Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Lockdown is coming up

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Wenn in der Arbeit immer wieder auf dem Smartphone nachgeschaut wird, oder schnell die Internetseiten bekannter Nachrichtenkanäle nach neuen Nachrichten durchforscht wird, dann geht dort immer mehr Energie rein, als nötig sein sollte. Die eigene Arbeit leidet darunter. Klar, es gibt kein wichtigeres Thema als eben das Thema, wie geht es weiter, was passiert als nächstes, wie viele Menschen sind bereits erkrankt und ist auch keiner bei diesem schönen Biergartenwetter im Biergarten. Letzteres ist schwierig, weil es eine Art bayrische Konditionierung ist. Schönwetter = Biergarten = Geselligkeit. Nur jetzt ist anderes angesagt: Schönwetter = Kein Biergarten = Social distancing (auf deutsch: Deutlicher Abstand, bitte!).

Ein Bekannter zeigte mir das Foto eines offiziellen Dokuments auf seinem Smartphone. Seine Frau hatte es ihm geschickt. Sie arbeitet im Münchener Landratsamt. Das Papier sagt aus, dass sie die Erlaubnis habe, ihre Wohnung zu verlassen, um zum Landratsamt zu gelangen. Es scheint also wohl so dazu zu kommen, dass es eine wie immer geartete Art Ausgehsperre in München und vielleicht auch ganz Bayern geben wird. Wahrscheinlich wäre, dass diese ab dem Wochenende in Kraft tritt. Das Wetter soll eh gräuslich kalt und nass werden. Also kann sich jeder an seine Wohnung als Quarantäne schon mal eingewöhnen. Bei mir werden es dann knappe 35 qm sein, wobei nicht mal ein Drittel begehbar ist. Ich hoffe, mir wird nicht die Decke auf dem Kopf fallen.

In der Schweiz wird gerade darüber nachgedacht, Streaming Dienste zu verbieten, weil deren Netz in die Knie geht und somit geschäftliches Homeoffice-Arbeiten mittels Skype, Teamviewer und so weiter nur noch in schlechter Qualität möglich ist. Ich denke, die Diskussion sorgt für hohen Blutdruck bei Menschen in Quarantäne oder mit Ausgangssperre. Für Deutschland wird es spannend, wenn es zum “Lochdown” kommen sollte und jeder von zu Hause aus arbeiten soll, ob das Netz das durchsteht.

Ein “Lockdown” wird zum Grab aller “Casual Dating”-Seiten.  Keiner möchte sich alle 12 Minuten unglücklich übers Internet verlieben.Tinder-Dates zum “casual sex” oder ONS werden schwierig zu vollziehen sein. Gegen HIV gibt es Kondome, gegen SARS-CoV-2 hilft auch kein Intimspray..

Auf der Straße werden kaum Blicke ausgetauscht. Als ob Blicke töten könnten.

Energie folgt der Aufmerksamkeit. Unsere Energie gilt einstweilen Social distancing.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (3): Alles fürs Klo

Heute erhielt ich die ersten WhatsApp-Kettenbriefe zum Thema “Corona”. Alle 15 Minuten Wasser trinken und immer wieder mal für drei Minuten die Luft anhalten. Ersteres verhindert die Infektion mit den Viren und zweiteres zeigt an, ob man schon erkrankt ist und bald des Todes sein könnte. Das eine beruft sich darauf, dass Viren keinen Halt finden sollten, wo es feucht ist, und das andere führt die Lungenfibrose als Rechtfertigung für den Test an. Leider konnte ich den Verfasser der Nachrichten nicht finden. Wohlmöglich hat da früher mal “Euer Potus” drunter gestanden, wurde dann aber weggelöscht, um es mehr Seriosität zu verleihen. Das macht diese Kettenbriefe auch nicht besser.

Ein Tipp aus meinem Bekanntenkreis ließ mich heute früh zum nächsten DM gehen. Es stehe eine Lieferung von Toilettenpapier an. Meine vorletzte Rolle war bereits in Nutzung und ich benötigte Nachschub. Also stand ich in der Warteschlange. Vor uns war der Truck und dessen Fahrer lud ab. Und irgendwann kam dort eine Europalette mit Toilettenpapier zum Vorschein. “Jeder nur eine Packung! Und keine Diskussionen!”, schallte der Ruf der Marktleiterin nachher im Geschäft. Alle Kunden, die zuvor in der Schlange gestanden haben, gingen zuerst zur Palette im Geschäft. Auf dem Weg nach Hause fing ich einige Blicke auf. Keine Ahnung, wie viele mich mit meiner Packung als Hamsterkäufer oder Panikmensch oder lächerlich eingestuft haben mögen. Überfallen wurde ich nicht.

Die OEMs machen jetzt der Reihe nach zu. Bislang dürfte jetzt an 75% des Firmenumsatzes wegbrechen. Ich denke, nächste Woche wird von meiner Firma Kurzarbeit angemeldet.

Ein Kollege von mir vom Büro gegenüber haut sich am Arbeitsplatz eine Portion “Virulent” nach der nächsten in den Kopp. “Virulent” ist ein homöopathisches Mittel mit 37% Vol. Alkohol. Er könnte sich alternativ auch eine Halbe nach der nächsten ex und hopp reinhämmern. Dann hätte er den Alkohol, die Homöopathie, die feuchte Kehle, könnte beim Trinken die Luft anhalten und gleich auf Lungenfibrose testen. Ich hab’s nicht gesagt. Denn er könnte auch meckern, dass ich mich stets verweigere, mir meine Hände mit der Pumpflaschenlösung an der Tür zu waschen.

Auf dem Firmenklo hat jemand das Bild eines T-Rex angebracht und da drunter geschrieben: “Hat sich nicht die Hände gewaschen. Ausgestorben.” Ich wollte schon handschriftlich vor dem Wort “Ausgestorben” ergänzen: “Zu viel Panzer, zu wenig Hirn.” Aber es ist unklug, in der Firma in diesen Zeiten sarkastisch zu sein. Zudem jetzt Städte nach dem Einsatz der Bundeswehr im Innern rufen.

NRW hat im Zuge der Corona-Pandemie Demonstrationen generell verboten. Was als recht normal in diesen Zeiten ausschaut, ist rechtlich aber eine ganz üble Sache. Denn die Demonstrationsfreiheit ist eine der basalen Sache unserer Demokratie, des Grundgesetzes. Sie kann und darf nicht verboten werden. Es können Auflagen gemacht werden (z.B. 1,50 Meter zwischen jeden Demonstranten; Vermummung ist verboten, aber Masken für jeden zwingend erforderlich; Plakate vorher eine halbe Stunde in Desinfektions- oder Chlorlösung tauchen; Parolen nur gemurmelt, da ansonsten zu viel Virenfreiheit; Träneneingas nur mit Desinfektionszusatz; usw. usf. ), welche eingehalten werden müssen. Nur etwas von einer Partei verboten zu bekommen, welche sich strickt gegen eine Verbieter-Mentalität positioniert hat (und sich sich demokratisch definiert), ist schon arg seltsam. Da werden zuvor Consulting-Büros beauftragt, um neue Anordnungen und Gesetze rechtlich zu überprüfen, und dann beweisen Partei und Rechtsanwaltsbüros, wessen Geistes Kind sie sind? Ich hatte schon genug Stimmen hören dürfen, die meinten, dass es die Chinesen besser hätten, weil die alles diktatorisch und zentralistisch verbieten könnten. Und wer nicht folge, ab in den Knast oder erschießen. Es geht schließlich um die Volksgesundheit und einen milden Verlauf der Krankheit, was den Unternehmen besser bekommt. Die Demokratie ist aber auch eine hinderliche Sache, nicht wahr? Bauchregentschaft, das ist die neue Staatsform. Am besten geleitet und geführt durch die Hohlblasen der Meinungsgesellschaft des Internets. Aber egal. Es ist, wie es ist.

Es ist eigentlich der Treppenwitz der Geschichte: Erst macht die EU die Außengrenzen dicht und setzt dafür ihre “Frontex”-Soldaten ein. Damit keine ungebetenen Gäste aus Afrika an die Gestaden Europas mit deren Boote landen. Und jetzt macht Afrika die Grenzen zu Europa dicht. Sie wollen keine Gäste aus Europa. Europa findet das nicht okay, schließlich sollen dort weiterhin die EU-Überschüsse der Landwirtschaft hin verkauft werden. Und außerdem ist Afrika Low-Cost-Country für bestimmte Produkte. Und jetzt sperren die einfach deren Grenzen zu Europa? Oder sollten die etwa reiche Gesundheitsflüchtlinge mit kleinen Dingelchen in der Luftröhre befürchten?

