Kneipengespräch: Krisengesellschaft

– Du warst schon lange nicht mehr hier.

Er schaute mich lange von der Seite an, während ich ein paar Lockerungsübungen durchführte, bevor ich mir mein Kölsch ergriff.

– Stimmt.
– Geburtstag? Hochzeit? Namensänderung? Und das alles nacheinander?
– Stimmt.
– Nu red keinen Driss. Wo warste?
– Nirgendwo. Ich hab nur versucht die Fastenzeit durchzuhalten.
– Mal wieder den Gürtel enger schnallen bis Ostern?
– Genau.
– Das ist doch Quatsch. Wozu Fastenzeit? Wir haben doch schon die Krise.
– Genau. Hat meine Friseurin auch gesagt. Die Krise als Katharsis der eigenen Gier, meinte sie.
– Der was bitte?
– Katharsis. Kennste das nicht? Das eigene Erleben von Furcht, Jammerei und Schaudervollem führt zur Läuterung der eigenen Seele gegenüber schlechter Leidenschaften. Hier ist die schlechte Leidenschaft die Gier.
– Komisch, ich dachte wir stecken in einer Absatzkrise und in keiner Gierkrise.
– Naja, das Fehlen von Absatz könnte man auch als das Fehlen von Gier verstehen. Ohne Gier, keinen Absatz.
– Also könnte man das jetzt fehlende Gier von einem anderen Blickwinkel aus auch als real existierende Fastenzeit bezeichnen.
– Das wäre jetzt aber beschönigend ausgedrückt. Eine christliche, zeitlich begrenzte Lebenseinstellung als Erklärung dafür, dass niemand mehr unsere Produkte kaufen will.
– Geiz ist eben geil.
– Und wir hassen teuer.
– Aber immerhin 20% auf alles.
– Außer Tiernahrung.
– Genau. Denn unterm Strich zähl ich!
– Falsch. Bei der Bruchrechnung steht der Zähler überm Strich und unterm steht nur der Nenner. Und erst bei der Bruchrechnung kann man wunderbar abziehen, wenn alles unterm Strich auf einen Nenner gebracht wurde.
– Die Gleichschaltung der Bedürfnisse in der Krise?
– Freilich. Fragen Sie die Kurzarbeiter. Die können doch schon einen Satz alle im Schlaf aufsagen: Besser ein Kurzarbeiter-Los als arbeitslos.
– Hauptsache einigermaßen beim Krisenmonopoly ungeschoren an Parkstraße und Schloßallee vorbei über Los kommen, dann könnte es wieder Bonuszahlungen geben.
– Dabei ist weniger manchmal mehr. Die neue Maxime des Wertewandels. Die Wiedergewinnung der Unmittelbarkeit.
– Wow. Schön gesagt. Geht es auch genauer?
– Tja, die Infragestellung zivilisatorischer Artifizialismen bringt die Menschen den elementaren Fragen urplötzlich näher.
– Artifiziali … was bitte?
– Artifizialismus.
– Was bitteschön ist das denn schon wieder?

Ich schnaufte kurz durch.
Mein Kölschglas hatte schon erheblich zu viel Luft drinne. Ich winkte dem Wirt. Der kam auch gleich, stellte mir eine Stange hin ging zu meinem Nachbarn lehnte sich verschwörerisch rüber und meinte maliziös lächelnd

– Hör mal, Jupp, glaub dem nichts. Das Obergärige gärt bei dem gerade richtig obergärig. Und das ganz knapp unter der Haarwurzel.

und ging wieder zurück zu seiner eigenen Stange Kölsch.

– Artifizialismus ist der Glaube der Kinder vom zweiten bis siebten Lebensjahr, die Welt um sie herum sei ausschließlich von Menschen oder auch Gott gemacht.
– Und dieses Weltbild-Patchwork wird jetzt also durch die Krise in Frage gestellt? Wolltest du das vorhin sagen?
– So in etwa. Von der Selbst-Kontrolle der 50er und 60er über die Selbst-Verwirklichung der 70er und 80er war die Gesellschaft beim Selbst-Management der 90er und des neuen Jahrtausends angekommen.
– Und jetzt macht die Krise diese selbstkonstruierte Wirklichkeit kaputt.
– Im Fernsehen ließ sich das gut verfolgen: 50er und 60er Jahre da war es die Serie „Stahlnetz“. Die 70er und 80er prägte „Schimanski“. Mit dem rebellisch-anarchischen „Schimmi“ und seine Gegenfigur, dem amtlich korrekten „Thanner“. Und damm kam das „Starke Team“ oder auch die Tatorte mit zwei Ermittlern mit deren eigenen Regelkonstruktionen.
– Aha. „Der goldene Schuß“ als Selbst-Kontrolle, „Wetten dass“ als Selbst-Verwirklichung und „Werden Sie Millionär“ als Selbst-Management.
– Ja. „Werden Sie Millionär“ sehen einige auch als Beispiel, dass positive Verstärkung der individuellen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Wünschen in dieser Gesellschaft hoch im Kurs steht.
– Heute wissen wir, „Werden Sie Millionär“ und die hohen Lotto-Jackpots waren nur eine tiefenpsychologische Vorbereitung darauf, dass in jedem von uns auch ein Zocker steckt.
– Das Selbst-Management funktioniert nun nicht mehr. Es geht ans Eingemachte. „Back to basic“ galt zuvor als modern. Jetzt wirft es mehr Fragen auf, als es einem lieb ist.
– Und ich wette mit dir, die Antworten dazu werden mehr und mehr auch im Jenseits der christlich-abendländischen Tradition gesucht.
– Es sei die größte Krise seit dem zweiten Weltkrieg, wird ja immer wieder gesagt.
– Das ist ja beruhigend. Dann brauchen wir ja nicht aktiv werden und zur Antwortsuche Sturmtruppen ins Jenseits schicken. So wie im zweiten Weltkrieg.
– Genau. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan sollte erstmal völlig ausreichen, um die ersten Vortrupps zur Erkundigung der Antworten auszusenden. Den Rest findet dann die BILD-Zeitung per Interview raus …

Zeit für eine Redepause. Auf einen Schluck.
Neben mir hatte sich so ein junger vierschrötig Kerl mit Weißbier aufgebaut gehabt. Er gaffte mich an, als ob ich der erste Mensch wäre. Als er meinen Blick bemerkte, drehte er sich ab und seinen Kollegen wieder zu. „Die Preußen philosophieren heute wieder nen Mist zusammen“ verstand ich nur und hörte deren bayrisches Lachen.

– BILD-Zeitung? Da war ja jene DSDS’lerin nackt drin abgebildet.
– DSDS schau ich mir nicht an.
– Nicht? Hast du dir etwa den Biathlon im Ersten angeschaut?
– Nicht mal das. Ich verlass mich auf die Praktiken der Industrie.
– Welche?
– Sie fordern ihr Mitarbeiter auf zu verzichten, damit ihnen wieder besser geht. Ich verzichte aufs Anschauen solcher Sachen.
– Na, dann brauchste dir keine Gedanken machen, um HDTV und Co machen …

Ab, du Wrack!

Was haben Mehdorn (Vornahme: Bahnchef), Glos (auch mit Vornamen, aber unwichtig, da fast auch nur ein deutscher Michel), Maria-Elisabeth Schaeffler (mit Doppelvornamen), der Dürener Immobilienhändler Anno August Jagdfeld (ebenso Doppelname), Josef Ackermann (zweiter Vorname Meinrad), Klaus Zumwinkel und Kurt Beck (beide ohne zweiten Vornamen) gemeinsam? Sie sind alle über 60 und stehen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Das ist jetzt eigentlich schön. Damit zeigt die deutsche Gesellschaft doch, dass sie was gelernt hat. Nachdem damals die deutsche Sprachgesellschaft eine öffentlichen Rüge wegen des Wortes „Altenplage“ (1995) aussprach. Und nachdem das Unworts des Jahres 1996 „Rentnerschwemme“ wurde.
Die Alten sind jetzt wieder wer.

Muss das jetzt sein?
Ich meine, da haben wir den Alten damals mal gezeigt, was wir von „Wohlstandsmüll“ (Helmut O. Maucher, 81 Jahre) halten. Und vor einer „Rentnerdemokratie“ hatte uns schon im letzten Jahr der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog gewarnt. Und da kennt sich der 74-jährige Roman als notleidender Bezieher satter Altersbezüge total sehr genau aus. Sprach doch bereits Karsten Vilmar von den positiven Effekten eines sozialverträgliches Frühablebens.

Warum kann man Leute über 60 nicht eine „Abwrackprämie“ einführen?
Die „Abwrackprämie“ ist doch die Errungenschaft der „Wegwerfgesellschaft“.
Mehrweg? Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.

Alte Menschen? Sind potentielle Langzeitarbeitslose. Belasten die monatliche Statistik. Bruche mer nit, fott domet. Einer Vergreisung der Gesellschaft wäre entgegengewirkt und die oben bereits erwähnten Namen könnten keine Probleme mehr machen.

Man stelle sich die Schlangen vor den Krematorien vor, wenn da die Enkel und Enkelinnen in der Mitte ihre „Abwrackprämie“ untergehakt heranschleppen würden. Da kommen gleich Gefühle wie im Mittelalter auf. So wie bei den „Ritter der Kokosnuss“ und der Szene „Bringt eure Toten raus„.
Gut. Die SPD hätte dann plötzlich keinen Müntefering mehr. Kurt Beck wurde gerade auch 60. Aber bei Georg W. Bush hätten sicherlich Milliarden gleich Applaus geklatscht.
Die Aufregung um Ackermann und Zumwinkel? Gäb es nicht. Blutdruck wäre automatisch gesenkt.
Ohne Anno August Jagdfeld würden die Hotelangestellten vom bekannten weißen Hotel am Heiligendamm (da wo die Merkel mit Bush und Sarkozy heftig flirtete) ruhiger schlafen.
Ohne Mehdorn und Schäffler? Keine Aufregung mehr in den morgentlichen Schlagzeilen. Die reinste Entlastung für den Blutdruck.
Eine „Abwrackprämie“ für die Ü60-Generation? Eine spannende Generation, diese Generation von Kurt Beck bis Jopie Heesters.
Bringt eure Alten raus!„.

Letztens in meiner Kneipe, da kam ein alter Bekannter von mir rein. Ein Vertreter der Ü60-Generation.
Er bestellte gleich ein Doppelkorn und sah mich müde an.

„Gott, sei Dank, noch zweieinhalb Jahre bis zur Rente.“

Er kippte sich den Doppelkorn gleich hinter die Binde und bestellte den nächsten.

„26 Jahre habe ich für meine Firma die Kohlen aus dem Feuer geholt. 26 Jahre lang. Hab mich abgerackert wie ein Idiot. Aber jetzt scheint meine Erfahrung als 63-Jähriger nicht mehr zu zählen.“

Er kippte den nächsten Doppelkorn und bestellte ein Kölsch.

„Heute kam der Personalchef auf mich zu, dieser junge vierzigjährige Spund. Er bot mir für jedes Jahr Betriebszugehörigkeit 1000 Euro Abfindung, wenn ich die Firma jetzt verlassen würde.“

Er nahm einen schnellen Schluck und schaute mich säuerlich an.

„Weißt du, der kann sich seine Abwrackprämie in den Arsch schieben! Ich bin doch kein Auto! Die zweieinhalb Jahre krieg ich auch noch rum.“

Ich gab meinem Wirt mein Glas zum Spülen. Ohne Abwrackprämie. Weil Mehrweg.
Mittlerweile kann ich das Wort „Abwrackprämie“ doch nun nicht mehr ausstehen. Vielleicht erfindet da wer noch eine „Abwrackprämie“ für das abwracken dieses gehirnverkleisternden Wortes.
Ich würde mich einreihen in die Schlange der Abwracker.

Bringt eure Abwrackprämien raus!„.

Still, still, still …

Geschafft?

Ich sitze in meiner Kneipe und schau um mich herum. Es ist ruhig. Raucherschwaden ziehen an mir vorbei. Raucherclubzeit.

Hier und dort steht ein Mädel im allerneusten Zobel. Scheint wohl ein Weihnachtspräsent zu sein.

Stammt der Zobel eigentlich vom Hund ab? Muss deswegen ein Zobel als Kleidungsstück immer Gassi geführt werden? Und wenn in Kneipen, kann ich dann auf Tierquälerei pochen?

Ich schau mir die schwarzhaarige Frau in ihrem niegelnagelneuen Zobel an. Ihr Lachen ist eine Granate und beflügelt die Phantasie.

In Gedanken sehe ich das Stück Zobelfell an ihr herabgleiten und ihre elfenbeinfarbene Haut freilegen …

– Und? Weihnachten überlebt?

Klar, wer das war.

– Es gab rheinischen Riesling statt Kölsch.

– Trocken?

– Staubig trocken. Trockener als die Wüste Sahara.

Er seufzte.

– Jaja, so sind wir Deutschen. Bei uns muss alles trocken sein. Lieblicher oder halbtrockener Riesling, das ist nur etwas für Weicheier.

– Jener Riesling war nur eine Flaschenlänge vom Essig entfernt.

– Das nennt man „erfrischende Säure“ und leicht erfrischendes Zitronenbouquet.

– Quatsch! Das ist staubiger Essig. Und seltsamerweise hat jeder den Riesling als Einmaligkeit gelobt. Als ich dann vom halbtrockenen oder lieblichen Riesling mit dementsprechenden charakteristischen Aprikosenaroma erzählte, wäre ich fast gesteinigt worden.

Wir schauten in unsere Kölschstange. Neben uns hatte einer ein Hefeweiße mit einer Scheibe Zitrone empfangen. Muss wohl schön machen. In Karlsruhe serviert man Hefeweizen sogar mit Bananensaft. Wenn es schön macht, intelligent macht es auf alle Fälle nicht. Denn sonst wäre sowas schon ausgestorben …

Jede Jeck ist halt anders.

