang über PentAgrion, Illuminaten, Volkswagen, Hannover und einem Trithemius zugetextet hatte.

Wenn es das Traktat oder die Papiere des PentAgarion wirklich geben sollte, dann müsste ich ja bald eine Kopie in den Händen halten, so vermutete ich. Denn Jürgen hatte ja am Schluss eindeutig „Papiere des PentAgrion“ gesagt gehabt.

Auf dem Hotelzimmer schaute ich auf mein Handy. Eine SMS von meinem Chef:
„Wuppertal-Elberfeld morgen gegen elf ist bestätigt. Viel Spaß noch beim Wellness. Ich empfehle das ‚Samya‘. Lass aber den Mietwagen ganz!“

Wellness. Fast hätte ich das vergessen. Es kam mir jetzt irgendwie gelegen. Vielleicht konnte ich diesmal entspannen und das ganze PentAgrion-Gesummse vergessen. Schlecht wäre das nicht. Ich nahm eine freundliche Dusche und zog mir legere Kleidung an und fuhr in die Hotellobby hinunter.

Nur, wo gab es in Köln diese Wellness-Gelegenheit ‚Samya‘? Ich fragte die Hotelangestellte an der Rezeption.

„’Samya‘? Das liegt in Köln-Rodenkirchen. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“
„Ja, bitte.“

Samya. Komischer Name. Er hörte sich arabisch an. Vielleicht eines der neuen Hamam-Bäder. Sollte mir recht sein. Das würde mich auf andere Gedanken bringen.
Das Taxi kam recht bald. Ich nannte ihm den Namen, der Taxifahrer nickte und und schon ging die Fahrt los. Die Fahrt war recht schweigsam und es gab nur eine kurze Konversation:

„Was heißt eigentlich ‚Samya‘?“
„Das ist arabisch und heißt ‚der Schein‘.“
„Aha. Und wieso heißt es ‚der Schein‘?“
„Ihr habt vielleicht komische Fragen.“

Mehr Gespräch war nicht. Selbst das Bezahlen lief beinahe beängstigend schweigend ab.
Vor mir lag ein fast quadratischer Bau mit einem versteckten Parkplatz und ebenso verstecktem Eingang. Mit ausgestrecktem Zeigefinger drückte ich den kupfernen Klingelknopf und der Türsummer antwortete. Ich trat ein. Eine Frau empfing mich und erklärte mir, dass sich die Saunen mit dem Swimming-Pool im Keller befänden. Handtücher, Getränke und Abendessen wären im Preis von 50 Euro inbegriffen. Massagen und so müsse ich extra mit dem Service-Personal verrechnen. Sie redete so emotionslos, fast so, als ob es nicht sie wäre, die reden würde, sondern eine Sprachpuppe. Sie schaute mich auch nicht an. Ich hatte das Gefühl irgendwie nicht wirklich anwesend zu sein. Als ich den Fünfziger auf den Tresen legte, griff sie mechanisch zu und reichte mir ein weißes Bündel. Ein großes Handtuch. Sie wies mir den Weg zu den Umkleiden und den Duschen und verschwand danach wieder.

Um es kurz zu machen: Ich musste feststellen, nicht in einem Wellness-Club zu sein. Als ich den Bereich der Kasse verlassen hatte, war mir sofort klar, dass das ‚Samya‘ nicht wirklich ein Wellness-Club war. Und wenn, dann war der nur für Männer gedacht. „Bordell“ wird so etwas ganz desillusionierend bezeichnet. „Wellness-Club“ ist für so etwas eine beschönigende Bezeichnung. „Puff“ trifft es besser.

Ich erinnerte mich an ein Zitat von Clark Gable, warum er den Service von Prostituierten in Anspruch nehmen würde: „Weil ich sie danach heimschicken kann …“. Hier war es auch nicht schwer: Weil ich danach einfach gehen kann und dann hast du sie nicht mehr gesehen.

Ich überlegte kurz, ob ich mein Eintrittsgeld zurückfordern sollte, um dann zu gehen, oder ob ich bleiben sollte. Es erscheinen Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter: Engel links, Teufel rechts und fingen an, in mein Gewissen zu reden. Ich hatte mich inzwischen umgezogen und stand unter der Dusche. Irgendwie müssen die dabei von meinen Schultern weggespült worden sein. Ich hörte beide nicht mehr, als ich mich im Erdgeschoss an die Theke setzte.

„Kölsch?“

Der Kellner wedelte mir mit einer leeren Kölschstange vor der Nase herum. Ich nickte. In Sichtweite lag das Buffet. Ein Blick zeigte mir Kroketten, Reis, Geschnitzeltes, Würstchen, Suppe und Brot.

Es mag vielleicht sich extrem seltsam anhören, aber die ganzen PentAgrion-Gedanken waren wie weggewischt. Meine Gedanken waren bei den Mädchen, die hier am Tresen saßen oder die an mir vorbei liefen. Mir kam das Ganze irgendwie paradiesisch vor. Schickt die ganzen Gotteskrieger hier her, da finden die ihre Jung-Frauen und können mit dem vielen Geld, von dem die Bomben und Granaten kaufen, hier paradiesische Zustände erleben. Und die anderen Menschen könnten ihr Leben unbeschadet weiterleben.

Ein Mädchen setzte sich zu mir. Sie stellte sich als ‚Fabiana‘ vor. Wir kamen ins Gespräch. Es war trotz der Situation in dem Bordell vollkommen asexuel. Anfangs. Denn wie in jedem deutschen Gespräch fällt nach den ersten Anschnuppersätzen die Frage nach dem „was machst du denn so“.

So erklärte ich ihr, was ich so tagsüber trieb und sie erzählte mir, dass sie Studentin sei. Sie würde Architektur in Aachen studieren. Ja, nee, is klar, Studentin. Musste ja so sein. Mir fielen die zahlreichen deutschen 70er Jahre Jodelpornos ein. Dort waren die Darstellerinnen alle Studenten und sexbesessen. So etwas zieht immer als Legende und auch hier zur perfekten Illusionserfüllung.

„Und was behandelt ihr so gerade? Irgendetwas spezielles?“
„Meier.“
„Meier?“
„Richard Meier. Wir nennen ihn bei uns Studenten scherzhaft auch immer wieder mal ‚Privatsekretär Meier‘.“
„Wer ist das?“
„Ein US-amerikanischer Architekt.“
„Erzähl.“
„Er konstruierte weiße Einfamilienhäuser und Villen, die die Ideen von Le Corbusier verwirklichen.“
„Welche Ideen?“
„Die Ideen, die Goldene Zahl so oft wie möglich in den Gebäuden einzuarbeiten.“

Goldene Zahl? Nein, bitte nicht. Nicht schon wieder. Sie meinte doch wohl nicht die Fibonacci-Folge?

„Du weißt, was die Goldene Zahl ist?“

Ich verneinte probeweise.

„Die Goldene Zahl ist eine Konstante, welche das Verhältnis zweier Zahlen zueinander regelt. Sie taucht sowohl in der Natur auf, ist aber nicht so offensichtlich wie die Kreiskonstante Pi. Aber man kann sie auch mittels einer Zahlenreihe bestimmen. Der sogenannten Fibonacci-Folge.“

Ich hatte das Gefühl, verfolgt zu werden. Wollte ich mich hier erholen? Meinetwegen auch Sex haben? Oder mich gleich wieder PentAgrion-Theorien aussetzen? Wenn eine Idee jemanden verfolgt, dann wohl entsprechend Murphys Gesetzen: dort, wo du es nie erwartest. In meinem Fall überall.

„Sagt dir ‚Le Corbusier‘ etwas?“

Nein, den Namen hatte ich noch nie gehört.

„Le Corbusier war einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Aber viele kennen ihn nicht.“
„Hat er Bedeutsames hinterlassen?“

Sie lachte.

„Und wenn schon. Viele werden es nicht bemerken. Er hat sogar versucht, das menschliche Wesen auf ein Maßsystem zurückzuführen. Er nannte das System ‚Modulor‘.“
„Modulor? Hm. Nie gehört.“
„Kennst du Josephine Baker?“
„Die mit den Bananen-Röckchen?“
„Genau die. Le Corbusier hatte die in Brasilien kennnen gelernt und ist ihr dann auf einen Dampfer von São Paulo nach Montevideo gefolgt. In Le Corbusiers Kabine hat sie dann für ihn gesungen und sich von Le Corbusier nackt zeichnen lassen.“
„Wann war das?“
„1928. Ich wette, die hat sich nicht nur nackt zeichnen lassen. Der hat die auch gepoppt.“
„Aber die Baker war doch verheiratet.“
„Na und? Hier kommen doch auch verheiratete Männer und Frauen ins ‚Samya‘. Du glaubst doch nicht, dass Le Corbusier und die Baker sich die Situation haben entgehen lassen, mal so ordentlich ne Nummer zu schieben.“

Bei ihren letzten Worten sah sie mich eindeutig zweideutig an. Sie hatte mir gerade eine Offerte gemacht, dessen war ich sicher. Aber noch wollte ich nicht drauf eingehen.

„Was war das mit Le Corbusiers Modulor?“
„Le Corbusier nahm als menschliches Standardmaß ein Meter dreiundachtzig an. Und mittels der Goldenen Zahl entwickelte er dann die sogenannte „rote Zahlenreihe“ und die „blaue Zahlenreihe“. Jede nachfolgende Zahl stand zu ihrer Vorgängerzahl in dem Verhältnis der Goldenen Zahl. Und mit diesen Zahlenreihen werden Räume und Möbel konstruiert und errichtet.“
„Die rote und die blaue Pille.“

(In his left hand, Morpheus shows a blue pill.)
Morpheus: You take the blue pill and the story ends. You wake in your bed and believe whatever you want to believe. (a red pill is shown in his other hand) You take the red pill and you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes. (Long pause; Neo begins to reach for the red pill) Remember — all I am offering is the truth, nothing more.
(Neo takes the red pill and swallows it with a glass of water)

Sie lachte.

„Ja, der Film „Matrix“ und die beiden Pillen.“
„Ich hatte von der Goldenen Zahl und der Fibonacci-Folge schon gehört. Fibonacci hat doch die Folge mittels populationsfreudigen Hasen entwickelt, oder nicht?“
„Hat er. Mit poppfreudigen Hasen. Die haben nicht viel gelabert, die kamen gleich zur Sache. Darum jetzt meine Frage an dich, mein Bester: Willst du dem weißen Kaninchen folgen?“
„Wie?“
„Im Buch ‚Alice im Wunderland‘ lockt das weiße Kaninchen Alice in seinem Kaninchenbau. Ich habe ein weiße Kaninchen auf meinen Schultern. Wollen wir in meinem Kaninchenbau der Fibonacci-Folge näher auf den Grund gehen?“

Sie drehte ihre Schulter mir zu. Wirklich, sie hatte ein weißes Kaninchen auf ihrem Schulterblatt tätowiert. Ich wollte antworten. In dem Moment ging das Licht an. Geblendet schloss ich meine Augen. Links von mir sah ich uniformierte Menschen in den Raum strömen. Auf der anderen Seite entstand kurz eine Hektik, ein Mann und eine Frau rannten die Treppe nach unten. Vier Uniformierte folgten sofort.

Dem weißen Kaninchen konnte von mir nicht mehr gefolgt werden. Das weiße Kaninchen saß erstarrt vor der Schlange. Fabiana hockte bleich geworden auf ihrem Barhocker. Sie erinnerte mich an mich selber, wie ich letztens in Remagen selber auf der Straße stand: Wie Loths Frau.

