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Kneipengespräch: Doppelt dumm gelaufen, du Ehrlicher, du!
Er brabbelte vor sich hin. Nicht laut, aber störend.
“Hey, kannste mal damit aufhören, hier rumzubrabbeln?”
Er starrte mich verwundert an. Wahrscheinlich schon im Delirium Tremens. Ich seufzte und wollte mir gerade das nächste Kölsch bestellen, als er spontan loslegte
“Ich lass mir nichts verbieten!”
Vorsichtig entgegnete ich: “Was bitte?”
“Ich’s bin’s nicht gewesen.”
“Ja?”
“Die anderen war’s.”
“Sie meinen Türkenhochzeiten? Oder Oma-Geburtstag? Motorrad im Hühnerstall?”
“Bürschchen, halt die Klappe.”
“Wie bitte?”
“Das ist momentan normal. Außer Verboten fällt denen nix ein.”
“Verbote? Wem?”
“Ich kenn keinen, den es in Wirklichkeit erwischt hat.”
“Okay …”
“Also wird es wohl nicht so schlimm sein.”
“Und?”
“Mich trifft’s nicht.”
“Echt?”
“Alles übertrieben. Total übertrieben.”
“Hm, warum?”
“Das ist wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen. Und irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um mich zu unterdrücken. Great Resett. Weiß doch jeder!”
“Ähem, weiß wer?”
“Das Ganze ist lediglich ein primitives Machtinstrument. Ein Spiel der Herrschenden!”
“Ein Machtinstrument?”
“Die da oben gegen uns da unten! Mit Fake-News der Mainstream-Medien wie BILD, EXPRESS und so. Hör mal! Ich hab keinen Bock auf Verzicht!”
“Was?”
“Ich selber hab ein Recht, durch die Welt zu fliegen. Ein natürliches Anrecht auf meine Freiheit! Steht auch im Grundgesetz.”
“Freiheit?”
“Jawohl, meine demokratische Freiheit ist wichtiger als irgend so ein Live time-Fußabdruck für paar Dagegen-Fuzies.”
“Fußabdruck? “
“Hömma, wir reden bekanntermaßen von einer Erfahrungsdimension, von vielleicht jetzt knapp ein Dutzend Monaten.”
“Okay. Erfahrungsdimension?”
“Hey, ein Wandel wird nichts sein, worauf man dann nach paar Monaten Einschränkung keinen Bock mehr hat. Das macht pessimistisch.”
“Dass die Menschheit das hinkriegt? Moment. Erklär mir mal: Worüber hast du gerade geredet? Über Corona an sich? Oder über den Klimawandel generell?”
”Herr Oberspielleiter, zwei Kölsch bitte!”
Kneipengespräch: Das Bier und sein Meinungsreinheitsgebot

“Und? Wie isses?”
“Wie soll’s schon sein. Schlecht ist noch geprahlt.”
“Was ist so dringlich?”
“Unser Kölsch soll verboten werden.”
“Red’ keinen Müll.”
“Wenn ich es dir doch sage.”
“Unser Kölsch?”
“Es entspricht nicht dem deutschen Reinheitsgebot. Ich buchstabiere: ein rein, ein Heits, ein Gebot. Es geht um ein reines Lebensmittel. Es entspricht dem nicht. Sagen Biertrinker aus bayrischen Kneipen. Und nicht nur dort.”
“Nicht? Wie kann das sein? Es geht doch rein. Und das zugleich mit jedem Heitsgebot. Oder etwa nicht?”
“Kölsch ist nicht gesellschaftsfähig. Das Reinheitsgebot hat seinen Ursprung in Bayern, nicht in Köln. Das sollte jedem zu Denken geben. Zum Nachdenken.”
“Du machst Witze! Nachdenken über solche Seiten einer Meinung? Welche andere aufziehen wollen? Welche Interessen haben diese? Werden die von wem Speziellen dafür finanziert?”
“Kölsch widerspricht der bayrischen Bierkultur. Und weil das so ist, ist das jetzt ein gesellschaftlich missliebiger Faktor.”
“Hä? Kölsches Obergäriges ist nicht wie obergäriges bayrisches Weißbier zu beurteilen?”
“Es geht darum, welcher gesamtgesellschaftlichen Frage man Priorität einräumt, und wie man das dann gesamtgesellschaftlich löst. Dazu müssen alle Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten. Auch mit Verzicht. Ansonsten steht eine Infizierung mit dem Kölsch-Virus als Gefahr für das bayrische Bier im Raum.”
“Du redest wie die Klimawarner. Hier geht es um Kölsch. Und nur um Kölsch. Und eben das hat seinen uneigennützigen Status in der einträchtigen Gesellschaft hinsichtlich des Reinheitsgebots.”
“Ein Vergleich mit solidarischem Verhalten bezüglich dem Reinheitsgebot ist absolut treffend. Die Bayern haben dazu eine eindeutig eherne Meinung. Es ist das, was man hier und heute am Tresen besichtigen kann. Das Kölsch in dünnen Stangen-Gläsern versus das bayrische Bier in stabilen Willy-Becher-Gläsern. Das bayrische Bier macht mehr her.”
