Aufbruch in die "Stadt der Engel" – Up and away to Los Angeles.


Da lese ich gerade bei der Süddeutschen das Becks Richtung Los Angeles aufbricht.

************************** Intermezzo **************************
Hey, ihr bayrischen Journalisten der Süddeutschen.
Lest mal das hier von euch:

Davis Beckham unterschreibt für fünf Jahre bei L.A. Galaxy

Davis heißt David, gelle?!
Und morgen schreibt ihr dann Stoiber bitte wieder mit „ä“, okay?!
************************** Intermezzo **************************

Fällt da wem was auf?
Nein, nein, nein.
Bitte nicht schreiben, dass das „weiße Ballett“ von Real Madrid am Ende sei.
Das interessiert nicht.

Viel mehr Aufmerksamkeit sollte dem Ziel von Becks gewidmet werden.

Wer wohnt in Los Angeles?
Okay, ihr habt recht. Viele Pornostars. Nirgendwo werden mehr Pornos in dieser Welt produziert als in Los Angels …

Nein.
Wenn David Beckham dort wohnen wird, dann wird dann auch eine Victoria Beckham dort shoppen gehen.

Was haben David und Victoria in Los Angeles gemein?
Nun, David wird da einen guten Fußballtrainer um der Ecke wohnen haben: Jürgen Klinsmann.

Und Victoria?
Robbie Williams hat in jener Stadt ein Haus und rühmte sich schon mit Sporty-Spice ein Verhältnis im Bett gehabt zu haben. Was soll da wohl „Posh-Spice“ sich wohl gedacht haben? „Was Mel C. schon hatte, dass krieg ich als Siegerin immer …“

Und wo stehen dann die Kameras des Boulevards?
Richtig.
Bei David immer an der Außenlinie, um – wie bei der WM – abzufilmen, wie er sich im Training mit Klinsi das Frühstück nochmals durch den Kopf gehen lässt.
Und bei Victoria wie sie sich von Robbie seine CD Rudebox erklären lässt …

Womit wir wieder bei Los Angeles als Stadt der C- und P-Filme sein werden …

„Stadt der Engel“ eben …

Exklusiv!!! Wiedervereinigung von TAKE THAT und ROBBIE WILLIAMS …


… findet gerade hier auf meiner Anlage statt. Beide singen zusammmen deren jeweilige Veröffentlichungen …
… und ich habe es sofort wieder beendet. So geht Wiedervereinigung nun wirklich nicht: Schnulzig mit schrecklich ergibt eine Kakophonie.
Dann lieber schnulzig pur und Robbie ausgeblendet.

TAKE THAT schmalzt durch meine Anlage und ich denke mir:
„Okay, besser ‚easy listening‘ und Supermarkt-Gedudel als Robbies misslungene Veröffentlichung …“

Okay, TAKE THAT ist auch dieses Jahr kein Highlight, aber diesmal immer noch besser als die neue von Robbie.

Aber auch nicht schlecht finde ich die neue Veröffentlichung von ALL SAINTS, den vier Mädels, von denen eines sich das Lied SEXED UP von einem liebesenttäuschtem Robbie verdient hatte.

Wobei wir schon wieder bei dem genial schnulzigem „Patience“ von TAKE THAT wären …

Wiedervereinigung ohne Mauern einzureissen …
Popmusik und eine HiFi-Anlage machen es möglich …

Aftermath: Robbie Williams CD "Rudebox"


Nachdem ich per Zufall vor 10 Tagen die neue CD von Robbie Williams hören durfte – obwohl sie erst vor zwei Tagen erschien; also eine Woche vor dessen offiziellem Erscheinen – war klar, was meine letzten Posts bis zum letzten Freitag sein würden. Zu jedem Cd-Titel einen Text.

Und jetzt bin ich ausgepowert.

Nicht alles von mir passte wirklich zu den Texten von RW wie die Faust aufs Auge.

Die CD mit ihren Texte hatte einiges bei mir aufgerührt. Er hat seinen Soundtrack zu seinem Leben geschrieben und in mir sprudelte es ebenso bei jedem Lied, das ich von der CD hörte. Drei, vier Texte existierten schon zuvor, nur die anderen entstanden zu den Liedern …

Also wundert euch jetzt nicht, dass nicht wirklich kreatives bei mir momentan heraussprudelt. Muss erst wieder Wasser zum Sprudeln sammeln … .

Leßt einfach die Einträge vom 16-Oktober ab, genießt – falls möglich – und hofft bei mir auf wieder normalisierte Zeiten …

Ich fühl mich jetzt leer und ausgeschrieben

By the way: Der neue Editor von blog.de ist ne Bescheidenheit an und für sich. Meckern nützt ja bekanntlich wenig, denn die Progger des blog.de-Himmels wissen um dessen bescheidenen Hinlänglichkeit … immerhin ist er besser als der alte, wenn man die Tücken des neuen als Risiko abzuschätzen weiss …

…Und danke an die Mitleser von den siebzehn Rudebox-Posts. Ich hatte noch nie so hohe Mitleserzahlen hier im Blog und bin beeindruckt von eurem leserischen Durchhaltevermögen. Nicht alles war leicht leserlich. Danke auch denen von den Lesern, die sich getraut hatten zu kommentieren.

Für alle, die erstmal reinschnuppern möchten, bevor sie 10 Euro für die neue von RW ausgeben wollen:
Ein paar wenige musikalische Eindrücke erhaltet Ihr auch im Podcast von teddykrieger.

We’re the Pet Shop Boys


War beim Arzt. Sagte ihm ich hätte ne tierische Erkältung, dass ich mich hundemüde fühle. Zudem hatte ich auch noch von so’nem jungen Schnösel nen Pferdekuss erhalten. Ich sagte, ich bräuchte seine Hilfe.
Er öffnete sofort Probenschränkchen und gab mir Pferde-Salbe.
Beim Gehen erhielt ich noch ne Überweisung für Tierarzt.
Fragte vergeblich in Bekanntenkreis nach gutem Tierarzt. Nur Unverständnis geerntet. Fühle mich wie ’n Ochs vorm Berg.

