Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (46): Freinacht

Spielplätze, Zoos, Museen und Kirchen werden wieder geöffnet. Benutzung nur mit Gesichtsbedeckung und vorheriger Desinfektion der Hände. Welcher Bereich fällt systematisch raus? Richtig der Spielplatz. Zoos, Museen, Gedenkstätten (wie u.a.a. Friedhöfe) und Kirchen, da können die Eltern deren Kinder mit den Opas und Omas abschieben. Damit sind die Eltern von den Kindern befreit und die Großeltern können deren Enkel mal wieder sehen.

Warum Spielplätze aus den vieren zuvor Genannten raus fällt? Ganz einfach. Es war den Hundehaltern einfach nicht mehr zuzumuten, mit deren Hunde auf Liegewiesen zu gehen. Die haben die Rasenfläche ruiniert. Oder gegen das Rasen-Betreten-Verboten-Gebot verstoßen. Und die Bürgersteige als Gassi-Location war für die Hundebesitzer jetzt auch nicht ganz so cool, weil da mussten sie permanent die Hinterlassenschaften höchst selbst mit eigenen Handschuhen aufheben. Das ging in den Rücken. Und das zudem unter den kritischen Blicken der intoleranten Nicht-Hunde-Besitzer. Nun ist fast schon alles wie zuvor, denn Herrchen und Frauchen können dann mit deren Hunde auf den Spielplätzen endlich wieder Gassi gehen. Und das Hundi kann den Haufen selber vergraben.

Lediglich das Thema “Urlaub”, das ist noch immer nicht gelöst. Daher entsteht auch ein gewisser Urlaubsstau in den Betrieben. Oder wie sagte doch ein Kollege so treffend, dass er sich nicht vorschreiben lassen wird, Urlaub zu Hause zu verbringen. “Urlaub” sei nur dann erst “Urlaub”, wenn er in Urlaub fliegt.

Urlaub-Feeling herrscht momentan irgendwo hier im Wohnblock. Musik und Partygeräusche wehen hier zu mir her. Offenbar ist das der Start in die “Freinacht”. Da wird normalerweise mit Klopapier des Nachts herum geschmissen. Mit Klopapier. Mit einem Luxusprodukt. Vielleicht wisst ihr jetzt, warum Klopapier letztens so schwierig zu erhalten war. Und wer kein Klopapier hat, der geht in die Gegend und reißt Birkenäste ab. Es ist die Nacht, in der seitens brünstiger Männer bestimmten Frauen ein Maibaum präsentiert wird. Das nennen die hier in Bayern und wie auch in anderen Gegenden “Tradition”. Andere kennen so etwas auch unter dem Hashtag #metoo …

Die Nacht zum 1. Mai halt …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (45): Maikäfer, flieg …

Die wichtigste Erkenntnis vom Tage: Der Berliner Hauptstadtflughafen wird wohl nun doch geöffnet. Dumm nur, dass jetzt kaum Passagiere kommen werden. In München werden Start- und Landebahnen gesperrt und nur noch ein Terminal betrieben. Der Berliner Flughafen Tegel bereitet eine vorübergehende Schließung des Flughafens vor. Zu wenig Betrieb. Damit die drei Flughäfen demnächst nicht von spontanen Tourismusströmen überrannt werden, wurde die weltweite Reisewarnung vom Auswärtigen Amt bis Mitte Juni verlängert.

Bayern wurde ausdrücklich nicht in dieser Reisewarnung einbeschlossen. Söder hat ja bereits erklärt, Bayern könne nichts dafür, dass es solche Nachbarn wie Italien und Österreich habe, wo sich das Virus ungehemmt sich beim After-Ski unter Deutschen vermehren konnte. Dumm nur, dass die vielen kommerziellen Starkbierfeste in Oberbayern hot spots zur Vermehrung der Pandemie waren und aus traditionellen geschäftlichen Gründen nicht abgesagt wurden. Heinsberg war da nur ein kleiner hot spot. Die Umgebung Rosenheims ist sehr stark betroffen. Out of Rosenheim ist die Welt überhaupt nicht in Ordnung.

Söder gilt als Macher. Laschet eher nicht. Dumm für die Nordrhein-Westfalen, dass sie nicht so feierwütig wie die Bayern sind. Karneval war nicht wirklich das Gegengewicht, welches den Virus in Laschet-Sektor so verbreiten konnte, wie das Feiern in Bayern beim Söder. Daher hat Bayern auch ein schärferes Infektionsschutzgesetz als NRW. Und den rigideren Bußgeldkatalog. Das mögen die Deutschen. Deshalb steht Söder auch so hoch in deren Gunst.