“Aha.”
“Die Warnung vor dem Kölsch erinnert total an reine Panikmache. Hier wird der Konsum lediglich versucht, durch Angst und negative Gefühle komplett negativ zu beeinflussen. Ohne wissenschaftlich erwiesene Hintergründe, für die man nicht nur ein halbes Jahr analysiert haben muss. Der Bierkonsum und der Kölschkonsum sind gesellschaftlich verankert und bestehen schon länger als nur ein paar Monate. Und eben darum: Ich lass mir nichts verbieten. Ich lass mir meine Freiheit beim Bierkonsum in Bayern nicht einschränken.”
“Aber es gibt genügend Menschen in diesem Lande – und auch in Bayern -, welche Kölsch nicht als Bier klassifizieren. Sondern als pissgelbe Brühe. Menschen, die sich dem sogar vehement verweigern, um deren Gesundheit nicht zu schaden.”
“Ja, ja, jene Sonderlinge mit der Meinung, sie wären es nicht gewesen, Kölsch getrunken zu haben, weil sie nur echtes Bier trinken würden. Maximal waren es immer nur die anderen. Ich kenn keinen, denen ein ehrliches Kölsch nicht geschmeckt hat. Und die, die einmal ein Kölsch ganz unbefangen gekostet hatten, die konnten nicht klagen. Kölsch ist kein Grund sich zu beklagen. Und für die Bayern wird es wohl nicht so schlimm sein.”
“Na gut. Mich trifft’s nicht.”
“Eben. Alles übertrieben. Dass Kölsch kein Bier sein soll, das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um Kölschtrinker zu unterdrücken. In Wahrheit geht es lediglich darum, Biertrinker zu mainstreamen, zu manipulieren. Des Biertrinkers ehrliche Meinung soll auf perfider Weise unterdrückt werden. Man will die Bayern nur als bierdimpfelnde Mitmenschen vor deren Maßkrug. Intelligente Menschen vor einer Kölsch-Stange in Bayern, das will niemand. Das ist nicht Mainstream. Und der Mainstream unterdrückt diese Wahrheit. Oder hat der Mainstream jemals darüber berichtet? Aus Bayern?”
“Wie du meinst.”
“Ja, so etwas ist lediglich ein offensichtliches Machtinstrument. Ehrlich. Ich hab keinen Bock auf Verzicht. Ich hab auch ein Recht, durch die Welt zu fliegen und Bier zu trinken, wo ich will, wann ich will und mit wem ich will. Kölsch ist sozialer Klebstoff und bringt Menschen eng zusammen. Meine Freiheit ist mein wichtiger sozialer Bier-Fußabdruck in dieser Gesellschaft. Aber da wollen mich wohl ab jetzt die Oberen disziplinieren und reglementieren. Das lass ich nicht zu, dass jene meine Grundrechte einschränken. Sie wollen uns beherrschen. Mit einem Verzicht-Diktat. Mit dem Reinheitsgebot, welches wissenschaftlich gar nicht erwiesen ist.”
“Reden wir nicht lediglich übers Kölsch?”
“Ja. Und über die Leute, die Kölsch und deren Befürworter aus unerfindlichen Gründen falsch beurteilen und deren Meinung mit diktatorischen Mitteln unterdrücken. Oder hast du schon mal jemand im Paulaner-Garten Geschichten über Küppers-Kölsch erzählen gehört? Das ist doch Meinungsdikatur!”
“Echt. Könnte man den Kölschkonsum nicht für sieben Monate mal untersagen, um festzustellen, ob Kölsch wirklich so wichtig für jedermann ist? Es gibt ja auch noch andere obergärige Biersorten.”
“Wie bitte? Du redest gerade über eine Dimension von jetzt ab sieben Monaten. Kölsch wird nichts sein, worauf man nach sieben Monaten Einschränkung keinen Bock mehr haben wird. Kölsch wird es auch noch geben, wenn man es jetzt verbieten wird. Somit ist so ein Verzicht unbegründet und die Forderung danach nichts als pure Meinungsdiktatur.”
“Äh? Wie? Was?”
“Nichts wird Kölsch per Gesetz verbieten können. Die Leute würden es privat im Keller brauen und in der Gesellschaft klandestin verteilen. Kölsch wird immer sein und nicht ausrottbar sein. Das ist Fakt. Somit ist ein Verbot nichts, was des Volkes Meinung entspricht und was man als Wahrheit zu akzeptieren hat. Und das wird man wohl noch sagen dürfen, oder? Oder ist diese Meinung inzwischen auch schon verboten?”
