Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (16): Maskerade

Österreich führt die Gesichtsmaskenpflicht für den Aufenthalt in Supermärkte ein. Der Supermarkt als Begründung den eigenen vier Wänden zu entgehen soll kein Argument mehr sein, sich Maßnahmen zu entziehen.

Ein Besuch im Supermarkt ist immer wieder interessant. Wenn im Obst- und Gemüsebereich die Leute mit Mundmaske jeder einzelnen Gurke die Hand schütteln und die kräftigste dann mit weiteren Kontrollgriffen auswählen, warum tragen die dann eigentlich Mundschutz? Und dann rüber zu den Tomaten und Äpfeln gehen, um dort wieder jedem einzelnen Früchtchen “Hallo” per Händedruck zu sagen. Waschen die nachher das gekaufte Obst gründlich in Spüli, Domestos oder anderen Desinfektionsbädern, wenn sie an deren Gesundheit denken? Oder wenn man von Leuten leicht aber hartnäckig beiseite geschoben wird, nur damit jene dann eine Minute unschlüssig an der von mir freigemachten Stelle herum stehen, muss ich selber dann die Eins-Fünfzig einhalten und zurück treten? Ich meine fast ja, das muss ich. Denn der Klügere gibt nach, und bei so viel maskierter Intelligenz wagt man als unmaskierter Dummer ja auch nicht unbedingt zu widersprechen.

Ein Gesetz, welches den Menschen vorschreiben würde, Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit zu tragen, würde der Polizei die Arbeit wohl stark erleichtern. Wenn einer ohne Maske rumläuft, kann die den gleich per Gesichtserkennung ausfindig machen, wenn der sich der Verhaftung entziehen sollte. Und sollten mehr als nur zwei Leute mit einer Maske zusammen stehen, kann die Polizei gleich das Demonstrationsstrafrecht anwenden und die Leute verhaften (alternativ: Wasserwerfer-Einsatz mit Chlorreizgasbeimischung zur gleichzeitigen Desinfektion). Denn es gilt das Vermummungsverbot auch bei nicht angemeldeten Demonstrationen. Und die Wahrung der geforderten Kontaktsperren von Individuen untereinander.

Irgend so ein Donald Trump hat dem Automobilhersteller GM auf Basis eines Kriegsgesetzes befohlen, Beatmungsgeräte herzustellen. Wie das klappen soll, in einer Automobilindustrie, bei der Fahrzeuge an Fließbändern hergestellt werden, welche zum Teil hochautomatisiert sind? Wie das aussehen soll? Das ist überhaupt nicht so schwierig, wie alle meinen. Das Ergebnis werden dann amerikanische 6- und 8-Zylinder-Pick-Up-Fahrzeuge ohne geregeltem 3-Wege-Katalysator, dafür aber mit Bi-Turbo plus Anhängerkupplung sein. Und hinter jedem Fahrzeug wird ein Krankenbett mit einem zu beatmenden Patienten eingehängt. Vom Fahrzeug geht dann direkt vom Auspuff aus ein Schlauch in die Luftröhre des Patienten, und der erhält dann somit vom Pick-Up eine Druckbetankung als Atemversorgungsdienstleistung. Freilich wird die Abluft vom Auspuff auch mit ausreichend Sauerstoff angereichert werden, denn der Amerikaner an sich ist ja kein Unmensch. Und der Patient hat zusätzlich zum Sauerstoff auch noch den Duft von der freien Fahrt für freie Bürger in seinen Lungen. Der Sauerstofftank lässt sich praktischerweise beim  Pick-Up einfach auf dessen Ladefläche verstauen. Für Trump gewissermaßen eine Win-Win-Win-Situation. Denn wenn dabei ein Patient stirbt, war es garantiert GM oder ein Demokrat am Steuer, der alles falsch gemacht hat.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (15): Kurzarbeit

Der erste Tag in Kurzarbeit. Bad geputzt, Wohnung aufgeräumt und sonst nichts getan, außer den Pflanzen beim Wachsen und der Baustelle beim Bauen zugeschaut und die neusten Zahlen durchgehechelt. Morgens fiel noch Schnee, jetzt scheint die Sonne. Ansonsten nichts Neues.

Außer vielleicht bei Netflix. Die Serie zur Corona-Ausgangssperre. Man packe neun Kandidaten in neun Apartments und verbinde diese mit einem Chat-Kommunikationssystem, in welchem der Text per Stimme diktiert wird. Viele kennen das: “Alexa, mach mal Licht”, “Alexa, packe Notizbuch auf meine Einkaufsliste”, “Alexa, wie spät war es vor 10 Minuten?” So ähnlich funktioniert das System auch in der Serie.

Das System nennt sich “Circle” und die geskriptete Serie wurde in Brasilien gedreht. Zwei der neun Kandidaten verkörpern Fake-Personalitäten und jeder muss den anderen anhand des Diktierten abschätzen.Direkten Kontakt gibt es nicht und verlassen werden darf das Apartment nur, wenn die Spielleiter es aus triftigen Gründen erlauben oder fordern. Also, wie hier bei uns Ausgangsbeschränkung und Kontaktsperre. Die perfekte Corona-Serie.

Unterhaltsam ist die Serie, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Nur mit dem Unterschied, hier kann die Farbe in den neun Apartments auch noch sprechen, wenn auch kaum wirklich sinnvolles, und dann auch noch Caipirinha trinken.

Nach zwei Folgen war bei mir Ende Gelände und der Fernseher ging wieder auf Standby.

Auf der Baustelle wird gemauert. Sie rühren nicht nur Beton an, nein, sie ziehen das perfekte Verteidigungsbollwerk hoch: exakt ausgerichtet, lotrecht und schnurgerade. Und immer wieder mal ein Rüttler, der Erde verfestigt und hier alles zum Erzittern bringt. Sollte niemand meinen, mein Körper würde keine Bewegung erfahren.

Morgen geht es wieder zur Arbeit. Ich darf wieder raus. Hoffentlich rütteln die da unten alles zu Ende.

