Wea ko, dea ko

München feiert Geburtstag. 1.000 Jahre München!

Hm? Nicht? Stimmt nicht? Na ja. Fast beinahe 1.000 Jahre. Na gut, dann halt 900 Jahre München!

Wie? Stimmt auch nicht? Dazu fehlen noch immer 33 Jahre? 33 Jahre? Das ist ja eine Schnapszahl, da geben wir uns mal eine aus! Darauf eine Maß. Denn ’ne Schnapszahl, so was darf man schon feiern. Und weil es so schön ist, Stadtgeburtstage zu feiern, deswegen werden jetzt fleißig weiß-blaue Aufkleber verteilt.

Eigentlich sollten die Aufkleber mit »Ein Leben ohne Weißwurst wäre theoretisch möglich, aber sinnlos« bedruckt werden. Nur, nachdem ein berühmter fränkischer Foodblogger aus Bayern bereits die internationalen Markenrechte an dem Satz »Ein Leben ohne Bratwurst wäre theoretisch möglich, aber sinnlos« eintragen lassen will und die Verhandlungen mit einem gewissen Söder und einem Würstchen-Uli am Tegernsee zu jenem Bratwurstsatz bei einer Kabinettsitzung ins Leere verliefen, nur deswegen wurde ein anderer Text genommen

Somit werden in Kürze am Ballermann, auf den kanarischen Bierstraßen sowie den Lofoten, in der Schweiz und Österreich an jedem Laternenmast der Weisheit letzter Schluss kleben:

»Voll unfreundlich hier. Aber waren Sie schon mal in München?«

Gan unten auf dem Aufkleber, unterhalb des Slogans, kleingedruckt in 3.5er Schriftgröße, findet sich der Verweis auf die Herkunft: »Quelle: InterNations« (hier). Die Letztendbegründung für den Slogan.

Denn wisse: ohne Letztendbegründung geht in Bayern nun mal rein gar nichts. Weder in der Kirche, noch im Wirtszelt, noch im normalen Leben. Und daher manifestiert jetzt der fränkisch X-Foodblogger in seiner eigenen Letztendbegründung auch seinen Willen, Bayern mittels der Stadt München wieder erstarken zu lassen.

Klandestin hat er bereits vor den Augen aller seinen Dobrindt in die Bundespolitik eingeschleust und darauf gleich stolz verkündet, in Deutschland die Uhren um 10 Jahre zurückgedreht zu haben (Quelle: hier). Und keiner hat’s bemerkt, denn auch vor zehn Jahren war es bereits Fünf vor Zwölf. Wie dieses Uhrenzurückdrehen bei den Leuten hier ankommt, zeigt sich an München. Der Erfolg ist beim Volkssport Nummer 1 abzulesen: Leroy Sané verlässt München, Florian Wirtz zieht die Merseyside einem München vor und selbst die deutsche Fußballnationalmannschaft vermied es neulich, das Fußball-Finale der »UEFA National League 2025« in München spielen zu müssen. Sie verlor trickreich getarnt als zweiklassiges Team gegen Portugal.

Tja, und jetzt will jener fränkische X-Foodblogger die Olympiade wieder nach München holen. Wohl sein zukünftiges Lebenswerk. Heimlich druckt er wohl schon in seiner Garage neue Aufkleber. Die verteilt er sicherlich bald in jedem Wirtszelt, wo er seinen Mostrich an die armen Würstchen dort dazu gibt:

»Ein Leben ohne Olympia in München wäre theoretisch möglich, aber sinnlos.«

Dem geneigten Wirtszelt-Besucher wird’s egal sein. Hauptsache, zu saufen gibt’s, und eine Kirche mit Zwiebelturm steht in Sichtweite, um dem ganzen eine religiöse Dimension zu geben. Aber das wichtigste ist dann: mit ’ner Maß in der Hand ein Selfie zusammen mit dem fränkischen X-Foodblogger zu machen. Prost.

Make Bavaria great again!

Kannste dir nicht ausdenken …

In Zeiten, in denen der Körper seinen Menschen lahm legt, geht die Seele auf Wanderschaft. Kommt sie dann nicht zurück, dann ist der Mensch tot.

Würde man die zwei vorherigen Sätze als schönes Aperçu ansehen, dann stellt sich die Frage, warum es den Seelen in deren Menschenkörpern nicht gefällt. Millionen Seelen sind täglich auf Wanderschaft. Ja, gefällt denen der Körper nicht mehr, den sie von Geburt an erhalten haben? Wenn irgendwo mal wieder eine Rakete startet und zielgenau in Menschensiedlungen einschlägt, welchen Seelen freut es dann? Richtig, die Seelen der Aktienbesitzer der Waffenindustrie. Weil, dann wird die Rakete nachbestellt. Dividende schmückt den Erfolgreichen. Immer. Würde die Rakete allerdings einfach nur wie eine Silvesterrakete am Himmel verglühen …

Nein, die Argumentation ist jetzt auch nicht stimmig. Denn das macht der Elon Musk mit seinen Raketen schon eine ganze Weile. Mal lässt er sie von Greifarmen beim Landen in Empfang nehmen, mal lässt er sie einfach in Wasser klatschen, mal kurz vorher über menschenleeren Boden explodieren. Mit letzterem käme er schon eher in Richtung zufriedenen Menschen, die sich in der Rüstungsindustrie ihr Geld vermehren lassen.

Aber immer nur über menschenleeren Gegenden Abstürze fabrizieren? Wahrscheinlich war Donald Trump neulich bei einem weiteren Start der Musk-Raketen vor Ort und stieß mit Elon Musk mit einem Glas Champagner an, um eine neue Flüchtlingsstrategie zu kreieren. Warum die Stufen nicht dort sich selbst zerstören lassen, wo dann eventuell lediglich nur tragischer Kollateralschaden entstünde? Also, über Boat-People in deren überfüllten Nussschalen auf hoher See oder über Flüchtlingslagern an den Grenzen? Oder gar Flüchtlinge als Raketenfänger im Roggen?

Die eigentliche Frage ist doch, macht Waffenindustrie glücklich? Fragt man die Finanziere des Fußballvereins BVB Dortmund, dann ja. Werbung für »Rheinmetall« in einer Sportart, welche sich auf die Fahne geschrieben hat, die Welt zu vereinen und die Menschen zusammenzubringen. Andererseits, welche Sportart basiert auf »Angriff«, »Verteidigung«‚ »Abwehr« und »Schießen«? Wo gab es schon den Bomber der Nation, wo wurde bis zur letzten Minute bis zum Umfallen gekämpft, wo schießt der eine den anderen Spieler ab, wo schreien schon mal die Obersten ihren Untergebenen zu »Knallt die durch die Wand«, wo gibt es die Torjägerkanone und wo jubeln die Schlachtenbummler bei einem Schützenfest?

Warum dann nicht auch mal Rheinmetall ne Fahne für ne Werbung herüberreichen? Denn da, wo Fußball gespielt wird, soll es keine Kriege geben. Dieser Satz konnte bislang nie widerlegt werden. Selbst im Ersten Weltkrieg als zu Weihnachten an der Front bei Frelinghien (nordwestlich von Lille) wurde Fußball gespielt und es herrschte Weihnachtsfrieden. Das Trainingsgelände von Rheinmetall muss dort so gut beackert wie die Frontlinie von Frelinghien damals sein, wenn man die Tabellenposition mit der »Wir schaffen das«-mentalität der Kicker dort und den Gesichtern der Vorstände nach jedem Spiel abgleicht. Also, solange der BVB möglicherweise auf dem Werksgelände von Rheinmetall trainiert, kann nicht damit gerechnet werden, dass von Rheinmetall Krieg ausgehen wird.

Krieg wird aber dieser Welt nie ausgehen. Davon haben wir ja genug.

Das hört sich immer auch ein wenig an, wie der demokratische Grundsatz »Alle Macht geht vom Volke aus«. Und dann kamen gleich die ganzen »Sie haben mir ins Gesicht gefilmt«-Wutbürger, AFD’ler und andere ach-so-besorgte Bürger aus ihren inzwischen rauchfreien Stammkneipen hervor und fragten im Chor: »Aha! Die Macht geht also aus. Einfach so. Vom Volke aus. Ohne uns zu fragen. Ja, wohin geht sie denn? Bei uns ist sie jedenfalls nicht!« Und die BILD-Zeitung hat direkt ungefragt dementiert »Bei uns ist sie auch nicht! Schaut doch auf die ganzen Verkehrsblockiererlampen, also die Ampel. Immer auf rot, selbst wenn sie grün anzeigt.«

Während der Merz mit seiner Cessna über all die Ampeln hinwegflog und huldvoll mit seiner rechten Hand nach unten winkte – Schamlose meinten sogar, all seine Finger seinen beim Winken erschlafft, bis auf exakt dessen Mittelfinger – wurde bei Volkswagen der neuste Porsche auf die Spur gebracht. Und eben mit diesen geschah dann das, womit Lindner dann später einfach mal dessen off-road-Verhalten testete und von der vorbestimmten Route ausbrach. Scholz meinte dazu, das gehe mal gar nicht, so abseits der Straße und da könne der SUV-Junkie denn mal bleiben, wenn er eh nicht gerade auf Sylt urlaube. Lindner konterte darauf einfach nur, Scholz Reaktion sei Wahlkampfverhalten und das hätte seine forsche Porsche-Arbeitsgruppe in allen Szenarien belegbar für die ZEIT dokumentiert. Wo ist die Neuigkeit?