“Äh, Moment mal. Sich künstlich aufregen und sich laut empörend auf deiner teils abgekupferten und teils selbstgebastelten Argumentation zu berufen, dich dann in Folge beklagend, dass du nicht mehr sagen könntest, was du sagen wolltest, was aber ansonsten eh niemand hören wollte, das ist schräg. Lost. Und dann gar irgendetwas zu sagen oder auch hanebüchen zu fragen, also etwas auf jeden Fall total Provozierendes raus zu hauen, um sich dann als Messias der von dir als Unterdrückten definierten Gesellschaft zu gerieren, weil man als Tabubrecher sich hinstellt, … also, das ist rhetorisch einerseits geschickt, aber andererseits vollkommen mies. Als jemand, der vorgibt, tiefer nachzudenken, so wie du es vorgibst, also mehr zu nachzudenken als jene apostrophierte ‘Null-Acht-Fuffzich-Michel des Mainstreams’, welchen man unterstellt nur zwischen Zwölf und Mittags gedanklich etwas tiefer als die eigene Nasenspitze tauchen zu können, und sich damit sogleich den Orden des gerechten Widerständlers zu verleihen, also mal ehrlich: das ist der wohl kalkulierte, zukünftige Scheisshaussturm für die nicht eigenen Echokammern auf Twitter, Facebook und Instagram. So ein Scheisshaussturm als aufgewärmter Darmwind des eigenen Unverdauten, also, einer, der schlecht im Wasserglas riecht und sogar damit Tote aufwecken müsste, aber als Sturm taugen soll? Also mal ehrlich. Und das alles nur, weil eben jene anderen mit einem schlechten Witz ein angebliches Tabu brechen, um als Helden zu gelten, womit sie im Walhalla der Heldentaten einen Lufthauch von Heldentum aus dem Marvel-Universum an deren Riechkolben vorbeigeweht haben wollen?”
“Hm. Was hast du gesagt? So viele Worte um nichts. Das macht mich pessimistisch, dass die Menschheit so etwas überhaupt verstehen könnte.”
“Davon kannst du ausgehen.”
“Sicher dat.”
“Kölsch?”
“Gerne.”
“Biergartenrevolution?”
“Schon wieder eine in München?”
“Hast recht. Es hatte derer bereits eine in München. Lass stecken. Zuviel davon verdirbt den Mainstream-Charakter.”
“Ja,ja, der Mainstream. Er verdirbt die Menschen. Prost.”
“Jawohl, hast Recht, du Thanos für geistig Arme. Prostata.”
Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (2)
“Sach mal du, bei all der Begeisterung für unser Kölschgespräche hier, die du hemmungslos im Internet veröffentlichst wie beim letzten Mal (hier), ich muss dich mal was fragen: Findest du nicht auch, dass man in deinem Blog nicht mal auch so aktuellere Themen bearbeiten sollte? So etwas wie den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD zum Beispiel.”
“Den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD?”
“Wo ist jetzt genau dein Problem?”
“Na, also, na, im Unterschied zum Humor in Deutschland, also der neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD … wie soll ich das jetzt auch sagen. Du stellst mir aber auch Fragen. Herrgottnochmal, so zwischen Salzgebäck und Bier, also ehrlich …”
“Aber jetzt mal ne persönliche Frage: wovon fühlst du dich mehr bedroht? Vom Olaf Scholz oder dem alten Trinkspruch?”
“Du meinst den, wo man das Kölsch in einem Zug leert, dann rülpst, sich dann mit dem Daumen der rechten Faust auf die Stirn drückt, ‘Scholz’ ruft und dann sein Gegenüber ein Stirnklatscher versetzt?”
“Feuer, Eis und Dosenbier.”
“Schulz!” (hier)
“Falsch. Nicht der Martin, sondern der mit dem O. Der Olaf, der Scholz, der Olaf Scholz. O. O. O. Nicht ‘u’. Du hängst der Geschichte vier Jahre hinter her! ‘O’ statt ‘U’! Der andere Vokal ist nun dran.”
“Echt?”
“Echt.”
“Aber das Kölsch schmeckt immer noch so wie vor vier Jahren.”
“Hm.”
“Zeitmaschine?”
“Eindeutig. DeLorean würde ich sagen.”
“Ich dachte, dass wäre das Auto der anderen. So mit Flux Kompensator und mit Lottoheft in der Hosentasche.”
“Du redest von der FDP?”
“Nein, ich rede von ‘Zurück in die Zukunft’.”
“Okay. Piratenpartei.”
“Eher Republikaner.”
“Echt?”
“Nö.”
“Stößcken.”
“Prost.”
“Wo eine Kölschstange, da ein weg.”
“Wo eine volle Stange, da eine Leere.”
“Wo eine Leere, da ein Wille. Oberspielleiter, mach mal zwei neue!”
Der Wirt schaute kurz auf, räumte die geleerten Stangen weg und stellte zwei frisch schäumende Stangen Kölsch auf deren Deckel.
“Was ist das Bedeutendste für dich in den letzten sechs Monaten?”
“Meine Scheidung. Und deine?”
“Am letzten Freitag, den 13ten, füllte ich einen Lottoschein aus. Am nächsten Tag wurde gezogen und danach hüpfte ich Lotto-King-Karl-gleich durch die Straße.”
“Wie viel?”
“Zwei Träger Augustiner Bier inklusive Pfand im Sonderangebot. 34 Euro.”
“Kein Kölsch?”
“Ich söder halt mal gerne.”
“Ich söder, du söderst, er, sie, es södert, wir södern, ihr södert …”
“Genau, Ihr södert. Södern tun immer die andern.”
