Abalone – Das Leben und Sterben einer pazifischen Meeresschnecke

Essen ist Nahrungsaufnahme. Und Essen kann auch zu einer Zeremonie werden. So wie es oft in Japan praktiziert wird.
Dann können sich Leben und Tod vor einem auf dem Tisch berühren, nur verdeckt durch einen Topfdeckel.
Zurück bleibt am Schluss die perlmutt-schimmernde Schneckenschale der Abalone.
Und was geht einem dabei durch den Kopf?
Ehrfurcht. Dankbarkeit. Und Verwirrung.
Das Leben sozusagen.

https://www.youtube.com/v/_VdP56VTa0g?version=3&hl=de_DE

Musik: „Point of no return“ von Roger Subirana Mata (http://www.jamendo.com/de/album/24858)

Internetlink zum You-Tube-Video: http://youtu.be/_VdP56VTa0g

Das Video ist auch in HD verfügbar.

Ketzerische Gedanken zum frühen Morgen

Da kommt ein Deutscher heim nach Deutschland. Und der Staat lässt 16.000 Polizisten für diesen aufbieten. Sperrt Straßen und lobhuldigt ihm. Lässt ihn im Berliner Olympiastadion auftreten. Genau dort, wo ein anderer Deutscher als miserabler Comedian „Mario Bart“ mit seiner Anhängerschaft ins „GUINNESS WORLD RECORDS BUCH“ gelangte, wo der Fußballverein Herta BSC ruhmlos aus der Bundesliga abstieg, wo 2006 das miserabelste Fußball-WM-Endspiel aller mir denkbaren Zeiten stattfand (Stichwort Mazeratti-Zidane). Genau in jener Historie wird dieser Deutsche mit seinem Besuch eingeordnet.

Wenn ich dagegen Heim komme, stehen da auch immer mehrere Polizisten herum. Die schauen mich immer so seltsam an. Und manchmal winken die mich aus meinen Weg heraus, mit der lauernden Frage „Wo kommen Sie denn her?“ oder „Haben Sie etwas zu verzollen?“ oder „Können Sie mal in ihren Koffer öffnen?“ Und Politiker stehen dann auch nicht am Flughafen, um mir die Hand zu schütteln. Nicht mal ein Schwarzberockter.
Was ich aber auch nicht im geringsten bedauere. Ganz im Gegentum.

In Funk und Fernsehen fällt jetzt immer wieder mal der Begriff „der das Amt des Papstes bekleidet“. Der Begriff wird mit viel Ehrfurcht ausgesprochen. Fast servil.
Ein Amt bekleiden?
Ist den Leuten eigentlich klar, wie hohl ein Mensch sein muss, damit so einer ein Amt bekleiden kann? „Bekleiden“ heißt auch immer, etwas um etwas anderes herum zu wickeln. Einen Rock, eine Tunika oder einen Verband. Oder einen Menschen.
Nun, ich will ja jetzt nichts gesagt haben, was Moderatoren ohne Nachzudenken ketzerisches in ihrer „Altersweisheit“ so ablassen …
Scheiterhaufen sind auch in der Neuzeit nicht wirklich verpönt.

Die Amerikaner haben rechtzeitig zum Papstbesuch in Deutschland noch schnell jemanden mit der „Giftspritze“ hingerichtet.
Koinzidenz? Sicherlich.
Christlich? Sicher.

Na gut.
Dann bereite ich mich mal auf meine Japanreise vor. Kollegen fragten mich schon halb ironisch, halb besorgt, ob ich Jodtabletten mit ins Gepäck rein nehme. Gelacht hatte ich, denn zu Tschernobyl-Zeiten im Jahre 1986 hielt ich hier in München erheblich höhere Strahlendosen aus. Das bisschen, was da in Japan strahlt, beunruhigt mich nicht die Bohne.
Mein Begleiter meiner Reise hat sich auch gleich mal ein Dosimeter geben lassen. Meinen Einwand, dort, wo wir drei Tage sein werden, habe es ca. 60 Nano-Sivert und in München dagegen 95 Nano-Sivert. Ganz zu schweigen von der radioaktiven Belastung, die jeder Passagier bei einem Interkontinentalflug generell abkriegt.
„Sicher ist sicher“, meinte mein Begleiter nur.
Und, dass er einen Geigerzähler nicht erhalten hätte.

Wenn ich wieder komme, ist die Wahrscheinlichkeit generell höher, dass ich eher mit Geigerzähler empfangen werde, als dass eine Delegation mir die Hände als Heimkehrer schütteln werden wird.

C’est la vie.

Nebenbei: Morgen ist der Sommer kalendarisch vorbei und dann sind es noch 100 Tage bis Silvester …

All you can eat …

Kurzgesrpäch, aufgeschnappt gestern in der U-Bahn:

„Gehste heute abend mit? Nachos essen. All you can eat.“
„Nein, danke. Ich war erst gestern abend im Kino.“

On the road again – Antipodische Autofahrt unter Anleitung einer Frau …

Oder wie Australier Autofahrten hier erleben könnten, würden sie von down under hier mitfahren …

http://www.facebook.com/v/118770738225656

Rein statistisch gesehen geht es mir gut, ja, sogar irre gesund …

Über Krankheiten zu reden, ist irgendwie krank. Entweder man ist davon betroffen und redet davon, oder man ist nicht betroffen und redet deswegen noch lieber drüber. Der erstere Fall tritt mit zunehmendem Alter als Kommunikationsbasis immer gehäufter auf. Der zweite Fall immer dann, wenn Zeitungen ihre kranken Aufmacher als Eye-Catcher für deren Käufer platzieren.

Von Kindheit auf an hatte ich gelernt, dass Krankheit etwas urchristliches ist. Das Thema an sich gehört ebenso zum christlichen Abendland wie das Amen in der Kirche. Schuld und Sühne werden auch als moralische Instanzen bei der Beurteilung einer Krankheit heran gezogen.

Als Mitte der 80er AIDS zum Thema wurde, gab es im Münchener Postamt gegenüber dem Hauptbahnhof ein BTX-Terminals, über den die Post mittels Datex-J das erste öffentliche Internet aufbaute. Der Terminal war damals praktisch. Wetter, Lottozahlen, Beate Uhse Angebote und vieles andere Querbeet war darüber abzurufen. Allerdings stand dort nur ein Terminal, so dass ich öfters warten musste, bis ich an der Reihe war.

Eines Tages beherrschte der HI-Virus mal wieder die Schlagzeilen des Boulevards. Es wurde von einer bestimmten Zeitung vermutet, dass bereits eine Ansteckungsgefahr gegeben sei, würde ein HIV-infizierter im gechlorten Wasser eines Schwimmbades vor einem Menschen schwimmen. An jenem Tag wollte ich wieder zum BTX-Terminal. Wie üblich war er belegt. Ein Mann bediente ihn. Seine Finger hatte er sorgsam mit Papiertaschentücherstreifen abgedeckt. Und immer wenn ihm ein Streifen beim Tippen auf der Tastatur herunter fiel, riss er von einem Papiertaschentuch einen neuen Streifen ab und umwickelte den blank gewordenen Finger, um beim Tippen fortzufahren. Als er ging, öffnete er die damalige, große Flügeltür der Post, wiederum geschützt durch jeweils ein Papiertaschentuch. Er wirkte auf mich skurril. Für mich war zu jener Zeit HIV genau so irreal wie all die anderen Krankheiten, über die sich immer nur alte Menschen unterhielten.

HIV ist das direkte Beispiel, dass Krankheiten hier viel mit Schuld zu tun haben. Eine Krankheit sollte immer die Kehrseite einer Schuld darstellen. Der ethisch christliche Januskopf: Wer Schuld hatte, sollte gefälligst auch sühnen. Kardinal Meisner redete schon damals von AIDS als Geisel für sexuelles Fehlverhalten. Wobei er mit Fehlverhalten definitiv hierbei nicht die pastorale Pädophilie meinte, sondern Homosexualität oder Promiskuität.