Je suis des garçons d’un magasin de bêtes.

Maybe it’s a habit

Maybe it’s a sin

But I find out

KEEP ON


Running in the fast lane

Speeding in the dark

Ich kam in die Kneipe. Sie war recht leer. Genauer gesagt, es war ein toter Mittwoch. Und ich selber kam ja auch nur um einen Absacker zu trinken. Ein Kölsch auf 5 Minuten.

Da stand er dann neben mir an der Theke. Sein Deckel war ordentlich gekennzeichnet. Er musste wohl schon länger hier sein, nach dem Deckel zu urteilen. Aber er wirkte kein wenig betrunken, sondern erheblich nachdenklich.

Wir nickten uns zu und ich machte eine leicht ironische Bemerkung über seinen Deckel. Er flachste zurück und wir kamen kurzerhand in ein Gespräch.

Er war nicht betrunken. Seine Ausdrucksweise war klar und deutlich. Aber er erschien mir eine große Einsamkeit in seinem Herzen zu tragen. Und dann redete er langsam und nachdenklich über sich und sein Leben

„Wissen Sie, es ist schon seltsam. Man lebt alleine, hat ein eigenes unabhängig von anderen Menschen geführtes Leben, aber dann gibt es Stunden, da fühlt man sich wie ein Fettauge im Wasser:
Man schwimmt oben auf, aber ist von allen abgesondert. Ein Eintauchen gelingt nicht, das Wasser treibt einen immer wieder an die Oberfläche.
In Kneipen zum Beispiel oder auf Konzerten. Stunden lang könnt ich da drin rumstehen und ich würde nicht mal eine Person kennenlernen, während um mich herum massenhaft neue Kontakte zu entstehen scheinen.
Ich bin ratlos.
Mir fehlt der Code, das Passwort, jenes Zauberwort, welches mir die Türen öffnet. Durch mein Allein-Leben konnte ich zwar andere Menschen in ihrem Verhalten studieren, wie Biologen Mikroben unter ihrem Mikroskop beobachten.
Aber anscheinend habe ich entscheidendes aus meinen Beobachtungen nicht gelernt:
Wie man Kontakte schließt.
Es scheint mir wie ein teufelskreis. Ich bin aus der sozialen Umwelt der Menschen raus, um dieses Gefüge von außen anzuschauen.
Die Menschen sehen das – also meine Situation – natürlich auch und somit habe ich das Gütesiegel eines Sonderlings erhalten.
Und mit Sonderlingen haben Menschen freilicherweise ihre Probleme. Und ich habe Probleme, weil ich verlernt habe, mir die Türen für eine Rückkehr zu öffnen.
Bezeichnenderweise ereignen sich Sachen wie One-Night-Stands dann auch nur mit Menschen, die entweder mal kurz raus ihrer sozialen Umwelt sind. Oder die wie ich außerhalb des ganzen stehen. Steppenwölfe halt.
Wie geht das? Wie komme ich mit Leuten einfach so ins Gespräch? Wie macht man das? Worüber redet man dann, ohne dass das Gespräch versandet oder verflacht? Und vor allem, wie kann ich Leute begegnen, ohne sie gleich in eine meiner Schubladen zu verteilen oder ohne sie sofort abzuurteilen?
Es scheint mir eine Arbeit, wie wenn man eine Kokosnuss knackt:
Erst durch die harte Schale bohren und dann kommt man zum eigentlichen.“

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und verfiel in ein Schweigen. Er drehte mit zwei Fingern sein Glas und war offenbar wieder weit weg. Innerlich emigriert und am Grübeln.

Ich sah ihn nie wieder, aber seine Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Trying to maintain

The feeling in your heart

BURSLEM NORMALS


Goodbye to the normals
Goodbye to the normals

Durch Zufall fiel mir ein alter Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1998 in die Hände.

„[…]
Wenn sie um Diana geweint haben, dann haben viele – das gilt besonders für Männer, die oft ihre Not haben, Emotionen auszudrücken – auch für sich selbst geweint. Sie haben all die gefühle zugelassen, die sich ein Leben lang aufgestaut haben. Deshalb konnte man vielleicht sagen, daß der Tod Dianas gut für die Gesundheit der Briten gewesen ist.
[…]“
(Süddeutsche Zeitung vom 2./4. Januar 1998, Nr. 2)

Frage:
Wer muss in Deutschland sterben, damit unsere Psychatrien entlastet werden, damit es mit der deutschen Gesundheit bergauf geht?

Angela Merkel und Franz Müntefering sicherlich nicht.

Boris Becker?
Zu spät. Der spielt nicht mehr aktiv und ist kaum noch unser „Bobbele“.

Michael Ballack?
Nein, wohl kaum.

Thomas Gottschalk?
Schon eher. da hör ich schon in den Supermärkten Deutschalnds aus dem Süßwaren-Regal das erfreute, meckernde Gelächter der Gummibärchen zwischen ihren Colorado-Tälern. Und steigern würde sich die psychische Volksgesundheit Deutschlands durch Gottschalks Opfer gewiß nicht.

Uschi Glas?
Auch nicht.

Kardinal Meissner? Franz Beckenbauer? Helmut Kohl? Ulla Schmidt? Carolin Reiber? Claudia Schiffer?

Nein, nein, nein!
Die müssen alle am Leben bleiben!
Oder wie sollten wir je uns mittels ohne abschreckendem Beispiele am Leben orientieren können. Im Grunde fällt mir nicht eine Person ein, die ich mir in einer Opferrolle vorstellen könnte.

Lassen wir sie besser am Leben.
Man stelle sich vor, Carolin Reiber verschluckt sich vor laufender Kamera auf der Bühne an einen ihrer reibenden „R“s, erstickt und kurz darauf präsentiert das Fernsehen die neue Moderatorin für deutsche Volksmusik:

Claudia Schiffer.

Gut, zum anderen muss ich gestehen, dass wäre ihr Niveau. Jedoch würde dann doch auffallen, dass das Wort „Schifferscheisse“ möglicherweise seine Wurzeln doch in Claudias Kopf haben könnte.

