Über Careca

Hang zur Satire, zur Ironie und zum Zynismus; Sinn für jeden Unsinn

Meine Buchempfehlung: What Every Man Thinks About Apart From Sex

So heißt das Buch, das ich an dieser Stelle dem geneigten Leser trivialer aber tiefgründiger Literatur vorstellen möchte. Die englischsprachigen Autoren Sheridan Simove und Shed Simove haben über eines der unergründlichsten Themen geschrieben: „An was jeder Mensch denkt, abgesehen vom Sex“.

Um es kurz zu machen, das 200-seitige Buch ist binnen einer Minute zu lesen. Trotzdem erzählt es alles, was der wissbegierige Leser dazu wissen möchte und nie zu fragen wagte. Obwohl es einen provokanten Titel hat, lässt sich das Buch überall problemlos lesen: im Kino, vor der zwischen Börsenbericht und Tagesschau, während der Halbzeitpause eines Fußballspiels, beim Umdrehen der DVD „Sex and the city“ für die eigene Frau, ja selbst kurz vor einem katholischen Gottesdienst lässt sich das Buch schnell durchschmökern.

Der Grund dafür ist einfach und verständlich: Die Seiten des Buchs sind alle leer. Unbedruckt. Zweihundert Seiten tiefgründigster Abhandlung über die Gedankenwelt der Menschen jenseits von Sex auf leeren Seiten. Das sagt alles.

Und der Preis liegt bei umgerechnet 9,99 Euro. Für 200 Seiten ein Schnäppchen. Beim deutschen Amazon hat das Buch zwar nur Platz 161 der englischsprachigen Bücher inne. Jedoch beim britischen Amazon-Buchhandel belegt das Buch bereits Platz 146 der totalen Bestseller-Liste (4,5 Sterne).

Zur besseren Einordnung dieser statistischen Angaben für den Leser:
Thilo Sarrazins Buch belegt bei Amazon UK den Bestsellerplatz 38,233 und kostet dafür dort in der Hardcover-Ausgabe das Doppelte (wohl weil es doppelt so viele Seiten hat), die dann auch noch tatsächlich beschrieben sind. Eine Leseprobe als Vergleich mit dem Buch von Sarrazin zeigt, das Buch von Sheridan Simove und Shed Simove liest sich einfacher und hat genau die gleiche gedankliche Höhe wie bei Sarrazin.

Ergo: Klare Kaufempfehlung für Leute, die eine besser lesbare Version von Sarrazins Buch.

Für Freunde des wortlosen 200-seitigen Buches über die Gedankenwelt der Männer, hier ist der Link zum Bestellen bei Amazon-UK
What Every Man Thinks About Apart From Sex
und bei Amazon-Deutschland
What Every Man Thinks About Apart From Sex

Wenn der Wind weht

“Ich kann heute nicht erkennen, dass unsere Kernkraftwerke nicht sicher sind, sonst müsste ich ja mit meinem Amtseid sie sofort abschalten,” sagte heute die Kanzlerin Angela Merkel.

Wie versprach sie noch den Bürgern am 6.9.2010, nachdem die Laufzeitverlängerung als mit dem absurden Begriff dieser als „Revolution in der Energieversorgung“ den Medien verkauft wurde:
„… dass die Unternehmen auch in den nächsten Jahren noch erhebliche Summen in die Sicherheit investieren müssen. Denn Sicherheit geht vor und wir haben heute schon die sichersten Kernkraftwerke der Welt.“

Die WDR-Sendung Monitor berichtete am 9.9.2010 unter dem Titel „Bundesregierung will Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke senken“ folgendes:
„Denn laut Bund-Länder-Liste müssen wichtige Nachrüstungen erst mittel- bis langfristig erfolgen. Beispiele: Die Vergrößerung der Flutbehälter, wichtig, für den Fall, dass das Kühlsystem des Reaktors ausfällt. Auf die lange Bank geschoben, ebenso die Trennung redundanter Sicherheitseinrichtungen. Also Systeme, die im Notfall unabhängig voneinander funktionieren sollen. Später vielleicht. Und auch der Austausch der Rohrleitungen. Laut Papier nicht so dringlich.“

Wie gut, dass die Flutbehälter nicht groß genug sind, dass Notsysteme offensichtlich voneinander abhängig sind und dass die Rohrleitungen auch nicht mehr dem aktuellen Standard entsprechen.

Wetten, dass Frau Merkel auch morgen mit ihrem Amtseid die AKWs nicht abschalten wird?
Denn an sich ist das ja nicht wichtig. Angesichts der sich materialisierten „worst case“-Szenarien im japanischen AKW „Fukushima-1“. Denn der Wind bläst ja momentan gen Pazifik.
Und alles ist gut …

… ob ich noch meine bereits geplante Dienstreise nach Japan antreten darf? …

Der Kommentar zum Donnerstag: Gibt es wichtigeres in Deutschland?

Es funktioniert. Ja, langsam aber sicher funktioniert es.
Die Übersättigung bricht sich ihre Bahn.
Nachdem der Mann per Copy&Paste sich seinen Doktor zusammengebastelte hatte und inzwischen mit dem Verlust seines Doktortitels bezahlte, höre in meiner Umgebung höre ich in meiner Umgebung immer öfters die Phrase, ob es denn nichts Wichtigeres gäbe als jenes leidige Thema „zu Guttenberg“.

Nun, was lernen wir daraus, wenn der Herr Ex-Dr. weiterhin im Kabinett beschäftigt bleibt, während andere für Frikadellen, Gebäck oder Pfandbons gekündigt werden, weil bei jenen die vertragliche Vertrauensbasis vom Arbeitnehmer mutwillig zerstört wurde?

Richtig.
Leistung muss sich wieder lohnen.
Und wer gut entlohnt wird, darf sich auch viel leisten.
Jene werden „Leistungsträger“ genannt, samt derer Fehler und Reue.
Die anderen werden entlassen.
Die Definition von „Leistungsträger“ hat bereits Thilo Sarrazin in seinem Buch niedergeschrieben: Als er bei der Bundesbank arbeitete und gutes Geld als Leistungsträger erhielt, hatte er seine Arbeit bis Dienstag Mittag erledigt gehabt und dann an sein Buch geschrieben.
Ich faule Sau, ich benötige für meine Arbeit 40 Stunden die Woche. Deshalb bin ich auch kein „Leistungsträger“. Ich arbeite zu lange.

Gestern sah ich die „Fragestunde“ und „Aktuelle Stunde“ im Bundestag auf dem Sender „Phoenix“:
Zu Guttenberg verhielt sich Demut simulierend aalglatt. Es steht berechtigterweise zu vermuten, dass alle seine Reue-Erklärungen und Selbstanschuldigungen Guttenberg als eine geritzte aber ehrliche Haut erscheinen lassen. Auch die BILD-Zeitung berichtet vollmundig, dass zu Guttenberg mit 87% Zustimmung der BILD-Leser seinen Job erledige.

Zu Guttenberg beendet somit seinen Gang durch eine Art Fegefeuer, welches er selber mit angefeuert hatte. Recht heiß sollte es erscheinen. Aber er bleibt weiterhin Verteidigungsminister und wird fleißig weiterhin un unsere Freiheit am Hindukush besuchen, wo diese angeblich mit bewaffneter Gewalt verteidigt wird …

In der „Fragestunde“ und „Aktuelle Stunde“ im Bundestag war das Geschrei auf den Abgeordnetenbänken recht groß. Leider waren die vielen Zwischenbrüller der CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne und Linken nicht zu verstehen. Zu Guttenberg stand dabei wie ein Fels in der Brandung der Aufregung und erklärte immer wieder, wie leid es ihm tue.

Irgendwer meinte heute zu mir – ich hörte diese Meinung zum zweiten Mal binnen 24 Stunden -, dass die Opposition nicht so laut schreien solle. Die hätte doch auch alle Dreck am Stecken.
Und dabei fiel mir die FDP auf.
Stimmt, die FDP muss wohl sauber sein, denn während der ganzen Causa „zu Guttenberg“ hat die nichts dazu gesagt. Die ist genauso sauber wie die Bildungsministerin Schavan, die für Uni-Angelegenheiten ihren Job hat. Brutalst mögliche Aufklärung durch beredendes Schweigen einer Ministerin. Und von den anderen Laberköpfen wissen wir ja, dass die alle Leichen im Keller haben müssen, nicht wahr. Das Nichtauffinden dieser Leichen ist doch Beweis genug. Was bedarf es der Schwarmintelligenz eines Internets um eine Doktorarbeit zu diskreditieren. Die Bösen sind immer die anderen, die schreien. Denn wer schreit hat NICHT Recht. Oder hat wer zu Guttenberg schreien gehört? Na also. Dafür war da aber Reue, Demut und Entschuldigung medial zubereitet zu Hauf.

Gibt es denn nichts wichtigeres in Deutschland?
Klar, gibt es wichtigeres als jene Tugenden wie Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Anstand, welche immer wieder mal als Mangelware bei Deutschen durch die presse geistern.

Nichts wichtigeres? Aber sicher gibt es das:
Zum Beispiel Bankenrettung, Wahlen, HRE, Landtagswahlen, Afganistan, Wahlen, Eurorettung, Landtagswahlen, Leistungsgerechtigkeit, Wahlen, Exportweltmeisterschaft, medienwirksame Charity, öffentlichkeitswirksame Medienpflege und dann wieder Wahlen.
Aber weniger Hartz-IV, Armut, noch viel weniger die seit Jahren stagnierende Binnennachfrage und vor allem ganz und gar nicht die seit 10 Jahren stagnierende Löhne in diesem Lande, weil das kostet doch alles viel zu viel und bringt doch nichts … zudem soll sich der Staat endlich aus allen sozialen Dingen raushalten und es der freien Marktwirtschaft überlassen (wie Rente, Gesundheit, Pflege etc.), damit unsere so sehr verehrten deutschen Maschmeyers das Geld dahin schaufeln können, wohin es garantiert gehört: in private Taschen zum Zocken an deregulierten Börsen.

Mein Gott, jeder ehemaliger Ossi wird sofort aus den öffentlichen Dienst rausgeschmissen, wenn später bekannt wird, dass er gelogen hat und es Stasi-Notizen in Akten von ihn gibt (dazu muss jener noch nicht mal IM gewesen sein!), egal welchen Posten der beim Entdeckungszeitpunkt bekleidet hatte. Der wird dann geschmissen, weil der wegen unwahrhaftigen Angaben bei der Einstellung nicht mehr vertrauenswürdig sein soll.

