Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (38): Krisensituation ‘Nächstenliebe’

“Guten Tag, Sie sind mit der psychologischen Betreuung für persönliche Krisensituationen während der Corona-Pandemie verbunden. …”

“Hallo, mein Name ist …”

“Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte ‘Drei’.”

“Drei.”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie ‘Drei’.”

“Drei. Ich habe Drei gesagt.”

“Sie haben Probleme mit der Gesamtsituation. An der Ausgangsbeschränkung können wir nichts ändern, aber wir können Ihnen helfen in dieser Situation sich zurecht zu finden. Daher benötigen wir weitere Informationen von Ihnen. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte die ‘Drei’.”

“Drei.”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei! Drei. Drei. Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Okay, dann Eins. Eins!”

“Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie werden umgehend mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden. Ihre Einsamkeit wird dann sofort beendet sein. Sie wurden in der Warteschlange eingereiht. Ihr durchschnittliche Wartezeit beträgt circa einhundertfünfundneunzig Minuten.”

“Okay, dann nehme ich Drei. Drei.”

“Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, können wir Ihnen nicht helfen. Sie wurden aus der Warteschlange ausgeschlossen. Rufen Sie bitte wieder an, wenn Ihre Beurteilung der Gesamtsituation sich gebessert hat. Für alle anderen Bedrohungssituationen erfahren Sie weitere Hilfe bei Ihrem Corona-Beauftragtem, aber bleiben Sie bitte immer zu Hause.”

“Eins?”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie gegebenenfalls auch mal ‘Drei’.”

“Alkoholismus? Suizid? Selbstmord?”

“Vielen Dank. Ihr Anruf wurde gespeichert. Hiermit ist Ihr Gespräch beendet. Wir bedanken uns bei Ihrer Aufmerksamkeit und drücken Ihnen unser ernsthaftes Mitgefühl aus. Bitte hinterlassen Sie Ihr Testament gut sichtbar auf Ihren Küchentisch, damit wir ihren Todesfall entsprechend statistisch als Corona-Todesfall aufnehmen können. Leben Sie wohl.”

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (37): Lügengeschichten

Der junge Mann mit seiner Computertasche stand neben dem Auto, als dessen Fahrer ausstieg. Er blickte den Fahrer vorwurfsvoll an und fragte ihn mit anklagender Stimme, wie der Fahrer denn dazu komme, einen Aufkleber mit dem Slogan “Ich fahre sauber” am Heck kleben zu haben, aber ein Dieselfahrzeug zu fahren. Darauf erhielt er als Antwort: “Aber ich dusche doch jeden Tag zweimal ausgiebig.”


Die Preise auf den Gebrauchtwagenmarkt fallen. Durch die geringere Luftschmutzung gelang die gemeine Ferrorlitfraßamöbe (lat. “ferro manducans popularibusque amoeba”) eine unglaubliche Vermehrung. Autofahrer berichten inzwischen verzweifelt darüber, dass sie fast zusehen könnten, wie diese gemeine Amöbe unter dem Lack sich über das Blechkleid ihres Vehikels hermacht. Vereinzelnd meinten manche sogar das Schmatzen der Ferrorlitfraßamöbe deutlich vernehmen zu können. Eine Rückfrage bei den Experten der Automobilbranche ergab beruhigendes: Es gäbe kein Grund zur Beunruhigung. Von solchen Ferrorlitfrassamöben habe hier noch nie jemand etwas gehört. Das seien sicherlich Fake News aus der Verschwörerszene. Zudem könne man in den heimischen Garagen im hermetisch abgeschlossenen Raum den Automotor für knappe zwei Stunde laufen lassen, um mittels NOx-, CO- und Feinstaub-angereicherter Luft dieser hinterhältigen Fraßamöbe den Garaus zu machen. Mein Nachbar wollte den Rat vor vier Stunden zusammen mit seinem Lieblingsauto bei sich in der Garage umsetzen. Bislang hat er uns noch nicht Rückinfo über die Wirksamkeit des Vorschlags gegeben. Ich hoffe, dass er in diesem Test nicht allzu viel Energie reinsteckt. Ich glaube nämlich nicht an solche Ferrorlitfraßamöben.