Die Großgrundbesitzer werden unruhig. Die Low-Cost-Country-Arbeiter wurden einfach ausgesperrt? Sollen die Landwirte jetzt etwa selbst den Knochenjob des Spargelerntens erledigen? Geht gar nicht. Aber demonstrieren dürfen die auch nicht. Ob die jetzt zum Protest etwa ihre Misthaufen anzünden? Einfach um wieder ein wenig mehr NOx und CO2 in der Luft zu bekommen? Warten wir es mal ab. Zumindest haben die Landwirte sofort eine Vision gehabt: Arbeitslose für paar Euro fuffzig in die Spargelfelder schicken. Mit der Vision gehören solche Landwirte gleich direkt zum Arzt in die Behandlung. Weil, Haluzis sind gefährlich.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2): Treffen der Generationen

Die Firma hat eingesehen, dass die gestern eingeführte Idee, alle Türgriffe und so weiter mit Schaumstoff zu umwickeln und dann einfach nur mit Desinfektionsmitteln einzusprühen, weniger Genialität aufweist als Klopapierrollenhamsterkäufe. Sie wurden entfernt. Aber da das Klinkenputzen Geld kostet, taucht die Billiglohnkraft auch nur noch einmal am Tage auf, statt wie zuvor verkündet viermal am Tag. Stattdessen sollen wir es unterlassen, uns an Kaffeeautomaten zu treffen. Maximal immer nur einer und der Rest habe 2 Meter 50 Abstand zu halten. Den Verfasser dieses Verhaltensreglements sah ich heute. Er stand am Kaffeeautomaten und plauderte intensiv in nächster Nähe mit einem Geschäftsführer, der zudem seine Finger im Gesicht hatte. In einer Email hatte eben jener Geschäftsführer gefordert, man solle unter anderem auch einmal seine Finger aus dem Gesicht lassen. Vielleicht sind gerade mal ein Viertel der Angestellten in Homeoffice. Es reichte, dass jener Geschäftsführer dann schrieb, man solle nicht mehr so viel die Telefonleitung nutzen, den telefonischen Kontakt aufs mindeste zu beschränken, da sonst das IT-Netz zerbröseln könne.

Das wird diesen Sommer kein Sommermärchen geben. Die Fußball-EM ist verschoben. Dabei hätten vier Spiele hier in München stattfinden sollen. Mein Beileid an die UEFA für deren Entscheidung hielt sich in Grenzen. Die UEFA wird wohl dafür von den Nationalverbänden einen Rettungschirm einfordern, damit deren Manager nachher nicht an deren goldenen Hungertücher nagen müssen.

Meine Mutter beklagte sich am Telefon, dass die Gottesdienste allesamt verboten wurden. Meine Mutter ist 86. Der tägliche Gottesdienst war ihr einziger Trost. Glaube ist ihr wichtig. Nur ich konnte ihr nicht einfach sagen, dass die Schließungen eigentlich folgerichtig waren. Denn nachweislich interessiert sich keiner der Gottheiten mehr für diesen kleinen Globus in deren All. Denn sonst wären sie mit göttlicher Allmacht hier niedergefahren und hätten jeden einzelnen Virus persönlich zum Platzen gebracht. Aber bislang kam keiner der Allmächtigen, um sich um deren Schäfchen und Lämmer auf diesem Erdenrund zu kümmern. Also kann man deren Gedenkstätten auch gleich schließen.

In der Presse ist jetzt wieder viel über “Krieg” zu lesen. Krieg gegen einen Virus. Begeistert hätte ich fast “na denn mal los, ihr Heeresführer” gerufen. Jeder weiß doch, wie präzis Bomben, Raketen und Drohnen der obersten Heeresführer heute arbeiten. Die Verwender hatten bislang immer deren chirurgischen Präzision gerühmt. Aber die Heerführer sitzen zusammen, schütteln sich die Hände und wissen auch gleich, wer Schuld an dem ganzen Dilemma ist. Schuld sind immer wir anderen. Aber “Krieg” ist immer gut. Es fokussiert die Menschen und lenkt davon ab, dass Viren Armeen und Krieg recht schnuppe sind.

Beim Nachlesen in den sozialen Medien fällt mir ins Auge, dass der Generationenkonflikt verschärft weiter geführt wurde. Stand am Anfang “Friday for future” und die ganze Scharr der Älteren, die den Streik zum Schulschwänzen umgedeutet und damit auf Konfrontation mit den Jüngeren gingen, kam danach das “Okay, Boomer” und “alte grauhaarige Männer” gegen “ihr habt keine Ahnung” und “rotgrün-versifft” und “werdet erst einmal älter”, so kommt jetzt die betonte Lässigkeit der Jüngeren und die pingelige Bevormundung der Älteren. Die Älteren verlangen von den Jüngeren Disziplin und zu-Hause-zu-bleiben. Die Jüngeren machen dabei die Rechnung auf und erklären, der Virus wäre eh nur gefährlich für die Ü40-Boomer-Generation. Und die solle sich nicht so haben, denn sie müsse eh irgendwann sterben. Und so wogt der Generationenkonflikt in all seiner Gehässigkeit hin und her durch Twitter und Facebook. Warum sollten auch aller Hass und jede Hetze in Zeiten der Coronaviren aufhören?

Die Regale in den Supermärkten werden zusehends leerer. Es fällt das Word der „Asozialität” und das Fehlen von “Solidarität”. In den 80ern, zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, hat die Jugend damals den Älteren vorgeworfen, würde der Russe in Deutschland mit Panzern einfallen, würden die Deutschen schnell ihre Autos von der Straße in deren Garagen umsetzen, damit die nicht beschädigt werden, statt die eigenen Autos den Eindringlingen als Blockade in den Weg zu stellen. Die Älteren wären nicht fähig, etwas von sich selbst zum Wohle aller aufzugeben, war die damalige Erklärung dazu. Es beruhigt zu wissen, dass sich nichts in der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren geändert hat. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Wenn das Volk kein Brot mehr hat, soll es Kuchen essen. Und wenn es an Klopapier und Nudeln fehlt, dann sollen sie mehr Puderzucker essen. Dann ist erstens für Kalorien zum Überleben gesorgt und zweitens muss man auf dem Klo nur abstauben.

Homeoffice. Immer mehr in meiner Umgebung machen Homeoffice. Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht dazu verdonnert wurde. Auf 30 qm Wohnung auch noch ablenkungsfrei arbeiten können? Ein unkeuscher Gedanke stieg in mir auf: Was macht eigentlich eine Prostituierte, wenn ihr Homeoffice verordnet wird … ?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (1): Gegenmaßnahmen

Ein neuer Tag. Die Baustelle vor meinem Fenster erwacht. Der Fluch der Corona ist dort noch nicht angekommen. Im Bad beurteile ich meine letzten beiden Toilettenpapierrollen. Es ist meine Schuld, dass ich nicht sofort auf den Toilettenpapierhype mit aufgesprungen war. Das habe ich jetzt davon.

Es ist, wie es ist. Die Arbeit geht weiter. Der Firmenbesitzer hat wohl seine Freitags-Verfügung umsetzen lassen. Aus seinem selbstgewählten Exil, weil er unbedingt noch Skiurlaub in Südtirol machen musste. Exil? Welch heroisches Wort. Nennen wir es doch so, wie es ist: selbstverordnete Firmenabstinenz eingekleidet in das schöne Wort “Home Office” (besser: “Selbstquarantäne”). Am Freitag gab es die Verkündung, dass Türklinken, Türknäufe und Türdrücker regelmäßig mehrmals am Tag mit Desinfektionsspray gereinigt werden sollten. Ihm muss wohl aufgegangen sein, dass bei den vielen Türen im Gebäudekomplex viel mit Spray und Lappen gearbeitet werden müsse. Und Arbeit ist der Quotient aus Geld pro Stunde. Oder umgekehrt: verdammt viel Geld für einen Tag und die Firma hat doch zu sparen. Also ließ er die Türgriffe mit Schaustoff umwickeln, mit zwei Kabelbinder fixieren und die werden jetzt regelmäßig eingesprüht. Die überstehenden Enden der Kabelbinder wurden freilich abgeschnitten. Die ersten hatten sich bereits an den scharfen Schnittkanten der Kabelbinder geschnitten. Aber kein Corona bekommen. Dafür suppen jetzt die Schaumstoffpuffer. Ob das medizinisch okay ist? Zumindest geht das Einsprayen jetzt schneller vonstatten. Es muss nicht mehr gewischt und poliert werden. Aber beim Händewaschen sollen wir zweimal “Happy Birthday” singen, bevor wir die Hände spülen.

Zwei OEMs (FCA + PSA) haben ihre Produktion runter gefahren. Das wird wie eine Schockwelle die Automobilindustrie treffen. 2008/2009 war dagegen ein Klacks. Denn es kommt bereits ein anderer wirtschaftlicher Tsunami auf die Automobilindustrie zu: Gaststättengewerbe, Reiseindustrie und Fluglinien haben massive Probleme. Lufthansa braucht bereits Geld, SAS hat den Flugbetrieb eingestellt und 10.000 Menschen entlassen. Und die Automobilindustrie ist aufgrund Diesel-Gate geschwächt. Der Tsunami, der da kommt wird brutaler als 2008/2009. Das kommt nicht von den Banken. Sondern von der Präsenz von 150 Nanometer. Wenn die Automobilindustrie Schnupfen hat, bekommt die deutsche Wirtschaft Grippe. Die deutsche Wirtschaft hat bereits die Grippe und die Automobilindustrie hat nicht nur einen Schnupfen. Das wird unlustig.

Bayern fährt runter. Nach dem 09/11 im Jahre 2001 wurde uns bereits erklärt, dass die Spaß-Gesellschafft passé wäre. Heute wird sie gesetzlich reglementiert. Der Virus ist kein Spaß. Aber das Ende der Leichtigkeit? Kein Licht mehr? Keine Weite mehr? Die Kommentare meiner Kollegen sind danach. Rational argumentiert keiner. Alle sehen freilich nur die offensichtlichen Einschränkungen und die damit verbundenen Nachteile. Es gibt keine win-win-Situtaion mehr. Am Samstag brummte neben mir wieder jemand: “Die wollen nur von den kriminellen Ausländern und Flüchtlingen ablenken!” Meine gedankliche Antwort ist nicht zitierbar.