“Der hat seinen Nordseeurlaub abgesagt. Zu viel Söderismus im bayrischen Gesundheitssystem. Einfach zu latschert der Söderismus in Bayern.”
“Echt jetzt? Das Öcher Prentejeseech hat Bayern durch die Hintertür intubiert?”
“Hast du gesagt, in den Arsch gekrochen? Niemand benötigt Sauerstoff in den After zum Überleben gepudert.”
“Rektal gepudert? Hab ich gesagt?”
“Nö.”
“In NRW gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Schlachtindustrie.”
“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Genozid an den Tieren. Bestraft halt die Natur.”
“In Bayern gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Gemüseindustrie.”
“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Weil Genozid der Natur am Menschen, äh, also, … ich meine, … Zufall … Besteht da ein Zusammenhang zwischen Veganismus und Karnivorentum? Fleischfresser und Hildmann sind doch die Leuchtfeuer des Anti-Pazifismus, oder“
“Weiß man’s? Ich sag nur eins: södern erklärt alles und macht alles unwichtiger.”
“Dein Kölsch geht zur Neige.”
“Der Krug geht zum Brunnen …”
“… bis er nachbestellt. Herr Oberspielleiter! Zweimal Durststiller aus Köln, bitte!”
“Du, ich habe festgestellt, dass Durst antipropotional zu Heimat ist.”
“Heißt?”
“Je mehr Heimatgefühle, desto weniger Durst.”
“Hä?”
“Genau.”
“Ach so. Durst bindet.”
“Ja. Brauerei-Prinzip. Durst ist schlimmer als Heimweh.”
“Berger-Logik.”
“100 Jens-Punkte für den Nachdenk-Kandidaten. Das ist doch mal einen Schluck aus dem Promilleglas wert, oder?”
“Wolln ma exen?
“Unsere Stangen?”
“Und das Bäuerchen?”
“Jedes geextes Bierchen, sein tönendes Pläsierchen. Et kütt wie et kütt.”
“Na denn. Ex, hopp und weg. … Schulz!”
“Scholz, du Depp!”
“Mein Daumen schmerzt. Ich glaube, ich hab mir gerade beim ‘Schulz’-Rufen den Daumen an der Stirn gebrochen!”
“Echt? Willkommen in Club der linken Knochenbrecher. Warum sollte es dir besser gehen als der SPD beim Kanzlerkandidaten-Ernennen. Solange nur der Daumen bei Hoch-zeigen bricht und nicht beim Hinweisen auf Nachdenkfehler … Also drum! Prostata!”
“Wohl wahr. Deiner Worte sind ein Exen einer Stange würdig. Also, Prost.”
“Auf Söder, Scholz und Schneewittchen, welche durch den Kuss von einer der beiden erlöst werden will.”
“Lass doch mal die Politik hinter Wegs hier.”
“Geht auch ein unpolitischer Zungenkuss?”![]()
“Okay, ausnahmsweise, aber nur ohne viel Speichel und mit Gesichtsmaske. Auf das Kölsche Dreigestirn vor uns. Voll, halbvoll und ganzganz klitzekleinwenig voll. Statusreport einer Diskussion. Prost.”
“Dito!”
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Kneipengespräch: Der schwarze Peter … und wenn er kommt, dann laufen wir …
Seit geschlagenen sieben Minuten wimmerte er in sein Kölsch hinein. Er war mir zwar entfernt, aber ich hörte es trotzdem und – das Schlimmste dabei war – ich musste es ertragen.
»Oje, oje, oje.«
Dann nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch starrte für knappe 40 Sekunden Löcher in die Luft über der Theke, wimmerte erneut und dann wieder:
»Oje, oje, oje.«
Ich bin ja ein geduldiger Mensch, ein wirklich sehr toleranter Bürger, einer mit dem man auch Pferde stehlen kann, wenn sie niemandem gehören und es zudem legal ist. Aber das sprengte nun doch den Rahmen jeglicher Toleranz.
Nachdem er mit seinem Blick erneut ein Loch mit seinem leeren Blick über der Theke gefüllt hatte und es mit seinem »Oje, oje, oje«-Kit zugeschmiert hatte, riss mir mein eherner Geduldsfaden.
»Sag mal, hast du zuhause keine Klagemauer an der du dein ‘Ojeojeoje’ ablassen kannst? Muss das ausgerechnet hier sein? Das ist ja schrecklich.«
Ich erwartete, dass er mich verblüfft anstarren würde. Aber nein, in seiner Arroganz stierte er weiterhin auf seine Kölsch-Stange und ließ lediglich einen tiefen Seufzer ab.
»Was ist nun, Menne? Etwa weiter rumjammern oder mal ein wenig Kneipenkommunikation anstrengen?«
Der Wirt stellte uns beiden jeweils ein neues Kölsch hin und warf mir einen verwunderten Blick zu.
