Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3

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„Sie kommen jetzt also direkt aus München? Nur um hier in einem Restaurant zu essen? Wie schräg ist das denn?“

Der Taxifahrer warf mir einen zweifelnden Blick zu.

„Das ist wirklich so. Ich habe ein Abendessen in Köln vom Radiosender „1Live“ gewonnen.“
„Das kann ja sein. Aber eine Flug gibt’s ja nicht umsonst. Und nur wegen eines Abendessens einen Flug zahlen?“
„Es ist ein sehr gutes brasilianisches Restaurant. Eine Churrascaria. Fleisch all you can eat.“
„Und deswegen nach Köln? Das können Sie meiner Oma erzählen.“
„Wo wohnt die?“
„Wer?“
„Na, ihre Oma.“
„Melatenfriedhof, Flur 72a.“

Warum sollte ich dem Taxifahrer sagen, weswegen ich hier war. Die Antwort „Geschäftsreise“ war mir zu langweilig. Aber wenn der mich unter der Erde sehen will, auf Besuch bei seiner Oma …
Die roten Bremslichter des vorausfahrenden Autos unterbrachten meine Gedanken. Mein Taxifahrer trat nur kurz in die Bremsen – ich flog nach vorne in meinen Sicherheitsgurt –, zog geschmeidig nach links rüber – ich bewegte mich in einem Kreisbogen, bis mich die Beifahrertür hart abfing – und zog stark beschleunigend an dem Fahrzeug vorbei – die Rückenlehne vom Sitz hatte mich wieder.

„Bergheimer! Mal wieder typisch. Nur weil der Michael Schumacher ein paar Mal die Formel 1 gewonnen hatte, glauben die dort alle, sie wären seine Erben. Aber Schuhmacher hat nie gebremst!“

Ich nickte wortlos und versuchte die vorherige Adrenalinausschüttung in meinem Körper zu verarbeiten.

„Sie waren schon mal in Köln?“
„Ich habe fast drei Jahre dort gearbeitet.“
„Und sind dann nach München gegangen?“

Bestätigend nickte ich.

„Da haben Sie richtig gehandelt.“
„Wieso?“
„Köln ist ein richtiges Drecksloch geworden.“
„So schlimm?“
„Köln wird inzwischen als die korrupteste Stadt Europas bezeichnet.“
„Aber Köln hatte doch schon immer seinen Klüngel.“
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Sondern?“
„Der Übergang vom damaligen Kölner Klüngel zur jetzigen Kölner Korruption wurde dadurch begünstigt, dass eine geänderte Einstellung eine Profit- oder Erfolgsmaximierung bei gleichzeitiger Aufwandsminimierung sich verbreitert hat.“
„Wie das?“
„Schaun Sie nur mal, was hier abgeht. Die kümmern sich nicht mehr um die Belange der Bewohner. Jenen Kloochschesser da oben gehen ihre eigene Kölner doch total an deren Kackäsche vorbei. Da wird gelogen, betrogen und abgezockt, das ist schon nicht mehr feierlich.“
„Seit wann?“
„Seit mehr als zehn Jahren geht das so.“

Ein Krächzen drang durch den Funk des Taxifahrers.

„37, wo bist du?“
„Ich bin auf dem Weg zum Barbarossaplatz.“
„37, da will in der Nähe jemand ein Taxi. Dokumentenfernfahrt.“
„Übernehme ich.“

Das Krächzen verstummte. Der Taxifahrer konzentrierte sich kurz auf die Verkehrsschilder. Das Kölner Innenstadt-Schild hatten wir schon passiert. Über der Stadtsilhouette lugten vorwitzig die beiden Turmspitzen des Kölner Doms hervor.

„Bei den Kommunalwahlen gabs dann die Quittung.“
„Welche?“
„Alle Parteien unter die 30 Prozent, Wahlbeteiligung bei 50 Prozent.“

Mit finsterem Blick fixierte er die rote Ampel, an der wir standen. Eine der oberirdischen U-Bahnen passierte unseren Weg. Vier Waggons, recht lang und langsam, und als Dreingabe auch noch spärlich besetzt.

„Jetzt schauen Sie sich das an. Hauptverkehrszeit und keiner sitzt in der U-Bahn, aber dafür wird extra der ganze Verkehr aufgehalten.“

Mit seiner rechten Hand schlug er kurz und trocken verärgert auf sein Lenkrad. Er seufzte.