Aber ein zu Guttenberg, der darf das, weil seine Beziehungen als Alumnus der „Atlantischen Brücke e.V.“ so brutal stark verankert sind, dass wir jetzt alle das Credo „Gibt es nichts wichtigeres im Lande?“ runterbeten sollen. Die Presse macht es uns am Altar der Merkel-Regierung vor und wir sollen es gefälligst kritiklos nachbeten.

Nö danke.
Nicht mit mir.
Diese Einlullungsmethode und Mundtot-Macherei erlaubt doch bestimmten Kreisen genüßlich in Eselsmilch zu baden und die Mehrheit der deutschen Bürger voll zu verarschen …

Denn das Wichtige in diesem Lande wird gar nicht erst angepackt.
Wozu auch?
Geht es den bestimmten Zirkeln etwa schlecht?
Na also.
Und falls es denen schlecht gehen sollte, dann schrauben wir an den da unten rum, bis die noch weniger haben. Warum soll es uns hier besser gehen als den Menschen in den Schwellenländern?

Ergo: Wir sind alle nur arme Würstchen in dem Spiel der Mächtigen.

Im Kommunismus kommt der Senf für die Würstchen, die die Mächtigen verspeisen, aus einem zuvor gemeinsam erarbeiteten Gemeinschaftstopf; in einer nicht-kommunistischen Diktatur wird den Würstchen der Senf heraus gepresst, bevor sie verspeist werden; in einer Demokratie dürfen die Wähler zwischen Löwensenf, mittelscharfen Senf, Dijon-Senf, Weißwurstsenf und so weiter wählen, mit denen die Mächtiger und Politiker ihre Leute nachher verspeisen …

Deutschland ist endgültig in der internationalen Gemeinschaft der Bananenländer angekommen.

Recht haben die da oben allesamt:
Und darum wälze Ich halte lieber mal die Klappe und stelle meine politische Arbeit in diesem Lande ein. Denn es gibt bezahlte, die es besser wissen, können, machen und dürfen.

Ruhe ist des Deutschen erste Bürgerpflicht.
Und Friedhofsruhe ist das Gold im Munde des zu früh aufgestandenen Deutschen.
Und keinesfalls des dabei gefangenen Wurms.

Amen.

Rauchzeichen

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Ein Tag im Blog

Fernsehtipp: Film mit Wolfgang Neuss

Am Sonntag, den 6. März von 23:45-01:30 Uhr wird im Bayrischen Fernsehen die bissige Satire „Wir Wunderkinder“ gezeigt. Der 1958 veröffentlichte Film erzählt in Episoden die Zeit vom Wilhelminischen Zeitalter bis in die Adenauer-Ära der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Der legendäre Kabarettist Wolfgang Neuss verbindet zusammen mit seinem kongenialen Partner Wolfgang Müller als Erzähler die einzelnen Filmepisoden in galligen Moritaten. „Wir Wunderkinder“ wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem „Bundesfilmpreis“, dem „Filmband in Silber“ des „Deutschen Filmpreises“ und in den USA mit dem „Golden Globe“ als „Bester ausländischer Film“.

Quelle via TV-Browser
Der Films erhielt von Zuschauern die folgenden Bewertungen
– bei IMDb: 7,3 von 10.
– bei OFDb: 7,74 von 10.
– von mir: wirklich sehenswert.

Und dann bei dieser Gelegenheit noch gleich der nächste Hinweis:
Am nächsten Tag wird der Film „Herr Ober!“ von Gerhard Polt gezeigt: Montag, 21:15-22:50 Uhr im Bayrisches Fernsehen. Er ist zwar nicht soooo toll und gut wie der Film „Wir Wunderkinder“, aber doch recht anschauenswert und echt amüsant.

Anm.: Die oben angeführten Links öffnen neue Fenster, welche auf die entsprechenden Seiten von IMDb und von OFDb führen.

Das Manuskript der Papiere des PentAgrions

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18

***

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Berthold Brecht, Die Moritat von Mackie Messer, 1930

Herbsttage können lang sein. Sehr lang. Wenn es draußen regnet und der nächste Job auf sich warten lässt, gibt es keine bessere Zeit zum Lesen. Zeit hatte ich genug. Viel Zeit.
Und eines Abends fielen mir die Papiere wieder entgegen. Direkt aus dem Regal. Als mir das Papierbündel entgegenkam, fiel mir ein Satz ein, welche eine Frau mir einmal in einer Bibliothek sagte:

»Du suchst keine Bücher. Bücher suchen immer nur dich.«

Bücher haben mich aber kaum gesucht. Eher immer nur die anderen. Eine Freundin von mir fiel ein Buch aus dem Regal, direkt vor ihre Füße. Einfach so. Es muss wohl schlecht ins Regal eingeräumt worden sein. Aber das interessierte sie nicht. Sie las es einfach. Seitdem war sie überzeugte CDU-Anhängerin. Das gefallene Buch war eine Biografie Helmut Kohls. Seit jenem Zwischenfall schaute ich immer vorher, an welche Regale ich vorbei ging.

Ich mied politische Regale und hielt mich meistzeit in der Erotikabteilung auf. Aber nie fiel mir dort ein Buch entgegen. Ich musste sie immer verstohlen selber aus dem Regal ziehen. Sie fielen mir nie entgegen. Somit werde ich auch nie erfahren, was mir aufgrund solch eines nicht eingetretenen Ereignisses an sexueller Zukunft entgangen sein mag. Das Aha-Erlebnis bei einem Zusammenstoß mit einem Erotikratgeber wollte einfach nicht passieren. PentAgrion-Kodachrome
Stattdessen fiel mir aus meinem heimischen Regal die zusammengehefteten und bereits vergessen Papiere entgegen:

PentAgrion.

Die Papiere des PentAgrion.

Als ich sie suchte, wollte ich sie lesen.
Als ich sie fand, las ich sie nicht.
Zwischen Adolf Tegtmeier und Haruki Murakami packte ich das Geheftete. Und jetzt fanden sie mich wieder, sprangen mich direkt aus dem Regal an. Einfach so. Vielleicht hätte ich das Regal nicht rempeln sollen. Aber ich nahm die Herausforderung an, räumte Tegtmeier und Marukami wieder ins Regal und nahm mir die Papiere in meine Leseecke mit.

Ich erwartete alles und nichts. Einiges hatte ich bereits ja erfahren gehabt. Und Neugierde war bei mir latent vorhanden, das gebe ich offen zu. Eine Kanne Tee, ein paar Schokoladenkekse und mein obligatorischer Kugelschreiber, um mir Randnotizen zu machen. Die Blätter waren mit Schreibmaschine getippt, das Schriftbild unregelmäßig. Mal stärker, mal schwächer. So als ob das Farbband der Schreibmaschine schon aufgebraucht wäre. Beim Querblättern registrierte ich, dass Satzzeichen eher sporadisch verwendet wurden. Auch fehlten mir die Umlaute »ä«, »ö« und »ü«. Stattdessen fanden sich die Ersatzbuchstabenkombinationen »ae«, »oe« und »ue«.
Auf der jeder Seite fand sich die gleiche Überschrift:

»AHORNSIRUP AUF STRAGULA ODER COLABUECHSE AM WESTWALL«

Ahornsirup? Hatte ich noch nie.
Und was ist »Stragula«?
Und »Westwall«?
Ich befragte meinen Computer.

Stragula: »eine mit Teer imprägnierte Pappe«. So etwas diente als kostengünstiger Bodenbelag, bis der PVC-Bodenbelag Stragula in den 70er Jahren vom Markt verdrängte.
Westwall: »mit Panzersperren und Bunkern aufgerüstete Westgrenze des Deutschen Reiches«

Die Überschrift ergab keinen Sinn. In welchem Zusammenhang sollte eine klebrige Masse auf einem Bodenbelag mit einer Getränkedose auf militärischen Sperranlagen stehen? Es ergab weder inhaltlich noch bildlich einen Zusammenhang. Ich hoffte darauf, dass mir der Inhalt der Papiere die Antwort zu der Frage geben würde. Mir erschien es wahrscheinlich, dass es sich um eine Metaphorik handeln müsse.
Nur, die erste Seite hinterließ weitere Ratlosigkeit bei mir:

»- Potential von Erotik ist Abscheidung von materialisiertem sichentfernen.
– Erotik spannt Raum auf.
– Rechtsfreiheit loest Raum auf.
– Wirklichkeit steht zu Raum in dem Verhaeltnis dass Raum ihr Potential ist.
– Wirklichkeit ist was in Raum aktuell fixiert ist,
– Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Summe in der Zeit geleisteter Abscheidung des Sichentfernens.
– Manifestwerden von Wirklichkeit ist Funktion der Erwartungskonstanz von Energiefluss der zwischen Personen fliesst (Konstellation Energiefluss).
– Ueberall da wo Energie fliesst ist rechtsfreier Raum entstanden (abgekoppelt definierter Raum).
– Wirklichkeit wird sichtbar mit zusammenfallen der Groessen Verletztsein und Rechtsfreiheit.
– Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«

Verwirrt legte ich die Papiere beiseite. Die fehlenden Satzzeichen, die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung und die verwendeten Worte. Das verwirrte mich stark. Und verstanden hatte ich fast gar nichts. Waren das logische Schlussfolgerungen, die aufeinander aufbauen sollten? Es las sich wie eine Mischung aus Physik, Mathematik und Psychologie.
Der Text erschien mir fremder als jenes, was ich bislang über die Papiere des PentAgrions gelesen hatte. Die Sprache erschien mir ebenfalls eine andere.
Andererseits, das was ich bislang über PentAgrion wusste, war auch nicht einfacher Natur.

»Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«
Der letzte Satz des Gelesenen hatte es in sich. Er erschien mir wie der passive Bruder zu der aktiven Phrase »Wer sich verteidigt, klagt sich an«. Wer verletzt wird, fühlt sich schuldig. Weswegen? Warum? Sollte das stimmen?

Ich atmete den Duft meines Tees ein, um klarere Gedanken zu finden, mit denen ich den Faden in den ersten Sätzen dieses Traktats finden konnte.
Erotik, Raum, Rechtsfreiheit, Wirklichkeit, Energiefluss, Verletzt-sein.
Ich blätterte paar Seiten weiter, um zu prüfen, ob der Text in diesem Staccato der Begriffe weitergehen würde.

