Pech und Pentakel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5

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Dass ich nicht rheinabwärts nach Düsseldorf fuhr – wie von meinem Chef vorgesehen – sondern rheinaufwärts nach Remagen, das hatte einen besonderen Grund.

„Ich habe gerade den Anruf erhalten, dass Sie nicht in Düsseldorf sondern in Königswinter gebraucht werden.“
„Königswinter. Jawohl. Nicht davor und nicht dahinter. Wird gemacht, Chef. Irgendwelche Ratschläge oder Anweisungen?“
„Ja. Keine Schäden mit dem Mietwagen verursachen.“
„Wird gemacht, Chef.“

So ändern sich Pläne ganz spontan. Und als heutige Arbeitskraft ist man stets flexibel. Und wenn der Chef will, fahr ich auch nach Königswinter. In meiner Reiseplanung war eh der Wurm drin. Hindernisse pflasterten meinen Weg:

Es begann schon in München. Im strammen Dauerlauf von der verspäteten S-Bahn erreichte ich in letzter Minute den Check-In, um dann zu erfahren, dass mein Flieger vom Flugplan gestrichen worden war. Ich erhielt einen jener „Tut-uns-Leid“-Gutscheine im Gegenwert von Bockwurst mit Kartoffelsalat und einen Mittelplatz in der Maschine für den späten Nachmittag. Das Einsteigen im Flieger verlief noch problemlos. Nur als dann alle saßen, gab es ein „klitzekleines technisches Problem“. „Klitzeklein“ ließ sich zeitlich erfassen. Mit 40 Minuten Verspätung hob unser Flieger ab.

Am Kölner Flughafen erwartete mich dann die nächste Freude. Ja, ein Mietfahrzeug wäre gebucht. Nur, momentan sei keines in meiner Mietklasse verfügbar. Das wäre kein Problem, ich nähme auch ein Mietfahrzeug höherer Klasse, war meine Antwort. Aber dann gab es den Klassiker: „Ein Upgrade in einer höheren Klasse ist leider nicht machbar.“ Schön. Das weitere Gespräch enthielt nicht wirklich etwas, was der Nachwelt als Zitierbares erhalten bleiben sollte.
Ich hinterließ meine Handy-Nummer und mir war klar, wenn ich Mercedes fahren will, dann nehme ich mir ein Taxi.

So stand ich also nach der Taxi-Fahrt vor meinem Hotel in dem festen Glauben den Namen „Stijn van de Voorde“ gehört zu haben, als mein Handy klingelte. Ein freundlicher Herr am anderen Ende erklärte mir, dass mir ein Mietfahrzeug zu ermäßigten Sonderkonditionen zum Hotel zugestellt würde.

Später am Abend saß ich dann in dem Restaurant „Rodizio-Pantanal“ am Kölner Mediapark. Alleine. Mein Gastgeber rief mich an, er sei durch einen Termin verhindert. Er käme später. Ich solle schon mal ohne ihn anfangen. Überraschen konnte mich sowieso nichts mehr. Alles schien ja an mir vorbei zu laufen. Sollte ich an diesem Abend als einziger mit Lebensmittelvergiftung aus dem Restaurant rausgetragen werden – so redete ich mir ein –, es würde mich nicht sonderlich überraschen. Bei diesem Lauf, den ich an dem Tag hatte, wäre das voll normal.

Der weitere Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Außer vielleicht dem, dass ich nach einer halben Stunde das untrügliche Verlangen verspürte, dem Kellner das Zeichen zu geben, dass ich beim „All you can eat“-Fleischspieß-Essen nicht mehr teilnehmen konnte, auch wenn ich gerne weiter gemacht hätte. Aber irgendwann ist jeder Magen vollkommen gefüllt.
Und „natürlich“, dass mein Gastgeber sich entschuldigte, er könne nicht mehr kommen seiner Frau wegen.
Perfekt.

Ich ließ mir die Rechnung geben, zahlte und ging in den sozialen Bereich des Restaurants, einen vom Restaurant abgetrennten Bereich mit separatem Eingang. Ich ließ mich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Der Kellner polierte geschäftig einige Gläser und nahm nebenbei meine Bestellung einer Guarana auf.

Es war nicht viel los am Tresen. Außer mir saßen noch drei andere Personen auf ihren Hocker. Alle waren wohl zuvor aus dem Restaurant und wie ich vollstens gesättigt.