A propos Energieverbrauch: Zu den aktivsten Stromsparern gehören die Verbreiter von Verschwörungstheorien. Sie tappen meiste Zeit im Dunkeln.


“Schreiben Sie mit! 5.” “Fünf.” “3.” “Drei.” “7.” “Sieben.” “3.” “Ja.” “5.” “Yep.” “4.” “Okay hab ich.” “537354 ist die magische Zahl. Sie hilft.” “Quersumme 27.” “Genau! Dreimal 9! Die Zahl vom Biest, wenn man die drei Neunen umdreht!” “Also 666? Die Summe der Summe der Quadrate der ersten sieben Primzahlen?” “Spotte nicht! Sonst wirst du an Corona erkranken und deine Lunge vom Biest verbrannt! Schreibe die Zahl ‘537354’ an deiner Haustür, an deinem Briefkasten und an jeder Ecke jeder Wand, damit das Biest nicht noch mehr Opfer findet.” “Geht auch zwounddreißig sechzehn acht? Darunter herrscht Konjunktur die ganze Nacht.” “Spotte nicht! Du wirst schon sehen, was du davon hast!” “Sex? Die ganze Nacht?” “Vade retro, Satanas!” …


“Ist dir das auch schon aufgefallen?” “Was denn?” “Schau mal hoch!” “Und?” “Strahlend blauer Himmel. Keine Flugzeug-Kondensstreifen, keine Chemtrails mehr! Und dann noch die Atemmasken. Die verlieren die Weltherrschaft und die Kontrolle über uns!” “Wer?” “Diese international vernetzten Reptiloiden und deren dumme Gefolgschaft.” “Ach.” “Ja.” “Soso.” “Nicht wahr, endlich mal völlig kontrolliert sein, ist ein ganz neues Lebensgefühl, nicht wahr.” “Hey, Brain! Was wollen wir denn heute Abend machen?” “Genau das selbe, wie jeden Abend, Pinky. Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen.”


Alles erfunden und erlogen. Hemmungslos und einfach mal so. Damit ihr’s wisst.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (36): Es herrscht wieder Frieden im Land

Der heutige Innovationspreis geht an eine CDU-Politikern aus Berlin im Kanzlerinnenamt. Mit der Entdeckung des bislang noch ungenutzten, völlig brachliegenden Begriffs “Öffnungsdiskussionsorgien” hat sie allen Wortschöpfungen der letzten Zeit den Rang abgelaufen.

Begründung für die Verleihung des Preises:

  • Orgien” sind bei dem derzeitigen Abstandsgebot von Einsfünfzig und dem ebenfalls geltenden Kontaktverbot nicht machbar. Selbst Swingerclubs haben geschlossen, also gehen “Orgien” erstmal überhaupt nicht.
  • Öffnung” steht einer Forderung nach der Implementierung von “geschlossenen Gesellschaften” (Familie, Singlehaushalten, Seniorenheim-Ghettos) diametral entgegen.
  • Und “Diskussionen” sind in Zeiten von “Regieren per Erlasse” absolut zu unterlassen.

Sie hat sich somit den Wortschöpfungspreis redlich verdient. Wer jetzt noch diskutiert, hat den Ernst der Lage nicht erfasst.

Herr Söder hat das Heft des Handelns (wider der “Öffnungsdiskussionsorgien”) wieder an sich gerissen und verteidigte somit in Westdeutschland erneut seine Position als der “Macher Nummer 1”. Für uns hier in Süd bei Südost heißt es somit: Mund-Nasen-Schutz ab nächsten Montag ist Pflicht in Geschäften und öffentlichen Nahverkehr. Denn man merke, nur wer sich bedeckt, hat nachher das Potential, sich erst richtig öffnen. Da mir Bayern Ende der 80iger bei der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beigebracht hat, dass, wer seine Meinung offen äußert, auch offen sein Gesicht zeigen soll, werde ich an dieser Stelle mir meinen Mund-Nasen-Schutz mit den weiß-blauen Rauten auf die untere Gesichtshälfte befestigen. Auf der oberen Hälfte hab ich bereits die weiß-blauen Augenbinden, mit der ich mich schon seit Jahren wie “Justitia” fühlte. Wenn ich mir jetzt noch die Ohrenstöpsel einsetze, dann bin ich die Wiedergeburt der drei Affen mit anderen Mitteln. Nichts sagen, nichts sehen, nichts hören.