»Auf Kopfgeldjägerniveau wird Straßenraum gepflastert.«

Zweimal musste ich den Satz lesen, um mir sicher zu sein, dass ich mich nicht verlesen hatte. Er klang zu profan, zu ironisch, zu leicht.

Ich legte die Papiere zur Seite.

Wollte ich das wirklich lesen? War das nicht eher ein Traktat aus den Hirnwindungen eines einzelnen, welches für Fremde überhaupt noch nachvollziehbar sein würde?

In Gedanken versunken, stand ich auf und beschloss eine Dusche zu nehmen. Am Abend wollte ich zu der Vernissage eines Künstlers. Ein Bekannter hatte mir seine Einladung überlassen. Vernissagen – so meinte er – hätten als Höhepunkt immer nur eines: Prosecco und Schnittchen als Maßstab der Bedeutung der Vernissage: Je unbedeutender die Kunst, um so mehr Prosecco und Schnittchen gäbe es. Und jene Vernissage wäre unbedeutend und würde nicht in seinen Diätplan passen. Er wollte abnehmen. Daher drückte er mir die Einladung in die Hand.

»Geh ruhig hin, dann siehst du mal was anderes.«

Gut, ich beschloss, was anderes zu sehen. Das Traktat konnte noch warten.
Nur noch einen Satz wollte ich lesen. Und auch begreifen. Eine ganz einfache Herausforderung. Nicht mehr, nicht weniger.

»Wirklichkeit ist eine Fortsetzung des Maennergespraechs und wird durch koerperliches Interesse von Frauen an Maennern in Gang gehalten.«

Unter der Dusche war ich mir nicht mehr sicher, ob die Papiere zuvor zwischen Tegtmeier und Murakami gestanden haben könnten. Vielleicht standen sie auch zwischen Anaïs Nin und Pease. Ich musste bei nächster Gelegenheit einfach weiter lesen, war mein Beschluss. Ich würde mich schon noch durch das Traktat durchbeißen …

Fortsetzung

blog.de arbeitet mit Hochdruck an der Betriebstemperatur seiner Mitglieder …

Vorwort 27.01.2011:
Der beschriebene, verärgernde Missstand wurde von blog.de kurz danach behoben.

****

Mein Bad wurde renoviert.
Mein Vermieter hatte es nicht angekündigt.
Aber er hatte es direkt gemacht. Ohne viel Federlesen und von langer Hand vorbereitet.

Als ich nach Hause kam, war ich überrascht. Die Eingang in meinem Wohnblock war verschlossen. Ein mehrfach kopierter Zettel klebte an alle Eingangstüren und verkündete unisono:
Wartungsarbeiten.
Gut, dachte ich mir. Wenn es sein muss.
Ich bin eh der mehr gutmütige Mensch.

Nach ein paar Stunden – ich vertrat mir die Beine auf der Straße – kam ich schließlich rein. So fuhr ich direkt zu meiner Wohnung hoch, schloss auf und wollte direkt ins Bad. Es pressierte mir.
Aber das Bad war abgeschlossen.
Die Küche war auch nicht betretbar.
Gleichfalls abgeschlossen. Ich kam nicht rein.
Telefonisch war der Vermieter nicht zu erreichen.
Bis auf seinen Anrufbeantworter: Ich solle mich gedulden. Man habe im gesamten Häuserblock alle Bäder renoviert. Jedes Bad habe jetzt ein ganz niegelnagelneues Bad-System. Einfach vom feinsten. Nur könne es jetzt vorkommen, dass in bestimmten Wohnungen das Bad nicht betreten werde könne. Bei bestimmten Fällen sei sogar die Küche nicht erreichbar sei. Die Techniker würden mit Hochdruck an der Behebung dieses Missstandes arbeiten.
Als ich wütend den Hausflur durchstampfte, begegnete ich vielen anderen Mietern, denen es so ergangen war wie mir. Auf einen kleinen Zettel neben dem Aufzug las ich, dass dem Vermieter das von ihm verursachte Ungemach wirklich sehr Leid täte. Nur, er hätte es ja bereits angekündigt gehabt: Am Hausmeisterbrett unten bei den Kellerfächern.
Ich prüfte es nach.
Stimmt.
Er hatte nicht gelogen.
Das stand es: „Demnächst werden wir die Bäder renovieren.“
So sitze ich noch immer in meiner Wohnung und warte darauf, dass Techniker Bad und Küche mir aufschließen.

Gelogen?
Meine Geschichte ist erstunken und erlogen?

Stimmt.

Aber trotzdem fühle ich mich entsprechend hier bei „blog.de“, der Einführung eines niegelnagelneuen Bezahlsystems bei „blog.de“, dem Verlust meiner PRO-Mitgliedschaft trotz Überweisung der Dienstleistungsgebühr an „blog.de“ und dem Statement von blog.de

Leider können wir aber noch keinen konkreten Zeitpunkt benennen, ab dem alle Nutzer wieder ihren Pro-Status zurück haben. Wir bitten daher um eure Geduld, bis wir das Problem behoben haben.

Sollte es für diesen Ausfall nur die üblichen paar warme Worte geben, dieser Vorfall wäre nicht wirklich einfach verschmerzbar.

Geduld? Die bitten um meine Geduld? Mir scheint, die haben bald davon mehr als genug, eben weil wir PROs diese Geduld an blog.de peu à peu abgeben. Und was machen die mit unserer Geduld? Einlagern? Damit an der redaktionseigenen Börse spekulieren?

blog.de arbeite mit Hochdruck an dem Problem? Haben die Druck? Aber zumindest kommen aus deren Hochdruckkessel ein paar warme Worte für uns.

Nur, bei diesen üblichen Warmen Worten sollte sich blog.de nicht wundern, wenn bei manchen aufgrund solcher verbalen Wärmezufuhr letztendlich der Kessel platzt …

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Joachim Gauck, ein Unfall und der Fahrradfahrer …

Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?

Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.

Joachim Gauck, der Preisträger des Aachener Karlspreises als Europa-Wohltäter und ehemaliger Vorsitzender einer Behörde, deren neuer Name „Birtler-Behörde“ im Gegensatz zur „Gauck“-Behörde nicht wirklich der Renner ist.
Und Christian Wulff, als Kenner der Maschmeyer-AWD-Szene und der Koch-Merz-Bouffier-Öttinger-Connection, jenem „Anden-Pakt“, wie der SPIEGEL diese Männer-Macht-Freundschaften betitelte.

Und dann das:
Eine Woche vor der Wahl, er war ja nur bei der Münchener SPD, um für sich zu werben. Nicht mehr und nicht weniger. Das was jeder so vor der Wahl zum Bundespräsidentenamt so unternimmt. Und genau dabei gerät dem Fahrer des eigenen Wagens ein Radfahrer vor die Motorhaube des gepanzerten und mit Sicherheitsleuten ausstaffierten 7er-BMWs.

Ein Terrorakt?
Nein, freilich nicht, denn der Fahrradfahrer trug keinen Helm. Nach Angaben mehreren Zeitungen war der Fahrradfahrer nach dem Zusammenstoß sofort bewusstlos (… uff, Glück gehabt …).
Die „Süddeutschen Zeitung“ berichtet sogar, dass der Fahrradfahrer „sehr flott“ unterwegs gewesen wäre und der Bundespräsidentschaftsanwärter in dem BMW sollte kurz nach dem Unfall den verletzten Radler im Krankenhaus besucht haben. Von dem Klinikum hätte er denn auch erfahren, dass was er am Krankenbett des Schwer-Verletzten nicht mitgeteilt bekam: der Fahrradfahrer sollte den Unfall überleben. Das sagte eben jener nach dem Unfall am Abend in der ZDF-Sendung „Was nun?“. Da befand er sich bereits wieder in Berlin …

Natürlich meine ich hiermit nicht Christian Wulff sondern den anderen, der das nicht wurde, was der Wulff nachher wurde. Joachim Gauck hatte wohl irgendwie nur Pech. Und erst recht bei dem Unfall, so vermittelte es uns betroffen die Presse. Denn sein Fahrer fuhr normalerweise so 80.000 Kilometer im Jahr. Unfallfrei. Und nun das. Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Ein Fahrradfahrer bewußtlos auf der Straße und Gauck kurz darauf am Krankenbett.

Was ist eigentlich aus dem Fahrradfahrer geworden?

Er betreibt ein Restaurant im Münchener Stadtteil Sendling, nicht unweit von der Stelle, wo dem Münchener Schmied von Kochel gehuldigt wird.

Der Schmied von Kochel ist eine Bayrische Sagengestalt. Er hat so in etwa die Stellung des biblischen Samsons, der einst fürchterlich stark war, bis ihm Delila einfach die langen Haare abschnitt. Und weil Samson gottesfürchtig war, erhörte die biblische Hauptperson des Buches seine Stoßgebete und in einem letzten Kraftakt soll Samson dann noch mal eben mit einem Eselskinnbacken 1000 Gegner niedergemeuchelt haben. Als Belohnung erhielt er für dieses Massaker das Amt eines Richters.
Für deutsche Geschichtshistoriker ist das nichts ungewöhnliches. Man gedenke nur des Tausendjährigen Nazi-Reichs, was sich geistig, moralisch und wirtschaftlich aufs Übelste und Makaberste schon nach zwölf Jahren vorsätzlich abgewirtschaftet hatte. Die Karrieren einiger der damaliger deutschen Nazi-Protagonisten wurden danach mit Richterposten und anderen Ehren entlohnt. Manche wurden sogar demokratisch gewählte Präsidenten mitteleuropäischer Staaten.
Also nicht wirklich neues, könnten da Historiker über Samson beruhigt konstatieren, auch für die heutige Zeit. Man sieht, die Bibel ist nicht in-aktuell in der Beschreibung der bestialischen Niederungen der Menschheit.

Aber es geht ja nicht um Samson.

Und um den Schmied von Kochel geht es hier auch nur am Rande. Denn jener lebt in der bayrischen Erinnerung als Held weiter. Lediglich mit einer Stange ausgerüstet, soll er das Stadttor von Belgrad erfolgreich zerstört haben. Dafür starb er dann in der Sendlinger Mordweihnacht 1705 in dem Bauernaufstand, einem Ausdruck des niedrigen Wutbürgertum gegen den Staat, als Vertreter von recht und Ordnung. Der Schmied von Kochel hat jetzt gegenüber der alte Pfarrkirche St. Margaret in Sendling sein Denkmal.