Er schien meine Gedanken erraten zu haben:

– Jeck, loss Jeck elans!

Ich nickte. Der Wirt tauschte wie immer kommentarlos meine leere Stange gegen eine volle Stange aus.

– Du warst schon lange nicht mehr hier.

Wenn mein Kneipenkollege etwas raus hatte, dann war es sein unwiederstehlihcer Unschuldsdackelblick.

– Naja, das Leben ist halt kein Stammtischlokal.

– Sondern?

– Maximal Fluchtpunkt Stammkneipe.

– Mit welcher Stammtischhoheit?

– Alles für den Dackel, alles für den Club!

– … unser Leben für den Hund. Wenn das nur der Herr Makielski wüsste.

Ich lachte. Ja, Hausmeister Krause und sein Herr Makielski, die würden mir hier noch fehlen.

Verdammt, das ist schon einige Zeit her, als ich dem Tom Gerhard in der Kneipe in der Kölner Kyffhäuserstraße am begegnet war. Und dann etwas später auf der Straße am Friesenplatz. Offensiv hatte ich ihn begrüßt. Direkt die Hand hingehalten und „Hallo“ gesagt. Ich erkannte ihn, er kannte mich nicht. Logischerweise. Ich hatte von ihm kein Autogramm verlangt, nur seine Hand geschüttelt (inzwischen vor zeugen schon mehrfach mit Wasser und Seife behandelt worden!). Und wahrscheinlich dachte er nur „Scheisse, bin ich bekannt“. Und ich dachte in jenem Moment nur „Scheisse, ist der bekannt“.

So ist halt die Gewaltenteilung zwischen Promi und Fußvolk: Ich erinnere mich an ihm, aber er sich sicherlich nicht an mich. Der Glorienschein Tom Gerhards scheint bei diesem Bericht auf mich herab und nicht umgekehrt. Wenn das der Herr Makielski wüsste.

– Gehste noch weiter?

– Nö, mir langt das Kölsch hier.

– Ich muss leider wieder zurück.

– Müssen?

Er lachte.

– Ich sagte ihr, ich sei mal kurz zum Zigarettenholen.

– Oha. Ehekrach?

– So in etwa.

– Hattet ihr zuviel Zeit zwischen dem Reden euren gesammelten Vorbehalten negativen Ausdruck zu verleihen?

Er schaute mich verwundert an.

– Ist da was in deinem Kölsch, oder was? Machst du mit mir ne Dissertation zwischen zwei Bestellungen?

Er winkte den Wirt ran und legte zwei Zehner auf die Tresen.

– Mach dem Spinner hier noch nen Kölsch und halt mich dann ab.

Ich schaute in mein Glas. Kohlensäureperlen stiegen auf und zerplatzen an der Oberfläche. Und je genauer ich hinschaute, um so mehr erschienen mir die Blasen wie Sterne. Wie Sterne, die vielen schnuppe sind. Deren Bahnen waren zickzack, nie geradlinig. Hatte darüber schon wer eine Dissertation geschrieben? Über die stochastische Verteilung der Aufstiegsbahnen von Kohlesäurebläschen?

Ich zerstörte weitere eigene Analysen durch einen beherzten Schluck aus meinem Kölschglas.

Ich suchte die schwarzhaarige Frau im Zobel. Aber ich fand sie nicht mehr. Die Kneipe erschien mir inzwischen verdammt leer.

– Trinkst du aus? Ich mach jetzt zu.

Ich war der letzte Gast. Trinken, zahlen und aus der Kneipe wanken, das sind Sachen , die ich aus dem eff-eff beherrsche.

Die Straße ist still. Eine Stille, wie bei einer Beerdigung. Kaum Menschen zu sehen. Im Grunde gehört mir die gesamte Straßenbreite. Ich versuche die Mitte vom Bürgersteig einzuhalten. Aber die Welt unter meinen Füssen scheint zu schwanken. Sie scheint dem Kölschen Takt zu folgen.

Die Häuserfronten gähnen mich schweigend an.

Es ist Weihnachten.

Mein Schlüssel fndet mühseelig das Schloss. Ich wanke zu meinem Bett und sinke hinein.

Weihnachten?

Na und?

Kneipengespräch: Sekt oder Selters

– Glaubst du, wir stehen am Abgrund?
– Geh doch mal nen Schritt weiter.

Nicht immer ist es sinnvoll, hemmungslos Kölsch zu trinken. Besonders dann nicht, wenn der eigene Blick gespannt auf dem Kneipenfernsehschirm über den Köpfen der Gäste schaut.
Die Ziehung der Lotto-Zahlen als Strohhalm der eigenen Hoffnung.

– Wenn ich jetzt gewinne, dann kann mich die Börse. Wenn …
– … das Wörtchen „wenn“ nicht wär, wär ich längst schon Millionär.

Aus seine Blicke schießen Pfeile und fliegen mir um die Ohren. Ich sag nichts und nippe an mein Wasser. Nicht nur ich trinke Wasser. Der Wirt meinte spöttisch zu uns beide „Synchronwassertrinker“ und schob uns seinen „Überkinger“ rüber.
Mit dem ersten Schluck hatte ich meine Entscheidung für Wasser bereut. Das Wasser schmeckte eindeutig salzig. Die Wasser-Produzent-Firma nennt ihr Wässerchen „Überkinger Sport“. Mehr Mineralien, mehr Energie, mehr Ausdauer.
Klar.
Erdinger nennt sein alkoholfreies Weißbier auch ihr kühles, isotonisches Alkoholfrei für mehr Leistung und mehr Regeneration.
Auf sowas müssen die Kölsch-Brauereien mal kommen.
Konstruktive Markenmanagement.

– Wenn ich den 6er im Lotto mach, geb ich ne Lokalrunde.

Ja, er scheint heute seinen großzügigen Tag zu haben. Da bleibt nur der Konter.

– Und wenn ich nen 6er plus Zusatzzahl heute mach, dann kriegst du von mir auch Erdnüsse extra. Persönlich.

Wieder diese Blicke.
Na ja.

– Wenn ich daran denke, wie sich momentan die Börse überschlägt. Ich denk nicht gerne dran.
– Die hohe Kunst der Wertvernichtung.
– Meine Firma macht demnächst 14 Tage zu.

Der Satz kam so beiläufig, dass ich ihn prüfend anschaute.

– Die Leute kaufen nicht mehr. Totale Verunsicherung. Die versuchen erstmal deren Geld ins Trockene zu bringen.
– Vielleicht hat die Finanzkrise ja was gutes wenigstens für mich. Sollte meine Bank dabei bankrott gehen, vielleicht muss ich ja meinen Kredit nicht mehr zurück zahlen.

Er schüttelte den Kopf.

– Vor einiger Zeit war mir der Dax-Wert noch das Fieberthermometer der Beschäftigungszahlen. Je höher der Dax, desto weniger Beschäftigte, desto mehr Arbeitslose. Weil bei den Gewinnen immer mehr rationalisiert wurde, um noch mehr Gewinne mit Luftgeschäften zu machen.

Ich nippte nachdenklich an mein Wasser. Salz auf meinen Lippen. Diesmal aber völlig unerotisch.
Er seufzte.
Alles schien zusammenzubrechen. Selbst das produzierende Gewerbe kommt zum Erliegen. Opel macht auch drei Wochen Zwangspause in der Produktion. Skoda hatte vor zehn Tagen den Freitag als Produktionstag ausfallen lassen, um Verbindlichkeiten klein zu halten.

Mein Blick wandert zum Fernseher.
Vorhin liefen wieder Berichte zur Lage der Börse.
Finanzkrise.
Ein Wort wie ein Schicksal.
Vormals erschienen Krisen wie kurze Systemabstürze des Betriebssystems „Wirtschaft“. Doch jetzt gibt es nicht einfach nur einen „Blue Screen“ wie bei Windows. Nein, das System arbeitet weiter und der Zuschauer sieht dabei gleichzeitig zu wie das ganze System abstürzt. Nicht nur an einem Tag, sondern gleich die ganze Woche über.
Wie Dominosteine kippen nun die Luftschlösser um.
Fast ist man versucht bei englischen Wettbüros anzurufen und auf das nächste Luftschloss als nächster Pleitekandidat zu setzen. Nur damit man ein wenig Freude an diesen schlechten Nachrichten haben könnte.

– Hast du Wertpapiere?
– Nein, aber Kredite.
– Hausbau?

War das ein Geschrei, als man im Zuge von „Harz 4“ feststellte, dass eventuell bei verschärfter Arbeitslosigkeit vor irgendwelchen Zahlen erst einmal die eigenen vier Wände verkauft werden müssten.
Einige Anlageversicherungen versuchten diese „Harz-4-Mechanik“ mit Anlageformen auszutricksen. Eine davon hatte sich mir vor vier Wochen noch vorgestellt gehabt. Sie wollten u.a.a. Gelder auf Island ablegen.

– Viele deutschen Sparer zittern nun um ihre Einlagen bei isländischen Banken. Das könnt mir nicht passieren.
– Klar, du hast ja auch keine Ersparnisse, nur Kredite.

Er lachte maliziös.
Der Fernseher schaltet um. Die Lottomaschine erscheint. Mechanisch ziehe ich meinen Lottoschein zum Vergleichen heraus. Der Wirt nimmt mir das Wasser weg.

– Hier trink nen Kölsch. Ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wie du am Wasser würgst.

Ich ergreife die Stange und nippe dran.
Ja, es ist Kölsch.
Irgendwie geht mir der Satz durch den Kopf „Wer nichts wird, wird Wirt“. Irgendwie stimmt der Satz nichts mehr. Denn die Stufe darunter muss jetzt wohl eindeutig Banker und Börsianer heißen. Oder wie sagte mir mal einer?
„Die größten Gauner dieses Landes sind Versicherungen, Banken und dann kommen schon die Architekten.“
Die Kugel rollen und ich versinke in Lotto-Anbetung.
Oh, Kugel, roll mal für mich …

Ergebnisorientiert

Ein trüber Tag.
Es regnet feinen Regen und es ist kalt. Eklig kalt. Ein typischer Herbsttag.

– Ich hab gehört, du hast über Gemeinsamkeiten von Köln und München geschrieben?

Er sah mich von der Seite prüfend an. Sein Kölschglas hielt er wie zur Abwehr zwischen sich und mich.
Aha. Scheint das er auch im Internet bei mir mitlist. So langsam finde ich heraus, wer meine acht dreiviertel Blog-Leser sind. Ist doch gar nicht so schwer.

– Wenn es Gemeinsamkeiten gibt, dann dass beide Bier trinken. Aber die einen es permanent imitieren und dazu ein Fest veranstalten, während wir anderen es zelebrieren.

Ich ergriff mein Kölschglas. Es hatte gefühlte Umgebungstemperatur. So um die 7 °C. Wann beginnt eigentlich die Glühweinzeit? Heute? Oder schon gestern? Normalerweise wärmt ein Kölsch von innen her. Ganz besonders im Sommer. Aber wie jedes Bier in kalten Jahreszeiten erfrischt es jetzt nicht wirklich.

– Ich meine, den „Kukupeter“, den du da erwähnst, das war nur ein lausiger Prediger. So ein „Scientologe für Arme“.

Die Scientologen. Ja, die dürfen hier in München offen auf ihrer Straße werben und sie finden ihre Hinterher-Läufer nicht nur bei den Tom-Cruise-Imitaten der Münchener Bussi-Bussi-Gesellschaft.

Der Wirt wechselt mein Glas. Eigentlich dachte ich gerade an einen heißen Zitronentee. Aber mein Gesicht sah wohl eher nach Kölsch aus.

Scientologe für Arme.
Naja.

– Gestern gab es wieder so einen Auflauf in Köln. Die Prediger riefen und 50.000 kamen. Das waren mehr als dem Kukupeter gefolgt sind. Der konnte nur an die 20.000 auf sich vereinen, als er Köln verließ.
– Aha. Und wer sollen die Prediger gewesen sein?
– Na, der Christoph Daum und der Jürgen Klinsmann.
– Komm hör auf, erinner mich nicht daran. Es war grausam. Ich hab es auf Premiere gesehen.

Mit Verzweifelung in seinen Augen spülte er den Rest aus seinem Kölschglas runter.

– 0:3. Hätte mir das vorher jemand gesagt, …
– Zweimal Luca Toni.
– Die Sau. Meine Frau gerät immer in Verzückung, wenn sie den sieht. Das ist doch Ehebruch.
– Und einmal Podolski.
– Ebenfalls Sau. Sowas macht doch kein anständiger Fussballer. Nicht gegen Köln.

Er nahm das neue Kölsch und setzte es an und trank verzweifelt.

– Och, der Podolski macht alles für gutes Geld. Wie die Scientologen.

Er schaute mich mit Verachtung an.

– Der Daum ist nicht der Kukupeter und die Fans des FC Köln keine Kreuzfahrer.
– Stimmt. Aber beim Rückspiel in München werden sie wahrscheinlich genauso abgeschlachtet wie die Fans vom Kukupeter damals. Sind halt keine Düsseldorfer. Die spielen ja in weiser Voraussicht ja schon nicht mehr in den obrigen Ligen mit.

Es wurde ein einsamer Abend in der Kneipe.
Mein Kölsch war so kalt wie die Stimmung, die ich verdarb.
Draußen ging der Nieselregen nieder. Ich beschloss zu gehen. Ob in der Kneipe oder außerhalb der Kneipe. Es machte keinen Unterschied. Kalt war es überall.
Ich hatte schon mal bessere Tage.
Scheiß Wetter.