Auch in der elterlichen Pädagogik der Gläubigen, Laizisten und Atheisten von gestern bis heute spielt die Krankheit in der gewollten Symbiosefalle von Schuld und Sühne seine Rolle. Du fühlst dich fiebrig? Bist du etwa gestern barfüßig gelaufen? Kein Wunder. Da bist du ja auch selber Schuld. Kopfschmerzen? Eigene Schuld. Zu viel gesoffen am Vorabend, oder? Oder etwa mal wieder in Zugluft sich aufgehalten? Schnupfen? Kein Wunder, du hast ja auch gestern nicht deine Jacke am frühen Morgen tragen wollen. Und so weiter und so fort.

Schuld und Sühne.
Aber nicht nur das elterliche Haus meiner oder der meiner Freunde haben mir das wie die mittägliche deutsche Kartoffel eingetrichtert. Fernsehen, Radio, Lehrer, Bekannte. Alle führten die Ursache als Abtragen einer Schuld und als verdiente Sühne zurück.

Später, im Job und als Erwachsener hatte sich die Situation ein wenig gewandelt. Schuld und Sühne als naturgegebene Seiten der gleichen Münze reichen nicht mehr aus. Wenn schon Schuld, so der allgemeine Gedanke, dann reichen die Naturgesetze als Sühne nicht. Eine äußere Instanz wurde erforderlich, um das Auftauchen dieser Währungseinheit in andere Sanktionen umzumünzen.
Krankheitsbedingte Kündigungen sind zwar nicht erlaubt, aber dafür interessiert sich mancher Arbeitgeber nicht die Bohne. Krankheit ist der wirtschaftliche Gegner einer auf Produktivität bedachten Wirtschaftsphilosophie. Krankheit, definiert als Antipode eines Wachstumsgedankens ist „persona non grata“. Unerwünscht. Statistisch wird der Krankenstand inzwischen bekanntlich gemessen und damit ein Vergleich zu einem „vorher“ ermittelt. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sinkt der statistische Krankenstand, weil Kranke um ihren Arbeitsplatz fürchten. Nur, Kranke sind bekanntlich nicht nur dann krank, wenn sie in Statistiken auftauchen. Das ist aber Arbeitgeberverbänden und Politik wiederum nicht so wichtig. Wichtig ist, was schwarz auf weiß für sie zu lesen ist. Z.D.F. ist das Schlagwort: Zahlen, Daten, Fakten.

Gesundheit wird heutzutage durch die Abwesenheit von Krankheit definiert. Für Krankheit soll der Kranke dann auch selbstverantwortlich zahlen. Schuld und Sühne tauchen immer wieder als treibendes Motiv auf. Eine „Mutter Theresa“-Einstellung wird als komplett kontraproduktiv angesehen, altruistische Tendenzen als weltfremd gebrandmarkt. Für Verneiner des gesellschaftlichen Sozialgedankens wird dann das Konstrukt des „Gutmenschen“ als Keule geschwungen, um Menschen mundtot zu machen. Krankheiten werden als vermeidbar postuliert und das Auftauchen als Verschulden des Individuums gewertet. Und darum ist es auch so einfach über die Krankheiten anderer zu reden.

Und durch diese Schule bin auch ich gelaufen. Also rede ich lieber nicht drüber. Andererseits, wenn mir jemand begegnet und mich mit einem „Wie geht’s“ begrüßt, erwartet mein Gegenüber nicht, dass ich über meine Zipperleins referiere und aus meiner Krankenakte vorlese. Das will niemand hören.
Als Rudi Carell von Metastasen durchsetzt, seinen letzten Auftritt hatte, waren alle erleichtert, dass er nicht über seine Krebskrankheit lamentierte und stattdessen witzelte. Wenn mir Monica Lierhaus Sonntags mit ihren „Platz an der Sonne“-Losnummern über den Bildschirm flimmert, dann betrachte ich meine Fernbedienung immer mit einem „Drück mich“-Gedanken. Dass Gabi Köster einen Schlaganfall hatte, war auch nur in soweit akzeptabel für mich, als dass ich nicht durch Funk, Fernsehen oder Feuilleton davon behelligt wurde.

Mein Alter steigt und mein Körper zeigt immer mehr die üblichen verschleissbedingte Anfälligkeiten für das, was mir den Unterschied zwischen gesund und nicht-gesund immer deutlicher werden lässt. Zwischenzeitlich wird ebenfalls über die Erhöhung des Rentenalters auf 69 Jahre nachgedacht. Dann denke ich auch drüber nach, ob ich es schaffen werde, gesund und ohne größere Handicaps ins Rentenalter zu gelangen. Oder geschweige denn von der Tatsache, dass die männliche statistische Lebenserwartung bei etwas über 70 Jahre liegt. Wenn jemand seinen 80. Geburtstag feiert, dann muss es rein statistisch auch jemanden geben, der stirbt und noch keine 65 Jahre alt wurde und rentenauszahlungsneutral ablebt. Dabei steigt mit zunehmenden Alter natürlicherweise das Risiko zu erkranken.

In jungen Jahren war es mir egal, ob ich gesund oder krank war. Egal was, Hauptsache aktiv, und nicht immobil und bettlägrig. Und jetzt? Es ist nicht mehr so einfach, gesund zu sein. Denn – wie ich schon schrieb – „gesund“ definiert sich als Abwesenheit des Zustandes „krank“. Als Anwesenheit der Verschuldung des Zustandes „krank“. Ein „bisschen krank“ hat die Wertigkeit von ein „bisschen schwanger“: so etwas hat keinen Platz in der „gesunden“ Denke eines Menschens. Deswegen gibt es auch so viele Medikamente, um dieses „ein bisschen krank“ abzustellen. Das Entkommen des Krankseins geht also mit einem Zustand des Medikamenten-Konsumierens Hand in Hand. Das Medikament als proaktives Behandeln von potentiellen Schuldzuständen. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollen wir ja eh unseren interaktiven Beichtvater – dem Arzt oder Apotheker – fragen. Wobei eine solche Frage mit direkten Kosten („Sühne“) verbunden ist, welche dann Politiker wieder von einer „Kostenexplosion“ reden lässt. Und bei Zuhörenden ein Schuldgefühl hervor ruft. Statt sich einzugestehen, wir sind alle kleine Sünderlein („… ’s war immer so, ’s war immer so …“), herrscht das Schuldgefühl vor und damit die Suche nach Vermeidung einer Sühne (“ … der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, ’s war immer, immer so …“). Also wird die Krankheit verschwiegen, unterdrückt und verdrängt.

Noch fühle ich mich nicht „krank“. Aber auch nicht wirklich so „gesund“ wie damals. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir und meinem Körper und meinen Organen. Verdrängung ist auch mein Prinzip. Ich fühle mich ungesund gesund. Oder wie andere vielleicht sagen mögen „krankhaft gesund“ …

Wie lange noch?

Georg Schramm im TV: Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz

Für alle Fans des genialen Georg Schramm und seinen Kunstfiguren im Kabarett

Georg Schramms neustes Programm „Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz“ wird demnächst im Fernsehen ausgestrahlt.