Ein Lied geht mir nicht mehr aus den Kopf. “My Corona”.

Ooh, my little pretty one, my pretty one
When you gonna give me some time, …
Ooh, you make my motor run, my motor run
Got it coming off o‘ the line, …

Nein, der Titel des Lieds ist ein anderer. Es ist das Lied der Gruppe “The Knack” und heißt in Wahrheit “My Sharona”. Einmal etwas anzügliches ohne Bedrohung.

https://www.youtube.com/watch?v=BR2JtsVumFA

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (0): Der Beginn

Ich hatte ordentlich gefeiert. Oder ich sag es mal so: die Differenz zwischen Vorher-Haben und Nachher-Haben im Geldbeutel war deutlich. Für 40 Euro gibt es schon einige Kännchen Bier in Bayern. Auch in München. Und einen Kater gratis.

Früher war es mit dem Aufwachen einfacher: Aufwachen, Fenster auf, Kater floh, Patient gesund. Heute will der Kater kuscheln, um die passende Katerstimmung zu erzeugen. Das Fieberthermometer zeigte 37,1° C. Faules. Fieber. Der Darm unterstrich es auf dem Klo.

Die Nachrichten werden immer dunkler, enger, schwerer. Spanien riegelt sich ab. Viele Deutsche meinten, dass sie eine Quarantäne lieber am Strand unter der herrlichen Sonne der Kanaren verbrächten als im miesepetrigen dunkelgrauen Deutschland und darum unbedingt noch dahin müssten. Sie wurden an den Stränden von Polizisten auf Motorrädern aufgelesen und in deren Hotelquartier geschickt. Die Flieger werden sie in den nächsten Tagen abholen. Zwangsabschiebung. Wetterflucht ist kein Asylgrund. Erst recht nicht für Deutsche, die selber ja noch nicht mal Wirtschaftsprobleme abkönnen. Deutsche können nicht mehr in den Urlaub fliegen. Sie werden ins Hier und Heute zwangsverhaftet. In Geiselhaft eines Virus. Das ist nicht so schlimm wie ein Piloten- oder Bahnstreik, aber nett ist sowas auch nicht. Schön ist das nicht.

Alles Hysterie! Lass uns doch leben, wie wir wollen! Uns doch egal, wenn die Armen, Schwachen und Alten sterben! Wir sind jung, wir sind vital, wir sind die Zukunft. Recht haben sie. Oder hat wer schon Bruce Brenner bei seiner Wandlung in den schrecklich grünen Hulk an einem Virus erkranken sehen? Superhelden erkranken nicht. Und wir jugendliche Menschen sind alle Superhelden. Alle gehören wir zu den Avengers. Okay, die Reservemannschaft der Avengers. Und wer erkrankt, der ist halt kein Superheld. War nie einer. War eh bereits ein Opfer. Survival of the fittest.

Ich schaue um mich. Mein Rucksack sehe ich nicht. Darin hatte ich Weinflaschen. Kein Toilettenpapier. Da waren schon andere schneller. Die Durchfall-Fraktion. Entweder gibt es wirklich viel Durchfall momentan, oder es gibt einfach zu viel dicke Ärsche in dieser Gesellschaft. Beides läuft dann aufs selbe hinaus, wenn Dick und Doof sich paaren.

Die Nachrichten sind wenig erheiternd. Die Wahl zum Bürgermeister lasse ich aus. Einerseits ändert meine Stimme nichts in Relation zu den anderen Stimmen, zum Anderen sind die Braunen eh in München nicht so goutiert, und dann schaffte die Stadt es auch ohne mich sehr gut.

Die Nachricht prasselt rein, dass Spanien dicht macht. Ein Freund lebt dort. In einem Truck. Er wird in der Mausefalle sitzen. Voraussichtlich wird er wohl abgeschoben werden. Das steht zwar nirgend geschrieben, aber warum sollte die spanische Regierung plötzlich ein herz für nicht-sesshafte Deutsche aufmachen wollen? Weil sie gut für Touristen-Euros sind? Maximal wegen den Euronen. Da sind Spanier nicht besser als Deutsche.

Eine Nachricht kommt rein. Ein Bekannter eines Bekannten, der einen Bekannten … hört sich an wie ein Gerücht. Ich werde aber vorsichtiger und sage ein Meeting ab. Als ob ich es mir leisten könnte.

Bilanz auf dem Klo: Doch nur noch zwei Klopapierrollen. Ich werde jetzt wohl dafür bestraft, nicht dem Klopapierwahnsinn verfallen zu sein.

Da fiel mir ein Witz ein: Eine Frau wollte gerne einen größere Busen durch Brustvergrößerung haben. Der Arzt riet ihr zur Verwendung von Toilettenpapier. Die Frau starrte den Arzt fragend an und der antwortete lakonisch: “Bei ihrem Arsch hat es ja auch geholfen.”

Keine Ahnung, ob in Deutschland dieser schlechte Kalauerwitz inzwischen für bare Münze genommen wird. Trotz Lachen werden aus meinen beiden Rollen keine vier.

Morgen ist ein anderer Tag. Dann wird wohl wieder geliefert werden, oder?