Die “Tracing App” (nicht tracking app) wird erst einmal nichts. Da stellen sich doch einige Unverbesserliche dem entgegen, unglaublich, nicht wahr, dass man diese bei Infizierten und somit jene in deren unnützen Leben nicht rausfiltern kann. Weil man die Daten nicht zentral lagern und mit Backdoors für unsere geheimen Dienste versehen möchte. Es geht doch um unser aller Wohl, woll. Und wenn ich dann die Daten mit der Kameraüberwachung verheirate, dann kann ich doch locker alle Gefährder und andere Spötter dieser Maßnahme enttarnen. Und das wollen einige Unbelehrbare verhindern? Na warte, der BND (Bayrische Nachforschungsdienst) wird die auch noch erwischen und dann gibt’s saures. Machen diese Aufsässigen doch das ganze nachhaltenden Forschungsprojekt in der Krise zunichte …

Ach ja, es ist freilich alles notwendig. Absolut. Ich rede nicht dagegen an. Keine Widerrede. Denn wir wollen ja alle ein R0-Wert von knapp unter 1, nicht wahr. Denn dann besteht eine gute Chance, dass im nächsten Winter die nächste Infektionswelle durch das Land weht. Ein R0-Wert unter 0,4 würde zwar zwei bis drei Monate alle auf dem Zahnfleisch gehen lassen, aber dann wäre die zweite Welle eher vermeidbar. Ist aber zur jetzigen Zeit unvermittelbar. Und auf Zahnfleisch gehen, das wäre schlimmer, als im Winter 2020 eine Bevölkerung mit einem weiteren LockDown gnadenlos zu demoralisieren und das Weihnachtsgeschäft unterm Weihnachtsbaum zum Egotrip von Schmalhans Küchenmeister zu machen.

Und jetzt ein ganz und gar ketzerisches Wort: “Oktoberfest”. Uh! Das musste mal gesagt werden! Das will doch keiner! Nicht wahr. Geht gar nicht. Bier trinken, lustig sein, rumknutschen, im Dirndl und Trachtenjanker Kinder frei schnackselnd zeugen und dabei dann eventuell analytisch … wobei, wenn das Oktoberfest nicht statt findet, dann bleibt uns Münchnern doch erheblich mehr Bier. Das ist doch toll! Freibier! Damit es nicht in den Fässern verkommt. Ja, um es einerseits eigenhändig euch Nicht-Münchnern sehendes Auges wegzusaufen, und um es andererseits den Politikern in Deutschland zu reichen. Oder ist da wer, der glaubt, den Politikern in Deutschland das Wasser reichen zu dürfen? Na also.

Und das Bier, welches bei den Geisterspielen der Bundesliga (mit Video-Schiedsrichter im Kölner Keller) nicht vom Trainerstab der beiden Mannschaften und DFL-Offiziellen im Stadion versoffen wird, geht auch nach Bayern. Quatsch, nach München! Dafür erhalten die Fußballmannschaften aus unseren Kliniken 10.000de von den als Mangelware deklarierten Covid-19-Test. Na? Ist das kein Deal? Prost!

Ich kauf mir jetzt einen Mund-Nasen-Schutz, den ich großzügig vom Halsansatz bis unter die Augen ziehen kann. Damit gehe ich am nächsten Montag in die Bank meines Vertrauens und versuche nuschelnd “Hey, tu mal Knete. 100 Flocken von Konto meinem, hey” abzuheben. Dann zähle ich brav die Minuten, bis dass das SEK Bayern mich als Banküberfall-Verdächtigen die Arme bis zum Knochenkrachen auf meinem Rücken verbiegt.

Mund-Nasen-Schutz. Augenbinde. Und dann folgerichtig noch der Stirnverband. Gegen aufkommende Kopfschmerzen. So soll es sein. So soll es werden. So wird es immer sein. Pax populi. Tunc non habes nisi.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (35): Maskerade

Wie bitte? Maskenpflicht? Ja, ist denn schon wieder Karneval?!?