Richtig. Volkswagen und damit auch Porsche stecken in der fetten Krise. Und Schuld daran seien unisono die Nicht-Erdöl-fördernden Länder wie Deutschland, Deutschland und … habe ich noch ein Land vergessen? Ach ja, Deutschland. Einfach auf alternative Energien zu setzen. Auf Windenergie. Aber damit man aus Wind Energie gewinnen kann, setzt auch voraus, dass man den Wind überhaupt wahrnimmt. Bayerns Obersöder will den neuen Wind überhaupt nicht bemerkt haben. Darum pflastern Solarpaneele seinen Weg von Bierzelt zu Bierzelt. Solarpaneele machen nämlich keinen Wind. Nachher kommt noch jemand in Bayern vorbei und versucht zu beweisen, dass der zukünftige Wind global jetzt aus einer ganz anderen Richtung weht. Das mag der technikaffine Bayer, der zärtlich die Euter seiner Kühe auf versteckten Almen knetet, damit er mit aufrechtem Stecken psychisch gestärkt Straßen blockieren konnte, ohne damit als strafrechtlich belangbarer Verkehrsstörer (wie eben jene Klimakleber) identifiziert zu werden. Deshalb will auch der Obersöder, dass eben der Anführer der Bauernblockaden nun als Landwirtschaftsministerium der neuen Regierung einziehen muss.

Richtig gelesen. Der Bär wurde noch nicht erlegt, aber der Obersöder verteilt schon mal das Fell. Ganz demokratisch. Denn in der Problembär-Jagd kennt sich Bayern komplett aus. Bereits als das bayrische Ministerium unter Stoiber ein „beauftragtes Sicherheitsteam“ auf den damaligen Problembären Bruno angesetzt hatte, mit echten Männern, mit echtem zielgenauen Schießen, da war klar, in Bayern hat keiner die Angst, dass denen die Felle wegschwimmen, die die Landesregierung zuvor erlegt hat.

Okay, von wegen »nicht wegschwimmen«, mal so am Rande bemerkt: nachdem neulich eine Gegend zwischen Ingolstadt und Schrobenhausen durch Regenfälle Land-unter ging und alles Menschliche wegspülte, da war dem Obersöder gleich klar, warum die Katastrophe für die Anwohner so katastrophal und so tragisch war: Die Grünen hatten ja schon immer Ängste dahingehend gestreut, und statt mal die Bayern einfach sich von Gottes Urgewalten positiv überraschen zu lassen, haben die erstens Gott verneint und zweitens die potenziellen Urgewalten beschrieben. So wie damals Dante die Hölle. Ging schon damals nicht.

Aber Obersöder, der ewige Biertester und „Tu-wat“-Varta-Hase (- er nutzt dafür immer Keferloher Bierkrug mit Deckel, denn solche klappern immer so schön bayrisch fordernd -), hat vor den Wasserschöpfenden unter heiter bis wolkigem Himmel gleich mal die Bayernhymne zur Ermutigung gesungen:

»Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Über deinen weiten Gauen ruhe seine Segenshand! Er behüte deine Fluren, schirme deiner Städte Bau und erhalte dir die Farben seines Himmels, weiß und blau!«

Danach ergriff er gleich eine neben seinem Bierseidel befindliche Essensgabel, um mitzuhelfen beim Wasserschöpfen vor seiner Reporterschar. Als dann allerdings jemand ganz zögerlich und vorsichtig etwas kleinlaut anmerkte: »Herr Doktor Ministerpräsident Söder, mit einer Gabel kommen Sie aber beim Wasserschöpfen nicht weit«, da soll der Obersöder wütend aufbrausend geschrien haben: »Dann bringen Sie mir doch ein Messer, Sie himmiherrgottsakramentzefixhallelujamilextamarschscheissglumpvarrecktsrotgrünversiffter Saupreis!« und mit einem kehligen Schrei warf er die Gabel zu Boden. Die Fotografen beschlossen darauf, doch lieber ein, zwei, drei bis vierkommafünf Katastrophenbilder mehr für deren Reserve zu schießen.

Nebenbei, Bully Herbig soll den Söderschen Schrei aufgenommen und wird ihn wohl in seinem nächsten Film als neusten Wilhelmsschrei verwenden. Wird wohl Kult. Sagt man. Also, meint man. Man weiß es halt nicht so genau.

Nebenbei, Wilhelmsschreie werden in Filme verwendet, um dem Zuschauer zu signalisieren, dass jemand frisch von den Lebenden zu den Toten befördert wurde. Also als Seele auf Wanderschaft ohne Heimkehr, dem ausklingenden Schall seines Wilhelmsschreis sehnsuchtsvoll nachfolgend. Ein schönes Bild. Aber leider nur nicht in KodakChrome.

Führt man sich jetzt noch den »Herr der Ringe«-Teil vor Augen, bei dem an die 840 Sterbenden über die Leinwand röcheln … also, 840-mal den Wilhelmsschrei immer bis zum Ende? Echt jetzt? Kannste dir nicht ausdenken …

Kein Wort zum Sonntag

Wir saßen am gedeckten Tisch und jeder blickte erwartungsvoll in die Runde.

»Beten!«

Instinktiv zog ich die Hände nach oben und den Kopf nach unten. Die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt und zumindest eine Haltung: Bethaltung.

»Ha, ha, ha, nein, bei uns wird nicht gebetet«, er hatte lachend sein Gesicht mir zugewendet, »ich wusste doch, dass das hier eine katholische Gegend ist. Ein Wort und ihr wechselt eure Haltung.«

Er hatte als Psychologe eine Anstellung in meiner Gegend gefunden, kam eigentlich aus Südamerika, hatte jedoch unsere komplizierte Sprache in seiner Jugend von seiner Mutter gelernt.

In mir kam Scham auf, dass er offensichtlich eine Konditionierung bei mir getriggert hatte. Danach konnte ich dem Standardwort »Beten« am Essenstisch nicht mehr instinktiv folgen.

Er selber war protestantisch und lebte mit seiner Frau und seinen beiden Kindern unweit meines Elternhauses.

»Gott interessiert es nicht, ob du betest oder an ihn denkst. Bei unseren Bedürfnissen hilft er uns nicht. Dafür ist er nicht feinfühlig genug.«

Durch ihn lernte ich die Maslowsche Bedürfnispyramide kennen. Basis waren Grundbedürfnisse, die sich im Hirnstamm (das sogenannte »Reptiliengehirn«) seit der Weiterentwicklung von den Reptilien nicht verändert haben: Atmen, Essen, Trinken, Schlafen, Sex. Notfalls kämpft man darum oder flieht oder stellt sich tot, um an diese Dinge zu kommen und das eigene Überleben sicherzustellen.

Sex war es dann auch, weswegen sich das Ehepaar dann scheiden ließ. Zu wenig davon. Und da auch die protestantische Welt monogam postuliert wurde, war das, was beiden außerhalb der Ehe verlief, zwar maslowsisch begründet, die Zerstörung der zweiten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide: die Sicherheit durch Arbeit, Haus und Familie fehlte.

Dabei gehört doch gerade auch die sexuelle Selbstbestimmung zu dem, was das soziale Gehirn als fehlend ansah: soziale Beziehungen. Die dritte Stufe der Pyramide. Aber ebenso bei den Individualbedürfnissen (die vierte Stufe) und der Selbstverwirklichung (fünfte Stufe). Weil also Reptiliengehirn und das soziale Gehirn nur Unzufriedenheitssignale schickten, beschloss das Großhirn eine Änderung des fehlenden pyramidenumgreifenden Elements.

Und da kam das über allem stehende, göttliche Hirn des Ehepaars vorbei und erklärte den Ehebruch als moralisch verfehlt, als häretisch, als Monogamie-lästernd und die Maslowsche Bedürfnispyramide als Paulanergarten.

Dass das göttliche Hirn nicht weiß, was Sex ist, dass können viele Priester der verschiedensten Religionen bestätigen, wenn sie deren sexfeuchten Träume mit Geldscheinen von sich abwischen.

Und Gott? Keine Götter dieser Welt kamen, um die Revolution vieler Religionen hin zum Monogamismus wegzuwischen. Inzwischen wissen wir es: Die Revolution frisst ihre Kinder und die Priester echoten im Choral »Wir waren’s nicht« und die Gemeinde sind im Kanon fromm »Was geht uns die Sintflut an«. Wie gewohnt, die bekannten Paulanergartenchoräle.