Ertrage die Clowns (12): Der Spaß beginnt …

    Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

    „Ertrage die Clowns!“

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  • “Haben Sie zuhause einen Desktop-PC?”, fragte die Chefin gestern ihren Mitarbeiter in der Firma, “Sollten Sie nämlich wegen dem Corona-Virus Home-Office machen müssen, dann können Sie von zu Hause aus arbeiten. Verstehen Sie? Oder wenn Sie am Corona-Virus erkrankt sein sollten, dann können Sie all ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen, dann hat die Firma keinen Schaden.” Der Mitarbeiter nickte stumm. “Gut, also wenn es so kommt, arbeiten Sie von zu Hause.” Und die Chefin drehte ab. Ein anderer Mitarbeiter von ihr hatte eine Fußverletzung und wurde krank geschrieben. Sie hatte ihn immer wieder von zu Hause aus angerufen und ihn gedrängt, doch ein paar Aufgaben zu erledigen, denn obwohl er ja krank geschrieben wäre, so ihre Meinung, dann könne er trotzdem noch arbeiten. Wenn Deutschland etwas aus dem Flug “Germanwings Flug 9525” gelernt hat, dann das Arbeiten trotz medizinisch ausgestellten Krankenscheins. Als vor knapp 5 Jahren (am 24. März 2015) der Airbus A320-211 in die Hänge der Westalpen in Südfrankreich steuerte, starben beim Aufprall alle 150 Insassen. Später fand man heraus, dass der Selbstmordpilot eigentlich krank geschrieben war, aber trotzdem zur Arbeit ging. Dass niemand zu arbeiten habe, wenn so ein Mensch medizinisch krank geschrieben wurde, stand nie zur Debatte. Denn es hätte auf der damaligen Debatte dazu führen können, dass man Erkrankten sehr wohl eine Auszeit von der Arbeit zuzugestehen hat, damit sich der Körper desjenigen schneller und gründlich erholt. Tja, jetzt auch bei der Sache mit dem Corona-Virus. Die Chefin drehte sich nur kurz noch einmal um und bestärkte: “Auch wenn Sie an den Corona-Virus erkranken sollten, heißt das ja nicht, dass Sie nicht doch arbeiten könnten, nicht wahr. Und die Arbeit muss nun mal gemacht werden.” Sie schloss die Tür. Schlechter Rotwein hat im Gegensatz dazu noch immer den besseren Abgang.
  • Ein Arbeitskollege erkundigte sich telefonisch bei einer Apotheke, ob jene noch “Virulent” im Vorrat habe. Drei Packungen, war die Antwort. Er erwiderte, er würde um Viertel nach Neun dort vorbei kommen und alle drei kaufen. “Virulent”? Ich erinnerte mich, das in meinem Kühlschrank zu haben. Am Abend nach der Arbeit schaute ich nach. Stimmt. Da hinten, links hinten in der Ecke, da lag die Packung. Ich holte sie hervor. Ich hatte damals das Datum notiert, wann ich das homöopathische Mittel vom Arzt verschrieben bekam: Januar 2006. Verwendbar bis September 2019. Ich warte noch ein wenig. Auf dem Schwarzmarkt, dürfte die Packung bald Sammlerwert haben. Ach ja, obiger Kollege findet es asozial, dass manche mit gehorteten Atemmaske jetzt mit hohen Preisen fett Kasse machen. Das wäre unmoralisch. Bin ich froh, dass er an der Börse fett Kasse machen will.
  • Der Arbeitskollege stöhnte auf. Die USA hat die Einreise von Europäern verboten. Dabei wollte er übernächste Woche in den USA als Individualurlauber rumreisen. Den Flug – als Schnäppchen in einem Internetportal geschossen – kriegt er zu 100% ersetzt. Aber den Mietwagen? Die Hotels? Er ist sauer und überlegt zu klagen, wenn er nichts zurück erhält. Er ist rechtschutzversichert. Und dann las er die Nachricht, dass die Börse erneut mit über 10% eingebrochen ist. “Kein Problem”, meinte er lakonisch, “in zwei Wochen kaufe ich im großen Stil, wenn die Börse unten ist und dann mach ich fett Kasse.”
  • Ich erhielt auf meiner Arbeit die Anfrage eines Kollegen, ob ich nicht mit ihm den Urlaub tauschen möchte. Ich hatte meinen bereits für September gelegt, er auf April. Und er möchte Erholung mit seiner Familie im Süden. Den kann er im April wohl nicht wegen Corona realisieren. Also soll ich mit ihm tauschen, da ich ja keine Familie habe. Ich sagte ihm, ich sei bestechlich, und das ganz besonders in Zeiten von Corona und zu verlegenden Gardasee-Reisen. Er nannte mich ein kollegiales Arschloch, weil ich nicht im April Urlaub machen wollte.
  • Die Corona-Virus-Pandemie hat das Gebaren der ganzen Gangster-Rapper und Ghetto-Kids zu gesellschaftlich anerkannten Rang verholfen. Die “Ghetto-Faust” ist jetzt der Stil der Corona-Zeit. Die Gangster-Rapper und Ghetto-Kids werden sich neues zur Absonderung überlegen müssen. Vorschlag: Macht das, was die Bussi-Bussi-Gesellschaft Münchens damals immer machte, als jene Gesellschaft damals noch verächtlich auf euch nieder blickte. Sie wird neidisch werden.
  • Xavier Naidoo ist sauer. Warum ist ihm nur das Marketing von Tom Hanks eingefallen? Warum mögen ihn alle Menschen nicht? Nur weil er jetzt verdächtigt wird, doch Reichsbürger mit ausländerfeindlichen Ansichten zu sein? Man munkelt gerüchtemäßigerweis, dass er angeblich erbost aufgeschrien haben sollte, dass “die ganze Corona-Scheiße nur dazu dient, von den Scheiß-Wölfen unter den Flüchtlingen abzulenken”. Sein Pressesprecher hatte angeblich vor einer Stunde noch betont, dass Xavier Naidoo sich christlichen Idealen verpflichtet fühlt. Denen aus dem Mittelalter, müsste der dann wohl vergessen haben zu ergänzen.Denn für Xavier ist nach dem christlichen Kreuzzug wohl immer noch nur vor dem christlichen Kreuzzug. Und Corona wird dann wohl keine Strafe Gottes sein, sondern pures mediales Ablenkungsmanöver jenen Kreuzzug  in aller alternativer Wahrhaftigkeit für Deutschland zu starten.
  • Wer keine Ahnung hat, solle doch mal die Fresse halten. Ich habe keine Ahnung von Corona und sollte mich somit der einzigen Weisheit Dieter Nuhrs fügen. Nur habe ich auch keine Fresse. Aber eine Ladeluke, die sich erstaunt öffnet, wie sich manche an komplett belanglosen Twitter-Tweets von Dieter Nuhr abzuarbeiten. Mit den Gegen-Tweets scheint es, dass bestimmte Leute auf Angsterzeugung stehen. Und Dieter Nuhr ist dann nur ein zusätzliches wohlfeiles Mittel.
  • Panik? Panik ist immer eine Panik. Rückzuführen auf den griechischen Gott Pan, der auch gerne mal die Pan-Flöte spielte. Allerding sollte er auch in größter Mittagestille durch einen lauten Schrei auf einmal ganze Herden zu Massenflucht erregen zu können. Insbesondere zu einer plötzlichen und anscheinend sinnlosen Massenflucht. Panik. Panik? Panik ist intensive Angst. In Zeiten der Panik ist Angst immer ein meinungsbildender Faktor. Eine intensiver Faktor. Angst? Guggst du hier: ANGST!!!! (Autor des mp3-Datei: Voller-Worte-Blog)
  • Eine Firma schrieb in ihren Corona-Richtlinien, dass unnötige Dienstreisen jetzt in Gebiete mit Corona-Risiko nicht mehr genehmigt werden würden. Hm. Lasst uns auf die Post-Corona-Zeiten warten, dann sind unnötige Dienstreisen in ehemaligen Risiko-Gebieten wieder erlaubt. Und danach schauen wir uns gemeinsam die Maßnahmen zum Enger-Schnallen des Gürtels als Reisemitbringsel aus unnötig zu besuchenden Gegenden an …
  • Ein Fotograf besuchte die rote Zone rund um Fukushima und stellte aus seinem hermetisch abgedichteten Schutzanzug heraus fest, dass die Pflanzen so ganz ohne Menscheneinfluß richtig gut gedeihen. Das entspricht der Erfahrung von der roten Zone rund um Tschernobyl. Immer wenn ich Urlaub mache, sehe ich, wie mein Pflanzendschungel sprießt und gedeiht. Nur zwei Wochen nach dem Urlaub, sieht es anders aus. Na, hört mal, ihr Pflanzengesocks, was glaubt ihr eigentlich, wer eigentlich die Wasserrechnung hier bezahlt!?! Passt euch gefälligst an! Und seid glücklich, dass euch Corona und Radioaktivität nicht entscheidend beim Leben stört.
  • Im Traum erschien mir ein alternativer Fieslerstorch, bemerkte bei jeder Gelegenheit nachdrücklich fanatisch: “Fake-News!”, und versuchte nach Lesbos aufzubrechen, um als zukünftiges Vergewaltigungsopfer durch mindestens einen potentiellen Flüchtling, Schlagzeilen zu generieren. Sie wollte endlich, dass in ihren als “Fake-News-Verbreiterer” herabgewürdigte Fernsehsender wieder wichtige Dinge als Nachrichten auftauchen sollten. Sie durfte nicht ausreisen, weil sie kein Gesundheitszeugnis nachweisen konnte. Ihr Psychiater hatte beim Anruf der Grenzbehörden erklärt, derer Gruppengespräche in Berlin wären noch nicht abgeschlossen. Zieldatum dazu wäre wohl Oktober 2021. Demokraten vermuten jedoch, dass es über 2015 hinaus dauern könne, bis sie maximal situativ gesund erklärt werden könne. Ich beschloss, dass mir der Traum für das Happy-End entschieden zu lange dauern würde, und wachte auf.
  • Es wurde bereits nachgewiesen, dass unsere Bargeld-Scheine alle mit Kokain kontaminiert sind. Warnung an alle, die seit langem bereits versuchen mit vielen 5-Euro-Scheinen high zu werden: Ab sofort ist das 5-Euro-Scheinen-Lutschen mit dem gewissen Extra an Risiko versehen. Kauft von euren 5-Euro-Scheinen lieber den echten Stoff. Die Lunge wird es euch danken, was ihr euch zuvor durch die Nasenflügel pfeift.

Ertrage die Clowns (11): Das Leben mit anderen wie in einem Gemälde

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Wenn die Kneipe das reale Leben spiegelt, dann ist das Kino die Projektion der Leidenschaften. In besonderen Kinos kommt es immer wieder zu besonderen Begegnungen. Cineastisch gesehen verschmelzen in solchen Lokalitäten Kneipe und Leinwand, während der Film in Endlosschleife zusammen mit dem Leben dieser Welt einem am Auge vorbeiläuft. Jeder Regisseur dieser Welt würde sogleich seine Handkamera aus der Hosentasche hervorholen, um diese reale Wirklichkeit eins zu eins abzufilmen: verwackelt, unglaublich simple Dialoge mit unbändiger Intensivität, Farben wie aus einer billigen Waschmaschine, das ganze weder in 4K noch in FHD, dafür lediglich gefilmt in der Auflösung alter 8-mm-Filme. Ein neuer Film im Stile von “Blair Witch Project”.

“Weißte”, würde dann der erste Amateur-Schauspieler sagen, mit einem Auge auf Leinwand und Publikum schielend, das andere an seinem Gegenüber klebend, das schmierige Gesicht einem direkt zugewendet, “weißte, in unserer Lebensgemeinschaft sind wir Full-Swap-Swinger, nicht wahr, also so mit allem drum und dran, und wir sind uns auch für alles ohne auch nicht zu fies vor, wir testen uns ja regelmäßig und sind gesund, also sind wir sauber und darum nur echtes Full-Swap, verstehste, wir lieben das Leben und warum sollten wir es darum nicht auskosten, nicht wahr, aber diese Sache mit dem Virus momentan, glaub mir, in den Medien wird gelogen was das Zeug hält, alles nur Hysterie und Panikmache, weder neutral noch objektiv, die Medien sind doch das Sprachrohr der Regierenden, muss man denen nicht glauben, was die so verzapfen, genauso das wie mit der Klimakrise, alles gemachte Panik, Waldsterben, Ozonloch, Sars, Klimakrise, vermeintliche Bedrohung durch marodierende Rechtsradikale, Kassenbons für Brötchen, Bienensterben, Ausländerreserviertheit, Kritik an erfolgreiche Großunternehmer und Organisationen in Fußballstadien und so weiter und so fort, denk doch mal, das sagen die doch nur, um vielleicht von brisanteren Themen abzulenken.”

“Die wären?”

“Begreife einfach, das dies nur dazu dient, die Menschen in der EU von anderen Themen abzulenken, schau mal nach Griechenland, was da abgeht. Da werden Menschen und Systeme gepämpert und gebauchpinselt, da erhalten die Menschen die Butter, die man uns nicht auf dem Brot gönnt, da schafft man denen das Paradies auf Erden, während man uns hier durch unsinnige Verbote und Meinungsmache klein halten will. Man will uns unseren Stolz nehmen. Und wenn dann etwas einem etwas demokratisches nicht passt, einfach das Gegenteil machen. Erinnert mich an Erfurt und die Wahl zum Ministerpräsidenten. Da hat den Regierenden auch nicht gepasst, was das Souverän des Volkes als Stimmabgabe ausgedrückt hat und was in Folge zuerst parlamentarisch gewählt wurde.”

Der Regisseur würde sofort umschwenken, die nächste Szene suchen, etwas aus einem Gemälde wie von Hieronymus Bosch. Ganz im Sinne des christlichen Abendlandes würde er versuchen, jede der sieben Wurzelsünden kamera- und dialogtechnisch abzubilden: Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Wollust, Selbstsucht, Ignoranz.