»Was ist, Herr Oberspielleiter? Mir geht dieses typisch deutsche Gejammere auf den Sack. Immer nur jammern, aber nie das Maul mal aufmachen, um Tacheles zu reden.«
Der Wirt warf mir einen warnenden Blick zu: »Stimmt, ich bin der Oberspielleiter. Und du stehst vor der ersten Gelben Karte. Benimm dich.«
»Ach, geh doch Kölsch einlassen und lass uns in Ruhe!« Ich schaute den Theken-Seufzerer an: »Und? Was ist? Was hast du zu seufzen und zu wimmern?«
»Ich bin Rassist.«
»Ist ja gediegen. Woran machst du das fest?«
»Ich habe den Schwarz-Weiß implizierten Assoziationstest der Harvard Uni gemacht und das Ergebnis war, dass ich eine ausgeprägte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen habe.«
»Was für ein Test? Einen implizierten Assoziationstest? Was soll denn der Schwachsinn sein?«
»Ich habe auch den Homosexuell-Heterosexuell implizierten Assoziationstest gemacht. Ich bevorzuge Heteros moderat vor Homos.«
»Wow. Wer hat den Test entwickelt? Jens Spahn mit Herrn Drosten beim gemeinsamen Virusforschungsumtrunk?«
»Nein, eine indisch-amerikanische Soziologin, ein grauhaariger weißer und ein anderer weißer Yale-Soziologiemensch.«
»Typisch, zwei Weiße und eine Quotenfrau, die auch noch farbig ist. Und die sollen Garanten dafür sein, beurteilen zu können, was und wer Rassist ist? Mit einem Test auf Basis von Assoziationen? Das ich nicht lache!«
»Habe ich anfangs auch. Jetzt nicht mehr.«
»So ein Quatsch. Nur weil so eine Indien-Tussi eine Idee hat, und damit zwei Männer bezirzt, ist das nicht Wissenschaft. Das ist so wie das Triumvirat Drosten-Spahn-RKI.«
»Du hast es nicht verstanden.«
»Doch!« Ich klopfte energisch mein Kölsch auf die Theke. »Doch habe ich! Nur weil ein paar Spinner meinen, uns in Angst und Panik zu versetzen, nur um uns die Luft in der Demokratie zum Atmen zu nehmen und die Atmungsorgane als potentiell lebensbedrohlich einzustufen. Dabei ist wohl die Sterbequote des ganzen nur 0,6% gemessen an der Weltbevölkerung! 0,6%! Das musst du dir mal über die Zunge gehen lassen. Und dafür all die Angst und all den Schrecken, den diese Trinität verbreitet. Das ist doch ein Skandal.«
Mein Atem ging schwer. Zu reden ohne Luft zu holen, ist nicht einfach. Aber die Wahrheit musste raus. Und das Kölsch rein. Ich setzte an und machte es mit einem Schluck nieder. »Oberspielleiter, neues Kölsch!«
Der Wirt schaute mich an: »Noch einmal und du hast die Gelbe Karte. Maat ens höösch.«
Meine Augenlider gingen auf Halbmast. Das Wort verbieten lassen, das musste ich mir nicht gefallen lassen. Als mündiger Bürger nicht. Ich nicht.
»Oje, oje, oje.«
»Ach, du schon wieder. Vergiss diesen Harvard-Assoziationstest-Scheiß . Die haben doch keine Ahnung, diese Wissenschaftler. Die schweben doch Kilometer über dem Boden und reden von Bodenhaftung wie die Politiker. Wie hat schon Einstein richtig bemerkt: ‘Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.’ Und jetzt wollen die uns erzählen, die wären in dem Besitz der absoluten Wahrheit, diese Drostens und so? Die wollen uns doch nur ins Bockshorn jagen, in jenem Horn, auf dem die uns das Lied vom Tod vor flöten. Nur verängstigte Bürger sind brave Bürger für die da oben.«
»Oje, oje, oje«, seufzte er schon wieder, »ich bin der Sohn von Weißen, ging in den Kindergarten von Weißen, meine Schullehrer waren Weiße, meine Vorbilder waren Weiße und alle haben mir erklärt, wie schön das Leben von uns weißen Menschen ist und wie dreckig und elend die Nicht-Weißen leben. Und dann soll ich kein Rassist sein? Und dann soll ich den strukturellen Rassismus nicht stützen und davon gefeit sein?«
»Was?«
»Ich bin doch geprägt von einer weißen Kultur von Kindesbeinen an. Und dann soll ich kein Rassist sein? Bislang dachte ich, dass ich es nicht wäre. Dass ich meinen Rassismus unten im Keller eingesperrt hätte, so wie ein wildes Tier. Ganz tief unten. Und somit kein Rassist wäre. Dachte ich. Nur der im Internet aufrufbare Test wies mir das Gegenteil nach.«
»Aber diese von der Industrie bezahlten Günstlingswissenschaftler …«
»Der einzige nicht-weiße Mensch in meiner Jugend war der katholische Priester aus der zentral-afrikanischen Diaspora. Wir hatten bei der Kommunion immer insgeheim kritisch kontrolliert, ob es stimme, dass schwarze Priesterhände nicht auf Hostien abfärben. In unserer Gemeinde waren bereits die Evangelen die Randgruppe mit gesellschaftlich, weil religiös seltsamen Ansichten. Nicht-Weiße waren aber die erklärten Nickneger der Gemeinde.«