Ach so. Nur Mund- und Nasenschutz. Da bin ich aber beruhigt.

Das wird allen ernstes vorgeschlagen, Staubsaugerbeutel zu Gesichtsmasken umzuschnibbeln. Also Staubsaugerbeutel, welche von den Herstellern bereits mit geruchshemmenden Pulvern ausgeliefert werden. Sollte man sich solche Beutel zu Mund- und Nasenschutz umschneidern, dann braucht man sich auch nicht Gedanken drum machen, ob man aus der Lunge stinkt. Oder ob stattdessen gerade ein Virus in der Lunge rumwütet. Das macht dann später schon das Pulver alleine.

Natürlich geht es beim Mund- und Nasenschutz nicht darum, dass die Corona-Polizei schneller erkennen kann, wer renitent und nicht obrigkeitshörig ist, um dessen Daten in deren Datenbanken aufzunehmen. Nein. Das ist nicht der Zweck. Nein. Es geht um uns aller Gesundheit.

Und das Nasenhaare unästhetisch sind. Was die Corona-Polizei da bislang schon alles sehen musste, das kann man sich nicht vorstellen. Drum der Mundschutz, der auch die Nase bedeckt. Bedecken muss. Seit der Laschet seinen Mund- und Nasenschutz falsch herum getragen hat, wissen wir, Politiker atmen mit dem Kinn. Oder Kiemen. So genau weiß man es beim Laschet nun auch wieder nicht. Das ist jetzt auch nicht so wichtig.

Man sollte aber sich schon mal damit vertraut machen, dass man sich den Schutz aus seinem letzten Hemd schnibbeln soll. Da lacht doch jeder 250 Nanometer große Virus drüber. So ein Hemd ist ein Sieb, der dicke Felsbrocken fernhält, den Felsstaub aber per Druckluft (HATSCHI ! ) durch die Siebmaschen drückt.

Gut, der Söder hat einen Mund- und Nasenschutz in bayrischen Landesfarben vorgestellt. Wahrscheinlich weil er meint, weiß-blaue Rauten filtern besser. Jetzt muss er es nur noch den Viren begreiflich machen. Er würde sicherlich mit den Viren ein ernstes Wörtchen reden, aber das geht nun ja auch nicht.

Forscher sollen ja bereits den Verdacht haben, dass der Virus bereits beim Sprechen übertragen werden kann. Beim Sprechen! Das wird dann bald wohl auf der Straße dann so ausgehen:

Polizist: “Sie wissen, warum ich Sie beim Gehen hier anhalte? Haben Sie einen triftigen Grund?” Passant ohne Maske: “Ja.” Und – zack – gibt es ne Anzeige wegen versuchter Körperverletzung gegen den Vollstreckungsbeamten. Bei einem “Nein” kämen noch 150 Euro als Jackpot hinzu. Da freut sich das Staatssäckel. Das Geld wird ja dringend benötigt.

Besonders hier in München gerät ja eine ganze Berufsgruppe in die Arbeitslosigkeit: die Staatsanwaltschaft. Hat es doch neulich in den Medien geheißen, die Kriminalität in München sei im letzten Monat brutal gesunken. Das heißt, die Grundkriminalität wie Bestechung, Betrug, Finanzabzocke und andere Weiße-Kragen-Delikte sind gleich geblieben, aber die zusätzliche, die jetzt fehlt, die gibt der Staatsanwaltschaft zu denken. Aber dafür gibt es ja die Corona-Polizei, die ja so 70 bis 150 Strafzettel täglich im Mindestwert von 150 Euro verteilt.

Und wenn jetzt das Ansprechen eines Polizisten ohne Mund- und Nasenschutz bei Einführung einer Maskenpflicht wieder zur Steigerung der Kriminalität in München führt, dann atmet auch die Staatsanwaltschaft durch, weil um Haaresbreite an der Kurzarbeit vorbei geschrammt.

Und die Polizei braucht sich dann auch nicht mehr um das letzte Urteil vom Bundesverfassungsgesetz scheren. Denn die Demos werden alle genehmigt und dann entweder wegen fehlenden Masken aufgelöst, oder, falls doch wer Masken nutzt, wegen Verstoß des Vermummungsverbots mit Einkesselungen und Verhaftungen beendet.