Aus dem Pulk der Uniformierten links von uns löste sich ein Individuum in Zivil und schaute in die Runde von uns Halbnackten:

„Polizeikontrolle. Jeder bleibt an seinem Platz. Wir werden jeden nacheinander bei jedem die Identität feststellen. Bleiben Sie bitte ruhig.“

(Fortsetzung hier)

Ist Wasser verdünnbar?

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8

***

Ich saß auf einem Felsvorsprung. Lange Zeit war ich gewandert, um mich hier hinsetzen zu können. Das heißt, ich bin nicht aus eigenem Verlangen hierher gewandert. Vielmehr hat mich irgendetwas hierhin getrieben. Obwohl ich jetzt hier auf diesem Felsvorsprung saß und glaubte, ans Ziel gelangt zu sein, fühlte ich, dass es jetzt erst richtig rund gehen würde.

Unter mir lag so eine Art brodelnder Sumpf. Immer wieder schlug er Blasen. Und trotzdem erschien mir, da unten noch etwas mehr als nur bloßer Sumpf zu sein. Angestrengt schaute ich in den Sumpf und nach einiger Zeit erkannte ich, dass dort unten noch anderes Leben war. Irgendwas versuchte da unten, sich dem Ufer entgegen zu arbeiten. Manche Lebewesen schafften es, bis zum Ufer zu gelangen. Hatten sie jedoch gerade eine Hand auf das rettende Ufer gelegt, wurden sie von einer unsichtbaren Macht in die Mitte zurückgezogen.

Solange ich auch zuschaute, keiner schaffte es, je das Ufer zu erreichen.
Doch.
Jetzt.
Ein Lebewesen zog sich mit allerletzter Kraft aufs rettende Ufer und richtete sich auf.
Mein Gott, es war ein Mensch!

Jetzt sah ich auch andere, die sich ans Ufer zogen. Anscheinend haben die sich die ganze Zeit ans Ufer gezogen, aber mir war das wahrscheinlich wehen ihrer braunen, drecküberzogenen Körper und ihrer langsamen Bewegungen in diesen braunen Pfuhl entgangen. Jetzt entdeckte ich auch noch andere mitten in diesem Sumpf, die wie einige andere Menschen in dem See verbissen um ihr Leben kämpften, resignierend aber aufgaben, um dann zu versinken.

Mir war übel. Ich fühlte mich elend. Hier oben ich und da unten die. Und ich konnte nichts für sie tun. Wankend drehte ich mich um. Ich tat einen unsicheren Schritt nach vorne und dann sah ich ihn. Er kam auf mich zu.

„Du? Du hier?“
„Wo du bist, bin auch ich.“
„Und das als PentAgrion?“
„Nenn mich, wie dir beliebt.“
„Wer hat dir gesagt, dass ich hier bin?“
„Nur du.“
„Was soll das heißen?“
„Siehst du den Sumpf da unten?“
„Ja.“
„Es ist der Sumpf der Erkenntnis.“
„Der Sumpf der … Was?!?“
„Jeder Mensch muss in den Sumpf der Erkenntnis.“
„Sag mal, bist du blöd im Kopf?“

Er sah mich lächelnd an.

„Wieso sagst du nichts?“

Er lächelte mich immer noch an und machte einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück. Was hatte er vor?

„Lass mich in Ruhe!“

Doch offensichtlich hörte er nicht mehr auf mich. Lächelnd machte er erneut einen Schritt auf mich zu.

„Bleib, wo du bist!“

Er hörte nicht. Nochmals trat ich einen Schritt zurück. Ich merkte sofort, dass dieser Schritt einer zu viel war. Wie eine dünne Eisschicht brach der Boden unter mir weg. Ich stürzte ab.
Immer wieder sah ich, entweder wie der immer noch lächelnde PentAgrion sich von mir entfernte oder wie mir der Sumpf in rasendem Flug entgegen kam.
Als Letztes sah ich den Sumpf, wie er mir entgegen raste. Oder besser gesagt, ich sah eine braune Fläche, deren Oberflächenstruktur mir immer deutlicher wurde und dann knallte ich auf.

Es war nur so ein dumpfes Gefühl, aber dies genügte, um mich vollständig aus den Träumen in die Realität zurückzuholen.

Mit offenen Augen lag ich im Hotelbett. Der Schreck saß mir noch in den Knochen. Nachdenken über den Traum, konnte ich jedoch nicht mehr lange, da ich bald wieder ruhig eingeschlafen war.

Wo Berge sind, da sind auch Täler und manche sind ziemlich sumpfig. Nun hatte ich eines dieser Täler gesehen, war dem entkommen und hatte mich wieder auf den nächsten Berg hochgekämpft. Oben war es kalt, aber auch die dünne Luft klar.

„Na endlich hast du es geschafft.“
„Ich kann nicht mehr.“
„Schau, Careca, da unten das Tal!“
„Tal?“
„Vor dir.“
„Ach so.“
„Hey, du bist nicht gerade begeistert davon?“
„PentAgrion, ich bin kaputt. Ich bin unaufhörlich gewandert. Mehrmals ausgerutscht und den Berg runtergerutscht, ich hab mir Wunden zugezogen, die gerade erst geheilt sind und jetzt da ich diesen verdammten Berg, den du einen ‚Hügel‘ nennst, bezwungen habe, da willst du mich schon wieder für ein Tal begeistern, eine ‚Untiefe‘ wie du so etwas sprachlich dauernd beschönigst, nur damit ich nachher wieder herabsteige? Und wenn ich da unten bin, was dann? Dann werde ich vielleicht feststellen, dieses Tal ist total versumpft, dass es eine einzige Sumpfblase ist? So wie das Letzte, wo ich hineinstürzte? Nein, mein Freund, ich will hier oben bleiben, die Aussicht genießen, mich erholen, an der kühlen klaren, dünnen Luft berauschen, in den Tag hinein träumen, die Sonne genießen.“
„Du genießt die Aussicht, erholst dich, träumst in den Tag hinein, genießt die Sonne und vergisst, dass es vor dir etwas viel Aufregenderes gibt, was vielleicht Überraschungen für dich bereithält. Schau dich um, Careca. Du siehst hier viele andere Menschen, die nicht über diesen Berg gekommen sind, die in deiner kühlen klaren, dünnen Luft berauscht der Höhenkrankheit erlegen und erfroren sind. Menschliche Eissäulen, festgefroren auf diesem Berg hockend. Irgendwann, wenn du von dem vielen Träumen, Erholen und Genießen müde bist und du versuchst dich davon zu erholen, dann wirst du das Tal vielleicht sehen und plötzlich träumst du von einem grünen Tal, voll von Bäumen, von einem Sonnenuntergang hinter den Bergen, davon, dass sich im Tal bestimmt mehr Leben abgespielt hätte, dass dort alles eine Veränderung, eine wirklich permanente Veränderung durchmacht und dass nicht das Tal morgen genauso aussieht, wie hier oben diese ungastliche Stein- und Schneewüste, sondern ein völlig anderes Gesicht hat. Aber deine Träume werden Träume bleiben, da du zu müde bist, hinabzusteigen. Ein besseres Zuhaus als hier oben findest du unten allemal. Komm mit ins Tal hinab.“
„Ich bin im Augenblick zu müde, PentAgrion.“
„Oder vielleicht einfach nur berauscht durch diese unwirkliche Welt hier oben?“
„Nein, das nicht. Aber wieso können wir hier auf diesem Berg keinen Wald anpflanzen? Denselben Plan wie mit dem Tal hier oben auf den Berg übertragen?“
„Weil hier oben keine Bäume in den Himmel wachsen können.“
„Woher willst du also wissen, dass es da unten im Tal klappt?“
„Ich vertrau darauf.“
„Du vertraust darauf? Gut, PentAgrion, aber gesetzt den Fall, dort unten befindet sich kein nährreicher Boden, kein Sumpf, den man urbar machen könnte? Gesetzt den Fall wir treffen da unten nur eine zweite Steinwüste an?“
„Du wirst keine Steinwüste antreffen. Das ganze Regenwasser, das diesen Berg herab floss, hat sich dort unten gesammelt und mit dem Wasser potenten Nährboden für Pflanzen herausgeschwemmt, direkt aus den Ritzen dieses Berges. Der Weg dahin ist nie umsonst. Sollte wirklich da unten nur Steinwüste sein, dann bist du so oder so verloren. Denn ohne Regenwasser, das dann nie gefallen wäre, verdurstet du auch hier oben wie da unten.“
„Aber wenn da unten nur Wasser ist und kein Boden? Woher willst du wissen, dass das Tal fruchtbar ist?“
„Schau nach unten, Careca. Du siehst nur eine braune Fläche. Keine sandfarbene oder bläulich schimmernde Fläche.“
„Aber, wenn da unten schon einer ist, der dieses Tal beschlagnahmt hat?“
„Glaub mir, Careca, du bist nicht umsonst über diesen Berg gekommen. Glaub mir das.“
„Und wenn es eine Sumpfblase ist, dieses Tal?“
„Das Tal ist eine Sumpfblase und es wartet nur auf eine Hand, die es befruchtet, die es ergrünen lässt. Es wartet auf dich. Es wartet darauf, dass du in diesem Tal Leben rein bringst. Dieses Tal gehört dir. Ganz allein dir. Du wirst eins werden mit diesem Tal und irgendwann wirst du in die anderen Täler reinblicken können, weil es dir nichts mehr ausmacht, die anderen Berge zu überwinden.
„Du hast mich verwirrt, PentAgrion. Du redest so irr, aber doch auch so logisch. Ich werde dir vertrauen. Kommst du mit runter?“

Der Wecker fiepte unerbittlich.
Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Nicht nur die beiden, von denen ich oben schrieb. Da war auch noch der Traum mit den Papieren. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich, ich las das Wort „Usjh, König von Juda“ auf ihnen, sie bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck.

Darauf wachte ich auf. Die Dusche war für mich die Gelegenheit, mich von diesen irren wirren Traumbildern frei zu waschen.

(Fortsetzung hier)

Pythagoras wissenschaftliche Zahlen, Alexanders unwissenschaftliche Reise und eine Loseblattsammlung

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7

***

Panorama Rhein Remagen

Remagen. Stadt am Rhein. Ein weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Die Stadt sagte mir nicht. Na gut, fast nichts. Von dem Hollywood-Schinken „Die Brücke von Remagen“ hatte ich gehört. Nur gesehen hatte ich den Film nie.

Die Fahrt verlief ohne Komplikationen. Es herrschte kaum Verkehr. Ich passierte Städte, deren Namen ich zuvor maximal einmal gehört hatte. Bad Breisig. Niederbreisig. Sinzig. Nett anzuschauen. Aber sie sagten mir nichts. Links Eichenwald, rechts der Rhein.

„Sie ist raus in den Wald zu einer alten Eiche gegangen, um ihre Monatsblutung vor Mondaufgang im Moos zu lassen. Dort sammelt sie auch immer ihren Reisig und schneidet Misteln und Kräuter.“

Eine beschauliche Landschaft mit mutmaßlichen Herrenhäusern und Einfamilienhäusern zog an mir vorüber. Die vielen Schilder „Zimmer frei“ verrieten mir, dass jetzt wohl gerade keine Hauptsaison herrschte.