Und 300 Meter weiter hat das Unfallopfer von Joachim Gauck sein Restaurant seit Weihnachten eröffnet. „Ferry’s Holzofen Pizzeria“ in Sendling. Gut, das mag jetzt wie billige Werbung sich lesen. Aber darum geht es mir nicht.

In jener Pizzeria erzählte mir das Unfallopfer seine Geschichte.
Er sei prominentes Unfallopfer, meinte er.
Ich verstand nicht.
Ob ich nicht die Zeitungen gelesen hätte.
Nein, Boulevard lese ich eigentlich nicht. Und uneigentlich nur das Fett-Gedruckte zu meiner Belustigung. Unfallgeschichten sind nicht mein Metier.
Er erzählte mir die Geschichte von dem Unfall. Wie es ab lief, woran er sich erinnerte. Er erinnerte sich bis zum Zusammenstoß, dann endete seine Erinnerung.

Direkte Unfallzeugen gab es. Vier waren es auf alle Fälle. Und deren Aussage hatte erhebliches Gewicht: die vier Sicherheitsbeamten, die alle ähnlich lautend das Unfallopfer als Unfallverursacher belasteten. Zwei weitere, zivile Zeugen gab auch noch. Sie hatten den Unfall nur aus den Augenwinkel mitbekommen und konnten die Aussagen der Sicherheitsbeamten nicht direkt erhärten oder widerlegen.
Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen Gauck seinen Fahrer eingestellt. Die Aussagen der Sicherheitsbeamten wären eindeutig, die der beiden Zeugen schwammig und die Aussagen des verunfallten Radfahrers nicht stichhaltig.
Akte geschlossen. Prozess zu Ungunsten und zu Lasten des Radfahrers beschieden.

Drei Operationen am Kopf waren die Konsequenz aus dem Zusammenstoß mit dem 7er BMW. Der Radfahrer kam sofort für niemanden erreichbar auf die Intensivstation. Jede Operation dauerte länger als die vorherige. Die letzte dauerte neun Stunden.
An einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auch keine andere Person konnte den Besuch bezeugen. Wie auch? Nur engste Familienangehörige würden die Chance haben auf die Intensivstation des Krankenhauses zu gelangen.
Wer hat denn da verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte? Gauck, der mitfühlende Kandidat zum Bundespräsidentenamts. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?

Nur, das einzige, was der Verunfallte an seinem Krankenbett fand, war ein Blumenstrauß des SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro hatte Joachim Gauck vor dem Unfall noch für seine Kandidatur geworben.
Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.

Ganz staatsmännisch hatte Joachim Gauck sich auf seine Wahl konzentriert und seine Bemerkung in der ZDF-Sendung „Was nun?“ ist das, was medientechnisch über die Zeitungen dem Verkehrsopfer übermittelt worden war: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck)

Das Restaurant hatte das Unfallopfer mit mehr als einem halben Jahr Verzug zu Weihnachten 2010 eröffnet. Als offizieller „Unfallverursacher“ muss er für alle Schäden des Unfalls aufkommen: der beschädigten gepanzerten 7er BMW, die eigenen Operationen, die Prozesskosten und die Kosten aufgrund der verspäteten Eröffnung. Er habe es bereut, dass er keine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hatte. Denn für einen Widerspruch im Prozess fehlte ihm das Geld. Also habe er das Urteil gegen ihn akzeptiert. Durch den Unfall habe er aber festgestellt, dass er ein „Steh-auf-Männchen“ sei und nicht aufgegeben hätte. Das Ergebnis sei schließlich sein Restaurant.

Nein, ich möchte an dieser Stelle nicht ins Horn von „Justizirrtum“ oder „Gesinnungsjustiz“ stoßen. Auch wenn es nach meinen vorherigen Bemerkungen danach schmecken könnte.
Was mich an dieser Geschichte im Restaurant so wortlos werden werden ließ, war einfach der Fakt, dass sich Gauck zuvor als der „Bürgerpräsident“ hingestellt hatte. Aber als es auf einen Bürger ankam, da war von ihm nichts mehr zu sehen. Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Beide waren betroffen, ohne eigentlich direkt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.

Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.

Früher hieß es in einer Waschmittelwerbung immer „Weißer geht’s nicht“. In einer Parodie wurde daraus „Weiter geht’s nicht“.
Doch es geht weiter.
Immer weiter.
Nach der heutigen, vernommenen Geschichte weiß ich, was immer Zukunft in diesem Land hat: Verarschung durch Medien und Politiker findet noch immer guten Nährboden zur fruchtbaren Verbreiterung …

Ach ja, dem Restaurantinhaber (ex-prominentes Unfallopfer) wünsche ich, dass sein Restaurantkonzept aufgeht. Das, was ich dort verzehrte, fand 1a (siehe auch hier). Meine Restaurant-Empfehlung.

Wintertag am Isarkanal

Kaltes klares Wasser … will denn heute keiner baden? Sonne scheint …

Von unterwegs mobil verschickt

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Staatsbürger ganz unikonform

Ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Wie bitte?
Die Vierschanzentournee war heute gar nicht in Oberstdorf? Sondern in Innsbruck?
Macht nichts. Wintersport interessiert mich ja auch nicht die Bohne. Nur, warum war denn dann der Kalle denn dort? Wollte der für die Oberstdorfer Kandidatur zu den Winterspielen mit seiner Neujahrsansprache werden?

Wie? Oberstdorf kandidiert nicht? Warum denn nicht? Und der Kalle war ebenfalls nicht dort? Die Neujahrsansprache hat er auch nicht gehalten? Aber wer hat denn dann der Nation die Neujahrsansprache gehalten? Der Vermittlungs-Heiner, die Geißel? Schrödinger? Von der Leine? Osterwelle?

Wer? Angela Merkel? Die schon wieder? Aber die hatte doch schon letztes Jahr …

Okay, da gehe ich ganz konform. Die darf das. Dafür wurde sie vom Bundestag ja gewählt. Als Stummelmutti der Nation. Und? Hat sie endlich die Wahrheit gesagt? Hat sie gestanden? So wie der Wulf? Nein? Nicht? Sie steht halt nicht zu dem, was sie sagt. Selbst Wulf traute sich vor der Kamera nicht, zu seiner Rede alleine einzustehen.

Wie? Ich hab keine Ahnung? Okay. Da gehe ich ganz konform. Wie es sich eben gehört, für einen Staatsbürger ohne Uniform. Nie war ich in der Staatsschule. Bin vielmehr Angehöriger der PISA-Staatsbürgerkundler. Immer schon gewissenhaft drauf bedacht gewesen.
Drückeberger ohne Uniform.
Die Ablehnung dieser Köpenickiade zur Rückgrat-Ausformung im noch formbaren Alter, diese schriftlich niedergelegte Entsagung war mein Vergehen an der deutschen Demokratie, die damals an den Ostgrenzen zur DDR verteidigt wurde und jetzt – kusch, kusch, kusch – am Hindukush.
Stattdessen hatte ich – gewissenlos dem Staate gegenüber – gewissenhaft Tucholsky und seine Sätze gelesen:

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord?
Natürlich Mord.
Soldaten sind Mörder.“

Aber jetzt, ganz nach Kiesingers Leitbild stellt Kanzlerin und Bundesregierung die Bundeswehr so dar, dass wir 08-15-Michel denken sollen: „Donnerwetter, das sind aber ganze Kerle in Afghanistan“.
Haben denn unsere Jungs in Afghanistan fleißig Weihnachtspäckchen bekommen?

Ich weiß.
Päckchen gen Afghanistan bedeuten nur eines: Wohltat und Anerkennung des soldatischen Handwerks.
Päckchen im eigenen Land: Terrorgefahr.
Das zu lernen, ist des Staatsbürgers zweite Pflicht.
Direkt nach dem Schweigen.

Aber ich schweige nicht.
Denn ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Egal. Auch Merkels Neujahrsansprache, phantasielose Kamerafahrten von links (von Weitwinkel) nach rechts (zur Naheinstellung) und Wintersport haben bei mir die gleiche Chance wie eine Schneeflocke im Hochsommer: Und tschüss …

Wenn das Fernsehvolk Kunst- und Handgriffe erfährt

Die Raute der Macht

Die Hände sind zu einer Raute geformt, die Daumen stützen die Unterarme gegeneinander ab, die aneinander gelegten Finger deuten verhalten auf den Betrachter. Auch wenn sie leicht nach unten gerichtet sind, so sprechen sie den Betrachter offensiv an. Diese Geste ist inzwischen schon all bekannt, von der Kanzlerin Merkel eingeführt (s.a. hier und hier), nach ihren eigenen Worten, um nicht gebuckelt herumzustehen. Das obige Bild sind die Hände vom Bundespräsident Wulff. Zum ersten Mal hielt ein Bundespräsident seine Weihnachtsansprache stehend und umgeben von Menschen. Die WELT schrieb bereits applaudierend, dass Wulff damit bei der Bevölkerung gewonnen habe und seine Sympathie gesteigert hätte.

Weihnachtsansprache Screenshot #1

Ein Bild fast wie bei einer privaten Traueransprache: Der Pfarrer spricht zu der Gemeinde, die wortlos dabei steht. Fast. Denn vor den Füßen von Wulff hocken Kinder, die andächtig seinen Worten lauschen. Das Ganze hat etwas von den Votivbildern, die es vor dreißig Jahren zu Kommunion, Firmung oder Konfirmation gab: Jesus hält Ansprache vor seinen Zuhörern und die Kinder durften zu ihm kommen, während die Erwachsenen andächtig lauschten.
Ja, die Rede hatte ich mir angeschaut. So etwas kann bei mir keine Weihnachtsfeststimmung versauen, das haben bislang immer schon die vier Wochen zuvor geschafft (wie dieses Mal). Aber ich musste mir die Rede nicht nur einmal anschauen. Nicht wegen dem Gerede vom Wulff, sondern weil ich ein Déjà-vu-Erlebnis hatte. Als die laufenden Bilder noch nicht digital korrigiert wurden und Leia Organa in Star Wars von 1979 noch jene bescheuerte Schneckenfrisur hatte, da war es ein Sport festzustellen, welche Unstimmigkeiten es in den Filmen gab. „Goofs“ werden diese Fehler in den Filmen genannt. Mikrofongalgen im Bild (z.B. „Willkommen, Mister Chance“) oder schneller Schuhwechsel von einer Szene zur nächsten („Romancing the Stone“). Ein „Goof“ wird erst dann zu einem richtig guten „Goof“, je perfekter der Film ist. Auch zu den Festtagen liefen wieder diverse Meisterwerke im Fernsehen. Wenn Henry Fonda Charles Bronson im Zug gefesselt zurück lässt und sich dann mit seiner Gangsterbande buchstäblich aus dem Staube macht, dann erscheinen nach 85 Minuten „Spiel mir das Lied vom Tode“ bei der Kamerafahrt in den Hintergrund im Vordergrund die Reifenspuren des Kamerawagens.