»Aber jetzt übertreib mal nicht. Ich habe auch in einem erzkonservativen, münsterländischen Dorf meine Jugend verbracht. Und hat es mir geschadet? Nein. Überhaupt nicht! Ich bin weder Rassist, noch Macho. Trotz all der Männer und Weißen und Schullehrer. Aber ich habe mir eine kritische Distanz zu den angeblichen Göttern der Wissenschaft erarbeitet, die ja alle nur im Dienste …«
»Ich hatte immer meiner Freundin, einer Mulattin, vorgeworfen, sie wäre Rassistin. Aber ich bin ja auch nicht besser.«
»Diese Mischlinge, also jene nicht weiß, nicht schwarz, die sind eh die größten Rassisten. Das hat man damals schon in Südafrika unter Pieter Botha gesehen. Die waren noch größere Rassisten als die Weißen. Da sind wir ja die reinsten Engel, während jene komplett rabenschwarze, grausame Ansichten unter deren brauen Haut haben. Da ist das, was ja andere versuchen als Rassismus zu geißeln, in Wahrheit das reinste Gold.«
»Das interessiert mich aber nicht. Wir hatten in unserer Grundschule einen Peter, der hieß der ‘Schwarze Peter’, weil wir ihm immer die Sündenbockrolle zugeschoben hatten.«
»War er dunkel-pigmentiert?«
»Nein, er hatte damals mal vor vierzig Jahren gesagt, dass auch schwarze Menschen Menschen seien und unsere Vorfahren alle auch mal schwarz waren.«
»Und?«
»Wir haben ihn danach dauernd gehänselt und gemobbt. Denn wir waren der Überzeugung unsere Vorfahren waren Adam und Eva und beide waren Weiße. So wie Gott und Jesus und Maria und der Heilige Geist. Der Peter bekam nach seiner Aussage vor der Klasse nur noch den ‘Schwarzen Peter’ zugeschoben. Sogar der Lehrer fand seine Aussage bedenklich.«
»Ach komm! Erzähl doch nicht so einen Schwachsinn. Das hast du dir doch jetzt gerade aus den Fingern gesogen. Und gleich erklärst du auch noch, dass Drosten und Co.KG alle Recht haben. Ich hab dich durchblickt, verzäll nix!«
Ich nahm mein Kölsch, leerte es in einem Zug, hielt es dem Wirt entgegen: »Passt so?«
Der Jammerlappen schaute mich zum ersten Mal direkt an. Ich erwartete einen provozierenden Blick, einen ironischen oder so etwas in der Art. Aber es war wohl der gleiche leere Blick, mit dem er seine in die Decke gestarrten Löcher gefüllt hatte.
»Ich verzäll nix. Aber der Test hatte recht. Nur erzählt mir jeder das Gegenteil, dass ich dem Test nicht trauen solle. Aber ich traue mir und meiner Erkenntnis. Ich habe erkennt, dass ich Rassist bin.«
»Und macht es dich zu einem besseren Menschen, weil du es erkannst hast? Besser als mich? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Das ist reine Hybris. Narzissmus der besonderen Art!«
»Das ist es ja eben. Es geht nicht ums reine Bewerten, sondern ums Ändern und Verbessern. Bewerten kann jeder, aber es geht ums strukturelle und was jeder daraus macht.«
Ich musterte ihn von oben bis unten. Eine Gestalt entsprechend seinen Äußerungen. Unaufgeklärt und unmündig. Ein Fähnchen im Wind, aber eben darauf gerade heraus als Qualitätsmerkmal pochend: »Klar. Verstehe ich komplett. Dir geht’s lediglich ums Vergleichen mit anderen. Du bist neidisch auf jene, die von sich sagen, sie wären weder rassistisch, machistisch oder sexistisch. Deutsche Neidkultur. Typisch mal wieder. Die typische deutsche Neidkultur. Niemand gönnt niemanden etwas. Es nervt langsam, das zu hören. Echt jetzt!«
»Typisch deutsch ist ‘typisch deutsch’ zu sagen«, warf er mir eine lakonische Bemerkung wie ein Knochen hin.
»Ach ja?«
Er zog aus seiner Tasche eine schwarze Maske, zog sich diese über Mund und Nase und warf mir einen Blick zu, der mich wohl provozieren sollte.
»Weißte was, du Pimpf?« herrschte ich ihn ungehalten an, »du kannst mich nicht provozieren mit deiner Maske. Du willst mir sagen, dass ich ansteckend bin, nicht wahr, Covid positiv. Ein Virus der Gesellschaft. Aber das ist Quatsch. In meiner Umgebung sind alle clean. Und ich auch. Und alle um mich herum auch. Da wetten ich jeden PCR-Test drauf. Da kannste tausend Masken tragen. Du kannst mir keine Angst einjagen. Weder du die RKIS, die Drostens und Spahns. Die da oben wollen das doch und dich en top als nützlichen Idioten haben. So wie es von oben geplant ist. Um uns zu verblöden. Gegen so etwas bin ich immun. Komplett. Ich kann selber denken, du regierungsopportunes Arschloch!«
Etwas Gelbes drängte sich in mein Gesichtsfeld. Ich schaute irritiert zur Seite. Der Wirt hielt mir einen gelben Karton vors Gesicht.