Oh je. Das war jetzt niveaulos.
Gemein, gemein, gemein.
Total daneben.
Genauso niveaulos wie die Sednungen mit „Volksmusik“.
Halt doof wie Schifferscheisse.

Letztens hörte ich folgende Nachricht im Radio:
Ein Sturm hatte ein Feuer in einem Kamin entfacht. Zwei Kinder starben. …

Ein Feuer in einem Kamin? Das ist lebensgefährlich? Ich dachte, Kamine sind fürs Feuer da! Da haben sich die Radiomoderatoren wohl nichts bei gedacht, als die beiden die Nachricht vorlasen. Oder sollten die Kinder im Kamin ihr Bett stehen gehabt haben?

Hm.

Vielleicht sollten wir selber mal wieder ein Opfer einer Grippewelle mit Hunderten von Toten – vorwiegend aus der ärmeren Schicht – werden. DAS könnte unseren psychischen Gesundheit eine Karthasis (= schmerzhafte Reinigung) bereiten …

Tod und Leben.
Zwei Seiten der gleichen Münze.
Leben ist lebensgefährlich.

…, der Mann konnte gerade noch aus dem brennenden Haus gerettet werden, ertrank jedoch nachher im Löschwasser …

… Brand im Krematorium. Drei Tote. …

Diana ist tot.

Na und?

„Das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt nur halb so lange.“
(aus dem Film BLADE RUNNER)

You used to know what we were worth
Before the normals fell to earth

KISS ME


Kiss me with your mouth
Your love is better than wine

Lass mich bei dir sein
Dich in meinen Armen halten
Um deine Nähe zu spüren

Lass mich dir einen Kuss geben
Und mit dir verschmelzen
Um mich dir ganz zu schenken

Lass mich deine Lippen spüren
Ihren Geschmack in mich aufnehmen
Und Geborgenheit bei dir zu spüren

But wine is all I have
Will your love ever be mine?

Lass mich dich spüren
Wie sich unsere Zungen
Umtanzen und umwinden
Wie sie Zärtlichkeiten austauschen
Wie sie aneinander saugen

Lass mich deinen Körper erforschen
Dich langsam und sanft streicheln
Jede Stelle deines Körpers
Mit zarten Küssen verwöhnen

Lass mich spüren
Wie deine Hände mich zärtlich streicheln
Wie du mich mit feucht-heissen Küssen
erregend eindeckst.
Wie du mich zum Schmelzen bringst

Und fessle mich immer mehr an Dich
Mit der Faszination von Dir
Die selbst in Entfernung
Zu dir meine Liebe nährt
Und mir ermöglicht
Dir von ganzem Herzen zu sagen:

A.D.I.D.A.S. !

Wow I feel so fresh today
Barefoot in the snow to make love in the hay
The stars are bright in the abyss
Now I can feel you in my arms
I explode inside your kiss.

Viva Life on Mars


I just wanna be
Love is natural love is good,
not everybody does it but everybody should.
With them and us
we’ve made a mess

Arte pour l’art …
Teil 1

Bleibt man längerer Zeit in einer Stadt, weil es die eigene Beschäftigung so will, dann versucht man sich irgendwie an das Leben dort zu assimilieren. Ein Versuch wird gestartet das Ende eines Fadens zu finden.

Und Enden derer gibt es viele. Nur sind nicht alle Fäden gleichlang. Manche sind kurz. Manche sind seiden. Manche nie länger als nur eine Nacht. Manche nur ne Zündschnur für eine bombastische Explosion, die alles in Trümmer legt. Manche dienen als Aufhänger für Schwerter über dem eigenen Haupte. Manche jedoch sind auf immer verloren.

Will man sich jedoch von dem Faden einen eigenen Wollknäuel wickeln, um für sich selber nachher etwas zu stricken, dann braucht es einen erheblich längeren Faden. Fast schon wie der von Ariadne. Ist die Wollpullover fertig gestrickt, dann liegt sie im Schrank. Und kommt die nächste Mode, dann ist er vergessen.

Nur irgendwann – wie durch Zufall – beim Rasieren vor dem eigenen Spiegel, erschrickste und siehst den alten Pullover dort dann liegen. Erinnerungen steigen auf wie Lava in nem alten erloschenen Vulkan. Du versuchste die Erinnerungen zu kanalisieren, in deinem Hirn versuchste den selbstgestrickten Pullover der aktuellen Mode anzupassen oder du suchst ne passende Gelegenheit zu konstruieren, in der du die wie durch Zufall entledigen kannst. Denkst an die nächste Altkleidersammlung. An die nächste illegale Schuldabladestelle. Vielleicht soagr an der Zelle dem Pater gegenüber, jene Zelle in dem Haus, da wo die Hausspitze wie ein Pfeil pedantisch und unerbittlich nach oben in die Unendlichkeit verweist.

Doch irgendwann gibste auf und holst den Strickpullover heraus, entfaltest sie und siehst dann den damals aufgenommenen ganzen Faden in all seiner bestechenden Ordnung vor dir liegen. Und dann überlegste dir, wo der Wollpullover denn rein passt und dann ziehste sie dir an. Einmal nur. Einmal möchtest du damit von allen gesehen werden. Den Clown spielen, der auch alte Mode anziehen darf und über den das Lachen so programmiert ist, dass es nicht mehr weh tut. Und dann kann sie wieder bis zum nächsten Mal in einen der vielen Schubladen dem Vergessens anvertraut werden.

Eines Samstagabends, der Abend scheint gelaufen, trotz des warmen Wetters. Meine Biere scheinen ausgetrunken, der Tag gelaufen. So stand ich vor dem Imbissbude-Restaurant der kleinen Provinz-Stadt und wusste nicht wohin mit mir. Zurück zu mir? Oder dem Lokruf des flüssigen Goldes folgen und umkehren?
Mit einem Schwall Gelächter drangen Leute aus der Tür heraus und ich ging einen Schritt zur Seite, um für sie Platz zu machen. Was anfangen mit einer Nacht, deren Himmel sternenklar auffordert, nicht heim zu gehen?