Kneipengespräch: Die Keimzelle der Gesellschaft

– Ist das Rauchen hier jetzt eigentlich erlaubt?

Der Wirt sah mich an, grinste und reckte mir seine Hand entgegen.
Ein netter Wirt. In seiner Hand leuchtete mir ein Sargnagel entgegen.
Eigentlich wollte ich ja schon seit dreißig Jahren aufhören zu rauchen.
„Nur eine Zigarette nur. Ich muss ja nicht weiter rauchen“, hatte ich damals in der Raucherecke zu den Größeren gesagt.
Eigentlich.
Ein schönes Wort. Denn es impliziert gleich auch noch, dass es auch das Wort „uneigentlich“ gibt. Eigentlich wollte ich schon lange aufhören zu rauchen. Uneigentlich tue ich das heute noch immer. Das „aufhören wollen“. Und eigentlich schaffe ich es ja auch immer. Nach jeder Zigarette.
Wäre ich Kettenraucher, hätte ich kein Feuerzeug und würde mir vor dem Schlafengehen immer ein kleines Lagerfeuer vor dem Bett anzünden, damit ich am nächsten Morgen gleich aus der Glut mir eine neue Zichte anstecken könnte.
Ich bin aber kein Kettenraucher. Ich besitze ein ZIPPO-Feuerzeug. Allerdings gehen mir inzwischen die hohen Benzinpreise auf den Sack. Da wird das Nachfüllen vom Feuerzeug immer so teuer. Eigentlich sollte ich wirklich aufhören, um Geld zu sparen. Ich könnt ja ganz locker bei anderen mitrauchen.

– Eigentlich könntest du mir jetzt noch ein Kölsch machen.

Ich blicke neben mir. Typisch.
Er nu wieder. Sitzt neben mir und ist schon kurz vor zwei am Kölsch picheln.
An seine Gesundheit denkt der wohl nie.

– Hey, kein Bier vor vier!
– Kölsch ist kein Bier. Kölsch ist Kölsch. Und es immer später, als man denkt. Nur für Kölsch ist es nie zu spät. Eher früh.

Er musste immer recht behalten. Ein elender Rechthaber, dieser Früh-Kölsch-Trinker. Aber wo er recht hat, hat er recht. Also?

– Herr Oberspielleiter, mir auch ein Kölsch.

So saßen wir vor unseren angetrunkenen Kölschstangen und starrten den kleinen Gasbläschen zu, wie die sich eiligst mit dem Schaum vereinigten.
Eigentlich waren alles zwischen uns schon gesagt. Aber uneigentlich …

– Auf meiner Dienstreise war ich in Brasilien. In einem Internet-Forum habe ich dann scherzhaft behauptet, ich würde in São Paulo den Zuckerhut besteigen wollen. Das haben einige mir sogar wortwörtlich abgenommen und behauptet ich sei ein Depp.
– Hm. Und?
– Na, die hatten meine Ironie nicht verstanden.
– Und? Hast du ihn dort bestiegen? Du bist doch sonst so unsportlich. Du müsstest dich ja sowieso dann dort hochrollen. Wenn die da keine schmalen Türen haben, sollte es für dich kein Problem sein.

Nein, so wird das nichts mit der Konversation. Der weiß ja noch nicht mal, wo der Zuckerhut steht. Und außerdem bin ich nicht dick. Höchstens zu klein für meinen Bauchumfang.
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und dreht sich mir etwas seitlich zu.

– Ein Freund hatte mir neulich eine Geschichte erzählt. Ein wenig heftig. Er kam nach Hause und seine Ehefrau hatte starke Schmerzen. Ihre zwei Kinder standen untätig um das Bett herum, während sie nach den Notarzt verlangte.

Hm. Hört sich ja nicht nach fröhlicher Sonntagsgeschichte an. Ich drehte mein Glas und hörte ihm zu.

– Er rief den Notarzt und erfuhr von seiner Frau, dass die Kinder schon seit einer halben Stunde untätig herum gestanden hätten. Seine Frau musste dann direkt ins Krankenhaus. Magendurchbruch. Das eine der beiden Kinder ging mit seinem Vater täglich hin. Aber der andere, der wollte nicht. Der sagte lediglich, dass er nicht wüsste, was er dort im Krankenhaus tun solle. Er könne doch eh nichts für seine Mutter tun. Der Sohn der Mutter sagte das. Unglaublich, nicht?
– Ist er hingegangen?
– Nein. Als sein Vater meinte, der Junge wäre doch sicherlich auch froh, wenn er nicht allein gelassen würde, wenn er krank sei. Darauf entgegnete der nur, er wäre noch nie im Krankenhaus gewesen. Zudem hätte es ihn – seinen Vater – nicht zu interessieren, was er tue und was nicht.
– Und? Isser jetzt obdachtlos?
– Nö.
– Hätt‘ ich dem aber gegönnt, wäre er rausgeschmissen worden. Muss ja seinem Vater auch nicht interessieren, ob grauer Asphalt hart ist …

Die Welt ist schon turbulent. Und immer wieder passiert was unvorstellbares.
Es gibt nichts, was man sich nicht denken könnte.
Vielleicht ist es aber auch so, dass das Denken erschafft? Wie heißt es bei Dürrenmatts „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
Das Undenkbare wird denkbar. Am Anfang war das Wort und durch das Wort wurde die Welt erschaffen, heißt es in der Populärübersetzung der Bibel.
Und wenn es entdeckt wird, dass das Undenkbare geschehen ist, dann ist das Geschrei groß und erschafft noch viel mehr Undenkbares.
Als in der Münchener U-Bahn Jugendliche einen älteren Mann fast tot geschlagen hatten, da war das Entsetzen groß. Die Worte „Jugendkriminalität“ und „Ausländerkriminalität“ liefen die Medien rauf und bestimmten Politikern wie Honig runter.
Als dann kurze Zeit später sich ein Rentner von fröhlichen Jugendlichen urplötzlich bedroht fühlte und dann einen Jugendlichen vor die einfahrende U-Bahn schubste, da wartete ich nur noch auf den Leitartikler, der vom eröffneten Krieg der Generationen sprechen würde. Es passierte aber nichts. Politiker diskutierten auch nicht über „Rentnerkriminalität“ und ob man die „Renten“ als Prävention nicht gleich abschaffen sollte. Keine Renten, keine Rentner, keine Rentnerkriminalität mehr.

Aber da hatte ich mir wohl zuviel vorgestellt. Meine Worte erschaffen noch längst keine Wirklichkeit. Und von Realität ganz zu schweigen. Oder umgekehrt. Oder zugleich. Bin ich Gott?
Egal.

– Meinen Freund hatte diese Kälte überrascht. Denn der Junge hatte ihm schon mal erklärt, dass, falls jemand die Familie angreifen würde, er würde für sie kämpfen.
– Dessen Verhalten verwundert mich nicht.

Er sah mich verwundert an und ich nahm ein Schluck aus dem drogenhaltigen Geistesvernebler, das alle nur „Kölsch“ nennen.

– Wieso verwundert dich das nicht?
– Weil es unserer Gesellschaft entspricht. Wird die Gemeinschaft angegriffen, dann verteidigt sie sich. Bis zum letzten Blutstropfen. Aber kommt die Gefahr von innen, dann ist der Einzelne der Gemeinschaft hilflos. Er kann einfach nichts tun, weil ihn ja in der Gemeinschaft nichts bedroht. Ohne Bedrohung der Gemeinschaft kein Kampf. Das funktioniert so in der Familie, in der Schule, auf der Straße, im Staat. Greift jemand die Familie an, dann wird diese verteidigt. Wie oft habe ich schon den Satz gehört „Packt jemand einen meiner Familie an, dann mach ich den tot, ich schwöre“. Es ist ja auch einfacher die Gefahr von außen zu bekämpfen als die Gefahr von innen.
– Hm.
– Ich garantiere dir, würde jemand von außen das deutsche Gesundheitswesen angreifen, beispielsweise eine Art Hedge-Fond, dann wäre dieser unser Staat und seine Politiker richtig wehrhaft. Und die Bürger würden alles für ihr Gesundheitswesen unternehmen, dafür kämpfen. Aber wenn die gleichen Politiker, die alles verteidigen wollen, alles im Innern demontieren, dann regt sich nicht viel. Das wird fast gleichgültig hingenommen. Man sagt ja uns auch dauernd, dass es so sein muss.
– Die Gleichgültigkeit?
– Die auch. Weil in Deutschland ist Ruhe ja immer noch erste Bürgerpflicht.
– Was du da plapperst, erinnert mich an einen Baum. Der ist gegen Wind und Wetter wehrhaft. Aber vermodert der innerlich, dann bricht er bald. Dann fällt die stolze deutsche Eiche, an der sich jede Sau umsonst gerieben hatte.
– Mir sind die Amazonas-Riesen lieber als jene mickrigen deutschen Eichen.
– Aber an denen reiben sich inzwischen auch schon zuviel Säue. Mit deutscher Wertarbeit „Made by Stihl“ bereiten die denen den Garaus. Solange man gut verdient und nicht eine Gruppe von außen angreift, klappt doch sowas ganz passabel. Verteidigung ist nicht zu erwarten.
– Wenn die Armen ärmer werden und die Reichen reicher, dann ist das auch nicht so wichtig, wenn es von innen her kommt. Würde es von außen her kommen, dann wäre ein Zetermordio und ein Hauen und Stechen hier in Deutschland gegen den Feind, der die „Familie“ angreift. Aber das haben wir ja nicht. Die Armen sind ja selber an ihrer Armut Schuld. Sie arbeiten ja nicht wirklich richtig. Sagen die, die deren Armut festlegen.

Sein Grinsen ließ mich im Redefluss stocken. Er hatte plötzlich was schelmisches an sich. Und irgendwie hatte ich die Befürchtung dieses schwere Sonntagsgespräch würde in seichteres Fahrwasser stranden.
Er schaute mich grinsend an, während er zwei weitere Kölsch orderte.

– Ist ja auch klar. Nicht jeder erbt reich oder kann erster Klasse nach Lichtenstein fliegen. Und schon allein sowas zu organisieren, ist verdammt harte Arbeit. Weiß eigentlich ein Armer, wie teuer so ein privates Schwimmbecken in den eigenen vier Wänden ist? Die Unterhaltskosten? Der tägliche Wasserwechsel? Das Aufheizen auf 36°? Und dann die Küddel der eigenen Kinder rausfischen müssen? Oder jemanden finden, der so eine Drecksarbeit macht? Das ist nicht einfach. Davon macht sich ein Armer kein Bild, wieviel sowas kostet, wieviel man dafür arbeiten muss. Und dann noch all die vielen Biergläser, Sektflöten und Cocktails, die die Reichen in ihrer Freizeit per se vernichten müssen, damit man im Gespräch bleibt.

Der Wirt stellte uns zwei neue Stangen hin.
Wir prostete uns zu und ich ließ mir danach durch den Kopf gehen, dass wir wohl möglich gerade einem Reichen von seiner Last befreiten, in seiner kostbar teuren Freizeit sich um unsere Kölsch zu kümmern.
Besser ist das.
Nicht für so einen, aber für uns.

Hm.
Das Gespräch war abgestorben.
Stille machte sich breit, die die neuerliche Leere unserer Kölschstangen füllte.
Ob ich ihm jetzt nochmals von meiner Erstbesteigung des Zuckerhuts in São Paulo erzählen sollte?

Kneipengespräch: Wat für e‘ CD …

Seine Zigarettenschachtel rotierte zwischen seinen Fingern.

„Noch zwei Minuten.“

Sein Feuerzeug war schon griffbereit neben seiner Schachtel.

Neben mir machte sich Unruhe bereit. Der Wirt ging zu seinem weißen Sicherungskästchen rüber.
Ich blickte zur Decke. Die Klimaanlage surrte gleichmäßig. Der Wirt hatte vierzehn Tage seine Kneipe still gelegt und eine zweite Decke mit Lüftungssystem eingezogen. Statt der vier Meter hohen Decke war sie jetzt nur noch knappe drei Meter hoch und vermittelte jetzt der Kneipe einen angenehmen klaustrophoben Eindruck. Vorher erinnerte alles an Altbau, jetzt an die kleine gemütliche Kneipe an der Ecke.
Die Tür ging pausenlos auf uns zu. Leute strömten rein.
Ich kramte in meiner Tasche, um mein chinesisches Feuerzeug, meine Moods und die Clubkarte heraus zu fischen.

Er hatte seine bereits demonstrativ vor sich hingelegt. Rechte Hand „Marlboro Rot“, linke Hand ZIPPO-Feuerzeug. Und nicht nur er.

„Zehn. Neun. Acht.“

Sein Blick war auf die Funkuhr überm Tresen gerichtet. Leise zählte er den Countdown.

„Drei. Zwei. Eins.“

Der Wirt legte einen Schalter um, die Klimaanlage fuhr hörbar herunter. Die Gespräche verstummten. Still wurd es. Gespenstisch still. Ein vielfaches Klackern von Feuerzeugen ertönte, tiefe Lungenzüge und verlegendes Gekichern erfüllte die Luft. Dann fast ein chorales Ausatmen und … die Gespräche wurden fortgesetzt, als ob nichts wäre.
Eine Neonschrift leuchtete auf und verkündete „Raucherclub geöffnet“.

Jemand bewegte sich zum Tisch vor der Tür, holte Kladde, Kugelschreiber und Geldkassette hervor und baute sich vor der Tür auf. Es war der Kalle, ein Schrank von Mensch, einfach gestrickt, gutmütig aber auch von mancher brutaler Simplizität. Er hatte vor einer Woche einen Zivilkontrolleur unter Applaus der Anwesenden rausgeschmissen, der die Clubgebühren nicht zahlen wollte. Der hatte sich vorher rein geschlichen und als der Raucherclub eröffnete, war er ohne Clubkarte und stand zudem auch noch direkt neben Kalle. Er meinte, die 5 Euro Clubgebühr von Amtswegen nicht zahlen zu müssen. Er konnte danach Frischluft schnappen.