Screenshot Once upon a time in the west

Auf dem Fernseher wirkt das nicht mehr so wie damals noch im Kino auf der Riesenleinwand, wo ich tief im Sessel gedrückt diesen genialen Höhepunkt des „Western“-Genres sah. Nun, auch bei der Weihnachtsansprache vom Bundespräsidenten Wulff finden sich „Goofs“. Der Regisseur der Rede hatte versucht, einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung herzu stellen. Fast – aber auch nur fast – hatte ich den Eindruck aus jedem Sektor des deutschen Lebens hätten die Verantwortlichen ein Paar ausgewählt. So wie damals Noah auf der Arche. Fast so. Denn in Wahrheit waren es entweder drei oder eine Person einer Bevölkerungsgruppe. Fast ein jeder Bevölkerungsgruppe. Denn Gangsta-Rapper und Strauchdiebe fanden sich ebenso wenig wie Banker und Priester. Böse Stimmen könnten zwar behaupten, der Vertreter der letzteren Gruppe der beiden von mir Genannten wäre der Wulff sowieso und die letztere Gruppe versuchte er durch seine salbungsvollen Rede zu repräsentieren. Andererseits wurden diverse Bevölkerungsgruppen geschickt in Stereotypen verpackt um den Bundespräsidenten herum drapiert. So fanden sich in weißer Burka gesteckte Frauen wieder, welche sowohl das Christentum in seiner Asexualität wie die des Islams präsentierten. Soldaten als Repräsentanten der waffengläubigen Gewalt. Multikulti – was doch bereits Frau Merkel als für gescheitert erklärt hatte – repräsentiert durch entsprechende Alibi-Menschen. Und gerade diese Weihnachtsansprachen-Multikulti-Präsentation ließ mir die Goofs ins Auge springen. Schaut einfach mal die nächsten Bilder an:
Weihnachtsansprache Screenie #3 Weihnachtsansprache Screenie #2

 

 

 

 

Weihnachtsansprache Screenie #5

 

Weihnachtsansprache Screenie #4

 

 

 

 

Während der Rede herrschte also ein reger Positionswechsel und keiner hat es im Bild gesehen. Das ist doch mal ein Applaus an den Regisseur vom Wulff fällig, nicht wahr? Ehre, wem Ehre gebührt.
Weihnachtsansprache Screenie #6

Und dann war noch der fromme Wunsch eines 7-jährigen Mädchens: „Mer Zeit mit den Eltern“. Dem Kinde kann geholfen werden. Nicht nur bei der Rechtschreibung, auf welche der Regisseur und der Wulff garantiert geachtet hatten.
Bei momentan de facto mehr als 7,5 Millionen Arbeitslosen, da sollte es doch möglich sein, den Eltern des Kindes ebenfalls ein Platz im Heer der Arbeitslosen zu vermitteln. Und dann können die Eltern in deren Arbeitslosenzeit, dem Kind beibringen, dass ein „Mer“ nicht immer mehr ist, sondern das ein „weniger“ von allem unser aller Zukunft ist, was Hilfe durch den Staat angeht. Das glaubte ich zumindest vom Gesicht unseres Bundespräsidenten ablesen zu können. Oder ich habe es zumindest hinein projiziert. Oder sollte Wulff sich im nächsten Jahr an die Spitze der Gewerkschaften setzen wollen und die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zur Ankurbelung der Binnennachfrage und der Wirtschaft fordern?
Aber sicherlich wird es nur so sein wie immer: Die Kinder werden gerne in den Mittelpunkt der Gesellschaft hinein gesetzt, um dann über ihre Köpfe hinweg zu reden. Und die Kinder langweilen sich, schneiden Weihnachtssterne aus und schreiben ihr „Mer Zeit“ drauf. So wie bei dieser Weihnachtsansprache.
Oder lernen von der Straße. So wie im wahren Leben. Und dürfen dafür auch an der nächsten Weihnachtsansprache in der Mitte stimmlos auf dem Boden hocken. Oder auch nicht. Dafür sorgen die Hände der Macht. Und das nicht nur die vom Wulff.

 

Die Raute der Macht

Kunst- und Handgriffe werden durch Hände geführt. Durch eine „Be hand lung“. „Eine Hand voll“. Die entsprechende lateinische Übersetzung dazu heißt „manipulus“. Im Deutschen entstand daraus das Wort „Manipulation“. Uns behandeln derzeit die „Hände der Macht“ auf allen Ebenen. Nicht nur im Fernsehen …

Quellennachweis: Bei allen Bildern handelt es sich ausschließlich um Screenshots aus den entsprechenden Video-Materialien.

Umnächtigtes Erwachen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17

***

Wann beide Züge in einen gemeinsamen Bahnhof einlaufen, ob es je geschieht, das ist eine offene Stelle in der Netzstruktur.

Bahnhof.
Das war das erste Wort, dass mir einfiel, als ich langsam zu mir kam. Mein Kopf schmerzte, besonders vorne rechts an der Stirn. Mir war, als würde ich schwitzen. Ein Tropfen lief mir zäh am Augewinkel vorbei, die Backe runter, wo er verharrte. Ich registrierte, dass ich mit dem Gesicht nach unten auf einem Boden lag.
Die Kopfschmerzen verlangten kurzfristig wieder meine Aufmerksamkeit, stechende Kopfschmerzen, die wie Blitze von meiner Stirn auszugehen schienen und sich wie ein glühender Ring um meinen Kopf zu legen schienen. Die Schmerzen dauerten nur Sekunden, aber ließen mich innerlich verkrampfen. Etwas in mir sagte mir, mit jeder Muskelfaser meines Körpers dagegen anzukämpfen und alle Muskeln gehorchten. Einem Spasmus gleich verkrampfte sich mein Körper. Vor Schmerzen versuchte ich meine Augen gewaltsam zusammen zukneifen, mein Oberkiefer schien gewaltsam auf meinen Unterkiefer zu pressen, sodass mein Kinn auf meine Brust gedrückt wurde. So schnell, wie die stechenden Kopfschmerzen gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Mein Körper entspannte sich wieder, der Druck im Gebiss ließ nach, meine Augen entkrampften sich. Zögernd öffnete sich, aber ich konnte nichts erkennen, es war dunkel um mich herum. Die Luft schmeckte eigentümlich. Es war aber nicht die Luft, die so schmeckte. Es war eine Erinnerung, die in mir auftauchte und in meinem Mund diesen Geschmack hervor rief.
Ein Fahrradunfall in meiner Jugend.
Damals wollte ich den Abstandshalter vom Vorderradschutzblech vom Vorderrad wegbiegen, damit dieser nicht in mein Vorderrad geraten konnte. Stattdessen geriet ich mit meiner Hand ins Vorderrad. Wäre das im Stehen geschehen, es wäre keiner Erwähnung mehr wert gewesen. Es geschah aber in voller Fahrt. Aufgrund dieses Leichtsinns überschlug ich mich. Als ich nach dem Überschlag wieder auf der Straße liegend erwachte, hatte ich einen eigentümlichen Geschmack im Mund. Leicht steinig, erdig, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge und metallischen Nachhall an den Zähnen.
Es wurde für mich der Geschmack von Beton und Asphalt. Jedes Mal, wenn ich mit diesem Material näher in Kontakt kam, schmeckte ich ihn im Mund. Dafür brauchte ich noch nicht mal gewaltsam mit diesen Materialien in Kontakt kommen. Es reichte, wenn ich mich in Vollkontakt mit ihm begab. Dann tauchte der Geschmack auf, so wie das Amen in der Kirche.
Und wieder schmeckte ich ihn wieder, diesen Untergrund, im Dunkeln. Ich versuchte meine Hände zu bewegen und war im ersten Moment überrascht, dass ich nicht wusste, wo sie waren. Erst als ich meine Schultern bewegte, bemerkte ich, in welcher beengten Lage ich mich befand. Meine Arme waren mir an den Körper gepresst. Vermutlich lag ich zwischen zwei Wänden eingeklemmt, meine Ellenbogen drückten gegen diese und kaum hatte ich das bemerkt, meldeten sie sich mit einem leichten Schmerzgefühl. Für einen Augenblick ging ich der Frage nach, was zuerst war, der Schmerz oder der Gedanke, es müsse eigentlich Schmerzen geben. Ich ließ den Gedanken fahren und konzentrierte mich, meine Hände zu entdecken.
Es war ein eigentümliches Gefühl, jedes Körperteil gewissermaßen per Gedanken reaktivieren zu müssen. Und wieder hatte ich ein Déjà-vu. Diese Situation des Wiederentdeckens kannte ich bereits. Von meinem damaligen Fahrradunfall.
Nachdem ich alle meine Sinne wieder beisammenhatte, erkannte ich, dass ich wohlmöglich in einem Schacht lag, der wahrscheinlich nicht mehr als einen halben Meter Breite maß. Und, obwohl ich beengt lag, meine Ellbogen leicht schmerzten und mein Kopf auf Beton lag, fühlte ich mich nicht unwohl in meiner Position.
Einstweilen aber nur.
Zumal verstand ich nur Bahnhof, wo ich mich befand. Bahnhof. Mein Hirn fing emsig an, mit dem Wort »Bahnhof« zu arbeiten. Irgendetwas sollte das Wort sagen. Aber warum “Bahnhof” und nicht “Schacht”? Und überhaupt wie kam ich hierher?
Zu dem Geschmack von Beton und Asphalt mischte sich nun auch noch der Geschmack von Magensäure und diversen Alkoholika. Rotwein, Bier, Absinth. Und wieder Magensäure. Nein, mir war nicht übel, aber der Geschmack von Magensäure signalisierte mir unmissverständlich, dass es mir wohl vorher schon erheblich schlechter gegangen sein muss.
Ich versuchte leicht den Kopf zu heben und sofort setzte der stechende Schmerz wieder ein. Wie ein Blitzstrahl strahlte er auf meinen gesamten Kopf aus und umfasste ihn wie einen Schraubstock. Mein Körper verkrampfte erneut. Diesmal spürte ich, wie sich meine Hände in den auf denen liegenden Oberschenkel krallten. Ich wollte locker lassen, aber es ging nicht.
Kurze Zeit später verschwand der Schmerz, so wie er gekommen war. Mein Körper entkrampfte. Erleichtert seufzte ich. Wie schön, wenn Schmerz nachlässt. Gleichzeitig übermannte mich Müdigkeit. Ein wenig ruhen, nur noch ein wenig, nur ein wenig Schlafen, ein bißchen. Meine Gedanken wurden matter, erlahmten regelrecht und mein Körper fiel in ein schwarzes Loch aus unruhigem Schlaf.