Auf der Höhe von Remagen bog ich in die Stadt ein. Mein GPS-Führer hatte das Haus von der Kölner Bekanntschaft in der Nähe der Kirche „St. Peter und Paul“ angegeben. Unterhalb der Kirche fand ich einen freien Parkplatz. Ohne lange zu überlegen, parkierte ich mein Fahrzeug direkt vor einer recht jungen Eiche.

„In der Eiche wohnt auch ein Raabe. Man sagt, dass er ausschließlich zu Vollmond immer und immer wieder nur ein Wort krächzt. Es soll ‚Ascher‘ heißen. Warum er nach einem Aschenbecher verlangt, kann aber niemand wirklich erklären.“

Ich schloss mein Fahrzeug ab und nahm die Treppe, die steil hoch zur Kirche führte. Umgeben war sie von alten Grabkreuzen verstorbener Remagener zu einer Zeit, in der der Kirchhof der Friedhof bestimmter Remagener war. Mein Weg führte an einem Torbogen vorbei, der mir seltsame Szenen zeigte. Eine prägte sich mir stark ein. Es war ein König mit Ratten in den Händen, in einem Korb sitzend, gehoben von zwei Vögeln. Kurz danach passierte ich ein archäologisches Museum. Ich war auf dem richtigen Weg und etwas später drückte ich einen Klingelknopf.

Jürgen war zu Hause. Er war überrascht und fragte mich, warum ich mich telefonisch vorher nicht gemeldet hätte, aber andererseits meinte er, ich wäre ihm auf alle Fälle willkommen. Er führte mich ins Wohnzimmer zu einer hellbraunen Sitzecke mit einem Glastisch davor. Im kurzen Small-Talk erklärte ich, dass ich zufälligerweise in der Nähe zu tun gehabt habe und dass ich mich an deren Einladung am gestrigen Abend erinnert hatte. Er nickte verstehend.

„Normalerweise sehen wir die Bekanntschaften nicht mehr wieder, wenn meine Frau denen das Faltblatt gegeben hatte. Am Anfang sind ja noch alle begeistert, aber wenn sie das Blatt denn gelesen haben, dann verschwinden die. Im seltensten Fall rufen die an und erklären uns, dass wir auf dem Pfade des Teufels seien.“
„Im Schatten der Kirche ‚St. Peter und Paul‘ sollte der Teufel doch keine Chance haben, oder?“, versuchte ich das Gespräch in leichtere Fahrgewässer zu ziehen.

Meine Lust an philosophische Exkursionen war gering. Von philosophischen Diskussionen verstehe ich nicht so viel und meistens enttarne ich mich dabei immer als philosophisches Leichtgewicht. Das wollte ich vermeiden. Aber ich sollte keine Chance haben.

„Der Schatten der Kirche? Aber dahin hat die Kirche doch ihre Teufel verbannt. Ins Dunkle hinein, da wo die Kirche ihre Schatten wirft.“

Ich nickte. Soviel wusste ich auch noch aus meiner Schulzeit. Luzifer war der gefallene Engel, der eigentlich ein Lichtbringer sein sollte. Weil er aber nicht brav genug war, hat ihn der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert aus dem Himmel geschmissen. Seitdem muss Luzifer sein Reich der Schatten in Eigenregie organisieren und managen, während seine ehemaligen Kollegen das bereits organisierte Paradies Eden verwalten durften.

„Hast du das Faltblatt meiner Frau gelesen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz?“

Ich erklärte ihm ein wenig verlegen, dass ich keine Gelegenheit hatte, das Blatt zu lesen. Zumindest hätte ich aber bemerkt, dass dort Pentagramme zu finden seine. Er lachte.

„Ja, die Pentagramme, die bemerkt jeder. Du weißt, was Pentagramme sind?“

Klar weiß ich, was Pentagramme sind. Fünfzackige Sterne. Ein Endlossymbol wie das Haus vom Nikolaus, was ich als Kind mit meinen Fingern so oft in den Wintern innen an beschlagenen Busscheiben gemalt hatte. Und ein Symbol der Hexen. Und Wikka leite sich doch wohl irgendwie von Hexen ab, fügte ich hinzu. Wo denn seine Frau sei, wollte ich wissen. Er lächelte ironisierend und antwortete, sie sei da, wo man Hexen vermute. Unter Eichenbäumen ihre Rituale verfolgend und Reisigbesen schnitzend. Er meinte es offensichtlich nicht ernst, aber wieso er mir diese Antworten gab, erschloss sich mir nicht. Daher fragte ich auch nicht weiter nach. Und Jürgen verlor auch darüber kein weiteres Wort.

Stattdessen griff er hinter sich in ein Regal und nahm fünf gleichlange Holzstäbe heraus. Ich solle eine einfache Figur auf dem Tisch damit legen. Ich überlegte nur kurz und legte ein Fünfeck. Er erklärte mir nun, dass die Diagonalen im Fünfeck – die dann das Pentagramm bilden – jeweils immer um den Faktor „1,618“ länger seien. Das sei erstmal nichts Besonderes. Aber dieser Faktor „1,618“ sei in Wahrheit eine Zahl, die nicht ganzzahlig mit Brüchen darstellbar sei. Und das Besondere sei an ihr, dass der Kehrwert (also 1 geteilt durch „1,618“) das gleiche Ergebnis habe, wie wenn man dem Faktor einfach „1“ abziehen würde. Mathematiker bezeichnen diese Zahl als die Goldene Zahl. Sie habe die Bezeichnung Φ (sprich: Phi).
Jeder kenne die Zahl π (sprich: Pi) und jeder wisse, dass diese Zahl notwenig sei, um Flächeninhalte oder Umfänge von Kreisen zu berechnen. Und gewiefte Leute würden statt mit der exakten Kreiszahl π mit dem Bruch „355/113“ hinreichend genau rechnen.
Auch die Konstante Φ ist mittels eines Bruches aus zwei ganzen Zahlen darstellbar. Eine davon ist die Berechnung mittels einer bestimmten Zahlenreihenfolge. In dieser Folge wird die jeweils nächste Zahl mit der Summe der beiden vorangehenden gebildet. Begonnen wird mit „0“ und „1“. Somit ergibt sich die folgende Reihe:
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 ...
Diese recht einfache Folge wird auch als „Fibonacci“-Zahlenfolge bezeichnet. Bildet man nun das Verhältnis aus den jeweils letzten beiden Zahlen, dann erhält man immer eine bessere Annäherung an die Konstante Φ .

So sind die Werte der Kreiszahl π wie auch die Konstante Φ nicht mittels Brüchen darstellbar, sondern maximal annäherbar. Dieses wurde schon damals bei den alten Griechen entdeckt, erklärte mir Jürgen. Insbesonders bei der Gruppe der damaligen Pythagoreer. Diese Menschen hatten sich damals der reinen Mathematik verschrieben und waren der Meinung, dass jegliche Zahl mittels einer Bruchzahl aus zwei ganzzahligen Zahlen darstellbar wäre. Auf dieser Annahme fußte deren göttliche Weltordnung und viele vertrauten den Pythagoreern. Die Welt erschien berechenbar und göttlich geordnet. Nach Pythagoras leiten sich alle Harmonien aus dem Verhältnis ganzer Zahlen ab. Je einfacher, desto schöner.
Selbst in der Musik schien diese Harmonie zu gelten.
Aber Pythagoras hatte bereits entdecken müssen, dass die verbindende Gerade bei einem gleichschenkligen Dreieck nicht mittels ganzzahligen Zahlen darstellbar ist. Und dann tauchte noch das Fünfeck und mit dem Fünfeck das Pentakel auf. Und gerade das bei der Zahl „5“, welche den Pythagoreern als Zeichen der Vervollkommnung stand. Jene Zahl „5“, welche mit seinem Punkt den bestehenden drei Dimensionen eine neu hinzufügte (die Zeit; s.a. hier).

Pythagoras konnte mit der Konstante Φ nicht rechnen, aber er erkannte ebenfalls, dass es sich bei der Konstante Φ um eine Goldene Zahl handelte. Und sie tauchte nicht nur als Verhältnis bei verschiedenen Strecken auf. Es wurde auch noch herausgefunden, dass es einen Goldenen Winkel gibt: Ψ (sprich: Psi). Dieser ergibt sich, wenn man die 360° des Vollkreises im Verhältnis des Goldenen Schnittes der Konstante Φ teilt. Dieser Goldene Winkel beträgt ungefähr 137,5 °.

Und dieser Winkel findet sich auch in der Natur wieder: Sonnenblumenblütenblätter sind in diesem Winkel angeordnet. Selbst Rosenblätter weisen diese Winkelanordnung auf, und das, obwohl sie nachweislich die Konstanten nicht errechnen können.

Stellt die goldene Zahl Φ ein reines mathematisches Konstrukt dar? Oder ist sie Ausdruck einer höheren Ordnung? Die Pythagoreer konnten sich das nicht erklären, denn diese Zahlen widersprachen deren Ordnungsverständnis. Widersprach diese Zahl dann auch der göttlichen Ordnung?

Schließlich mussten die Pythagoreer auch noch erkennen, dass selbst Musik nicht den einfachen ganzzahligen Zahlen folgt. Dieses Problem kennen die Klavierstimmer. Die Noten „Fis“ und „Ges“ liegen auf der gleichen Taste des Klaviers, haben aber nicht die gleiche Frequenz. Der Quintenzirkel in der Tonreihe schließt sich nicht. Dieses Problem und das fehlende Bindeglied im Quintenzirkel wird entsprechend „das pythagoreische Komma“ genannt. Die Tonreihe besteht aus 11 Quinten und einer um das „pythagoreische Komma“ verringerten Quinte, die unter dem Namen „Wolfsquinte“ bekannt wurde. Problematisch ist das für normale Kompositionen nicht, wenn die Tonart nicht gewechselt wird und diese Quinte vermieden wurde. Johann Sebastian Bach schrieb jedoch Kompositionen, in denen er dauernd die Tonart wechselte, und hatte daher mit der schräg klingenden „Wolfsquinte“ einen Störfaktor. Also ging er dieses Problem aktiv an und schaffte es, dieses mit seiner „wohltemperierten“ Klavierstimmung unter Kontrolle zu bekommen. Bis heute allerdings rätselt man immer noch, wie er diese Klavierstimmung durchführte. Es fehlt hierzu eine schlüssige Erklärung.

Bei der heutigen populären Musik spielt „pythagoreische Komma“ kaum eine Rolle. Elektronische Synthesizer sind nicht dafür gedacht, Klassik zu spielen. Und bei den Tonfolgen kommt es auch nicht auf die Tonfolge an, sondern eher auf Rumms und Bumms der Musik. Und alles andere wird durch Equalizer gnadenlos auf eigene Ansprüche vom Hörer nivelliert.

Jürgen machte eine Pause. Er hatte die ganze Zeit ununterbrochen geredet. Erstaunlicherweise konnte ich ihm in seinen Ausführungen folgen. Auch wenn mir vor lauter Psi, Pi und Phis der Kopf ein wenig schwirrte.

„Und was hat das nun mit dem Faltblatt deiner Frau zu tun?“

Jürgen stützte kurz sein Kinn mit seiner rechten Hand, um nachzudenken.