So stand ich da unschlüssig mit dem Rücken zur Imbissbude zwischen Baum und Borke, wie bestellt und nicht abgeholt. Umkehren und wieder einkehren, oder abkehren und heimkehren?

In dem Moment schubste mich jemand von hinten an der Schulter.

– Entschuldigung!

erklang es von hinten. Eine Frauenstimme. Ich drehte mich um und schaute sie an. Sie schaute mich an. Für einen Moment schauten wir uns an wie die ersten Menschen, die inneren Keulen wie zur Verteidigung erhoben.
Ihr Lächeln verlagerte die Spannung, die zwischen uns durch den Rempler entstanden war. Sie war offensichtlich beschwipst.

– Na? Weiste noch, wo was hier los ist?
– Ich komm nicht von hier. Ich kenn mich nicht aus.
– Hm. Eigentlich ist hier auch nicht mehr viel los.
– Hm.
– Zu früh, um nach Haus zu gehen?
– Hmhm.

Sie lächelte mich erneut an. Ein offensichtliches Fragezeichen verzierte ihr Gesicht, die nicht ausgesprochene Frage.
Ich lächelte zurück.

– Okay, ich hab auch noch keine Lust nach Haus zu gehen. Gehen wir wieder rein?

Und so sass ich – kaum dass ich den Tresen verlassen hatte – wieder an demselbigen. Diesmal begleitet. Die Bedienung hinterm Tresen begrüsste mich mit einem kurzen Hochziehen seinen Augenbrauen. Ich bestellte Bier. Brummelnd nahm er die Bestellung von mir entgegen, nahm eine Flasche aus dem eisigen Schrank, lies es einmal kurz und trocken plöppen und schon stand die braune Flaschen inklusive gläserner Begleitung vor uns. Und die hohle Hand lag fordernd daneben. Ich zahlte mit den obligatorischen 10% Trinkgeldaufschlag. Bestechung der Oberspielleiter einer Kneipe muss schon sein. Denn schliesslich wollt ich immer gut bedient werden, um nicht nachher von der Bedienung schnell bedient zu sein.

Das erste „Prost“ plus dem Kontra („Senna! “ ) folgte und lachend nahmen wir den ersten Schluck. Nach dem ersten Abschnuppern, dem „Wie heisst du?“ (Ana hiess sie, wie auch sonst?), „Woher kommst du?“ (aus dem Südosten kam se), „Biste schon lange unterwegs?“ (klar, schon seit Sonnenuntergang, wie jeder nach Feierabend am Wochenende), „Wie gefällt es dir hier?“ (… Defizite bei der Auskunft werden mit einem freundlichen Lächeln ausgeglichen … alte Benimmregeln aus der Kellnerschule …), “ Du hast auch schon paar Gläschen gekillt!?“ (… diese Frage beantwortete sie nur mit einem Blick in meine Augen und meinen Mund und einem „Prost“ …).

Und so kam dann die unvermeidliche Frage: „Was machst denn du so hier?“ Und es sprudelte plötzlich unvermittelt aus ihr los. Ihr Lächeln wurde schmerzhaft und ihre Augen zogen sich schmerzhaft zusammen.

Der Woche schien für sie offenbar richtig gut enden zu wollen. Am Tage zuvor hatte ihr Ehemann für sie und ihn zwei Reisen in den Süden gekauft. Die Vorfreude auf diese Reise hatte aber offenbar deren Nerven blank gelegt. Sie hatten sich im Laufe des Tages angefangen zu streiten und am Nachmittag war es klar, dass er die Reise am Montag känzeln würde. Die Eskalation am Ende war, dass sie sich Geld ergriff und das Haus zum Zuge durch die Gemeinde verliess.

Tränen liefen, sie schneuzte und ihr Kopf drückte sich verbergend gegen meine Schulter. Ich seufzte. Nein, nicht wegen dem T-Shirt. T-Shirts kann man waschen. Die Frau hatte wohl mehr intus als ich. Und dann werden Emotionen noch emotionaler.
Ja, in vino veritas. Heisst, so lange trinken bis die Wahrheit rauskommt. Klappt auch mit Bier.

– Wie kann man nur so was machen? Wie kann man nur so herzlos sein? Erst einen den Mund wässrig machen und dann einem so schockieren? Wir hatten uns schon das ganze Jahr auf unseren gemeinsamen Urlaub gefreut!

Auf solche indirekten Fragen hatte ich auch keine Antwort. Zumindest nichst verwertbares jenseits der 0,8-Promille-Grenze.

– Wieso hat er das gemacht? Wieso? Was hat er nur? Ich hab doch nichts falsch gemacht?

Ich überlegte, ob Kaffeesatzleserei helfen könnte, aber Kaffee wollte sie nicht, sondern streckte fordernd ihr Glas mir entgegen.
Gut. Biersatzleserei könnte auch helfen. Soll sie trinken. Ausserdem macht Bier schön. Den anderen. Also mich …

Nein, das sagte ich nicht, sondern höchstens das imaginäre, besoffene Teufelchen auf meiner linken Schulter.

So sassen wir also alkoholisiert nebeneinander, das Bier floss und die fordernde hohle Hand wurde verschiede Male befriedigt.
Hin und wieder einen Pisco, der dort in e
inem Regal stand und uns an die unerreichbare Ferne in unserer Situation erinnerte … und zum Versuch mal auch einen oder auch einen Pisco-Sour … und danch wieder ein Bier …

Wir plauderten dann nur noch über Gott und die Welt, über die anderen Nasen im Lokal, über unsere Nasen und über Nasen im speziellen und allgemeinen … Nasologie am Tresen sozusagen …

So gegen zwei dann, wankte wir beide wie Pat und Pattachon aus dem Lokal heraus. Und dann die entscheidende Frage … nein, es kam nicht dazu, sie sagte gleich von sich heraus, dass sie dem Maker bei sich zu Hause nicht sehen wolle, und ob ich nicht Platz bei mir habe?
Na, das war ja mal ganz einfach. Oder?