(Fortsetzung)

Eingefroren

Kette im Eismantel …

Gefroren

Wie erkennt man einen Terroristen?

Was man schon immer wissen wollte, aber nie zu fragen wagte.
Politiker wissen jetzt schon ganz genau, wie man Terroristen erkennen kann:

http://www.youtube.com/watch?v=mSaNMDLrd04 :

Also, Leute, im Winter nur in Badehose ungebräunt sich einem Bahnhof nähern, denn dann ist man unverdächtig …

Ohne schmuckes Beiwerk, beinahe sachlich

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16

***

»Warum liest du nicht mal das durch, was ich dir geschickt hatte?«

Jürgen sah mich leicht verärgert an.

»Die Papiere des PentAgrions?«
»Ja, die Papiere des PentAgrions.«

Statt ihm etwas zu erwidern, ergriff ich den Teebecher vor mir auf dem Tisch. Ich führte ihn mir an den Mund, nahm seinen zitronigen Duft wahr und schlürfte vorsichtig davon. Ein leicht saurer, herber Geschmack entfaltete sich auf meiner Zunge. Ich schluckte, bemerkte aber zu spät, dass der Tee dafür noch nicht kühl genug war. Hustend schnappte ich nach Luft, saugte sie förmlich in mich rein. Ohne Zögern reichte mir Jürgen die halbvolle Karaffe Wasser. Dankbar nahm ich an und etwas später, noch leicht außer Atem, setzte ich die fast geleerte Karaffe ab. Der Hals brannte zwar noch immer, aber jetzt war es zu ertragen.

»Und?«
»Es ist besser, es brennt nicht mehr so.«
»Das war klar.«
»Warum?«
»Am Anfang war es die brennende Neugierde.«
»Wie gut, wenn der Schmerz nachlässt.«
»Aber die Ungewissheit brennt weiter.«
»Gibt es überhaupt eine Gewissheit?«

Jürgen lächelte vorsichtig.

»Gewissheit gibt es nur, wenn du die Papiere liest.«
»Mir fehlt die Zeit.«
»Plumpe Ausrede. Am Anfang konntest du die Papiere nie schnell genug haben und jetzt willst du dich nicht mehr damit beschäftigen?«
»Tja, ich hatte mich wohl dran verschluckt. Jetzt brennt die Neugierde nicht mehr.«
»Dafür hast du dir beim Spekulieren die Pfoten verbrannt. Aber das brennt auch nicht mehr, weil du kein Geld mehr zum Verbrennen hast.«

Er quälte mich, streute mir Salz in meine noch nicht verheilten Wunden. Die Kellnerin kam und räumte meinen Absinth und die Wasserkaraffe ab. Auf seine Frage, ob ich einen weiteren haben wollte, antwortete ich mit einem verneinenden Kopfschütteln. Stattdessen ergriff meinen Tee. Er war inzwischen nicht mehr so heiß wie vorher.

»Du willst es nochmals versuchen?«
»Hm?«
»Die Papiere zu lesen?«
»Ich werde es versuchen. Nur aufrichtig gesagt, ich weiß nicht mehr, wozu. Mir ist die Motivation abhandengekommen.«
»Wie ein Stock oder Hut?«
»Wie?«
»Dir kam wohl deine Motivation plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.«
»Kann sein. Mein Feuer ist wohl einstweilen eingefroren.«
»Feuer frieren nicht ein.«

Von der Untertasse nahm ich die Portionstüte Zucker, riss sie auf und schüttete den Zucker in meinen Tee. Schweigend rührte ich den Tee mit meinem Löffel um. Und mit jedem Umrühren hatte ich das Gefühl, dass mir der Tee immer fremder wurde. Irritiert legte ich den Löffel beiseite. Meine Uhr zeigte mir kurz vor vier an.

Ich ergriff meine Geldbörse, um Geld zum Bezahlen heraus zu holen. Eine Visitenkarte fiel mir heraus und Jürgen direkt neben die Teetasse. Interessiert nahm er sie auf.

»Was ist das? ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘? Ist das derjenige, welcher dich beraten hat?«
»Nein. Der war es nicht.«

Jürgen drehte die Visitenkarte um und las halblaut den auf der Rückseite stehenden Werbetext:

»Eine Herangehensweise maßgeschneidert für Sie und Ihre Familie. Eine Herangehensweise für Sie, mit der Sie Sieger sind. Sie werden Ihren Lebensstandard fühlbar verbessern. Ich bringe Ihnen mehr Vermögen. Vermögen jetzt und Bonität für Ihre Zukunft, Transformation von Steuern in privates Eigenkapital, Objektwerte, Schutz vor Geldentwertung, Besitzstandswahrung für Ihre Familie. Sie können auf mich bauen. Ich bin offen und geradeheraus. Sie können sich darauf verlassen, dass Sie das optimale Lösungskonzept für Ihre Zukunft erhalten. Ihre wird die eines erfüllten, selbstbestimmten Privatiers sein. Nutzen Sie die Gunst der Stunde. Es macht sich bezahlt.«

Ich versuchte ihm die Karte wegzunehmen, aber Jürgen zog sie schützend zurück. Er warf nochmals einen Blick auf die Vorderseite der Visitenkarte.

»Wow. Die ‚Heinemeier Wohlstandsberatung‘ hat sogar eine IHK-Registrierungsnummer. Ein ‚Finanzwirt‘ nennt sich dieser Herr Heinemeier. Mit Foto auf der Visitenkarte. Wie schick. Das ist jetzt wohl Münchener Stil, oder?«

Mit leicht herablassender Handbewegung gab er mir die Karte zurück.

»Interessant, welche Berufe es gibt. Reichtum ist wohl doch keine leichte Bürde. Das machen sich letztendlich die vielen Sozialgeld- und Hartz-4-Junkies gar nicht klar. Geld macht nicht glücklich. Erst recht nicht, solange es des Wohlstandsberaters als Unterstützung nicht hat.«

Ich ergriff hastig die Karte und steckte sie schnell in meinem Portemonnaie zurück. Den Herrn Heinemeier hatte ich eine Woche zuvor kennengelernt. Er hatte mir zwei interessante Konzepte für Geldanlagen vorgestellt: Alternative Energien und Biolebensmittel, beide mit interessanten Wachstumsraten. Sobald ich wieder einigermaßen Liquide sein würde, wollte ich mit dem Herrn Heinemeier Kontakt aufnehmen. Als Wohlstandsberater schien er mir ein fähiger Kopf zu sein.

Jürgen war aufgestanden und verabschiedete sich von mir. Er wollte noch zu einem Streitgespräch auf dem Kirchentag, wie er mir sagte. Wir schüttelten uns die Hände.

»Denk an die Papiere.«
»Wenn mich das Feuer dazu wieder packt.«
»Dann fang doch einfach mitten drin an. Du musst dich nicht von Anfang an durcharbeiten.«

Ich sah ihn an und wusste nicht mehr weiter.
Eigentlich waren mir die Papiere des PentAgrion egal.
Und uneigentlich? Eigentlich auch.
Egal.

Klaviermusik erfüllte die Luft, als ich das »Cafe Bleu« verließ. Nebenan übte ein Mensch Klavier. Die kalte Mai-Luft umgab mich. Ich konnte es noch immer nicht erfassen. Es war Ende Mai 2010 und das Wetter benahm sich wie Anfang März.

Jürgen ging vor mir und bog nach rechts ab. Ich schlug den Kragen meines Mantels hoch und wählte die andere Richtung.

Fortsetzung

Expedition afrikanischer Ethnologen: »Das Fest des Huhnes«

Durch die Kommentatorin Eugene Faust (hier) wurde ich auf eine sehr interessante 6-teilige Dokumentation aufmerksam gemacht.

»Das Fest des Huhnes«

Wichtig und informativ!
Anschauen!

Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=ieRaqYq_8FE
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=xgUlOPL_VEc
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=4goi6AARnHw
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=JS4VlNHy7Ow
Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=e7fGWlHukt0
Teil 6: http://www.youtube.com/watch?v=XKkTxD7H2CU

Mein Dank für diesen Hinweis gilt Eugene Faust (http://eugenefaust.twoday.net)

Dinge, die man gerne unter der Erde sehen möchte

Lange schon hatte es diese Bilder nicht mehr gegeben: Polizisten im direkten Einsatz mit Schlagstock, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Demonstranten.
Jetzt sind die Bilder wieder da.
Im Fernsehen.
Zur Prime-Time.
Am Abendtisch.

Und auch die alt-bekannten Diskussionen tauchen wieder auf. Wer ist gewalttätig? Wer hat angefangen? Ist derjenige gewalttätig, der nicht das tut, was die Polizei anordnet? Sind die gewalttätig, die Sitzblockaden ausüben? Oder die, die durch Sprechchöre psychischen Gegendruck versuchen auszuüben?

Interessant ist auch die Frage: Warum werfen Demonstranten für die Presse automatisch mit Steinen? Das waren reflexartig die ersten Antworten der Journalisten, auf die Frage, warum die Polizei gewalttätig wurde. Dabei finden sich in all den deutschen Schlosspärke weit und breit keine Steine als hinreichendes Wurfmaterial. Und wer den Stuttgarter Schlossgarten kennt, der weiß, dass es dort erst dreimal recht keine Steine gibt. Der Stuttgarter Schlosspark war damals ein Geschenk von Königin Katharina und König Willhelm an das Stuttgarter Volk. Und Steine gibt es dort nicht. Die Polizei hat inzwischen auch verneint, dass Steine geflogen seien. Aber das wird nicht so richtig bemerkt. Warum fällt das den meisten Diskutierenden nicht auf?