Es beginnt im Fernsehkanal „ZDFkultur“.
13. September: 20:15 – 21:45 / 14. September: 02:55 – 04:25 / 14. September: 09:15 – 10:45

Weiter geht es in „3SAT“
25. September: 22:30 – 23:15

Und zu guter Letzt werden alle nochmals bedient, die es bis dahin immer noch nicht geschafft hatten sich das grandiose und zugleich feinsinnig gestrickte Programm von Georg Schramm anzuschauen:
01. Oktober: als Bestandteil der „Lange Nacht der Kleinkunst“ im „ZDF“ von 00:50 bis 04:40

In der letzt genannten Sendung treten dann auch noch Volker Pispers & Gäste und auch noch Hagen Rether mit einem 2011-Update zu seinem Programm „Liebe“ (hoffentlich ohne permanent erhobenen moralischen Zeigefinger, wie letztens bei Hagen Rether leider oft fest zu stellen)

Tipp für alle, die sich das ganze digital aufnehmen möchten, aber keinen Rekorder zu Hause stehen haben:
„Bong.TV“ bietet einen kostenlosen, einwöchigen Account, über den sich Fernsehprogramme (sogar in HD!) aufzeichnen und nachher herunter laden lassen. Einfach rechtzeitig dort anmelden, aufzeichnen und später anschauen. Bong.TV bietet zwar „ZDFkultur“ nicht an, aber „3SAT“ und „ZDF“ sind dort zur Aufnahme programmierbar. Internetadresse ist bong.tv (einfach als url eingeben).

Ertrage die Clowns (3): Über Gleichschaltungsmentalitäten und Wahrscheinlichkeiten im bayrischen Radio

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Hast du etwas Zeit?
Es wird wieder länger.
Prosaisch episch überzogen.
Erheblich.
Von Hölzcken auf Stöckscken.
Keine Twitter-Kurzmeldung mit 140 Zeichen.
Auch kein Facebook-Status mit maximal 420 Zeichen.
Ich kann es nu mal nicht lassen, die Facebook-Twitter-Zeichenreglementierung oder den »1:30«-Minuten Wortbeitrag einzuhalten …

Im Juni dieses Jahres verstrich ein Jubiläumsdatum, welches weniger Beachtung erhielt, als es eigentlich verdient hätte. Mit dem »3. Rundfunk-Urteil« vom 16. Juni 1981 wurde vor 30 Jahren das Zeitalter der hohen Low-Level-Unterhaltungskunst für private Medien eröffnet. Private Rundfunk- und Fernsehanstalten in Deutschland (West) erhielten Raum für ihre Sendungen. Low-Level-Unterhaltungskunst musste sein. Der Produktionsstandort »Deutschland« vertrug nichts mit der Vorsilbe »Hoch«. Hoch waren die Arbeitslohnnebenkosten, die Steuern für Unternehmer, die Ansprüche der Arbeitslosen und Arbeitssuchenden, der Wille nach einer friedlichen Zeit (geprägt durch die Hochzeit der Anti-NATO-Doppelbeschluss-Demonstrationen, welche den Politikern »hoch« gewaltsam erschienen) … .
Soviel »Hoch« tut nie gut. Daher wird es verständlich, wenn es ein »Tief« – also ein »Low-Level« an sich – benötigte …

Prinzipiell ist nichts gegen eine Pluralität der Medien einzuwenden. Der mündige Zuschauer hatte zu damaligen Zeiten noch immer den Knopf rechts unten am Fernseher. Radioknöpfe und deren Funktionen wurden auch schon damals ausreichend beschrieben. Auch heute sind die Ausschaltknöpfe der Fernbedienung in Rot gehalten. Ein Druck auf entsprechenden Knopf, und der Quatsch hatte ein Ende. Für den »mündigen« Bürger. Was immer das auch sein mochte.

Dass vier Jahre nach jenem Urteil der amerikanische Schriftsteller Neil Postman zur »Frankfurter Buchmesse« seine vielbeachtete Rede »Wir amüsieren uns zu Tode« (»Amusing Ourselves to Death« als mp3-Hörbuch hier runterladbar: http://www.archive.org/details/Amusing_Ourselves_to_Death) hielt, das hatte mit dem Urteil nicht viel gemein. Beide waren unabhängig gehalten: das eine kam aus dem deutschen, demokratischen Rechtsverständnis (West), das andere aus dem real existierenden Leben des US-Fernsehens. Ein Jahr später hatte Neil Postman in einem gleichnamigen Buch seine Thesen ausgearbeitet und mit bemerkenswertem Erfolg auf den Markt gebracht. Für das Buch erhielt er dann auch 1986 den »Orwell Award« (»NCTE George Orwell Award for Distinguished Contribution to Honesty and Clarity in Public Language«; in Anlehnung an Georg Orwell; einen Preis, den es noch immer gibt, was aber keinen mehr großartig interessiert).
Der »mündige« Bürger konnte es lesen, wenn er wollte. Er las es. Geholfen hatte es aber nicht. Denn offensichtlich saßen die Leser bei den privaten Medien-, Rundfunk- und Fernsehanstalten …

Bislang ist mein Artikel hier nervig? Zu viel der Worte? Keine Sorge. Derer habe ich noch mehr gecopyed und gepasted aus Guttenbergs Duden.

Neil Postman hatte etwas in seinem Buch treffend beschrieben: Lesen verlangt intensives Sich-Beschäftigen mit dem Inhalt und ein Nachdenken, ein Reflektieren des Gelesenen. Ein gutes Buch kommt nicht im Stile einer BILD-Zeitung, eines Kölner EXPRESS oder der Schweizer BLICKs daher. Bücher lesen, heißt selber am Geschriebenen teilzunehmen und sich mit dem Inhalt aktiv auseinander zu setzen. Es geht hierbei um die Arbeit eines jeden einzelnen mit dem inhalt eines Buches. Deswegen sind solche Empfehlungen wie »Les‘ dieses oder jenes und du verstehst alles« sinnlos, weil sie einfach das Erkennen des Einzelnen pauschalieren und dessen Eigenheiten platt machen.
Meiner Meinung nach, muss derjenige, der ein oder mehrere Bücher liest, eindeutig intellektuell höher eingestuft werden als diejenige Person, die sich als Lektüre nur auf jene ± 80 Cent-Blätter beruft. Eine Bücher lesende Person setzt sich mehr mit seinem eigenen Leben auseinander als diejenigen, die sich rühmen, nie ein Buch im Leben gelesen zu haben. Natürlich gibt es auch hier Unterschiede: Diejenige Person, die nur John-Sinclair- oder Konsalik-Bücher liest, lässt sich nicht mit der Person auf einer Stufe vergleichen, die alle Philosophen dieser Welt durchackert. Andererseits kommt es immer auf das individuelle Ergebnis des eigenen Engagements an. Auf das Ergebnis der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Inhalt.
Und genau das unterscheidet beispielsweise einen Anders Behring Breivik von einem Jesus oder Mohammed: Anders Behring Breivik las viel. Die beiden anderen setzten sich mit vielen anderen Schriften auseinander. Anders Behring Breivik mordete mehr als fünf Dutzend Menschen auf jener Insel Norwegens. Die beiden anderen waren keine Massenmörder und hätten dem Anders Behring Breivik ganz was anderes zu dessen morbiden Plänen erzählt. Aber offensichtlich hatte Anders Behring Breivik sich mit deren Bücher nicht auseinandergesetzt.
Versteht mich nicht falsch: Anders Behring Breivik hat sicherlich sich mit diversen Gedankenmodellen auseinandergesetzt und seine Rückschlüsse gezogen. Für seine Fehlschlüsse darf er nun zahlen. Er erhält auf Staatskosten genügend Zeit, über seinen Schwachsinn nachzudenken. Wir können nur hoffen, dass er nicht den Weg eines Horst Mahlers geht. Ansonsten sollte ihm die Nachdenkzeit danach noch einmal gegönnt werden, statt wie im Falle des ehemaligen RAF-Mitglieds und jetzigen Verfechters der rechten Politik Horst Mahler weiterhin in Deutschland Freiraum zu geben, rechte Hatz verbreiten zu dürfen.