Im Fernsehen werden zu möglichen Geisterspielen zwei Experten gefragt: der eine ist arg adipös und wird einen Ball vor seinen Füßen garantiert nicht sehen können, der andere ist Schauspieler, der mal einen Fußballspieler geschauspielert hat. Der fehler ist offensichtlich. Deutschland hat umgerechnet 80 Millionen Trainer, aber niemand läd diese in eine Talk-Show ein. Meiner Meinung nach ein ganz großes Versäumnis …

Draußen regnet es. Ein Gruß der Natur an die Dürre. Regen bringt Segen. Kommt’s ungelegen? Bald ist wieder Feiertag. Vielleicht haben die Maikäfer wieder ne Chance zu fliegen und nicht wie üblich bei den 1.-Mai-Feiertagswanderungen zu Tode gestreichelt zu werden …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (44): Maskenball

Zum ersten Mal musste ich meine Maske einsetzen. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Mir fehlt zudem das Gesicht bei den anderen Miteinkäufern. Die Mimik fehlt und nur die Augen bleiben übrig als Anblick. Auch das Sprechen mit so einer Mund- und Nasenbedeckung fällt mir schwer. Die Maske soll mein Gegenüber vor mich schützen, aber er versteht mich damit auch wesentlich schlechter.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Zeitungsberichte von Menschen, die allein in deren Wohnung starben und die erst Monate später skelettiert aufgefunden wurden, mit einem Kopfschütteln quittiert. Es war für viele immer der Hinweis darauf, wie kalt diese Gesellschaft geworden wäre. Ob jetzt solche Meldungen auch zum Kopfschütteln führen werden? Das Sterben allein zu Hause könnte man dann wohl als Königsdisziplin in erfolgreich umgesetzten “Social distancing” ansehen.

Was vor sechs, acht Wochen nur Kopfschütteln auslöste, ist inzwischen ein neuer Standard. Zeitgleich fällt auch immer wieder der Begriff der “neuen Normalität”, an der man sich gewöhnen sollte. Für mich sieht diese Welt immer distanzierter aus. Die Verbindungen zu den Menschen werden immer geringer. “Social distancing”. Aber so ist es ja auch wohl beabsichtigt.

In diesem Sinne hatte ich ein Gespräch mit meiner 87-jährigen Mutter am Telefon. Ihrer Meinung nach ist die jetzige Situation noch schlimmer als die Situation im Kriege auf dem Lande, wenn die Luftsirenen gingen. Dann herrschte Ausgangsverbot. Aber danach konnte man sich wieder treffen und auch im Luftschutzbunker konnte man sich wenigstens umarmen. Ich fragte nach, ob sie das so meinte, wie sie es sagte. Sie bestätigte es. Früher hätte es in solchen Situationen noch Zusammenhalt und Kontakt gegeben, selbst wenn Bomben fielen und Menschen trafen. Aber heute seien Kontakte verboten und Zusammenhalt gibt es nur über den Fernseher. Und da würde sie reale Kontakte mit Menschen bevorzugen.

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkung fiel mir damals auf, dass es keine Blickkontakte zu anderen Fußgängern mehr gab. Jeder schaute vor sich hin und ging seinen Weg. Inzwischen gibt es diese wieder. Aber sie wirken distanzierter bei den Menschen, die ohne Mund- und Nasenbedeckung herum laufen. Bei den anderen fange ich auch Blicke auf, aber ich kann nicht beurteilen, was die Augen aussagen. Man sagt, die Augen sind der Spiegel zu der Seele. Momentan habe ich für mich das Gefühl, in seelenlose Augen zu blicken. Und der Rest ist Maskerade. Ein Volk auf seinen Weg in die apperzeptive Prosopagnosie.

Der Journalist, Autor und Verleger Ruprecht Frieling hat zu der Thematik der Masken und der Maskenpflicht in seinem Blog mit einem Eintrag seine “Große Maskenparade” (hier) gestartet. Diese Parade lebt vom Mitmachen. Eigentlich ist es eher eine Augenparade. Denn mehr ist an Mimik bei den meisten Maskierten kaum zu sehen. Wenn ihr ein Selfie mit Euch als maskierten Menschen habt, schickt das Foto an Ruprecht Frieling (via seinem Internetauftritt) und ihr werdet in dieser Parade mit aufgenommen.