Aber seine Suche wäre zwecklos, denn am Markt käme er damit nicht durch, würde mit seinem Kurzfilm zu den sieben Wurzelsünden keinen Erfolg zu haben. Niemand würde das sehen wollen. Auch wenn der Film sich eines Vergleichs zu “Blair Witch Project” nicht scheuen müsste.

Anfangs wäre er verzweifelt, weil es niemanden interessiert oder keiner hinschauen mag, nach kurzer Zeit würde er aber erkennen, dass es gerade die nachhaltige Praktizierung der Wurzel”sünden” dazu führt, was ein Leben ähnlich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch dieses eben erst ermöglicht. Wer so etwas nicht explizit und ausführlich praktiziert, der wird gesellschaftlich an das bittere Ende der sozialen Hackordnung eingereiht.

Der Regisseur würde sich zurückziehen und bitterlich weinen und dann in eines der Kinos gehen, in der Leinwand und Kneipe miteinander verschmelzen, sich die Szenerie anschauen, sich wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch fühlen, die Handkamera herausholen …

… aber dann wurde er pragmatisch und steckte die Handkamera wieder weg, schnappte sich sein Bier, fläzte sich in einen der roten Sessel, und sah dann kurz darauf die Szenen des wahren Lebens vor sich ablaufen, einen kurzen Ausschnitt aus Helmut Dietls “Kir Royal” aus München, über München, in München, abgespielt vor seinem inneren Auge:

Haffenloher: „Ich mach dich nieder, wenn du mich jetzt hier stehen lässt wie einen Deppen, dann mach ich dich nieder. Ich ruinier dich. Ich mach dich fertig. Ich kleb dich zu von oben bis unten.“
Schimmerlos: „Mit dem Kleber?“
Haffenloher: „Mit meinem Geld. Ich kauf dich einfach. Ich kauf deine Villa, stell noch einen Ferrari davor. Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

Betrunken wankte der Regisseur von dannen. Er hatte genug. Genug gesehen, genug erlebt. Er benötigte neue Eindrücke, bessere, wirklichere, draußen vor der Tür …

Gebäck in heißem Fett aufgebacken in Zeiten der Grippe (Westfalenland außer Rand und Band)

“Und jetzt gilt es!”, der Showmaster legt mir zu meinen Fingerspitzen ein Gebäckteilchen. Ich spüre ihn den Hauch von Zucker, wie er meinen Fingern sein ‘Greif mich! Pack mich!’ zuruft.

“Ihre Aufgabe: Erraten Sie, woher dieses rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist, stammt.”

Ich konzentriere mich und öffne meine Augen. Kurz schaue ich nochmals ins Publikum.

Oder besser gesagt auf die Rundleinwand, auf denen die Zuschauer abgebildet sind. Je nach finanziellem Entschädigungsbeitrag der Zuschauer werden deren Gesichter dort dargestellt. Die SD-Zuschauer erhalten maximal 16 Pixel Platz, die HD-Zuschauer 64 Pixel, die Full-HD Zuschauer 128 Pixel, die UHD-Zuschauer 256 Pixel und die 8K-Zuschauer werden mit bevorzugten 1.024 Pixel dargestellt. Premium-Zuschauer, also Prominente der Kategorie A-D, erhalten bis zu 1.048.576 Pixel; Prominente der Kategorie E-T bis zu 102.400 Pixel und die Kategorie U-Z den Rest über 1.024 Pixel. Zumindest wurde es mir erklärt und jeder Mensch werde scharf dargestellt aufgrund der hochauflösenden Pixeltechnologie.

Ich konnte vier 1.048.576 Pixel-Promis mit einem Seitenblick erhaschen, einer davon war Diether Rossmann, der erfolgreiche deutschstämmige Jung-Milliardär aus der Traum-Metropole Hollywood, der sowohl schauspielert, singt, show-mastert  und ein erfolgreiches Start-Up in der Virologie vor einem Jahr aufgemacht hat.

“Ich hoffe, Sie sind bereit?”

Ich ergreife den Fettgebäckballen und beisse vorsichtig hinein.

“Hm, leicht und fluffig. Schmeckt heiter. Irgendwie südlich.”

“Aha, und woher stammt der?”

Ich zögere. Aber die Erinnerung an den Münsteraner Karneval steigt in mir hoch.

Westfalenland, Westfalenland ist wieder aus Rand und Band.

Als mein Mitschüler mir beim Umzug so ein Ding auf meinen Kopf zerdrückte und die Kirschmarmelade mir über mein Winnetou-Kostüm lief. Und dann war die Erinnerung an den Kölner Umzug. Als ich mit zwei Kölsch in den Händen vor mir, einen Turm dieses Spritzgebäcks, süß, verführerisch, lasziv, und ich mir mit dem Mund einen davon heraus biss und dann selig besoffen rief …

Berliner! Eindeutig Berliner! Rheinland, Münsterland, westlich vom Rhein dazu, könnte auch aus Bern sein”, laut meine Antwort.

“Münsterland ist richtig! Hervorragend!”

Der Showmaster klatschz in die Hände und dreht sich vor der Leinwand Applaus-heischend herum.

Applaus erschallt aus verschiedensten Lautsprechern und ich sehe die Pixelgesichter lachen und freundlich nickend. Ein weitere Blick von mir zu den 1.048.576 Pixel-Promi-Bildern. Konnte ich dort Boris Becker erkennen? Oder war das seine Tochter? Der Showmaster nahm meine Aufmerksamkeit zu sich.

“Der nächste Ballen. Wieder ist die Frage, woher kommt er, wie heißt er und schaffen Sie es auch diesen einzuordnen? Schließen Sie die Augen.”

Die Augen zu schließen, war eigentlich Kappes. Es war so im Vertrag bestimmt und diente lediglich dazu, dem Showmaster das Suspense-Momentum zu geben und beim Zuschauer Spannung aufzubauen.

Ich spüre, wie der Showmaster mir erneut so ein Ding vor meine Finger legt. Wieder spüre ich den Hauch des Zuckers, der meinen Fingerspitzen sein ‘Worauf wartest du, du Sau!’ vermittelt. Es ist leicht karnevalistisch, aber irgendwie nicht rheinisch.

“Sie dürfen jetzt schauen.”

Ich öffne die Augen und blicke zuerst wieder auf die Leinwand. Sehe ich dort Thomas Gottschalk? Nein, das war der garantiert nicht, aber das Pixelgesicht sah so aus. ‚Konzentriere dich nicht so sehr auf die Mega-Pixel-Bilder, suche die Bedeutsamen in den unbedeutsamen Pixel-Gesichtern‘, ermahne ich mich innerlich und blicke auf das Fettgebäckbällchen vor mir.

“Können Sie mir sagen, was Sie vor sich haben. Und vergessen Sie nicht, es schauen Ihnen heute Abend Millionen zu. Das ist eine Eurovisionssendung. Wir grüßen auch unsere Zuschauer aus der Schweiz, Österreich und aus Tirol.”

Tirol? Sagte er ‘Tirol’? Aha! Erwischt. Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber diese karnevalistische, langsame Anmutung des Ballens vor mir und dann dieser Hinweis auf Tirol …

“Das ist ein Faschingskrapfen aus der Gegen von Tirol”, erkläre ich und schaue den Showmaster provozierend offen an. Sein Gesicht läuft leicht rot an. Ihm fällt sein Fehler auf. Und er versucht, ihn zu vertuschen.

Faschingskrapfen? Sie sind sich sicher? Es könnte ja auch ein Berliner sein. Er sieht ja aus wie der vorherige.”

Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Unsere Zuschauer kennen nur den Anton aus Tirol.”

“Ich bleibe dabei: Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Ob das richtig ist?” Er blättert in seinen Kartenset, welches er in den Händen hält und hebt eine davon in der Höhe:

“DAS IST RICHTIG! Super! Hervorragend.”

Wieder dreht er sich Applaus-heischend zu der Rundleinwand. Die Pixel bewegen sich wie orchestriert in Begeisterung und aus den vielen Minilautsprechern erschallt begeisterter Applaus. Ich konzentriere mich auf einen der mir nahen SD-Pixelgesichter. Eine ältere Frau lächelt begeistert und tupft sich mit einem Taschentuch eine Träne aus ihren Augenwinkeln.

“Das war sehr gut! Sie sehen, die Zuschauer sind begeistert! Sie lieben Sie! An dieser Stelle möchte ich doch unseren prominenten Gast und Zuschauer Diether Rossmann fragen, wie er die letzten Minuten erlebt hatte.”

Diether Rossmanns Pixelgesicht wird groß rausgeblasen und drängt alle anderen ins kleinste SD-Format der Rundumleinwand.

”Bin ich live auf Sendung?”

“Diether Rossmann, ja du bist live auf Sendung und jetzt in Großaufnahme! Diether, wie siehst du die Leistung unseres Gastes? Was haben die letzten Sekunden mit dir gemacht? Sag es uns“”

“Hervorragend! Aber es hätte den Hinweis mit Tirol nicht bedurft, um den letzten Ballen einzuordnen, nicht wahr. Das hätte er auch so geschafft. Übrigens, an dieser Stelle möchte ich meine Fans aus dem Eurovisionssendegebiet grüßen. Ich freue mich, wenn Sie nächsten Mittwoch sich in meine Show ‘Livehaftig’ einschalten. Ich habe übrigens gesehen, der Boris ist auch Zuschauer?”

