Fußballgötter

„Und sage mir, wenn unter den zwei Ungerechten ein Gerechter wäre, würdest du alle vernichtend verurteilen?“

„Nein, ich würde es nicht.“

„Und wenn derer Ungerechter doppelt so viele gäbe, und der Gerechte ein echter Gerechter wäre? Würdest du dann auch alle vernichten?“

„Nein, ich würde es nicht. Wer glaubst du, dass ich denn sei?“

„Keine Ahnung, mein lieber Gott. Aber jetzt mal ganz differenziert nachgefragt, wenn die Anzahl der Ungerechten derer Hundertfach wären und darunter einer weiterhin wäre, der Gerecht wäre, was würdest du tun?“ Weiterlesen

Nachweisdokument

Ist zwar schon ein halbes Jahrhundert her, aber es taugt noch immer als Nachweis für eine Existenz … Weiterlesen

Schau hin und sei glücklich …

Der Cappu war edel drapiert. Ein Herz aus Milch hatte der Barista ihm in seiner Tasse gezaubert. Er mochte diese Kleinigkeiten. Der Cappu schmeckte dadurch nicht automatisch besser, aber er sah einfach besser aus. Dafür gab er auch mal gerne fünfzig Cent mehr aus. Es zeigte ihm, dass er als Gast Wertschätzung erfuhr. Mit zwei Fingern ergriff er das Tütchen Zucker, riss es auf und ließ den Zucker auf den Milchschaum rieseln. Er beobachtete, wie der Zucker langsam in seinem Cappuccino versank. Es hatte etwas von Salz auf Schnee, aber es schmeckte anders. Er tauchte den kleinen Löffel in das Gebirge aus Milchschaum, Kakaopulver und Kaffee und schaute aus dem Fenster. Vor ihm zog der Fluss ungerührt seine Bahn. Leichte Wellen zeigten Flusswiderstände, angedeutete Strudel Turbulenzen unter der Wasseroberfläche verursacht von der Vergangenheit. Weiterlesen

Karneval 2016

„West-faaalen-land, West-faaalen-land, ist wihida aauser Rand un Band …“

„Kannste mal mit dem Geleiere aufhören? Bekommt dir das Bier nicht?“

Der Angesprochene hielt mit seinem monotonen Singsang ein und schaute seinen Saufnachbarn an.

„Wad willschte?“

„In Ruhe den Kehraus feiern!“

„Tu’s doch.“

„Aber du lallst monotone grässliche Lieder!“ Weiterlesen

Kneipengespräch: Wie ist der Name dieses Spiels?

Reissdorf

Der Jahreswechsel war geglückt. Ich saß in meiner Kneipe und schaute zufrieden von oben in mein gerade leer getrunkenes Kölschglas. Es gibt Momente, da fühlt sich jeder eins mit dem Universum. Und genau das dachte ich mir in jenem Augenblick, dass das Universum und ich …

»Was ist das wieder für eine Kacke!«

»Was’n?«

»Meine Frau kann noch immer nicht den Namen ihres Stechers in Spe korrekt schreiben!« Weiterlesen

Kneipengespräch: Machtverhältnisse

»Hast du was zu sagen?«

Er schaute seinen Trinknachbarn an. Aber jener schwieg. Ich kannte ihn. Er war schon immer ein Schweiger vor dem Herrn. Seit ich ihn vor vierzehn Tagen an der Hotelbar zum ersten Mal getroffen hatte. Ich musste ihm regelrecht jedes Wort aus der Nase herausziehen. Er nannte sich Andreas und war von FORD Köln nach Detroit geschickt worden, um dort Montagearbeiten bei einem Automobilzulieferer zu organisieren.
Andreas war eigentlich kein Schweiger, aber während der Arbeit musste er immer wieder alles erklären. »Von der Ursuppe bis zur Erfindung der Dampfmaschine, und alles jeden Tag erneut in Details« hatte er mir erklärt. Zuerst hatte ich gegrinst. Da war das Volk, das bereits auf dem Mond war, aber nicht fähig war normale Industrieprozesse zu verstehen. Aber Andreas erklärte mir, dass dies nicht nur auf die Amerikaner zu traf. Es machte ihn fertig, dass selbst andere Kollegen aus Deutschland mit technischem Unverständnis wucherten, bei Themen, bei denen er es nie für möglich hielt.
So saß er vor seinem Glas »Blue Moon« und schwieg. Kölsch hatte es ja nicht an der Bar. Und ansonsten waren die angebotenen Biere bescheiden in ihrer Geschmacksrichtung.

»Hey Andy, wie war dein Tag?«

Sein Trinknachbar blieb beharrlich und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Andreas schaute auf und blickte ihn mit müden Augen an. Zuerst vermutete ich, dass Andreas ein kölsches »Loss mich en Ruh« dem Amerikaner servieren würde. Weiterlesen

Ertrage die Clowns (6): À tout de suite!

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Charlie Abdullah ist tot. „König“ Charlie Abdullah. So viel Zeit muss sein.
Die Legende besagt, dass dieser letzte großherzigste Herrscher vor Gram starb, weil sein 1.000 PS Bugatti wegen Sand im Getriebe nicht mehr ansprang.
Charlie Wulf ging zu dessen Trauerfeier, weil Charlie Merkel und Charlie Gauck keine Zeit hatten. Charlie Abdullah soll es aber nicht bemerkt haben. Charlie Gabriel wäre auch ganz gerne dahin, aber irgendwie hatte er ein Date wegen Charlie Bachmann und Charlie Oertel und musste absagen. Charlie Obama, Charlie Cameroon und Charlie Hollande haben Charlie Abdullah gleich ihre Meinung verkündet und ihn über den grünen Klee gelobt. Wohlgemerkt „über“, denn ihn unter den grünen Klee zu belobigen, das hätte er schon verdient gehabt. Allein schon dafür, dass er die Freiheit des Bloggens mit 1000 Peitschenhiebe auf den Blogger Raif Badawi (kein Charlie) unterstütze, und dem gestürzten und politisch verfolgten tunesischen Diktator Charlie Ben Ali ein saudisches Asyl-Refugium zugestand. Diese beiden Fakten waren es dann auch, warum Charlie Merkel dessen „Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz“ […] „für eine behutsame Modernisierung seines Landes“ gepriesen hatte. Fast ähnlich hatte es Charlie Putin formuliert. Selbst UN-Generalsekretär Charlie Ban Ki Moon hat ihn posthum verbal geadelt. Haben eigentlich auch Charlie Netanjahu, Malis Präsident Charlie Keita, EU-Ratspräsident Charlie Tusk, Palästinenserpräsident Charlie Abbas und das Asterix-Imitat Charlie Sarkozy offiziell zitierbares zu dem Tod des Königs von sich gegeben? Weiterlesen

Was ist Zeit? Wird alles anders?

Du kommst nach Hause,
legst deine Füsse hoch,
schüttest dir ein Glas Chardonnay ein
und sinnierst darüber nach,
was an diesem Tag geschehen war,
warum es gelaufen ist, wie es lief,
warum Traum und Realität ein Abgrund trennt,
öffnest die Augen und stellst irritiert fest,
dass du dir kein Wein, aber schales Bier eingeschenkt hattest,
schaust in die Firmen-Emails und grübelst,
denkst an den vergangenen Tag,
daran, was sich geändert hat,
daran, was das Leben macht,
daran, was du lebendig geändert haben möchtest.
Und dann summst du das kleine feine Lied …

Ja ich weiß es war ne geile Zeit, uns war kein Weg zu weit du fehlst hier …