Viel Spaß mit seiner “Großen Maskenparade”.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (43): Recht in Ordnung

Die Kriminalitätsrate steigt. Und die Polizei schaut tatenlos zu. Das einzige, wozu sie sich imstande fühlt, ist das Aufschreiben und Gegenlesen von 150-Euro-Strafzettel. Weswegen sie paarweise in München patrouillieren. Söder zuckt dazu lediglich die Schultern. Die Gesetze seien verpflichtend und die Polizei dazu erst recht verpflichtet, zu überprüfen, dass jene eingehalten werden. Falls nicht, gibt es einen Strafgeldkatalog. Ordnung muss sein.

Aber dem ist nicht so! Das ist Lüge.

München. Mittelsüd. Ballungszentrum. Ein Linienbus der MVG. Eine Hundertschaft Polizisten hält ihn eingekesselt.

“Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus und lassen Sie ihre Finger aus Ihren Gesichtern!”

Ich frage den Scharfschützen neben mir: “Wie fühlen Sie sich? Was geht in Ihnen vor? Was sehen Sie?”

“Zu erst einmal sehe ich einen Haufen illegaler Staatsbürger. Um es ernsthaft zu sagen, alles quasi Gesundheitsterroristen. Sehen Sie den dort drüben in der vorletzten Reihe? Jenen mit ungepflegten langen Haaren und ohne Mund- und Nasenbedeckung.”

“Gefährlich?”

“Absolut. Kennzahl R0 größer eins. Erheblich größer eins. Gefährder. Jener Mensch zeigt durch sein Verhalten, dass er bislang null kapiert hat. Beratungsresistent. Der will nicht zur Eindämmung der Pandemie beitragen. Aber keine Sorge. Den habe ich im Visier. Sollte er husten, finaler Rettungsschuss!”

“Ist das nicht übertrieben? Könnte er nicht auch verhaftet werden? Und in Quarantäne verbracht werden?”

Blitzschnell legt der vermummte SEK-Mitarbeiter sein Sniper-Gewehr beiseite und richtet eine HK SFP9 auf meine Stirn: “Wie meinen?!?”

“Ganz ihrer Meinung. Erschießen. Sofort.”

“Aha”, er steckt seinen Selbstlader weg, nimmt seine Sniper wieder auf und bemerkt: “Das Faktotum hat seine Hand in seiner rechten Tasche. Panther 1, was soll ich machen?”

Ich verlasse den Aussichtsposten, vom Bus 500 Meter entfernt, und gehe zum Polizeipräsidenten, der die Lage in seinem Transporter vollkommen überblickt.

“Wie ist die momentane Lage?”

Er mustert mich skeptisch: “Ist das bei Ihnen ein Mundschutz aus Baumwolle oder aus Kunststoff?”

“97% Baumwolle, 0,5% Elastan und 2,5% selbst desinfizierendes Aluminium.”

“Zertifikat?”

Ich reiche es ihm.

“Nun. Der Anstieg der Kriminalität in den letzten 24 Stunden ist wirklich ein Problem geworden. München hat einen Ruf zu verlieren. Mit der Staatskanzlei sind wir bereits in einem informellen Meinungsaustausch getreten, wie eben diese unakzeptable Situation verbessert werden kann.”

“Und das wäre?”

“Um die Anzahl der Kriminellen ohne Mund- und Gesichtsschutz zu verringern, muss man jene vom rechtschaffenden Bürger besser absondern können. Ein rechtschaffender Bürger akzeptiert alle gesundheitsbewahrenden Maßnahmen. Ein Gefährder naturgemäß niemals nicht. Und die letzteren sind gefährlich.”

“Und wenn jemand keine Maske trägt, geht dann das Wohl und das Anrecht auf die Unversehrtheit der Allgemeinheit vor?”

Ein Knall unterbrach unsere Unterhaltung.

“Der langhaarige Gefährder ohne Maske mit der Hand in der Tasche?”, frage ich in die entstandene Stille

Der Vorgesetzte hielt seinen Finger auf seinem Ohrhörer und beugte sich leicht auf die Seite von mir weg. Dann richtete er sich wieder auf, nahm seinen Finger aus seinem Ohr und schaute mich ernst an:

“Nein. Es war die schwarz vermummte Frau neben ihm. Sie hatte die Hälfte ihres Gesichts verhüllt und war unnatürlich dick. Wahrscheinlich Sprengstoffgürtel. Potentielle Islamistin.”

Ich atmete durch und rief meinen Chefredakteur an, um ihn zu berichten, dass die Welt wieder mal an einer dramatischen Episode vorbei geschrammt wäre. Er legte kommentarlos auf.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (42): Erdichtet

In einem Staate erging zum Schutze der Bevölkerung der Auftrag, die Freiheit einzusperren. Es gelang auch recht schnell, jene aufzuspüren, in Handschellen abzuführen und hinter Gitter zu bringen. Es wurde durchgeatmet, denn der Schutz der Bevölkerung war sicher gestellt. Doch die Freiheit an sich wäre wichtig, sogar systemisch, so sagte man, und daher sollte sie sich mit der Zeit auch wieder an sich selber gewöhnen und man ersann dazu einen 4-Stufen-Plan zur Freilassung der Freiheit.