„Der Wikka-Kult ist die Antwort auf die Frage der Menschen, ob der Mensch das Recht hat, die Grenzen der Welt zu erkunden und gar zu überschreiten.“
„Welche Grenzen?“
„Bist du vom Rathaus hier hergekommen? Oder von der Kirche aus?“
„Von der Kirche.“
„Dann kamst du an dem Torbogen der Kirche vorbei?“
„Ja.“
Kreuz„Der Torbogen war schon erbaut, bevor überhaupt Pläne für die Kirche existierten. Die Wissenschaftler streiten sich über die dort dargestellten Figuren, ob es sich hierbei um die acht Todsünden handeln soll. Nur über eine Darstellung ist man sich einig. Sie stellt Alexander den Großen dar. Alexander hatte die Welt erobert gehabt und war am Horizont angekommen. Also überlegte er sich, den Himmel zu erkunden. Also setzte er sich in einem Korb und bandzwei Vögel mit Löwenkörpern und Adlerköpfen an seinen Korb. Denen hielt er dann zwei Ratten vor die Schnäbel. Als die seltsamen Vögel danach schnappten, hob der Korb ab und Alexander startete wohl das erste fremd-getriebene Fliegzeug der Welt. Schließlich begegnete Alexander einem Engel, der ihn fragte, was er denn dort im Himmel wolle. Er solle doch zuerst einmal die Erde besser kennenlernen. Alexander wurde beschämt, landete auf der Erde und buchte dort erstmal paar Bildungsreisen mit seinem Militär.“
„Schöne Geschichte.“
„Der Wikka-Kult will nicht Grenzen überschreiten, sondern die Erde besser kennenlernen.“
„Was ist der Wikka-Kult?“

Ein Telefon klingelte. Jürgen entschuldigte sich und reichte mir eine Mappe, die er ebenfalls aus dem Regal genommen hatte.

„Tschuldige nen Moment, ich muss zum Telefon. Ließ dir mal die Mappe durch.“

Ich ergriff die Mappe. Jürgen stand auf und verließ das Wohnzimmer.

Die Mappe bestand sowohl aus geheftetem Material als auch aus einer Loseblattsammlung. Ich schlug die erste Seite auf. Mir fiel auf, dass am Rand der Seite handschriftlich etwas geschrieben in Rot war:

„Usja im Buch 2.Chronik; je nach Übersetzung auch Usjh; war König von Juda.“

Usjh?
Mir kam das Wort bekannt vor. Wo war ich dem Wort schon begegnet? „Usjh“. Mir lag es auf der Zunge, nur half es mir nicht weiter.

Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil mir eines der losen Blätter aus der Mappe auf den Boden gefallen war. Ich hob es auf. Eine Stelle des Textes war grün umkringelt und mit Ausrufezeichen versehen:

Wenn du meist mit dem Auto unterwegs bist, spürst du davon nichts. Doch ich frage mich: Was ist das? Unsere Alten, die noch näher an der Natur waren, sie hatten diese Wahrnehmung stark. Sie wussten, es gibt in der Welt schlechte und gute Stellen und Plätze. Sie haben Kult oder Religion aus dieser Wahrnehmung gemacht. Sie pflanzten Eichen, stellten Standbilder und Tempel auf, wo es gut war. Später setzte man die Kreuze, Kapellen, Kirchen und Abteien darauf.

Deshalb – es hat nichts mit Religion zu tun, wenn du keine hast. Es ist Ergebnis einer schlichten Wahrnehmung in der Natur:
Es gibt auf der Welt schlechte und zum Glück auch gute Plätze.
Finde einen guten Platz in der Welt, dann hast du Macht über dich.

Macht. Ein zentrales Wort. Jeder Kult will eine Konzentration der Macht. Das war mir schon klar. Warum sollte es bei den Wikka anders sein? Die mir vorliegende Notiz durch den „Wikka“-Kult bestätigte meinen Gedanken.

Ich nahm ein anderes Blatt und mein Blick blieb an der folgenden Textstelle hängen:

Sprachliche Kompetenz bedeutet, dass ein Mensch in der Lage ist, zwischen verschiedenen Sprachebenen zu wählen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind nur sicher in ihrem Soziolekt und haben enorme Schwierigkeiten mit der differenzierteren Hochsprache. Da Sprache das Denken strukturiert, ist das nicht nur ein verbales Problem, – solche Menschen tun sich generell schwer damit, abstrakte Sachverhalte zu verstehen.

War das eine Wikka-Analyse? Ich verstand es nicht. Mir erschien das Ganze eher wie eine Beschreibung eigener Eindrücke. Beim Weiterblättern stieß ich auf ein weiteres Blatt mit einer markierten Stelle:

Das ist keine Kraft, mit der Menschen sich messen dürfen.
Bemessen, du hast recht, das können wir. Im Messen ist der Mensch allen Dingen der Welt überlegen. Ob es Sinn hat oder nicht, der Mensch misst. Dazu hat er die gewaltige Mathematik.
Man kann sie anbeten. In ihren oberen Regionen scheint sie sich im Göttlichen zu verlieren.
Doch die Anbetung der niedrigen Regionen der Mathematik ist Götzendienst: Statistik, zum Beispiel, was kann man für einen Schindluder mit ihr treiben. Ach, und die simpelste Mathematik beten wir Computernutzer an. Sie beruht nur auf eins und null.

Ich wurde unruhig. Irgendetwas hatte ich hier vor mir, aber es war nicht das, was Jürgen meinte, mir gegeben zu haben. Schnell blätterte ich weiter und fand wieder eine markierte Stelle:

Goethe dachte sich die Erde als Organismus. Ich dachte sofort an eine Landschaft wie das Hohe Venn, als ich seine Erklärung für die Hochs und Tiefs in der Atmosphäre las. Ich habe es nicht wörtlich präsent, doch es geht etwa so: Goethe sagt, wenn der Organismus Erde ausatmet, verneint er das Wasser. Das ist das Hoch. Dann wieder ist die Erde wasserbejahend, sie atmet ein, wir bekommen ein Wettertief.

Das Hohe Venn? Das Hohe Venn, wo liegt das nochmal?
Ich fühlte plötzlich Stress in mir aufsteigen. Adrenalin. Was hatte ich hier vor mir? Wikka-Kult? Oder etwas, was …Der Gedanke erschreckte mich.
Im Hintergrund hörte ich Jürgen hektisch telefonieren. Er war beschäftigt.
Ich blätterte schnell weiter und fand eine blau markierte Stelle:

„Jünger der schwarzen Kunst“

Schwarze Magie? Handelten die Blätter über den Umgang mit schwarzer Magie? „Schwarze Kunst“?
Meine Augen blieben an einem Bonmont hängen.

“das Glück ist eine kurze Decke, die mal hierhin, mal dahin gezogen wird. Wer freiliegt unter dem gnadenlosen Himmel, hat eben Pech. Schamanen und Druiden werden gerufen. Sie sollen die Götter beschwören, damit sie Wasser schicken oder die Fluten hemmen. Doch ich höre sie gar nicht. Sie können ihren Mummenschanz ruhig treiben, es ist mir egal. Ich mache es gerade, wie ich lustig bin.“

Also doch. Wikka.
Ich nahm mir das nächste Blatt vor.

Das Nikolaushaus ist eine Endlosfigur. Solche Figuren haben magische Kräfte. Das jedenfalls glaubten die Alten. Die berühmteste Endlosfigur ist das Pentalpha, auch Drudenfuß oder Pentagramm genannt. Dieser Fünfstern hat einige Namen, denn er war in vielen Kulturen verbreitet. Er ist ein Glückssymbol. Stellst du das Pentagramm allerdings auf den Kopf, ist es schwarzmagisch.
Man kann das Pentagramm übrigens wie ein Kreuz schlagen. Vermutlich ist auch das sich bekreuzigen daher entlehnt.
Traust du dich, das Pentagramm zu schlagen? Oder denkst du, du bist eine Heidin, wenn du das tust? Ich kann dich beruhigen, das Pentagramm ist auch bei frühen Christen auf Amuletten gefunden worden. So ist es allenfalls Aberglaube, wenn du das Pentagramm schlägst, nicht heidnisch. Du darfst es jedoch nicht verkehrt herum schlagen, sonst fliegen uns die bösen Geister um die Ohren.
Bist du bereit? Nimm deine rechte Hand und führe sie zum Herzen. Dort beginnst du:
Vom Herzen zur Stirn,
zur rechten Brust,
zur linken Schulter,
zur rechten Schulter,
zurück zum Herzen.
Siehst du, es ist eine Endlosfigur. Du hast sie im Raum vollzogen, hast mit der Hand dein Herz und deinen Kopf verbündet.
Als zweidimensionale Zeichenspur hat das Pentagramm die gleiche Bedeutung.
Das Nikolaushaus hat große Ähnlichkeit mit dem Pentagramm. Doch es ist schwieriger zu zeichnen, denn es gelingt nur auf eine bestimmte Weise. Es ist die verspielte Variante. Man braucht den Kopf, die Hand und ein bisschen Glück, damit sie gelingt. Eigentlich braucht man jedoch nur eine Regel zu kennen.

Was zur Hölle hatte ich hier? Das war keine Religions- oder Kultbeschreibung. Das war was anderes. Was total anderes.
Das nächste Blatt, die nächste Markierung:

Ich stieg eine Allee zwischen hohen Hausreihen hinauf. Ganz oben am Schluss der Allee wusste ich eine große neugotische Kirche, in der ich schon gewesen war. Dort fand ich jedoch nur noch einen glatt asphaltierten Platz. Die Kirche war spurlos verschwunden. Nur an einer Stelle war ein Streifen zu sehen, wo vielleicht eine Mauer gelastet hatte. Der Platz, nun der Kirche ledig, schien mir jetzt viel kleiner als zuvor. Wo aber war die Kirche abgeblieben? Da kam niemand, den ich fragen konnte.

Literaturschnipsel waren das und keine wissenschaftliche Analyse. Das war mir klar. Aber was war es genau? Prosa? Autobiographie? Hatte ich hier einen Schlüssel? Wenn ja zu welchem Schloss?

Jürgen kam zurück.

„Es tut mir leid. Ich muss dich verabschieden. Meine Frau braucht mich im Geschäft?“
„Geschäft?“
„Ja, sie hat eine Bäckerei und dort gibt es momentan Probleme mit einem Ofen.“

Er schaute auf die Mappe in meinen Händen.

„Und alles gelesen?“
„Ich möchte eine Kopie davon. Von der ganzen Mappe. Das sind aber nicht alles Papiere über Wikka, oder?“
„Nein. Ich schätze nur das abgeheftete handelt von der Wikka. Die losen Blätter hat sie eingelegt, weil sie meinte, sie passen dazu.“
„Was sind das für Texte?“
„Sie hatte mal Seiten ausgedruckt. Irgendwelche Erlebnisberichte. Die sind jetzt im Netz verschwunden. Liest sich sehr interessant. Ebenfalls kopieren?“
„Ja, das wäre nicht schlecht.“

Ich übergab ihm die Mappe und reichte meine Visitenkarte. Er warf einen Blick auf die Karte.

„So jetzt muss ich dich leider rauswerfen. Wir bleiben in Kontakt.“

Rostiges Schloss Er begleitete mich zur Tür. Wir schüttelten unsere Hände und ich trat auf die Straße. Er winkte mir noch kurz zu. Während ich mich anschickte, die Straße herunter zu gehen, fiel ihm ein Blatt aus der Mappe. Er bückte sich und hob es auf. Es schien das Titelblatt zu sein.

„Ich sollte diese Papiere des PentAgrion endlich mal abheften, nicht wahr“, rief er mir noch zu. Er warf mir noch ein freundliches Abschiedslächeln zu, bevor die Haustüre schloss. Wie erstarrt stand ich auf der menschenleeren Straße. Wie Loths Frau einer Salzsäule gleich.