Der Wirt ging rum und scannte die Clubkarten mit seinem Handscanner ein. Jemand war ohne Clubkarte und wurde zu Kalle geschickt. Ich zündete mir meine MOODS an.
Eine Frau lächelte mich an. Mein Angebot lehnte sie ab. Sie sei Nichtraucherin, aber – wie entschuldigend fügte sie es hastig hinzu – Nicht-Raucherkneipen seien einfach langweilig.

„Kölsch?“

Er stellte mir ohne meine Antwort abzuwarten, eine Stange vor mich hin.

„Haste schon die neusten BAP-CDs?“

Ich schaute ihn an.

„Gibt’s wieder ne neue Best-of von BAP?“
„Nein, es gibt zwei neue.“
„Aha. Und?“
„Was und?“
„Hörbar?“
„Hörbar.“
„Gut hörbar?“
„Gut hörbar?“
„Doppel-CD?“
„Zwei einzelne CDs.“
„Doppelte Geld?“
„Doppeltes Geld.“
„Lohnenswert?“

„Hat wer mal Feuer?“
Sie mischte sich einfach so ein.
Einfach so, als es spannend wurde.
Ich reiche ihr meine MOODS. Sie nimmt sich sie und geht einfach weg. Ohne zu fragen.
Einfach so. So einfach.
Ich wollte mir sowieso ne neue anzünden.

„Und? Lohnenswert?“
„Nein. Die kenn ich. Noch nicht mal löhnenswert.“
„Nicht die Frau. Die CDs.“
„Die lässt an ihre Haut nur Wasser und CD.“
„Solange die nicht die Helen der Charlotte Roche ist.“

Er seufzte.

„Früher hat BAP noch ‚Südstadt, verzäll nix‘ gesungen. Heute singen sie ‚Wa’ss loss met dä Stadt ?‘ „.
„Tja, Köln hat ich geändert.“
„Niedecken singt über New York.“
„Nicht Kölner Südstadt?“
„Nein, da ist der kaum noch.“
„Jaja, der Jung wird älter. Da setzt die Kosmopolität ein.“
„Der Asphaltpirat singt auch von Uganda und dem Krieg auf den Ilhas Malvinas.“
„Fern ab vom Bahnhofskino, von Weidenpesch, der Ehrenstraße mit seiner Königin oder Städten im Niemandsland?“

Er hielt kurz inne.

„Kauf Sie dir. Sie werden dir gefallen.“

Der Wirt hat die CD gewechselt.
Kölsche Lieder.
Deutsch-rheinisches Heimatliedgut.
Kölsche Songs von BAP.
Nix fürs bayrisch-deutsche Hochdeutsch-Gemüt …

Songs sinn Dräume, manchmohl Dräume,
Déjà-vus vun jet, wat noch wohr weede soll.
Songs sinn Länder, fremde Länder,
wo mer immer schon hin wollt,
wo mer immer schon hin wollt…

Songs sind Träume, manchmal Träume,
Déjà-vus von jetzt, was noch wahr werden soll.
Songs sind Länder, fremde Länder,
wo man immer schon hin wollte,
wo man immer schon hin wollte….

Wolle mer se rinnlosse?

„Alaaf!“

Er blies mir die Luftschlange knapp am rechten Ohr vorbei. Ich zuckte zurück, aber es half nichts. Sein rechter Arm zog einen Halbkreis und leise rieselte das Konfetti über Zigarette und Kölsch.

„Alaaf!“
„Ja, Sie mich auch! Sie haben mein Kölsch verkonfettiert!“
„Och, es ist ja Karneval!“
„Na und? Ich bestehe auch im Karneval auf das deutsche Reinheitsgebot. Und dass das auch für Kölsch gilt!“
„Ein Reinheitsgebot gilt nur da, wo was wie Rhein ist. Und hier ist maximal Isar. Und sowieso am Aschermittwoch ist …“
„Das ist mir egal. Dann ist mein Kölsch schal und das Konfetti garantiert noch immer drinne.“
„Na, da haben wir aber miese Laune, oder was?“

So gerne ich auch in der Kölsch-Kneipe mein Kölsch trinke, so ungern lasse ich mich bei meinen meditativen Momenten mit Zigarette stören. Insbesondere, da jetzt die Zigarette draußen vor der Kneipentür zu verrauchen ist.
Aus Nichtraucherschutzgründen.
Nichtraucher stehen jetzt EU weit unter Naturschutz.
Sind halt ein aussterbendes Viehzeugs.

„Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, zum Rauchen würde man der Kneipe verwiesen. Ich hätte Wahnsinn gesagt. Waaaaahnsinn. Alaaf!“

Und wieder warf er Konfetti. Ich wühlte in meiner Hosentasche und fingerte eine Kamelle heraus und gab sie ihm.

„Hier. Habe ich vom Karnevallsumzug.“
„Eine Kamelle?! Die haben Kamelle geschmissen?“
„Yep.“
„Waaaahnsinn. Ein dreifaches ‚München Alaaf‘.“

„Ruhe, du Depp, du damischer Preiß da unten!“, schallte es plötzlich von oben. Jemand schloß wütend das Fenster.

Er schaute mich über seine Kölschstange an.

„Wie war der Umzug?“
„Wie das Ungeheuer von Loch Ness. Ich hab den Umzug gesehen und fotografiert. Aber auf den Strassen erinnert fast gar nichts mehr, da wo der entlang gezogen ist. In Köln war an der Zugstrecke selbst nach Ende des Zuges noch was los. Aber hier in München … Tabula rasa. Horror vacui. Wie eine Fata Morgana. Nichts. Nada. Niente. Nullinger.“
„Nichts?“
„Nichts. Absolut nichts. Nicht mal ein Bierstand.“
„Kein Wunder. München ist karnevalistische Diaspora. Straßenkarneval kennen die doch nicht. Rheinischen Frohsinn kennen die doch nur vom Hören-Sagen.“

Ich nicke. So kenn ich es auch. Wenn nicht gerade Karneval im Rheinland ist. Ohne Karneval können Rheinländer schon verdammt Un-Frohsinnig sein.

„Die einzigen Umzüge, die die hier in München kennen sind Fackelmärsche, Fronleichnam und Prozessionen.“
„Prozessionen? Zum Oktoberfest?“
„Wohin sonst? Die Ehrentempel wurden ja schon vor Jahrzehnten gesprengt. Und an irgendwas will sich die Münchener Seele ja besaufen können.“
„Rechts stehen, links gehen.“
„Ja. Wer sich nicht rechts aufstellt, wird links gegangen.“
„Das Leben als Rolltreppenphilosophie.“
„Und sobald man mit der Rolltreppe aus dem Untergrund an die Oberfläche gekommen ist, gilt Rechts vor Links!“
„Alaaf!“
„Helau!“
„Stösscken.“

„Ruhe!“

Es kann der Frömmste nicht in Frieden sein Kölsch saufen, wenn es dem bösen Nachbarn über der Kneipe nicht gefällt. Solche Ruhestörer gibt es überall. Ich nehme eine Kamelle, ziele und werfe sie gegen das Fenster des „Ruhe“-Brüllers.
Dessen zornrotes Gesicht taucht auf und er scheint irgendwas zu sagen. Dank Doppelverglasung sehen wir ihn nur wie ein Fisch, der seinen Mund immer wieder öffnet und schließt. Ein Prosit auf die Gebäude-Energiepässe. Damit werden die Gebäude nicht nur wärme-isolierter, auch Ehekräche versickern in der Isolierung und die Straße bleibt ruhig.

Wir schauen in unsere Kölschgläser. Der Anblick meines Glases in der kalten Winterluft erinnert mich an das Weltall: So kalt und so leer.
Wir schauen uns an. Er nimmt sich eine Luftschlange, greift in seine Tasche und blickt mich auffordernd an. Ich nicke.

„Okay. Gehen wir wieder rein. Frischluft schnuppern.“

Luftschlange und Konfetti werfend öffnet er die Tür.
Während „De Höhner“ gerade bei gedämpfter Lautstärke von der weiter ziehenden Karawane singen, deutet er dem Wirt an, dass wir wie Sultane mit Durst seinen.
Der Wirt stellt zwei Kölsch vor uns hin und wir greifen zu.

„Stösscken!“
„Alaaf!“
„Hau weg!“

Wir nehmen einen tiefen Schluck und schauen aus dem Fenster.
Die Straße ist ruhig.
Vielleicht kommt ja noch wer rein zum Karneval-Feiern.
Zu zweit mit Wirt ist es langweilig.
Erst recht zu Karneval.

Gott mit dir, dem Bayernvolke

Leise rieselt der Schnee. Draußen vor dem Fenster der Kneipe.
Unweit links von mir saß er und stieß mit mir wieder mal auf das Leben an.
Mit Kölsch versteht sich.
Alles andere wäre eh nie das wahre Leben.

„Es werden jetzt die letzten Tage bei Kölsch und Zigarette in trauter Zweisamkeit sein.“

Ich nicke.

„Solche Tage muss man genießen, solange sie einem noch vergönnt sind. Im nächsten Jahr schlägt die Apartheidpolitik in Bayern voll zu.“
„Apartheidpolitik? In Bayern gibt es keine Rassisten. Nur Wissenschaftler!“
„Nein, nein. Mit Apartheidpolitk meine ich doch jetzt nicht das Synonym für „Rassentrennung“ sondern die Trennung von Gaststättenbier und Zigaretten in geschlossenen Räumen.“
„Ach so.“

Es stimmt. Nach Meinung der bayrischen Politiker schädigt das Rauchen ganz erheblich die Gesundheit der Menschen. Aber allerdings doch nicht so sehr, dass Zigaretten gleich ganz verboten gehören.

Ich nehme einen tiefen Zug meiner frisch aus Frankreich importierten Gauloises Maïs.
„Gauloises“ heißt übersetzt die „Gallierinnen“.
Es wird die Marke der neuen Résistance des neuen Rauchverbots in Bayern werden.
Ganz Bayern hat das Rauchverbot geschluckt.
Ganz Bayern?
Nein, nur ein kleines Völkchen, Sympathisanten der Gallier … „Bleeder Zipfeklatscher! Dreckerter Saupreiß“ … was sonst. Gallien liegt bekanntlich in Südschweden. Nördlich des Weißwurstäquators.
Jenseits von drüben ist bekanntlich für Bayern alles Südschweden …

Gauloises Maïs sind sozusagen das heftigste, was es an Zigaretten zu rauchen gibt. Manche bezeichnen diese als unrauchbar. Das kommt von den Maisblättchen, mit denen der Tabak gedreht wird. Andere meinen, dass diese Zigaretten aufgrund ihrer Stärke unter das Betäubungsmittelgesetz (BMG) fallen müssten.
Aber inzwischen tun es schon billige Tankstellen-„Marlboro Gold“ aus Ungarn. Mit diesen lässt sich unter der Mehrheit der Raucher das Urteil „unrauchbar“ beweisen und nicht wenige nicken auch, sollte nach einer Behandlung nach dem BMG erfolgen …
Dabei ist lediglich der Kamelmistanteil niedriger als in normalen Schmuggelzigaretten, die nicht aus Nahost kommen …
In Fernost schmecken die billigen Zigaretten eh wie „Hund hinten“ …
Rauchen ist schädlich?
Ist Rauchen schädlich?
Freilich.
Das ist es.
Was sonst?

Ich nehme einen Schluck aus meinen Glas und schaue meinen Nachbarn an, der sich wieder mal in Rage geredet hat.

„Diese Politiker. Verbieten einfach die Gemütlichkeit mit einer Zigarette. Dabei geht die bayrische Gesellschaft doch schon am Alkoholismus zugrunde. Aber ohne Alkohol können sich bayrische Politiker deren eigene Gesetze nicht mehr so schön saufen, dass sie im Landtag dafür auch noch stimmen mögen. Also wird das Land Bayern bei einem Maß Bier zum Nicht-Raucher-Land erklärt. Und dann heißt es noch: Bitte, liebe Bayern, raucht aber gefälligst weiter, denn erstens benötigen wir die normale Tabaksteuer nebst Extra-Steuer pro Zigarette für den Kampf gegen den Terrorismus. Und was wird mit den Tabaksteuern finanziert? Münchner Brauereien, die eh nur noch deswegen überleben, weil sie eine Monopolstellung für das Oktoberfest haben und den Landtag frei Haus beliefern dürfen, damit sich die Politiker ihre Gesetze schön saufen können … .“

Er muss Luft holen und seine trocken geredete Kehle anfeuchten.
Der Schluck aus dem Glas lässt die Luft die absolute 100 % Mehrheit in der Glasfüllung.
Er hat es auch erkannt.

„Oberspielleiter! Einmal Luft rauslassen, bitte!“

Der Wirt stellt ihm eine neue Stange hin, hält seinen Bierdeckel kurz fest und zieht mit sicherer Hand einen neuen Strich auf dessen Deckel.

„Könnt Ihr mit der Diskussion, um das Für und Wider in Kneipen aufhören? Es nervt mich langsam.“

Ich schaue den Wirt an. Er beteiligt sich sonst nie an Diskussionen.

