Bilderstürmer


“Sie haben es wahr gemacht.”

“Was denn?”

“Sie haben das Bild aufgehangen.”

“Welches Bild?”

“Das Bild von Abraham Bloemaert.”

“Abraham Bloemaert?”

“Ein niederländischer Maler des 16. Jahrhunderts.”

“Und welches Bild?”

“Jesus und die Samariterin.”

“Und?”

“Es war bereits von 1959 bis 1963 das Hochaltarbild der Kirche gewesen.”

“Und was ist daran so erwähnenswert?”

“Es wurde abgehangen. Einigen einflussreichen Gemeindemitgliedern war der Oberschenkel der Samariterin zu ausgeprägt und soll wohl zu viele Gottesdienstbesucher während den heiligen Messen abgelenkt haben.”

“Ein nackter Oberschenkel einer Frau in einer Kirche?!?”

“Nun, er war nicht nackt, sondern vom leichten Gewand jener Samariterin bedeckt. Allerdings, unter dem Gewand waren die ausgeprägten Formen des Oberschenkels eindeutig deutlich zu erahnen.”

“Wie obszön! Ich meine, die Vorstellungen jener Mitglieder bei so einem Bild.”

“Das Bild sollte sogar verkauft werden, als klar wurde, dass es ein echter Bloemaert ist. Der Plan schlug fehl, weil das Bistum die Monetisierung nicht erlaubte. Nun hängt es wieder im Hochaltar. Und die Erwachsenen starren wieder während der Predigt auf den prächtigen Oberschenkel. Die Bilderstürmer von damals leben nicht mehr.”

“Unvorstellbar. Sollten Gottesdienstbesucher geistig vor dem Bild etwa gewichst haben?!? Ich lach mich schlapp. Was hing denn dort eigentlich zuvor?”

“Das Bildnis der Abnahme Jesus vom Kreuz. Eines Unbekannter Maler mit barockem Malstil. Das Bild wurde damals in Kirchhundem eingekauft. Kreuzbrave Gegend dort. Alles koscher gemalt, äh, keuscher gemalt, barocker als vom holländischen Maler zuvor.”

“Nur für mich so zur Info. Die Abnahme Jesu vom Kreuz. Das heißt doch, der war doch komplett nackt dargestellt mit maximal einem Tuch um die Lenden, oder?”

“Stimmt. Aber dafür war die Mutter Jesu unterm Kreuz so komplett zugekleidet, wie es heutzutage in Österreich für Frauen einer bestimmten Religion verboten ist.”

“Tja. Die guten alten Zeiten auf dem Lande. Da herrschte noch Zucht und Ordnung …”

Interaktive Fortsetzung eines Traums


Was bisher geschah:

das Geschehen extern aus dem „Teestübchen Trithemius“ der Geschichte „Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Die eigene Fortsetzung:

„[…] “Dabei ist Gegenwart immer nur plötzlich und dauert nicht länger als die Aussprache von plötzlich. Sobald uns nämlich was bewusst wird, ist es auch schon Vergangenheit.”“

Jules bewegte sich interessiert leicht nach vorne, als wollte er etwas sagen. Oder auch nur, um auf ein erneutes Quietschen von Jeremias Coster mit dessem Bürostuhl zu reagieren. Ich ging an Jeremias vorbei und stellte eine entkorkte Rotweinflasche auf den Schreibtisch.

„Es gibt keine Zeit“, warf ich lapidar ein, während ich hinter meinem Rücken drei Bordeaux-Kelche aus edelstem Glas hervorzauberte. „Zeit ist eine Illusion. Eine Erfindung der Menschen, um das Geschehen um ihn herum einzuordnen. Um damit zu handeln und zu wuchern.“ Ich stellte die Gläser in einem perfekten Dreiecksverhältnis ab. „Manche haben Zeit, andere nicht. Manche vergeuden sie, manche ersparen sie sich. Wieder andere erschlagen oder verbrennen sie. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nur Hilfskonstrukte. Wir sind die Mähdrescher auf einem eigenen, stetig nachwachsenden Getreidefeld.“ Weiterlesen