Stufe 1: Du darfst alleine raus. Aber nur dann, wenn es nötig ist. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 2: Okay. Du willst alleine raus. Aber du darfst nur mit Mund- und Nasenbedeckung einkaufen und unsere öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen. Einkaufen oder ÖPNV ist kein Privileg, sondern freiheitliche Teilnahme am freien Wirtschaftsleben. Akzeptierst du das nicht, dann wirst du auch nicht einkaufen oder umherfahren dürfen. Mund- und Nasenbedeckung ist Pflicht. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 3: Hm. Okay. Du willst alleine raus. Du willst Freiheit leben, dich selber spüren. Gut. Nur, wenn wir ohne Einschränkungen erfahren dürfen, wo du bist, wohin du gehst, was du tust, mit wem du dich triffst, dann erhältst du ein wenig mehr davon. Freiheit war und ist ein kostbares Gut. Daher musst du ein Smartphone haben, auf welches unsere App funktioniert. Dann erhältst du in der Freiheit mehr von der Freiheit. Oder du musst in Kauf nehmen, zu Hause bleiben zu müssen. Du hast die Freiheit, unsere Bedingungen einverständlich zu wählen. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 4: Du willst raus. Okay. Die Maßnahmen zur Förderung der Freiheit haben sich in den beobachteten Zeitraum bewährt. Die damals neue, ungewohnte Realität ist zu einer allgemein und akzeptierten geworden. Wir sind stolz unsere neu gewonnen Freiheit. Und für diejenigen, die immer nur Geisterfahrer sein wollen: Fügt euch unserer Freiheit. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Nachdem jenes Stufen-Programm stand und es darum ging, dieses der Freiheit in ihrer Zelle zu präsentieren, wurde entsetzt festgestellt, dass die eingesperrte Freiheit aus der Zelle einfach verschwunden war. Das führte zur allgemeinen Verwunderung und Unverständnis. Es ging doch lediglich darum, die Freiheit zu schützen und ihre Einsperrung war wohlwollende Selbstschutz. Wie konnte die Freiheit darum einfach so dumm sein, aus ihrem abgeschlossenen Kerker zu verschwinden? Oder war sie ein Opfer einer Entführung geworden? Aber bislang verlangte niemand Lösegeld für ihre Freilassung. Man fand sie auch nicht erschlagen in irgendeinem Straßengraben. Oder wurde sie etwa ein Opfer von internationalen Terroristen?

Und weil keiner eine Antwort auf diese Fragen wusste, beschloss man, das 4-Stufen-Programm für sich zu behalten. Man müsse ja nicht alles herum erzählen. Zu viel der Offenheit würde der Bevölkerung auch nur Schaden bringen. Sie würde sich zu viele Gedanken machen und dann meinen, man würde ihr ungerechtfertigterweise zu denken geben statt jene selber denken würden. Dabei galt es doch die Bevölkerung vor unnötigen Schaden zu schützen. Also – so war der Gedanke – müsse man dieses verhindern und jetzt die Offenheit doch stattdessen im Kerker einsperren. Ja, auch jene müsse vor sich selbst geschützt werden.

Und somit …

Der Autor stockte und las sich das Geschriebene nochmals durch. Seine Stirn runzelte sich und er schüttelte den Kopf. Zu banal. Einfach zu banal. So etwas durfte er nicht schreiben. Völlig niveaulos. Und auch noch mit moralinsauren, erhobenen Zeigefinger geschrieben. Er zerknüllte kopfschüttelnd das Papier und warf es unbesehen hinter sich aus dem Fenster.

Als mir das zerknüllte Papier beim Spazierengehen direkt vom Kopf vor die Füße landete, hob ich es auf, entfaltete es und las das Geschriebene.

Jetzt wisst ihr, wie dieser ungeheuerlich beschränkte Blog-Eintrag zustande kam …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (41): 150 Euro

Der Countdown läuft. In zwei Tagen kann ohne Mund- und Nasenbedeckung weder Einkaufen noch Nah verkehrt werden, ohne dass in Bayern dafür 150 Euro Strafe fällig werden. Ordnungshüter und so weiter wurden inzwischen mit einem neuen Satz Strafzettelblöcke und dokumentenechten Kugelschreiber ausgestattet. Und sie alle zählen den Countdown auf Montag rückwärts. Denn die Kennzahlen für aufgeschriebene Infektionsgesetz-Verletzer sind in der letzten Zeit doch schon ein wenig stagniert. Söder will endlich mal wieder verbesserte Kennzahlen im Ländervergleich und zu Laschet vorlegen können.