Und jetzt ein wenig Musik von Torfrock (https://www.youtube.com/watch?v=dlcn0WlFSG0)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (14): Lebbe geht weider.

Lebbe geht weider.

Das Zitat ist von Dragoslav Stepanović, ehemaliger Bundesligatrainer von Eintracht Frankfurt, nachdem die Meisterschaft gegen Hansa Rostock verspielt wurde.

Lebbe geht weider.

Nie mehr Mutter Beimer beim Spiegeleier-Braten als Übersprungshandlung beobachten, nie mehr Lindenstraße. Na und? In der letzten Szene wurde klar, die Straße liegt in Schwabing. Computerrechenpower machte es möglich. Schöne, alte Fernsehrealität

Lebbe geht weider.

Ich höre im Umfeld inzwischen die ersten Klagen, dass Corona das wesentlich Wichtige des Lebens überdeckt: Genderismus, Klima-Debatte, Ausländer und Kriminalität, deutsche Kultur, Religion, Lügenpresse waren einige Themen. Klar, ich kann Themen blocken, die mir nicht gefallen, und wenn nicht, werden sie an mich heran getragen. Jeder darf sich bei mir blamieren, wie er möchte. Es gibt kein Anrecht von mir darauf, dass sie es nicht dürfen. Nur wird mir vorgeworfen, unmündig zu sein oder Mainstream zu folgen oder nichts zu tun oder das Falsche zu glauben. Interessanterweise sind auch Expats darunter, die erst dann wieder zurück kehren wollen, wenn das bereinigt wurde, was jene als Missstände empfinden. Und ich soll deren Vorkämpfer sein, damit sie zurück kehren können. Ich bin aber kein Held. Helden sterben immer als erste und ich will nicht Märtyrer für irgendwelche geistig Benachteiligten außerhalb Deutschlands werden. Auch nicht für mich, der innerhalb lebt. Davon habe ich nichts. Ich tauge nicht zum Helden.

Lebbe geht weider.

Meine Mutter rief mich an. Meine Mutter ist weit über 80 Jahre (86 Jahre) und lebt über 600 km im Norden. Ich habe keine Chance, sie zu Ostern besuchen. Ihr geht es soweit so gut. Bis auf die fehlenden Gottesdienste. Die fehlen ihr. Und dass der Papst inzwischen mehr im Internet als im Fernsehen zu sehen sei. Sie weiß gar nicht, was das sei, das “Internet” und sie wolle es auch gar nicht mehr lernen, aber den Papst, den würde sie gerne häufiger sehen, weil er ihr Kraft gäbe. Im Altersheim gegenüber dürfe sie nicht mehr.

Zuvor war sie schon nicht mehr gern gesehen. Weil die neue Abteilungsleiterin ihr vorwarf, sie käme Sonntags nur, um ein Mittagessen abzustauben. Sie war vormals immer Sonntags da und hat den gleichaltrigen Menschen geholfen, ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Das hat die Pflegekräfte entlastet und sie erhielt dafür lobende Worte. Sie traf dort in einem Bett ihre ehemalige Nachbarin vom Lande wieder. Jene hatte sie zu Lebzeiten geschmäht und schlecht gemacht. Meiner Mutter war das jetzt egal, denn die Nachbarin ist inzwischen dement und erkannte meine Mutter nicht mehr. Sie erinnert sich auch im Gegensatz zu meiner Mutter auch nicht mehr an damals. Beide sind im gleichen Alter. Die eine ist nicht nachtragend, weil sie es nicht mehr kann. Die andere ist nicht nachtragend, weil sie das Gefühl für sich als für überflüssig erkannt hat. Und da die Familie (die drei Töchter und Ehemann) jener Frau sie mittags nicht mehr besuchen, so fütterte die einstige Feindin ihre damalige Integrantin. Und beide fühlten sich wohl. Meine Mutter hatte längst Frieden mit ihr geschlossen und sah die damalige Situation als komplett sinnlos an. “Und was hat sie jetzt von ihrem Triumph? Alle hat sie gegen mich mobilisiert und unsere Familie als Sündenböcke dargestellt, damit deren Familie die staatlichen Fördergelder erhalten konnte. Und was hat sie jetzt davon? Ihre Kinder kommen nur einmal im Monat. Und ich jeden Sonntag, um ihr das Mittagessen zu reichen.”

Für ihren Dienst erhielt sie immer ein freies Mittagessen und niemand hatte es ihr geneidet oder missgönnt. Eher ganz im Gegentum. Mit der neuen Abteilungsleiterin wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Jene stellte meine Mutter zu Rede und warf ihr vor, für deren Fütter-Dienste vorsätzlich ein freies Mittagessen abzustauben. Meine Mutter solle ab sofort dafür zahlen. Schließlich müsse das Altersheim auf die Kosten achten und habe zu sparen und nichts zu verschenken. Meine Mutter bedankte sich für das Einspar-Angebot und entzog dem Altersheim ihren freiwilligen Dienst. Unter Bedauern, wie sie mir sagte, denn sie hatte gesehen, wie die Pflegekräfte mit den alten Menschen beim Füttern umgehen. Pro Fütter-Dienst hatten sie nur eine bestimmte Zeitspanne zur Verfügung und daher erinnerte meine Mutter deren Fütter-Dienst-Aktionen eher an eine Art Zwangsernährung, welche effizient zu sein habe, und somit die zu-fütternden Person lediglich als Störfaktor für die maximal zugestandenen Fütter-Zeit sehen musste. Patienten, die nicht schnell genug schluckten, waren immer diejenigen, die alle Zeitpläne der Pflegekräfte störten. Und Zeit war Geld. Und das galt es zu sparen. Und es könnte nicht sein, so die neue Abteilungsleiterin, dass altersheimfremde Personen versuchen würden auf Kosten andere sich Leistungen zu erschleichen.