„Die machen sich hier überhaupt keine Gedanken, wie man diese Stadt nach vorne bringen kann. Und dann erst die Katastrophe mit dem Stadtarchiv in der Südstadt. Erst bohren die fleißig Brunnen im U-Bahn-Schacht, bis dass das Stadtarchiv einstürzt, und dann als erste Reaktion gleich: ‚Das waren wir nicht, da waren die Römer schuld. Wenn die damals aufgeräumt hätten, als sie gingen.‘ Tolle Politiker haben wir hier. Was soll der Driss mit einer U-Bahn hier? Die braucht niemand. Köln ist nicht mehr unsere Stadt.“
„Und warum sind Sie dann noch hier?“
„Es ist der Menschenschlag. Die Menschen halten mich noch hier. Ohne die wäre ich schon weg.“

Der Taxifahrer hielt vor meinem Hotel. Ich kramte meine Geldbörse hervor und beglich die Fahrtkosten. Der Taxifahrer stieg mit mir aus und öffnete den Kofferraum. Ich hob meinen Koffer heraus.

„Nebenbei: Wissen Sie überhaupt, wer auf dem Melatenfriedhof Flur 72a sein Grab hat?“
„Ihre Oma, so hatten Sie mir doch gesagt.“
„Jeck! Auf Flur 72a befindet sich das Familiengrab der Millowitschs. Schönes Grab. Schauen Sie es sich an, wenn sie Zeit haben.“
„Sind Sie etwa ein zum Taxifahrer umgeschulter Friedhofsgärtner?“

Er lachte und stieg ohne Antwort in sein Taxi. Ein Krächzen drang durch das geöffnete Fenster des Taxis.
„37, wo bist du?“
„Am Barbarossaplatz.“
„37, fahr zum Mediapark beim Cinedom. Vor dem Pizza-Hut steht einer mit einem großen gelben Briefumschlag, ein Herr Stein Vanderford. Der benötigt eine Dokumentenfahrt nach Brüssel.“
„Wird gemacht.“

Das Krächzen verstummte. Hatte die Stimme etwa „Stein Vanderford“ gesagt? Oder war es vielleicht doch eher „Stijn van de Voorde“? Dokumente nach Brüssel? Brüssel? Studio Brüssel?
PentAgrion?
Einen Moment lang wollte ich die Tür vom Taxi wieder öffnen, um sofort wieder einzusteigen und mitzufahren. Aber ich hatte für den Abend schon einen Termin. Im Restaurant „Rodizio-Pantanal“.
Ich holte meine Einladung aus der Jackentasche: „Rodizio-Pantanal am Mediapark/Cinedom um 19:30 Uhr“ stand drauf geschrieben.
Mist.
So ist das Leben.
Das Taxi blinkte kurz und zwängte sich in eine winzige Verkehrslücke. Sekunden später hatte der Feierabendverkehr das Taxi verschluckt. Ich ging ins Hotel.

(Fortsetzung hier)

10 Gedanken zu „Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

  1. wahrscheinlich hat mijnheer mich gesucht, schließlich hab ich mal in der nähe vom hansarung gewohnt( und du doch auch jules?) – so langsam versteh ich, bruachst nix abzustreiten….

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  2. Ja, Köln ist wie eine Geliebte. Wegen der Architektur alleine dort, lohnt es sich nicht zu leben. Insbesondere, da die immer wieder in Schräglage gerät oder umkippt … aber die Menschen …

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  3. Köln, das verlorene Klüngel-Gefühl, und eine Taxenfahrt mit AnkündigungEs sind die ruhigen Momente des Lebens auf einer Geschäftsreise:
    Entspannt im Taxi sitzend, den Kopf auf Leerlauf gestellt, dem Radio im Hintergrund zugelauscht und in die Autobahnböschung gestarrt in Vorfreude eines Restaurantbesuches.

    Warum ans…

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  4. Beeindruckend, was du dein Taxifahrer über Köln sagt. Ich habe da eine Weile gelbt und gearbeitet, aber diese Stadt hat mich immer nervös gemacht. Ich liebe sie trotzem, aber die Geliebte ist anstrengend.

    Zum Schluss deines Textes hat es mich ein bisschen gegruselt. Denn hier taucht tatächlich der dubiose Stijn van de Vooerde zum ersten Mal auf. Ich wüsste gern, was der in Köln gemacht hat und welche Dokumente das waren.

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