Was hatte er gesagt?
Wie bitte?
Was?

(Fortsetzung hier)

Der Tag, an dem ich Asterix überfuhr

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6

***

Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche. Der Wecker fiepte unerbittlich.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich und bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck. Letztendlich wachte ich auf. Und die Dusche war für mich die Gelegenheit mich von diesen wirren Traumbildern frei zu waschen.

Kaum war ich aus der Dusche raus, als das Handy läutete.

„Hör mal, nicht mehr Königswinter. Ich habe gerade einen Anruf erhalten, der kann nicht. Du musst nach Koblenz.“
„Koblenz?“
„Koblenz. Liegt auf dem Weg, etwas weiter als Königswinter.“
„Dahinter?“
„Ich glaub schon. Mietwagenschäden?“
„Null.“
„Sonst alles klar?“

Natürlich war alles klar. Ich notierte mir die neue Adresse, warf mich in Schlips und Kragen, und nahm die Jacke locker über den Arm gehängt mit. An der Hotel-Rezeption war der Schlüssel von der Mietwagenfirma bereits hinterlegt. Das Fahrzeug parkte direkt vor dem Hoteleingang. Minuten später gab mir das GPS-Gerät die Richtungsbefehle. Zwischenzeitlich hielt ich an einer Bäckerei und ließ mir zwei Croissants und Cafe-to-go aushändigen. Der Kaffeebecher passte wunderbar in dem Becherhalter. Nicht so gut war allerdings, dass kurz drauf mein Vordermann so hart in die Eisen stieg, dass auch mein Kaffee aus dem Becher schwappte und sich die der Kaffee über die Mittelkonsole verteilte. Der einzige Vorteil, dem ich dieser Sache abgewinnen konnte, war darauf der frische Kaffeeduft im ganzen Fahrzeug.

Knapp zwei Stunden und einem Raststättenaufenthalt später hatte ich Koblenz erreicht. Allerdings wurde mir dann an der Adresse mitgeteilt, dass man mich nun doch nicht erwarten würde, weil mein Kontaktpartner dringend fort musste. Kurz danach klingelte mein Handy.

„Hi, ich wollte dir nur Bescheid geben, der Termin in Koblenz hat sich erledigt. Mach dir einen schönen freien Tag. Mach dir nen Tag in einem Wellness-Club. Und dein Abendessen übernehme ich auch, okay?“
„Klar, Chef, mach ich.“
„Aber keine Schäden mit dem Mietwagen. Sonst übernehme ich nichts!“
„Verstanden, Chef, geht in Ordnung.“

Manche Chefs sind selbst in Krisenzeiten recht sympathisch, wenn sie den passenden Ton finden. Zumindest das beherrschte mein Chef. Wellness-Club?
Mal sehen, was mir Google dazu auf meinem Handy erzählen kann. So beschloss ich, auf eine Autobahn nach Köln zu verzichten und entspannt nahm die Bundesstraße B9 am Rhein entlang.

Seher.jpg Ich fuhr an einem Bundesstraßenrastplatz raus. Der Rhein lag unterhalb des Rastplatzes. Ich ging um mein Mietfahrzeug herum und sah, dass ich Asterix überfahren hatte oder vielmehr den Band „Asterix – Der Seher“. Mein rechtes Vorderrad hatte das Heft perfekt überrollt. Mit spitzen Fingern schaute ich nach, was von meinem Opfer noch zu retten war. Da war allerdings nichts mehr zu machen. Asterix‘ Seher lag schon länger auf dem nassen Asphalt. Die Seiten klebten aneinander. Ich überließ das Opfer dem natürlichen, zellulosen Verwesungsprozess.
R.I.P., Asterix und sorry dir auf dieser Weise zu deinem 50sten zu gratulieren. Aber auf dem Asphalt herrschen die Regeln des automobilen Gummis. Das ist nun mal halt so.

Ich ging an der Begrenzungsmauer entlang, bis ich zu einer Treppe kam, die zum Rheinufer führte. Rechts und links der Treppe lag Zivilisationsmüll. Ein halber Staubsauger, Zeitungen mit den Nachrichten von Vorvorgestern, Trinkflaschen, Papiertaschentüchern und noch andere Dinge, die von Menschen einfach entsorgt wurden. Aus den Augen, aus den Sinn und ab in die Rheinuferböschung. Beinahe direkt an der Wasserlinie erblickte ich eine Matraze. Ideales Strandgut der Kölner Rheinuferterassen, wenn der Rhein in nächster Zeit wieder Hochwasser führen sollte.

Ich hockte mich ans Ufer und schaute auf den Rhein, wie er in aller Ruhe sich in seinem Bett wälzte.
Ruhe. Keine Hektik
Als kleiner Knirps war ich einmal mit meinen Eltern bei Xanten am Rhein. Und mein Vater hatte mich mit meinem Bruder genau dann fotografiert gehabt, wenn sich ein sehr großer Lastkahn flussauf- oder flussabwärts kämpfte. Später hatte ich erfahren, dass diese Kulisse „Familienbild mit Schleppkahn auf Rhein“ zum Standardfotoprogramm vieler Familien gehörte.

Rheinschifffahrt
Einmal am Rhein und schon kommen die Erinnerungen wieder hoch: wie ich mit meinem Bruder breit lächelnd, brav gescheitelt, bildgerecht gekämmt in unseren damaligen Schlaghosen in Positur standen und hinter uns sich die Schiffe den Rhein lang kämpften …

Die Erinnerungen von damals waren in mir wieder lebendig geworden. Das Lachen mit meinem Vater, die Besorgnisse meiner Mutter, die Nickeligkeiten mit meinem Bruder, alles war wieder vor meinen Augen lebendig geworden.

Verträumt griff ich in meine Jackentasche. Meine Hand stieß auf Papier. Irritiert holte ich das Papier hervor und schaute es an. Es war das Faltblatt von gestern Abend. Unwillig drehte ich es hin und her. Mein Blick fiel auf die Rückseite, wo sich ein Pentagramm befand. Dort entdeckte ich in feinen Buchstaben ein „V.i.S.d.P.“ und den Ortsnamen „Remagen“.

Remagen.
Lag das nicht auf meiner Strecke der B9?
Remagen. Wieso nicht? Die Einladung von gestern Abend stand doch wohl noch.
Ich stand auf und ging die wilde Müllkippenstraße zum Fahrtzeug zurück.

(Fortsetzung hier)

Pech und Pentakel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5

***

Dass ich nicht rheinabwärts nach Düsseldorf fuhr – wie von meinem Chef vorgesehen – sondern rheinaufwärts nach Remagen, das hatte einen besonderen Grund.

„Ich habe gerade den Anruf erhalten, dass Sie nicht in Düsseldorf sondern in Königswinter gebraucht werden.“
„Königswinter. Jawohl. Nicht davor und nicht dahinter. Wird gemacht, Chef. Irgendwelche Ratschläge oder Anweisungen?“
„Ja. Keine Schäden mit dem Mietwagen verursachen.“
„Wird gemacht, Chef.“

So ändern sich Pläne ganz spontan. Und als heutige Arbeitskraft ist man stets flexibel. Und wenn der Chef will, fahr ich auch nach Königswinter. In meiner Reiseplanung war eh der Wurm drin. Hindernisse pflasterten meinen Weg:

Es begann schon in München. Im strammen Dauerlauf von der verspäteten S-Bahn erreichte ich in letzter Minute den Check-In, um dann zu erfahren, dass mein Flieger vom Flugplan gestrichen worden war. Ich erhielt einen jener „Tut-uns-Leid“-Gutscheine im Gegenwert von Bockwurst mit Kartoffelsalat und einen Mittelplatz in der Maschine für den späten Nachmittag. Das Einsteigen im Flieger verlief noch problemlos. Nur als dann alle saßen, gab es ein „klitzekleines technisches Problem“. „Klitzeklein“ ließ sich zeitlich erfassen. Mit 40 Minuten Verspätung hob unser Flieger ab.

Am Kölner Flughafen erwartete mich dann die nächste Freude. Ja, ein Mietfahrzeug wäre gebucht. Nur, momentan sei keines in meiner Mietklasse verfügbar. Das wäre kein Problem, ich nähme auch ein Mietfahrzeug höherer Klasse, war meine Antwort. Aber dann gab es den Klassiker: „Ein Upgrade in einer höheren Klasse ist leider nicht machbar.“ Schön. Das weitere Gespräch enthielt nicht wirklich etwas, was der Nachwelt als Zitierbares erhalten bleiben sollte.
Ich hinterließ meine Handy-Nummer und mir war klar, wenn ich Mercedes fahren will, dann nehme ich mir ein Taxi.

So stand ich also nach der Taxi-Fahrt vor meinem Hotel in dem festen Glauben den Namen „Stijn van de Voorde“ gehört zu haben, als mein Handy klingelte. Ein freundlicher Herr am anderen Ende erklärte mir, dass mir ein Mietfahrzeug zu ermäßigten Sonderkonditionen zum Hotel zugestellt würde.

Später am Abend saß ich dann in dem Restaurant „Rodizio-Pantanal“ am Kölner Mediapark. Alleine. Mein Gastgeber rief mich an, er sei durch einen Termin verhindert. Er käme später. Ich solle schon mal ohne ihn anfangen. Überraschen konnte mich sowieso nichts mehr. Alles schien ja an mir vorbei zu laufen. Sollte ich an diesem Abend als einziger mit Lebensmittelvergiftung aus dem Restaurant rausgetragen werden – so redete ich mir ein –, es würde mich nicht sonderlich überraschen. Bei diesem Lauf, den ich an dem Tag hatte, wäre das voll normal.

Der weitere Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Außer vielleicht dem, dass ich nach einer halben Stunde das untrügliche Verlangen verspürte, dem Kellner das Zeichen zu geben, dass ich beim „All you can eat“-Fleischspieß-Essen nicht mehr teilnehmen konnte, auch wenn ich gerne weiter gemacht hätte. Aber irgendwann ist jeder Magen vollkommen gefüllt.
Und „natürlich“, dass mein Gastgeber sich entschuldigte, er könne nicht mehr kommen seiner Frau wegen.
Perfekt.

Ich ließ mir die Rechnung geben, zahlte und ging in den sozialen Bereich des Restaurants, einen vom Restaurant abgetrennten Bereich mit separatem Eingang. Ich ließ mich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Der Kellner polierte geschäftig einige Gläser und nahm nebenbei meine Bestellung einer Guarana auf.

Es war nicht viel los am Tresen. Außer mir saßen noch drei andere Personen auf ihren Hocker. Alle waren wohl zuvor aus dem Restaurant und wie ich vollstens gesättigt.