Zurück:
Fernsehen wird lediglich passiv konsumiert. Eine intellektuelle Verarbeitung mit dem Gesendeten ist von den Programmmachern nicht vorgesehen. Gescriptete »Realtity«-Serien dienen nur zur Befriedigung der vorurteilsbehafteten Gelüste der Drehbuchschreiber auf Kosten der Fernsehzuschauer, welchen etwas als Realität verkauft werden soll, was solche Schreiber gerne als Realität sehen würden. Gescriptet eben.
Oder Umberto Eco zitiert:
„Klar, du unterschiebst de anderen, was du selber tust, und da du etwas hässliches tust, beginnst du die anderen zu hassen. Aber da die anderen in der Regel genau das Hässliche, das du gerade tust, gerne täten, kollaborieren sie mit dir, indem sie dich glauben machen, was du ihnen unterschiebst, sei in Wirklichkeit das, was sie sich schon immer gewünscht hatten. Gott blendet, wen er verderben will, man muss ihn nur dabei helfen.“
(aus dem Buch »Das Foucaultsche Pendel«)
Wie es Henning Venske und Jochen Busse in deren gemeinsamen Kabarett-Programm bereits sagten: »Fernsehen macht keine Dummen. Sondern Dumme machen Fernsehen.«

Wenn man sich das Nachmittagsprogramm der Sender, die Rechtsurteile über Nichtigkeiten im Privatleben, die Abmahnwellen im Internet und die Zusammensetzung des Bundestags nach Berufsgruppen generell anschaut, dann fällt sofort auf, wo die Not am größten in diesem Lande ist: Rechtsanwälte und Juristen. Die scheinen momentan eine wirkliche Not in Sachen Berufsausübung zu haben. Wer es nicht in den Bundestag geschafft hat, wer im Zivilrecht keine Nische zur Marktführerschaft ausbauen konnte, wer auch im Internet keine juristische Hoheit für sich klamieren konnte, den muss wohl ein Arzt jegliche intellektuelle Tätigkeit untersagt haben, womit dem armen Menschen nur noch eine Laufbahn blieb: Drehbuchschreiber für die Nachmittagsendungen. … oder es hat ihn berufsfremdelnd ins private Radioprogramm verschlagen.
Gut. Belegt ist das nicht. Es ist meine private, persönliche, despektierliche Meinung. Eine zynisch-satirische Meinungsäußerung von mir. Nicht mehr und nicht weniger.

Nun. Das Radioprogramm in Bayern glänzt durch katastrophale, gleichmachende Aussetzer. Da wird R&B, HipHop, Rave, Rock und Balladen brav hinter einander abgespielt, ohne das sich jemand Gedanken darüber macht, ob es zueinander überhaupt passt. Keine Rolle spielt es, ob ein raviges Stück a la Dr. Alban »Sing Halleluja« sich mit einer danach gespielten Scorpions-Ballade musikalisch beißt. Da steht ein Programmauftrag eines Senders diametral konträr zum erwartenbaren Geschmack. Offensichtlich denkt jeder Programmdirektor in Gießkannenmodellen: Besser alle erhalten immer mal wieder ein Tröpfchen ihres Musikgeschmacks, dann kann auch keiner sagen, es würde eine Musikrichtung bevorzugt.
Der Jingel »Das beste der 80, der 90, der Nuller und das Beste von heute« drückt das aus, was kein Restaurant servieren dürfte, wollte es überleben: »Das Beste von Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag in einem Eintopf vom Samstag mit einem Häubchen Schlagsahne garniert vom Sonntag«. Versteht jemand warum so etwas niemand in einem bayrischen Restaurant serviert haben möchte? Die Radiomacher sehen das aber anders.
1986 probten Thomas Gottschalk und Günther Jauch im Sender »Bayern3« den Aufstand, banden bayrische Printmedien in ihre Kampagne ein, ein einheitliches Musikprogramm im Radio pro Sendung zu präsentieren. Ziel war es, kein Musikmischmasch zu senden, so dass alle befriedet waren. Deep Purple, Phil Collins, Nicki und Biermösl Blasn wurde von denen als Musikmischmasch abgelehnt. Das war vor einem Vierteljahrhundert als die gleichschaltungsmentalität die öffentlich-rechtlichen Sender wie die Pestilenz umwaberte. Damals. Sie haben sich gebessert.

Aber inzwischen auch wieder verschlechtert. Die private Konkurrenz im Nacken, das war nicht wirklich hilfreich. Es hat längst wieder begonnen. Der Kniefall vor dem Idol »Everybodys darling«.

Leuchtturm dieser Gleichschaltungsmentalität ist »Antenne Bayern«.

Kurzreisen über Bundesländergrenzen hinaus können da immer wieder erhellend sein. »Antenne Bayern« bildet hierbei immer wieder den Kontrastsender. Immer mit dem Besten der Musik und Witzen aus den letzten drei Jahrzehnten. Oder was der Programmmacher gerade dafür hält.
Und wenn es mal nicht gerade Musik ist oder die Nachrichten, die hochdramatisierend über Nichtigkeiten des Lebens berichten, dann reichen auch andere Tagesthemen, welche die Welt beschäftigen. Und – auch das muss gesagt werden – die Zuhörer mögen/ertragen es gerne:
»vox populi vox dei« so wird es den Hörern immer wieder gerne verkauft. Und der Hörer lässt sich halt gerne verkaufen. Welche Alternative hat er schon in dem radioinfernalischen Einheitsbrei? Maximal des Pudels Kern, wie bereits Doktor Faustus mal feststellte, als es zum Tacheles-reden ging.

So. Aber jetzt genug des monologisierenden, einschläfernden Einheitsbrei einer Medienschelte. Ich komme zum Kern des Ganzen. Worte sind schön, aber Hühner Legen Eier. Und Radiosender dem Hörer.

So berichtete »Antenne Bayern« letzte Woche doch glatt mal etwas kritischer über »Leerverkaufsgeschäfte«. Zumindest versucht hatte es der Sender.

»Leerverkaufsgeschäfte« sind das, wenn ich jemanden für ein wertloses Papier beispielsweise 10 Euro gebe, in der Hoffnung, es sei in ein paar Tage mehr wert. Dann – die weiter gehende Hoffnung – ich könne es doch dem Verkaufenden für den neuen Wert zurück verkaufen. Für einen Wert, der gesetzlich öffentlich garantiert wird. Und so liefen derer Tausende – ach was schreib ich; lasst es mich privatfunkrechtlich dramatisieren – es liefen Aber-Millionen zu den öffentlichen Handelsplätzen und jeder wollte ein »Leerverkaufsgeschäft« tätigen. Die Hoffnung auf Gewinn stirbt zu Letzt.

Nun sind allerdings »Leerverkaufsgeschäfte« ins Gerede gekommen. Die sollen wirtschaftlichen Schaden bringen. So sagen manche. Börsenjournalisten sagen das gerne.
Und »Antenne Bayern«?

Jetzt glaubt aber mal nicht, dass sich »Antenne Bayern« aufs wirtschaftliche Eis der Kritikübenden begeben würde. Denn bei obige erwähnten Geschäften ging um die rein private Lust an »Leerverkaufsgeschäfte«: Lotto nennt sich das.
20 Millionen gab es zu gewinnen. Da wird jeder mal gerne zum »Leerverkaufsgeschäftstätigender«.

Mal im Ernst: Wer würde nicht gerne ein Papier für 8 Euro kaufen und nachher diese Wette beim Halter dieser Wette – dem Staat – für lockere 20 Millionen Euro einlösen? Börsenmakler machen nichts anderes. Nur, dass bei Börsengeschäften ein Papier nie nur zwischen den Grenzen »völlig wertlos« (also 0 Eurocent) und »etwas wert« (±20 Euro) schwankt.

Und immer wenn der Jackpot im Lotto hoch ist, dann hat »Antenne Bayern« wieder ihren Professor in der Leitung auf Sendung. Der Professor, der dann dem Hörer erklärt, was es denn nu mit der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns auf sich hat.

Der rational aufgeklärte Bundesbürger weiß ja inzwischen: der Aufenthalt unter einer Eiche bei Gewitter kann erfolgreicher sein als das Spielen im Lotto an der nächsten Lotto-Annahmestelle (was auch logisch ist: aufgrund deutscher Bauvorschriften haben Lotto-Annahmestellen Blitzableiter installiert und schützen somit folgerichtig den Lotto-Annahmestellenaufsuchenden).