Inzwischen dürfte meine Mutter eh nicht mehr dort mithelfen. Die neuen Infektionsschutzgesetze erlauben es ihr nicht mehr. Sie hat mit mir inzwischen eines gemeinsam: 35 qm Deutschland aufgrund der Ausgangsbeschränkung. Mein Bruder stellt ihr die Lebensmittelpakete vor deren Tür ab, weil auch er nicht will, dass er derjenige sein könnte, der durch eine Viruserkrankung ihren Tod herbeiführen würde. Eigentlich wollte ich sie zu Ostern besuchen. Daraus wird nichts mehr werden.

Italien und Spanien haben gerade deswegen so viele Tote, weil durch die Finanzkrise Deutschland darauf gedrängt hat, dass beide Länder gerade im Gesundheitsbereich Einsparungen zu treffen hatten, um deren internationale Schuldendienste zurück zu fahren. Ich denke gerade an Griechenland

Lebbe geht weider.

In der Firma hörte ich einen Mann, welcher vorgestern (am Freitag) erklärte, er würde an diesem Wochenende zu dessen Zweitwohnung ins Allgäu fahren. Er bräuchte das jetzt. Verständlich. Er wohnt in einen der teuersten Gegenden Münchens. Da kann man ihm nicht zumuten, zu Hause zu bleiben, wo um ihn herum alle Corona-positiv seien. Ihm als Besserverdienender so etwas zuzumuten, wäre doch nicht sachlich. Klar. Wea ko, dea ko. Und wieder fiel der rechte Anteil des gespaltenen Haares in die Populärdeutung von Ausgangsbeschränkung: die anderen müssen sie endlich mal befolgen, weil man selber ja gesund wäre. Und auch die Familie als Kernzelle Deutschlands solle endlich wieder an jene Bedeutung gelangen, die sie bekommen müsse. Und mit seiner Familie würde er ins Allgäu fahren. Die Großeltern würden sie bereits für dieses Wochenende erwarten. Nebenbei war er auch in Tirol Ski-Fahren. Zu der Zeit, wo der Virus noch hemmungslos sich im After-Ski-Bereich ausbreiten konnte. Aber er und seine Familie hätte den Virus ja sicherlich nicht eingefangen, ansonsten wäre ja mindestens einer mit leichten Symptomen erkrankt gewesen. Ein Einwand wurde von einem Umstehenden schüchtern geäußert, dass das nach dem Infektionsschutzgesetz kein triftiger Grund wäre, aber mit der Macht des Vorgesetzten weggewischt: nach vierzehn Tagen wäre der Virus garantiert ausgebrochen und in seiner Familie sei seitdem keiner erkrankt gewesen. Basta.

Lebbe geht weider.

Morgen beginnt meine erste 3-Tage-Woche. Kurzarbeit bedeutet jetzt mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen. 35 qm Deutschland. Und vom Fenster aus den Bautätigkeiten als Abwechselung zuschauen zu können. Die fangen mit deren “Krach” immer um Viertel vor Sieben (für diejenigen, die das nicht verstehen: dreiviertel Sieben) an. Ich trinke gerade an einer Flasche Wein. Normalerweise mache ich das Sonntags nicht, weil ich Montags raus muss. Es lässt ein wenig vergessen, wie beschissen es doch ist, zu Hause auf wenig Quadratmeter festgenagelt zu sein, ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen zu dürfen. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Ob ich zum Alkoholiker werde, werde ich nach dem Ende der Kurzarbeit und Ausgangsbeschränkung wohl dann erfahren haben. Es ist aber dann zum Wohle aller. Meins war eh niemand wirklich wichtig.

Lebbe geht weider.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (13): Eins fünfzig

Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie geht es mir mit der Ausgangsbeschränkung? Ändert sie mich? Ändere ich mich?

Solange ich zur Arbeit gehen kann, geht es für mich. Diese tägliche Routine, die ich nicht reflektieren mag, erleichtert es, nicht ins Grübeln verfallen zu müssen. Ich stehe auf, dusche, richte meine ActionCam auf die Baustelle vor meinem Fenster, um eine 10-Stündige Zeitrafferaufnahme zu erstellen, trinke zwei Espresso, mache mir eine Portion Flüssignahrung, packe eine weitere ein und mache mich auf den Weg. Auf dem Weg hole bei Nachfrage der Streifenpolizei meinen Passierschein raus und beantworte deren Fragen. Stemple ein, arbeite, stemple aus. Nach der Arbeit geht es zurück in die Wohnung, wo ich verbleibe und aus dem Fenster auf die Hinterhof-Baustelle starre, dabei das Zeitraffervideo auswerte, im Internet surfe und auch mal in einem Computerspiel dem Recht durch Verprügeln von Bösewichten zu seinem Recht verhelfe. Hin und wieder gehe ich gezielt einkaufen. „Gezielt“ heißt, ich spaziere nicht mehr ziellos durch die Lebensmittelgeschäfte und kaufe rein nach gusto ein, sondern ich suche nur bestimmte Dinge des Lebens in den Regalen. Und versuche dabei nicht anderen in deren Eins fünfzig-Sicherheitszone einzudringen. Dass Abstand jetzt sein muss, das sehe ich ein. Dass jeder Mensch jetzt erst recht ein potentieller Krankmacher oder gar Totmacher ist, das schwebt über jedem jetzt als unausweichliches Damokles-Schwert, bewusster als zuvor.

Gestern war ich bei meinem Wein-Händler, um meine Vorräte aufzustocken. Er lässt nur noch zwei Kunden gleichzeitig in seinem großen Geschäft. Nach meinem Einkauf stellte ich fest, dass ich beim Bezahlen versucht hatte, den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, um festzustellen, was ihn so umtreibt, wie er mit der Situation umgeht. Das ist nicht meine Art, wenn ich einkaufen gehe. Den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, das war jetzt wohl nicht im Sinne der wartenden Kunden draußen vor der Tür. Jeder will noch rein, bevor er regulär abschließt. Aber das fiel mir erst später ein, als ich in einem andren Supermarkt in der Eins fünfzig-Abstand-Warteschlange an der Kasse stand.

