
In einem Universum vor unserer Zeit.
Es war eine dieser Nächte, in denen selbst der Mond wie ein müder Glatzkopf aussah.
Eine Frau schlich aus der Haustür, ein grauer Mantel hing an ihr wie eine Ausrede. Unter dem Stoff zeichnete sich ein Farbeimer ab, zu auffällig für Heimlichkeit, gerade unauffällig genug für Selbstbetrug.
Die Straße war leer, nur das Flimmern einer flackernden Straßenlampe begleitete sie. Ihr Ziel: eine Wand, so hässlich wie die Lüge, die auf ihr klebte, ein überdimensionales Plakat.
Sie blieb stehen, zog die Schultern hoch. Der Mantel fiel zu Boden, als hätte er die Hoffnung aufgegeben. Mit einem Ruck riss sie den Deckel vom Eimer und warf einen Schwall Farbe über orangen Schriftzug auf der Werbetafel. Das Firmensymbol der Reklame verschwand unter einem klebrigen, tropfenden Albtraum aus Rot.
Motorengeräusch. Eine schwarze Luxuskarosse glitt heran wie ein Raubtier auf leisen Pfoten. Bremsen quietschten. Zwei Männer stiegen aus.
Der erste, ein Typ im Maßanzug, so glatt, dass sein Schatten wohl auch gebügelt war. Ruhiger Blick, die Art Mann, der mit einem Kopfnicken ganze Deals abwickelt.
Der zweite, sein Assistent. Stumm. Ein geöffneter Aktenkoffer auf den Händen, wie ein Schmuckkästchen. Darin: ein einzelnes, makellos präsentiertes Tablet.
Der Anzugmann trat näher, betrachtete das triefende Plakat und dann die Frau.
„Lady… wofür ist das hier gut?“ Seine Stimme war weich, aber hatte Rasierklingen im Unterton.
„Die Schweine haben ein Gratis-Tablet versprochen. Ich hab’ aber keins bekommen.“
Sie spuckte das Wort „Betrug“ aus, als wäre es etwas, das man nicht schlucken konnte.
Er nickte kaum merklich. „Komisch. Heute schon die sechste Frau, die mir das erzählt. Die letzte traf ich vorhin bitterlich heulend auf der Straße kniend.“
Er griff in den Koffer, nahm das Tablet heraus. „Vielleicht lesen die Leute einfach nicht gern das Kleingedruckte in unseren Social-Media-Werbeanzeigen.“
Er reichte es ihr. Kein Lächeln. Nur eine präzise Bewegung, wie ein Arzt, der eine Spritze setzt.
„Hier. Damit Sie heute Nacht besser schlafen.“
Ihr Zorn verpuffte wie Zigarettenrauch im Wind. Ein strahlendes Lächeln ersetzte das Knistern in der Luft. Die drei posierten kurz für die imaginären Zuschauer: Daumen hoch, Geschäft abgeschlossen. Das Leben kann doch so einfach einfach schön sein.
Die beiden Männer drehten sich um, stiegen ein, und der Wagen verschwand in der Dunkelheit.
Zurück blieben eine nasse Wand, der Geruch von Farbe; und das Gefühl, dass irgendwer hier gerade ein Geschäft gemacht hatte, und keiner war sich jetzt sicher, wer.
So oder so ähnlich sind die überall gegenwärtigen Social-Media-Werbeanzeigen einer chinesischen Firma mit Online-Marktplatz. Die wohl ursprünglich für den amerikanischen Markt gedachten Tablets fluten mutmaßlich als Gratis-Abgabe den europäischen Markt. Dank hoher amerikanischer Einfuhrzölle. Zehntausende neue Kunden, ein Aktienplus der Mutter-Holding von 20 % in den letzten zwei Monaten und doch noch losgewordene Tablets. Ein grandioser win-win-win-Traum jeder Firma dank erfolgreichen Social-Media-Werbeanzeigen.
Anderen Influencern dürfte das nicht entgangen sein. Wahrscheinlich sind bereits weiteres Social-Media-Werbeclips in Planung:
– Markus Söder und Alexander Dobrindt cruisen durch Bayern, überreichen verzweifelten Frauen am Existenzminimum ein Merkblatt mit QR-Code fürs eigene Tablet zur Erhöhung der Mütterrente, finanziert vom Bürgergeld. Lächeln. Händedruck. Fertig.
– Friedrich Merz und Jens Spahn landen im Doppelpack mit ihren Cessnas auf dem Zürcher Flughafen, treffen eine heulende Alice Weidel und schenken ihr zehn Meter zertrümmerter Brandschutzmauer. Sie lächelt betörend, Chrupalla und Höcke laden auf ihren Tablets schon fürs „Bauprojekt anti-migrantischer Schutzwall Deutschlands“ ein. Die ersten zehn Meter sind bereits in Planung.
– Ein Blogger begegnet auf dem einsamen Gehweg seinem eigenen Ich bei der Suche nach dem eigenen Niveau in seiner eigenen Schreibe. Der Blogger empfiehlt seinem eigenen Ich nach kurzem Nachdenken, sich ein Tablet zuzulegen. Gegebenenfalls auch bei jener chinesischen Online-Markt-Firma durch Anklicken derer Social-Media-Werbung. Zum Glücklich werden durch Geschichten-erfinden. Zum Blog-Besucherzahlen hochjazzen. Zum Kommentar-farmen.
Am Ende bleibt von solchen Kampagnen immer dasselbe zurück: eine nasse Wand, der Geruch von Farbe. Und das Gefühl, dass irgendwo jemand gerade ein Geschäft gemacht hat. Und manchmal ist der Einzige, der das merkt, ein Aktienkurs.
Oder vielleicht doch eher eine andere Quintessenz?
Jemand hatte nun ein Tablet, jemand weiteres seine Werbung und als einzige Person in der Geschichte ist lediglich eine Wand der Gewinner.
Sie hat endlich Charakter.