„Und wie sehen Sie die neuen Gesetze?“
„Wie alle, ich werde weniger Gäste haben. Werde weniger verkaufen. Meine Aushilfe werde ich nicht mehr brauchen. Der wird sich mit den anderen Aushilfen in die Reihe der erneut Arbeitsuchenden einreihen. Und die Raucher, die trotzdem noch kommen, die werden nachher vor der Tür rauchen. Und dann kommt die Polizei, weil sich sicherlich Anwohner wegen den Unterhaltungen vor der Tür in ihrer Nachtruhe gestört fühlen. Dann krieg ich ne Abmahnung vom Kreisverwaltungsreferat. Und dann wird mir irgendwann wohl die Lizenz entzogen. Und dann ist Ruhe und keiner wird hier über das Für und Wider von Rauchen in Kneipen reden. Schön, nicht wahr?“

Ich schaute meinen Nachbarn an.
Und wir schweigen.
Ruhe.

Gott mit dir, du Land der Bayern,
deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe Seine Segenshand!
Er behüte deine Fluren,
schirme deiner Städte Bau
Und erhalte dir die Farben
Seines Himmels, weiß und blau!

Blau, ja.
Aber von ab nicht mehr durch blauen Rauch in Kneipen.
Die Alkoholfahne des bierdimpfelnden Bayernpolitikervolkes, die Fahne eines jeden muss es jetzt alleine besorgen.

Stösscken, du Liberalitas Bavariae.

Die Liberalitas Bavariae, auf die man in Bayern immer so stolz ist, geht vom Volke aus, sagt man.
Aber wohin sie im Jahre 2008 ausgeht, das weiß nicht so genau.
Vielleicht geht sie auch nur aus. Wie die Milch im Kühlregal am Samstag um 19:59 kurz vor Toresschluss … .

Ausgehen kann man in Bayern in 2008 weiterhin.
Nur Rauchen ist dann verboten.
Aber Alkohol geht noch.
Immer.
Prost.

Mein Nachbar und ich schweigen noch immer.

Leise steigt blauer Rauch wie die erwachte Schlange der Kundlini auf und löst sich im höchsten Punkt im Scheine der Lampen auf. Vereinigt mit der kosmischen Seele und dem Menschen höchstes Glück bringend. Dass aber die Erweckung der Kundalini auch erhebliche Gefahren in sich birgt, das weiß jeder Raucher, der seine blaue Rauchschlange gen Himmel bläst.

„Kennt wer von euch beiden eigentlich Jim Jarmusch Filme „Smoke“ und „Blue in the Face“ mit Harvey Keitel?“

Wir schauen den Wirt stumm an.
Uns ist nicht nach Filmquiz zumute.

Ich blase Rauchkringel und verfolge, wie sie sich in Luft auflösen.
Stille.

Es werden jetzt die letzten Tage bei Kölsch und Zigarette in trauter Zweisamkeit sein.
Solche Tage muss man genießen, solange sie einem noch vergönnt sind.
Im Jahr 2008 schlägt dann die Apartheidpolitik in Sachen Raucher und Nichtraucher in Bayern voll zu.

Ruhe.

Von Weihnachtsmännern und Affären …

Ich sah aus dem Fenster. Draußen rührte sich nichts bis wenig. Die Kneipe hatte früh auf. Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern. Aber es gibt schlimmeres.

Zum Beispiel die Geschichte von dem Wies’n-Besucher, der nach dem Oktoberfest zu seinem Freund nach Hause ging, den Freund nicht antraf und dann meinte, dessen Wohnung von außen betreten zu müssen. Ein Hotelbesucher hörte später leise Hilferuf. Eine genaue Ortung der Rufe durch die Münchner Feuerwehr ergab, dass der Wies’n-Besucher 28 Meter tief in einem toten Haus-Kamin gefallen war. Der Wies’n-Besucher hatte sich in seinem Oktoberfestbierrausch offensichtlich aufs Dach begeben und fiel dann in einen Kamin.
Als man ihn fragte, ob er was benötige, war seine Antwort aus den Tiefen des Kamins: „Durst.“ Man ließ ihm eine Flasche Mineralwasser runter, bevor er befreit wurde. Vielleicht hätte der Kaminbenützer lieber „A Maß“ rufen sollen, statt die Oktoberfest-obligatorische Bestellformel „Durst“ zu verwenden …

Im übrigen beweisst diese Geschichte natürlich nicht nur, dass hier in München die wundersame jesu-erinnernde Wandlung von literweise Bier in Wasser vor sich geht, sondern diese Geschichte ist auch der endgültige Beweis, dass es Weihnachtsmänner gibt.

Die Frage ist jetzt natürlich, wieviel Weihnachtsmänner in München nach dem Oktoberfest in wieviel toten Kaminen vor sich hin modern. Erst werden die Weihnachtsgänse und -enten massenweise gekeult und jetzt müssen wir auch noch feststellen, dass die Weihnachtsmänner suizid gefährdet sind.
Das sind ja frohe Weihnachtsaussichten.

Der Regen tröpfelte auf das Pflaster vor der Kölschkneipe.

„Weißt du, als ich eine Affäre hatte, da hatte ich eine richtig entspannte Zeit.“

Ich sah ihn an. Seine Augen waren leicht angequollen und er sah vollkommen unausgeschlafen aus.

„Wahrscheinlich lag es daran, dass ich völlig entspannt war. Und dann war es auch meine Frau. Kein Streß.“

Er sah in seine Kölschstange und seufzte.

„Bis sie es bemerkte. Meine Affäre war der Meinung, ich sei zu entspannt. Und dann hat sie erst mir und dann meiner Frau Streß gemacht.“

„Und jetzt geschieden?“

„Ach wo. Wir haben uns berappelt.“

„Seltene Sache.“

„Das war vor zwei Jahren. Aber jetzt bin ich halt nicht mehr so entspannt. Der Job bringt Streß, ich komm gestreßt nach Hause und meine Frau reagiert wegen meinem Streß gestreßt. Und damit beginnt sie mir ebenfalls heftig Streß zu machen. Eine ewige Spirale nach unten. Ich komm kaum mehr zu meiner entspannten Einstellung zurück.“

Ja, ja, das Leben ist hart, dachte ich mir ironisch.
Aber sagen wollte ich ihm nicht, dass er mir am Arsch vorbei gehe. Und dass ihm mit dem Streß Recht widerfahre wegen seiner damaligen Affäre. Affären sind Beziehungstöter. No-Go-Area.
Ich schaute in mein Kölsch.

„Weisste was? Ich muss diese negative Spirale durchbrechen und meine Ehe retten, bevor alles den Bach herunter geht.“

Er nahm einen Schluck von seinem Kölsch.

„Ich such mir wieder ne Affäre. Dann bin ich wieder entspannter, wenn ich nach Hause komme und streße meine Frau nicht mehr. Und sie wird dann auch weniger gestreßt, mehr entspannter. Wir werden dann wieder glücklich zusammen.“

Ich blickte durchs Fenster.
Auf den nassen Asphalt.
Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern.
Aber es gibt eben schlimmeres.

Sei mal verdrossen, Politiker … (Teil 3 zum politischen Blog-Karneval)

Mein 3. Beitrag mit Trackback zum politischen Blog-Karneval (Link)
und gut is …

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Verdrossenheit ist eine besonders perfide Variante von nicht-Fisch-nicht-Fleisch in puncto Zufriedenheit.

Und dann gibt es die Steigerung: Politikverdrossenheit.
Mir ist das Wort an jenem Abend nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Das Wort taucht inzwischen in der Öffentlichkeit wieder häufiger auf.

1992 war es zum „Wort des Jahres“ in Deutschland gekürt worden. Das „Unwort des Jahres“ als Gegenpol war „Ethnische Säuberung“. „Ethnische Säuberung“ wurde zur international übliche Bezeichnung für die Vertreibung von Völkern gefunden.

Aber „Politikverdrossenheit“? Das Wort gleicht dem Mentekel für den Wahlrecht-Innehabenden. Wählst du nicht, dann gehört es dir entzogen. Denn wer nicht mitreden will, der braucht auch keine Stimme. Der braucht sie auch nicht bei der Wahl.

„Das stimmt. Aber was macht der, der seine Stimme bei der Wahl abgibt? Ist der stumm? Muss er stumm sein? Schließlich hat er sie doch für vier Jahre abgegeben und kriegt sie erst mit der nächsten Wahlbenachrichtigung zurück.“

Moment.
Was ist das denn jetzt hier?
Ich schaue zur Seite und stelle fest, dass ich wieder in meiner Kneipe stehe. Und er direkt neben mir.
Vor mir steht ein ein Karlsruher Hoepfner Pilsener. Rechts daneben ein Kö-Pi und links daneben ein Glas Alt-Bier.

„Nun mein Bester, du hast drei Bier-Sorten vor dir stehen und welches wirst du jetzt trinken.“
„Ehrlich? Diese Biere sind mir alle voll unsympathisch. Von links nach rechts immer unsympathischer.“
„Welches trinkst du nun?“
„Keines.“
„Du bist Bierverdrossen!“
„Quatsch! Du hast mir nur nicht das richtige vor mir hingestellt.“
„Tja, und so ist es mit der Politik.“
„Also Politikerverdrossenheit. Und nicht Politikverdrossenheit.“
„Und Politikerverdrossenheit ist das, was von Politikern am ungernsten gehört wird. Stellt es doch deren eigene Existenzberechtigung auf den Prüfstein.“
„Sie haben doch das Mandat derer Wähler.“
„Aber dann vielleicht doch nicht das Mandat im Sinne der Väter des Grundgesetzs?“

Er macht das Thema nicht einfach. Die Väter sind doch schon alle unter der Mutter Erde, die die Gerichtsinstanzen in mühsamer Einzelarbeit bereits umgegraben haben.

Der Wirt räumt die drei Gläser ab. Mit einem zufriedenem Brummen gießt er jedes einzeln genussvoll in den Ausguss. Ich atme erleichtert und dankbar durch. Da sind doch drei Kelche fiesestem Inhalts an mir vorüber gegangen.

Erfreut nehme ich vom Wirt ein frisches Kölsch entgegen.

„Komisch. Ich musste gerade an den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl
denken. Der hatte mit den VW-Gewerkschaftsbossen Sexparties in Seoul und Barcelona organisiert. Vögeln und Poppen aufs Wohl und Wehe der Werktätigen. Wenn ich mir überlege, dass der Uhl seine Wähler repräsentiert, dann müsste man von jedem seiner Wähler wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen und Beihilfe zur Untreue zu 39.200 Euro Strafe verurteilt werden.“
„Da wäre das Land Niedersachsen schnell saniert.“
„Und der Osten wäre nicht mehr so allein beim Warten auf blühende Landschaften. Oder der Uhl repräsentiert nur sich und nicht seine Wähler. Aber das weist ja jeder Politiker im namen der Demokratie von sich. nur …“
„Ja?“
„… selbst Berlin haben die Politiker schon wirtschaftlich ruiniert. Im Namen des Volkes. Aber statt diese wie organisierte Kriminelle zu behandeln, …“
„Moment. Vorsicht!“
„Doch. Die haben ihre Bevölkerung über deren Parteien gnadenlos geschadet. Aber passiert ist denen nichts.

Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, für sie um Mitglieder oder Unterstützer wirbt oder sie unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das steht im §129 Stgb eindeutig geschrieben.“
„Außer wenn die Vereinigung eine politische Partei ist, die das Bundesverfassungsgericht nicht für verfassungswidrig erklärt hat. Und die Parteien und deren Politiker, die Berlin ruiniert haben, gehören nun mal Parteien an, die nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.“
„Dann muss §129a greifen! Wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, wenn eine derer Taten bestimmt ist, die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern …“
„Na, na, na! Sie wissen, was Sie da sagen? Dieser Paragraph bezieht sich auf den Terrorismus.“
„Hm.“

Der Klügere kippt nach.
Ich schweige und trinke aus meinem Kölsch.
Hinter uns hat jemand plötzlich ganz lange Ohren bekommen. Ein freiberuflicher Verfassungsschützer? Ein so genanntes Verfassungskondom?
Als ich ihn anblicke, schaut er voll konzentriert harmlos in sein Weißbierglas. Es könnte auch ein deutscher Hobby-Geschmackskontrolleur sein, der sich gleich in unser Gespräch mit seiner ihm eigenen Kompetenz einmischt.
Mein Nachbar dagegen lässt sich ein neues Kölsch bringen. Wie eine zufriedene Katze schnurrt er seine Kölschstange an.
Luft holend riskieren ich noch einen verfassungsfeindlichen Satz:

„Die Politiker benehmen sich trotzdem wie die Heuschrecken.“
„Sind Sie politisch tätig?“
„Ich war es mal.“
„Es ist ein leichtes immer auf Politiker zu schimpfen. Die taugen ja hervorragend als Ohrfeigen-Gesichter für die eigene Untätigkeit, nicht wahr?“
„Ich hatte letztes Jahr keine 40.000 Euro wie der Uhl, um Sexparties zu organisieren. Mir pudert auch niemand Bodyguards, Sperrzäune und tolle Abendessen in den Arsch wie letztens an der Ostsee. Geben Sie mir 40.000 Euros und ich werde auch politisch aktiv.“
„Höre ich da den Neid eines Besitzlosen heraus?“

Ich zog meine Augenbrauen tiefer, verdichtete meine Augen zu einem Schlitz und beobachte die Umgebung genau. Nein, ich beherrsche es noch immer noch nicht. Aus meine Augen kommen noch keine tödlichen Blitze.