Eins fünfzig. Der neue normative Begriff, der Fakten schafft. Eins fünfzig. Anderthalb. Zwei halbe Anderthalbe machen kein ganzes, sondern wieder nur ein Anderthalbes. Eins fünfzig. Die verordnete Kurzarbeit wird mich die Ausgangsbeschränkung intensiver verspüren lassen. In meiner Wohnung gilt keine Eins-Fünfzig-Regelung einzuhalten. Nur schleicht sich die verordnete Kontaktsperre dann intensiver in meine Welt. Einfach mal rausgehen und von einem Café aus die Welt zu beobachten (wie vor zehn Jahren), funktioniert nicht mehr. Kein Café, kein Rausgehen. Wie heißt es doch so schön? Keine Arme, keine Kekse. Die Welt spielt sich mir dann verstärkt nur noch auf der Baustelle vor meinem Fenster und auf dem Monitor als Ausguck ins Internet ab. Living in a bubble.

Wie hieß es noch in dem Lied „Living in a bubble“ von Eiffel65 aus dem Jahre 1999?

Die Blasen sind keine Realität, aber sie sind in deinem Kopf. Sie lassen vergessen, woher du kommst und was dahinter steckt. Die Blase erschafft nicht dich, sondern du erschaffst die Blase. Und das vergegenwärtigst du besser in deiner Vorstellung. Wir leben in einer Blase. Aber das ist nicht der Ort, wo wir sein sollten. Weil es ein Ort der Lügen und eine Welle oberflächlicher Begeisterung ist. Vertraue der Blase nicht, denn sie ist nichts als ein Traum, und wenn sie platzt, bist du allein.

Die Busse sind leer. Die U-Bahnen bietet ausreichend Platz für jeden Passagier. Zumindest orientieren sich die Öffentlichen-Nahverkehr-Versorger nicht an der momentanen Nachfrage, welche zum Einschränken des Angebots führen könnte. Noch nicht. Die Zeitungskästen werden weiterhin regelmäßig von Lesern geleert und vom Zeitungsverteiler aufgefüllt. Des Tags die Straßen zu queren ist problemlos möglich. Es kommen nur selten Autos, denen das eigene Verhalten beim Überqueren angepasst werden muss.

Ich sitze am Fenster und schaue auf die Baustelle. Die Arbeiter sind bereits nach Hause. Die Baustelle liegt leblos brach. Eine Taube landet auf einen Sandhaufen, sucht nur kurz nach Essbaren und fliegt weiter. Die trockene Kälte der letzten Tage hat von dem Beton und dem Aushub den Staub abgetrocknet, welcher der Wind jetzt aufwirbelt. Der Kran dreht sich langsam in den Wind, seine Kabine leuchtet kurz in den Strahlen der nicht sichtbaren Sonne auf. Sie wirft noch die Schatten an den anderen Häuserfronten, um ihren Untergang anzuzeigen. Von meinem Fenster aus sehe ich nur noch sehr selten die Kondensstreifen der Flugzeuge, die München überfliegen. Warum – um Himmelswillen – spielt meine Anlage gerade in diesem Moment aus meiner Playlist „La vie en rose“?

Voilà le portrait sans retouche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (12): Blasen

Es schwebte bereits über den Köpfen aller. Der Himmel hatte sich durch Wolken bereits zugezogen, die Sonne war nicht mehr zu sehen. Jetzt sind die Wolken dichter geworden. Erheblich dichter, dunkler und schwerer. Und aus ihnen fällt der enge Begriff „Kurzarbeit“. Anfangs hieß es noch, Kurzarbeit käme, wenn die Schulschließungen beendet wären, also ab dem 20. April, dann erst in der Karwoche, doch nun ist es angekommen, das Schreckgespenst aller Geldbörsen und Lohnzettel. Kurzarbeit. Weniger Netto vom eingekürzten Brutto aufgrund reduzierten Arbeitsumfang. Es waren weniger Aufträge eingetroffen, weil alle OEMs ihre Rollladen in deren Werken runtergelassen hatten. Und nicht wegen einem nachgewiesenen CoVid-29-positiv Fall. Jetzt kommen die Auswirkungen von der anderen Seite der Pandemie. Statt 5-Tage-Woche habe ich jetzt die 3-Tage-Woche inklusive Ausgangsbeschränkung.

War 2008/2009 noch erkennbar, woher jener Tsunami kam, welche die Wirtschaft unter sich begrub (durch die in den USA durch Gier verursachte Bankenkrise), so ist es nicht absehbar, wie viele Tsunamis heuer einschlagen werden. Geschlossene Produktionen bedingen schließende Zulieferbetriebe. Weniger Arbeit, bedeutet weniger Geld, bedeutet weniger verkaufte Neufahrzeuge, bedingt weniger erforderliche Produktion, bedingt weniger Abrufe bei der Zuliefererindustrie. Im Sektor der Automobilindustrie hatten in der Zeiten der Bankenkrise die Regierungen Abwrackprämien für Altfahrzeuge und Neuanschaffungen heraus gegeben, um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen.
Und nun? Die Welt besteht nicht nur aus meiner Firma, nicht nur aus Automobilindustrie. Was mit der Reisebranche? Was mit Hotels, Gaststätten und nicht „systemischen“ Geschäften? Was ist mit dem Dienstleistungssektor? Momentan platzt nicht nur eine Blase, sondern verschiedene Blasen plöppen hörbar auf.