So wankten wir zum Taxi auf der anderen Strassenseite und dann zu meiner Mietbude und was dann passierte, daran erinnerte sich keiner mehr von uns beiden.

Aufgewacht sind wir im gleichen Bett. Das war klar. Angezogen auch. Soweit so klar. Da war also nichts gelaufen.
Nur dass ich kein Aspirin da hatte, um die Pisco-Schmerzen zu bekämpfen, das wurde mir später klar. Nach der ersten verzweifelten Suchaktion.

Sie nahm noch ne Dusche und verabschiedete sich. So schwebte sie zur Tür.

– Sehen wir uns nochmal?
– Ja wieso nicht? Nächstes Wochenende gleiches Lokal?

So wartete ich auf das nächste Wochenende und sass an dem nächsten Samstag vor dem gleichen Lokal draussen herum, während sich das erste Bier mir opferte. Sie tauchte auch tatsächlich auf. Setzte sich an meinem Tisch und rückte ihre Sonnenbrille nochmals zurecht, brachte ihr schwarzes Haar mit einer wischenden Handbewegung in Position. Sie hatte ein scharzes Schlauchkleid an und über ihren Armen ne schwarze Jacke. Ja, ihr Mann habe ihr ordentlich Stress gemacht, weil sie so früh erst nach Hause gekommen sei, sagte sie leise und lächelte maliziös. Sie nahm einen tiefen Schluck aus meinem Glas. Ich schenkte nach. Er habe ihr sofort ins Gesicht gesagt, sie habe mit einem anderem Mann die Nacht verbracht. Und wieder dieses Lächeln. Und wieder schenkte ich nach. Und dann fragte sie unvermittelt:

– Was hälst du von Kunst?

Generell habe ich nichts gegen Kunst. Vielmehr hatte ich sogar für mich entdeckt gehabt, dass man mit Vernisagen seine Wochenenden und den Magen dazu gut auffüllen kann. Dazu sind die schlechtesten Ausstellungen für Vernisagen die besten. Denn dabei wird versucht die Besucher mit Häppchen und Getränken von den Katastrophen in den Ecken und an den Wänden abzulenken. Gute Ausstellungen geizen bei der Vernisage mit dem Catering. Die beste Ausstellung, deren Vernisage ich besuchte, wartete nur mit Salzstangen, Erdnüssen und tütenweise Apfel- und Orangensaft auf.

So war ich damals immer auf der Suche nach Vernisagen von schlechten Ausstellungen. Begonnen hatte diese Sucht mit einer Ausstellung in den Firmen-Räumlichkeiten eines brasilianischen Konsulats. Thema: Kunst und Industrie. Eine Mitarbeiterin der Nadelfirma hatte gemalt und in den Konsulatsräumen ausgestellt. Mann, war das ein Besäufnis ….

Ana wusste eine Vernisage. Sie nannte mir den Ort und gab mir eine Einladungskarte zur Vernisage.

– Und bitte. Bitte, zieh dir was anderes an. So lassen die dich gar nicht erst rein.

So zwängte ich mich bei dem schönen Wetter in Schlips und Kragen, nahm mir nen Taxi und kutschierte fast pünktlich um neune vor dem Vernisagenort an.

Die Türwächter beaugapfelten erst mich und dann meine Karte und dann wieder mich und rissen dann die Karte ein. Ich durfte rein.

Achja, warüber ging eigentlich die Ausstellung? Ich hatte nur moderne Aktionskunst gelesen. Der Rest war mir gleichgültig. Entweder taugte die Ausstellung was, oder … prost …

So stand ich dann also herum und orientierte mich erst einmal. In dem Raum lag ein Baumstumpf, drei Äxte, drei Tücher und drei Farbeimer säuberlich nebeneinander. Im nächsten stand ein Baumstamm, der wie gepuzzelt aussah. Überall Bilder mit bunten Farbklecksen an der Wand.

Und im dritten Raum dann das, was ich insgeheim suchte. Ich ergriff mir ein Sektglas. Ein Kellner mit schwarzem Leibchen schenkte mir Sekt ein. Na denn. Am nächsten Tisch wartete abgedeckt das Buffet. Der Abend konnte beginnen. Männer und Frauen standen umher. Männer entweder mit Sektglas oder mit Mineralwasser oder anderer Brause. Und die Frauen alle mit Sekt.

Schön.

Und da sah ich Ana. Ein Mann stand neben ihr. Beide schauten desinteresssiert auf das abgedeckte Buffet. Nach den beiden gleichen Ringen an deren Hand, musste es wohl der Eheman sein. Ja, sie gehörten definitiv zur reichen Gesellschaftsschicht der Provinzstadt. Alle Anwesenden entsprangen der nicht unvermögenden Mittelschicht, das war klar. Und ich war wohl einer der wenigen Blender im Raum.

Ana sah mich und zog ihren Mann im Schlepptau auf mich zu. Na, super, dachte ich unheilschwanger. Wird sie mich jetzt bei ihrem Ehemann zur Rache als Übernachtungsmöglichkeit vorstellen?

– Hallo, Ana.

Mehr sagte ich nicht. Ihr Blick galt ja gar nicht mir, merkte ich dann auch noch. Sie wollte wohl zu irgendwem hinter mir. Aber nachdem ich sie angesprochen hatte, musste sie mich anschauen. Und ebenso ihr Ehemann. Sie lächelte zweideutig und gab ein sanftes „Hallo“ von sich. Ihr Mann schaute schnell von ihr zu mir und ich glaube, in dem Moment vermutete er, wo sie das Wochenende zuvor verbrachte. Aber da kam von ihm keine Reaktion mir gegenüber. Sein Blick wurde eher gehetzt. Wie das eines waidwund geschossenen Tieres, welches die letzte Fluchtmöglichkeit ergriff.

Er packte Ana unter ihren Arm und zog sie schnell an mir vorbei. Ohne Kommentar. Nur Ana schaute mich noch kurz an und schenkte mir ein kurzes Lächeln. Dann begrüssten beide ein anderes Paar, dass ebenfalls gerade reingekommen war.