Der Showmaster reagiert leicht indisponiert: “Nein, Boris ist gerade in Tirol bei den Open-Tennis-Masters in der neuen geheizten Showroom-Halle und kommentiert das Tennis-Abstiegsduell zwischen Andorra und Deutschland. Von dieser Stelle auch ein ToiToiToi an unser Davis-Cup-Team. Ihr schafft das schon. Diether Rossmann, ich danke dir und wir sehen uns nächstes Wochenende auf der Media-Messe in Garmisch-Partenkirchen zum ‚winterhaften Sommer-Fernsehgarten‘.”

Er wendee sich mir wieder zu. Der Ballen zuvor war bereits wieder abgeräumt, ohne dass ich einen Bissen nehmen konnte. Aber ich trauerte dem nicht hinterher. Wenn der Showmaster schon zu blöd war, die Lösung in der Frage nicht zu verraten, ersparte mir somit Kalorien.

“Und nun zu dem nächsten. Wieder ein rundliches Fettgebäck, das mit lieblich-feinem Zucker bestäubt oder einer aparten Glasur überzogen ist und mit köstlicher Marmelade gefüllt ist. Bitte die Augen schließen.”

Ich tat, wie mir geheißen. Kurz darauf spüre ich wieder diesen durchdringenden Appell des Zuckers des Fettgebäcks an meine Fingerspitzen ‘Du willst es doch auch, nicht wahr!’. Und dann sind da noch diese Vibes, welche mich stutzig machen.

“Sie können die Augen öffnen.”

Da liegt er vor mir. Weiß überzuckert mit braun gebackenem Körper. Ein typisches Fettgebäck. Ich greife zu und drücke ihn. Er lässt sich leicht drücken. Trotzdem ist er nicht leicht und fluffig. Er hat eine leichte Gegenreaktion gezeigt und ruft mir eine leichte Erinnerung an Gonzo-Pornos hervor.

Gonzo-Pornos?!?

“Na? Das ist nicht so einfach, nicht wahr?”, versucht mich der Showmaster in meiner Konzentration zu stören.

Gonzo-Pornos? Da war Sonja. Die mochte solche Dinge nicht. Sie fand sie ekelig. Man konnte fast meinen, sie wäre sex-abstinent. Aber dabei war sie eine Granate in der körperlichen Kommunikation. Ein Traum, den Tausend-Millionen Männer in ihren Schlaf schwitzend träumten, bevor sie aufwachten und an ihrer Seite Leere feststellten.

Gonzo-Pornos? Gonzo? Der aus der Muppet-Show, der Stuntman mit der langen Nase? Der Außerirdische, welcher auf der Erde zurück gelassen werden musste, und sich dann den Muppets anschloss, um auf seiner Trompete einen klaren Ton zu blasen? Einen klaren Ton? Mit Trompete? Und ohne? A capella. Gonzo? Gonsheim? Gonsbachlerchen? Wie es singt und lacht? Lacht? Die Gonsbachlerchen? Mainz bleibt Mainz? Wie es sinkt und trotzdem lacht? Die immer lacht? Hessisch? Jaaa! Das musste es sein.

Ich beiße kurz in den Ballen rein und die Marmelade verteilt sich auf meiner Zunge. Südhang. Bembel. Hieß deren David Bowie nicht Heinz Schenk?

“Das ist ein Kräppel! Oder auch Kräpfel! Aus Hessen!” kommt es aus mir hervor.

“Richtig! Wahnsinn! Das stimmt! Ein Kräppel! Super!”

Der Saal erschallt in Applaus, die Pixelgesichter wogen in Begeisterung auf und ab. Und es droht nicht zu enden.

Seit der Grippe-Pandemie, welche durch Europa wütete und unzählige Opfer unter den Ü50-Menschen kostete, wurde keine Show mehr vor Publikum ausgestrahlt. Man baute anfangs Leinwände auf, auf denen das Publikum projiziert wurde. Nach der zweiten großen Pandemie in Europa wurden dann Fußballspiele für das öffentliche Publikum gesperrt. Aber da Fußball ohne Auditorium eine fade Sache geworden wäre, hatten die millionenschweren Clubs ihre Stadions mit billigen Tablets ausgerüstet. Auf jedem Sitz des Stadions stand ein Tablet und ein Zuschauer wurde direkt mit dem Tablet verbunden und konnte dann das Spiel von dem entsprechenden Sitz aus über jenes Tablet fast so sehen, wie er es im Stadion gesehen hätte, wäre er Inhaber jenes Sitzes für ein Spiel lang gewesen. Mit dem Vorteil, dass ein Riese vor ihm die Sicht eventuell versperrt hätte.

Anfangs waren alle reserviert und niemand sagte diesem Model eine Zukunftschance voraus.

Als allerdings beim Champions-League-Finale zwischen PSG Paris St. Germain und Preußen Münster urplötzlich alle Tablets ausverkauft waren und die Streaming-Gebühren ins Astronomische stiegen, wurden alle Dämme gebrochen so wie damals beim Wiehnachtshochwasser in Köln. Anfangs war es für die Fußballspieler ungewohnt, da der Sound der Tabletts nicht dem Sound wirklich existenter Zuschauer im Stadion entsprach, aber danach war es für die Spieler immer ein Höhepunkt zu sagen, dass er von jenem oder jenem oder einem Promi über Tablett beim Spielen gesehen wurde. Es war den Spielern eine Auszeichnung, wenn denen ein Promi zusah.

Das Tragen von Mundschutz oder Handschuhen war zu dem Zeitpunkt schon längst kein Diskussionspunkt für die Spieler. Sie wollten alleinig Wertschätzung für deren Auftritte auf dem Rasengrün. Und sie erhielten durch die Anzahl der eingeschalteten Tablets auf den Zuschauersitzen jene einverlangte Wertschätzung, welche denen mehr galt als der schnöde Mammon. Das war eine skurrile Situation, aber Fußballspieler wurden im Verlauf der Geschichte als die hygienischsten Sportler aufgrund aller Maßnahmen in Zeiten der Grippe eingestuft.

Die Live-Shows im Fernsehen passten sich an und hatten dann jenes Tablet-Model der Fußball-Zuschauer perfektioniert. Die Showbühnen waren umrundet von einer Leinwand, auf denen die Zuschauer als Pixelbilder dargestellt wurden. Die Technologie machte es möglich, Abstufungen zwischen Wenig-Zahler und Viel-Zahler bis hin zu Promi-Faktoren zu erzielen.

Nebenbei, die von Jugendlichen verehrte, musikalische Jugend-Combo ‘Live-Hack’ hatte ihren ersten millionenfach ausverkauften Gig in einer eigentlich als Abstellkammer dienendem Raum in Tirol, welches nachher zur Tiroler Showroom-Halle ausgebaut wurde, in der jetzt das deutsche Davis-Cup-Team Bälle über ein gespanntes Netz prügelte.

“Wir sind noch nicht am Ende. Es geht weiter. Sie haben bislang ein paar Ballen nach deren Herkunft erraten. Aber jetzt wird es schwierig. Der nächste kommt. Schließen Sie ihre Augen.”

Wieder spüre ich den Ruf der Puderzuckerschicht ‚Scheiss auf Kalorien, ich bin dein Sweetie! Fick mich!‘ in meinen Fingerspitzen. Aber das sagt ja jede Zuckerschicht. Am schlimmsten sind hierbei sowieso die brasilianischen Schokoladenbällchen, ‘Brigadeiros’ genannt. Eine Dose gezuckerte Kondensmilch, ein Ei, Butter, 4 Esslöffel süßes Milchkakaopulver. Und dann die ganze Masse nach dem Erhitzen und Stocken erkaltet als keine Kügelchen geformt in Hagelzucker gewälzt. Serviert zu einem zuckersüßen Caipirinha. Oder zu einem Schokoladenkuchenstückchen mit Zuckerlimonade. Mach mich dick. No sex, please. You do not need to sex me up, but give me Brigadeiros …

Ich öffne meine Augen. Dort liegt weiterhin dieses rundliche Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt und mit Marmelade gefüllt ist. Ich schaue es mir an. Es sieht identisch wie die anderen aus. Ich greufe zu und spüre gleich, außen weich, innen härter. Der Ballen fühlt sich separatistisch an. Da schwingt etwas eigenes mit. Eine Eigenart, welche auf ein Individualcharakteristik-Gefühl hinweist. Nein, da spielt kein Nord- oder Südhang oder Schieferboden eine Rolle. Da steckt eine Identität dahinter. Eine Identität, welche sogar die Römer nicht mochten und deshalb keine bedeutsame Stadt der Gegenwart gründeten. Aber trotzdem noch einen Limes! Paderborn? Bielefeld? Nein, es war nihilistischer, südlicher. Ich beisse rein. Da ist er, der Geschmack. Nach Freiheit und Abenteuer. Nach Wildheit und Unberechenbarkeit. Mit einem Hauch verruchten Pulverdampf, der meinem preußischem Gemüt entgegenwirkt.

“Das ist ein Krapfen. Eindeutig. Ein Krapfen aus Bayern. Ich würde sagen, aus dem Ort wo die Bayern zum letzten Mal auf die Preußen schießen durften!”

“RICHTIG! Hervorragend! Sogar der Ort ist richtig geschätzt. Er wurde in der bayrischen Staatskanzlei in München aufgebacken! Vom ewigen Ministerpräsident persönlich! Und den dürfen wir heute Abend persönlich bei dieser Show höchstselbst begrüßen! Hallo, Herr Ministerpräsident!”