Vor mir saß eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Ein hübscher Rücken. Sie unterhielt sich mit einem anderen Gast. Nach dem Dialekt zu urteilen, war er ein Kölner. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Kurze Haare, dunkelgrau wie sein Oberlippenbart, normal gekleidet, mit deutlicher Bauchauswölbung. Die Frau vor ihm war deutlich jünger. Sie war definitiv keine Deutsche, dafür wies ihre Stimme den deutschuntypischen Klang auf. Offensichtlich war sie Brasilianerin. Sie drehte sich kurz, um zu sehen, wer sich hinter ihren Rücken gesetzt hatte und musterte mich. Weiche Gesichtszüge, ein Grübchen auf der linken Wange. Ihre hohe Stirn wurde von ihren Haaren umrahmt und ließ meine Augen tiefer gleiten. Ihre Augenbrauen waren gezupft, ihre Wimpern sauber sorgfältig moduliert, ihre Augen ließen mich innerlich nach Atem schnappen. Sie leuchteten in einem bezaubernden Hellgrün, wie es bei Brasilianerinnen aus dem mittleren Nordosten immer wieder vorkommt. Die Nase klein und fein ließ meinen Blick auf ihre Lippen rutschen. Blassrosa waren diese nachgezogen und dahinter leuchteten in einem makellosen Weiss ihre Zähne. Ich schätzte sie auf Ende 20 Anfang 30. Als sie sich von mir wieder abwendete, setzte ich meine Musterung ihres Profils fort. Ihr gelocktes kastanienfarbenes Haar fiel auf ihre hellbraunen Schultern. Sie besaß schöne schmale Schultern, einen festen kleinen Busen, schlanke Taille, schmale Hüften und einen runden sexy Po. Das trägerlose, blassgrüne Kleid gab ihre lange leicht muskulösen, glatten Beine preis. Ihre bloßen Arme waren venushaft schön mit zierlich kräftigen Händen.

Meine Blicke fielen erneut auf ihre Schultern. Von ihren Haaren leicht verdeckt auf ihrer rechten Schulter schaute ein kunstvoll verziertes Pentagramm hervor. Meine Blicke verfolgten die schwarzblauen Linien. Alle fünf Linien waren sauber ohne Übergang miteinander verbunden. Eine unendliche Strecke, ohne Anfang ohne Ende. Eine Spitze deutete auf ihren Kopf, während sich die unteren beiden Spitzen auf ihrem Schulterblatt abzustützen schienen.

Es war vielleicht nur eine kurze Zeit vergangen, in denen ich das Pentagramm angestarrt haben musste, das Zeichen hatte mich in seinen Bann geschlagen. Denn als die Frau sich erneut umdrehte und mich aus ihren zu Schlitzen verengten grünen Augen anblitzte, zuckte ich zusammen, als ob ich schon seit Stunden über jenes Pentagramm meditiert hätte.

„Was starren Sie mich an? Bin ich nur ein Objekt, das man einfach so anstarren darf?“

Ihre Sätze hatte sie mir furios scharf entgegengeschleudert. Ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge beim Abschreiben. Aus mir kam nur ein Stottern.

„Was? Was ist? Könne Sie nicht vernünftig sprechen?“

Mir versagte die Stimme. Ihr Gesicht war ebenartig, ein Traum. Mir fehlten jegliche Worte. Sie blitzt mich erneut aus ihren Augen an, griff ihr Handtäschchen und ging Richtung Toilette.
Der Mann lächelte.

„Woll, die ist ne Wucht, nich?

Ich nickte.

„Meine Frau. Wir sind jetzt schon zehn Jahre verheiratet. Das Beste, was mir in meinem Leben passierte.“

Wir kamen ins Gespräch, während seine Frau auf dem Klo verweilte. Er hieß Jürgen und lebte mit seiner Frau südlich von Bonn, in der Stadt Remagen. Kölner war er nicht, aber er verstand es, den Dialekt zu imitieren. Wie er mir erzählte, lernte er seine Frau auf einem vierwöchigen Brasilienurlaub kennen und lieben, als er 54 Jahre war. Sie war damals 24. Wegen der Beziehung hätte er viele seiner Freunde verloren. Denn viele fanden nicht nur den Altersunterschied zu hoch, sondern verstanden auch nicht, dass er sich nicht eine deutsche Frau suchte, sondern eine Exotin. Viele hätten schon versucht, einen Keil zwischen ihn und seine Frau zu treiben, weil sie beide beneideten. Leider würden beide immer wieder solche Neider treffen. Er selbst sei schon deswegen häufig angefeindet worden, insbesondere weil er nicht die Figur eines Adonis habe.
Und dann gäbe es noch die, die meinen, die beiden wären doch nur wegen des Sex zusammen. Würden die beiden das aber bejahen, dann sei es solchen Leuten auch wieder nicht recht.
Die Toleranz der Leute sei zum Lachen und Heulen gleichzeitig.

Beide seien eine Einheit und wer das nicht akzeptieren würde, der sei unwillkommen. Diese Offenheit ließ meine Verlegenheit wachsen. Schließlich gestand ich ihm, dass mich das Pentagramm auf ihren Schultern verwirrt hatte.

„Ja, ja, das Pentagramm.“

Er lachte. Und er erzählte, wie oft schon dieses Pentagramm schon Anlass von Animositäten, Diskriminierungen und Streitereien geworden war. Insbesonders in Rheinland würden beide immer wieder auf erzkonservative Katholiken treffen, die offensichtlich damit ein Problem zu haben scheinen. Was hätte seine Frau nicht schon für Probleme bekommen, nur wegen des Pentagramms.

„Was bedeutet es denn bei Ihrer Frau?“, fragte ich vorsichtig.
„Wikka.“
„Was? Wicker?“
„Nein, Wikka geschrieben mit zwei ‚k‘ und am Ende ein ‚a‘.“
„Was ist das?“
„Eine religiöse Bewegung.“
„Eine Sekte?“
„Wie man will. Aber diese Bewegung hält sich nicht durch äußere Bande wie Aufpasser und Geldeintreiber zusammen.“
„Sondern?“
„Der innere Glaube. Die Einstellung.“
„Welche? Woher kommt diese Bewegung?“
„Es gibt sie überall. Sie ist global. Auch in Deutschland. Aber es gibt verschiedene spirituelle Ausrichtungen. In Brasilien schließen deren Anhänger aber die Existenz des christlichen Gottes nicht aus. Beiden gemein ist aber ein starker feministischer Zweig. Es ist zumindest keine patriarchalische Bewegung.“

Er erzählte mir, dass diese Bewegung sicherlich seltsam anmute. Insbesondere für Brasilien erscheint diese ungewöhnlich, weil sie auch keltische Elemente verwenden würde. Zudem verwirre der Begriff, weil im Portugiesischen kaum Wörter mit ‚k‘ existieren und erst recht nicht Doppel-‚k‘.
Und das Pentagramm? Es diene einerseits als Erkennungszeichen der Wikkana und symbolisiere Erde, Luft, Feuer, Wasser und Geist, das Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit und andererseits vermittele es auch Schutz und positive Energie.

In dem Moment schob sich mir ein Faltblatt ins Gesichtsfeld.

„Lies das hier. Da steht alles über uns Wikkana.“

Sie war von der Toilette zurückgekehrt und offenbar hatte eine Zeit lang unser Gespräch zugehört. Ich ergriff das Faltblatt und klappte es auf. Es war eng beschrieben, immer wieder unterbrochen von Pentakeln und Fünfecken.

„Schatz, gehen wir?“

Jürgen nickte, zahlte und beide verabschiedeten sich von mir.

„Und sollten Sie mal nach Remagen kommen, dann besuchen Sie uns. Unsere Adresse finden Sie auf der Rückseite.“

Die Einladung kam einerseits für mich überraschend, andererseits ist das aber nichts Ungewöhnliches bei deutsch-brasilianischen Ehepaaren. Beide verließen das Lokal.

Ich schaute mich in dem Kneipenbereich um. Es war leer geworden, ich war der Einzige dort. Der Restaurantbereich hatte sich auch schon stark geleert. Das Faltblatt steckte ich ungelesen in meine Jackentasche. Ich war müde und entschloss ich mich, ebenfalls zu zahlen und zu gehen.
Der Abend endete versöhnlich. Keine weiteren Katastrophen waren auf meiner Reise zu verzeichnen. Selbst die Taxifahrt zum Hotel verlief unspektakulär.
An der Hotelbar nahm ich mir noch ein Schlummertrunk, ein „Kölsch“, mit hoch und stellte es auf das Nachtschränkchen.

Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war, dass ich mich aufs Bett legte, mit der Fernbedienung den Fernseher angestellt hatte und den Abspann von „Beckmann“ studierte.
Ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

(Fortsetzung hier)

Kopflos in Düsseldorf und kopflastig in Remagen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Remagens Appolinariskirche

Der Moment der Ruhephase gleicht einem Waffenstillstand. Alles um einen herum wird ausgeblendet. Es existiert nur noch das „ich“ und das, was das „ich“ erlaubt. In deutschen Kirchen lässt sich eine Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen studieren.

Mächtig schaut er ja schon aus, so wie er mich da aus der Kuppel grüßt. Mit seinem Buch in der Hand. Gut. Ihn jetzt mal kleiner darzustellen, das hätte sich der Maler wohl nicht getraut. Wenn er schon mächtig sein soll, dann muss auch seine Darstellung in dieser Weise realisiert werden.

Goldener Hintergrund und schon ist eine beeindruckende Kuppelmalerei erzeugt. Trotzdem sollte man nicht gänzlich kopflos zur Kuppel gehen, denn davor lauert die Krypta. Und da liegt der Kopf von dem, dessen Rest in Düsseldorf liegt.

Nun, der zuletzt genannten Version entgegen steht handfester Protest rheinischer Würdenträger. So fuhr ein gewisser Rainald von Dassel – seines Zeichens Erzbischof von Köln und Erzkanzler Italiens ernannt durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa – im Jahre 1162 rheinabwärts. Auf seinem Schiff hatte er außer drei Königen auch noch eine Ladung Beute aus Ravenna dabei. Erst hieß es ja, jene Beute wäre am 23. Juli in Remagen vom Schiff gelöscht und am gleichen Tag etwas später auch noch die drei Könige in Köln. Rein logistisch gesehen ist das für jene Zeit mehr als nur eine absolute Meisterleistung. Der Erzbischof will beim Löschen in Remagen außer einer Prozession noch einen Gottesdienst abgehalten haben. Eine oberirdische Leistung für jene Zeit. Drum wurde dann auch die Entladung der Drei Könige auf den 24. Juli korrigiert.

Nebenbei: Rainald von Dassel kann wohl als einen ausgesprochenen pathologischen Fall eines Diebes bezeichnet werden: Außer den Gebeinen des „Apollinaris “ und der „Drei Könige“ hatte er auch noch die von den als Heilige verehrte „Gervasius“ und „Protasius“ geraubt und diese beiden letzteren Raubgüter in Breisach am Rhein abgeladen. „Gervasius“ und „Protasius“ waren vor dem Diebstahl die Schutzheilige der Stadt Mailands. Nach deren Raub wurden sie es auch noch von Breisach.
Ironie des Schicksals: Außer gegen Harn- und Blutfluss sollen „Gervasius“ und „Protasius“ auch gegen Diebstahl schützen. Dass sie nach deren Raub nicht fristlos von deren Aufgabe enthoben wurden, mag auf dem ersten Blick verwundern. Dieses ist aber ein Phänomen, welches sich schon vom frühen Mittelalter bis in unsere Tage erhalten hat. Top-Manager können nun einmal soviel in ihren Aufgabenbereiche versagen, wie sie wollen, sie werden nie wirklich arbeitslos. Eine schöne Tradition.

Die Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen fasziniert nicht nur heute. Daher haben die Gebeine von Heiligen auch so eine große Bedeutung im Christentum der Katholiken. „Apollinaris“ ist ja auch so ein Fall. Als Gestorbener wurde er zum Patron von Ravenna befördert, erhielt dann noch die Stadt Remagen und letztendlich Düsseldorf-Stadt zu seinem Aufgaben im Kampfe gegen Gallen- und Nierensteine, Gicht, Geschlechtskrankheiten und Epilepsie.