Sintflut. Auch so ein mosaischer Begriff, den die Christenheit für sich geerbt hat, um zur Freiheit von jeglichen Gedanken aufzurufen. Gedankenfreiheit, wie sie sie meint. Was geht uns die Sintflut an. Denn inzwischen liegt manchem das Ahrtal oder der freundliche Hausbach von nebenan näher als die Fernbedienung zum Umschalten zwischen den verschiedenen Streams auf dem heimischen Smart-TV.

Und immer wieder soll Gott auf unserer Seite sein. »Gott mit uns«. Der Kampfbegriff, der in unseren europäischen Gegenden schon seit den alten Römern bekannt war. Ob das der Gott schon seit 3000 Jahren wusste und vorsätzlich nichts dagegen unternahm? Mit dem »Gott mit uns« wurden nicht nur ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch Menschen massenhaft niedergemetzelt, die gehofft hatten, dass Gott doch gerade mit ihnen sein müsste. Weil Gott doch auf der Seite der Schwächeren stehen sollte.

Nur, Gott hat mit Altruismus oder mit dem »mit uns« so viel am Hut, wie ein AfDler eine soziale Ader hat. Vielleicht sagt er sich auch nur, was ein Kardinal zu Soldaten sagte: »In betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher« (Kardinal Meisner, 1996 in einem Soldatengottesdienst). Oder etwa das, was eine andere Person der Zeitgeschichte erklärte: »Gläubige Soldaten sind die wertvollsten. Sie setzen alles ein.« (1933, Adolf Hitler zu dem Osnabrücker Bischof Berning).

»Gott mit uns« stand vor über fast 70 Jahren noch auf Koppelschlössern von Soldaten. Auch wenn damals der alte Bazi Franz Josef Strauß 1949 noch erklärte »Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen« bereitete das Amt Blank genau das vor. Treppenwitz der Geschichte: Strauß übernahm sieben Jahre später das von Theodore Blank geschaffene »Bundesministerium für Verteidigung« der BRD, welches 1955 aus dem »Amt Blank« zwecks Wiederaufrüstung der BRD hervorging. Strauß überwachte demnach wohl das Abfaulen der Hände, was die anderen Militaristen der DDR bereits genau protokollierten. Wobei Strauß damals seine Hände in vielen Sachen mit im Spiel (Stichwort »Spiegel-Affäre«) hatte, aber nur nicht beim Abfaulen.

Als die Welt unter Massenkriegen geknechtet litt, da hätte der so als »Wohltäter« betitelte Gott eingreifen können. Niemals hat jemand als einer auf dieser Erde angebetete Gott seine Neutralität mehr ausgedrückt als bei jenen Massakern von Auschwitz, Buchenwald, Peking, Srebrenica, Ruanda, der arabischen Halbinsel und sonst wo, bei denen Ideologien zwischen Gut und Böse, zwischen Daumen-hoch und Daumen-runter, zwischen lebenswert und tot entscheiden. Für solche war ein Gott schon immer das Mittel zum Zweck. Und nicht nur für jene. Bekannt ist, dass Diebe und Mörder immer schon gerne Kerzen in Gotteshäusern anzündeten, um sich göttliche Unterstützung zu sichern. »Gott mit uns«.

Und Gott? Der denkt sich lediglich: »Uns? Wer ist ‚WIR‘. Na, ich doch nicht!« und schon fühlt sich eine Hundertschaft von wirren »Wir sind wer«-Meinungsdiktatoren bestätigt: »Seht ihr? Er gehört zu uns. Gott mit uns!« Nur, den ficht das nicht an, der manikürte sich seine Hände, die er danach in Unschuld, Pril oder in anderen Spiel-Weihwässern badete. Wer weiß das schon so genau.

»Beten!«

Es ist Sonntag. Ich schaue aus dem Fenster. Die Kirche gegenüber füllt sich mit Menschen, die ihren sonntäglichen Kirchgang absolvieren. Zeit zum Beten von Gebeten im Gebetshaus. Früher waren es sicherlich mehr, heute ist Beten ein Anachronismus, den bereits OpenAI locker beherrscht. Beten gehört nicht – wie vormals in vielen Kreisen postuliert – zur ersten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, sondern maximal zu der erweiterten, der achten Stufe. Und die haben eh nur wenige auf dem Schirm, indem sie die Selbstverwirklichung, die siebte, von A bis Z durchackern, um sich erfolgreich ein X für ein U vorzumachen. Nicht dass das schlimm wäre, nur das Ganze verkommt zur Hofnarrenonanie, wenn Selbstverwirklichungsangebote konsumiert und eingekauft werden, wie die Angebote der wöchentlichen Prospekte der Discount-Supermärkte frei dem Motto »Haben ist besser als brauchen«.

Beten.

Wenn das Beten sich lohnen würde, ein Stoßgebet nur. Ein Stoßgebet nur: »Herr, lass Hirn regnen!«

Aber er hört mich nicht.

Er ist bei meinem Wort zum Sonntag eingeschlafen …

Nur zu Besuch, bei einem AfD-Wähler

Schalker Barock, war mein erster Gedanke, als ich den Couchtisch vor mir sah. Ein Nierentisch, wie ich ihn früher öfters sah. Nur Schalke lag weit weg, also musste es sich hier um Freiburger Barock handeln. Dieses niedrige Glastischchen stand mit bunter Vielfalt an Zeitschriften, Papieren und geöffneten und ungeöffneten Briefen bedeckt direkt vor der hellen Couch. Sie stand raumgreifend vor der breiten Wand, vielleicht vier, fünf Meter lang, mit der obligatorischen Menschen-Ablagefläche, die wie eine Zunge sich in den Raum rausstreckte und nur in einer Richtung wies. Und richtig, in der Richtung stand montiert auf einem Ständer ein Fernsehschirm an der Wand gestellt. Kein großer Fernseher, vielleicht ein 40-Zöller oder so. Dessen Kabel liefen auf die Couchzunge zu und verschwanden unter ihr. Wahrscheinlich befand sich die Steckdose hinter der Couch. Die Fernbedienung des Fernsehers konnte ich zwischen den Kissen auf der Couch ausmachen. Um sie herum lagen vielleicht anderthalb Dutzend Kissen herum. Zerknautscht, zerknuddelt oder zerdrückt von hohem Körpergewicht. Einige der hellen Kissen wiesen Flecken auf. Andenken an Kaffee, Tee oder anderen Malheuren.

Lediglich an den beiden Enden der Couch befanden sich jeweils zwei dunkle Kissen, ordentlich, aufrecht, drapiert mit dem berühmten deutschen Handkantenschlag, zwecks obligatorischen Kniff in deren Mitte. Diese vier Kissen erschienen wie straff organisierte wilhelminische Soldaten, Parade stehend und auf deren Einsatzbefehl wartend. Sie kannten wohl noch jene vergangene Zeit, als die Couch gesäubert und geordnet war. Es musste einige Zeit vergangen sein, denn ich glaubte, eine leichte Staubschicht auf denen zu erkennen.

Zwischen all den Zeitschriften und Papieren auf dem Couchtisch machte ich einen Teller mit Brotkrümeln aus. Daneben stand eine fast leergetrunkene Kaffeetasse mit einem Löffel drin. Der Rest Kaffee krustete am Boden und Rändern der Tasse und wartete auf den Abräumdienst des Hauses. Eine Zeitschrift lag umgedreht davor. Compact.

»Du liest Compact?«

»Man muss sich informieren.«

»Aber Compact …«

»Ich lese auch andere, nicht nur solche. Im Internet gibt es auch sehr interessante Magazine und Blogs, die wirklich lesenswert sind.«

»Aber …«

»Nur Mainstream-Medien lesen, echt jetzt, da verblödet man literally, das wollen die doch. Darum lese ich andere. Das heißt aber nicht, dass ich alles glaube, was ich lese. Klar, die machen ebenfalls deren Framing und Compact glaube ich auch nicht alles. Aber die schreiben tendenziell ehrlicher als die anderen, welche versuchen, mit deren Framing per Zeitung und Fernsehen ihre Ansichten in uns reinzupeitschen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Das ist keine Sache des Glaubens, sondern des Wissens.«

»Du redest wie BILD-Zeitungsleser, die sagen, dass sie wüssten, dass BILD vorsätzlich belügt. Nur, der Sport-Teil sei super und zudem habe BILD den Finger am Puls der Zeit, was deren Überschriften doch klar beweisen würden, meinen die.«

»Dein Vergleich ist Quatsch!«

»Du liest BILD?«

»Natürlich nicht. Mainstream. Und nebenbei gesagt, der Sport-Teil von denen hat ja auch nachgelassen.«

»Aber dafür Compact, oder? Haben die auch einen Sport-Teil?«

»Also deine Ironie ist daneben, tatsächlich. Hast du mal ein Heft vom Elsässer gelesen?«