Die Leinwand wird aufgeräumt. Alle Pixelgesichter werden auf weniger als 16 Pixel reduziert und den Rest erfüllt ein einzelnes Gesicht in 16K-Auflösung.

“Meine Damen und Herren an den Fernsehbildschirmen, sie dürften es gerade mitbekommen haben”, der Showmaster macht eine dramatische Pause, “Sie sehen das erste 16K-Bild in der Fernsehgeschichte. Ich weiß, dass auf dem Markt nur 8K-Fernseher gibt, aber zusammen mit unserem Sponsor ‘OljaPraPorra’ verlosen wir heute den ersten 16K-Bildschirm der Geschichte und unser Bayrischer Ministerpräsident wird die Glücksfee spielen!”

“Da bin ich ja froh”, schallt der Bayrischer Ministerpräsident aus den Lautsprechern, “dass ich als erster Mann eine Fee sein darf. Das fügt sich hervorragend in das Bild von uns Bayern in Trachtenuniform mit HighTech. Wir sind halt das Bundesland …”

“Herr Bayrischer Ministerpräsident, würden Sie jetzt bitte den Knopf drücken, damit unsere Software aus dem Datenbestand der Cookies unserer Zuschauer den entsprechenden wählt, damit derjenige über seinen Sprachassistenten …”

Ich nutze diese Pause, um meine Entspannungsübung durchzuführen. Ich erwarte noch die ultimative Frage. Die alles-oder-nichts Frage. Das letzte Fettgebäck vor mir. Nervosität steigt in mir auf. Denn eigentlich bin ich ein Mister Nobody. Freunde hatten mich zu dem Quiz angemeldet. Aus reinem Jux und Dollerei.

Gut. Das stimmte so nicht. Ich war denen wohl dauernd zu vorlaut. Und während der letzten Grippe-Pandemie hatte ich mich dauernd geweigert, meine Hände mit dem Sterilisierungsmittel zu waschen. Und dann war gerade mein Gegenüber an der bedrohlichen Grippe erkrankt. Für alle war klar, dass ich dran Schuld hatte. Aber ich war nie krank. Nicht mal eine virologische Untersuchung konnte Anti-Körper in mir feststellen. Aber für meine Arbeitskollegen war ich schuldig. Ganz klar. Ich fühlte mich in der Firma wie ein Bakterium in Penizillin. Oder wesentlich konkreter: wie ein Schwarzer unter Weißen, wie ein Jude unter Katholiken, wie ein Linker unter AfD-Fanboys- and -girlies.

Und als ich dann in der dabei herrschenden Faschingsperiode denen spöttisch hinwarf, ich könnte am Fettgebäck immer auch deren Herkunft feststellen und wäre deswegen immun gegen deren Krankheiten, war der Ofen aus. Klar. Herkunft und Immunität gegen Krankheiten bei Faschingsgebäck, das hat so viel Sinn wie immer ein Bier mehr zu trinken, um den Effekt ‘das-letzte-Bier-war-schlecht’ zu verhindern. Aber diese Dumpfdödel hatten es nicht kapiert, was ich sagen wollte. Ich erntete, was ich säte: eine Einladung zu der Show als Fettgebäck-Sommelier.

Das war natürlich quätscher als quatsch, wie weiland bereits Herbert Wehner zu sagen pflegte. Aber wen interessiert schon das Gequatsche der Verstorbenen von gestern bei den Leuten von heute. Und wenn jener, weshalb der Hintersinn für vordergründige Geschichten aus dem breiten Mittelmaß.

Meine Teilnahme an der Show hatte ich vor Monaten bereits in den sozialen Medien kund getan, aber es interessierte niemanden. Ein Leser imitierte sogar einen weiteren  Shit-Storm, weil er mich wohl nach 5-Minuten-Ruhm gieren sah. Ich fühlte mich deswegen trotzdem geehrt. Nur an jenem Tag, als jene Knödel-Dödel-Rundschau-Zeitung darüber berichtete, stiegen meine Accounts der Social-Media-Welt auf eine Popularität auf ein Maß, welches ich nie kennen gelernt hatte. Sogar mein blödesten Blog-Einträge, die ich vergaß zu löschen, wurden geliked und kommentiert, als ob es morgen keinen Morgen gäbe.

Es gründete sich sogar ein Fähnlein Fieselschweif ‚Pro-Fettgebäck-Sommelier‘ und sammelte für mein Bahn-Ticket in der ersten Klasse. Crowdfunding übers Internet. Es kam nebenbei ein Ticket für einen Flug mit der A380 in der ersten Klasse dabei heraus. Um es zu nutzen, musste ich allerdings von München über Dubai nach Berlin fliegen. Zwischenstopp Hannover. Wegen der Crowdfunding-Leute. Das war dann exakt vier Tage langsamer als ein Bahnticket, obwohl der ICE von München nach Berlin an jenem Tag sogar 45 Minuten Verspätung hatte. Aber es war eine 380. Das nur am Rande.

“Die letzte Frage. Es geht um den Hauptpreis. Championship-Frage. Sind Sie bereit?”

“Was steht auf Spiel?”

”Die richtige Beantwortung der letzten Frage bringt Ihnen folgenden Gewinn!”

Trommelwirbel.

Trommelwirbel? Wie altmodisch.

“Einen Traumurlaub auf der Insel Sal der Kap Verden in einem zwölf Sterne Luxus-Hotel der Klasse Premium mit All-Inclusive. Dazu eine Rundreise über die Insel zu allen Stränden binnen 24 Stunden mit abschließendem Abendessen in der einheimischen 8-Sterne-Fisch-Bar ‘NuncaMaisNaMinhaVida’. Und das beste daran ist, ihre Begleitperson zahlt den super-vergünstigten Preis von nur 25% vom doppelten Katalog-Preis, den normalerweise nur Luxusreisende mit Einkommenssteuerbefreiung zahlen müssten. Na? Ist das nichts?”

Das ist klar. Geizen, wo es nur möglich sei. Da bin ich immer Fan von. Da bin ich dabei. Ich verdien halt nicht so viel wie andere, aber wir müssen ja alle sparen, da möcht ich nicht außen vor stehen, wenn ich ein Ticket gewinne.

Nur, im Programm gibt es immer sich wiederholende Werbung bis zum Abwinken für die Leinwandzuschauer. Jene, die eh nur auf werbefreie Programme fluchen, weil die öffentlich finanziert werden und kein Niveau haben. Aber Werbung ist für die auch eine Katastrophe als Finanzierungsmodell, weil für den Zuschauer nicht kostenneutral.

Vor meinen Augen tauchen die Zuschauerinnen der Telekolleg®-Programme auf: Hausfrauen mit Hoffnung durch Fernseh-Fortbildung öffentlich-rechtlich einem Bildungsauftrag mehr als nur das Jodel-Diplom a la Loriot zu erlangen.

Abgelöst wurden diese Telekolleg®-Programme auf den Dritten Programmen für Hausfrauen dann allerdings unbemerkt durch Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen, weiland die absolute Familien-Mini (vulgo: Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), welche dann ihre Anhängerinnen zu Arbeit und Soziales umschulte (Patronin: Mini für Arbeit und Soziales Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen), bevor sie jene zu wehrhaften Frauen im Kriegsministerium eines unilateralen solo-kosmopolitisch-orientierten Landes fortbildete. Bandwurmsatz und kompliziert verschwurbelt? Nö. Nur der Karriere von der niedersächsischen Albrecht-Tochter angepasst.

Und freudestrahlend begleiten jene Uschi nicht auf der Strecke gebliebenen Schlecker-Frauen gen Europa-Parlament, wo jene dann als Chor der Putzfrauen (“Mensch Uschi, mach kein Quatsch”) ihre Jobs für die Gleichberechtigung als Vielvölkerstatt (Obacht: ‘tt’ am Schluss statt ‘at’) für Uns-Uschi wahr nehmen.

So sitz ich nun als Repräsentant der Fettballen-Sommeliers auf dem Quizsessel und die Leinwand starrt mich an.

Die letzte Frage. Die Eine-Million-Frage.

Eine-Million-Zuschauer.

Pro Zuschauer 1 Euro. Umsatzsteuerreduziert. Der Rest vor Gewinn-Steuern soll an mich gehen. Geldwerter Vorteil. Finanzamt-Süd grüßt. Für ein Fettgebäck.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Brief der zuckererzeugenden Industrie, die mich für mein Wohlwollen plus Wissen mit Werbeverträgen honorieren möchte. Ich solle nichts kritisches gegen sie zuvor und danach äußern. In meinen Fingerspitzen juckt es.

“Die letzte Frage. Es wird spannend. Erneut haben Sie ein rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist.“

Ich schließe die Augen und lege meine beiden Hände – die Finger abgespreizt – vor dem Teller, auf dem das Objekt des Rätsels gelegt werden wir. Ich spüren den Lufthauch. Ein Ballen wird auf den Teller gelegt. Meine Finger vibrieren. Eine entfernte Vibration erinnert mich an Rosenmontag.

“Sie haben das letzte Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei vor sich.”

Der Showmaster lässt seine Stimme vibrieren. Ich muss ihm zugestehen, Spannung, das kann er. Einwandfrei. Gelernt ist gelernt.