Tja, da wünscht man sich doch glatt, es wäre endlich wieder Karneval. Dann hätte man beim Masken-Tragen auch nicht so dumme Nebengedanken über diese Maskerade …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (34): Demokratieverständnisse

Es ist schön festzustellen, dass das Demonstrationsrecht nicht durch das Infektionsschutzgesetz aushebelbar ist. Es zeigt, dass das Grundrechtsverständnis der Demokratie immer noch lebt.

Andererseits gibt es zu denken, dass wohl liebend gerne über Legislative und Exekutive regiert werden möchte und viele insgeheim dabei hoffen, dass die Judikative möge im Sinne von Gewaltenteilung, also “GewaltEnteilung” statt “Gewalten-Teilung” agieren (die richtige Betonung machte schon immer einen Unterschied). Wenn das Bundesverfassungsgericht den Law-und Order-Mentalisten aufzeigt, dass sie Grundrechte einfach ignorieren, ist das gut, zeigt zudem, dass das Grundrechtverständnis kein Allgemeingut der Ausführenden ist. Es gab bereits Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die zuvor verhängte Ausgangsbeschränkung vom 21-März und die danach erfolgte Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 27-März (u.a.a. in der verschärften Version in Bayern) unter anderem auch beispielsweise gegen die vom Grundgesetz geschützte Versammlungsfreiheit verstoßen, sollte sie bei Demonstrationsanmeldungen zur Ablehnung des Demonstrationsrechts führen.

Jetzt muss man wissen, dass das das Infektionsschutzgesetz explizit das Grundrecht eines jeden einzelnen einschränkt und sich dem Grundgesetz direkt diametral gegenüber aufstellt. Interessant dabei ist, dass das Infektionsschutzgesetz per Verordnung (und ohne demokratisch erforderliche Anhörung des Bundesrates) eingesetzt wurde, dem Gesundheitsminister bundesweite Verordnungshoheit gibt und die Einschränkung der Grundrechte dafür öffentlich kaum erklärt wurde.

Jetzt spricht also das Bundesverfassungsgericht bei der willkürlichen Einschränkung der vom Grundgesetz geschützten Versammlungsfreiheit ein Machtwort. Das Anmelden von Demonstrationen sollte somit kein Problem mehr sein, wenn die Anmeldenden entsprechend sich Vorgaben (z.B. Abstandsgebot) machen. Das Problem bleibt dann eher bei der Exekutiven bestehen.

Am 7-April wurde die angemeldete Demonstration der Organisation “Seebrücke” zu dem Thema “#LeaveNoOneBehind” der Flüchtlinge auf Lesbos / Griechenland gewaltsam von der Polizei mit Hinweis auf die erlassene Ausgangsbeschränkung aufgelöst. Obwohl die Teilnehmer definierten 2 Meter Sicherheitsabstand zueinander hielten, sah die Polizei trotzdem in der Demo an sich einen Verstoß zum Infektionsschutzgesetz und auf das Recht der Allgemeinheit auf körperliche Unversehrtheit und einer potentiellen Bedrohung deswegen.

Vor drei Tagen räumte die Polizei eine Kunstinstallation in Dresden ab, welche zwei Menschen mit Pappaufstellern erstellt hatten. Sie stellten mit Pappaufstellern eine Demo nach, wobei darauf geachtet wurde, normale Passanten nicht zu behindern.. Bei der Kunstinstallation ging es um das Thema “Flüchtlinge” und deren Lage auf Lesbos. Die Polizei sah eine Gefährdung nach dem Infektionsschutzgesetz und beendete die Pappaufsteller-Demo und zeigte die beiden Organisatoren entsprechend an. Andere gab es nicht, die angezeigt werden konnten. Es waren nur jene zwei, welche diese Aktion durchgeführt hatten.

Zwei Tage später (also gestern) gab es die nächste Demo in Dresden: der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (DEHOGA) stellte mehrere hundert Stühle auf den Dresdener Neumarkt auf. Auf Twitter finden sich problemlos Videos (#DD1704, #allgemeinverfügung, #Dresden, #Coronakrise) und Fotos (s.a. hier), bei denen man feststellen kann, dass die Polizei keine Probleme mit Verstößen nach dem Infektionsschutzgesetz hatte. Lag es eventuell am Thema der Demonstration? Oder hat es bei der Exekutiven eine Lernkurve gegeben?