„Für so was kriegt der nicht meine mühsam gezahlten Steuergelder!“
„Aber als Ausgleich dürfen Sie doch dafür wählten.“
„Hm. Bei der Wahl? Die Umfragewerte für die Parteien zeigen, was von denen gehalten wird.“
„Kennen Sie die beliebteste Antwort der Politiker darauf?“
„Worauf?“
„Auf das Schlagwort ’schlechte Umfragewerte‘.“
„Keine Ahnung.“
„Falsch. Die Antwort wäre gewesen: ‚Wir wollen mit unserer Überzeugung nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen.‘ Und wer hat’s gesagt?“
„Der Westerwelle, als er mit seiner FDP die 18% im Bundestag erringen wollte?“
„Nein. Das ist der Standardsatz jeder Partei.“

Während ich mir gerade überlegte, wo der Westerwelle damals seine 18-Prozent-Kampagne begann. War es im Big-Brother-Container? Ich bin gespannt, wann es zum ersten Mal zur Revolte im Container kommen wird. Aber da müssten wir noch lange warten, bis die sich in ihrem freiwilligen Knast ihres freien Willen bewusst werden.
Mein Gesprächspartner nahm er einen Schluck aus seinem Glas und fuhr fort:

„In Umfragen wurde letztens herausgefunden, dass die Wähler mit der Art und Weise der Demokratie unzufrieden sind. Die Leute wählen dann entweder radikal oder gar nicht. Was den Politikern aber egal ist, denn differenziert zu denken, war ja noch nie deren Stärke.“
„Wieso? Wer nicht wählt, wählt die Radikalen.“
„Auch so ein Standardsatz der Politiker, der gebetsmühlenartig von denen herunter gebetet wird. Beweis durch mehrfache Beteuerung. Kaugummi für’s Großhirn. Demnach ist also jeder Nicht-Wähler im Grunde ein Wähler der Extremisten. Wer sowohl nicht wählt, als auch extremistisch wählt, der wählt staatsfeindlich. Der hat in den Augen der Politiker seine Recht auf freie und unabhängige Wahl missbraucht? Derjenige, der nicht wählt, ist dann fast genau so extremistisch wie der Extremist an sich, der verboten gehört.“

Ich lache und versuche zu ironisieren:

„Außer er ist Rechtsextremist oder Rechtsradikal. Die sind nicht wirklich demokratiefeindlich. Sind ja auch nicht verboten. Und was nicht verboten ist, ist erlaubt.“
„Eben. Denn der Rechtsradikale ist von seiner Haltung ja im Grunde staatsbejahend. Im Gegensatz zu den Linksradikalen. Der Rechtsradikale bejaht ja im Grunde die Einhaltung von Gesetzen, insbesondere wenn er sie selber geschrieben hat.“
„Sozusagen sind also diejenigen, die das ihnen zugedachte Wahlrecht verweigern, Sympathisanten von Terroristen? Dann greift ja §129a und wir hätten schon bald volle Gefängnisse.“
„Und Orwellsche Zustände. Denn zur Erfüllung der Orwell’schen Horrorvision benötigen wir nur noch Geschmackskontrolleure, die Verfehlungen aufnehmen und der breiten Masse zugänglich machen. Und das erledigen momentan die Medien. Einmal fremd gegangen und ein Kind gezeugt? Sexparties organisiert und dabei keinen hoch gekriegt? Nackt am Strand von Mallorca rumgelegen? Einen Pornodarsteller als neuen Freund? Die Journaille war dabei und hat es auf Seite 1 gebracht.“

Ich starre dumpf brütend vor mir hin. Die Kneipe hat sich geleert. Das Salsa-Gedudel macht gerade dem südamerikanischen Schieber-Blues Platz. Der Merengue.
Mein Gesprächspartner winkte den Wirt herbei und gab ihm sein leeres Kölsch-Glas zurück. Dann schauter er mich von der Seite an:

„Sie sind also auch politikverdrossen?“
„Ich bin Privatier. Ich brauche über meine Politik-Laune keine Rechenschaft abgeben.“
„Sie sind politikverdrossen?“
„Sie meinen, ob ich denen angehöre, die lieber deren eigene Politik in deren Umkreis machen, statt diese überregional mit anderen zu teilen? Ja.“
„Als ich im Rechtstag war, sagte mir mal ein Regierungspolitiker, alles was wir so machen sei politisch. Politik bezeichne ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten, so war sein Credo.“
„Wie das bei den Cliquen um die Gangsta-Rapper? Das was Sie letztens ansprachen? So Bushido, Sido und Co KG?“
„Die machen auch Politik. Aber die machen das nicht im Rahmen einer Parteienwirtschaft. Sie interessieren sich nicht dafür. Die sind Parteien- und Politikerverdrossen. Aber Politikverdrossenheit sehe ich bei denen nicht, denn deren Ansichten entsprechen auch einer Politik. Nur außerhalb des Rahmens mancher Gesetze und außerhalb unserer parlamentarischen Demokratie.“
„Parlamentarischen Demokratie? Also waren die Demonstranten in Heiligendamm nicht staatskonform? Also ein Übel? Daher wurden auch die offensichtlich friedlichen Demonstranten also geprügelt. Denn schließlich müssen die sich ja vorwerfen lassen, dass, falls sie in Parteien eintreten würden, massiv an den Entscheidungen mit hätten wirken können.“

Er schüttelt lächelnd den Kopf.

„Wer friedlich ist, der ist eh nie staatskonform. Auch nicht in einer parlamentarischen Demokratie. Pazifismus taugt weder als Staatsform noch findet es nirgendwo auf dieser Welt sonst eine Erfüllung in einer Staatsform.“
„Unsere Zeit ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen.“
„Schön gesagt. Kommt das von Ihnen?“
„Das war nicht von mir. Das hat Robert Musil Anfang des letzten Jahrhunderts gesagt.“
„Sie werden jetzt philosophisch.“
„Ich hab noch so ne dummdreiste Phrase auf Lager. ‚Wenn Wahlen was ändern würden, …'“
„‚… dann wären sie verboten.‘ Ich weiß.“

Wir schweigen vor uns hin.

Das leise Wimmern einer südamerikanischen Salsa-Musik erfüllt die Kneipe.
Der Wirt stellt die ersten Stühle hoch, macht das Licht an.
Ich hole meine Geldbörse raus und werfe ihm nen Zwanziger auf den Tresen.

„Stimmt so.“

Ich wanke raus. Gerade als ich die Tür hinter mir schließen will, höre ich den Wirt leise angestrengt jammern:

„Boah ey. Endlich ist er weg. Der mit seinen ewigen nervigen Selbstgesprächen …“

Rien ne plus, wa‘ … oder: Bring mich zum Rasen … (Teil 1 zum politischen Blogkarneval)

Mein 1. Beitrag zum

„Ich hab sie ja alle so satt.“
„Hm? Stimmt, das ist kein schönes Spiel.“

Im Fernsehen über unseren Köpfen läuft Brasilien gegen Türkei.
Die Übertragung aus Dortmund.
Aus der Konserve des Wirtes.
Ein Freundschaftsspiel.
Die türkische Mannschaft hat ganz klar Heimrecht. Und die paar brasilianischen Fans sind die aufregenden Farbtupfer in der Signal-Iduna-Arena in Dortmund.

Signal-Iduna-Arena.
Nix „Kampfbahn Rothe Erde“.
Ein Freundschaftsspiel in Dortmund.
Bislang aber eher ein Krampfspiel.

Ob in Dortmund oder auf Schalke.
Es wäre kein Unterschied gewesen, hätten die beiden Mannschaften in Wanne-Eickel oder in „Herne 3“ bis 8 gespielt.
Selbst in Bottrop wäre es nicht das Gold vom Ruhrpott einer bundesligafreien Zeit geworden.

„Ich mein nicht das Fußballspiel.“

Er sitzt wie üblich brummelnd vor seinem Glas Kölsch und dreht es routiniert. Wie üblich mit zwei Fingern in bedächtiger Schieflage vor sich auf dem Tresen.

„Ich mein‘ das ganze neue Selbstverständnis der Jugend.“
„Welche Jugend?“
„Richtig. Welche Jugend schon. Die 13-jährigen spielen sich schon wie 25 Jährige mit Anspruch auf Altersteilzeit ab 63 auf.“

Mir gefällt sein Ton nicht. Und zudem schaut er mich auch noch aus trüben Augen an.

„Ich versteh nicht.“
„Schon mal die Mädels gesehen? Die sehen doch aus wie das totale Gegenteil einer Alice Schwarzer. Haben knallharte Ansprüche an Gleichwertigkeit der Frau zum Mann und pflegen das Frauenbild der 50er Jahre. Sie verstehen?“
„Hm.“
„So mit schlechtem Gewissen, dass dann keusch und jungfräulich neben der Frau steht und sie fragt, ob den auch ihr eigenes Becken wirklich sauber sei.“
„Gleichwertigkeit? Sie meinten vorhin wohl Gleichberechtigung, oder?“
„Ach Quatsch Gleichberechtigung. Nein, Gleichwertigkeit zum Manne! Daher sind sie auch alle so gleichförmig aufgebrezelt wie ein Opel Manta vor der TÜV-Abnahme.“

Ich schaue abwechselnd in mein „Pisco Sour“ und auf den Fernseher. Eigentlich wollte ich Fußball sehen und nicht großartig labern.

„Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?“
„Wie bitte?“
„Kennen Sie etwa die Pussy Cat Dolls nicht? Die Mädels im Spagat zwischen Babypuder und Kamasutra-Übungen?“
„Kamasutra- was? Natürlich kenn‘ ich die.“
„Wissen sie, da haben mehrere Generationen von Frauen dafür gekämpft, nicht als reines Sexobjekt betrachtet zu werden und jetzt ist ein Refrain der Slogan einer ganzen Mädelsgeneration geworden. Von 12 bis 32. ‚Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?‘ Ein Protest der Generation ‚Bauchnabelfreie Sexbomben‘ unter ihresgleichen. Letztens hatten die Pussy Cat Dolls ein neues Group-Mitglied gecastet. Es kamen zig Kopien der Girl-Group zum Casting. Eine sah aus wie die andere …“

Ich kippe meinen „Pisco Sour“ runter.
Fußball wollte ich sehen. Und nicht in Griesgramigkeit versinken.
Die Türkei ist dabei, das Team der Brasilianer zu versenken.
Der Wirt fragt lapidar, ob ich einen weiteren „Pisco Sour“ wünsche.
Ich nicke und beginne bei meinem Nachbarn den plumpen Versuch eines Themenwechsels.

„Wussten Sie, dass das brasilianische Nationalteam keine Fußballspiele mehr im eigenen Land austrägt? Die spielen sogar in Göteborg gegen Chile. Die haben keinen Bock mehr vor einheimischen Publikum zu spielen. Die fühlen sich dort nicht mehr wohl.“

Er steigt nicht drauf ein.
Er nimmt den letzten Schluck aus seinem Kölschglas und reckt zwei Finger hoch. Der Wirt stellt ihm sofort zwei neue Stangen hin. Eine davon schiebt mir mein Nachbar ungefragt rüber.

„Trink mal was vernünftiges. Nicht diese chilenische Plörre.“

Er stößt mit seiner Stange an meiner an.

„Prost, Jung.“

Ich ergreife das Glas und nehme einen Schluck.
Der angenehme süß-saure Geschmack vom „Pisco Sour“ vermischt sich mit dem herberen Kölsch. Bereuend stelle ich das Glas ab. Im Mund herrscht Geschmackschaos.

„Haste mal ‚Massiv‘ gehört? Nannte sich früher ‚Pittbull‘. Der würde neulich in Duisburg auf der Bühne von zwei anderen aus dem Publikum mit einem Schlagring niedergeschlagen. Live on stage. Freunde und Massiv selber sind dann hinterher und haben die beiden dann dafür erbarmungslos zusammen geschlagen. Es gibt Videos, wo der eine am Boden liegt und der andere auf den Wehrlosen eintritt.“

Ich hörte davon. Aber das interessiert mich nicht so sehr wie das Geschehniss auf der Glotze. Hamit Altintop zieht aus 20 Metern ab und trifft nur die Querlatte.
Glück für Brasilien.

„Gangsta-Rapper sind das Vorbild der sogenannten unpolitischen Jugend. Sprachlich und handwerklich. Wer gegen Gansta-Rapper-Regeln verstößt, kriegt eine aufs Maul. Verbal oder aktiv. Zack. So einfach ist deren Gerechtigkeit. Ohne Polizei und Staatsanwalt.“

Ich kippe das Kölsch runter.
Das Spiel ist langweilig und das Gewäsch meines Nachbarn geht mir auf den Zeiger.

„Die Rituale der Erniedrigung sind cool für die Jungs. Wie bei den Mädels. Je tiefer der andere, desto höher steht man selber. Am höchsten steht man schließlich unwiderlegbar am Grab des anderen.“

Ich erwidere nichts und starre auf meinen „Pisco Sour“. Ob ich mit einem neuen Schluck die Geschmacksrandale in meinem Mund berühigen werden kann?
Er hat gerade einen tiefen Schluck aus seinem Kölschglas genommen. Schaum rennt vom Glasrand auf den Rest seines Bieres.

„Und wissen Sie was mich am meisten stört?“
„Die Leere in Ihrem Kölsch-Glas?“
„Ach, hören Sie doch mal auf rum zu kalauern! Es stört mich, dass Politiker in Heiligendamm dafür gesorgt hatten, dass Demonstranten gegen eine ungerechte Globalisierung durch eine Minderheit in Misskredit gebracht wurden. Wie damals in 2001 auf dem G8-Gipfel in Genua, wo die Politik und Polizei aktiv die radikalen Autonomen zu deren Zerstörungsspielchen unterstützt hatten. Wo eine Schule friedlicher, abreisebereiter Demonstranten blutig niedergeknüppelt wurde. Und wo dann die noch Unverletzten in einer Polizeischule dazu gezungen wurden, faschistische Lieder zu singen. Taten die es nicht, wurden die brutal von Polizisten erneut niedergeschlagen. Sie taten es gezwungenermaßen denn vorher wurden sie wegen Verweigerung zum Singen bereits niedergeschlagen. Und als der junge Mann in Genua von einem Polizisten erschossen wurde, da knallten bei Polizisten und Politikern die Sektkorken. Da hat der italienische Berlusconi-Staat aller Welt gezeigt, wie er sein Volk haben wollte. Lammfromm und schweigend. Und der Weltöffentlichkeit wurde vorgegaukelt, Globalisierungsgegner seien Verbrecher, die sich Polizeiknüppel zu recht verdient hätten. Nach dieser Zeit sprach man dann von Politikverdrossenheit bei den Jugendlichen. Warum sollten die auch nicht verdrossen sein?“

Er holt Luft. Kein Wunder nach dieser langen Predigt.
Ich stochere nach meiner Jacke unterm Tresen. Das mörderisch langweilige Spiel wird gleich zu Ende sein und ich werde dann gehen. Hier hält mich nichts.