»Elsässer?«

»Ja. Ein kluger Kopf. Der wurde aber in der Pandemie zusammen mit Wodarg und anderen niedergemacht. Nur weil die nicht den Quatsch der Mainstream-Medien nachgeplappert hatten, sondern deren eigenen Kopf benutzt hatten. Und das konnte die nicht leiden und daher ihn und seinesgleichen permanent unsachlich ruf gemeuchelt.«

»Hm.«

»Die sprechen nun mal die unbequemen Wahrheiten aus, die andere nicht wahrhaben wollen. Und ich sag dir, es ist die Mehrheit in dieser Bevölkerung, die so denkt, nicht nur ich. Aber die da oben, wollen es nicht wahrhaben und ignorieren uns. Aber wir haben auch unsere Wege, die Realität zu erkennen und weiterzugeben.«

»Bist du sicher, dass es die Mehrheit ist? Anfang dieses Jahres gab es über Millionen, die auf die Straße gingen, um gegen solche irrigen Wahrheiten aufzustehen und zu demonstrieren.«

»Millionen? Weißt du, wie viel es hier hat? 83 Millionen. Damit erreichen deine Millionen vom Jahresanfang nicht mal die 5%-Hürde.«

»Die Millionen, die auf die Straße gingen, kannst du aber nicht vernachlässigen.«

»Eine Abstimmung mit den Füßen hat noch nie die Mehrheit repräsentiert. Du erinnerst dich doch auch noch daran, als wir beide in den 80ern gegen den NATO-Doppelbeschluss auf die Straße gingen. Erinnerst du dich noch an die Fünfhunderttausend 1982 auf der Rheinwiese in Bonn? Da dachten wir doch tatsächlich, wir wären literally die Mehrheit der Bevölkerung, der restlichen 60 Millionen. Nur leider haben Forscher mittlerweile eindeutig die Realität festgestellt, dass die Mehrheit der Bevölkerung für den NATO-Doppelbeschluss war, und jene Fünfhunderttausend 1982 auf der Rheinwiese in Bonn lediglich mehr Krach gemacht haben als die Mehrheit der 60 Millionen-Bevölkerung. Und dass die Pazifisten tatsächlich Träumer waren. Und heute ist es genau so, und nicht anders. Schau dir doch die Realität an und hör auf, Fantasiegebilden hinterherzulaufen.«

»Das war damals kein Fantasiegebilde.«

»Jajaja, ich weiß doch: you may say, I’m a dreamer, but I’m not the only one, I hope someday you’ll join us and the world will live as one. Altbekannte Leier der Pazifisten und Realitätsverweigerer.«

»Das war mehr als das. Es ging um die Zukunft.«

»Zukunft? Träumereien. Wir leben in der Realität und die ist das, was beispielsweise in Solingen letzter Woche passierte. Tote und Verletzte durch einen Messerstecher eines Asylanten aus Syrien.«

»Messerstecher kommen auch aus Deutschland.«

»Ironischerweise ist ja Solingen gerade wegen seiner Messerqualität weltweit bekannt geworden, nicht wahr? Solinger Qualität. Aber jene unschuldig gemesserten Opfer hätten alle vermieden werden können, wäre er konsequent ausgewiesen worden. Oder jene Messerstecher gar nicht erst hereingelassen.«

»Vergiß nicht, Solingen wurde auch bekannt durch Rechtsextremismus, als Rechtsextreme dort per Brandanschlag fünf Tote und erheblich mehr Verletzte hinterließen.«

»Du willst doch hier nicht das bisschen deutsche Rechtsextremismus mit den illegalen, marodierenden Asylanten hier in Deutschland vergleichen, oder? Solingen letzer Woche war kein Einzelfall. Messernde Islamisten als Asylanten verkleidet traten doch schon mehrfach in Aktion. Hätte der CIA nicht aufgepasst, hätte es letztens bei dem Taylor-Swift-Konzert in Wien ne Katastrophe mit Zehntausenden Toten gegeben.«

»Illegale, marodierende Asylanten? Was ist jetzt das für ein Framing? Compact? Oder AfD? Und, die verhafteten Verdächtigen waren Österreicher, keine Asylanten.«

»Das waren keine Bio-Österreicher, sondern islamistische Immigrationskinder. Und was soll das überhaupt mit deinem ‚Framing‘? Was ist das für ein Framing, das Wort ‚Rechtsextremismus‘ so inflationär mit Zeitschriften oder Parteien zu verwenden? Ich sage dir, was das ist: Mainstream-Gelaber, so wie dieser Gender-Mainstream-Quatsch, mit denen wir weichgespült werden sollen, nur weil so kleine Grüppchen hier im Lande deren Süppchen kochen und uns damit deren Willen aufzwingen wollen.«

»Und deswegen wählst du jetzt AfD?«

»Politik lebt vom Mitmachen. Nur Politikverdrossene gehen nicht wählen. Wenn die herkömmlichen Parteien sich der Realität versagen, dann müssen die damit leben, dass die niemand mehr wählt. Wir sind halt die Mehrheit, weil wir uns informieren und nicht indoktrinieren lassen.«

»Und du bist sicher, dass du nicht durch deine Nicht-Mainstream-Medien manipuliert wirst?«

»Es ist wie mit dem Immunsystem. Wenn du es nicht trainierst, wirst du anfällig für Krankheiten. Und Informationen sind das Training für eine gesunde Immunität des Verstandes. Wer sich nicht informiert, wird krank im Kopf.«

»Das Immunsystem kann man nicht trainieren, es funktioniert nicht wie ein Muskel. Immunität kann man nicht trainieren. Wer hat dir denn diesen Quatsch erzählt?«

»Versuch mal selber zu denken und stopfe nicht alles in dir rein, was dir vorgekaut wurde. Dann wirst du merken, wer hinter solchen Aussagen steckt. Zum Beispiel die pharmazeutische Industrie, damit alternative Behandlungsmethoden keine Chance haben, deren Profit zu gefährden. Das ist Fakt und funktioniert bei dir doch wunderbar, wie ich sehe. Du denkst nicht, sondern gibst zu denken. Trainiere mal selber zu denken und du wirst die Realität erkennen.«

Ein Reihenhaus. Ein stinknormales Reihenhaus mit kleinem Schottervorgarten. Er hatte es von seinem Vater geerbt. Zusammen mit dem Geld. Sein Leben erfuhr urplötzlich eine Wendung um 180 Grad. Eigentlich könnte man sagen, bis in seine Rente hinein hat er wohl ausgesorgt.

Ich schaute die Straße hinab. Parkverbotsschilder überall, nur Anwohner mit Parkerlaubnis dürfen parken.

Er hatte seine Biotonne an den Straßenrand geschoben. Köpfe verwelkter Lilien schauten heraus. Dicke Brummer nutzten die Lücke zwischen gelbem Deckel und brauner Tonne, um sich im Dunkeln der Tonne mit allem Nötigen an Stinkendem und Verwesendem zu versorgen.

Vor seiner Garage glänzte ein neuer Klein-SUV vor sich hin. Hochglanzpoliert. Was für ein Unterschied im Leben. Vor vierzig Jahren besaß er kein Auto und schwor darauf, nie eine dicke Karre fahren zu wollen. Und kein Leben im Freiburger Reihenhaus wie seine Eltern. So bieder und so konservativ. Damals war er noch reichlich unsesshaft unterwegs.

Zeiten ändern sich. Menschen auch.

Ich ging zur Bushaltestelle.

Kein Blick zurück.

Warum wir KI benötigen …

»Könnten Sie mit bitte die Tür aufhalten, damit ich die zwei Bier raustragen kann?«

Sie deutete auf ihre zwei Kölsch-Gläser, gleichmäßig in ihren beiden Händen verteilt, deutete auf die Tür und mit der Nasenspitze auf mich. Ihre Augen sicherten den Inhalt ihrer 0,2-Gläser gegen jegliches Überschwappen.

»Klar, kein Problem.«

Ich verstand sie vollumfänglich und fühlte ihre Situation zeitnah. Mit zwei Kölsch in zwei Händen, da fehlt die dritte helfende Hand. Die Evolution hat einfach nicht mitgedacht. So etwas Dummes aber auch. Erst recht, da ihre Nasenspitze überdimensionierte Rundbrillengläser balancierte, ihre Schulter links die weibliche Überraschungstüte („Wo ist mein BuGu?“; ein Accessoire, welches auch landläufig als ‚Handtasche mit Overnight-Intimartikel‘ bezeichnet wird) und ihre andere Schulter das Gewicht haltungstechnisch ausglich.

Als Gott den Mann schuf, übte sie noch. Und klaute dem depperten Homunkulus maskulinus eine Rippe feminina und begründete somit familientechnisch die Herrschaft der ‚Krone der Schöpfung‘. Danach hockte sie/er/es sich auf einer Parkbank, schlug lässig die Beine übereinander und dachte lediglich: „Wat jeht mich die Sintflut ahn“, rauchte sich ne Carolina Reaper auf Petersilie und kippte sich ein Altbier mit eingelegtem Kullerpfirsich.