Düsseldorf? Richtig. D-Dorf-Stadt. Die wollten auch etwas Bedeutsames in ihrer Stadt. Drum nahm Herzog Wilhelm I. von Jülich an einer Wallfahrt im Jahre 1383 nach Remagen teil und brachte ein Souvenir seiner Wallfahrt mit: die Gebeine vom Heiligen „Apollinaris“ hübsch verpackt. Als er dann alles an D-Dorf-Stadt weiter verschenkte, stellten die Beschenkten beim Öffnen entsetzt fest, dass die Remagener alles bis auf den Kopf eingepackt hatten. Düsseldorf hatte somit plötzlich einen Kopflosen mehr. Um dem entgegen zu wirken, wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt von Nord-Rhein-Westfalen ernannt. Das Motiv war Hoffnung. Des Düsseldorfers Kopflosigkeit sollte mit politischem Intellekt entgegnet werden. Aber inzwischen weiß man, dass auch hier der berühmte Lehrsatz „Gleich zu gleich gesellt sich gern“ gilt.
Remagen dagegen hatte somit seinen ersten Kopf, gut behütet in einem Sarkophag. Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt Remagen noch einen zweiten Kopf auf Drängen der deutschen Generalität: einen Brückenkopf. Zusammen mit dem anderen Brückenkopf auf der anderen Rheinseite wurde eine Brücke über den Rhein gespannt. 27 Jahre fand die deutsche Generalität diese Idee aber nun doch nicht mehr so gut und zerstörte die Brücke.

Somit hat Remagen heutzutage zwei Pilgerorte: den Brückenkopf von Remagen und den Kopf des „Apollinaris“. Letzterer soll gegen Kopfprobleme helfen, der andere gegen eine leere Stadtkasse. Gesichert ist die touristische Wirkung des Brückenkopfes auf die Stadtkasse, beim „Apollinaris“ bleibt der Glaube.

„Nicht wahr, eine beeindruckende Malerei?“

Jene Frau war mir bereits beim Betreten der Kirche aufgefallen. Nicht etwa, weil sie der einzige Mensch in den Kirchenbänken der Apollinaris-Kirche war, sondern weil sie die Akustik der Kirche nutzte, ein Kirchenlied zu summen.
Ich blickte mich nochmals versichernd in dem Kirchenraum um. Überall waren die Wände mit ausdrucksvollen Farbgemälden überzogen.

„Es scheint, dass die Kirchenfürsten sich hier vor einem ‚Horror Vacui‘ der Wände fürchteten.“
„Horror vacui?“
„Die Angst, dass eine Wand noch weiße unbemalte Flecken aufweist.“
„Ja, die Angst ist nie ohne Objekt. Manchmal reicht ein Objekt klein a, um große Dinge zu erzeugen.“
„’Ein Objekt klein a‘?“
„Eine Schneekugel beispielsweise.“
„Eine Schneekugel?“
„Rosebud.“
„Ach so, sie beziehen sich auf Orson Welles Film ‚Citizen Kane‘.“
„Ein kleines unbedeutendes Wort hat einen großartigen Film erzeugt. Ein Objekt klein a. Die Schnittmenge aus dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen.“

Ich schaute mich um.

„Wie die Gemälde hier.“
„Wissen Sie, der Appolinaris hier, der wurde durch die Gier seiner Räuber zu einem Kephalophor gemacht.“
„Sie meinen einen ‚Kopfträger‘? Soweit ich weiß, wurde der aber nie enthauptet.“
„Nun ein Kephalophor zeichnet sich letztendlich dadurch aus, dass der Enthauptete mit dem Kopf vor dem Körper zu seiner Grabstätte geht.“
„Hört sich ein wenig nach dem ‚Gespenst von Canterville‘ an.“

In meinen Gedanken fiel mir noch Störtebecker ein. Der hatte es aber einfacher, denn der rannte unbelastet ohne seinen Kopf an 11 seiner Piraten-Kameraden vorbei, bis er vom Henker klassisch weggegrätscht wurde. Und da ist noch die Geschichte des Raubritters Dietrich von Hohenfels. Der wurde zusammen mit seinen Söhnen anderthalb Jahrhunderte zuvor Ende des 13. Jahrhunderts wegen seiner Räubereien ebenfalls zum Tode verurteilt. Wie Störtebecker nach ihm rannte der Raubritter kopfbefreit an seinen Söhnen vorbei, um ihnen das gleiche Schicksal zu ersparen. Er brachte es auf alle seiner neun Söhne, womit also dem Störtebecker eindeutig der Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde in der Disziplin „kopfloses Jogging“ gehört. Was aber den Fairness-Preis anbetrifft, so muss dieser dem Henker vom Raubritter Dietrich von Hohenfels zuerkannt werden. Dem Henker Störtebeckers gebührt nachträglich nur eine lebenslange Sperre, ein Berufsverbot, wegen Unfairness am Gegner.

„Die Patrone der Stadt Zürich, Felix und Regula, sind Kephalophoren. Als sie enthauptet wurden, sind beide schnurstracks den Kopf unterm Arm noch den Bergen hochgerannt, um den Enthauptern den letzten Wunsch nach deren Begräbnisstätte zu zeigen.“
„Geköpft den Berg hoch? Wie soll das gehen?“
„Auch der heilige Dionysius soll nach seiner Enthauptung seinen Kopf aufgenommen haben und dann mit dem Kopf unterm Arm sieben Meilen marschiert sein, eben bis zu jener Stelle, wo er begraben sein wollte. Das war in Paris. Der fränkische König Dagobert I. 623/624 baute dann dort die Benediktinerabtei Saint-Denis, wo sich später 25 Könige, 10 Königinnen und 84 Adlige beisetzen ließen.“
„Ich schätze mal, als der heilige Dionysius seinen Grabstätte erreicht hatte, führte er vor Freude mit seinem Kopf einen fußballerischen Torwart-Abschlag durch. Und dort, wo der Kopf aufschlug, da befindet sich heute der Anstoßpunkt des Stadions Saint-Denis.“

Sie überhörte meine Bemerkung geflissentlich.

„Kephalophoren tauchen historisch zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert vornehmlich bei den Christen und im Gebiet links des Rheins und in Oberitalien auf. Apollinaris ist zwar nicht wirklich ein Kephalophor, aber er hilft ja wie alle anderen Kephalophoren bei Kopfschmerzen.“
„Ich finde die Geschichte interessant, wie die Apollinaris-Reliquien nach Remagen kamen.“
„Sie kennen die Geschichte des Überbringers Rainald von Dassel?“
„Ich hab davon gehört. Er war ein Erzkanzler Barbarossas und zugleich Erzbischof.“
„Sie wissen, welche Gebeine er angeblich den Rhein hinunter ins Heiligen Römischem Reiches Deutscher Nationen gebracht hatte?“

Ich nickte. Sie lächelte.

„Nicht wahr, es waren fünf Gebeine.“
„Waren es nicht sechs? Zweimal für Breisach, einmal für Remagen und dreimal für Köln.“
„Nicht ganz. Im Jahre 1175 wurden die Gebeine des Apollinaris in Ravenna zweifelsfrei wiedergefunden. 13 Jahre, nachdem sie angeblich in Remagen von Rainald von Dassel gebracht wurden.“
„Und was für Gebeine liegen dann hier?“
„Welche liegen in Köln?“
„Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre sind es definitv keine Knochen aus dem Jahrhundert in dem Jesus, gelebt haben soll.“
„Böse Stimmen behaupten, in dem Sarkophag lagern Jahrhunderte alten Hühnerknochen, die Pilger früher heimlich darin entsorgt haben sollen.“
„Also hat Rainald von Dassel nur wertlose Knochen mit auf seinem Schiff gehabt und diese dann mittels geschicktem Marketing den Städten untergejubelt?“
„Es ging vielleicht gar nicht so sehr um die Gebeine. Die Gebeine sind nur ‚Ein Objekt klein a‘. Das ‚Rosebud‘ für eine Jahrhundert-lang währende finanzielle Einnahmequelle. Die Gebeine hier kommen wahrscheinlich aus dem ehemaligen Apollinarisabtei des Ortes Burtscheid, jetzt ein Stadtteil Aachens, wo der Kaiser Otto III. im Jahre 1003 den Verehrungskult und irgendwelche Gebein-Reliquien aus Reims mitbrachte. Reims und Ravenna hatten damals ein Bündnis und tauschten auch Reliquien aus. Aber sie waren nicht katalogisiert, weswegen Otto dachte, er hätte die Apollinaris-Gebeine. In Wahrheit befanden die sich noch weiterhin in Ravenna. Und hierher wurden dann nur irgendwelche Gebeine zur Pilgerverehrung gebracht, aber jedenfalls nicht die von Apollinaris. Das ist aber nicht so wichtig, denn Hauptsache die Pilger hinterlassen ihr Geld im Klingelbeutel.“

Mir erschien die Geschichte plausibel. Warum sollte es damals anders gewesen sein, als es heute ist? Unwissenheit gepaart mit der Suche nach finanziellen Quellen, das kennen wir auch heute noch.

Die Frau hielt ein Gebetbuch in den Händen. Mit einem Finger hielt sie eine Stelle geöffnet, wahrscheinlich jene, in der sie vor unserem Gespräch las. Mit den mir gerade gemachten Erklärungen verstand ich eigentlich, warum sie überhaupt noch in der Kirche war.

„Sagen Sie mir eines: Warum sind Sie hier? Sie sehen mir nicht wie ein Pilgerer aus.“

Ihre Frage war herausfordernd an mich gerichtet. Ich zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich wollte ich nach bestimmten Symbolismen Ausschau halten. Irgendwelche Hinweise auf mystische Symbole oder so.“
„Pentagramme?“
„Vielleicht.“
„Was genau?“
„Spuren der menschlichen Kreativität.“
„Kreativität? Die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Kurz gesagt: Der Mensch produziert zu viel Mist.“

Was hatte die Frau da gesagt? Den Satz hatte ich doch schon mal gehört. Aber wo nur? Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Wo hatte ich den Satz schon mal gehört?

„Wissen Sie, der Mensch liebt es, seinen Werken zuzuschauen und in Vergangenheit zu schwelgen. Denn mit seiner Sprache ist er immer nur fähig, das Vergangene einigermaßen zu beschreiben.“
„Das stimmt nicht. Wir Menschen sind fähig, die Zukunft auch sprachlich auszudrücken.“
„Nachdem wir sie gedacht haben. Die Zukunft ist beim Aussprechen schon wieder Vergangenheit. Das Reale entzieht sich dem Sprechen.“
„Die Realität entzieht sich dem Sprechen?“
„Ich sagte nicht ‚Realität‘, ich sagte ‚das Reale‘.“
„Das ist eine Spitzfindigkeit.“
„Nein, überhaupt nicht. Überlegen Sie sich doch den Unterschied. Das Reale ist weder imaginär noch symbolisierbar. Dafür ist das Symbolische wie eine Sprache strukturiert, und das Imaginäre liegt im bildhaften Bereich. Alles zusammen wird durch ‚Ein Objekt klein a‘ angetrieben, dem unerreichbaren Objekt, welches der Mensch begehrt. ‚Das Objekt klein a‘ ist die mindeste kleinste gemeinsame Schnittmenge, welches das Reale, das Symbolische und das Imaginäre für immer mindestens verkettet hält.“
„Und was ist dieses Objekt?“
„Antrieb und Auslöser von Handlungen.“
„Was beispielsweise?“
„Sie kennen den Film ‚Casablanca‘ von Michael Curtis?“

Na klar, wer kennt den schon nicht.
It’s still the same old story, a fight for love and glory, a case of do or die. The world will always welcome lovers, as time goes by. Innerlich summte ich leise Sams Lied.