„In Heiligendamm scheint die Polizei offensichtlich auch bei den Autonomen gezielt mitgespielt zu haben, damit nachher jeder von ‚Chaoten‘ und ‚Globalisierungsgegener‘ in einem Atemzug rede. Das hat voll funktioniert. Wer friedlich mit der Mehrheit der Zehntausend demonstriert hatte, fühlt sich jetzt von der Politik veraten, verkauft und kriminalisiert.“

Die türkischen Fans feiern dem Schlusspfiff entgegen. Die Brasilianer dagegen werden das Spiel wohl gleich vergessen wollen.

„Wie damals die Sitzblockierer der 80er Jahre. Die wurden wegen ihrer friedlichen Sitzblokaden als ‚Gewalttätige“ geschimpft. Danach haben sich die meisten enttäuscht von der Politik abgewandt. Dann hieß es von denen, die vorher die vielen Friedlichen als ‚gewalttätig‘ beleidigten, sie seien ‚politikverdrossen‘. Gleiches wird man in einem Jahr von den Demonstranten in Heiligendamm sagen.“

Der Scheidrichter pfeifft die Partie ab und mit ihm viele brasilianische Zuschauer. Einstimmige Meinung der Nicht-Türkei-Fans mit dem Schiedrichter.
Die Partie gehörte schon längst abgepfiffen.
Oder per Fehlentscheidung einen Elfmeter für die Türken.
Ich nehme mir den Rest „Pisco Sour“ zügig zur Brust.

„Für die Politiker gibt es offenbar nur eine Art wahre Demonstranten. Und die liefen vor einem Jahr hier in Deutschland bei den public viewing areas herum und unterstützten lautstark selbst langweilige und uninteressante Spiele. …“

Dieser politische Monolog meines Nachbarn nervt mich nun endgültig ab. Ich kam her, um ein Fußballspiel der Brasilianer zu sehen und nicht um über Politik zu labern.
Stattdessen spielten die Brasilianer langweiliges, uninteressantes Rasenschach und mein Nachbar nutzte mich als seelische Müllhalde seiner eigenen politischen Verdrossenheit.

„… und wissen Sie was? Ein Gericht hat diese Sitzblokierer der 80er Jahre vom Vorwurf der ‚Gewalttätigkeit‘ höchstrichterlich freigesprochen. Nach den Vorfällen in Genua ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Dutzende von Polizeibeamten und Politikern. Nach Heiligendamm wurde zugegeben, dass polizeilicherseits Beamte möglicherweise als agent provocateure in den gewaltbereiten ’schwarzen Block‘ geschleust wurden. Sogar der gesetzeswidrige Einsatz der Bundeswehr im Innern fand mittels zweier Tornado-Aufklärer über Heiligendamm statt. Man will uns politisch erst weichkochen und dann zu Ja-Sagern machen. Und unsere Regierungspolitiker, …“

Dem Wirt lege ich eilig 15 Euro auf den Tresen.

„Stimmt so.“

Ich ergreife meine Jacke und haste fluchtartig zur Tür der Kneipe. Es reicht mit dessen elendem pseudopolitischem Genöle.

„… die schweigen nun dazu wie großmäulige Schuljungen, welche beim Spicken in der Schule ertappt wurden und nun aus Schreck darüber erst einmal verstummen. Bevor sie dann aber wieder lautstark Verschärfungen diverser Sicherheitsgesetze verlangen werden.“

Ich habe das im Nachtregen glänzende Pflaster der Straße erreicht. Die Tür der Kneipe schließt sich quietschend hinter mir.
Und wie ein Echo hallen noch die letzten Worte der Kneipenlabertasche über die menschenleere Fußgängerzone:

„Und ich garantiere Ihnen, in einem Jahr redet man wie damals in Italien wieder von Politikverdrossenheit der Jugend! …“

Die Stimme verhallt.
Hoffentlich spielt Brasilien beim Copa America wieder besser, geht es mir noch durch den Kopf.
Meine Schritte auf feuchtem Pflastersteinen sind das einzige, was ich jetzt noch höre.
Endlich wieder Stille …

Der Vergleich Mensch-Maschine … ein Gesprächsfetzen

'Marnaz Frankreich' von Careca

[…]
„Wissen Sie, vor zwei Jahren bin ich mal zum L’Alpe d’Huez gefahren. Ich wollte unbedingt mal ausprobieren, wie lange ich für die 15 Kilometer lange, brutale Steigung über 1200 Höhenmetern benötigen würde. Ich habe mitgestoppt, nach einer Stunde und 46 Minuten war ich oben. Meine Frau ist besser trainiert als ich und war eine viertel Stunde schneller. Und dann wollt ich es wissen. Ich bin mit meinem BMW, den X5, hoch. So schnell ich konnte. Es war kein Verkehr. Nach 20 Minuten war ich oben. Der schnellste Tour de France-Fahrer hatte die gleiche Strecke in etwas mehr als 36 Minuten geschafft. Da ist doch klar, dass die Fahrer da gedopt sind.“

„Hm. 20 Minuten? Ich würde eher sagen, Sie waren wohl eher beim Kauf zu geizig für ’nen stärkeren Motor in ihrem X5, oder?“
[…]

Rock oder Demo – das ist hier die Frage …

Ich stirrte in meine Fanta. Die dritte des heutigen Abends.
Das Wetter war nicht überwältigend und der Wirt hatte eine Stimmung, wie in einem Zisterzienser Kloster. Wenn man dann auf zwei Meter Umkreis allein am Tresen steht, dann kann das schon recht hart sein.
Nach der zweiten Fanta brummelte er mich an:

„Kein Kölsch heute?“

Ich verneinte.
Aus den Lautsprechern drang ein vereinsamtes „Malagueña Solerosa“.

„Heute war der ideale Tag für ‚Rock am Ring‘.“

Das mit den „zwei Metern Umkreis“ stimmte nicht wirklich.
Er stand knappe eins zehn von mir entfernt und starrte in sein Kölschglas.

„Warum waren Sie dann nicht da?“
„Ich hatte eine Einladung für Heiligendamm.“
„Da wo die G8er sich bei den Krawallen getroffen haben?“
„Nein. Wo sich die Krawaller bei den G8ern getroffen haben.“
„Am Zaun?“
„Nein. Am Affenkäfig.“
„Na, das war jetzt aber nicht fein.“
„Trinken Sie Ihre Fanta und werden Sie glücklich.“

Er brummelte noch etwas und nahm ein Schluck aus seinem Kölschglas.

„Wären Sie jetzt lieber beim ‚Rock am Ring‘ oder am Zaun von ‚Heiligendamm‘?“

Er schaute mich an.

„Heiligendamm.“
„Sie sind politisch?“
„Nein, aber die Mädels bei der Demo sind lockerer drauf. Bei ‚Rock am Ring‘ kommen die Mädels immer nur mit ihrem Freund.“
„Also sind Sie nur Zweck-Demonstrant?“

Er schaute in sein Kölschglas.

„Sie trinken Fanta?“

Ich nickte.

„Die politischen Mädels sind promuskuitiver, als man gemeinhin glaubt.“
„Die sind was?“
„Die besten Erlebnisse waren mit Mädels von Demos.“
„Die besten?“

Er nahm einen Schluck aus seinem Kölschglas.

„Wenn es die besten waren, sind Sie im Grunde doch lediglich ein Mitläufer.“
„Na und?“
„Für Mitläufer wurde aber das Demonstrationsrecht aber nicht geschaffen.“
„Aber für Mitdenker.“
„Mitdenker?“
„Ja, bei ‚Rock am Ring‘ finden sich nicht mal halb so viel attraktive junge Mädels. Das findet man erst raus, wenn man mit denkt.“

Verwirrt leerte ich meine Fanta.

„Was hat Politik mit attraktiven jungen Mädels zu tun?“
„Damals viel. Heute weniger.“
„Damals?“
„Wissen Sie noch. Wir, die 300.000 Demonstranten in Bonn auf den Rheinwiesen! Vorne BAP. Und wir hinten am Feiern.“
„Aber das waren doch nur Alpacka-Pullover-Mädels.“
„Stimmt.“

Er bestellte zwei Kölsch. Eins für sich und das andere für mich.

„Das stimmt“, nickte er nochmals.
„Die sahen damals alle so aus, wie die Merkel vor derer Wahl bis heute ausschaute.“
„Hm. Und wie?“
„Wie? Halt politisch. Politik hat nichts mit Ästethik zu tun. Halt rein funktional.“
„Aha.“

Mir fiel nichts mehr ein.
Funktionale Mädels? Findet man die nicht mit der roten Laterne in der Hand am Ende der Straße des Gesellschaftszug auf deren gezogenen Moralstrichen?
Er schien meine Gedanken zu erraten.

„Ich hatte das beste Erlebnis mit einer kommunistischen Frau. Wir hatten eine rauschende Nacht. Direkt nach der Demo.“
„Sah sie aus wie Merkel?“

Er überhörte meine Ironie.

„Die rechten Mädels taugen so oder so nicht. Die sind total zugenäht. Im Kopf und auch unten.“

Er nahm gedankenverloren sein Kölsch in die rechte Hand.

„Die Linken sind dabei anders.“

Er nahm ein Schluck aus dem Glas und umschloss es zusätzlich noch mit seiner anderen Hand.

„Danach war ich bei einem Rockpalast auf dem Lorelei-Felsen. Auch mit BAP.“

Ich nahm einen Schluck Kölsch.

„Aber dort waren die Mädels entweder Hardrocker-Bräute oder Grüne mit Pippi in der Rinne.“

Beinahe hätte ich mich verschluckt.
Vor Lachen.
Nicht vor Empörung.

„Aber die Mädels waren lediglich heftig am Jubeln. Selbst bei dem letzten TAKE THAT-Konzert in Frankfurt waren die Mädels nur am Kreischen. Aber selbst da war mehr auch nicht.“

Prost. Noch ein Schluck Kölsch für mich dem Zuhörer.
Aber ein Frage lag mir noch auf der Zunge.

„Und warum waren Sie jetzt nicht bei der Demo in Rostock?“

Er schüttelte den Kopf.

„Mit Steinen von felsenfest überzeugten Menschen erschlagen werden?“
„Man muss doch für seine Überzeugung einstehen, oder. Und zudem war die Hauptdemo friedlich.“
„Aber ebenso wie die internationalen Gewalttäter waren die Zehntausend wirkunsvoll wie eine Träne im Ozean.“

Er wurde mir doch ein wenig zu prosaisch.
Ich bestellte mir derweil beim Zisterzienser Abt ein Pils-Schuss, sprich ein Veltins mit einem Schuss Malzbier.
Er beugt sich verschwörend zu mir rüber.

„Die Gewalttäter waren wirkungsvoller. Jeder redet über sie. Sogar die Polizei intern.“
„Die Welt lebt von schlechten Nachrichten. Only bad news are good news.“
„Und wissen Sie was das Geheimnis ist, warum ich heute hier bin?“
„Sie haben Ihr ‚Rock am Ring‘-Ticket verloren und kein DB-Ticket mehr für Rostock erhalten.“

Er schaute mich mit halb zugezogenen Lidern böse an, ergriff sein Köschglas und brummte, bevor er mit seinem halb gefülltem Kölschglas für den Rest des Abends verschmolz:

„Nein, ich habe mich gestern Abend in der Disko mit einem zwanzigjährigem Modell hier und heute verabredet. Und wissen Sie was? Das junge Gör hat mich versetzt!“

Fastenzeit

Na, heute nur Cola?

Da stand er wieder am Tresen und statt der üblichen Kölsch-Stange hatte er ein bauchiges Glas Cola vor sich. Er schaute mich an, als wäre ich von einem anderen Planeten.

Es ist Fastenzeit.

Ja, ne, is klar.

Ich grinste ihn an. Fastenzeit in Deutschland ist ja bei der Mehrheit dieser Bevölkerung so, als ob es in Vatikan Freibier gäbe. Schlecht findet es niemand und moralisch gibt man dem anderen auch Unterstützung mit gewichtigen Sätzen wie „Ich müsste auch mal wieder abnehmen.“

Nein, wirklich. Es ist Fastenzeit und da will ich mich ein wenig mässigen.

Mit einer Cola-Diät?

Cola light.

Ich ließ mein Kölsch-Glas zwischen den Fingern rotieren, packte wild entschlossen zu, nahm einen großen fetten Schluck …

Herr Oberspielleiter, donn mir noch ens en Fastenkölsch!

Ich hatte den Satz kaum vollendet, als wie von magischer Hand das nächste Kölsch schon vor mir stand. War vom Kellner wohl so eine Art Notwehrreflex, denn mein Kölsch ist grausam und manch Kölner blockierte schon mit Fingern seine Ohren, um nicht mehr davon von mir hören zu müssen. Ich übe halt den sympathischen Dialekt noch. Deshalb führe ich mir Koelsch auch so gerne vor die Augen …
Wenn’s schon nicht durch die Ohren in meinen Verstande gelangt, vielleicht dann durch meinen Mund?…

Nein, ich kann nicht dauern Koelsch trinken. Da werde ich ja nur fett von.

Sein Cola-Glas schien momentan zur Wahrsagerkristallkugel zu mutieren, so wie er da rein starrte.