Blasen, die weiterhin funktionieren und nicht platzen, sind die Social-Media-Blasen Dort tummelt sich jeder irgendwie, der dort sich einloggt. Ein Bekannter (Freund?) sitzt in seinem Wohnwagentruck südwestlich innerhalb Barcelonas fest. Er hält die Corona-Sache für einen ausgemachten Wahnsinn mit dem Zweck, Bürger nur noch mehr zu überwachen und in ihren Freiheiten von nun ab entscheidend einzuschränken. Er forderte mich anfangs zu einem Meinungsaustausch auf, bis ich erkannte, dass er unbewusst wohl darunter verstand, dass ich mit meiner Meinung kommen sollte, um dann mit der Meinung aus seiner Blase zu gehen. Jeder lebt in einer Seifenblase und jeder mag keine Gefahr von außen, die diese Blase zum Platzen bringen könnte. Das Wort „jeder“ beinhaltet freilich auch mich. Und ja, ich habe auch meine Vorstellung von dem, was jeder „Realität“ nennt oder auch einfach nur „fake“, wenn es nicht gefällt. Ein Satz hängt mir noch immer nach, als er auf meine Frage, ob er auch positives in Barcelona in der letzten Zeit erlebt habe, zur Antwort gab, falls ich Bespaßung wolle, sollte ich den Fernseher einschalten.

Gestern Abend hatte ich zum ersten Mal seit langem den Fernseher nicht eingeschaltet. Zu groß ist der Kontrast aus pessimistischen Corona-Nachrichten und einer ’normalen‘ vorgespielten Welt der Fernsehserien und Fernsehfilme. Es interessiert mich nicht, ob die Midlife-Crisis Julia im Spagat zwischen Haushalt, Familie, Kita und Job den bieder-braven Bernd nicht mag und sie dann den supersexy Stefan kennenlernt, mit ihm dessen Reichtum auf Malle ihre hedonistische Seite auslebt, und dann doch unter Tränen feststellt, dass zwar der blöde Bernd nicht sexy, aber ein Brandungsfels sei, und erst dann zu ihm zurück kehrt, nachdem er verspricht, den Haushalt zu schmeißen und die Kita-Zuständigkeit unter ihrer Kontrolle zu übernehmen. Währenddessen sich der superenttäuschte Stefan Julias alleinstehende jüngere Freundin Felicia angelt, bei der jetzt Julia feststellt, was sie schon ihr Leben lang vermutete: “Die ist doch eine geldgeile Schlampe!” Worauf dann mindestens zwei Kinder mit einer Torte durch eine geöffnete Türe auf Julia zustürmen und „Mami, wir haben dich so lieb“ rufen. Dann schneidet der Regisseur auf das Gesicht des lieblichen Hausdackels um, fängt dessen Augen im Close-up ein und der Zuschauer sieht diese irgendwie vor Feuchtigkeit auch noch schimmern, bevor dann der Abspann mit Geigenmusik kommt. Ich kann mir sowas nicht anschauen, ich brauche meine Papiertaschentücher für meinen Schnupfen, nicht für Tränen wegen einer Fernsehwelt. Das interessiert mich momentan jetzt nicht mehr.

Der stetig kontrollierende Blick aufs Smartphone zu den neusten Corona-relevanten Zahlen reichte mir gestern aus. Eine ganz andere Zahl fand ich an jenem Abend bedeutsamer: 13,5%. Sie stand auf dem Rücketikett meiner Weinflasche. Wenn Zahlen zur alles bestimmenden Norm werden, zur normativen Kraft des Faktischen, dann wird alles gut? Oder schlechter? Oder ist es wie bei dem Hahn? Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt so, wie es ist.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (11): Scripted reality

Ich versuche mich jetzt mal an einem originellen Toilettenpapier-Witz: Begegnen sich zwei Toilettenpapierrollen … nein, ich kriege einfach keinen auf der Kette. Da bin ich inzwischen witzbefreit. Wenn arbeitsbefreite Fußballer mit deren Toilettenpapierrollen aus Langeweile Kunststückchen vor dem Smartphone vollführen, wofür deren Trainer diese während eines Fußballspiels mit echten Bällen auf Rasenhöhe zusammen falten würde …

Aber dafür jetzt ein Corona-Witz: Ein Italiener, ein Spanier und ein Deutscher treffen sich am Heinsberger Dom in einer Kneipe … MÖÖÖÖÖÖÖP … leider verloren. Macht 200 Euro Schulden beim Staat pro Beteiligten und 4.000 Euro für den Kneipenwirt … kein Witz in NRW. Und blogweit eine ordentliche Portion Social Distancing für mich, dem Blog-Autor.

Und jetzt zum Begriff “Quarantäne”. Das Wort hört sich bösartig an. Aber “Quarantäne-WG”, das hört sich wirklich nett heimelig an. Hört sich voll super privat an. Deshalb wird es auf dem Privatsender “RTL” weggesendet. Klingt genau danach, was hier in München bereits die Polizei in Privatwohnungen auflöst, wenn sie informiert wird, weil irgendwo eine Party mit ein bis mehreren Wohnungsfremden stattfindet. Es hat zur Abmahnung durch die Polizei gereicht, weil in einer Wohnung die Bewohnerin eine andere Frau eingeladen hatte und es den Nachbarn zu laut war. Die Nachbarn hatten auf Verstoß gegen das Kontaktverbot bei der Polizei reklamiert.

“Quarantäne-WG”. Irgendwie zwischen sozial solidarisch über komplett unsolidarisch asozial hin zu “ich darf das doch”. In dieser Hinsicht ist die “Quarantäne-WG” die konsequente Fortführung von scripted reality mit anderen Mitteln zur Prime Time.

Ich trinke jeden Abend einen Grappa. Und zwar grenzwertig. Da ich schizzo bin und vor mir beim Trinken immer einen Spiegel aufstelle, bin ich definitiv grenzwertig unterwegs. Besonders deswegen, weil ich dabei Spaß habe und das feiere. Zu viert, das geht gemäß Kontaktverbot gar nicht. Habe das 1:1-Abfilmen beim Prosten SAT1 mit einer spottbilligen Offerte als Konkurrenz zur “Quarantäne-WG” vorgestern angeboten. Noch warte ich auf eine Antwort. Ich habe denen den Begriff “Grappa aus Italien” fett und “aus Italien” extra fett gelb unterstrichen. Damit die TV-Macher von SAT1 gleich wissen, wie diese Hochbrisanz auch werbetechnisch vernudelt werden könnte. Werbung als Toilettenpapier zum Abwischen von genudelten Gerichten. Hach, mein Toilettenwitz. Hat da wer gelacht? Setzen, sechs!