Vor mir saß eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Ein hübscher Rücken. Sie unterhielt sich mit einem anderen Gast. Nach dem Dialekt zu urteilen, war er ein Kölner. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Kurze Haare, dunkelgrau wie sein Oberlippenbart, normal gekleidet, mit deutlicher Bauchauswölbung. Die Frau vor ihm war deutlich jünger. Sie war definitiv keine Deutsche, dafür wies ihre Stimme den deutschuntypischen Klang auf. Offensichtlich war sie Brasilianerin. Sie drehte sich kurz, um zu sehen, wer sich hinter ihren Rücken gesetzt hatte und musterte mich. Weiche Gesichtszüge, ein Grübchen auf der linken Wange. Ihre hohe Stirn wurde von ihren Haaren umrahmt und ließ meine Augen tiefer gleiten. Ihre Augenbrauen waren gezupft, ihre Wimpern sauber sorgfältig moduliert, ihre Augen ließen mich innerlich nach Atem schnappen. Sie leuchteten in einem bezaubernden Hellgrün, wie es bei Brasilianerinnen aus dem mittleren Nordosten immer wieder vorkommt. Die Nase klein und fein ließ meinen Blick auf ihre Lippen rutschen. Blassrosa waren diese nachgezogen und dahinter leuchteten in einem makellosen Weiss ihre Zähne. Ich schätzte sie auf Ende 20 Anfang 30. Als sie sich von mir wieder abwendete, setzte ich meine Musterung ihres Profils fort. Ihr gelocktes kastanienfarbenes Haar fiel auf ihre hellbraunen Schultern. Sie besaß schöne schmale Schultern, einen festen kleinen Busen, schlanke Taille, schmale Hüften und einen runden sexy Po. Das trägerlose, blassgrüne Kleid gab ihre lange leicht muskulösen, glatten Beine preis. Ihre bloßen Arme waren venushaft schön mit zierlich kräftigen Händen.

Meine Blicke fielen erneut auf ihre Schultern. Von ihren Haaren leicht verdeckt auf ihrer rechten Schulter schaute ein kunstvoll verziertes Pentagramm hervor. Meine Blicke verfolgten die schwarzblauen Linien. Alle fünf Linien waren sauber ohne Übergang miteinander verbunden. Eine unendliche Strecke, ohne Anfang ohne Ende. Eine Spitze deutete auf ihren Kopf, während sich die unteren beiden Spitzen auf ihrem Schulterblatt abzustützen schienen.

Es war vielleicht nur eine kurze Zeit vergangen, in denen ich das Pentagramm angestarrt haben musste, das Zeichen hatte mich in seinen Bann geschlagen. Denn als die Frau sich erneut umdrehte und mich aus ihren zu Schlitzen verengten grünen Augen anblitzte, zuckte ich zusammen, als ob ich schon seit Stunden über jenes Pentagramm meditiert hätte.

„Was starren Sie mich an? Bin ich nur ein Objekt, das man einfach so anstarren darf?“

Ihre Sätze hatte sie mir furios scharf entgegengeschleudert. Ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge beim Abschreiben. Aus mir kam nur ein Stottern.

„Was? Was ist? Könne Sie nicht vernünftig sprechen?“

Mir versagte die Stimme. Ihr Gesicht war ebenartig, ein Traum. Mir fehlten jegliche Worte. Sie blitzt mich erneut aus ihren Augen an, griff ihr Handtäschchen und ging Richtung Toilette.
Der Mann lächelte.

„Woll, die ist ne Wucht, nich?

Ich nickte.

„Meine Frau. Wir sind jetzt schon zehn Jahre verheiratet. Das Beste, was mir in meinem Leben passierte.“

Wir kamen ins Gespräch, während seine Frau auf dem Klo verweilte. Er hieß Jürgen und lebte mit seiner Frau südlich von Bonn, in der Stadt Remagen. Kölner war er nicht, aber er verstand es, den Dialekt zu imitieren. Wie er mir erzählte, lernte er seine Frau auf einem vierwöchigen Brasilienurlaub kennen und lieben, als er 54 Jahre war. Sie war damals 24. Wegen der Beziehung hätte er viele seiner Freunde verloren. Denn viele fanden nicht nur den Altersunterschied zu hoch, sondern verstanden auch nicht, dass er sich nicht eine deutsche Frau suchte, sondern eine Exotin. Viele hätten schon versucht, einen Keil zwischen ihn und seine Frau zu treiben, weil sie beide beneideten. Leider würden beide immer wieder solche Neider treffen. Er selbst sei schon deswegen häufig angefeindet worden, insbesondere weil er nicht die Figur eines Adonis habe.
Und dann gäbe es noch die, die meinen, die beiden wären doch nur wegen des Sex zusammen. Würden die beiden das aber bejahen, dann sei es solchen Leuten auch wieder nicht recht.
Die Toleranz der Leute sei zum Lachen und Heulen gleichzeitig.

Beide seien eine Einheit und wer das nicht akzeptieren würde, der sei unwillkommen. Diese Offenheit ließ meine Verlegenheit wachsen. Schließlich gestand ich ihm, dass mich das Pentagramm auf ihren Schultern verwirrt hatte.