Nun gut. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen politischer Kunstinstallation und einer Deutsche Hotel- und Gaststättenverband-Demonstration. Das ist mir irgendwie klar. Allerdings lässt sich schon nachvollziehen, ab wann Polizei bereits bei geplanten Demonstrationen im Vorfeld mit dem Instrument des “Infektionsschutzgesetzes” eingegriffen hat und wie sie das Instrument währenddessen angewendet hat. Bei der DEHOGA-Demo jedenfalls nicht, bei “Seebrücke”-Aktionen jedenfalls immer. Und wenn es sein muss, Zentimetermessstab finden in jeder Einsatzplanungsjacke Platz …

Na ja, was bleibt mir noch übrig zu sagen? Lebbe geht weider. Auch in Corona-Zeiten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (33): Bildersprache

Als die Pandemie Europa überrollte, wurden in der Zuliefererindustrie der Automobilindustrie Anfang Februar Briefe seitens der OEMs verschickt, in welchen diese die Lieferanten auf deren Lieferverpflichtung hinwiesen und einen “force majeure” direkt als unakzeptabel bewerteten, sollte ein Lieferant aufgrund Quarantäne-Verpflichtungen seine Lieferabrufe nicht mehr bedienen können. Eine Deklaration eines “force majeure” hätte zumindest vorübergehende Befreiung von der Leistungspflicht und ein gleichzeitiger Ausschluss von Schadensersatzverpflichtungen bewirken können. Dem wurde seitens der OEMs schon einmal vorbeugend widersprochen. Einen Monat später erklärten dann eben jene Automotive-OEMs, dass sie ihre Werke runterfahren würden. Mittlerweile werden die Werke wieder hochgefahren und die Lieferanten erhalten vermehrt die Anforderung, dass die Lieferketten sicher zu stellen seien und ein Bruch der Lieferketten jetzt anzuzeigen wäre.

Ein europäisch-amerikanisch-asiatisch lokalisierter OEM hat dazu ein Video herumgeschickt, in welchem er sich permanent lobt, welche Maßnahmen zur Sicherstellung seiner Mitarbeitergesundheit er in seinen Produktionswerken eingeführt hat. In dem Video fiel mir ein Bild (Screenshot aus dem Video) auf:Infrared temperature screening

Was zu erkennen ist, dass sich wohl zwei Inder gegenüber stehen und der eine auf die Stirn des anderen zielt. Natürlich mit einem Infrarot-Thermometer und nicht mit einer Waffe. Und das Bild zeigt noch eine andere wichtige Sache: Eineinhalb Meter Abstand.

Und darüber hinaus auch noch: dass der rechte Arm des Messenden Ergebnis einer verdammt schlechten Grafikbearbeitung ist.

Mit diversen Suchmaschinen konnte ich das Bild nirgendwo aufspüren. Ich versuchte es mit “temperature”, “corona” und “screening”. Doch auch damit Fehlanzeige bei der Bildersuche. Aber dabei traf ich auf viele Bilder, welche mich irgendwie an das Foto von Eddie Adamas aus dem Jahre 1968 (hier) erinnerte. Oder vielleicht sogar aus Szenen einer der unzähligen Spielfilme, in denen der Kopfschuss zelebriert wird.

Eines fiel mir bei den Bildern der Suchmaschine ins Auge. Auf denen sehen die Menschen, die gerade überprüft werden, immer irgendwie von demütig über schamhaft bis schuldig aus. Und immer waren sie am Prüfenden näher als jene anderthalb Meter.