150 Euro für das Fehlen von einer Mund- und Nasenbedeckung in Geschäften und ÖPNV ist nebenbei der Betrag, der beim Hartz-IV-Regelsatz für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke angesetzt wird. Oder eine andere Zahl: mit knapp 158 Euro werden Wohnen, Bekleidung, Haushaltsgegenstände und Gesundheitspflege bemessen. Der Hartz-IV-Regelsatz beträgt 432 Euro (inkl. 1,12 Euro für Bildung). Somit kann sich ein SGB-2-Betroffener in Bayern pro Monat zweimal ohne Mund- und Nasenbedeckung erwischen lassen und hat dabei im Monat noch immer reichliche 132 Euro für Miete, Wasser und Strom zur Verfügung. Das muss reichen. Das meinen auch wirtschaftskompetente Organe wie Regierung, BILD und Co.

Freilich, Schnaps und Rauch sind in dem Regelsatz nicht mit berücksichtigt. Das fällt unter Privatvergnügen eines Hartz-IV-Empfängers. Es heißt ja schließlich “Erst die Arbeit und dann das Vergnügen”. Und wer Arbeit sucht, findet auch welche. Zum Beispiel beim Spargelstechen. Da sollte die alleinerziehende Mutti im Süden Münchens auch mal flexibel sein und mit dem Nahverkehrszug nach Schrobenhausen auf die Spargelfelder fahren. Für Verkehr sind letztendlich auch 35,99 Euro im Regelsatz mit berücksichtigt. Das muss sich doch für uns lohnen, damit wir billigen Spargel aus Schrobenhausen im Supermarkt hier kaufen können.

Nun. Andererseits wissen wir allerdings auch, dass derjenige Mensch, der raucht, ein nicht zu vernachlässigender Aktivposten der deutschen Steuerzahlergesamtheit darstellt. Seit den beiden Tabaksteuererhöhungen in 2002 und 2003 raucht der Mensch aktiv für die Maßnahmen zum Anti-Terror-Kampf in Deutschland. Einfacher konnte man sich nicht am Anti-Terror-Kampf beteiligen. Jede Zigarette ist der Sargnagel für einen bösen Menschen.

Und nicht nur das. In den Jahren 2004 und 2005 erfolgten drei Steuererhöhungen zur finanziellen Unterstützung der Krankenkassen. Denen ging es damals dreimal schlecht. Dafür wurde dann dreimal die Tabaksteuer erhöht.

Wer also acht Zentimeter Tabakstrang, aus einer Schachtel gefummelt, mit Feuer anzündet, der lässt 9,82 Eurocent Steuern wie Phönix aus der Asche erstehen. Damit bekämpft er aktiv alle Terroristen und unterstützt gleichzeitig unser Gesundheitssystem. Günstiger geht es kaum, staatsbürgerliche Pflichten in Rauch aufgehen zu lassen.

Auf einer Internetplattform, namens QUEIOS, welche den Anspruch hat, Wissen aus Forschungen zu verbreiten, findet sich eine Veröffentlichung, dass unter den CoVid-19-Erkrankten nur 5% Raucher sind (auf Queios hier nachzulesen). Also fogten die Forschenden, dass das Rauchen nicht nur die eigene Lunge, den Terroristen und notorische Klammheit von Krankenkassen schädigen könnte, sondern auch dem SARS-CoV-2 Probleme bereiten könnte, auszubrechen und CoVid-19 zu verursachen. Könnte. Wohlgemerkt Konjunktiv, nicht wahr.

Bewiesen ist mit dieser Veröffentlichung nichts. Nur will das ja nichts heißen. Denn Unbewiesenes ist wie Atlantis: es existiert garantiert, nur das “wo”, das ist noch die ungeklärte Frage. Das habe ich inzwischen von den Verschwörungsaposteln gelernt. Daher kam ich auch extrem schwer ins Grübeln. Und weil Aposteln immer eine Kirche haben, hatte ich auch gleich eine aufgesucht. Als ich vor zwei Monaten wieder mal eine Raucherpause einlegte, plagten mich schwerste Gewissensbisse. Weil mit dieser Entscheidung machte ich mich wohl verdächtig, aktiv gegen den Anti-Terror-Kampf und der Förderung des Gesundheitssystems zu sein. In der Münchener Frauenkirche zündete ich deswegen vier Kerzen an. Ich kaufte zwei und brach sie mitten durch, um das Maximalste aus meines Kerzenerwerbs heraus zu holen. Im Scheine der Kerzenstummel hoffte ich, aufgrund meiner aktiven Raucherpause nicht ins Visier von Anti-Terror-Einheiten und Gesinnungsschnüfflern zu geraten. Und bislang war diese Kerzenspende 100% wirksam.