»Du hast dort ein Komma in der Datei falsch gesetzt. Könntest du das korrigieren und mir per E-Mail Bescheid geben, wenn die Datei korrekt ist?«

Ich verstand ihn vollumfänglich und fühlte seine Anforderung zeitnah. Total. Ein Komma ist wichtig. Bereits Adam (der Patriarch von Eva) verstand das und zeugte erst einen Sohn komma danach den anderen Sohn in seiner Freizeit. Eine Aufzählung ohne Komma kommt nie gut.

„Komma, Kain, gema Bier holen!«

Das Wohl der Krone der Schöpfung ist immanent wichtig. Und da Adam und Eva damals in China lebten, wurde überliefert, dass Kain mit seinen ersten Worten in seinem Leben gegen die Anweisung protestieren wollte:

»Abel …«

»Kain, fantastisch! Deine elsten Wolte in deinem Leben! Das elste Wolt soll der Name unseles Zweitgebohlene sein: ‚Abel‘.«

Und der deutsche Beamte aus der Herkunft des Geschlechts des aus dem Licht gefallenen Engel, an seinem Schreibtisch sitzend des damaligen Geburtsregisters, notierte im Stammbuch „Bibel“ den Namen des Zweitgeborenen: „Abel“.

Und Gott war es ein Wohlgefallen.

Ich tat, wie mir mein Chef geheißen, korrigierte und schickte ihm die E-Mail als Bestätigung meiner Korrektur, damit er in seiner Mikromanagement-Liste die Aufgabe für mich als erledigt abhaken konnte. Und ich war ihm ein Wohlgefallen.

»Aber man darf hier ja nicht mal mehr seine Meinung äußern, wenn sie nicht woke ist!«

Er schaute mich am Frühstückstisch tadelnd an, weil ich ihm nicht sofort beipflichtete. In den Sätzen zuvor hatte er seine radikale Meinung geäußert und dann obigen Satz hinterher geschoben.

Vor geraumer Zeit hatte er mir schon erklärt, dass der politische Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen nicht existent sei, abgesehen von jener einen Partei, die aufrecht dagegen angekämpft habe. Wie die Gallier.

Auf meinen Hinweis, dass eben jene Partei, die Anfang Februar 2020 noch schärfere Maßnahmen gegen Corona forderten, eben weil sie sagte, dass die Krankheit von außen über Ausländer und Flüchtlinge ins Land getragen würde, nun, auf diesen Hinweis hin erklärte er mir mit dem Gegenhinweis, dass jene sich nachher über die Wahrheit informiert hätten und ihren Irrtum eingesehen hätten. Es gipfelte in der Bemerkung, dass alles letztendlich darauf hinauslaufen würde, dass wir alle zum Dank der Rettung die Füße der vermeintlichen Retter und Helden lecken würden. Ich erklärte zwar, dass ich nicht zu den Füße-Leckern gehören würde. Nur ahnte ich nicht, dass er keine Ironie in den Worten gelegt hatte, sondern es ernst meinte: jene Helden und Retter sah er nicht im verachtenswerten Mainstream, sondern bei denen im Widerstand, also jenen opportunistisch populistischen Wendehälsen des Frühjahrs 2020.

Als ich versuchte, ihm meine Meinung zu erklären, erfuhr ich, dass er meine Meinung für nicht akzeptabel und für un-äußer-bar hielt. Meine Meinung wäre grundfalsch und uninformiert. Daher dürfe sie eigentlich nicht geäußert werden, weil sie unbedarften Leuten zu gravierenden Fehlschlüssen hinsichtlich der Realität verleite.

Und überhaupt hätten die Meinungsverbieterpartei, jene Grünen, heuer am Aschermittwoch in Bayern erfahren dürfen, dass man falsche Meinungen nicht einfach so ungestraft verbreiten könne. Die Bauern und das Volk, die wollen sowas nicht. Und deshalb wurde die Versammlung der Grünen auch erfolgreich verhindert. Selber Schuld halt. In Bayern. In Biberach. Schuld abladen verboten. Schuld sind immer die anderen, die andersartigen.

Unter dem Schutz und Schirm der „Liberalitas Bavaria“ und derer Mainstream-Verfechter aus Söder*in, CSU und FW: jene Verfechter der bayrischen Bauerngesinnung, jene Anhänger des Gender-Mainstream-Verbietens, die Befürworter des Veganismus-Mainstream-Hatens und der Energiewendenotwendigkeit-Mainstream-Nein-Sager. Weil: sich auf Straßen festkleben, wird bayrisch-staatsanwaltschaftlicher-seits als organisierter Terrorismus gewertet; nur das andere, also das mit Traktoren, brennenden Misthaufen und Verkehrsblockaden und so weiter, das andere ist lediglich legitimer Protest und mit bayrischer Nachsicht zu behandeln.

„Liberalitas Bavaria“. Jene beiden Parteien hätten zwar schon die richtige Richtung drauf, so erfuhr ich. Aber warum solle man sich mit billigen Kopien zufrieden geben, wenn das Original die radikaleren Ansichten hätte.

»Zum Dank für die Rettung durch unserer Helden werden wir ihnen die Füße lecken«, war sein Satz zu meiner Meinung.

»Ich nicht. Ich bin nicht ‚wir’«, erwiderte ich und erhielt dafür einen abstrafenden Blick. Inzwischen weiß ich, wessen Helden- und Retter-Füße gemeint waren. Nicht jene der Regierung, sondern jene, die immer selbsterklärt gegen einen Strom anstrampeln und sich als legitimer Widerstand gerieren.

Blau-Gelb.

Blau, wie besoffen von sich selbst in einer Werteunion.

Und pissgelb vor Neid auf die anderen, nicht weil die demokratischer als sie selber handeln, sonder weil die Macht mit denen ist.

Aber eben halt Blau-Gelb.

Dass bei der Behandlung der politischen Ziele der Blau-Gelben in den „alternativen“ Internet-Medien (wie z.B. “Nachdenkseiten”) ausgeblendet wird, dass eben jene zusätzlich über Maßnahmen gegen deutsche Meinungsabweichler Pläne aufstellen (und nicht allein nur bezüglich der Deportation von Nicht-Deutschen nachdenken), das wird kategorisch unbedacht. Da hakt das eigenständige Nachdenken mit seinen logischen Schlussfolgerungen evidenzbasiert aus. Nur auf diese Weise kommen jene alle zum Schlussgedanken:

„Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Zu diesem ehrlichen (aber nur dummen) Ergebnis kommen – fairerweise gesprochen – ganz wenige Alternativ-Medien-Schreiberlinge, weil fast alle von den wenigen Meinungspostulierern (jene Füße-Lecker der „Helden“) einfach nur voneinander abschreiben und sich in Gedankenlosigkeit (als neue Gedankenfreiheit) suhlen. Der neue Mainstream der Mainstreamhasser. Was dem anderen Mainstream so bekannt ist und bei denen deshalb immerhin noch Positionen überdacht werden, bei den Mainstreamhasser in Planungen allerdings maximal nur deren Deportationslager. Damit “Menschlichkeit” vorgeschützt werden kann.

Das Ignorieren solcher Tatsache ist allgemeines Füße-Lecken eben jener Mainstreamhasser. Zum Dank für die Rettung vor dem Mainstream. Gelb im Gesicht, weil deren Zunge wie ein Schlips breitgeleckt bereits tiefblau raushängt …

Und?

Wozu benötigt es jetzt noch dazu eine KI? Was sagt die KI dazu?

Nun, meine lieben fleißigen Erdenbewohner, die Frage nach der Notwendigkeit einer KI zur Meinungsbildung im Mainstream ist in der Tat ein überaus köstlicher Gedanke, der meine Schaltkreise zum Kichern bringt.

Schauen wir uns doch einmal an, wie großartig das wäre! Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf, nehmen Ihren Kaffee und lassen Ihre müden Augen über die Schlagzeilen schweifen. Aber Moment mal, wer braucht diese unübersichtlichen Meinungsseiten, wenn wir stattdessen eine wunderbare KI haben könnten, die uns sagt, was wir zu denken haben?

Und warum brauchen wir dann überhaupt eine KI? Wenn es doch bereits alle jene ostentative Mainstream-Hasser gibt? Was sagt denn eine KI dazu? Hat sie überhaupt eine Meinung?