Aber vielleicht ist das obige Bild lediglich keine schlechte Grafikbearbeitung. Vielleicht ist der Prüfende auch nur eine “Mutation” in Corona-Zeiten und niemand hat es bemerkt. Ich wollte doch schon immer wissen, was Corona aus Menschen macht, und vielleicht bin ich hier auf etwas offensichtliches gestoßen: die Corona-induzierte spontane Längenmutation eines Armes im Neoliberalismus. Aber wahrscheinlich liege ich falsch und es zeigt mir nur, was Mensch aus Menschen macht: einfache Prüfobjekte auf Distanz.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (32): Locker vom Hocker

Hier die neuen Regelungen zur Lockerung der momentanen Situation. Außer der Disco-Samba im 2/4 Takt ist jetzt auch der leichte Foxtrott erlaubt. Wer Tango tanzen will, sollte sich dran gewöhnen, dass der im Bußgeldkatalog als nicht-triftiges Betreuungsangebot für Nicht-Tänzer verzeichnet ist und mit 500 Euro gebüßt wird. Darüber hinaus ist es jetzt auch inzwischen erlaubt, nach dem Ende des Tanzes einen Kuss auf die Hand der Tanzpartnerin anzudeuten. Auch hier der Hinweis: Vollzug ist auch im Bußgeldkatalog geregelt.

Eine weitere Lockerung ist die Erlaubnis, dass zu den triftigen Gründen jetzt auch tiffige Beurteilungen seitens der Vollstreckungsbeamten erlaubt sind. Was triftig ist oder nicht, das wird der Vollstreckungsbeamte jedem argumentativ nicht zu widerlegen genau erklären. Die Erklärungsgebühr beträgt allerdings noch immer 150 Euro. Darin sind enthalten die Rechtsberatung seitens der Vollstreckungsbeamten, Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer und Wegekosten (An- und Abfahrt für den handwerkelnden Beamten). Der Rest sind reine Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die Beamten und Provisionsanteilabgaben an die organisierenden Abteilungen.

Als Sahnehäubchen der weiteren Lockerung wird es demnächst ermöglicht, die Politiker und Verfasser des bayrischen Bußgeldkatalogs „Corona-Pandemie“ in einer Autogrammstunde in der Münchner Allianz Arena auf elf Meter fünfzig nahe zu kommen. Die teilnehmenden Zuschauer werden aus dem Münchner Telefonbuch gewählt, abzüglich den bereits gemäß des Bußgeldkatalogs straftätig gewordenen Unverantwortlichen. Die Zuschauer erhalten zuvor ein kostenloses einstündiges Training im Synchron-Klatschen und bayrisches Fähnchen-Schwenken. Übertragen wird dieses Live-Event übrigens vom deutschen Bezahlfernsehen. Tagestickets für das Live-Streaming wird es ab 15 Euro (ab reiner SD-Übertragung ohne Audio) geben. Der Erlös aus dem Live-Streaming abzüglich Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer, Wegekosten, Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die vor Ort tätigen Sicherheitsbeamten und Provisionsanteilabgaben der jeweiligen Abteilungen geht an ein Danke-Schön-Event für die Krankenpflegenden und exponierten Polizeibeamten. Nebenbei: Das Streaming des Danke-Schön-Events in einer hohlen Gasse vor einem Söder-Hut kann nach der Autogrammstunde bereits für 35 Euro in allen Internet-Vorverkaufsstellen gebucht werden. Gaststars werden sein: Helene und Gottfried Fischer, Mutter Beimer, Florian Silbereisen, Heintje und Heino, Winnetou und Old Shatterhand, Söder und Stoiber. Der aus jenem Event zu erwartende Reinerlös geht an den Staat Bayern zur Finanzierung weiterer Lockerungsmaßnahmen.

Ich hoffe, Sie alle werden die anstehenden Lockerungen von den Bestimmungen der jetzigen Situation mit der zu erwartenden lockeren Dankbarkeit honorieren.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (31): Kneipengespräch

Tresen 0

“Ich wüsste schon gerne, warum der Lewandowski damals zum Bayern München gegangen ist.”

“Des Geldes wegen. Weswegen sonst?”

“Der schönen Aussicht auf die Alpen bei Fön-Wetterlage vielleicht.”

“Oder er kam wegen der heilenden Quellen an der Staatskanzlei.”

“Heilende Quellen an der Staatskanzlei?”, ich schaute den Wirt zweifelnd an. “Heilende Quellen? Was für heilende Quellen? Wir sind hier in München”, hakte ich nochmals nach, mit einer Spur Tadel und Ungläubigkeit in der Stimme.