Hat wahrscheinlich keiner bemerkt, dass die letzte Bemerkung Schwachsinn war. Gerade eben weil alle Schulen geschlossen haben. Okay, allein die Schule der Nation ist noch nicht geschlossen worden. Aber dann hätte es auch nicht “Setzen, sechs!” geheißen, sondern “Schütze Arsch! Ab nach Afghanistan! Marsch, marsch! Zum Kanonenfüttern!”

Mein Betreuer aus meiner Gruppe der “anonymen Alkoholiker” hat mir wegen meiner Offerte an Sat1 einen Anruf auf meinen Anrufbeantworterband hinterlassen. Keine Ahnung, woher er die Info gesteckt bekam. Aber er will wohl beteiligt werden. Ich werde den Rückruf einstweilen bis zum Vertragsabschluss mit SAT1 verweigern.

Ein Arbeitskollege hat mich gefragt, wie es mir denn so geht, mit den aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen. Ich habe scherzend geantwortet, als Single ist man Einsamkeit gewohnt. Er hat mich angeschaut wie ein Schizophrener. Erzählt hatte ich nicht, dass mir das Bier und die Kontakte in meinem Stammlokal fehlen. Sich mehr als mit einem anderen außerhalb der eigenen vier Wänden zu treffen, geht nicht. Mit nur einem Menschen außerhalb den eigenen vier Wänden zu treffen, fällt in München noch nicht unter das Kontaktverbot. In den vier Wänden allerdings schon, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt, geht es nicht. Siehe oben. Aber wer trifft sich schon gerne mit Steppenwölfen?

Home-Office gibt es schon in meiner Firma. Aber es ist schon eigenartig, dass die Vorgesetzten deren Untergebenen über deren Skype-Status und Erreichbarkeit dauernd versuchen zu kontrollieren. Nur wenn einer Untergebenen die Vorgesetzten per Skype anzurufen versucht, nachdem diese eine Sekunde zuvor deren Nachricht gelesen haben, sind diese nicht erreichbar. Bemerkenswert ist, dass die Kundenbereichsleiter von deren Mitarbeiter bei deren Homeoffice nicht direkt zu erreichen sind. Ob der Kunde sie erreichen kann?

Ein Key Accounter ist mit seiner Frau und seinen Kinder zu dessen Großeltern aufs Land gereist, weil es dort sicherer sein soll, nicht mit dem Virus infiziert worden zu sein. Den Status und den seiner Familie kennt er freilich nicht. Ach ja, der Großelternbesuch fand nicht vor dem berühmt berüchtigten Freitag, den 13ten (als Söder die Ausgangsbeschränkungen für Bayern ab dem 14. März verkündete), sondern erst seit vorgestern. Er war übrigens zuvor noch im Skiurlaub in Tirol und verweigerte danach eine vorbeugende Quarantäne, weil es zu dem Zeitpunkt kein offiziell als Risikogebiet deklariertes Gebiet gewesen war. Den Großeltern könnte es im Nachhinein nicht gefreuen. Aus deren Sicht kriegen sie Kinderüberraschungseier. Ob sie den Hauptgewinn erhalten, wissen sie erst später. Zudem unterhält sich Monsieur Key Accounter mit seine Mitarbeitern disziplinarisch immer auf einer Kurzdistanz (weniger als 1 Meter), wenn er diese mit anderen zum Mittagessen gehen sah. Um Druck zu erzeugen. Denn seiner Meinung nach sei es absolut gesellschaftlich unverantwortlich, wenn drei jüngere Mitarbeiter (U40) zusammen Essen gehen und den Mindestabstand von einsfünfzig nicht einhalten. Er habe schließlich keine Corona-Symptome und will nicht, dass er nachher den Corona-Virus an seine Großeltern (Ü60) übertrage.

In den Fernsehen werden die namenlosen Helden der Arbeit in Zeiten von Corona zelebriert. Unpersonalisierte Wertschätzung. Ich möchte allerdings nicht zu den Helden gehören. Die Geschichte hat bewiesen, dass Helden immer zuerst sterben. Sonst werden sie nie zu Helden, sondern zu Weicheiern. Ich möchte lieber Weichei sein und leben, statt Held und zu sterben. Versteht mich da draußen jemand? Also. Versucht mich nie zum Helden zu machen. Lieber warmer Duscher als kalter Toter.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (10): Glaskugelschauen

Glaskugelschauen: Welche Themen wohl ab Herbst dieses Jahres eine politische Rolle spielen könnten?