»Was?«, fragte ich irritiert.
»Du bist jetzt still. Oder du gehst nach Hause. Meine Gäste beleidigen geht gar nicht!«
»Ach ja? Aber der hat doch angefangen!«
Der Wirt blickte mich ernsthaft warnend an. Das musste ich mir nicht antun. Ich warf einen Zwanziger auf die Theke und verließ das Lokal.
Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (51): Haarige Zeiten
She asks me why I’m just a hairy guy
I’m hairy noon and night Hair that’s a fright
I’m hairy high and low
Don’t ask me why. Don’t know
It’s not for lack of bread. Like the Grateful Dead (*)
Was ist der Unterschied zwischen einem Besuch beim Friseur und in einem Haus für religiösen Menschen? Beim Friseur werden deine persönlichen Daten für drei Wochen gespeichert, beim Gotteshausbesuch nimmt der jeweils zuständige Gott deine Daten auf. Während dich also im Infektionsfall im ersteren Fall der Staat für vierzehn Tage in Quarantäne verhaften wird, wird dich der jeweilige Gott für die Ewigkeit grillen.
Wo geht man also im Zweifelsfalle hin? Freilich zum Friseur. Denn wer will schon ohne passende Frisur eine Ewigkeit im Fegefeuer verbringen? Ach ja, stimmt. Die Katholiken. Ohne Fegefeuer fehlt denen was. Für die restlichen der Religiösen ist es ja die Hölle und ewige Verdammnis, worauf die schwören.
Flow it, show it
Long as God can grow it
My hair, hair, hair, hair, hair, hair, hair … (*)
„Waschen, schneiden, legen?“
„Ach ja, bitte.“
„Und ein wenig Remdesivir als Apres-Lotion nach dem Schnitt ins Haar? Alternativ gäbe es da auch noch ein wenig Des-in-Fekti-Waxing, wenn sie wünschen?“
My hair like Jesus wore it
Hallelujah I adore it
Hallelujah Mary loved her son
Why don’t my hair stylist love me? (*)
In München fuhr gestern mal der Innenminister Bayerns mit der U-Bahn ins Rathaus. Ganz unfrisiert. Das macht der sonst nie, also die U-Bahn zu nutzen, natürlich. Er wollte wohl mal seine eigene Maske allen in der U-Bahn präsentieren. Erkannt hat den Joachim Hermann dabei niemand.
Und schon sieht man darin auch gleich den Vorteil einer Mund- und Nasenabdeckung: Man muss das ganze Gesicht eines ungeliebten Menschen nicht vollends ertragen. Die Maske dient einerseits der Anonymisierung. Andererseits wird einer Person, deren Gesicht durch eine Maske halbwegs verdeckt ist, seines lebendigen Ausdrucks beraubt ist und erscheint wie tot. Wünscht man sich mit so einer Person näheren sexuellen Kontakt, könnte das auch als eine Form der Nekrophilie angesehen werden.
Womit damit auch erklärbar werden könnte, warum ein Innenminister Bayerns in München U-Bahn fährt, statt sich allein in seiner Dienstlimousine zum Rathaus fahren zu lassen. Und das, obwohl er ja im Gegensatz zur Normal-Michel-Gesellschaft eine gewisse Immunität besitzt. Also die diplomatische, nicht virologische.
Übrigens. Vor einem Jahr hatte sich schon mal ein bayrischer Spitzenpolitiker in den Münchener öffentlichen Nahverkehr getraut. Markus Söder. Damals bereits todesmutig ganz ohne Maske. Aber so wie heuer Joachim Hermann erkennen musste, so musste vor einem Jahr auch Söder erkennen, man erkannte ihn nicht.
Und wenn man sich die Fotos von Söder von vor einem Jahr anschaut und von heute, dann erkennt man: da war kein Friseur vorher tätig. Der Deutsche erkennt nur wohl frisierte Menschen wieder.
Tja, Pech, Herr Hermann. Also, demnächst öffentlich U-Bahn-Fahren nur nach einem Friseurtermin, woll.
A home for fleas. A hive for bees.
A nest for birds. There ain’t no words.
For the beauty, the splendor, the wonder
Of my … (*)
Anmerkung: Die mit (*) gekennzeichnete englische Verse stammen aus dem Lied „Hair“ vom gleichnamigen Musical
Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (31): Kneipengespräch

“Ich wüsste schon gerne, warum der Lewandowski damals zum Bayern München gegangen ist.”
“Des Geldes wegen. Weswegen sonst?”
“Der schönen Aussicht auf die Alpen bei Fön-Wetterlage vielleicht.”
“Oder er kam wegen der heilenden Quellen an der Staatskanzlei.”
“Heilende Quellen an der Staatskanzlei?”, ich schaute den Wirt zweifelnd an. “Heilende Quellen? Was für heilende Quellen? Wir sind hier in München”, hakte ich nochmals nach, mit einer Spur Tadel und Ungläubigkeit in der Stimme.