Ich schlenderte weiter. Oder besser gesagt zurück zu der Sektquelle. Denn mein Glas war bereits wieder leer.

Etwa eine Stunde später – ich fragte mich schon verzweifelt, ob es sich auch wirklich um ein Buffet handelte oder nicht um eine Art neuer moderner Kunst, auf dem nachher das Schild stehen würde „Berühren verboten“ – eine Stunde später kam Bewegung in die Masse. Ein kontinuierlicher Strom Menschen wechselte in den ersten Raum.

Da standen alle mit einem Sektglas oder sonstwelchem Getränk in der Hand in einem Halbkreis um den Baumstamm mit seinen Äxten und Farbeimern. Dahinter stand ein Mann und stellte sich als deutscher Aktionskünstler vor. Er begrüsste die angekommenen Gäste und erklärte dann, dass nach einer kurzen Performance von ihm das andere Kunstwerk in Raum zwei scharf gestellt würde. Er erklärte, dass der zweite Raum mit Sensoren gespickt sei. Und jedesmal bei Bewegung würde ein interner Sensor irgendwie hochzählen und ab einer bestimmten erreichten Zahl, würde der dort aufgestellte Baumstamm immer weiter zerfallen und verfallen. Somit wolle er die Zeit dokumentieren, meinte er.

Aha. High-Tech-Kunst. Das fand ich schon mal intellektuell überlegt. Wenn der noch länger redet, muss ich mir neuen Sekt holen, waren allerdings meine existentiell intellektuellen Gedanken dazu.

Er verwies dann noch auf die Bilder, die man natürlich alle kaufen könne. Eine Preisliste sei bei ihm einsehbar. Und nach der Performance würde das Buffet eröffnet.

Ich atmete erleichtert auf. Mein Magen knurrte schon ärgerlich angesichts meiner Gedanken, es könne sich auch um Kunst handeln, was da abgedeckt sei.

Soso. Dann mal los, waren meine ungeduldigen Gedanken.

Er würde jetzt mit der Performance beginnen. Und schon kniete der Meister nieder, nahm die erste Axt und versuchte den ersten Farbeimer zu öffnen.

Meine Augen suchten Ana. Sie stand mit dem anderen jüngeren Ehepaar beieinander. In dem Moment trafen sich unsere Augen und fast so als ob ihr Mann versteckte Antennen für sowas hätte, schaute er zu seiner Frau rüber und folgte ihrem Blick.

Ich machte einen Schritt vor, wie um mich hinter anderen Besuchern zu verstecken.
Aber auch um dem Künstler auf die Finger schauen zu können.

Der hatte inzwischen den ersten Eimer geöffnet. Es war schwarze Farbe. Er tauchte seine Axt rein, striff einiges an Farbe an, legte ein Tuch über den Baumstamm und – zong! – hatte die Axt in das Tuch in den Stamm gehauen.
Er nahm die nächste Axt und hebelte damit den Farbeimer auf. Rote Farbe. Und erneut haute er die gefärbte Axt in ein Tuch in den Stamm.
Nächster Topf. Gelbe Farbe. Gleiche Aktion.
Der Künstler stand auf. Das Publikum starrte verwirrt.

Mir fiel ein Gedicht ein:
„War einmal ein Boomerang, war ein weniges zu lang. Boomerang flog ein Stück, kam nicht mehr zurück. Und Publikum noch stundenlang wartete auf Boomerang.“

Hätte jetzt jemand „HURZ“ gerufen und der Künstler wie Hape Kerkeling ausgeschaut, das ganze hätte Sinn ergeben. Aber Hape und hier? Er kann nicht überall sein.

Ein Zuschauer stellte zaghaft die Frage, was der Künstler denn mit der Aktion ausdrücken wolle? Ob er etwa sich auf den Regenwald beziehen wolle? Nein, antwortete er, er wolle nur damit ausdrücken, wie er sich als Deutscher so genau in dem Augenblick gefühlt habe. Hilflose Blicke von allen Zuschauern. Ich hätte am liebsten HURZ gerufen, aber das hätte dann nur der Künstler verstanden … aber man wart ja die Contenance … .

Aha. Schön. Zumindest eine Regel wurde erneut bewahrheitet. Scheiss Kunst bedeutet eben noch immer gutes Buffet.

So ging es also endlich zum eröffneten Buffet. Auf zum Schlemmen. Ana kam auch vorbei, um sich paar Häpchen zu sichern. Ein kurzer Austausch und wir waren uns einig, die Performance war Mist. Ob wir uns danach sehen könnten? Freilich. Gleiche Stelle wie beim letzten Mal? Klar, und dann dir noch ein Prost. Senna!

Der zweite Raum war inzwischen auch schon belebt. Das erste Stück vom zwei-Meter-Baumstamm war schon abgefallen. Die Bewegungssensoren zählten unerbittlich. Der Menschenstrom ausgerüsstet mit Canapes und sonstigen Kleinigkeiten und Getränken pilgerte in den zweiten Raum umkreiste den Baumstamm wie ein Tiger seine Beute. Aber nichts tat sich. Der Künstler wurde nervös und fluchte in seinem berlinerischem Dialekt vor sich hin. Kurz darauf stand er auf einer Leiter und schraubte verschwitzt an einem Sensor herum. Ein Besucher hopste provokativ kurz aber heftig auf den Boden herum und ein zweites Baumstammstück löste sich und donnerte zu Boden. Der Künstler auf der Leiter warf dem Mann hasserfüllte tödliche Blicke zu und der Mann verschwand kichernd zum Buffet.

Ich tat gleiches. Kunst ist zwar schön und gut, aber leerer Bauch fühlt sich immer so uninspiriert an. Also schaufelte ich ungeniert ein paar von den Buffetsachen auf meinen Teller und griff mir ein frisches Glas Sekt ab.