  • Erbschaftsteuer: Tausende von Erben protestieren weiterhin seit Wochen, dass von deren Erbe nicht so viel übrig blieb, wie erhofft, und fordern rückwirkende Erbschaftssteuersenkungen vom 1. März 2020 an. Rechtsanwaltskammer veröffentlicht Statistik, dass Erbrecht momentan die Beschäftigungslage der Anwälte sichert. Rechtsschutzversicherungen erhöhen Dividenden.
  • Rentenversicherung: Einstweilen kein Bedarf zum Handeln für eine Grundsicherung mehr ermittelbar. Vorläufige Berechnungen zeigen, Rentner sind einstweilen wieder aus der Rentenkasse bezahlbar. Rentensteuererleichterungen wurden gestrichen. Der Überschuss aus den Streichungen der Erleichterung soll in die Rentenkasse wandern.
  • Gesundheitssystem: Das öffentliche System war zu ineffizient, zu ineffektiv. Versicherungsbranche präsentiert neue Privatversicherungs- und Privatbetreuungskonzepte, um Lohnnebenkosten entscheidend zu senken und Arbeitnehmer zu mehr Eigenverantwortung anzuregen, sich selbst zu versichern.
  • Social Distancing: Nähe ist jetzt das neue “Social Distancing”. Integration durch neues Social-Credit-System, welches sich am chinesischen System orientiert, zeigt erste Erfolge. Rechte Politiker drohen allerdings: “Wer sich nicht dran halten will, wird ausgegrenzt” und kritisieren in allen sozialen Medien verstärkt, die mangelnde Akzeptanz bestimmter Bevölkerungsgruppen des neuen Sozialsystems.
  • Nicht-Geburtenrate: Kliniken melden jetzt wöchentlich die neuste Zahlen zu den seit einem halben Jahr gehäuft auftretenden Abtreibungszahlen. Grund für Abtreibungen seien weiterhin mehrheitlich wirtschaftliche Überlegungen durch von Der Corona-Krise betroffene Frauen und Familien. Kirche organisiert Demonstrationen vor öffentlichen Abtreibungskliniken. Demonstrationsauflage: Mundschutz und jeweils 1 Meter 50 Abstand zueinander. Presse berichtet von riesigen Demonstrationen mit etwas mehr als 50 Teilnehmern pro Demo.
  • Neue Korrekturen: Berechnungskorrekturen bei der Arbeitslosenstatistik wurden erfolgreich eingeführt. Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit sieben Monaten. Arbeitsministerium verleiht sich dafür einen Verdienst-Orden.
  • Jägermeister: verliert Status eines Desinfektionsmittels. Jägermeister-Flat-Rate-Saufen auf Rezept wurde abgeschafft. Abgabe an Personen unter 18 Jahren ist wegen potentieller CoVid-19-Erkrankung trotzdem aber nur aufgrund medizinischer Indikation erlaubt. Angekündigte Proteste der anonymen Alkoholiker dagegen wurden abgesagt, da sich die Öffentlichkeit zu sehr für sie interessierte.
  • CoVid-19-Fallzahlen: wurden korrigiert. Erneut private Seniorenresidenz mit mehreren Toten in deren Betten gefunden. Angehörige zeigten sich schockiert, dass sie nicht vom Betreiber über das Ableben deren nächsten Angehörigen zeitnah informiert wurden.
  • Zentralafrika: kämpf weiterhin gegen erhöhte CoVid-19-Erkrankungen. Staaten appellieren an zentral-afrikanische Staatslenker, mehr in deren Gesundheitssystem zu investieren, statt nur in die eigene Tasche zu wirtschaften, damit deren Bevölkerung bessere Chancen erhält, zu überleben statt zu fliehen. Die EU bezuschusst aus dem EU-Topf zur Wirtschaftsförderung Sendungen von Gesichtsmasken an ausgewählte, bedürftige zentral-afrikanische Länder.
  • Fußball-Bundesliga-Meldung, die erste: Direkte Manndeckung wurde vom DFL wieder erlaubt. Löw glaubt an die Rückkehr zur normalen Spielweise mit normalen Mannschaftsformationen statt dem seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs favorisierten 1-9-1-System wegen der neuen FIFA/UEFA-1-Meter-50-Abstandsregel.
  • Fußball-Bundesliga-Meldung, die zweite: DFL sperrt erneut Fans wegen “Ex, hopp un weg”-Fangesänge aus. Wolfgang Niedecken verweist zum wiederholten Male darauf, dass er jenes Lied damals nicht wegen Dietmar Hopp geschrieben hätte. Und er distanziere sich jedes Mal davon, wenn ein Fan im Stadion sein Lied anstimme.
  • Das Wetter: Wie gehabt. Passiert täglich. Die Vorhersage auch. Klima zeigt sich von der Corona-Krise weiterhin unbeeindruckt. Man berät weiter. Toitoitoi.
  • Ansonsten: Erste Bewohner ziehen in die neuen Luxusappartments der ehemaligen Baustelle vor meinem Fenster gegenüber ein. Mein Widerspruch wegen der Mieterhöhung wurde abgelehnt.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (9): Reizworte

Eine gute Nachricht: die Türsteher vor den Diskotheken haben eine neue Beschäftigung gefunden, nachdem die Clubs nicht mehr geöffnet sein dürfen. Diese Wächter der heiligen Pforten der Zerstreuung dienen jetzt als Türsteher vor den Supermärkten und regeln dort den Einlass. Allerdings dürften einige viele von denen jetzt ein wenig unterfordert sein, denn deren mühsam auswendig gelernten Sätze “das ist hier eine geschlossene Gesellschaft” oder “mit den Schuhen kommst du nicht rein” können sie nicht dabei anwenden.

In der Firma wird immer wieder über das Anrecht auf Homeoffice diskutiert. Ich hoffe, kein Homeoffice verordnet zu bekommen. Es würde mir die Chance auf menschlichen Kontakt nehmen. Zudem wäre meine Einzimmerwohnung der denkbar ungünstigste Ort zu arbeiten, weil ich dort an jeder Ecke Ablenkung hätte und mich nicht konzentrieren könnte. Aber wenn es angeordnet würde, könnte ich mich der Anordnung nicht widersetzen.

Der Kollege, der schnupft, schnieft und sich sein “Virulent” reintropft, sitzt in der Pandemieschleife fest. Er wollte seine Hausarzt telefonisch anrufen, um eine Krankschreibung für eine Woche zu erhalten. Der hat aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Also rief er dessen Vertretung an. Die hatte aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Daher rief er die inzwischen allesamt bekannte Nummer “11 6 11 7” an. Dort fragte er nach, ob er sich nicht auf CoVid-19 testen lassen könne. Die fragten ihn allerdings nur, ob er zu einem bereits infizierten Menschen Kontakt gehabt hätte. Er wüsste es nicht, war seine Antwort, da viele CoVid-19-Positive sich von den CoVid-19-Negativen nicht unterscheiden. Einen Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hätte er nicht. Die Frau am Telefon beschied freundlich und geduldig, dann würde er nicht getestet werden und wegen der Erkältung solle er bitte den Hausarzt konsultieren, denn sie könne nur wegen CoVid-19-positiv eine Krankschreibung ausstellen lassen. Und so schleppt sich der Kollege mit der Erkältung wieder in die Arbeit, wo ihn der Arbeitgeber auffordert doch zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich krank zu schreiben. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Oder unseren Kollegen als einen Deppen, weil er auf die Frage nach Kontakt zu einem CoVid-19-Positiven nicht einfach JA geantwortet hatte. Aber er wollte auch gar nicht mit JA antworten, weil dann hätte er ja Quarantäne und dürfte aus seinem Haus nicht mehr raus. Und seine Ausgangsbeschränkungsrechte wolle er sich nun doch nicht nehmen lassen. Sagte es, nieste in seine Armbeuge und träufelte sich eine dicke Portion “Virulent” rein. 37% Vol. Alkohol. Ein kleiner Jägermeister hätte es wohl auch getan.