Altwieverfastelovend hab ich begonnen. Nach vierzig Stangen Koelsch …

Kinderkölsch?

Nein, ich trinke nur Null-Dreier. Am nächsten Tag war mir so übel. Und nen Flotten hatte ich danach. Da hatte ich keine Lust mehr auf Karneval.

Ich nickte. Ja, übermäßiger Kölschgenuss kann am Tage danach abführend wirken …

Außerdem wiege ich eh zu viel, da kommt mir die Fastenzeit grad recht.

Aha, da war der Satz wieder.

Wir essen eh alle zu viel. Da ist ein wenig Mäßigung eh nie verkehrt. Wenn ich an all die dicken Kinder …

Aus Landau?

Er schaute mich irritiert an.

Nein. Wieso Landau?

Ich grinste und zuckte bloss die Schulter.

Schaun se doch mal. Alle sind se hier doch so satt und überfressen. Da ist ein wenig Selbstmäßigung und -beschränkung doch nicht verkehrt, oder?

Wenn er es sagte, dann musste es wohl stimmen.

In England hat eine Mutter ihren achtjährigen Sohn so überfüttert, der ist absolut zu ner 90 Kilo-Kugel mutiert. Das ist doch Körperverletzung der üblen Art. Da ist ein wenig hungern doch okay. Schlank ist doch schick und gesellschaftsfähiger als dick und schwitzend.

Ich zuckte erneut die Schultern.
Das war mir egal. Jährlich betrachte ich mich zu meinem Geburtstag in dem Spiegel. Das heißt, ich seife morgens die Wandspiegel erst ein, damit ich mich nicht nackt sehen muss. Ein wenig Zucht und Keuschheit hat ja schließlich noch niemandem geschadet, oder? …
Also, ich hab‘ auf das Einseifen-Ritual letztens verzichtet gehabt und mich im Spiegel vom Scheitel bis zu den Zehen gemustert.
Fett bin ich geworden.
Richtig unförmig.
Wohlstandskind.
Wie gut, dass es Kleidung gib, sonst müsste man mich wohlmöglich weg sperren.
… sechs Monate Gefängnis bei Brot, Wasser und Bauchtrainer, bis ich wieder unter die Bevölkerung dürfte …

Wissen Sie, ein wenig Diät hat noch niemandem geschadet. Daher trinke ich jetzt vierzig Tage lang auch nur Cola. Meine Frau hat ja Erfahrungen mit Diäten. Am besten sind da die Brigitte-Diäten.

Ja, ja, die Deutschen haben eh die besten Erfahrungen mit Diät-Rezepten. Jeder kennt eines und jeder ist schlank und rank.

Er nickte und sah mich plötzlich mit einem verschwörerischem Grinsen an.

Ja, vollkommen richtig. Wir Deutsche haben uns schon zig-mal weg gehungert und leben immer noch. Da sollten sich die Afrikaner in den Hungergebieten mal ein Beispiel dran nehmen.

Hm, ich überlegte, ob ich jetzt politisch inkorrekt lachen sollte oder politisch korrekt ihn darauf aufmerksam machen müsste, dass solche Witze unfein seien.

Letztens kam übrigens zum roten Kreuz eine Medikamentenlieferung von einem Flüchtlingslager aus Dafur wieder zurück. Die konnten dort nichts mit anfangen. Die Tabletten durfte man erst nach dem Essen einnehmen.

Ich schnappte mir mein Kölschglas und ließ erstmal Luft rein und grinste dann sehr breit über die Po-Ente. Und das politisch völlig inkorrekt.

Sie haben wohl ein wenig Humor über den Aschermittwoch rüber gerettet, woll?

Wissen Se, wenn man etwas in der Fastenzeit mit dem Fluch der Mäßigung nicht belegen sollte, so ist es das Lachen.

Er winkte den Kellner herbei und legte Geld auf dem Tresen.
Der Kellner stockte.

Das waren fünf Whisky-Cola. Nicht vier.

Mein Gesprächspartner zuckte unangenehm berührt zusammen.

So, so. „Cola light“ statt Koelsch.

Er grinste mich verschmitzt an, gab dem Kellner das Restgeld und ging wortlos grüssend raus.
Ich drehte mich grinsend wieder zum Tresen.

Herr Oberspielleiter, noch ein Fastenkölsch bitte!

Ein was bitte?

Ein Kölsch vom Fass …

Begegnung mit Claudia Bertani

„Wissen Sie“, er dreht sein Kölschglas zwischen Daumen und Zeigefinger, „ich habe eine neue Traumfrau.“
„Ach ja?“

Ich horchte mäßig interessiert auf. Wieder stand er neben mir. Wie schon bei unserem ersten Kneipengespräch.

„Wer isses?“
„Claudia Bertani.“
„Claudia Bertani? So, so.“
„Ja. Die Claudia Bertani. Die hat echt ein Traumleben. Sie lacht und freut sich des Lebens und kriegt immer die süßesten Kirschen. Aber die kriegen immer nur die großen Tiere.“
„… nur weil die Bäume hoch sind und diese Tiere groß sind. Die süßesten Früchte schmecken dir und mir genauso, doch weil wir beide klein sind, erreichen wir sie nicht.“
„Wie bitte?“

Er schaut mich irritiert an, greift sein Kölschglas und nimmt einen leichten Schluck daraus, während er mich abschätzend mustert.

„Das Lied von Peter Alexander und Olivia Molina.“
„Die beiden haben aber von Früchten gesungen. Nicht von Kirschen. Und zudem auch wesentlich harmonischer als Sie jetzt.“
„Stimmt. Dieter Bohlen hätte seine rhetorische Freude an mir.“
„Claudia lacht immer so toll. Richtig unbeschwert. Richtig voller Unschuld. So müsste meine Frau sein. Nicht so was griesgrämiges, nörgelndes, permanent kritisches.“
„Jaja, die Claudia Bertani. Die ist in ihrer Jugend garantiert auch schon in einem Kirschgarten herum gesprungen. Die Pralinen wären übrigens ein interessantes Studienobjekt: Der Einfluss von Kirschgärten auf den gesellschaftlichen Alkoholkonsum …“

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kölschglas und sah irgendwie unglücklich aus.
Ich schaute auf meine Cola-Licht. Dunkel blubbert sie mir ihre feuchten Blasen ins Gesicht.
Hm. Falscher Film. Das mit dem Blubbern war ne andere Limo.
Er antwortete nicht. War wohl nicht sooooo lustig.
Ich versuchte, das Gespräch aufrecht zu halten:

„Was meinen Sie mit dem griesgrämigen, nörgelndem? Reden Sie von ihrer Frau? Ich wette, die Claudia hat garantiert viele Fans. Wahrscheinlich so viele wie jene Alice. Ich kannte da mal in den 80er Jahren die Lätta-Frau …“

Er hörte mir offenbar nicht zu, denn er redete nach seiner Kölschmeditationspause weiter:

„Ich bin heute von Frankfurt nach Köln gefahren. Mit der Bahn. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug. Wissen Sie, der Zug ist so schnell, ich komme gar nicht mehr dazu mit den Frauen zu flirten.“
„Wieso? Hochgeschwindigkeitsflirten bei knappe 300 km/h? So schnell kommt man doch nie ans Ziel …“
„Früher war die Zugfahrt ein gesellschaftliches Ereignis, wissen Sie. Man saß in Sechser-Abteils und sprach miteinander, ließ die anderen an seinen Rotwein teilhaben, ließ die Chipstüten kreisen, bot Zigaretten an …“

Der Wirt reichte uns ein Glas Salzstangen rüber. Salzstangen sind immer ein gute Idee in einer Kneipe. Mein Gesprächspartner griff gedankenverloren zu.

„… . Man unterhielt sich über Politik und das Fernsehprogramm von gestern abend. Aber mit den 80ern, den Young Urban Professionals, den Yuppies, änderte sich alles. Die geistigen Ärmelschoner der 50er fanden ihre Erben, welche die Ärmelschoner in Ellenbogenschützer für den gekonnten individuellen Body-Check verwendeten. Heute sitzen alle paarweise in den Zügen und die Armlehne zwischen den Sitzen dient zur Revierabgrenzung. Nur an den Plätzen mit den Tischen sitzt man sich noch gegenüber.“
„Ich schätze, ich weiß, wer an solchen Tischen sitzt.“
„Ja, das ist einfach zu raten, nicht wahr? Es ist die Notebook-Generation. Sie sitzt dort und hackt wichtige Informationen in ihre PCs ein. Oder schaut Filme. Hört Musik. Liesst wichtige Emails. Oder spielt. Aber immer mit Kopfhörer.“

Ich bestellte mir eine neue Cola. Nach diesem Süßstoffaroma kann man süchtig werden.

„Ich habe dort gesessen und eine Frau angelächelt, wollte mit ihr flirten. Erst hat sie sich hinter ihrem Display versteckt. Dann fragte sie mich, was das solle. Ob ich sie anmachen wolle. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher, so hat die mich angefaucht. Aber dann kamen wir ins Gespräch und gerade als ich ihr Mon Chéri anbieten wollte, lief der Zug am Frankfurter Flughafen ein. Sie schien vor mir fliehen zu wollen, so wie sie ihre Sachen packte.“

Er grummelte etwas vor sich hin.

„Sie sah ein wenig wie Claudia Bertani aus. Ehrlich. Aber sie lachte nicht so wie sie. Sie bewegte sich auch nicht so wie sie. Sie war überhaupt nicht so wie sie. Kein bisschen mon chéri. Claudia wäre anders gewesen.“

Der Rest verlor sich im Gebrummel. Er nahm ein erneuten Schluck aus seinem Kölschglas und leerte es. Danach starrte er dem Wettlauf des Schaums am Glasrand Richtung Kölschglasboden zu.
Der Wirt stellte ihm ein neues Kölsch hin. Wie im Reflex ergriff der Mann sein Kölsch mit Dauen und Zeigefinger und fing an, es dazwischen routiniert zu drehen.
„Pissjääl und Kackbrung“ ging es mir durch den Kopf, als ich sein schäumendes Kölsch so auf dem Tresen stehen sah.
Ich leerte meine Cola, zahlte und ging in die milde Winternacht hinaus.
Die leichte Kühle nahm mich zügig gefangen.
Ohne Zug und Zweiersitzgruppen.

KEEP ON

Running in the fast lane

Speeding in the dark

Ich kam in die Kneipe. Sie war recht leer. Genauer gesagt, es war ein toter Mittwoch. Und ich selber kam ja auch nur um einen Absacker zu trinken. Ein Kölsch auf 5 Minuten.

Da stand er dann neben mir an der Theke. Sein Deckel war ordentlich gekennzeichnet. Er musste wohl schon länger hier sein, nach dem Deckel zu urteilen. Aber er wirkte kein wenig betrunken, sondern erheblich nachdenklich.

Wir nickten uns zu und ich machte eine leicht ironische Bemerkung über seinen Deckel. Er flachste zurück und wir kamen kurzerhand in ein Gespräch.

Er war nicht betrunken. Seine Ausdrucksweise war klar und deutlich. Aber er erschien mir eine große Einsamkeit in seinem Herzen zu tragen. Und dann redete er langsam und nachdenklich über sich und sein Leben

„Wissen Sie, es ist schon seltsam. Man lebt alleine, hat ein eigenes unabhängig von anderen Menschen geführtes Leben, aber dann gibt es Stunden, da fühlt man sich wie ein Fettauge im Wasser:
Man schwimmt oben auf, aber ist von allen abgesondert. Ein Eintauchen gelingt nicht, das Wasser treibt einen immer wieder an die Oberfläche.
In Kneipen zum Beispiel oder auf Konzerten. Stunden lang könnt ich da drin rumstehen und ich würde nicht mal eine Person kennenlernen, während um mich herum massenhaft neue Kontakte zu entstehen scheinen.
Ich bin ratlos.
Mir fehlt der Code, das Passwort, jenes Zauberwort, welches mir die Türen öffnet. Durch mein Allein-Leben konnte ich zwar andere Menschen in ihrem Verhalten studieren, wie Biologen Mikroben unter ihrem Mikroskop beobachten.
Aber anscheinend habe ich entscheidendes aus meinen Beobachtungen nicht gelernt:
Wie man Kontakte schließt.
Es scheint mir wie ein teufelskreis. Ich bin aus der sozialen Umwelt der Menschen raus, um dieses Gefüge von außen anzuschauen.
Die Menschen sehen das – also meine Situation – natürlich auch und somit habe ich das Gütesiegel eines Sonderlings erhalten.
Und mit Sonderlingen haben Menschen freilicherweise ihre Probleme. Und ich habe Probleme, weil ich verlernt habe, mir die Türen für eine Rückkehr zu öffnen.
Bezeichnenderweise ereignen sich Sachen wie One-Night-Stands dann auch nur mit Menschen, die entweder mal kurz raus ihrer sozialen Umwelt sind. Oder die wie ich außerhalb des ganzen stehen. Steppenwölfe halt.
Wie geht das? Wie komme ich mit Leuten einfach so ins Gespräch? Wie macht man das? Worüber redet man dann, ohne dass das Gespräch versandet oder verflacht? Und vor allem, wie kann ich Leute begegnen, ohne sie gleich in eine meiner Schubladen zu verteilen oder ohne sie sofort abzuurteilen?
Es scheint mir eine Arbeit, wie wenn man eine Kokosnuss knackt:
Erst durch die harte Schale bohren und dann kommt man zum eigentlichen.“

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und verfiel in ein Schweigen. Er drehte mit zwei Fingern sein Glas und war offenbar wieder weit weg. Innerlich emigriert und am Grübeln.

Ich sah ihn nie wieder, aber seine Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Trying to maintain

The feeling in your heart