„Niemand sieht die Transit-Visa in dem Film. Aber sie funktionieren. Papiere sind immer ein Antrieb und Auslöser von Handlungen.“

Papiere? Sagte sie Papiere?

„Ich kenne da einen Fall, wo es um solche Papiere geht. Sie handeln über die Desktruktivtät und der Unvollkommenheit der menschlichen Sprache.“

Ihre Mimik veränderte sich schlagartig. Sah sie vorher gutmütig aus, so hatte ich den Eindruck, sie sei von dem, was ich vorhin gesagt hatte, in einer gewissen Weise angewidert worden. Sie musterte mich kurz abschätzig.

„Ach, Sie reden doch nicht etwa von den Papieren des PentAgrions?“
„Sie kennen die?“
„Da scheint ja momentan ein regelrechter Hype nach diesen Papieren ausgebrochen zu sein.“

Ihre Gesicht spiegelte Verachtung.

„Was steht in denen drin? Kennen Sie die?“
„Wie ich schon sagte, die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Und dabei hilft ihm die Sprache, der Antrieb und Auslöser sich unbedingt darstellen zu wollen. Der Versuch, sich in einem Spiegel wieder zu finden, den man glaubt, verloren zu haben.“
„Sie meinen die Suche nach dem Ich? Ist es das, was die Papiere des PentAgrions beschreiben? Das Finden des Ichs mittels einer Weltformel?“
„Wie bitte?“
„Die Weltformel. Eine Suche nach dem Baum der Erkenntnis.“
„Eine Gralssuche? Sie suchen die Papiere des PentAgrions?“
„Gibt es sie?“
„Es gibt sie nicht. Das ist ein Trugschluss. Sie jagen einem Phantom hinterher.“
„Es soll sie aber im Internet gegeben haben. Aber jetzt ist es nicht mehr auffindbar. Nicht mal über Archivdatenbanken.“
„Vielleicht gibt es ein zweites Internet? Eine zweite Realität aus Elektronen und Ladungsausgleichträgern, die nicht allen zugänglich ist?“
„Wie meinen Sie das?“
„Warum sollte es zu dem für jeden sichtbaren Internet nicht auch ein nicht-sichtbares Internet geben? Wie Materie und Anti-Materie. So etwas wie Antipoden des Internets?“
„Etwa ein weißes und ein schwarzes Internet?“
„Vielleicht.“
„Wo finde ich dort die Papiere des PentAgrion? Wissen Sie es?“

Die Kirchentür öffnete sich. Ein Gruppe Schulkinder quetschten sich durch die schwere Holztür. Deren Stimmen hallten in dem Kirchengewölbe wieder. Zwei erwachsene Begleiter folgten der Gruppe und versuchten durch diverse „Scht“-Laute die Ruhe des Ortes zu erhalten. Eine Seitentür öffnete sich und ein Pfarrer trat aus ihr hervor. Er ging auf die Gruppe zu. Die Frau hatte sich ebenfalls erhoben und schritt auf den Pfarrer zu, um ihn zu grüßen.

Ich blickte auf meine Uhr. Es war später Nachmittag. Es wurde Zeit für mich nach Köln ins Hotel zurückzukehren. Als ich die Kirchentür erreichte, warf ich einen Blick zurück. Die Frau stand mit dem Pfarrer und der Gruppe zusammen. Offensichtlich wurde denen gerade erklärt, wer in der Krypta begraben liegt. Oder zumindest, was man glauben sollte, wer dort liegt.

Auf meinem Leihwagen lag das erste Herbstlaub. Als ich die Wagentür öffnete, wehte der Wind das Laub vom Fahrzeugdach herunter. Die Luft war klar, es war leicht windig.

Lediglich in meinen Gedanken herrschten Sturm und Nebel zugleich. Ein Gefühl beschlich mich, immer ein wenig zu spät zu kommen, wenn es darum ging, Informationen zu bekommen. Worauf hatte ich mich eingelassen?

Sollten mich die Papiere des PentAgrions nicht mehr loslassen?
PentAgrion-Manie oder PentAgrion-Phobie?
Ich hoffe doch, weder das eine noch das andere.

(Fortsetzung hier)

Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3

***

„Sie kommen jetzt also direkt aus München? Nur um hier in einem Restaurant zu essen? Wie schräg ist das denn?“

Der Taxifahrer warf mir einen zweifelnden Blick zu.

„Das ist wirklich so. Ich habe ein Abendessen in Köln vom Radiosender „1Live“ gewonnen.“
„Das kann ja sein. Aber eine Flug gibt’s ja nicht umsonst. Und nur wegen eines Abendessens einen Flug zahlen?“
„Es ist ein sehr gutes brasilianisches Restaurant. Eine Churrascaria. Fleisch all you can eat.“
„Und deswegen nach Köln? Das können Sie meiner Oma erzählen.“
„Wo wohnt die?“
„Wer?“
„Na, ihre Oma.“
„Melatenfriedhof, Flur 72a.“

Warum sollte ich dem Taxifahrer sagen, weswegen ich hier war. Die Antwort „Geschäftsreise“ war mir zu langweilig. Aber wenn der mich unter der Erde sehen will, auf Besuch bei seiner Oma …
Die roten Bremslichter des vorausfahrenden Autos unterbrachten meine Gedanken. Mein Taxifahrer trat nur kurz in die Bremsen – ich flog nach vorne in meinen Sicherheitsgurt –, zog geschmeidig nach links rüber – ich bewegte mich in einem Kreisbogen, bis mich die Beifahrertür hart abfing – und zog stark beschleunigend an dem Fahrzeug vorbei – die Rückenlehne vom Sitz hatte mich wieder.

„Bergheimer! Mal wieder typisch. Nur weil der Michael Schumacher ein paar Mal die Formel 1 gewonnen hatte, glauben die dort alle, sie wären seine Erben. Aber Schuhmacher hat nie gebremst!“

Ich nickte wortlos und versuchte die vorherige Adrenalinausschüttung in meinem Körper zu verarbeiten.

„Sie waren schon mal in Köln?“
„Ich habe fast drei Jahre dort gearbeitet.“
„Und sind dann nach München gegangen?“

Bestätigend nickte ich.

„Da haben Sie richtig gehandelt.“
„Wieso?“
„Köln ist ein richtiges Drecksloch geworden.“
„So schlimm?“
„Köln wird inzwischen als die korrupteste Stadt Europas bezeichnet.“
„Aber Köln hatte doch schon immer seinen Klüngel.“
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Sondern?“
„Der Übergang vom damaligen Kölner Klüngel zur jetzigen Kölner Korruption wurde dadurch begünstigt, dass eine geänderte Einstellung eine Profit- oder Erfolgsmaximierung bei gleichzeitiger Aufwandsminimierung sich verbreitert hat.“
„Wie das?“
„Schaun Sie nur mal, was hier abgeht. Die kümmern sich nicht mehr um die Belange der Bewohner. Jenen Kloochschesser da oben gehen ihre eigene Kölner doch total an deren Kackäsche vorbei. Da wird gelogen, betrogen und abgezockt, das ist schon nicht mehr feierlich.“
„Seit wann?“
„Seit mehr als zehn Jahren geht das so.“

Ein Krächzen drang durch den Funk des Taxifahrers.

„37, wo bist du?“
„Ich bin auf dem Weg zum Barbarossaplatz.“
„37, da will in der Nähe jemand ein Taxi. Dokumentenfernfahrt.“
„Übernehme ich.“

Das Krächzen verstummte. Der Taxifahrer konzentrierte sich kurz auf die Verkehrsschilder. Das Kölner Innenstadt-Schild hatten wir schon passiert. Über der Stadtsilhouette lugten vorwitzig die beiden Turmspitzen des Kölner Doms hervor.

„Bei den Kommunalwahlen gabs dann die Quittung.“
„Welche?“
„Alle Parteien unter die 30 Prozent, Wahlbeteiligung bei 50 Prozent.“

Mit finsterem Blick fixierte er die rote Ampel, an der wir standen. Eine der oberirdischen U-Bahnen passierte unseren Weg. Vier Waggons, recht lang und langsam, und als Dreingabe auch noch spärlich besetzt.

„Jetzt schauen Sie sich das an. Hauptverkehrszeit und keiner sitzt in der U-Bahn, aber dafür wird extra der ganze Verkehr aufgehalten.“

Mit seiner rechten Hand schlug er kurz und trocken verärgert auf sein Lenkrad. Er seufzte.

„Die machen sich hier überhaupt keine Gedanken, wie man diese Stadt nach vorne bringen kann. Und dann erst die Katastrophe mit dem Stadtarchiv in der Südstadt. Erst bohren die fleißig Brunnen im U-Bahn-Schacht, bis dass das Stadtarchiv einstürzt, und dann als erste Reaktion gleich: ‚Das waren wir nicht, da waren die Römer schuld. Wenn die damals aufgeräumt hätten, als sie gingen.‘ Tolle Politiker haben wir hier. Was soll der Driss mit einer U-Bahn hier? Die braucht niemand. Köln ist nicht mehr unsere Stadt.“
„Und warum sind Sie dann noch hier?“
„Es ist der Menschenschlag. Die Menschen halten mich noch hier. Ohne die wäre ich schon weg.“

Der Taxifahrer hielt vor meinem Hotel. Ich kramte meine Geldbörse hervor und beglich die Fahrtkosten. Der Taxifahrer stieg mit mir aus und öffnete den Kofferraum. Ich hob meinen Koffer heraus.

„Nebenbei: Wissen Sie überhaupt, wer auf dem Melatenfriedhof Flur 72a sein Grab hat?“
„Ihre Oma, so hatten Sie mir doch gesagt.“
„Jeck! Auf Flur 72a befindet sich das Familiengrab der Millowitschs. Schönes Grab. Schauen Sie es sich an, wenn sie Zeit haben.“
„Sind Sie etwa ein zum Taxifahrer umgeschulter Friedhofsgärtner?“

Er lachte und stieg ohne Antwort in sein Taxi. Ein Krächzen drang durch das geöffnete Fenster des Taxis.
„37, wo bist du?“
„Am Barbarossaplatz.“
„37, fahr zum Mediapark beim Cinedom. Vor dem Pizza-Hut steht einer mit einem großen gelben Briefumschlag, ein Herr Stein Vanderford. Der benötigt eine Dokumentenfahrt nach Brüssel.“
„Wird gemacht.“

Das Krächzen verstummte. Hatte die Stimme etwa „Stein Vanderford“ gesagt? Oder war es vielleicht doch eher „Stijn van de Voorde“? Dokumente nach Brüssel? Brüssel? Studio Brüssel?
PentAgrion?
Einen Moment lang wollte ich die Tür vom Taxi wieder öffnen, um sofort wieder einzusteigen und mitzufahren. Aber ich hatte für den Abend schon einen Termin. Im Restaurant „Rodizio-Pantanal“.
Ich holte meine Einladung aus der Jackentasche: „Rodizio-Pantanal am Mediapark/Cinedom um 19:30 Uhr“ stand drauf geschrieben.
Mist.
So ist das Leben.
Das Taxi blinkte kurz und zwängte sich in eine winzige Verkehrslücke. Sekunden später hatte der Feierabendverkehr das Taxi verschluckt. Ich ging ins Hotel.

(Fortsetzung hier)