Apropos “raus wollen”: Da vernahm ich doch das fein lustige Gespräch von einer mittvierzigjährigen Frau mit einem jüngeren Mann – beide Hand in Hand – , welche sich zuerst über die uneinsichtige Jugend beklagte, die immer noch zu zwei oder zu dritt auf der Straße gingen, obwohl die dem Augenschein keiner gemeinsamen Kernfamilie angehörten. Man solle die wegen deren Rücksichtslosigkeit bestrafen. Am besten auf die Schrobenhausen’er Felder (westlich von Ingolstadt, also von AUDI-hausen aus gesehen) zum Spargelernten. Denn auf Spargel in diesem Frühjahr wolle sie nicht verzichten, weil eben das ja nicht sein müsse, das Verzichten. Kurz darauf erklärte sie dann noch, dass sie am Wochenende mit ihrer Familie in die Berge fahren wolle. Als ihr Partner anmerkte, dass das einerseits nicht okay sei und andererseits nicht den Ausgangsbeschränkungen entspreche, kam als ultimative, unwiderlegbare Gegenargumentation, dass sie erstens nur mit ihrer Familie rausfahren würde, was man doch wohl noch dürfe, und zweitens es “Ausgangsbeschränkung” und nicht “Ausfahrtsbeschränkung” hieße. Mehr hatte ich vom Gespräch auf der Straße aus meiner zwei Meter Abstandsentfernung nicht mitbekommen, denn ich bog die nächste Straße ab und die beiden gingen gerade aus weiter. Eins war mir klar: aus einer Familie stammten die beiden nicht. Und Spargel-Stechen ist garantiert nicht deren liebste Tätigkeit. Unter keinen Umständen. Dann doch lieber Aufseher beim Spargelstechen.

Es gibt Reizworte, die darf man in diesen Zeiten nicht mehr verwenden. “Reizworte” sind solche Worte, bei denen die Menschen schneller von 0 auf 100 als ein sportiver Formel-1-Rennwagen sind. Beispiele gefälligst? “Flatrate-Saufen”. Einmal kurz erwähnen und schon hast du dir den ersten Tadel als schlechtes Beispiel für die Jugend eingefangen, bevor überhaupt ein Formel-1-Bolide beim Start den ersten Liter Sprit verbrannt hat. “Prostitution”. Zack! Sofort erhältst du konkrete Hinweise darauf, wer alles Hurensöhne (Hopp und du), Schlampen (alle außer Mutti) und Frauenrechtler (jede Frau außer die Prostituierten und deren Sympathisanten) sind.

Inzwischen haben sich diese Reizworte in Zeiten eines Coronavirus erweitert. Einmal erwähnt und du hast tausendfach nur eine Meinung zum Zuhören. Die aktuellen Reizworte: “Corona-Parties”, “Befolgung der Ausgangssperre”, “Versammlungen”, “Drink doch ene met” …  .

Ganz gefährlich ist ein ganz anderes Wort, was man nicht verwenden sollte. Wortart. Und dieses auch noch ein wenig zu schnell gesprochen. Da geht es dann aber ab. Man habe doch nicht alles Tassen im Schrank, eine Plattform für so etwas zu geben. Zensur sei noch zu milde dafür. Kein Wunder, dass die Infektionszahlen exponentiell nach oben gehen, wenn man dort im Internet nachschaue und den Scheiß auch noch glaube. Das seien garantiert Putin-finanzierte Quellen. Gehe gar nicht. Und so weiter und so fort. Ich hatte es nicht verstanden. Ich wollte doch nur sagen, dass es bei wortart.de gute Kabarett-CDs zu kaufen gibt. “HÄ? Was gibt bei dem zu kaufen, bei diesem Volksverhetzer?” “Wie Volksverhetzer? Das ist ein CD-Verlag!” “Du hast Wodarg gesagt!” “Nein, Wortart! Wort-art! Auf deutsch ‘Sprachkunst’!” “Spachkunst? Ach ja? Lern mal Deutsch oder besser deutlich zu sprechen!” “Ich hatte immer nur WORTART gesagt.” “Du willst doch nur provozieren.”

Endlich mal etwas nützliches: Prinz Rupi (Frieling) hat die gültigste Version vom Passierschein A38 veröffentlicht. Für alle Lebenslagen. Umwelttauglich, besonders wenn auf Umweltpapier gedruckt. Regierungsfreundlich, wenn einem Exekutivvertreter mit einem Lächeln übergeben. Und recyclebar, falls es wieder mal eine Pandemie geben sollte. Allerdings fand ich auf Rupis Seite keinen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zu Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplar, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt zum Behuf der Vorlage beim zuständigen Erteilungsamt. Er meinte zu meiner Anfrage nur, ich solle doch im Zimmer 42, Haus 7, 12. Stock, 4. Gang von links, gleich neben der braunen Tür mit der Aufschrift „AFD“ fragen. Aber dort war die einzige Antwort nur “Lügenpresse!” und ein Merkblatt, wie sich wahre Deutsche mit wahren Impfmitteln gegen wahre Pandemien wahrlich impfen lassen können. Da der Zettel jedoch in Sütterlin geschrieben war, habe ich ihn auf einer öffentlichen Toilette neben dem Toilettenpapier abgelegt. Man weiß ja nie – ums Verrecken nie –, ob so etwas wenigstens nicht noch zum Arsch abwischen taugt. Denn merke: in der Not wischt der Teufel sich auch mit Scheißhausfliegen aus.