Irgendwann ward ich es denn leid und setzte mich per Taxi heimwärts ab, zog mich um, nahm das nächste Taxi und war dann gegen halb zwölf am verabredeten Punkt. Eine halbe Stunde später kam Ana vorbei. Angeschickert wie ich selber, aber auch mit rot geränderten Augen. Sie hatte wieder heftigen Streit mit ihrem Mann gehabt.

Okay, diesmal ging es schneller. Und als wir aufwachten, war nur die Bettwäsche unsere angezogenen Sachen.

Wir sahen uns häufiger. Jedesmal erzählte sie von der Lage ihrer Ehe, den neusten Entwicklungen, den neusten Streitinhalten. Und jedesmal versuchte ich ihr in ihrer Situation ernstaft beratend zu helfen. Wir wurden intimer, sie öffnete sich immer mehr. Ihre haselnussbraunen Augen sprachen eine neue Sprache, die ich nicht hören wollte, hören konnte, hören durfte.

Ein Berater (Psychologe, Psychater, Psychotherapeut), der mit seiner „Patientin“ ins Bett geht, hat verloren und sieht nie mehr Land bei seinen Hilfeaktionen. Und ich als selbsternannter „Hobby-Freud“ und „nobler Helfer für eine kaputte Ehebeziehung“ hatte schon längst brutal verloren. Ohne das es mir überhaupt klar wurde. Die Konrolle war schon in der ersten Nacht verloren gegangen. Das, was sich da entwickelte, konnte nur ein neue Liebesgeschichte sein oder ein ganz grosser Knall am Schluss.

Wenn wir uns sahen, war sie immer leicht depressiv (wegen der Ehe, die den Bach runterrann). Sie hatte auch schon immer wieder die ersten Drinks (Wein, Bier, oder schärferes) hinter sich. Der „point-of-no-return“ war bei ihr überschritten. In Beziehung zu mir und in Beziehung zum Alkohol. Nur mir fiel es erst nach vier Wochen ein. Zudem verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt immer mehr zu mir hin, zu jemanden, der eh bald weg musste aus jener Stadt. Jemand, der ihr eh keine Zukunft bieten wollte/konnte/durfte.

Mir fiel die ganze Absurdität meines Tuns auf. Zu spat. Vorgeschoben hatte ich für mich das Helferlein-Syndrom. Aber in Wirklichkeit war es nur der Hebel für die nächste Nacht. Oder gedachte ich mir das als „gerechte Bezahlung“ an? Wie dem auch sein möchte: Ob sie eventuell mit mir spielte, wurde mir gleichgültig. Denn so wie ich mich verhielt, spielte ich die Rolle einer Art „Witwentröster“. Ich spielte mit ihr. Anstatt ihr überhaupt zu helfen, hatte ich sie vermutlich noch tiefer in die Misere ihrer Ehe getrieben. Denn in der zwischenzeit schlief er (der Ehemann) oder sie wechselweise schon auf dem Sofa, so wie sie sagte. Und zudem bezweifele ich, dass ich überhaupt hätte helfen können. Aber das ist eine andere Geschichte für ne endlose Selbstrechtfertigung.

Für mich gab es nur eins: Schluss und aus. Keinen Blick zurück mehr. Schluss, aus und dann okay.

Ich beendete die Verbindung, riss den Faden ab und legte das bislang gestrickte nach einiger Zeit in entsprechendenes Ablagefach. Die Tränen und das gebrochene Herz ihrerseits nahm ich in Kauf. Auch ihre Verwünschungen und Selbstbedrohungen. Sie allein war es, die das Opfer bringen musste und zu tragen hatte. Ich machte Schluss, versuchte es noch abzufedern für sie. Aber wie soll sowas gehen, wenn jemand verzweifelt ist?

Ich machte einfach Schluss. Wir sahen uns nicht mehr.

Sie tauchte noch einige Male vor meiner Tür auf, jedoch spielte ich dann regelmässig „toter Mann“, bis sie dann ging.

Mein Vermieter sprach mich später nochmals drauf an, dass eine Frau mit gebrochenem Herzen nach mir gefragt hätte, bis wann ich da noch wohnen würde. Er hatte ihr nichts gesagt, sondern sie weggeschickt, da sie auch noch bertunken war. Denn offenbar wüsste er wohl mehr über meine Affäre, als ich selber dachte.
Offenbar leidete sie. Ehe kaputt, Frau vom Freund verstossen. Zukunft zero.

Ich zog weg mit Sack und Pack. Verliess jene Provinzstadt. Meine Zeit war dort abgelaufen.

Schluss, aus, vorbei.
Keinen Blick zurück mehr.
Schluss, aus, okay. 

… Fortsetzung folgt …

I just wanna be 
I lost all faith in what I know,
The future doesn’t need me

 

Louise


When he saw her getting of the bus
It seemed to wipe away the years
Her face was older, just a little rough
But her eyes were still so clear

 Arte pour l’art …
Teil 2

Ein Jahr später.

Ich hatte wieder meinen Urlaubstrip und ich überlegte mir, die Stadt erneut zu besuchen. Alte Erinnerungen an die Stadt wach zu rufen und wieder zu erwecken, in der ich erheblich mehr erlebte als nur jene Affäre. Erinnerungen auffrischen und zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt hatte. Ob die alten Stellen noch die selben Gäste, Kellner und Besitzer hätten wie damals. Nochmals das Leben dort aufsaugen. Nur für vier, fünf Tage. Ein letztes Mal „Lebewohl“ dort sagen. Auf meine Art.

Es war wohl auch der Strickpullover, der mir insgeheim einflüsterte, doch mal nachzuschauen, wie es dem Rest des Wollfadens noch ging, ob er da irgendwo noch herumliegen würde. Ob Ariadne vielleicht noch den roten Faden in ihren Händen hielt.

Ich kam in der Stadt an. Die Sonne schien. Der altbekannte Geruch der Strassen rief in mir die altbekannte wohligen Erinnerungen der Vergangenheit hoch. Die Menschen um mich herum spielten Klavier auf den Saiten meiner Erinnerungen und riefen Assoziationen in mir wach. Wie in einem Trancegefühl der Erinnerungswellen lief ich mit meiner Reisetasche an dem Busbahnhof vorbei.
Meine Füsse berührten alten Boden und ich wusste, welche Richtung ich zu gehen hatte.
Wohin mich der Weg führen würde.
Welches Hotel ich aufsuchen würde.
Was ich danach als nächstes tun würde.

