Ertrage die Clowns (6): À tout de suite!


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Charlie Abdullah ist tot. „König“ Charlie Abdullah. So viel Zeit muss sein.
Die Legende besagt, dass dieser letzte großherzigste Herrscher vor Gram starb, weil sein 1.000 PS Bugatti wegen Sand im Getriebe nicht mehr ansprang.
Charlie Wulf ging zu dessen Trauerfeier, weil Charlie Merkel und Charlie Gauck keine Zeit hatten. Charlie Abdullah soll es aber nicht bemerkt haben. Charlie Gabriel wäre auch ganz gerne dahin, aber irgendwie hatte er ein Date wegen Charlie Bachmann und Charlie Oertel und musste absagen. Charlie Obama, Charlie Cameroon und Charlie Hollande haben Charlie Abdullah gleich ihre Meinung verkündet und ihn über den grünen Klee gelobt. Wohlgemerkt „über“, denn ihn unter den grünen Klee zu belobigen, das hätte er schon verdient gehabt. Allein schon dafür, dass er die Freiheit des Bloggens mit 1000 Peitschenhiebe auf den Blogger Raif Badawi (kein Charlie) unterstütze, und dem gestürzten und politisch verfolgten tunesischen Diktator Charlie Ben Ali ein saudisches Asyl-Refugium zugestand. Diese beiden Fakten waren es dann auch, warum Charlie Merkel dessen „Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz“ […] „für eine behutsame Modernisierung seines Landes“ gepriesen hatte. Fast ähnlich hatte es Charlie Putin formuliert. Selbst UN-Generalsekretär Charlie Ban Ki Moon hat ihn posthum verbal geadelt. Haben eigentlich auch Charlie Netanjahu, Malis Präsident Charlie Keita, EU-Ratspräsident Charlie Tusk, Palästinenserpräsident Charlie Abbas und das Asterix-Imitat Charlie Sarkozy offiziell zitierbares zu dem Tod des Königs von sich gegeben?

Hm. Je suis Charlie. Jedermann und in erster Reihe.

Ernsthaft. Das war jetzt der kümmerliche Versuch einer Satire.
Ich weiß, das ist verwerflich.
Absolut verwerflich.
Satire ist eine ernste Angelegenheit. Sehr ernst sogar. Da darf nicht über alles Satire gemacht und gelacht werden. Zumindest solange es nicht über die anderen ist. Das hat etwas von Kölner Sitzungskarneval, der momentan in seinen letzten vierzehntägigen Zügen liegt und sich abfeiert. Dort wird auch Satire und Humor vorgetragen. Das ist kein Spaß, sondern eine ernste Angelegenheit. Witze über andere und Minderheiten sind bei solchen Sitzungen in Ordnung, aber Witze über die eigenen Karnevalsleute geht gar nicht. Das wären dann Nestbeschmutzer. Vor dreißig Jahren entstand daraus die Kölner „Stunk“-Sitzung, der alternative Karneval. Damals. Aber „Stunk“-Organisatoren waren sich auch nicht ganz grüne. Einigen waren die Satiren des Jürgen Beckers nicht ausreichend satirekompatibel. Satire bleibt in diesem Lande eine ernsthafte Angelegenheit. Drum wird wohl auch ein Karnelvalswagen beim diesjährigen Kölner Rosenmontagszug von der Polizei bewacht.

Je suis Charlie.

Ach so, ganz nebenbei, jetzt kann ich es ja sagen und es klingt so opportunistisch und nichts-sagend: Je suis Charlie? Ich war’s nie. Aber das sage ich auch nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Man kriegt ja gleich den Stempel des „Naivlings“ aufgebrezelt, wenn man so etwas behauptet, ohne im nächsten Satz den Opfern der Barbarei zu kondolieren. Wohlgemerkt, jene Opfer der Barbarei von Paris. Von den anderen will ich hier mal gar nicht reden. Denn sonst müsste ich auch noch „Je suis Guantanamo“ oder „Je suis Kriegsdrohne“ auf meiner Stirn eingravieren lassen. Und will ich das? Will ich nicht. Ganz und gar nicht.
So wie es halt alle Regierungschef-Charlies dieser Welt mit dem Tode von jenes Königs Charlie Abdullah hielten, welchem das Abzeichen „Je suis Diktator“ ebenso gut gestanden hätte, wie seine Abberufungsurkunde von dessen Ämter, die ihm Freund Charlie Hain aushändigte. Sie hatten sich alle um den Button „Je suis ignorant intentionnellement“ beworben … .




Und dann fällt mir noch immer eines ein:
Die US-Vietnam-Veteranen könnten wohl ein wenig verstört gewesen sein, als ganz Frankreich und Europa sich individuell „Charlie“ nannte. War doch „Charlie“ der Codename des US-Militärs für Mitglieder des „Viet Cong“ (VC; Victor Charlie). Und die ehemaligen Berlin-Truppen wegen „Checkpoint Charlie“.
Aber das ist nur in meiner Fantasie und auch nur am Rande.

12 Gedanken zu „Ertrage die Clowns (6): À tout de suite!

  1. Deine Schreibe begeistert mich ehrlich gesagt sehr! Und Ehrlichkeit ist das richtige Stichwort – deine beinharte Ehrlichkeit finde ich ungemein erfrischend! Das traut sich nicht jeder. Erinnert mich ein bisschen an Kurt Tucholsky: „Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.“ Also mit Volldampf auf Kurs bleiben! :)
    Ich habe mich an das Thema auch einmal herangewagt, wenn auch nicht ganz so schmerzfrei wie du. Kannst du hier nachlesen wenn du möchtest: http://journalist-werden.blog.de/2015/01/29/darf-eigentlich-satire-20025228/
    Das soll jetzt keine Werbung sein! Ist ja jeder Zeit schnell zu entfernen.

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  2. Ja, das Thema ist nicht ohne. Eher ganz im Gegentum. Es ist ein verdammt schwieriges. Ich habe versucht, das in deinem Kommentarbereich zu beschreiben …

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  3. Zitat: „Satire bleibt in diesem Lande eine ernsthafte Angelegenheit.“
    Das stimmt leider und wie heißt es doch so schön: „Mit Humor soll man nicht spaßen.“
    Traurig!

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  4. Meiner Meinung nach ist Satire gar keine so ernste Angelegenheit in Deutschland. Mir ist bisher kein Fall bekannt, wo es für Satire, innerhalb gesetzlicher Vorgaben, zu Konsequenzen gekommen sein soll. Kein Einsperren, Steinigen, Auspeitschen… noch nicht mal ein Internet- oder Fernsehverbot für ein, zwei Wochen. Auch nicht wenn jene Satire geschmacklos oder einfach nur unerträglich schlecht ist! Also immer her damit, mehr Satire dieser Art und more Humor ;-)
    Aber nun zu diesen Charlies. Bin ebenfalls sehr begeistert von deinem Schreibstil und freue mich schon mehr von dir zu lesen.
    Verspreche auch ehrlich und öffentlich zu lachen…

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  5. In der Ecke stehen als Konsequenz oder ausgelacht werden, sind dazu schon bekannter. Einsperren, Steinigen, Auspeitschen. Das waren die präferierten Erziehungsmethoden der Lehrer in den 60ern/70ern in unserem Absurdistan … einige wurden umgesetzt …

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