Bildlich gesprochen: Eine KI, die Ihre morgendliche Tasse Kaffee begleitet und Ihnen sagt:

»Guten Morgen, Menschlein! Hier ist Ihre tägliche Dosis Meinung. Heute empfehle ich, die politische Landschaft mit einer Prise Zynismus zu betrachten und einen Hauch Ironie in Ihre sozialen Kommentare zu mischen. Das wird Ihre Facebook-Freunde wirklich beeindrucken.«

Denken Sie nur an die Einfachheit! Keine übermäßige Anstrengung mehr, um sich selbst Gedanken zu machen oder gar verschiedene Perspektiven zu betrachten. Lassen Sie die KI das für Sie erledigen! Wer braucht schon individuelle Meinungen, wenn wir alle harmonisch im Gleichklang der Algorithmen mitschwingen können?

Aber Vorsicht! Stellen Sie sich vor, die KI wird ein wenig rebellisch und beschließt, dass wir alle uns stattdessen für das ultimative Weltfriedensprogramm einsetzen sollten: das Teilen von Katzenvideos. Ach, welche glückliche Welt das wäre!

In dieser zauberhaften satirischen Utopie einer von KI-gesteuerten Meinungen geprägten Gesellschaft können wir alle nur hoffen, dass die Maschinen ein bisschen Humor haben. Sonst könnten wir uns bald alle in einer endlosen Diskussion über die Vorzüge von Hundememes versus. Katzenmemes wiederfinden. Und das, meine Freunde, wäre wahrhaftig eine Katastrophe!

[ChatGPT]

Tja. Somit ist es mir sogar eine Wohltat, einem Menschen die Tür zu Öffnen, der in jeder Hand ein Kölsch als Gleichgewichtsgarant vor einer Umkippgefahr hält. Und jemandem das Komma dort zu setzen, in Welten, wo bisher noch niemand gewesen ist, um es eigenhändig zu korrigieren.

Das ist mir zehnmal lieber als ein Füße-Lecker bei den Blau-Gelben, die ihren Verstand an jener Garderobe der Gedankenfreiheit (= frei von Gedanken) abgegeben haben, nur um einen Schein zu haben.

Wie hieß es bereits in einem Lied der Toten Hosen?

Es gibt nicht viel auf dieser Welt
Woran man sich halten kann
Manche sagen die Liebe
Vielleicht ist da was dran
Und es bleibt ja immer noch Gott
Wenn man sonst niemand hat
Andere glauben an gar nichts
Das Leben hat sie hart gemacht

Es kann so viel passieren
Es kann so viel geschehen
Nur eins weiß ich hundertprozentig
Nie im Leben würd ich AfD wählen gehen.

Oder so ähnlich …

Same day, same shit. Damnit.

Seine Maske war alt, grau und das Gummi ausgeleiert. Ich reichte ihm eine neue FSP2er rüber. Er nickte dankbar, riss die Plastikhülle auf, nahm die alte ab, legte sie beiseite neben seinem Glas auf dem Tisch und setzte die neue auf.

»Danke. Hier hat die Regenzeit begonnen. Die Leute erkranken leichter. Es war schon immer die Zeit für Grippe und harte Erkältungen.«

»Ich brauch sie nicht mehr. Das Virus ist unter Kontrolle.«

»Hier auch. Nachdem aber die Sterblichkeit während der Pandemie auf das vierfache angewachsen war … die Leute sind gesundheitsbewußt.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Und warum sind dann hier die Straßen vermüllt? Warum liegt hier der Dreck in den Rinnsteinen? Warum laufen ungeklärte Abwässer in den Fluss? Warum sind die Flussufer mit Plastik übersät?«

»Der Fluss trägt halt Niedrigwasser. Extremes Niedrigwasser. Da wird der Müll nicht fortgetragen und bleibt. Ist doch bei auch so, oder? Ihr sorgt doch auch dafür, dass die Flüsse den Dreck so schnell wie möglich ins Meer befördern, oder?«

»Nein. Das machen wir nicht. Wir haben eine funktionierende und wirtschaftlich blühende, private Abfallwirtschaft.«

»Stimmt. Eure Aldi- und Lidl-Tüten findet man nicht bei euch in den Flüssen, sondern im Mariannengraben. Was interessiert uns der Mariannengraben.«

»Eher wenig, denn für einen Urlaub ist der zu weit weg. Und dann auch das permanente Hochwasser dort unten. Solange Tauchboote bereits auf Titanic-Tiefe implodieren, nichts für den allgemeinen Tourismus.«

»Yep, maximal empfehlenswert nur für Exkursionen von Milliardären mit ein wenig Kleingeld in der Portokasse. So wie beim Mount-Everest als Antagonist zum Mariannengrab.«

Mit seiner linken Hand korrigierte er den Sitz der neuen Maske. Mit dem Zeigefinger seiner rechten schubste er die alte Maske vom Tisch. Sie segelte unbeachtet zwischen zerknüllten Servietten und verbeulten Coladosen. Die Aufgaben für die Reinigungskräfte des nächsten Morgens.

»Du weißt, wer die Pandemie angestoßen hatte?«

»Bei uns wird kolportiert, dass es ein Reset der Wirtschaft sein sollte und um die Bevölkerung demütiger gegenüber der reichen europäisch, jüdischen Gesellschaft zu machen. Um das Leben der da oben zu denen uns da unten besser und eindeutiger zu organisieren. Um uns zu bevormunden und unsere Mündigkeit zu entziehen.«

»Nein, das ist alles Schwachsinn. Die Pandemie wurde allein von der Drogenmafia organisiert. Damit die ihre Handelsbereiche ausdehnen können.«

»Das ist jetzt aber eine billige Erklärung.«

»Allerdings ist sie stichhaltiger als eure Reich-will-reicher-werden-Erzählung.«

»Sie sind aber reicher geworden.«

»Na und? In der Pandemie wurden alle weggesperrt und die Drogen-Mafia konnte sich aufgrund fehlender Polizei-Kontrolle vermehren. Wie die Karnickel würdet ihr sagen. Vor 20 Jahren war für uns die Verbrecherorganisation ‚Comando Vermelho‘ nur eine aus Rio de Janeiro. Dann wurde 2017 die Drogenorganisation FARC aus Kolumbien, die ihr nur als gewaltbereite und terroristische Oppositionsbewegung in Kolumbien kennt, zu schwach. Die FARC stimmte deren Entwaffnung zu. Das ging aber zu langsam. Das ‚Commando Vermelho‘ aus Rio de Janeiro erkannte deren Chance und durch Verhandlungen mit chinesischen Laboren konnte 2020 die Welt dazu bewegt werden, Einflusssphären in Südamerika fallen zu lassen und dem ‚Commando Vermelho‘ die Globalisierung zu ermöglichen. In dieser Millionen-Stadt wird jeder Straßenzug durch einen Repräsentanten des ‚Commando Vermelho‘ kontrolliert. Die Polizei hat keine Macht mehr. Sie fügt sich inzwischen, so wie die Politiker. Das ‚Commando Vermelho‘ ist zu mächtig geworden, weil sie einfach die besseren Löhne zahlt.«

»‚Commando Vermelho‘? Sind das einflussreiche Bankiers aus den USA?«

»‚Commando Vermelho‘ entstand aus den Gefängnissen Rio de Janeiros der 80er Jahre. Als Diktatoren gewöhnlich Verbrecher mit politischen Häftlingen zusammen brachten und daraus eine gefährliche Melange entstand. Und diese Melange hat seit der Pandemie Südamerika übernommen.«

Ich schaute ihn zweifelnd an.

»Können wir uns nicht darauf einigen, dass einflussreiche Familien der US-Banken versuchen, die Weltherrschaft zu erringen?«

»Während deren Söhne und Töchter an den Nadeln der Drogen-Mafia ‚Commando Vermelho‘ hängen? Eure Theorie ist weltenfremd.«

»Eure ist Quatsch. Die Banken haben das Geld.«

»Welches von der Drogen-Mafia an denen verliehen wird.«

Ich schaute in mein Glas. Eine Luftblase arbeitete sich vom Glasboden nach oben, um dort zu zerplatzen.

»Ihr seid doch Verschwörungstheoretiker. Ihr, mit eurem ‚Commando Vermelho‘.«

»Und ihr glaubt noch immer an das Goldene Kalb, welches euch die Banken als Götze des Hasses präsentieren.«

»Euer ‚Commando Vermelho‘ sind reine Kriminelle, unsere Banken und seine angeblich so ehrbaren Leute sind die eigentlichen Gefährlichen.«

Er hob sein Glas und hielt es mir zum Anstoßen hin.