Eine Gruppe von drei Zivilpolizisten stand an einer Wand und versuchte beruhigend auf jemanden einzureden, der verdeckt war.
Ich ging zügig weiter.
Die Perspekive und der Betrachtungswinkel der Szene änderte sich.
Die Polizisten hatten offenbar eine besoffene Person abgezirkelt.
Eine übliche immer mehr verbreitete Tendenz, dass man ungeliebtes Pack von öffentlichen Plätzen und Gebäuden fern halten will, ging mir durch den Kopf.
Ein erneuter Blick von mir zeigte, dass es eine Frau in einem leicht angegrauten Mottenfiffi auf die Polizisten einzureden versuchte.
Ungewöhnlich für diese warme Jahreszeit.
Sie kriegte allerdings kein Wort heraus.
Das einzige was zu hören war, waren Zisch- und Röchellaute.
Die Frau hob ihre Hand und ihren Kopf und zog mit ihrem Zeigefinger über ihre Kehle.

Mir lief beim Anblick der Kehle das kalte Grausen über den Rücken.

Auf ihrer Kehle liefen mehrere langliche Quernarben. Die Narben waren offenbar verheilt, aber nicht sehr alt.
Die Frau hatte offensichtlich Selbstmord mit einer Rasierklinge versucht und sich dabei wohl die Stimmbänder zerschnitten und überlebt.

Erst jetzt blickte ich der Frau ins Gesicht und erkannte

ANA ExclamationShocked


Ich ging weiter und richtete meinen Blick erstarrt vor mir auf den Boden. Und ging und ging.
Sie hatte mich nicht gesehen.
Nein, eigentlich ging ich nicht mehr. Ich lief hastig weiter. Ich floh.
Zum nächsten Taxi.
Zum Hotel.
Ins Zimmer.

Am nächsten Tag verlies ich die Stadt sofort wieder …

… der weiter gestrickte Pullover gehört mir noch immer …

… Ende? Sowas hat nie ein Ende …

 It’s not always true that time heals all wounds
There are wounds that you don’t wanna heal
The memories of something really good
Something truly real, that you never found again

 

The Actor


 Principal actors to the stage please,
Act One is about to begin in 8 seconds.


Wie ich dazu kam?
Wie die Jungfrau zum Kinde?
Wohl eher nicht.

Eigentlich wollte ich nur eine Reportage mit einem Interview machen.
Das Stück „Maria kämpft mit den Engeln“ von Pavel Kohout sollte in vier Wochen aufgeführt werden.
Meine erste längere Reportage, mein erstes Interview für die Zeitung. Ich war ausgewählt worden. Ich wäre geeignet dazu.
Nur Mut, du schaffst es. Wir vertrauen auf dich.

Nervösität machte sich vor dem Termin bei mir breit.
Die beiden Regisseure hatten mich schon begrüsst und leiteten die Probe.
In einer der mittleren Reihen hockte ich und ließ die Probe auf mich wirken.

We all watch
The Actor Acting.


Und in der ersten Reihe die beiden Regisseure, welche verschiedene Anweisungen gaben und immer wieder korrigierend eingriffen.
Weder Stück noch Inhalt waren mir bekannt. Trotzdem merkte ich worum es ging.
Die Schauspieler spielten ihre Rolle, brachen aus und ärgerten sich über Fehler und ich merkte es oftmals viel zu spät. Ein faszinierendes Ratespiel, was zum Theaterstück gehörte und was zum Leben der Schauspieler.

Irgendwann kamen die beiden Regisseure auf mich zu und ich zückte meinen Block mit den vielen Stichworten und Fragen. Ich fühlte mich bereit für meinen ersten ernsteren journalistischen Einsatz.

Sie begrüssten mich und fragten, ob es mir gefallen hätte.
Ein munteres Interview und mein Block füllte sich.
Hintergrund-Infos sprudelten.
Es ging dem Ende entgegen.

“ Und nun haben wir noch ne Frage an Sie“, meinte er zu mir.
„In unserem Stück ist die kleine Rolle des Metzgers frei geworden. Der Schauspieler wollte nicht mehr und wir suchen dringend Ersatz!“

You love to act, I wish you would,
It’s not acting, it’s re-acting
Act like you’re not from out of space,
When I’m on stage I feel alive


So stand ich eines Abends auf der Bühne, hatte eine Metzgerschürze, eine Metzgermütze und ein Metzgerbeil in den Händen.
Zerhackte auf der Bühne eine Salami.
Antwortete auf eine Frage in perfektem Französisch.
Und hatte dann meinem alleinigen Abgang von der Bühne mit einem kräftigen:

“ SCHEISS DRAUF, ICH WÜRD DRAUF SCHEISSEN!“

Bretter, die die Welt bedeuten und die süchtig machten.
Applaus ist das Brot des Künstlers und zum Schluss wurden wir fleissig vom Publikum gefüttert.
Vorhang auf Vorhang, bis er nicht mehr aufgehen wollte und die Technik versagte.

Bis heute spreche ich kein Wort Französisch. Wenn ich was französisches lese, kann ich es maximal mit meinem Portugiesisch-Verständnis übersetzen.
Mehr nicht.

Bis auf eben jenen Satz, den ich auf der Bühne sprechen gelernt hatte.
Von dem ich nicht weiß wie er geschrieben wird.
Ein Satz, der Franzosen spontan aufstrahlen lässt, bevor ich Ihnen auf Englisch erkläre, dass es mein einzigstes Französisch ist.
Ein Satz, der andere imponiert, obwohl wenig wert ist:

„Aber ja, Madame. Ich spreche perfekt französisch. Meine Großmutter war Französin.“

You are the Alpha Male,
I’m just too pretty for that role
You are the good, you are the great,
The words have power