Andererseits zeigte sich auch, wie sich Journalisten auch gerade mit unrecherchierten Informationen a la TWITTER eindecken, die sich danach ebenfalls als komplett falsch herausstellen. Weder eine Frau mit Herzinfarkt noch ein Mann, der seine Augen wegen den Wasserwerfern verloren hatte.

Und so in der Gesamtbetrachtung der Videos im Internet von den gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei werde ich einfach den Eindruck nicht los, das es hier auch nicht um die Bürger geht:
Wie ich bereits zur Europawahl erwähnte, gibt es Politiker, die sich im Europaparlament für eine eisenbahnerische Direktverbindung von Straßburg bis Wien als auch für die Linie Berlin-Rom in Verbindung mit dem Bau des Brenner-Basistunnels stark machen (s.a. hier). Diese Verbindungen durch die Eisenbahn haben im Europawahlkampf kaum eine Rolle gespielt, aber Leute wie Bernd Posselt werfen hierfür ihren ganzen politischen Einfluss in die Waagschale.
Posselt
(Bernd Posselt, Fotoquelle: http://www.europarl.europa.eu)
Nicht jeder Europapolitiker entspricht dem Niveau einer FDP Europa-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin. Über solche lässt es sich immer trefflich lästern. Die wirklichen Strippenzieher allerdings kommen seltener ans Tageslicht, sondern sind emsige Ameisen und Europaabgeordnete einer Lobby der verschiedensten Bereiche.
Für Bernd Posselt gilt, fällt das Projekt „Stuttgart 21“, dann wird auch München keine echte Chance mehr bekommen, sich als Eisenbahn-Drehkreuz Europas positionieren zu können. Genauer gesagt, fällt „Stuttgart 21“, dann werden in München die immer wieder auftauchenden Diskussionen verschwinden, dass der Sackbahnhof „München HBF“ zu einem Durchgangsbahnhof umgebaut werden könnte.

Und solange weder „Frauenkirche“ noch „Hofbräuhaus“ in München dem Beispiel Stuttgarter Bäume folgen müssen, kann man auch keine Stuttgarter Schlosspark-Verhältnisse erwarten. Und falls doch, dann wird halt das Rauchverbot in Bayerns Kneipen schnell wieder aufgehoben und die Biergartenöffnungszeiten auf 23:30 Uhr verlängert und – wetten, dass? – alle Bayern würden dann wieder zufrieden sein.

Die Konfrontation im Stuttgarter Schlossgarten ist politisch gewollt.
Vorsätzlich gewollt, denn die Exekutive hat das staatlich verbriefte Recht ihr Gewaltmonopol auszuspielen und diejenigen zu unterstützen, die sie unter ihrem Schutz stellt. Dafür kann der einzelne Polizeibeamter nichts. Wenn der in voller Psnermontur auf Ungeschützte einschlägt oder sein flüssiges Pfeffer aus der dritten Polizistenreihe in Gesichtshöhe der ersten Demonstrantenreihe verspritzt oder im Wasserwerferwagen streng nach Katalog seine Eskalationsstufen des Wasserdrucks durchgeht, er kann nichts dafür. Denn der Einsatzbefehl hierzu liegt garantiert in den Schreibtischstuben eines Bürokratenhengstes, der nachher freilich seine Hände in Unschuld waschen wird. Denn erstens findet den später bei Untersuchungen keiner mehr und zweitens ist ja bekanntlich der Demonstrant an sich an allem Schuld.
Demonstranten haben eh immer an der Gewalt-Enteilung der Polizei Schuld, wenn die Demonstranten eben nicht staatskonform demonstrieren. Also nicht im Interesse der Politik. Hierin unterscheidet sich Deutschland genauso wenig wie beispielsweise Putins Russland (wie bei „Spiegelfechter“ schon so treffend geschrieben steht: „Bahnhof des himmlischen Friedens“ ).

Bei dem, was in Stuttgart passiert, und was die herrschende politische Seite dazu verlautbart hat, erinnert mich an das, was der Amtseid aussagt.

Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.

Wessen Wohle hier gedient wird und wessen Nutzen gemehrt werden soll und von wem Schaden abgewendet werden soll, das ist eindeutig. Die Bürger in Stuttgart sind es hier nicht. Leidtragende sind sowohl die Bürger als auch die Polizisten, die in dieser Konfrontation mitleidlos verheizt werden. Im Dienste anderer Interessengruppen, die kaum eine demokratische Mehrheit bilden, aber dafür in finanztechnischer Hinsicht die Politik lenken.

Als Quintessenz bleibt in dieser gesamten Konfrontation und dem gewaltsamen Durchsetzten dieses großeuropäischen Projektes eines auf der Strecke: der Bürger und seine Stimme. Je weniger der Bürger den Eindruck hat, seine Stimme habe Gewicht, um so schwerer wird sie bei den nächsten Wahlen wirken. Und fehlen.

Die „Deutsche Bahn“ will den Bahnhof in Stuttgart unter der Erde sehen.
Die Gegner (sind zahlreicher als die paar Demonstranten) wollen die Pläne unter der Erde sehen.
Aber letztendlich wird bei so einem Vorgehen etwas anderes unter der Erde begraben werden: Der große Verlierer wird die Demokratie sein.
Leider.

Ergänzung:
Ein Kommentar, der versucht den Hintersinn der Polizeiaktion zu analysieren, findet sich hier: ntv

Die erste Million … und was danach noch kommt

Nee, was ist das wieder schön.
Das Stellensicherungsprogramm für Hebammen (weiblich) und Geburtshelfer (männlich) wurde wieder eröffnet. Was dem Rheinländer zur (biologisch beiläufigen) Vermehrung der Karneval ist, dass ist dem Bayern das Oktoberfest. Der Bayer lästert zwar gen Rheinland, dass der Bayer sich nicht Verkleiden müsse, um Sex zu haben. Nur schaut man sich die Bayern in deren Trachtengefummel an, dann bin ich mir dessen nicht wirklich sicher. Wahrscheinlich müssten die Bayern ohne Oktoberfest paar Österreicherinnen importieren, um als kulturelle Eigenart Deutschlands zu überleben.

Die erste Millionen Besucher soll auf dem Oktoberfest 2010 gewesen sein, schreiben heute bereits die Medien. Eine Million? Also 500 Tausend jeweils an den ersten beiden Tagen.
Eine Million? Das war die Zahl der Besucher der „Love Parade 2010“ in Duisburg. Anfangs sollten dort auch über 1 Millionen Besucher gewesen sein. Als die Katastrophe dann aber seinen Lauf genommen hatte, gestanden Veranstalter und Stadt Duisburg kleinlaut ein, es wären nur 300 Tausend und weniger Besucher gewesen. Die „1 Million“ sei nur eine Marketing-Zahl gewesen. Und genau so funktioniert das ganze Zeitung-Gejubel auf die „eine Millionen Besucher“ vom Oktoberfest.

Marketing, reines Marketing.

Gerne schreiben die Medien dann mitten in der Woche, dass die Zelte bereits am Nachmittag wegen den vielen Besuchern geschlossen werden müssten. Besucher, die allerdings an solchen Nachmittagen auf dem Oktoberfest waren, konnten mir dann aber das nicht wirklich bezeugen.

Über 6 Millionen Besucher sind für die 17 Tage Oktoberfest zum 200. Jubiläum prognostiziert worden, rein rechnerisch circa 350 Tausend Besucher pro Tag. Es soll eine „Rekord-Wiesn“ werden, ist der überall verstreute Optimismus. Das folgt einer jährlichen Tradition. Die Mär von „1 Millionen Besucher“ binnen zwei Tage klingt dem potentielle Besuchswilligen wie eine Verlockung, etwas verpassen zu können. Perfektes Marketing eben.

Selbst die ersten Fernsehbilder vom Fassanstich („O’zapft is“) folgten dieser Vorgabe. Die Kameras verfolgen, wie der Oberbürgermeister Ude dem Ministerpräsidenten Seehofer und dessen Frau die erste gezapfte Maß überreicht. Mit der Maß in den Händen wandten sich beide, der Seehofer und der Ude, samt Ehefrauen von links nach rechts immer wieder den Fotografen zu. Tapfer lächelten sie und unermüdlich prosteten sich dabei immer wieder für die Fotogallerie zu. Dazu kommentierte der Fernseh-Moderator, dass der Seehofer und der Ude als die Allerersten die Wiesn-Maß genießen würden. Nur die Fernsehbilder dokumentierten das Gegenteil. Die kamen gar nicht erst dazu, überhaupt einen Schluck zu nehmen, geschweige denn zu genießen.

Dafür war aber schon eindeutig im Hintergrund zu erkennen, wie die ersten Besucher fleißig ihre Maß kübelten, während Seehofer und Ude weiterhin für die Fotografen um die Wette lächelten und noch immer sich zuprosteten. Und hätte die Kamera nicht von schräg oben gefilmt, es wäre auch nicht entdeckbar gewesen, wie schlecht dem CSU-Seehofer vom SPD-Ude die Maß eingeschenkt worden war. Aber das muss nun wirklich niemanden von den Besuchern abschrecken. Schlecht eingeschenkte Bierkrüge gehören zu jedem Oktoberfest wie das „O’zapft is“ vom Oberbürgermeister und die erste „1 Million Besucher am ersten Wiesn-Wochenende“.

Beides ist genau so sicher, wie die Vollbeschäftigung der Hebammen und Geburtshelfer im Mai/Juni nächsten Jahres, wenn dann die Babys ihr persönliches „O’zapft is“ feiern.
Prost.

Erziehungszeiten im Hause zu Guttenbergs

Mein Gott! Wirklich.War ich geschockt.
»Ai äm schoked«, wie der gepflegte Engländer zu parlieren weiß.
Was musste ich auf einer Seite der Internetseite von BILD.de bei der Suche nach Sportfotos und Fußballberichten lesen?
Stephanie zu Guttenberg in Latex?
Halbnackt auf Postern in Kinderzimmern?

Screenshot BILD--9-2010

Nein, Gott sei Dank, nein.
Zuerst einmal: Stephanie zu Guttenberg, das ist die Frau, die bekanntlich dauernd um ihren Gatten zittern muss, wenn der mal wieder für Fotografen und CSU den James Bond in Afghanistan mimt. Stephanie zu Guttenberg, die dadurch zu Everybodys-Yellow-Press-Darling wurde. Noch direkt platziert vor der tätowierten Gattin des Bundespräsidenten Wulfs.