Während also der Professor versucht zu erklären, dass jede Lottozahlenkombination zu jeder anderen gleichberechtigt ist (was in etwa der gleichmacherischen Musikpolitik von »Antenne Bayern« entspricht), hakt der Moderator nach, welche Lottoscheinmuster total ungünstig seien.
Total ungünstig? Richtig gelesen. Das hatte der Moderator gesagt. Wahrscheinlich hatte er dem Professor zuvor nicht zugehört. »Wahrscheinlich« ist hierbei nur ein Euphemismus, eine Beschönigung. In der Schule hätte der Moderator wegen Unaufmerksamkeit die Note »5« kassiert.
.
Der Professor erklärte also auf Nachfrage des Moderators, dass bei einer Auswertung einer Ziehung festgestellt wurde, dass ca. 8.000 Lottospieler eine Diagonale auf dem Lottoschein angekreuzt hätten. Der Moderator merkte sofort an, dass es also unklug wäre, eine Diagonale anzukreuzen. Richtig. Denn sonst müsse man den 20-Millionen-Gewinn mit 8.000 anderen Menschen teilen. Der Moderator verabschiedete den Professor und empfahl den Hörern keine Diagonale anzukreuzen. Vorgerechnet hatte er die Gewinndifferenz nicht. Bei 20-Millionen wäre der Gewinn für eine Diagonale nur 2.500 Euro gewesen. Statt 0 Euro für eine Nicht-Diagonale. Vorausgesetzt die Diagonale hätte gewonnen.

Nebenbei in obiger Rechnung von mir ist noch ein Fehler drin. Welcher? Ankreuzen bringt nur sechs Richtige. Um den Jackpot zu knacken, benötigt es aber noch eine weitere Zahl des Lottoscheins. Und die kann man nicht ankreuzen, sondern nur in der Lotto-Annahmestelle durch Auswahl des Scheins wählen. Aber das ist die höhere Kunst des Lotto-Spiel-Verlierens und selbst das Wissen kann man von »Antenne Bayern«-Moderatoren nicht erwarten. Hauptsache, die amüsieren ihre Zuhörer mit Schein-Fakten zu Tode.

Es gibt viele Sendungen im Radio, worüber ich mich echauffieren kann. Aber immer wenn ich »Antenne Bayern« einschalte, dann verreist es mich regelrecht. Aber den Grund, warum es nur mich zereist und nicht die anderen Hörer, den habe ich bislang nicht heraus gefunden. Mein Intellekt ist dazu noch nicht weitergebildet genug. Ich glaub, ich nehme mir mal wieder ein Buch zum lesen vor …

Ertrage die Clowns (2): »Em Ei El« Sandock und meine persönlichen Radio-Tage

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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»Und wollt ihre eine Autogrammkarte von mir, dann schreibt an ‚Mal Sondocks Hitparade‘ im WDR. ‚Mal‘, das schreibt ihr ‚Em Ei El‘ und dann ‚Sandock‘, dann kriegt ihr ne Autogrammkarte von mir.«

Nein.
Bitte nicht weiter lesen.
Was jetzt kommt, ist mehr ein Memo-Zettel für mich als wirklich Gutes für euch Careca-Blogverfolger. Darum wird es jetzt wohl eintönig und langweilig. Eine Ode an meine Selbstherrlichkeit. An meine Erinnerung. Erinnerungsschnipsel. Schnitzeljagd auf persönlicher Weise. Rein subjektiv. Ohne irgendwelchen Anspruch. Fast auf RTL-Nachmittagsniveau. Und vielleicht eher mit zu viel des »product placement«.
Vielleicht.
Leider „vielleicht“.
Vielleicht.
Überleg es dir, jetzt weiter zu lesen …

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»Und wollt ihre eine Autogrammkarte von mir, dann schreibt an ‚Mal Sondocks Hitparade‘ im WDR Köln. ‚Mal‘, das schreibt ihr ‚Em Ei El‘ und dann ‚Sandock‘, dann kriegt ihr ne Autogrammkarte von mir.«

Nie habe ich verstanden, was er mit »Em Ei El« meinte. Englisch verstand ich damals noch nicht, geschweige die englische Art zu buchstabieren. Gerne hätte ich mir eine Autogrammkarte von ihm schicken lassen. Aber niemand in meiner Familie konnte mir erklären, wie man »Em Ei El« schreiben sollte. Jeden Mittwoch Abend ab 20:00 hing ich vor dem Radiogerät. ‚Mal Sondocks Hitparade‘ war das normativ Faktische in Sachen Hitparade nicht nur bei mir. Auch in meiner Schule wurden am Donnerstag Morgen die Ergebnisse der Hörerabstimmung per Postkarte diskutiert. Gut. Die Diskussionen waren nicht tiefsinnig, sondern beschränkten sich auf Klassifikationen wie »war klar, das ist Scheiße« oder das »das ist doch klar, das mögen alle, die was davon verstehen«.

Ehrlich. Beinahe, hätte ich jetzt »cool« geschrieben. Aber kannten wir damals das Wort schon? Ich weiß es jetzt nicht mehr. Ich glaube nicht »cool« gab es damals in den frühen 80ern des letzten Jahrhunderts noch nicht. Dafür aber »geil«. Die Lehrer klärten uns auf, dass »geil« geschlechtsreif bedeuten würde und wir daher das Wort absolut unpassend verwenden würden.

Geschlechtsreif.
Wir fanden auch das »geil«. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Weltspartag wurde von der örtlichen Volksbank wieder mal allerhand verlost. Das bedeutete, außer dem Kram zum Sofort-Mitnehmen gab es noch die Aussicht auf mehr. Meine Hoffnungen beruhten eh‘ nur darauf, überhaupt mal einen Trostpreis zu erhalten. Doch dann kam der Brief. Ich hatte eine Schallplatte gewonnen. Also so eine schwarze Scheibe, welche sich unter einer Nadel (Saphir oder Diamant) wegdrehte, und den Lautsprechern des Schallplattenspielers einen ordentlichen Wums versetzen konnte. Meinen 2x 8Watt Lautsprechern mit der Dual-Saphir Nadel. Eine Schallplatte mit Top-Hits. Das war nicht wenig. Kostete doch so eine Scheibe im Handel standardmäßig immer so an die 18,- bis 24 ,- DM. Aber diese Platte war eine besondere. Sie war »Em Ei El« Sandock zusammen gestellt. Auf Seite eins als erstes Lied dröhnte kurz drauf »Nutbush city limits « von Tina Turner durch mein Zimmer. Von Tina Turner hatte ich bis zum damaligen Zeitpunkt nichts. Aber das Lied war für mich der Knaller. Und »Em Ei El« Sandock war für mich der größte im Hörfunkradio des WDR.

Genauer gesagt, es war der zweite Hörfunksender. WDR 1 spielte Schunkel- und Tralala-Musik. WDR 3 war mehr Klassik- bis Dokumentationsradio. WDR 4 und WDR 5 kamen erst später. WDR 2 war das Zentrum des rauschbefreiten Rundfunkempfangs.

Fast.

Mein erstes eigenes Radio erhielt ich 1974. Es war ein handtellergroßer Radioempfänger. „Tschibo“ hatte ihn zur damaligen Fußball-WM herausgebracht. Mein Bruder hatte ihn in blau, ich in gelb. Er kostete damals meinen Eltern knappe 10,- DM (zum Vergleich: das billigste Endspielticket der WM 1974 »Deutschland-Holland« kostete damals im Olympiastadion knappe 40,- DM). Er arbeitet mit einer AA-Batterie und empfing nur MW-Sender und keine UKW-Sender. Das bedeutete eigentlich nur rauschbehafteten Empfang. Aber damit waren zwei Sender klar zum empfangen: Deutschlandradio und der Sender auf MW 1479, die Keimzelle des deutschen Privatradios.