Meine Nase erschnuppert Puderzucker. Sauber. Sauber weiß. Wie eine Linie im Münchener P1, wo alle ihre Linien ziehen. Unweit von der bayrischen Staatskanzlei. Genauer gesagt eine Steinwurf-Weite entfernt. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

Folglich wurde der Ballen kurz zuvor bestäubt. Mit frisch gemahlenem Zucker. Aber … zu süßlich, einen Hauch zu süßlich. Betörend süßlich. Gut. Das gab es auch woanders, nur, so süßlich, das war nicht mehr so richtig bio. Kein wirklich biologisch gewirktes Produkt. Obwohl auch nicht un-bio. Es war irgendwie bio-deutsch, aber auch wieder nicht bio-deutsch.

Versteht jemand überhaupt meine Gedankengänge, sollte ich sie äußern?, schießt es mir durch den Kopf. Aber das alles ist de facto süß. Verführerisch.

Es schmeckt nach Gelsenkirchen. Es schmeckt nach dem Ursprungsort von İlkay Gündoğan und Mesut Özil. Gelsenkirchener Barock der Neuzeit. Einer verachteten Neuzeit. Aber da war ein Beigeschmack, als ob da ein Bitterstoff reingemischt wurde und dem gesamtdeutschen Geschmacksbild angepasst wurde. Vor mir tauchten die Bank-Vorderen auf, die Mesut Özils Integrationsprojekt in Gelsenkirchen nicht unterstützen, weil rechte Parteiobere dagegen gewirkt hatten. Ein Bild tauchte auf, von dem Deutschland-“Fan” der nach einem WM-Spiel Özil rassistisch beleidigt hat.

Rassistische Beleidigungen? Da sind die Fußballfans vor. Da müssen die mit Millionen bezahlten Profis drüber stehen. Dafür werden sie bezahlt und dürfen den Fußballplatz nicht verlassen. Persönliche Anfeindung entgegen der gesellschaftlichen Räson. Und die ist eher rassistisch ignorierend. So wie beim Schlacke 09 Präsi, der sich mit populistischem Allgemeingut entschuldigte. Wie gut, dass Antonio „Toni“ Rüdiger nie ob Schlacke 09 spielte. Er wäre heulend wegen nichts nach Hause gekrochen, statt das gleiche jetzt bei FC Chelsea wimmernd durchzuführen. Heulsuse. Rassismus gehört zu jedem anständigen Fußballspiel, nicht wahr, auch wenn es anständig unanständig ist … Geld sollte bei Fußballspielern das Pflaster für offene Sphären der Gesellschaft sein … wir leben nun mal halt nicht im Kommunismus, woll

Bin ich zynisch? Ja. Sicher. Auch rassistisch. Ich wuchs auf in einer Familie von Weißen, ging in einer katholischen Kirche von Weißen, wo Nick-Neger als politisch korrekt am Kirchenausgang dienten, ging auf einer Schule von Weißen, wo ich die Geschichte von Weißen lernte und ihr, liebe Leser, wollt mich nicht als rassistisch einordnen? 

“Es geht um die Wurst. Das Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei. Was ist es?”

Ich zucke zusammen. Wurst? Geht es nicht um Fettgebäck? Also, Hefeballen? Er hatte mich aus meinem Gedankenpalast gerissen. Meine Fresse, jetzt hätte ich gerne ein Glas Riesling. Spätlese von der Mosel. Einfach, um meine Nerven zu glätten. Einfach, um meinen Puls zu beruhigen.

Ich blicke den Moderator an. In meinen Gedanken vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Klar, Zukunft ist immer die richtige Antwort. Zukunftsorientiert. Nur die Gegenwart ist die Frage. Und Vergangenheit interessiert sowieso keinen Menschen mehr als Antwort. Vor allem nicht in meiner Situation vor dem Showmaster. Jeder will die perfekte Antwort auf die perfekte Antwort. Fragen sind überflüssig. Passend zur Jahreszeit. Go for it.

Ich versuche die Umgebung, um mich herum auszublenden. Fußballspieler haben es einfacher. Spielen sie in einem Stadion und die Tablets auf den Sitzen übertragen deren Spiel und aus den Lautsprechern schallen Jubel-Arien, dann ist das einfacher für die Spieler. Spieler leben und wachsen mit Jubel-Arien. Klar, es ist gewöhnungsbedürftiger für die Generation ‘Live’ oder ‘TV’ der 10er-Jahre, also jener nach der ‘Generation Y’, denen welche man mit ‚OK, Boomer‘ mundtot macht. Aber andere Umstände, andere Konsequenzen. The show must go on. Wir sind ja schließlich nicht von gestern, woll. Die Zukunft ist heute. Vergangenheit ist für die Ewig-Gestrigen.

Ok, Boomer.

Die letzte Virus-Epidemie hatte nicht nur zur Konsolidierung der internationalen Rentenkassen durch den unpopulären Fakt des eintretenden Tods beigetragen, weil Virus-Epidemien verstärkt eher die Ü50-Generationen und die Armuts-Klasse signifikant betroffen haben. Wer starb am Virus? Die Armen und Schwachen und Alten. Richtig so. Auslese. Survival of the fittest. Es war das eingetroffen, was der damalige Reichtums- und Muss-so-sein-Vertreter Warren Buffet erklärte (“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”)

Ich sitze allein auf dem Stuhl. Der Showmaster schaut mich weiterhin prüfend an. Ich vermute, allein wegen dem prüfendem Blick wurde er damals ausgewählt. Jeder muss sein Allein-Stellungsmerkmal haben.

Nur das Wissen hilft es mir jetzt nicht.

Ich grüble. Berliner. Eigentlich heißen die ’Berliner Pfannkuchen’. Mir kommt ein Bekannter in den Sinn. Aus Sachsen. Er hatte mich damals im Social Media angefeindet, weil ich ‘Pfannkuchen’ mit dem Wort ‘Crêpes’ gleich gesetzt hatte. Ich wäre deswegen ein typischer ‘Gutmensch’. Den Begriff ‘typischer Deutscher’ hatte er wohl vermieden. Ein erster privater Social-Media-Shitstorm. Der gesamte Freundes-Kreis, den das Social-Media-Konstrukt mir als mein Freundeskreis erklärte, schlug auf mich ein. Ich. Böser Mensch. Doppelplusungut. Auch wenn es nur um Fett-Gebäcke ging, schien es, um Grundsätzliches zu gehen.

“Was ist es?” wiederholt der Showmaster. “Sie haben bislang alles richtig erraten und Ihnen winkt der Hauptpreis. Was ist es?!”

Es ist ein Berliner, ein Faschingskrapfen, ein Kräppel, ein Krapfen. Was kann es denn noch sein?

In meinen Gedanken erschien mir der Ur-Bayer: Lederhosen, Wams, gezwirbelten Schnurrbart, Hut und daran eine Gamsfeder, eingeölt und biergestärkt. Ich saß ihm im Ur-Bayer-Zelt vom Oktoberfest gegenüber. Er schaute mich an. Sein Gesicht spiegelte nur eine Frage wieder: woher einermeiner denn so komme. Ungefragt hob ich meine Maß und erklärte, ich käme aus der konservativen Gegend, welche sich Davert nenne würde. Das war ihm egal. Er erwiderte nur etwas wie ‘Damischer Preis’ und stemmte sein Maß, blickte dabei voll der Verachtung auf mich nieder. Allerdings musste er dazu aufstehen und auf seine Sitzbank klettern. Zwergenschiksal halt, wenn die mal größer sein wollen, als sie sind. In jenem Moment fragte ihn sein Lederhosen-kostümierter Nachbar nur mit einem Wort: “Broiler?” und er antwortet lediglich mit einwandfreiem sächsischem “Nu”.

Ich schaue den Moderator an, lecke kurz an dem Ballen vor mir und wusste sofort die Antwort.

Pfannkuchen. Ist im ostdeutschen Bereich die Verkürzung für Berliner Pfannkuchen. Was somit Ost und West wieder verbindet. Über Abkürzungen. Also Pfannkuchen.”

Es herrscht kurze Stille. Es knackt kurz in den Leinwänden vor Spannung

Ein spontanes Jubeln bricht aus. Aus den Leinwänden. Alle wussten es wohl zuhaus bereits zuvor. Wikipedia. Nur ich musste es wohl noch raten.

Ich schaue auf den Berliner vor mir auf dem Teller. Es regnet Konfetti auf ihn herab. Den Jackpot hatte ich wohl abgeräumt. Der sächsische Pfannkuchen versinkt wie die Anrea Doria unter einer Konfetti-Flut der Fernsehgesellschaft. Auf der Leinwand sehe ich die zugeschalteten Zuschauer.

Immer mehr der hoch-pixelige Zuschauerfotos verschwinden dabei. Zuschauer, die sich abschalten. Hatte gerade Gottschalk abgeschaltet? Ich erkenne noch einen Darsteller von “Let’s dance”, rechtzeitig bevor jener verschwindet.

Ein Werbespot erscheint. Händewaschen im Kampf gegen tödliche Virus-Bedrohungen. Washing for future. An meine Haut lasse ich nur Osmose-Wasser und hygienische Waschlotion. Dazwischen Werbespots der Automobilindustrie und der Stromversorger. For future. Against any special Friday. Against all odds.

Die Security des Programms deutet mir an, mich in die Garderoben zu entfernen. Ich folge der herrischen Geste des Security-Personals. Ich bin ein folgsamer Untertan. Auch wenn ich nicht AfD wähle. Aber ich bin ein folgsamer Untertan.

In meiner Garderobe zeigt mir der Abreiskalender, das es Rosenmontag ist.

Das muss wohl so sein.

Bring mich zum Rasen, äh, Rosen, äh Rosenmontag.

Gute Ausrede für mich.

Ich mache mir zuhaus eine Kölsch-Flasche auf …