Diese Stephanie zu Guttenberg also, diese hat nicht nur ein Buch geschrieben sondern es auch noch veröffentlicht: »Schaut nicht weg«, heißt der Titel. Darin schreibt sie unter anderem auch über »Pornografie«.
Nein, nein, sie will nun nicht dazu auffordern, Pornos zu schauen, statt sie nicht zu schauen. Eher ganz im Gegentum. BILD hatte deswegen gestern auch als Aufmacher ihres Blattes eine bedrohliche Überschrift gewählt: »Pornografie verdirbt unsere Kinder«.

Nun, jeder hat das Recht Bücher zu schreiben, besonders wenn sich diejenige Person allein, verlassen und unbedeutend fühlt. Wenn also der Banker Herr S. schreibt und dadurch zu Ruhme und Meinungsbildner bei BILD aufsteigt, warum dann nicht auch eine Stephanie zu Guttenberg? Wie soll sie sonst kompensieren, dass sie nur über den eigenen Ehepartner definiert wird?

»Schaut nicht weg.«
»Pornografie verdirbt unsere Kinder.«
Mein erster Gedanke war:
»Richtig so, Stephanie. Blase ins gleiche Horn wie jenes von Kriminellen durchsetzte Milieu, die sich selber als Experte sehen, was denn nu Pornografie sei und was nicht.«
Mir fiel sogleich Heinrich Böll ein. Böll hatte mal gesagt: »Katholisch sein, ist wie ein Leberfleck. Man kriegt ihn nicht spurlos weg«. Daher habe ich sofort meine Blicke zu Boden gerichtet und innerlich Abbitte gegen solche herätischen Gedanken gegen das Bodenpersonal des allumfassenden Christentums geleistet. Bekanntlich ist es zu vermeiden, Pornografie und Kirche in einem Wort zu erwähnen.
Upps, …
Insofern verwunderte mich doch schon ein wenig ein Zitat der guten Frau zu Guttenberg:

… mit ihren aus dem Rotlichtmilieu entliehenen Outfits gezielt auf Provokation zu setzen. Leder, Latex und Spitze auf der Bühne waren stets ein Garant für Schlagzeilen, vor allem dann, wenn im Hintergrund ein Kruzifix zu sehen war.

Da war sie wieder, die Verbindung von Pornografie und Kirche. Sobald ein Kreuz auftaucht, wird Rotlichtmilieu anstößig. Vorher nicht. Aber hallo, war das ein Geschrei aus Politik und Kirche, als Madonna sich in »Justify my love« auf MTV lasziv an einem Gekreuzigten schmiegte. Und selbst noch im März dieses Jahres griff die katholische Kirche unterstützt von Politikern die Satirezeitschrift TITANIC an, weil ein Priester auf Genitalhöhe eines Gekreuzigten dem selbigen eben auf Genitalhöhe zugewendet dargestellt wurde. Das fanden die gar nicht lustig und sahen sich durch die Darstellung in ihren religiösen Gefühlen gekränkt (s.a. hier).

Unproblematisch dagegen ist die Ehrung des Zeichners des dämlichen … äh, ich meinte, dänischen Mohammed-»Karikaturisten« Kurt Westergaard durch die Kanzlerin Merkel,neulich am 8. September in Potsdam.

»Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut«, meinte Merkel zu dem 75-jährigen unweisen Kurt Westergaard.

Nun ja, die TITANIC wird auf so eine Auszeichnung ewig warten können, auch wenn sie sich über die Missbrauchsfälle in der Kirche lustig machen wollte. Es merke sich halt jeder in diesem unserem Kreuzeslande: Kreuze sind nur Steine des Anstoßes und nicht der Ehrung.
Außer sie werden am Bande und dazu militärisch vergeben.

Doch zurück zu unseren verhinderten Miss Moneypenny, die ihren James Bond im Dienste seiner Angela immer nur selten zu Gesicht bekommt und deshalb über ihre Vorstellungen zu Pornografie schreibt. Stephanie zu Guttenberg ist wegen dem Buch nun freilich nicht zur »Doktor-Sommer-honoris-causae 2010« ernannt worden. Aber sie scheint zu wissen, worüber sie schreibt, wenn es um Porno geht. Und sie weiß auch, wie Pornostars aussehen. Nein, nicht so wie sich der geneigte Leser einen Pornostars nun halt mal so vorstellt. In seiner schmutzigen einfältigen Phantasie. Also nackt. Und in Action. In allen Stellungen.
Nein, Pornostars sind vielmehr so wie Lady Gaga, Christina Aguilerra, Britney Spears, Heidi Klum …
Moment!
Heidi Klum? Echt? Heidi Klum sei ein Pornostar, das meint die zu Guttenberg? Doch sei sie wohl, könnte aus ihrem Geschreibsel heraus gelesen werden. Denn – so schreibt sie – bekleidet sei die Klum auch immer wieder mal mit Overknee-Lederstiefeln (im Volksslang auch »Fick-mich-Stiefel« genannt), Lederkorsett, und gleichermaßen knapp bekleidet sei sie wie die jungen Models ihrer Show.
Also, alles voll Porno für die gute Stephanie.

Da können Gina Wild, Kelly Trum oder Dolly Buster noch so viel GV stöhnend vor der Kamera haben, die wahren Repräsentanten der Pornostars sind für Stephanie zu Guttenberg der Snoop Dogg, der Rapper Nelly, Sido, Frauenarzt oder Bushido. Und deren Gesang würde deshalb auch zu Recht nicht in den Radios gespielt. Darüber könnte man sich jetzt theoretisch freilich ausgiebig streiten. Streiten dürfte man sich aber keinesfalls darüber, um wie viel schöner in den Ohren eines Radiohörers ein lateinisch orgiastisch gesungenes »In dulci jubilo« klingen muss. Oder ein karfreitäglich bluttriefendes »Oh Haupt voll Schmerz und Wunden«. Gesungen vielleicht auch noch von alkoholisierten Priestern, welche zusätzlich noch eine dunkle, unveröffentlichte kriminelle Vergangenheit haben könnten.

Egal.
Das sind nur meine verwerflichen, schwarzen Gedanken.
Stephanie zu Guttenberg hat die ihren. Erleuchtete. Allein ersonnen.

Stefanie allein zu Haus.
Da kann schon mal ein Buch daraus entstehen. Wenn man allein mit sich und seinen eigenen Pornovorstellungen und Pornophantasien ist. Politikergattin sein, ist keine einfache Aufgabe. Das hat auch keiner behauptet. Schließlich warten wir jetzt alle noch auf ein Buch von der anderen Frau. Auch allein zu Haus. Der Bettina. Dem Wulf seine. Vielleicht schreibt die dann mal über ihre Erlebnisse mit Maschmeiers, deutschen Bankern und anderen Sportwagenbesitzern.

Doch erneut zurück zur Stephanie zu Guttenberg. Ich schweife einfach zu oft ab.
Erst heute ist mir dann der tiefere Sinn der BILD-Warnung »Pornografie verdirbt unsere Kinder« aufgegangen. Es ist eine weit angelegte Kampagne. Der beiden zu Guttenbergs. Eine Gemeinschaftsarbeit.

Fast jeder männliche Bürger hat vor nicht allzu langer Zeit noch die erste pornografische Erniedrigung im Alter von 18 bis 20 Jahren auf folgende Weise gemacht:

»Die Hose herunter. Okay. Und jetzt husten Sie mal.«
Seine Hand befand sich unter seinen Hoden und der Junge schaute in das ernste sachlich bemühte Gesicht eines Mannes.
»Nun drehen Sie sich um und bücken Sie sich.«
Der Mann schaute dem Jungen vor versammelter Mannschaft ins Gesäß. Und manchmal berührte er ihn auch intimer. Alles im Dienste einer höheren Weihe, versteht sich.

Solche Szenen haben sich immer wieder Jungen von der Musterung zur Bundeswehr erzählen können. Und eben diese Musterung will dem Stephanie zu Guttenbergs ihr Mann, der CSU-Politiker mit den vielen Vornamen im Pass, abschaffen. Das hat der heute erklärt. Somit kann es sich hierbei eindeutigerweise nur um eine Entpornografisierung der Bundeswehr handeln.

Aber das ist nicht das alleinige Ziel, welches der Ehemann der zu Guttenberg-Frau erreichen möchte. Der will die Bundeswehr zu einer exklusiven Schar Berufener machen. Eben Berufssoldaten. Dressed to kill statt Bürger in Uniform.
Aufgenommen werden dann nur die besten. Die moralisch saubersten. Diejenigen jungen Männer, die bei dem Wort »Porno« noch eine Erektion bekommen, und nicht nur anfangen, müde zu gähnen mit einem »Kenn ich schon« auf den Lippen. Diejenigen sollen es werden, die dem Tode todesmutig ins Auge schauen und ihn nicht fürchten, wenn sie ihn anderen zufügen, und das Ganze nachher auch noch als »Kollateralschaden« verkaufen werden.

Und dann, also wenn er das geschafft hat, eben dann schreibt der Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ein Buch.
Nein. Keine Fortsetzung von Ian Flemmings Buch »Tschitti Tschitti Bäng Bäng«. Oder eine neue Episode von Ian Flemmings James Bond und dessen Miss Moneypenny.
Nein.
Nur ein 500 Seiten starkes Buch.
Schlicht und ergreifend. Mit einem Titel, der unter die Haut geht:

»Der Tod ist ein besonderes Aphrodisiakum«

Ich garantiere euch, das wird voll Porno, ey. Da können wir noch in vielen Gedenkgottesdiensten von zehren.

P.S.:
»Kirche« und »Tod« in einem Satz zusammen zu erwähnen, ist nicht anstößig. Darum passen Kirche und Bundeswehr auch so gut zusammen. Sie gehen sozusagen »Hand in Hand«. Was der eine liegen läßt, das sammelt der andere auf, um es zu segnen …
»Kirche« und »Porno« gehen dafür überhaupt nicht zusammen. Das ist pfui-bäh.
Außer das erstere sei mosaisch. Das ist dann doch nicht pfui-bäh. Das ist preiswürdig.
Aber das auch nur am Rande erwähnt.
Bereits zum zweiten Male.
Und das auch nur, um es euch hinterhältig einzubläuen … .