Es war der Sender, der nicht von Deutschland (West) aus sendete. Er sendete von Luxemburg aus. Radio-Tele-Luxemburg. Kurz »RTL« genannt. Wir (meine Familie) hatten ein Wohnzimmer-«Telefunken«-Radio mit jener berühmten grünen RTL-Taste. Einmal kurz die grüne Taste gedrückt und das Radio war über Mittelwelle (technikerspezifisch: AM-Sender = Amplituden modulierter Sendebereich) mit dem Sender auf 1479 kHz verbunden. Frank Elstner, Björn-Hergen Schimpf, Georg Bossert und dessen damalige junge Lebensgefährtin Désirée Nosbusch waren die Hauptprotagonisten des RTL-Radios. Für mich gab es immer kurz vor sieben die »Fünf vor Sieben«-Sendung. Eine fünf-minütige Häppchen-Sendung, in der sogar Michaels Ende »Momo« in erträglicher Kurzform erzählt wurde.

Die kleinen Handradios hielten auch über die WM hinaus. Aber nicht viel mehr Zeit darüber hinaus. Die Batterien liefen aus und zerstörten sie. Ich erhielt mein erstes echtes, eigenes Radio. Ohne grüne Taste. Von »Telefunken« und mit Kassettenaufnahmeteil. Mono. Nicht Stereo. Aber immerhin, das Gerät konnte Kassetten aufnehmen und abspielen. Meine erste Musikkassettensammlung startete.

Meine Eltern hatten nur ein einfaches Kassettenabspielgerät, um Maria und Margot Hellwig zu lauschen. Im Alter von 5 Jahren hatte ich mit meiner damaligen Tante ein paar Worte aufgenommen. Direkt vor dem Lied „Fußball ist unser Leben“. Ihre Stimme höre ich noch wie damals. nur meine eigene ist mir jetzt seltsam fremd.
Nun. Mittlerweile besaß ich einen Radiorekorder und meine Eltern weiterhin das Kassettenabspielgerät und ein Autoradio. Aber ich immerhin schon einen Radiorekorder, um …
Egal, Hauptsache Radiorekorder und Aufnahmefunktion. Und der Radiorekorder hatte eine undokumentierte Sonderfunktion. Drehte man das Empfangsband zu weit in den kurzwelligen Bereich, dann ertönte ein Pfeifen. Die Grenze vom UKW und dahinter kamen dann die Funksprüche der Polizei. Interessant, wo im Ort oder in sonst irgendwo immer Prügeleien stattfanden.
Es kam die erste Flasche Isopropanol und die erste Packung Wattestäbchen, um Tonkopf und Andruckrollen vom Eisenoxid der billigen BASF-Kassetten zu reinigen. UKW nahm ich vom Radio auf. Wiederholt. Und immer wieder. Mit nur einer Kassette. Immer und immer wieder wurde die gleiche Bandstrecke neu überspielt. Aber nur UKW. Mittelwelle und RTL waren nur zum Hören. Zum Aufnehmen taugte der Sender RTL nicht. Zu viel Ohrenkratzen war bei der Mittelwelle-Aufnahme garantiert. Dafür aber anderer Spaß. Erinnert sich noch wer an die „Blaue Stunde“?

»RTL, ihr Sender auf 1479 kHz«, war eine Ansage, die für sich sprach und jedes WDR-Hörfunkprogramm in den Schatten stellte. Da machte es später auch keinen Unterschied mehr, wenn RTL seine Sendefrequenz auf 1480 kHz zugewiesen bekam und in der Schule von den Lehrern offiziell lehrbuchmäßig erklärt wurde, RTL sei Schund. RTL-Radio war einzigartig. Auch die Lehrer hörten es gerne. So wie sie auch gerne die BILD-Zeitung lasen, obwohl Günther Wallraf einiges bei der BILD aufgedeckt hatte. Aber wir alle hörten gerne die heile Welt von RTL im Radio.

Ich auch. Bis auf Sonntags Nachmittag. Da galt es die Radioantenne im tiefsten Münsterland auf SWF 3 auszurichten. 500 km gen Südwesten. Das Wetter war entscheidend. War die Wetterlage okay? Der Sender kam rein und verschwand wieder, kam rein und verschwand wieder, kam rein und verschwand wieder. Immer wieder. Und Frank Laufenberg erklärte derweil auf SWF 3 den Stand den Stand der Beliebtheit der wichtigsten Lieder in der deutschen Musikszene.
Lange Zeit war ich der beneidete Besitzer einer Tonbandaufnahme (Audio-Kassette) der vierteiligen »Beatles«-Serie von dem anerkannten »Beatles«-Experten Frank Laufenberg. Durch Unbedarftheit nahm ich irgendwann etwas anderes auf und war danach unbeneideter Dummkopf in Sachen Radio-Sendungen-Aufnehmen.

1985.
Inzwischen war ich Besitzer eines Stereo-Radiorekorders mit zwei Kassettenfächern. Die waren nötig, um Bandkopien zu ziehen. Von Freunden. Früher hieß das noch »Bootleg« erstellen. „Beatles“-Bootlegs standen hoch im Kurs. „Stones“ ebenso. Nein, nicht »Raubkopie« wurde es genannt, sondern „Bootlegs“. Legal war es aber ebenso wenig wie später. Obwohl mit dem Kauf einer Audio-Kassette auch die GEMA mit bezahlt wurde. Nur die Musikindustrie fühlte sich noch auf der sicheren Seite. Wer saubere Aufnahmen wollte, sollte gefälligst für die Schallplatten zahlen und sich entsprechendes Abtastgerät beschaffen.
Als Kassettenjockey auf Privatfeten taugten meine Kassetten ohne Probleme. Letztendlich wusste ich, auf welcher Kassettenseite bei welcher Kassettenstelle sich welches Lied exakt befand. Vor- und Zurück-Spulen gehörten für mich zum Handwerk beim Kassetteneinstecken in das Tape-Deck bei Privat-Feten. Dafür zollten mir genügend Leute Dank. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich so etwas wie ein Disc-Jockey war. Aber das war mir damals total egal. Ich wollte nur die passende Musik zur passende Stimmung für alle. Genau. Immer diese dümmlichen Idealisten. Hätte, wäre, wenn. Egal. Eine Zeit lang hatte ich Erfolg. Später nicht mehr. Trotz damals aktueller Radioaufnahmen. Mein Geschmack war nach einiger Zeit nicht mehr mehrheitsfähig. So geht es, wer nicht mit der zeit geht. So einer muss mit der zeit gehen.

1985. In Äthiopien grassierte eine brutale Hungerkatastrophe (wie jetzt in Somalia). Die weltweite Politik sah tatenlos zu (nichts neues) und interessierte sich lediglich nur für ihren kalten Krieg. Bob Geldorf organisierte das im Juli 1985 viel beachtete »Live Aid«-Konzert (bei dem damals Madonna als Hupfdohle am Bühnenrand hin und her tanzte und sich die erste Beachtung verdiente). Auch hier lief wieder mein neuer Stereo-Radiorekorder mit und nahm fleißig auf. Jeder kann noch den deutschen Beitrag zum »Live Aid 85« im Internet ermitteln: »Nackt im Wind«. Es war aber eine musikalische Katastrophe als es in London live zugespielt wurde. Alle Mitwirkenden waren verkrampft. Nach der Übertragung wurde live gejammt. Lediglich der WDR nahm noch auf und sendete im Dritten Programm jenes fleißig weiter, was dann geschah: Alle Beteiligten jammten Wolf Mahns »Deserteure«. Ein Highlight der Live-Performance. Nur finde ich keinen WDR-Mitschnitt mehr dazu. Allein bei mir Zuhause auf Audio-Kassette (inzwischen digitalisiert und digital aufgehübscht).
Oder das in London auf grandiose 20 Minuten ausgedehnte »Purple Rain« von ‚Prince‘: Lange Einleitung, langes extatisches Ende. Es gibt keine vergleichbare Version zur »Live Aid«-Version. Sie existiert (ebenfalls digitalisiert) als Tonbandaufnahme in meinem Radio-Aufnahme-Archiv.