„Ja, ja, das Pentagramm.“

Er lachte. Und er erzählte, wie oft schon dieses Pentagramm schon Anlass von Animositäten, Diskriminierungen und Streitereien geworden war. Insbesonders in Rheinland würden beide immer wieder auf erzkonservative Katholiken treffen, die offensichtlich damit ein Problem zu haben scheinen. Was hätte seine Frau nicht schon für Probleme bekommen, nur wegen des Pentagramms.

„Was bedeutet es denn bei Ihrer Frau?“, fragte ich vorsichtig.
„Wikka.“
„Was? Wicker?“
„Nein, Wikka geschrieben mit zwei ‚k‘ und am Ende ein ‚a‘.“
„Was ist das?“
„Eine religiöse Bewegung.“
„Eine Sekte?“
„Wie man will. Aber diese Bewegung hält sich nicht durch äußere Bande wie Aufpasser und Geldeintreiber zusammen.“
„Sondern?“
„Der innere Glaube. Die Einstellung.“
„Welche? Woher kommt diese Bewegung?“
„Es gibt sie überall. Sie ist global. Auch in Deutschland. Aber es gibt verschiedene spirituelle Ausrichtungen. In Brasilien schließen deren Anhänger aber die Existenz des christlichen Gottes nicht aus. Beiden gemein ist aber ein starker feministischer Zweig. Es ist zumindest keine patriarchalische Bewegung.“

Er erzählte mir, dass diese Bewegung sicherlich seltsam anmute. Insbesondere für Brasilien erscheint diese ungewöhnlich, weil sie auch keltische Elemente verwenden würde. Zudem verwirre der Begriff, weil im Portugiesischen kaum Wörter mit ‚k‘ existieren und erst recht nicht Doppel-‚k‘.
Und das Pentagramm? Es diene einerseits als Erkennungszeichen der Wikkana und symbolisiere Erde, Luft, Feuer, Wasser und Geist, das Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit und andererseits vermittele es auch Schutz und positive Energie.

In dem Moment schob sich mir ein Faltblatt ins Gesichtsfeld.

„Lies das hier. Da steht alles über uns Wikkana.“

Sie war von der Toilette zurückgekehrt und offenbar hatte eine Zeit lang unser Gespräch zugehört. Ich ergriff das Faltblatt und klappte es auf. Es war eng beschrieben, immer wieder unterbrochen von Pentakeln und Fünfecken.

„Schatz, gehen wir?“

Jürgen nickte, zahlte und beide verabschiedeten sich von mir.

„Und sollten Sie mal nach Remagen kommen, dann besuchen Sie uns. Unsere Adresse finden Sie auf der Rückseite.“

Die Einladung kam einerseits für mich überraschend, andererseits ist das aber nichts Ungewöhnliches bei deutsch-brasilianischen Ehepaaren. Beide verließen das Lokal.

Ich schaute mich in dem Kneipenbereich um. Es war leer geworden, ich war der Einzige dort. Der Restaurantbereich hatte sich auch schon stark geleert. Das Faltblatt steckte ich ungelesen in meine Jackentasche. Ich war müde und entschloss ich mich, ebenfalls zu zahlen und zu gehen.
Der Abend endete versöhnlich. Keine weiteren Katastrophen waren auf meiner Reise zu verzeichnen. Selbst die Taxifahrt zum Hotel verlief unspektakulär.
An der Hotelbar nahm ich mir noch ein Schlummertrunk, ein „Kölsch“, mit hoch und stellte es auf das Nachtschränkchen.

Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war, dass ich mich aufs Bett legte, mit der Fernbedienung den Fernseher angestellt hatte und den Abspann von „Beckmann“ studierte.
Ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

(Fortsetzung hier)

6 Gedanken zu „Pech und Pentakel

  1. Danke. Ich mühe mich nur gerade ab, die Kurve zu kriegen, um den Appolinaris-Text in die ganze Handlung einzubinden. Und das nur weil ich mit dem Appolinaris-Text eine Idee für danach hatte, die ich teilweise verwarf, weil sie nicht passte. Ich hoffe nur, vor dem 11. fertig zu werden. Ich muss.

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  2. Spaß war, dass ich nur die Beschreiebung der Frau genossen hätte. Der Text ist insgesamt erbaulich, gut geschrieben und verknüpft ideal deine realen Erfahrungen mit Fiktion, ein echter PentAgrion-Text eben.

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  3. es war mir ein Genuss, sie zu lesen […] Nein, ist nur Spaß.

    Wie hab ich das denn nu zu verstehn. Okay, zur Strafe gibt es einen weiteren Versuch eines Cliffhangers statt eines weiteren endlosen Roman-Teils. ;)

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  4. Die Geschichte kommt ordentlich in Fahrt, es war mir ein Genuss, sie zu lesen, natürlich in erster Linie wegen der von dir so genau beschriebenen, offenbar zauberhaften Frau. ;)
    Nein, ist nur Spaß. Wikka, das ist doch eigentlich ein Hexenkult. Irgendwo habe ich die seltsame Wikka-Schrift. Werde morgen mal danach suchen.

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