Kneipengespräch: Machtverhältnisse


»Hast du was zu sagen?«

Er schaute seinen Trinknachbarn an. Aber jener schwieg. Ich kannte ihn. Er war schon immer ein Schweiger vor dem Herrn. Seit ich ihn vor vierzehn Tagen an der Hotelbar zum ersten Mal getroffen hatte. Ich musste ihm regelrecht jedes Wort aus der Nase herausziehen. Er nannte sich Andreas und war von FORD Köln nach Detroit geschickt worden, um dort Montagearbeiten bei einem Automobilzulieferer zu organisieren.
Andreas war eigentlich kein Schweiger, aber während der Arbeit musste er immer wieder alles erklären. »Von der Ursuppe bis zur Erfindung der Dampfmaschine, und alles jeden Tag erneut in Details« hatte er mir erklärt. Zuerst hatte ich gegrinst. Da war das Volk, das bereits auf dem Mond war, aber nicht fähig war normale Industrieprozesse zu verstehen. Aber Andreas erklärte mir, dass dies nicht nur auf die Amerikaner zu traf. Es machte ihn fertig, dass selbst andere Kollegen aus Deutschland mit technischem Unverständnis wucherten, bei Themen, bei denen er es nie für möglich hielt.
So saß er vor seinem Glas »Blue Moon« und schwieg. Kölsch hatte es ja nicht an der Bar. Und ansonsten waren die angebotenen Biere bescheiden in ihrer Geschmacksrichtung.

»Hey Andy, wie war dein Tag?«

Sein Trinknachbar blieb beharrlich und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Andreas schaute auf und blickte ihn mit müden Augen an. Zuerst vermutete ich, dass Andreas ein kölsches »Loss mich en Ruh« dem Amerikaner servieren würde. Aber er schaute ihn nur musternd an. Und dann erwiderte er:

»Junge, heute ist Montag und ein Wochenende hatte ich nicht. Freitag bis jetzt ist für mich nur ein Tag.«
»Was ist passiert? Erzähl.«

Und Andreas erzählte. Er erzählte davon, dass ein französischer Lieferant in Mexiko Fehlteile produziert hatte. Es drohte der Anlauf einer Fahrzeugproduktion zu platzen. Der Automobilhersteller entschloss sich also neue halbfertige Teile vom Lieferanten aus Mexiko einfliegen zu lassen und sie dann in Andreas seiner Firma fertig zu produzieren.

»Ich saß gerade bei meinem zweiten Feierabendbier, als das Telefon klingelte und ein großes Tier vom Hersteller am Telefon mich aufforderte, für ihn gegen gutes Geld zu helfen.«

Andreas sollte zum Flughafen Detroits fahren, dort das Entladen der Ware aus den Flugzeugen auf LKWs mit überwachen und den Tross dann direkt zu seiner Firma geleiten. Er sollte sofort zum Flughafen kommen und alles in seiner Firma zur Weiterverarbeitung der Teile organisieren. Andreas fuhr zum Flughafen und instruierte unterdessen seine Firmenmitarbeiter, die sich auch bereits im Wochenende befanden.
Am Flughafen hätte es eine Stunde gedauert, bis man ihn zu den Frachtfliegerbereich durchließ. Sicherheitsüberprüfungen und diverse Telefonate deswegen und um elf Uhr Nachts befand er sich dann auf dem Rollfeld und schaute der Entladung der Charter-Frachtmaschine und der Beladung der LKWs zu. Danach ging es dann in Kolonne zur Firma und es wurde Samstag, Sonntag bis Montags durchgearbeitet. Rechtzeitig am frühen Morgen waren die ersten Teile fertig und der drohende Bandstillstand der Fahrzeugproduktion war vermieden worden. Die letzten Teile waren knapp zwei Stunden zuvor abgeliefert worden. Und der Auftrag war beendet und sein Wochenende konnte beginnen. Oder besser gesagt, den Dienstag hatte er frei, aber er sollte weiterhin erreichbar bleiben.

»Und wisst Ihr, was mich bei dieser Notfallaktion am meisten bleibenden Eindruck verschafft hatte?«
»Erzähl.«

Andreas holte kurz Luft und nahm noch einen Schluck.

»Beim Beladen der LKWs war kein amerikanischer Zollbeamter oder Polizist zugegen. Nicht einer. Alle die vor Ort waren, stammten vom Automobilhersteller und wir verließen den Flughafen durch eine stark gesicherte Seitenausfahrt. Und kein einziger vom Zoll hielt uns auf. Niemand. Man öffnete uns unaufgefordert die Tore. Keiner vom Sicherheitspersonal oder so hatte sich angeschaut, was auf den LKWs verladen wurde. Ware aus Mexiko. Nicht mal einer von der Drogenfahndung. Und da habe ich es echt mit der Angst zu tun bekommen. Wenn eine große Firma so einen großen Einfluss hat, alle Sicherheitsvorschriften zu umgehen, dann muss sie wirklich eine Macht in den USA sein. Jeden anderen hätte man auseinander genommen und eingesperrt. Aber die sind in den Flughafen rein und raus, als ob es ihr ureigenstes Zuhause wäre. Das hat mir Angst gemacht. Was ist das für ein Land?«

Über seine Augen lag der Schleier der Müdigkeit, aber während seiner Erzählung war sie spürbar, jene Angst.
Wir schwiegen.
Andreas trank aus, legte ein paar Scheine neben sein Glas und ging.

»Boy, oh boy«, murmelte sein Trinknachbar.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf einen der hinteren Bar-Monitore. Basketball. Dirk Nowitzki warf gerade für die Mavs einen perfekten Korb, nachdem ihm zuvor ein Rebound geglückt war. Er war sträflich unbewacht gelassen worden und kam frei zum Drei-Punkte-Wurf.

The land of the free and the home of the brave.

2 Gedanken zu „Kneipengespräch: Machtverhältnisse

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.