“Nicht? Keine heilenden Quellen? Dann hat man mich falsch informiert”, antwortete er lakonisch und zapfte mir ein neues Kölsch.
Die Eingangstür knarzte. Unsere Köpfe wandten sich der Eingangstür zu und erblickten zwei Polizisten, die eintraten. Der Wirt zuckte zusammen und auch ich versuchte mich kleiner zu machen.
“Was ist das hier?”, blaffte der erste.
“Corona-Party?” gab ich vorsichtig als Antwort zurück.
“Falsch!”, kam es postwendend vom zweiten zurück.
“Nu macht doch mal keinen Stress, Jungs. Zwei Kölsch? Aufs Haus oder wieder per Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer an den Herrn Ministerpräsidenten?”
“Richtig. Zwei Kölsch aufs Haus für mich und zwei mit Rechnung für meinen Kollegen, bitte.”
“Nicht zu fassen: von allen Spelunken dieser Welt müsst ihr ausgerechnet in meine kommen. Wie isses denn da draußen?” fragte der Wirt die beiden.
“Der reinste Stress”, seufzte der erste, “immer dieser Zwang zum Abstand, dann die permanente Nachfragerei, wer wie welchen Grund triftig hat. Und dann immer die Jogger, die nie anhalten wollen. Da kommt man schon ins Schwitzen, wenn wir bei diesen immer dann nebenher rennen müssen.”
Nickend bestätigte der andere die Aussage seines Kollegen und griff nach dem Kölsch vor sich. Er schaute mich an und kniff dabei ein Auge zu, als er mir warnend zuflüsterte:
“Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente, überall lauern sie einem auf.”
Ich zuckte gleichgültig mit der Schulter: “Politik interessiert mich nicht. Die Probleme dieser Welt gehören nicht zu meinem Ressort. Ich bin lediglich Gast einer illegal geöffneten Kölsch-Kneipe”, und blickte konzentriert auf mein Kölsch.
“Welche Nationalität haben Sie?”, schnarrte er mich an.
“Ich bin Trinker”, gab ich zurück.
“Aha, ein Weltenbürger also.”
“Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest meines Lebens”, erwiderte ich leise.
Der erste seufzte und schaute den Wirt an: “So, jetzt kommen wir zum Bedauerlichen, was uns jetzt wieder bevor steht: wir müssen weiter. Die Corona-Regelverletzer aufspüren und mit Strafzettel versehen.” Er griff nach seiner Stange, trank sie leer und blickte den Wirt an.
“Hier, die Rechnung.” Der Wirt reichte ihm einen Bewirtungsbeleg
“Oh, bitte Herr Oberspielleiter. Das ist ein kleines Spiel, das wir hier spielen. Sie setzen alles auf meine Rechnung, ich zerreiße die Rechnung. Das ist sehr befriedigend”, zerriss den Beleg, lachte und verließ mit seinem Kollegen die Kneipe.
Ich schaute den Wirt ungläubig an. “Hab ich das jetzt nur geträumt? Sind die beiden jetzt wirklich gegangen, ohne einen Strafzettel wegen Verstoß gegen aktuelle Bestimmungen?”
Der Wirt zuckte mit der Schulter: “Tja, seit dem Freitag, den Dreizehnten im letzten Monat, seitdem alles mit Corona losging, seitdem kommen die beiden recht verzweifelt hier in meiner Kneipe rein, trinken vier Kölsch und zerreißen die Rechnung. Das reinste Minusgeschäft für mich. Ein echtes Problem. Unglaublich, nicht wahr.” Er hielt ein gerade frisch gespültes Kölschglas unterm Zapfhahn. “Hier in München hat jeder seine Probleme. Deine sind vielleicht zu lösen. Noch ‘n Kölsch?”
“Gerne. Nur, was wird jetzt aus uns?”
“Uns bleibt immer noch München aus den Vor-Corona-Zeiten.”
Meine Uhr vibrierte. Sie ging also doch noch. Ich strich paarmal übers Glas, um die Vibration zu beenden. 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Der Fernseher war noch eingeschaltet und zeigte mir das Titelbild von “Casablanca”. Ich muss wohl beim Film eingeschlafen sein.
Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’
“Warum heulst du?”
“Ich?”
“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”
“Ach?”
“Ja.”
Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.
“Und?”
“Und was?”
“Warum heulst du?”
“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”
“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”
“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”
“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”
“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”
“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”
“Was?”
“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”
“Wie?”
“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”
“Scheiß-Situation?”
“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”
“Was?!?“
“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”
“Was willst du mir erzählen?”
“Willst du noch ein Kölsch?”
“Was meintest du?”
“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”
“Ja und?”
“Dann hast du auch keine Oma, oder?”
“Und deswegen bin ich schwul?”
“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”
“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”
“Du hast doch Twitter, oder?”
“Ja.”
“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”
“Hab ich.”
“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”
“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”
“Ach.”
“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”
“Omma mit Doppel-M?”
“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”
“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”
“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”
Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:
“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”
Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:
“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:
“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”
Ich legte den Zehner auf den Tresen.
“Wohin?”
“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”
“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”
“Du mich auch. Leck mich.”
Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.
