Kneipengespräch: Dumm gelaufen, Ehrlicher!

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Er brabbelte vor sich hin. Nicht laut, aber störend.

“Hey, kannste mal damit aufhören, hier rumzubrabbeln?”

Er stirrte mich verwundert an. Wahrscheinlich schon im Dilirium Tremens. Ich seufzte und wollte mir gerade das nächste Kölsch bestellen, als er loslegte:

“Alles Clowns, alles Clowns. Alle miteinander. Sie schwätzen dir das Rosarote vom Himmel und wollen es dir als Sonnenaufgang verkaufen.”

“Stattdessen ist es wohl nur dein aufgehender Säufermond, woll”, versuchte ich zu kontern.

“Stell dir vor, heute hat man mir in der Firma erklärt, ich sei zu alt und zu erfahren für eine andere Position. Man würde lieber jemanden Jüngeren die Chance geben. Die wäre noch formbar, auch wenn sie keine Erfahrung hat.”

In meiner Tasche kramte ich nach den Ohrenstöpseln, die ich mir am Nachmittag aus einem Krankenhaus habe mitgehen lassen. WO hatte ich die nochmals hingesteckt? Innentasche der Jacke? Oder Außentasche?

“Dabei hatten die bei der internen Stellenausschreibung extra eine Person gesucht, mit mehrjähriger Erfahrung und anderen Qualifikationen, die ich exakt hatte. Aber nein, jemand erhält den Vorzug, der nichts davon hat.”

Oder doch in meiner Jeanstasche?

“Hatte doch der Boss unserer Firma vor paar Tagen erklärt, ‘Leistung müsse sich wieder lohnen’ als Lebensweisheit würde gerne immer von Blockierern des Fortschritts in den Schmutz gezogen. Wie solle denn eine Wirtschaft funktionieren, die nur aus Unerfahrenen bestehe.”

In meiner Erinnerung versuchte ich zu rekonstruieren, wo ich die Ohrenstöpsel verloren haben könnte. An der U-Bahn-Station?

“Das sind alles unverschämte Parolen, die immer nur für andere gelten. Aber für die eigene Belange gelten andere. Das hatte ich schon nach meinem Studium kennengelernt. Weißte, mir hat man gesagt, ein Auslandspraktikum wäre absolut wertvoll. Ohne würde ich keinen Job erhalten. In meinem ersten Job hatte mir man dann gleich am ersten Tag erklärt, ich solle mir auf mein Auslandspraktikum nichts einbilden. Das hätte nur mein Studium unnötig verlängert.”

Doch ja, die U-Bahn-Station. Hatte ich dort nicht mein Papiertaschentuch mit den Kaugummiresten weggeworfen?

“Und dann erst die Neubesetzungen letztes Jahr. Da haben unser Oberboss nicht etwa nach Leistung eingestellt, sondern danach, wie angepasst diejenigen Personen waren, damit die Phalanx zur den untersten beiden Hierarchiestufen geschlossen bleibt. Nur Radfahrer und solche, die 40% in ihrer Arbeitszeit nur Aufgaben delegieren, bei 10% sich die Lorbeeren abholen und 50% der Zeit mit Machtspielchen verbringen. Und die Überstunden verbringen die mit Planung von Urlaub, Familie und Geldeinkünfte. Das können die sich leisten, weil es sich lohnt.”

Mein Blick wanderte zum Wirt. Ob er eventuell mir helfen könnte? Ich versuchte dabei ein wenig verzweifelt auszusehen, aber ich erhielt keinen Blickkontakt.

“Wie sagte Dieter Hildebrandt so schön? Manche muss man nach oben hin wegkomplimentieren, damit sie unten keinen Schaden anrichten. Das erklärt auch, warum Leute wie Mehdorn in unseren freien Wirtschaft trotz offenkundlicher Unfähigkeit nie nach unten durchgereicht werden. Und was sieht man dann, wenn man von unten nach denen dort oben schaut? Nur Arschlöcher!”

“Hey, nicht solche Ausdrücke hier, ja!”, unterbrach ich ihn scharf. Das musste ich, ihn unterbrechen. Mit solchen niveaulosen Ausdrücken kann man in meiner Umgebung nicht kommen. Da achte ich immer penibel drauf.

“Ach ja? Und die Kinder dieser Leute werden das, was ihre Eltern vorleben. Bei uns an der Ecke neben den Diskounter ist eine französische Schule. Da gehen nur die hin, deren Eltern gut zahlen und entsprechend Geld haben. Aber deren Kinder klauen wie die Raben im Diskounter. Und wenn dann die Angestellten die Eltern der Kinder informieren, kommen die vorbei und beschweren sich, warum denn die Verkäufer wegen solch einer Bagatelle so viel Aufhebens machen. Wegen einer Tafel Schokolade. Das sind die gleichen, die sich beschweren, dass die Polizei verhindert, dass die mit ihren Kindern noch vor Schulende in den Sommerferien fliegen, weil dann die Preise billiger sind! Aber uns erklären die immer: Sei du ja nur ehrlich! Und gesetzesgetreu! Und aufrichtig! Und lieb und nett! Ansonsten schleppen wir dich vor dem Kadi!”

Einem Gedankenblitz folgend, kramte ich meine Geldbörse hervor und schaute hinein. Na also, da waren sie doch. Meine Ohrstöpsel. Nicht solche Dinger, wie man sie in Apotheken kaufen kann, sondern bessere, weil anpassbarer. Ich nahm sie raus und steckte sie mir in meine Gehörgänge.

Ja. So ließ es sich aushalten. Es war mit einem mal ruhiger. Der Alkoholiker neben mir redete zwar, aber ich vernahm nur ein leises Brabbeln.

Ich gab dem Wirt ein Zeichen und er verstand mich wortlos. Kurz darauf stand ein neues Kölsch vor mir. Eine einzigartige meditative Situation. Ein Augenblick der unendlichen Erhöhung. Eine Wertschätzung an mich selbst.

Ich riskierte einen letzten Seitenblick. Der Jammerlappen neben mir tat seine Lebensaufgabe und brabbelte weiter. Typisch, Deutsche, immer am Jammern. Und dann auch noch völlig besoffen, diese Alkoholiker.

Unwillkürlich erschauderte mich dieser Gedanke. Tja, so ist das halt: die haben alle Segnungen und schulbildungstechnischen Vorteile unserer Gesellschaft genutzt, nichts draus gemacht, weil man wohl selber zu doof war, etwas zu werden, was man wohlmöglich sein wollte, aber dann rumjammern. Ja, Jammerlappen sind schon eine besondere Art Arschlöcher.

Aber das war ja in dem Moment nicht mein Thema.

Liebevoll ließ ich meinen Blick über das pissgelbe Getränk vor mir streichen …

2 Gedanken zu „Kneipengespräch: Dumm gelaufen, Ehrlicher!

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