Kneipengespräch: Wat für e‘ CD …

Seine Zigarettenschachtel rotierte zwischen seinen Fingern.

„Noch zwei Minuten.“

Sein Feuerzeug war schon griffbereit neben seiner Schachtel.

Neben mir machte sich Unruhe bereit. Der Wirt ging zu seinem weißen Sicherungskästchen rüber.
Ich blickte zur Decke. Die Klimaanlage surrte gleichmäßig. Der Wirt hatte vierzehn Tage seine Kneipe still gelegt und eine zweite Decke mit Lüftungssystem eingezogen. Statt der vier Meter hohen Decke war sie jetzt nur noch knappe drei Meter hoch und vermittelte jetzt der Kneipe einen angenehmen klaustrophoben Eindruck. Vorher erinnerte alles an Altbau, jetzt an die kleine gemütliche Kneipe an der Ecke.
Die Tür ging pausenlos auf uns zu. Leute strömten rein.
Ich kramte in meiner Tasche, um mein chinesisches Feuerzeug, meine Moods und die Clubkarte heraus zu fischen.

Er hatte seine bereits demonstrativ vor sich hingelegt. Rechte Hand „Marlboro Rot“, linke Hand ZIPPO-Feuerzeug. Und nicht nur er.

„Zehn. Neun. Acht.“

Sein Blick war auf die Funkuhr überm Tresen gerichtet. Leise zählte er den Countdown.

„Drei. Zwei. Eins.“

Der Wirt legte einen Schalter um, die Klimaanlage fuhr hörbar herunter. Die Gespräche verstummten. Still wurd es. Gespenstisch still. Ein vielfaches Klackern von Feuerzeugen ertönte, tiefe Lungenzüge und verlegendes Gekichern erfüllte die Luft. Dann fast ein chorales Ausatmen und … die Gespräche wurden fortgesetzt, als ob nichts wäre.
Eine Neonschrift leuchtete auf und verkündete „Raucherclub geöffnet“.

Jemand bewegte sich zum Tisch vor der Tür, holte Kladde, Kugelschreiber und Geldkassette hervor und baute sich vor der Tür auf. Es war der Kalle, ein Schrank von Mensch, einfach gestrickt, gutmütig aber auch von mancher brutaler Simplizität. Er hatte vor einer Woche einen Zivilkontrolleur unter Applaus der Anwesenden rausgeschmissen, der die Clubgebühren nicht zahlen wollte. Der hatte sich vorher rein geschlichen und als der Raucherclub eröffnete, war er ohne Clubkarte und stand zudem auch noch direkt neben Kalle. Er meinte, die 5 Euro Clubgebühr von Amtswegen nicht zahlen zu müssen. Er konnte danach Frischluft schnappen.

Der Wirt ging rum und scannte die Clubkarten mit seinem Handscanner ein. Jemand war ohne Clubkarte und wurde zu Kalle geschickt. Ich zündete mir meine MOODS an.
Eine Frau lächelte mich an. Mein Angebot lehnte sie ab. Sie sei Nichtraucherin, aber – wie entschuldigend fügte sie es hastig hinzu – Nicht-Raucherkneipen seien einfach langweilig.

„Kölsch?“

Er stellte mir ohne meine Antwort abzuwarten, eine Stange vor mich hin.

„Haste schon die neusten BAP-CDs?“

Ich schaute ihn an.

„Gibt’s wieder ne neue Best-of von BAP?“
„Nein, es gibt zwei neue.“
„Aha. Und?“
„Was und?“
„Hörbar?“
„Hörbar.“
„Gut hörbar?“
„Gut hörbar?“
„Doppel-CD?“
„Zwei einzelne CDs.“
„Doppelte Geld?“
„Doppeltes Geld.“
„Lohnenswert?“

„Hat wer mal Feuer?“
Sie mischte sich einfach so ein.
Einfach so, als es spannend wurde.
Ich reiche ihr meine MOODS. Sie nimmt sich sie und geht einfach weg. Ohne zu fragen.
Einfach so. So einfach.
Ich wollte mir sowieso ne neue anzünden.

„Und? Lohnenswert?“
„Nein. Die kenn ich. Noch nicht mal löhnenswert.“
„Nicht die Frau. Die CDs.“
„Die lässt an ihre Haut nur Wasser und CD.“
„Solange die nicht die Helen der Charlotte Roche ist.“

Er seufzte.

„Früher hat BAP noch ‚Südstadt, verzäll nix‘ gesungen. Heute singen sie ‚Wa’ss loss met dä Stadt ?‘ „.
„Tja, Köln hat ich geändert.“
„Niedecken singt über New York.“
„Nicht Kölner Südstadt?“
„Nein, da ist der kaum noch.“
„Jaja, der Jung wird älter. Da setzt die Kosmopolität ein.“
„Der Asphaltpirat singt auch von Uganda und dem Krieg auf den Ilhas Malvinas.“
„Fern ab vom Bahnhofskino, von Weidenpesch, der Ehrenstraße mit seiner Königin oder Städten im Niemandsland?“

Er hielt kurz inne.

„Kauf Sie dir. Sie werden dir gefallen.“

Der Wirt hat die CD gewechselt.
Kölsche Lieder.
Deutsch-rheinisches Heimatliedgut.
Kölsche Songs von BAP.
Nix fürs bayrisch-deutsche Hochdeutsch-Gemüt …

Songs sinn Dräume, manchmohl Dräume,
Déjà-vus vun jet, wat noch wohr weede soll.
Songs sinn Länder, fremde Länder,
wo mer immer schon hin wollt,
wo mer immer schon hin wollt…

Songs sind Träume, manchmal Träume,
Déjà-vus von jetzt, was noch wahr werden soll.
Songs sind Länder, fremde Länder,
wo man immer schon hin wollte,
wo man immer schon hin wollte….