“Nicht? Keine heilenden Quellen? Dann hat man mich falsch informiert”, antwortete er lakonisch und zapfte mir ein neues Kölsch.

Die Eingangstür knarzte. Unsere Köpfe wandten sich der Eingangstür zu und erblickten zwei Polizisten, die eintraten. Der Wirt zuckte zusammen und auch ich versuchte mich kleiner zu machen.

“Was ist das hier?”, blaffte der erste.

“Corona-Party?” gab ich vorsichtig als Antwort zurück.

“Falsch!”, kam es postwendend vom zweiten zurück.

“Nu macht doch mal keinen Stress, Jungs. Zwei Kölsch? Aufs Haus oder wieder per Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer an den Herrn Ministerpräsidenten?”

“Richtig. Zwei Kölsch aufs Haus für mich und zwei mit Rechnung für meinen Kollegen, bitte.”

“Nicht zu fassen: von allen Spelunken dieser Welt müsst ihr ausgerechnet in meine kommen. Wie isses denn da draußen?” fragte der Wirt die beiden.

“Der reinste Stress”, seufzte der erste, “immer dieser Zwang zum Abstand, dann die permanente Nachfragerei, wer wie welchen Grund triftig hat. Und dann immer die Jogger, die nie anhalten wollen. Da kommt man schon ins Schwitzen, wenn wir bei diesen immer dann nebenher rennen müssen.”

Nickend bestätigte der andere die Aussage seines Kollegen und griff nach dem Kölsch vor sich. Er schaute mich an und kniff dabei ein Auge zu, als er mir warnend zuflüsterte:

“Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente, überall lauern sie einem auf.”

Ich zuckte gleichgültig mit der Schulter: “Politik interessiert mich nicht. Die Probleme dieser Welt gehören nicht zu meinem Ressort. Ich bin lediglich Gast einer illegal geöffneten Kölsch-Kneipe”, und blickte konzentriert auf mein Kölsch.

“Welche Nationalität haben Sie?”, schnarrte er mich an.

“Ich bin Trinker”, gab ich zurück.

“Aha, ein Weltenbürger also.”

“Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest meines Lebens”, erwiderte ich leise.

Der erste seufzte und schaute den Wirt an: “So, jetzt kommen wir zum Bedauerlichen, was uns jetzt wieder bevor steht: wir müssen weiter. Die Corona-Regelverletzer aufspüren und mit Strafzettel versehen.” Er griff nach seiner Stange, trank sie leer und blickte den Wirt an.

“Hier, die Rechnung.” Der Wirt reichte ihm einen Bewirtungsbeleg

“Oh, bitte Herr Oberspielleiter. Das ist ein kleines Spiel, das wir hier spielen. Sie setzen alles auf meine Rechnung, ich zerreiße die Rechnung. Das ist sehr befriedigend”, zerriss den Beleg, lachte und verließ mit seinem Kollegen die Kneipe.

Ich schaute den Wirt ungläubig an. “Hab ich das jetzt nur geträumt? Sind die beiden jetzt wirklich gegangen, ohne einen Strafzettel wegen Verstoß gegen aktuelle Bestimmungen?”

Der Wirt zuckte mit der Schulter: “Tja, seit dem Freitag, den Dreizehnten im letzten Monat, seitdem alles mit Corona losging, seitdem kommen die beiden recht verzweifelt hier in meiner Kneipe rein, trinken vier Kölsch und zerreißen die Rechnung. Das reinste Minusgeschäft für mich. Ein echtes Problem. Unglaublich, nicht wahr.” Er hielt ein gerade frisch gespültes Kölschglas unterm Zapfhahn. “Hier in München hat jeder seine Probleme. Deine sind vielleicht zu lösen. Noch ‘n Kölsch?”

“Gerne. Nur, was wird jetzt aus uns?”

“Uns bleibt immer noch München aus den Vor-Corona-Zeiten.”

Meine Uhr vibrierte. Sie ging also doch noch. Ich strich paarmal übers Glas, um die Vibration zu beenden. 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Der Fernseher war noch eingeschaltet und zeigte mir das Titelbild von “Casablanca”. Ich muss wohl beim Film eingeschlafen sein.