Sollte jetzt festgestellt werden, dass Nikotin ein Gegenmittel zur Heilung von CoVid-19 ist und somit Helmut Schmidt posthum zum neuen Schutzheiligen der Raucher erklärt werden, dann werde ich wohl wieder anfangen zu rauchen. Denn ich möchte mir nicht – wie all jenen dann unsolidarisch zu erklärenden Hartz-IV-Regelsatzempfängern – nachsagen lassen, dass ich erstens nichts für den Anti-Terror-Kampf beitrage, das Gesundheitssystem nicht quarzend unterstütze und dann auch noch selbstmörderisch auf die Glimmstängel verzichte.

Noch sind die Geschäfte geöffnet. Ich geh jetzt los, mir einen Hamster-Vorrat an Zigaretten zu besorgen. Und Feuerzeuge. Für meine Gesundheit ist mir nichts zu Schade. Zigaretten werden das neue Klopapier, da bin ich mir jetzt sicher. Und Feuerzeige die neuen Nudeln. Das hab ich im Urin. So wahr ich ohne Mund- und Nasenbedeckung heute noch einkaufen werde. Amen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (40): Fußball und unser Leben

Wir brauchen neue Fliegzeuge. Fliegzeuge, welche den tausendfachen Tod transportieren können. Nein, keine SARS-CoV-2-Streubomben für Frankreich, England, Grönla … wie? Andere Richtung? Rußland? Okay. Richtig. Ich hab die Feindbildorientierung bei mir ein wenig schleifen lassen. Am Jahresanfang hieß das Feindbild ja noch Brexit, aber heutzutage ist das ja auch nicht mehr so sicher.

Es soll um etwas anderes gehen. Wir brauchen neue Fliegzeuge. Hier geht es darum, dass diese Fliegzeuge im Ernstfall in Deutschland stationierte US-Atombomben zum Ziel fliegen können. Dafür braucht es Flugmaterial. Und das alte Tornado-Material taugt nicht so recht. Denn es besteht die Möglichkeit, dass unsere Maschinen in Rammstein starten und dann mit den Massenvernichtungswaffen in Berlin an der Spree abstürzen … und außerdem hat Boing gerade eine Mega-Mega-Krise: erst stürzen deren Flieger ab, jetzt auch noch deren Börsenkurs. Also braucht es amerikanische Militärmaschinen ( – Trump und Boing wird es uns danken – ), damit  diese Air Force mit amerikanischer Atombombenfracht nach amerikanischer Art gegen amerikanische Widersacher drohen kann. Die NATO-Bündnistreue verlangt diese Fähigkeit. Wer was anderes glaubt, gucke mal bei Recep Tayyip Erdoğan nach, wenn wir ihn militärisch unterstützen.

Für diese NATO-Bündnistreuenfähigkeit werden mehr als 10 Milliarden Euro benötigt. Keine Angst, das sind Peanut-Zählchen. EIn Schnapper in Taleman&Söhne-Zeiten. Dieses Schnäppchen wirdd mit nicht eingekauften CoVid-19-Tests und mit SARS-CoV-2-Forschungsgeldern kompensiert. Dazu kommen zusätzlich noch aus die 150-Euro-Strafgelder von nicht getragenen Mund- und Nasenmasken in Geschäften und Nahverkehrsmittel, die perfekte Gegenfinanzierung. Das heißt, jeder der offen sein Gesicht in den Überwaschungskameras der Geschäfte und ÖPNVs zeigt, hilft der Annegret Kamp-Karrenbauer bei der Finanzierung ihrer Fliegzeuge.

Das ist jetzt natürlich nicht offiziell, aber Ministerin in Finanzierungsnot sollte keinem Mitbürger am Allerwertesten vorbei gehen. Denn nur offene Gesichter haben nichts zu verbergen. Auch keine 150 Euro in der Geldbörse.

Nichts zu verbergen? Da ist noch die DFL. Diese Balltreterzusammenschlußorganisation würde auch mal gerne wieder fliegen. Von Rasen zu Rasen. Damit deren Betriebsangestellte wieder einem Fußball hinterher flitzen können, sind Hygiene-Maßnahmen bei den Spielen und rund um eine Spiel-Veranstaltung erforderlich. Diese hat die DFL für jeden Menschen einsehbar hier (pdf-Datei) veröffentlicht.