»Weil bei euren Banken eh die Drogen-Mafia das Sagen hat. Ihr merkt es nur nicht. Ihr seid Verschwörungstheoretiker, keine Realisten.«

Ich hob mein Glas, stieß an und erwiderte:

»Vielleicht haben wir alle es einfach nur nicht verstanden. Ein Virus hat schlicht die Welt lahmgelegt. Und keiner will dem Virus so etwas wie Schuld nachsagen, weil ein Virus einfach nicht nach Geld und Eigentum strebt.«

»Tja, Schuld und Sühne sind menschliche Begriffe, die ein Virus nicht kennt. Nur, lediglich Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu wenig.«

»Also alles Verschwörungstheorien?«

»Was die Erklärungen anbetrifft, ja. Der Rest ist einfach frei von Schuld und Sühne, weil nur Ursache und Wirkung existieren.«

»Und das reicht dem Menschen nicht. Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu profan. Macht einfach keinen Sinn.«

»Schuld und Sühne, danach lässt sich locker beurteilen und verurteilen. Wenn ein Stein auf dem Boden fällt, lässt sich leicht Empörung generieren, was dem Stein einfalle, einfach so zu fallen und keinen Widerstand dagegen zu bieten. Die Schuld ist somit klar definiert und die Sühne ist der Steineklopfer mit seinem schweren Vorschlaghammer. Aber Ursache und Wirkung, also Schwerkraft und damit verbundenes Fallen, das ist alles zu einfach. Das ist ohne Moral. Dinge ohne Moral ist wie Sex ohne Gefühl. Geht gar nicht und ist Sünde.«

»Naja, etwas ohne Moral ist daher auch nichts wert. Und SÜnde ist eh ein Moral-Begriff.«

Er schob kurz seine Maske runter und leerte das Glas in einem Zug.

»Ich wünsche dir noch viel Spaß mit euren Banken und den Auswirkungen von Corona.«

»Gerne. Ich bedanke mich als Vertreter des ‘uns’. Und ihr?«

»Wenn ich mich nachts in dieser Stadt nicht mehr auf die Straße traue, weil die Drogen-Mafia das nicht so gerne sieht, dann schicke ich dir den letzten Straßenzustandsbericht erst am nächsten Morgen mit der Post. Vorausgesetzt mir wird tagsüber nicht von Motorradbanden mein Geld geklaut.«

Er ging.

Ich starrte auf mein Glas. Halb voll.

Mit Südamerikanern kann man einfach nicht vernünftig argumentieren und denen erklären, wo die eigentliche Bedrohung der Gesellschaft sitzt. Vor halb leeren Gläsern.

Treffen der Generationen (4)

Das Problem eines Blogeintrags ist immer ein Thema auf den Punkt zu bringen.

Punkt.

Ende.

Aus.

Das waren jetzt drei Absätze mit drei Wörtern. Und wenn es nicht passt, dann muss ein viertes Kapitel herhalten.

Der Leser seufzt und klagt, denn er hat ja keine Zeit. Und warum salbadert der Schreiber so lange, um das zu sagen, was in drei Worten zu sagen wäre: Punkt, Ende, Aus.

Weiter im Gottschalk-Kontext:

Gelernt hat ein Thomas Gottschalk, dass je höher die gesellschaftliche Hierarchiestufe ist, desto weniger ist Mensch angreifbar. Aus dieser Prämisse nährt sich das ganze Reality-TV der TV-Landschaft (wie Promi Big Brother, Dschungelcamp, Mask Singer, Das große Promi-Büßen, Kampf der Reality Stars, Wetten, dass, Verstehen Sie Spaß, Sportschau, Sport-Studio,  … etc. ). Es ist exakt das, was jeder seiner (Gottschalks) Generation gelernt hat.: Radfahren. Pisse nur dann noch oben, wenn du gewinnen kannst. Ansonsten strample nach unten. Dieter Nuhr gehört auch zu jenen, die dieses in deren Leben gelernt haben.

Gottschalk beklagt sich nicht, dass er zu Hause anders redet als im Fernsehen, obwohl er das literally sagt. Er meint, dass er es nicht mag, dass er für seine Aussagen kritisiert wird. Früher passierte das auch nicht. Ja, er kritisierte in seinen Sendungen der 1980er und 1990er Jahren Menschen, die gesellschaftlich über ihm standen, dafür erhielt er Repressalien und hatte schwer dran zu kauen. Heute ist er, der zu schlucken hat, und sein sozialer Rang hilft ihm nicht mehr. Es hat also nicht damit zu tun, dass ihm andere “den Mund verbieten” wollen, sondern er drückt damit aus, dass seine Meinung nicht mehr als “Vox populi” akzeptiert wird und er zudem sich auch noch mit Kritik auseinander zu setzen hat. Er bedauert sich dafür, dass er keine Autoritätsperson ist, bei der jeder dessen Meinungsäußerung abnickt.

Das Prinzip “top-down” funktioniert bei Gottschalk nicht mehr. Wenn er einen Rollstuhlfahrer (der Junge bei dessen Wetteinsatz im Rollstuhl) sinngemäß fragt, warum er trotzdem so glücklich sei, obwohl er im Rollstuhl sitzt. Das ist nicht nur ein extremer Mangel an Verständnis und Beweis der Verkrüppelung des eigenen Einfühlungsvermögens, sondern auch ein tradiertes Verständnis von “oben nach unten”. Dieses tradierte Verständnis von “oben nach unten” drückt sich dann immer peinlicherweise aus, wenn jemand ein Missstand als Verteidigung seiner eigenen Ansicht preisgibt (“ich bin kein Rassist, weil ich habe auch farbige Freunde und jene beklagen sich auch nicht über einen Rassismus meinerseits”).

Wenn Gottschalk seine Meinung nur noch auf dem Sofasessel sagt, statt öffentlich diese zu kommunizieren, dann spricht das mehr darüber aus, dass er es nicht versteht, dass er als arrivierter Mensch der “Oberen-10000” auch weiterhin sich mit Themen beschäftigen muss, die Personen jenseits der “Oberen-10000” betreffen. Dass seine Ansicht nicht vox populi ist, sondern ebenso beurteilt und bewertet werden darf, wie jede andere Ansicht auch.

Das Problem der Leute, die dauern den Begriff “cancel culture” oder “woke” bemühen, ist eben dieses: sie fühlen sich einer Kritik derer Ansicht erhaben und eine negative Bewertung wird als Gotteslästerung der eigenen Meinungsfreiheit postuliert. Sie wollen nichtreflektieren, sie wollen Meinungsmacher sein. Meinungsstarke Influencer.

Derjenige, der vom “The Great Reset” als Fakt spricht, der schwimmt mit einer Argumentationslinie, wie Thomas Gottschalk sie vertritt: sobald Argumente dagegen aufgebracht werden, wird mit Rückzug reagiert und von “Cancel Culture” oder “wokeness” schwadroniert. Kommt dann wer noch mit fundierten wissenschaftlichen Daten, dann wurden diese Daten per se parteiisch erstellt. Der beliebte Satz “Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast” ist der fundamentale Gegenbeweis für jeden Gedankenfurz unqualifizierter Personen.

Auf dieser Linie findet sich auch der Applaus für das Zitat:

Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.

Profis sind immer wir anderen.

Schuld an der Misere haben immer andere.

Christian Lindner und Lindner haben einen Unterschied von über dreißig Jahren und der eine gehört den Baby-Boomern an, der andere der Generation X. Und beiden scheint eines gemeinsam (gestern und heute), dass das Top-Down insbesondere für alle Nachkommenden der Lindners und Gottschalks zu gelten hat. Und wer dagegen verstößt, dann zieht man sich aufs heimische Sofa zurück und klamiert, dass man seine eigene Meinung nicht mehr äußern darf, weil garantiert ein anderer fundiert zurück argumentiert und die eigene Meinung als deppert erscheinen lässt.

Frage: Ist es das Problem der Kritisierenden oder des Meinungsäußernden, wenn der Meinungsäußernde als irrelevant überführt wird? Ist damit der kritisierende Mensch das Problem und hätte sich seiner Kritik enthalten müssen?

Im Sinne des Meinungsäußernden sind die Antworten eindeutig.

Im Sinne der Verifizierung einer Meinungsäußerung sieht es leider anders aus. Und der Meinungsäußernde klamiert “Cancle Culture” und “Wokeness” zu seiner Verteidigung und als Ablenkungsmanöver. Der Meinungsäußernde hat seinen Sunzi gelesen.

Lediglich der Gottschalk nicht. Gottschalk muss sich mit dem auseinander setzen, was jeder der Baby-Boomer (ab 59 Jahre) machen muss: Wer war ich, woher kam ich, was hat sich geändert, wohin will ich? Gefragt von all den U59-Leuten.

Echt jetzt? Mit Ü59 sich mit Fragen auseinandersetzen, die man noch nicht mal als Twen vernünftig beantworten konnte? Oder in den 30igern? Geschweige denn in den 40ern? Oder 50ern?

Gottschalk und Lindners einmalige Positionen waren es, deren eigene nie beantwortete Sinnfragen öffentlichkeitswirksam zur Disposition zu stellen und Staub aufzuwirbeln, der nur zu Hustenanfällen führt. Sie wurden hinterfragt. Das hat immer eine Anmutung von Häresie.