Radio bestimmte noch immer das Leben. Mal Sondocks Sendung im WDR 2 war bereits abgesetzt worden. Ich hörte weniger Radio. Meine Musik lief weniger. Der Plattentausch mit anderen war angesagt. Radio hörte ich mehr wegen Live-Konzerte. Oder Live-Veranstaltungen in Sachen Kabarett oder Theater.

Fernsehen hatte inzwischen einen wichtigen Bereich für sich erobert gehabt. Wie hieß es im Fernsehen, als noch die Apollo-Raketen gen Mond sich auf den Weg machten? »Live sein, heißt dabei sein«, sprach Hoimar von Ditfurth in die Kameras. Radio konnte da nicht mithalten. Wie auch. Bilder vom Mond im Radio waren nicht vermittelbar. Die Herausforderung war zu hoch.Es würde dem vergeblichen Versuch gleichen, den Einschlag der Flugzeuge von vor zehn Jahren und den Zusammensturz der Türme per Radio bildlich zu vermitteln. Zumindest fällt mir kein Moderator ein, der es aus dem Stand schaffen würde, das Ungeheuerliche in Worte zu fassen. Da müssen eher Bilder sprechen, damit der Zuschauer begreift.

Mein Vater hatte damals (also noch weit vor dem Tag 09/11) immer den Ton vom Fernseher abgeschaltet und das Radio eingeschaltet, wenn ein Fußball-Länderspiel lief. Im Fernsehen schienen die Kommentatoren überfordert. Anfang war mir das als kleiner Knirps gar nicht recht. Aber bald erkannte ich die Vorteile. Selbst in langweiligsten Spielsituationen waren Fernsehmoderatoren kaum in der Lage noch interessantes zu vermitteln. Wurde gerade Rasenschach gespielt, dann waren selbst die Fernsehkommentatoren von der Situation überwältigt und zollten der Situation mit Schweigen ihren Tribut. Solche Perlen der Fußballfernsehunterhaltung, als in Madrid 1998 vor dem Spiel BVB-Real Madrid das Tor zusammenbrach und ein Günther Jauch und Marcel Reif über eine halbe Stunde Unterhaltung auf hohem Niveau zum Überbrücken der Situation spontan erbrachten, solche Perlen der Unterhaltung sind selten.

Legendär ist ja der Kommentar von 1978 bei der Fussball-WM in Argentinien, als Deutschland gegen Österreich in Córdoba spielte. Edi Finger wurde dabei zur Legende. Als Radiokommentator (»Tooor, Tooor, Tooor, […] I wer’ narrisch!«) überflügelte er den deutschen Fernsehkommentator Armin Hauffe um Welten.

1979 lief der Hit »Video Killed the Radio Star« die Radioprogramme im WDR rauf und runter. 8 Jahre später drehte Woody Allen den Film »Radio Days« als Abgesang auf die Tage, in denen das Radio in den USA noch Bedeutung hatte.

Trotzdem, in Deutschland war noch die Geiselnahme in Gladbeck. 1988. Fernsehen war nicht aktuell, Internet gab es nicht. 24-Stunden-Fernsehen war auch noch ein Fremdwort. Das Nachtprogramm endete mit einer vorgelesenen Geschichte von Hans-Joachim Kuhlenkampf. Anschließend gab es eine deutsche Fahne im Wind untermalt von der Nationalhymne. Danach Pausenbild. Nur das Radio hatte ein 24-Stunden-Programm. Und dann gab es das Gladbecker Geiseldrama. Besonders die Radioreporter erlebten ihre fragwürdige Sternstunde. Immer live dabei. Mit den Gangstern auf Du und Du. Vis a vis zwischen Mikro und Kanonenmündung.

Andererseits, 1982. Ich hatte jemand mit Autoradio erwischt und hörte die Debatte um die Mißtrauenserklärung gegen Altkanzler Schmidt durch Helmut Kohl mit an. Der Autobesitzer duldete mein Zuhören, obwohl er nicht zu verstehen schien, was mich bewegte. Es war eine spannende Bundestagsdebatte im Radio, die in dem Ausruf von Helmut Schmidt gipfelte »Noch bin ich hier Kanzler«. Damit war alles klar. Alles geklärt. Kurz darauf war Helmut Schmidt es nicht mehr. Der Vorname blieb, der Nachname änderte sich und die 16-jährige Kanzlerregentschaft des Pfälzers begann.

Damit endeten die Radio Days für mich noch längst nicht. Bis April 1995 hatte der WDR eine Frequenz-Lizenz erworben, über welche der WDR ein Testprogramm ausstrahlte. Es lief in Endlosschleife ein einstündiges Musikprogramm.

Es erinnerte mich dabei an die nachmittäglichen Testprogranmme im Fernsehen, in denen eine Mehrkanal-Versuchssendung ausgestrahlt wurde. Um einmal sachlich zu bleiben, die Versuchssendung präsentierte exakt zwei Audio-Kanäle im testprogramm. Mein Vater hatte damals bereits einen Grundig-Stereo-Fernseher gekauft. Im ZDF lief dazu jene Testsendung. Also offenbar hatte mein Vater eine Technologie eingekauft, die damals erst zum Standard werden sollte. Hier (http://video.google.com/videoplay?docid=3878958518011014170) findet sich noch jeden Fernsehschnipsel, der das verbreitete, was technologisch heute altertümlich wirkt (Stimmen im off als Erklärung von Stereo in einer Szene mit Beatrice Richter, ab 06:00: »Also ist Stereophonie ist ein neues Ausdrucksmittel der Dramaturgie?« »Könnte sein.«). Berauscht hatte mich immer der Vorschauschnipsel vom Fußballspiel von »Union Solingen«. War der Verein mal ne Fußballmacht? Er verlor im DFB-Spiel 1:2 gegen Gladbach. Zumindest war er damit zum Stereo-Vorzeige-Fußballverein avanciert (s.o. Ab 08:13). Jenen Film zu dem Schnipsel mit der ewig lächelnden Maria Schell (ab 09:25) wollte ich später noch sehen. Er wirkte so geheimnisvoll, so magisch (»Hör zu, du bist nicht David. Aber irgendwer bist du.«). Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, ich hatte den Fernsehfilm dazu gesehen. Nur an den Inhalt oder Titel erinnere ich mich nicht mehr. Unbedeutsam. Genauso wie Giovanni Spadolini, Francois Mitterand oder Margret Thatcher ohne unterlegter deutscher Übersetzung. Interessant auch die Demonstration des Zwei-Kanal-Ton über eine Debatte im Europäischen Parlament: Anfangs wird die deutsche Übersetzung eines Abgeordneten zu Gehör gebracht. Sobald aber auf den rechten Kanal geschaltet wurde, war auch damals so gut wie nichts zu verstehen. Ein Symbol des EU-Parlaments? …

Wie bereits erwähnt, bis April 1995 hatte der WDR eine Frequenz-Lizenz erworben, über welche der WDR ein Testprogramm ausstrahlte. In einer Endlosschleife. Aus dieser Endlosschleife entstand der Sender 1Live, der das Programm »WDR 1« ersetzte.

Das Leben ging weiter. 1997 lief früh morgens die Nachricht durch die Sendeanstalten, dass Prinzessin Diana tödlich verunglückt sei. Ich saß in jener Nacht vor einem PC und chattete im Internet in einer Chatgruppe und postete dort die Nachricht in den Chat-Raum. Die Reaktion war zynisch ungläubig. Meine Gegenreaktionen voll von Sarkasmus. Chatmässig eben.