Nun, da Entscheidungen gemäß Pro oder Kontra eines Spielbetriebs immer auf Landesebene getroffen werden, sind diese von den jeweiligen Landes-Chefes abhängig. Unter anderem auch von einem Ministerpräsidenten Kretschmer. Der hat auch gleich sich ins Studium der (oben verlinkten) pdf-Datei gestürzt. Nur, dabei muss er wohl arg tief gestürzt sein. An ihm rauschte die pdf-Datei wohl komplett vorbei. Trotz allem meinte er in der Talk-Show mit Herrn Lanz, dass das Konzept des DFL überzeugend sei, denn wenn ein Spieler CoVid-19 positiv getestet werde, würde gleich die ganze Mannschaft in Quarantäne genommen. Dass der werte Herr Kretschmer nicht lesen kann, will ich ihm keineswegs unterstellen. Lesen kann er wohl. Allein mit dem Verstehen mag es hapern. Denn die DFL wird allein den positiv getesteten Spieler in Quarantäne schicken, ohne es – gemäß dem Konzept – der Presse mitzuteilen. Das hat der Herr Kretschmer in der Lanz-Talkrunde als nicht verstanden dargelegt.

Also, man stelle sich folgende Situation vor. Ein Balltreterverein, namens Rasenballsport Bayern aus München, so ein Verein pölt gegen irgendeine andere unwichtige, namenlose Mannschaft. Und dann kommt es zu folgendem Verhängnis: Niclas Süle pfählt seinen Gegenspieler eiskalt mittels einer sauber getimten Abwehr-Blutgrätsche auf Schienenbeinhöhe, es kommt zur unübersichtlichen Rudelbildung verschiedenster, allesamt unschuldiger Spieler, danach, von Joshua Kimmich wird der Süle-Niclas aus dem gebildeten Rudel heraus gezogen, der Schiedsrichter belässt es nachsichtig der Wiederholung aus den Kellern von Köln bei einer gelben Karte, und beim nächsten Spiel sind dann Niclas Süle und Joshua Kimmich nicht dabei. Wird der Trainer Hansi Flick darauf sagen: “Die haben Rudelbildung ohne Gesichtsschutz auf dem Rasen betrieben. Das geht ganz und gar nicht. Deshalb habe ich die beiden jetzt im Trainingszentrum an der Säbener Straße fürs Wochenende als Green-Keeper eingeteilt” und Sachsens Herr Ministerpräsident Kretschmer wird am Fernseher verstehend Niclas eingedenk nicken und auf seinen stämmigen Schenckelchen Applaus patschen? Das steht zu befürchten. Lesen kann er ja, aber mit dem Verstehen steht zu befürchten …

Zu befürchten ist dann auch, dass an die 30 Tausend CoVid-19-Test für den verbleibenden Spielbetrieb gebraucht werden. Das ist jetzt kein Problem. Die generieren sich aus den Tests, welche man von den Leuten nimmt, welche wegen fehlendem Mund- und Nasenschutz straffällig geworden sind. Eben jenen auch noch wegen deren Maskenboykott einen CoVid-19-Test zu gönnen, dieses wird sogar einen der Ewig-Gerechten, diesen deutschen Pseudo-Avengers von Söder bis Kretschmer, als Verweigerungsgrund garantiert noch einfallen. Jene Straffälligen werden dann in Bayern pro forma gleich 14 Tage in Quarantäne genommen. Natürlich plus der 150-Euro-Strafgebühr. Wir brauchen ja Annegrets Flieger, nicht wahr.

Wie? Das geht nicht? So etwas lässt das Grundgesetz nicht zu? Da kennt ihr aber das bayrische Polizeiaufgabengesetz, kurz PAG genannt, nicht. Bei Gefahr im Verzug und Bedrohung der persönlichen Unversehrtheit geht alles. Von Söder lernen, heißt siegen lernen. Da guckt sie aber, die AfD, ein wenig pikiert, woll.

Und wenn dann immer noch paar mickrige Milliönchen Euros fehlen, um den Liga-Betrieb der Fußballmannschaften zu sichern, dann gibt es ja die Fernsehgelder. Geisterspiele ist das neue Zauberwort. Es mag für den Zuschauer am heimischen Fernsehempfangsgerät ein wenig fad erscheinen, ein Fußballspiel ohne akustischem Stadionzuschauer-Live-Ton zu sehen. Aber bei den TV-Sitcoms oder bei Dieter-Nuhr-Live-Shows hat der TV-Glotzer ja auch nichts dagegen, wenn das Lachen und Klatschen per Konserve eingespielt wird. Also kann das auch bei Geisterspielen durchgeführt werden. Wenn ein Tor fällt, Jubelschreie aus der Konserve. Oder bei Rudelbildung empörte Pfiffe und Pfui-Rufe. Auf der Playstation klappt das ja auch.

Apropos Rudelbildung: Der Leser möge im Hinterkopf behalten, Rudel ist nicht gleich Herde. Also, das Wort Rudelimmunität gibt es noch nicht. Das mag seltsam erscheinen, denn bei Torjubel scheint oftmals sehr wohl so etwas wie Rudelbumsen angesagt zu sein. Aber von Herdenbumsen hat bislang nie jemand etwas gehört. Wohl aber von Herdenimmunität. Zur Erklärung: Eine Herde besteht beispielsweise aus vielen Schafen, die man beispielsweise rasiert oder schlachtet. Wenn das durchgeführt wurde, dann sind alle aus der Herde immun. Mit einem Rudel klappt das nicht. Hunde leben gerne im Rudel und Hunde, die bellen, beißen. Wuffmäh.


Nebenbei noch etwas zu der Lanz-Talkrunde (ZDF; 23-April-2020):

Der Herr Karl Lauterbach sprach sich gegen Fußballspiele aus. Er meinte, das wäre das falsche Signal an die Jugendlichen, die dann meinen könnten, die Corona-Krise wäre bereits Vergangenheit und dann würden alle bisherigen CoVid-29-Maßnahmen entwertet werden. Irgendwie hat es mich bei dieser Bemerkung gegruselt. Die Jugendlichen werden sicherlich nicht diejenigen sein, die dann alleine eine “alte Normalität” wieder annehmen. Herr Lauterbach sollte sich mal in seiner Altersgruppe und darunter umschauen. Jene nicht-jugendlichen Altersgruppen werden es mit den Maßnahmen genauso wenig ernst nehmen wie die Jugendlichen. Sie setzen die Maßnahmen jetzt schon genauso ernst oder unernst um wie alle Jugendlichen auch. Eine Differenzierung nach Altersklassen braucht es dabei nicht. Das ist spaltend. Generationenkonflikt benötigt keinen weiteren, der diesen verschärft.

Meine Meinung.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (39): Regierungserklärung und ein Zeh

Eine Rede und was statistisch dahinter steckte:

  • Anzahl der Sätze 210.
  • Anzahl der Wörter: 3457.
  • Anzahl der unterschiedlichen Wörter: 1262
  • Längstes Wort: “COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz”
  • Der längste Satz: “Auch dann wird das Virus immer noch da sein; aber mit Konzentration und Ausdauer – gerade am Anfang – können wir vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln oder Gruppen von Menschen monatelang von allen anderen isolieren zu müssen und mit furchtbaren Zuständen in unseren Krankenhäusern konfrontiert zu sein, wie es in einigen anderen Ländern leider der Fall war.”
  • Das am häufigsten verwendete Wort: “auch” (48x)
  • Lesezeit bei 300 Wörter pro Minute: ca. 14 Minuten
  • Rededauer bei professionellen Sprechern: ca. 19 Minuten
  • Dauer der gehaltenen Rede: 26 Minuten 56 Sekunden
  • Rednerin: Angela Dorothea Merkel
  • Zweck: Regierungserklärung
  • Applaus: vorhanden

And now to something completly different:

Die Bibel

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, dass du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Verfasser des Zitats war ein gewisser Matthäus. Nein, der ex-fussballspielende  und jetzt Fußball-kommentierende Franke, der ist es nicht. Da mich der rechte kleine Zehe meines rechten großen Fußes bannig Ärger machte und mein christliches Hackebeilchen seit meinem Kirchenaustritt leider ein wenig arg verrostet ist, wagte ich den “triftigen Grund” in Anspruch zu nehmen.

Junger Padawan, raus er darf, sprach so ein kleiner, faltiger Sternenkrieger-Gnom in mir und ich humpelte auf den Weg zum Medicus. Der Arzt schaute sich meine Kleinigkeit an und meinte nur: “Bleiben Sie damit zuhause. Gehen Sie nicht raus, außer Sie haben triftige Gründe. Das wird schon wieder, in ein paar Tagen ist es weg..”

Hm. Also Ausgangsbeschränkung jetzt auch seitens meines Dottores. Statt einer gepflegten, blutig christlichen Amputation. Gut. Man kann halt nicht immer Glück im Leben haben.