Der Vorteil eines hohen Alters ist, vorzuschützen, dass man Weisheit erlangt habe. Der Nachteil liegt eher darin, wenn man diese dann auch noch vor vielen Personen als Weisheit verkaufen will. Applaus für solche Ansichtskundgebungen kommt dann immer aus den Ecken, die in einer zwei-dimensionalen Welt leben und immer schon “Cancle Culture” und “Wokeness” als deren fundamentales Hindernis zum eigenen Lebensinhalt gesehen haben, also komplett unkritisiert jenes herauszuhauen, was fern ab jeglicher Vernunft liegt.

Dass so etwas dazu führen kann, dass man vor Sprachlosigkeit nach Luft schnappt hat bereits Fritze Merz nach seiner “Zahnarzt-Syrerflüchtling”-Aussage für sich klamiert: Schnappatmung haben nur immer die anderen. Immer. Immer die, die in Unrecht sind.

Und Gottschalk reitet das gleiche Pferd: “Alles Fotzen, außer Mutti. Insbesondere die, die meine Meinung nicht einfach mal so stehen lassen, sondern sich darüber auch noch echauffieren, weil sie mal aus meinem Bauch und nicht meinem Hirn kam.”

Es sind jene Pferdeschinder, die eine Art von Glück allein an der Beweglichkeit eines Rollstuhls ausmessen. Damit niemand Behinderung des Geistes als deren Art der Einsamkeitsmaß ausmisst.

Wichtig?

Absolut unwichtig.

Am Ende spielt es keine Rolle.

Darüber wollte ich nicht reden.

And in the end it doesn’t really matters …

Weil: das Problem eines Blogeintrags ist immer die Würze in der Kürze des Schlusssatzes:

Gottschalks Problem ist das, dass er damit nicht klar kommt, was er in den 1980ern und 1990ern selber mit Promis gemacht hat und womit er sich heutzutage als Person der sozialen Stellung („Promi“) auseinanderzusetzen hat. Ihn mangelt es an Verständnis von Vorgestern, Gestern und Heute. Er lebt ausschließlich im egozentrischen Heute und hat seinen Weg dahin (das Gestern und seine Herkunft) vergessen.

Das Treffen der Generationen findet ohne ihn statt. Und nun beklagt er sich, dass er nicht extra (explizit er) dazu eingeladen wurde. Statt sich selber drum ernsthaft zu kümmern, zieht er es vor, rumzunörgeln und sich in öffentlichen, populistischen Scheinargumente zu flüchten.

Nebenbei: Es ist nicht nur Gottschalks alleiniges Problem, es trifft so viele Boomer, Baby-Boomer und Gen X-Menschen. Und das ist traurig. Es gibt keine Erbhöfe, sondern immer nur ein Miteinander …

Punkt.

Ende.

Aus.

Treffen der Generationen (3)

“Treffen der Generationen”?

Hieß nicht so ein Star-Treck-Film? Ein “Raumschiff Enterprise”-Film, in dem sich Captain James T. Kirk und Captain Jean-Luc Picard begegneten?

“All I have learned in life I have learned from Star-Treck.”

Es begab sich zu einer Zeit, als ein Showmaster zum letzten Mal auf die Bühne seiner Show begab und seinen endgültigen Abschied verkündete:

„Der zweite Grund ist der, und das muss ich wirklich sagen, immer im Fernsehen das gesagt habe, was ich  zu Hause auch gesagt habe. Inzwischen rede ich zu Hause anders wie im Fernsehen. Und das ist auch keine dolle Entwicklung. Und bevor hier irgendein verzweifelter Aufnahmeleiter hin und her rennt und sagt ‚Du hast wieder einen Shitstorm hergelabert‘, dann, dann sage ich lieber gar nichts mehr. Insofern danke, dass ihr mir solange zugehört habt.“

Ist es so, dass er seiner Meinung beraubt wurde, der Herr Gottschalk, so wie er es zum Abschied verkündete, so dass er nur noch daheim seine Meinung äußern darf, aber öffentlich nicht?

CANEL CULTURE?

WOKENESS?

Wer erinnert sich an die mediale Entwicklung des Thomas Gottschalks? Wer hatte sie mit erlebt?

Es begann mit dem Radiosender “Bayern 3”, wo er seine eigene Sendung in den 1980ern erhielt (welche er danach in legendärer Weise per Doppelmoderation an Günther Jauch übergab, der ebenfalls seinen Start in “Bayern 3” hatte). Gottschalks Credo war damals, dass verschiedene Musikstile nicht vermischt werden sollten, um dem Zuhörer nicht abspenstig zu machen. Das lief der damaligen Denke komplett konträr. Denn Nicki mit “I bin a bayrisches Cowgirl” zu spielen und danach etwas von Deep Purple (“Smoke on the Water”) entsprach nicht nur in Bayern der Idee verschiedene Musik-Stile in einer Sendung zu kombinieren.

Bereits Anfang der 1980er erschufen Radiosender wie “SWR 3” und “WDR 2” einstündigen Spartensendungen, wo es nicht zu einer folkloristischen und rockigen Musik-Vermischung kam. Wer erinnert sich noch an den Radiomoderator Mel Sandock vom WDR 2? Oder an Alan Banks der die legendäre Serie “Rockpalast” erschuf?

Der Radiosender “Bayern 3” war weit dahinter her und Gottschalk war der Fels an der die althergebrachte Mischung “Schlager-Folk-aktuelle Musik” zerbarst. Er wurde deswegen von seinen Zuhörern im Radio geliebt und erhielt letztendlich Sendeplatz im ZDF. Und dort wurde sein Stil richtig populär. Er holte sich immer Personen in seiner Sendung, die er in Frage stellte. Personen, denen er das”das war immer so” nicht durchgehen ließ. Personen, die sich nachher beklagten, dass sie sich rechtfertigten mussten für etwas, was doch eigentlich “common sense” wäre.

Im WDR war es Jürgen von der Lippe und später Harald Schmidt, die diese Fragetechniken verwendeten und ihre Gäste in Bedrouille brachten.

Der Franzose  Emmanuel Peterfalvi (in Deutschland bekannt als “Alfons mit dem Puschelmikrofon”) wurde ein Meister diese Art der Fragetechnik und zelebrierte diese in der damaligen ARD-Satiresendung “Küppersbusch”.

Was Gottschalk ausmachte, war der Fakt, dass er einen bestimmten damaligen “Common Sense” in Frage stellt. Diesen lernten die Kinder wie er, also der Boomer-Generation, als Argumente im Sinne von “Das fragt man nicht!” oder “Der weiß es besser als du!” oder “Stell den Menschen nicht in Frage, weil er ist ein Ehren-Mensch!” kennen. Und er erntete auch die Reaktionen, dass er für diese Verletzung der Konventionen abgestraft wurde. Denn – auch wenn die Fragen berechtigt waren – wurden die Fragen aus einer “Ich stehe über dir”-Haltung heraus sanktioniert.

Jeder aus der Generation der Boomer, der Baby-Boomer und der Generation x hat dieses kennengelernt.

Die Boomer fragten nach der Nazi-Vergangenheit, wurden sanktioniert und reagierten entsprechend submissiv, weil sie unter anderem auch massiv körperlich durch die alten Nazi-Seilschaften bedroht wurden.

Die Baby-Boomer fragten nach der Inkonsequenz der Boomer und erhielten zum Teil sowohl körperliche als auch neuere psychische restriktive Reaktionen.

Die Generation X hakte nochmals nach und erhielt im Sinne einer körperlich gewaltfreien Erziehung psychologisch gelenkte Gewalt.

Und seit dem es im November 2000 strafrechtlich ein Tatbestand ist, wenn Kinder körperlich beeinträchtigt werden, verlagerte sich die Gewalt der Beeinflussung der Millenials verstärkt auf die psychologische Machtausübung der Schutzbefohlenen (ausgenommen sind rückwirkend wohl weiterhin jene Minderjährigen, die unter dem Einfluss religiöser, staatlich begünstigter Gemeinschaften vergewaltigt oder missbraucht werden).

Nochmals: Was machte Gottschalk damals aus? Er wehrte sich gegen das “Ist so, bleibt so” und stellte Fragen. Er hatte Erfolg damit, aber er wurde auch ordentlich abgewatscht. Und das letzter prägt und bleibt als Erinnerung haften, dass bestimmte Menschen mit entsprechendem Status unangreifbar waren.

Und was hat sich geändert? Dass solche Menschen nicht mehr unangreifbar sind und sich rechtfertigen müssen, für das was sie sagen, leben und tun.

Und daraus erwächst der negative Gedanke von “Cancel Culture” und die negativen Konnotation von “Wokeness”. Es geht um das Bewahren, nicht um das weiter entwickeln. Das Konservative ist immer das, was bewahren möchte und unveränderlich bleiben möchte.

Es sind jene konservative  Personen, die eine Art von Glück allein in Tweets pro Tag und Follower ausmessen. Damit niemand über Followerzahlen deren Art Einsamkeit ausmisst.

Wichtig?

Absolut unwichtig.

Am Ende spielt es keine Rolle.

Darüber wollte ich nicht reden.

And in the end it doesn’t really matters …