Irgendwann in meinem Leben verließ ich dann den Sendebereich vom WDR-Hörfunk. Was mit RTL-Radio gesät worden war, wurde mit dem Fernseh- und Rundfunkvertrag unter Kanzler Helmut Kohl geerntet. Die Privat-Radio-Programme erhielten ihre Sendefrequenzen. Begleitet waren sie mit guter Hoffnung.

Da war im Bereich Bremen-Hannover das geniale vierstündige »Guten-Morgen-Programm« von 8 bis zwölf Uhr Mittags im FFN: »FFN-Frühstyxradio«. Eine Comedy-Truppe rollte das tief-ernste, deutsche Radio von Niedersachsen aus auf. Mit norddeutschem Bierernst. Die Betonung liegt auf »Bier«. Aus dieser Truppe gingen Comedeians der tiefschürfensteren Sorte wie Kalkhofe oder Wischmeyer hervor. »RTL Samstag Nacht« war nur ein Abklatsch dagegen. »Frühstyxradio« war real-existierende Comedy, welche kein Kabarett war, aber trotzdem nichts mit den Oberflächenwischern der darauf folgenden Generation zu tun hatte. Gnadenlos wurden alle hörerischen Tabus geschleift. Die letzte Sendung von 2000 existiert noch als kaufbare CD. Selten nahm sich eine Comedy weiter ernst, als sie sich selber werfen konnte. »Der kleine Tierfreund«, »Onkel Hotte«, »Arschkrampen«, »Frieda und Anneliese«, »Günther, der Treckerfahrer«, »Kalkofes Mattscheibe« (genau! im Radio! und nicht wie nachher im TV!) usw. usf. . Die Truppe des »Frühstyxradio«s war auch für die Eröffnungsshow der »Expo 2000« in Hannover verantwortlich. Nur, wenn jeder über die »Expo 2000« redet, dann erinnern sich mehr Menschen an einen „Prinz“, der an einen Pavillon gepinkelt haben soll als an die Eröffnungsshow vom Frühstyxradio-Team.

Radio-Tage.

Als ich mir meinen letzten MP3-Player kaufte, schwankte ich zwischen normalen Radio-Empfangsteil und DAB-Empfangsteil. Das war vor mehr als fünf Jahren. Die Entscheidung fiel auf normalen im MP3-Player integrierten Radio-Empfangsteil. Genutzt habe ich diese Fähigkeit meines MP3-Players kaum. In Bayern gibt es im Grunde nur Schrott-Radio. Die Auswahl heißt immer »Pest« oder »Cholera«: »Bayern 3« oder »Antenne Bayern«. Dort wird Heiterkeit und Spontanität durch die Moderatoren simuliert. Vorbei sind die Zeiten als Thomas Gottschalk und Günther jauch 1986 den Sender „Bayern 3“ erfolgreich aufgemischt und verbessert hatten. Die Ansagen der heutigen Moderatoren haben die Temperatur eines Aschermittwochs mit Heiterkeitsdirektive vom Vorgesetzten. Also so eine Mischung aus Karneval in Aachen und Karneval in Münster. es schunkelt jeder zweite. Wegen der Ordnung.
Darüber hinaus drängt sich immer wieder der Verdacht auf, dass spontane Anrufe in den Sendungen einfach fingiert sind. Im Privatfernsehen heißt so etwas »scripted reality«. Übersetzt: »Verarschung der Zuschauergefühle«. Nicht einmal für eine Verkehrsstau-Durchsage taugt das Radio in München und Umgebung. Ob auf jener Autobahn nun wirklich der angesagte Stau existiert, darüber gibt inzwischen jedes Smartphone verlässlichere Informationen als das Radio (egal ob öffentlich rechtlich oder privat-werbungsfinanziert). Besonders lieb sind mir dann immer die Lobhudelanrufe, welche den eingeschalteten Sender über jenen Klee loben, der eh bereits mit der Sense nivellierend sensibilisiert wurde. Wie gut, dass man mit einem Smartphone inzwischen auch Internetradio hören kann. damit ist man nicht mehr auf bayrisches Funkterritorium angewiesen.

Seltsam empfinde ich es inzwischen nicht mehr, dass ich jenen Sender im fernen Köln, der vom damaligen »WDR 1« zu »EinsLive« ummodeliert wurde, über Internet höre. Weniger Werbung als in Bayern, mehr ehrliche Spontanität und weniger Ballyhoo-Moderationen. Die bayrische Kulturverweigerung, die offene Tendenz zur Parallelgesellschaft, das gehört auch bei mir zum Programm, wenn ich mit dem Radioprogrammen Bayerns konfrontiert werde. Dafür brauche ich keinen fremdländischen Pass.

Ich weiß, so etwas zu schreiben, ist billig. „Fishing for compliments“ wird so etwas auch genannt. Billigste Anti-Propaganda.
Allerbilligste.

Nur las ich letztens, dass jene Sendesystem-Totgeburt „DAB“ (digitale Audioübertragung über normaler Antenne; der Antagonist zu DVB-T) auf Staatskosten ausgebaut werden soll. Nicht dass DVB-T eh bereits digitales Radio vorgesehen hatte, nein, es soll eine Technik ausgebaut werden, die bislang weder im Radio- noch im Receiver-Geschäft eine Bedeutung hatte. Und das angesichts der immer stärker verbreiteten Internet-Übertragung von Radio-Programmen. Inzwischen besitzen überwiegend mehr Menschen Internet-Radio (über PC, Notebook, Smartphones oder andere stationäre WLAN-Empfänger) und immer noch das alt-hergebrachte, analoge Radio. DAB ist weiterhin ein Fremdwort. Selbst DVB-T ist erheblich stärker verbreiterter (in Ballungszentren) als DAB.

Und dann beim Aufräumen daheim hielt ich die Schallplatte wieder in meinen Händen. ‚Mal Sondocks‘ LP mit original Unterschrift auf der Rückseite. Inklusive Foto. Er hatte immer damit geworben, dass mit seinem Foto einer Insektenplage ausreichend Barriere geschaffen sei. Sein Foto aufgestellt, würde jede Mücke sofort vertreiben. Das Foto hatte ich nie aufgestellt. Die LP dutzendfach gespielt. Insbesondere »Nutbush city limits « von Tina Turner.
Tina Turner wird im November 72 Jahre alt. »Em Ei El« Sandock starb im Juni 2009 mit 75 Jahre. Beide verkörpern für mich einen nie gedrehten Bestandteil von Woody Allens »Radio Days«.

Nein. Früher war nicht alles besser. Aber die Fußballübertragungen im stumm gestellten Fernseher und die Radiokommentare dazu, das kommt nie zurück. Auch das »Mahlzeit, meine Damen und Herren. Guten Morgen, liebe Studenten und Studentinnen« von Manni Breukmann damals im »WDR 2 Mittagsmagazin«, das kommt nie wieder. Das war einmal.

Was mir bleibt, ist eigentlich nur ein nach verkappter Propaganda wirkender Hinweis auf meinen Lieblingsradiosender »EinsLive«. Spontaner und ehrlicher als alles in Bayern über Luft zu empfangende.

»Em Ei El« Sandock. Das war ein Bestandteil meiner Jugend. Meiner Pubertät. Der Moderator Sandock war vielleicht nicht der beste, aber er war der verbindlichste, der sich allen ungeschützt im Radio offenbarte. Wegen ihm wurde ich zum Radio-Fan. Und das, obwohl mir alle Moderatoren Bayerns diese Fanschaft bislang erfolglos mit niedrigstem Niveau austreiben wollten. Deren Absichten habe ich aber bislang ignoriert. Erfolgreich.

Ich höre einfach weiterhin vergnügt lohnenswertes spontanes »Preußen-Radio«. Ein Bayer bin ich nun mal nicht. Ich mag es nun mal spontaner und ehrlicher. Nicht-bayrisch halt.

Und hiermit endet mein persönliches, recht langwierig, langweiliges Radio-Glaubensbekenntnis.

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca