In vollen Zügen: Das Experiment von Trithemius

Das Experiment bei Trithemius ist beendet. 13 Autoren haben sich beteiligt. Und die unterschiedlichen Geschichten faszinieren.
Hier findet sich der gesamte Beitrag:

Link

Lesen lohnt sich.
Ein eigener Beitrag von mir findet sich auf der nächsten Seite.
Aber ernsthaft: ich empfehle den Link oben.
Eben weil es sich lohnt.

Hatte ich das bereits gesagt gehabt, dass es sich lohnt dort zu lesen?

Hier mein Beitrag:

Laptop, Aktentasche. Alles dabei.
Umsteigen. Wieso eigentlich? Warum gibt es keine Direktverbindung?
20 Minuten Verspätung. Aber zwischen Köln und Frankfurt in einer Stunde an allen Tieffliegern der A3 vorbei geflitzt. Das ist der technologische Fortschritt. Man ist mit Verspätung schneller dort, wo der Bugatti-Fahrer erst in einer Stunde und mit mehreren geblitzten Geschwindigkeitsüberschreitungen später eintreffen wird.

Immer wenn ich von Karlsruhe nach Köln gefahren bin, dann kam ich zweimal über den Rhein. Bei jeder Rheinüberquerung habe ich meine Arme ausgestreckt. Knöllchenverdächtig. Na klar. Und mancher Autofahrer neben mir hat geschaut, als ob ich einen an der Waffel hätte. Aber das war mir egal. Der Rhein ist die Macht im Lande. Er hat so eine Kraft.

Was haben wir dem Fluss nicht schon alles zugemutet. Nach dem zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren schäumte er. Bis Henkel den Schaumbremser für häusliche Waschmaschinen erfand und die Städte ihre Abwasser klärten. Da war Ciba Geigy in der Schweiz. Die haben mal ebenfalls ein wenig Chemie in den Rhein geleitet und ihn damit total geklärt. Der Fluss war biologisch tot. Kein einziger Fisch, keine Kolibakterie hatte diese chemische Keule überlebt. Trotzdem war das Baden verboten. Obwohl kein Gesundheitsamt beim Fischen nach Kolibakterien fündig geworden ist. Inzwischen hat der Rhein wieder Leben. Rhein auf, Rhein ab wird drauf geachtet, dass die Fluss-Belastung durch Menschen verringert wird.

Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett gesehn.

Der Zug schleicht über die Deutzer Brücke. Dort auf der Seite, wo Ballauf und Schenk immer ihre Tatort-Pommes-Büdsche-Szene haben. Leere. Schade, es wird kein neuer Kölner Tatort gedreht. Es wird mal wieder Zeit für diese beiden Kommissare. War damals der Hamburger Tatort die Wolke, so belegt für mich der Kölner Tatort den Sehenswert-Platz meiner privaten Rating-Liste.

Behäbig fließt der Rhein in seinem Bett dahin. Ein Schlepper kämpft sich gegen die Strömung an.

In meinen Gedanken sehe ich mich an dem einen Ufer in den Fluss springen und auf das andere Ufer zu schwimmen und mich von der Strömung abtreiben. Vielleicht würde ich es in Köln Niehl schaffen ans andere Flussufer zu gelangen. Dort wo die FORD-Werke sind. Und dann direkt in Niehl bei dem Verwaltungsgebäude aus dem Fluss entsteigend mir dann direkt im Schulungsgebäude erklären lassend, wie man mittels eines 8-D-Berichts alle Kunden dieser Welt zufrieden stellen könnte.
FORD.
Ford wollte mit dem FOCUS das Weltauto schaffen. FORD schaffte es nicht einmal bis zum FOCUS Cabriolet. Zu schwierig gestaltete sich das Projekt: Ein FOCUS in Indien muss anderes aufweisen, als in der USA oder in der BRD. In der USA ist der FOCUS ein Studentenfahrzeug, weil es so klein ist (der SMART dagegen ist ein Floh). In Indien ist das Cockpit uninteressant, weil diejenigen, die sich einen FOCUS leisten können, sich chauffieren lassen. Da muss es hinten im Komfort stimmen. Bei uns muss es vorne stimmen, weil der Fahrer an sich permanent aufs Cockpit starrt und allen Komfort haben will. In Indien brauch der Fahrer nicht zwingend einen Air-Bag. Wir steigen nur in Fahrzeuge ohne Air-Bag ein, wenn es sich um einen echten Oldtimer handelt.

Der Rhein.

Bei Hochwasser steht auch die Produktion in den FORD-Werken von Niehl. Steht und unter Wasser. Geplant wird allerdings bei FORD in sicherer Distanz zum Rhein in Merkenich. FORD Merkenich wird unter FORD-Lieferanten auch „FORD merket nicht“ genannt. Nun ja.

Der Rhein.
Das stehen am Ende der Deutzer Brücke die beiden Reiter.

Frau Lüttchen war die gute Freundin meines damaligen Vermieters in Aachen (Karl Brzeskiewisc). Die wohnte nach dem zweiten Weltkrieg 1945 auf der Scheel-Sick. Sie musste rüber auf die andere Seite. Die Brücken lagen im Rhein und die Alliierten hatten notdürftig die Deutzer Brücke geflickt. Und nun musste Frau Lüttchen zum Ballettunterricht. Und sie wollte es. Auf die andere Seite. Und der Weg führte über die Brücke. Einspurig. Sie wartete den nächsten Zug ab und ging dann über die beiden Gleisschienen balancierend auf die andere Seite. Hoch über den Fluten des Rheins. Ein wenig Angst hatte sie schon. Aber es war nicht wirklich gefährlich. Die Schwellen zwischen den Gleisen erleichterten das ganze. Und so überwand sie die Strecke jedesmal.
Bis auf eines Mal. Ihr blieben noch 20 Meter, als plötzlich hinter ihr die Schienen vibrierten. Ihr überlief es eiskalt. Ein Zug war hinter ihr sich am Annähern. Sie versuchte schneller zu gehen und zu balancieren. Sie schaffte es schließlich bis auf Höhe des Ufers und sprang in die Uferböschung hinab. Sie lag unten im Dreck und über ihr fuhr der Zug vorbei. Geschafft. Verletzt aber lebend. Jene Ballettstunde musste sie ausfallen lassen, aber sie war jenes Mal nicht böse darum. Sie musste jedenfalls nicht in den Rhein springen. Zu viele sind schon in den Fluten gesprungen und abgetrieben und nicht mehr lebend heraus gekommen.

Also doch nicht schwimmen. Ich wische mir die Idee weg. Nein, das muss nicht sein. Ich stehe in gebückter Haltung und starre den Rhein entlang, den braunen Fluten. Trübe ist das Wetter und die Touristenschiffe liegen schaukelnd vereinsamt am Ufer. Der Kölner Dom schiebt sich mir majestätisch in den Blickwinkel. Der Reiter der Brücke. War das nicht derjenige, der half den Dom zu vollenden. Jenes Bauwerk, welches fast über 500 Jahre Bauzeit verschlang?

Der Dom, er steht da so majestätisch. Es ist die einzige Sehenswürdigkeit einer Stadt, die einzig und allein von deren Bewohner und deren Flair lebt. Köln, das ist die Stadt des Lebens. Keine andere Stadt hat diese Power.

Mein Handy geht los. Jemand versucht mich zu erreichen. Ich lasse es schellen. Mir doch egal.
Ich beschließe den Anschlusszug zu verpassen. Die Bahn hat eh Verspätung. Und statt dessen in den Dom zu gehen und dann zum „Früh Kölsch“ um die Ecke. Ein zwei Kölsch werde ich mir genehmigen.
Eine Frau hinter mir rempelt mich an und bohrt mir ihren Koffer in den Rücken.
Das Stahlskelett des Kölner Hauptbahnhofs schiebt sich vor dem Dom.
Gesichter ziehen draußen am Fenster vorüber.
Unzufriedene Gesichter, denn der Zug hat Verspätung.
Mir egal. Ich mach jetzt Pause.
Ich schiebe mich aus dem Zug raus und remple ein paar Ungeduldige an der Tür. Das muss sein. Das gehört inzwischen zur DB-Mentalität. Rempeln und nicht entschuldigen. Soweit habe ich gelernt.
Laptop, Aktentasche. Alles dabei.
Ich schlängle mich aus dem Bahnhofgewusel raus.
Ziel Domplatte.
Kölsch hier bin ich. Hier darf ich leben …

Generation "Vodka Red Bull"

Das ist mein Beitrag zur Blog-Parade von Frank Lloyd: Komasaufen – Wie schlimm steht es um unsere Jugend?
Ein Re-Up sozusagen, da ich schon mal zu diesem Thema gleiches schrieb.
Weitere Beiträge zu dieser Blog-Parade finden sich bei Frank Lloyd

Es ist Freitag abend.
Ich streife lauernd durch die Gänge des ReWe-Supermarktes.
Wo sind die chinesischen Nudeln? Und haben sie diesmal endlich die Geschmacksrichtung „Ente“? Oder wieder dieses billige Ersatzzeug, was so labbrig schmeckt, dass es einem schon um die Hitzebelastung der Herdplatte leid tut deswegen?

Während ich mich in den Untiefen der Regale verliere, kommt eine Gruppe Jugendlicher vorbei und bleibt direkt vor meinem Einkaufswagen stehen. Der eine hat eine Flasche „Wodka Gorbatchow“ und ergreift gerade ein Werbepaket „Jägermeister“, welches sich beim Regal davor befindet. Den anderen gefällt das nicht. Sie wollen mehr „Red Bull“ und irgendwie reicht deren Geld für alles nicht. Nach kurzer aber intensiver Diskussion wird der „Jägermeister“ wieder zurück gestellt und der offensichtlich älteste kriegt Geld für die Flasche, während sich die anderen Richtung „Red Bull“-Kühltonne aufmachen.
Später sehe ich sie auf der Staße vor mir gehen. Die Flasche erscheint wie eine Trophäe. Der ältere hält sie, aber die jüngeren flirten die Flasche an wie eine Edelschnitte. Sie ist noch verschlossen und die Truppe zieht sich nach „erfolgreicher Jagd“ zurück. Um die Beute redlich zu teilen?

An den Bushaltestellen lächelt mich die Werbung von APEROL an. Eine vielleicht 25-jährige Badenixe im Einteiler vor einem Pool. Dabei noch ein Wassermann.
Mir fällt die „Jägermeister“-Werbung mit den beiden Hirschen ein. Und auch deren „Jägermeister-Shop“. Immer laufen jüngere Menschen durchs Bild.
Die „Batida de Coco“-Werbung mit den leckeren Mädchen, den großen Kokosnüssen und dem Glas Batida in den Händen.

In einer Sendung im Fernsehen wurde vor nicht allzu langer Zeit über das Flatline-Saufen berichtet. Alkoholisierte Kinder in Krankenhäusern gehören inzwischen zu Normalität.

Da war mal eine Diskussion über den Verbot der Alko-Pop-Getränke wie beispielsweise „Smirnoff-Ice“ oder die „Bacardi Breezer“. Es wurden die Steuern auf solche Getränke erhöht und der Verkauf ging erheblich zurück.
Inzwischen mixen sich die Kinder diese Alko-Pops lieber selber. Das ist erheblich billiger.
„Red Bull“ als Energieträger und Süßmittel und Vodka als Unterlage. Das ganze ist süffig. Wirklich süffig, weil der Vodka so gefährlich fast nach nichts schmeckt.
Jedoch kommt irgendwann der Punkt, an dem der Alkohol im Vodka den Schalter im Menschen in weniger als 5 Minuten umlegt und aus dem vergnügten Menschen einen vergifteten Menschen macht. Es ist der Zeitpunkt, wann es günstig ist, einen Krankenwagen für die Notaufnahme zu rufen.

Die Kiddies schütten sich mit dem Selbstgemixten schon vor dem Betreten der Diskos zu. Das spart unheimlich Geld. Limes und Vodka vom Discounter kosten kaum knappe 8 Euro und sparen unheimlich. Wenn man die gleiche Menge in der Disco vertilgen will, dann ist man schnell ein Vermögen los.
Der gesellschaftliche Spaß kommt offenbar beim Trinken. Nachher. Nicht vorher. Am Schluss steht dann die Kapitulation des eigenen Organismus.

Es gibt genügend Diskotheken, die haben von 22:00 bis Mitternacht „Happy Hour“ oder auch „Flatline“-Tarife für bestimmte Alkoholika. Man zahlt einen bestimmten Betrag und kann sich während den zwei Stunden beispielsweise ohne Mehrkosten Tequilla oder Vodka reinhauen. Soviel halt wie man verträgt.

„Soviel wie man verträgt“ ist leider dabei der Knackpunkt. Wie viel man wirklich verträgt, weiß man immer erst hinter her. Nach den berühmt berüchtigten 5 Minuten. Wenn es zu spät ist. Wenn man gar auf der Intensivstation aufwacht.

Aber vorher?
Aufgrund der Änderung in den Gesetzen zum Jugendschutz können 16-Jährige in Begleitung eines Volljährigen bis Mitternacht in den Dissen bleiben. Aber das geht auch mit der Unterschrift der Eltern. Vordrucke dazu finden sich im Internet und die elterliche Unterschrift … haben die Türsteher dann noch eine Chance festzustellen, ob die Unterschrift wirklich von den Eltern ist?

Das Ergebnis ist fatal.

Liegt es daran, dass der Alkohol so billig ist?
Wenn er selbst schon im Vorprogramm der Jugendkinofilme als normal angepriesen wird?
Wenn die Werbeträger in den Medien junge, lockere, frohe und coole Menschen sind?
Liegt es daran, dass „Vodka Red Bull“ – das Standardgetränk cooler Menschen in Diskotheken – so süffig, kalt und erfrischend daher kommt?
Würde man Flatrate-Parties gemerell verbeiten, würden die Jugendlichen aufhören, sich vor dem Disko-Gang mit Selbstgemixten anzutrinken?
Oder ist der abendliche Rausch samt Weggetreten-Seins reizvoller als die wöchentliche soziale Realität?

Wo muss man anfangen?
Wo aufhören?
Prohibition?

Erice hat sich damals schon mal Gedanken darüber gemacht.
Das Thema tritt immer deutlicher denn je hervor.
Aber wo sind die Lösungen?
Es gibt keine Rezepte, soweit erscheint mir das klar.

Es gibt keine Handreichungen im Supermarkt, wenn sich ein 18-Jähriger eine Vodka-Flasche kauft. Auch wenn der Verdacht auf der Hand liegen mag, dass der Flascheninhalt den Abend nicht überleben wird.

Was tun gegen Alkohol, der gesellschaftsfähiger denn je geworden ist …

Sei mal verdrossen, Politiker … (Teil 3 zum politischen Blog-Karneval)

Mein 3. Beitrag mit Trackback zum politischen Blog-Karneval (Link)
und gut is …

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Verdrossenheit ist eine besonders perfide Variante von nicht-Fisch-nicht-Fleisch in puncto Zufriedenheit.

Und dann gibt es die Steigerung: Politikverdrossenheit.
Mir ist das Wort an jenem Abend nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Das Wort taucht inzwischen in der Öffentlichkeit wieder häufiger auf.

1992 war es zum „Wort des Jahres“ in Deutschland gekürt worden. Das „Unwort des Jahres“ als Gegenpol war „Ethnische Säuberung“. „Ethnische Säuberung“ wurde zur international übliche Bezeichnung für die Vertreibung von Völkern gefunden.

Aber „Politikverdrossenheit“? Das Wort gleicht dem Mentekel für den Wahlrecht-Innehabenden. Wählst du nicht, dann gehört es dir entzogen. Denn wer nicht mitreden will, der braucht auch keine Stimme. Der braucht sie auch nicht bei der Wahl.

„Das stimmt. Aber was macht der, der seine Stimme bei der Wahl abgibt? Ist der stumm? Muss er stumm sein? Schließlich hat er sie doch für vier Jahre abgegeben und kriegt sie erst mit der nächsten Wahlbenachrichtigung zurück.“

Moment.
Was ist das denn jetzt hier?
Ich schaue zur Seite und stelle fest, dass ich wieder in meiner Kneipe stehe. Und er direkt neben mir.
Vor mir steht ein ein Karlsruher Hoepfner Pilsener. Rechts daneben ein Kö-Pi und links daneben ein Glas Alt-Bier.

„Nun mein Bester, du hast drei Bier-Sorten vor dir stehen und welches wirst du jetzt trinken.“
„Ehrlich? Diese Biere sind mir alle voll unsympathisch. Von links nach rechts immer unsympathischer.“
„Welches trinkst du nun?“
„Keines.“
„Du bist Bierverdrossen!“
„Quatsch! Du hast mir nur nicht das richtige vor mir hingestellt.“
„Tja, und so ist es mit der Politik.“
„Also Politikerverdrossenheit. Und nicht Politikverdrossenheit.“
„Und Politikerverdrossenheit ist das, was von Politikern am ungernsten gehört wird. Stellt es doch deren eigene Existenzberechtigung auf den Prüfstein.“
„Sie haben doch das Mandat derer Wähler.“
„Aber dann vielleicht doch nicht das Mandat im Sinne der Väter des Grundgesetzs?“

Er macht das Thema nicht einfach. Die Väter sind doch schon alle unter der Mutter Erde, die die Gerichtsinstanzen in mühsamer Einzelarbeit bereits umgegraben haben.

Der Wirt räumt die drei Gläser ab. Mit einem zufriedenem Brummen gießt er jedes einzeln genussvoll in den Ausguss. Ich atme erleichtert und dankbar durch. Da sind doch drei Kelche fiesestem Inhalts an mir vorüber gegangen.

Erfreut nehme ich vom Wirt ein frisches Kölsch entgegen.

„Komisch. Ich musste gerade an den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl
denken. Der hatte mit den VW-Gewerkschaftsbossen Sexparties in Seoul und Barcelona organisiert. Vögeln und Poppen aufs Wohl und Wehe der Werktätigen. Wenn ich mir überlege, dass der Uhl seine Wähler repräsentiert, dann müsste man von jedem seiner Wähler wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen und Beihilfe zur Untreue zu 39.200 Euro Strafe verurteilt werden.“
„Da wäre das Land Niedersachsen schnell saniert.“
„Und der Osten wäre nicht mehr so allein beim Warten auf blühende Landschaften. Oder der Uhl repräsentiert nur sich und nicht seine Wähler. Aber das weist ja jeder Politiker im namen der Demokratie von sich. nur …“
„Ja?“
„… selbst Berlin haben die Politiker schon wirtschaftlich ruiniert. Im Namen des Volkes. Aber statt diese wie organisierte Kriminelle zu behandeln, …“
„Moment. Vorsicht!“
„Doch. Die haben ihre Bevölkerung über deren Parteien gnadenlos geschadet. Aber passiert ist denen nichts.

Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, für sie um Mitglieder oder Unterstützer wirbt oder sie unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das steht im §129 Stgb eindeutig geschrieben.“
„Außer wenn die Vereinigung eine politische Partei ist, die das Bundesverfassungsgericht nicht für verfassungswidrig erklärt hat. Und die Parteien und deren Politiker, die Berlin ruiniert haben, gehören nun mal Parteien an, die nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.“
„Dann muss §129a greifen! Wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, wenn eine derer Taten bestimmt ist, die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern …“
„Na, na, na! Sie wissen, was Sie da sagen? Dieser Paragraph bezieht sich auf den Terrorismus.“
„Hm.“

Der Klügere kippt nach.
Ich schweige und trinke aus meinem Kölsch.
Hinter uns hat jemand plötzlich ganz lange Ohren bekommen. Ein freiberuflicher Verfassungsschützer? Ein so genanntes Verfassungskondom?
Als ich ihn anblicke, schaut er voll konzentriert harmlos in sein Weißbierglas. Es könnte auch ein deutscher Hobby-Geschmackskontrolleur sein, der sich gleich in unser Gespräch mit seiner ihm eigenen Kompetenz einmischt.
Mein Nachbar dagegen lässt sich ein neues Kölsch bringen. Wie eine zufriedene Katze schnurrt er seine Kölschstange an.
Luft holend riskieren ich noch einen verfassungsfeindlichen Satz:

„Die Politiker benehmen sich trotzdem wie die Heuschrecken.“
„Sind Sie politisch tätig?“
„Ich war es mal.“
„Es ist ein leichtes immer auf Politiker zu schimpfen. Die taugen ja hervorragend als Ohrfeigen-Gesichter für die eigene Untätigkeit, nicht wahr?“
„Ich hatte letztes Jahr keine 40.000 Euro wie der Uhl, um Sexparties zu organisieren. Mir pudert auch niemand Bodyguards, Sperrzäune und tolle Abendessen in den Arsch wie letztens an der Ostsee. Geben Sie mir 40.000 Euros und ich werde auch politisch aktiv.“
„Höre ich da den Neid eines Besitzlosen heraus?“

Ich zog meine Augenbrauen tiefer, verdichtete meine Augen zu einem Schlitz und beobachte die Umgebung genau. Nein, ich beherrsche es noch immer noch nicht. Aus meine Augen kommen noch keine tödlichen Blitze.

„Für so was kriegt der nicht meine mühsam gezahlten Steuergelder!“
„Aber als Ausgleich dürfen Sie doch dafür wählten.“
„Hm. Bei der Wahl? Die Umfragewerte für die Parteien zeigen, was von denen gehalten wird.“
„Kennen Sie die beliebteste Antwort der Politiker darauf?“
„Worauf?“
„Auf das Schlagwort ’schlechte Umfragewerte‘.“
„Keine Ahnung.“
„Falsch. Die Antwort wäre gewesen: ‚Wir wollen mit unserer Überzeugung nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen.‘ Und wer hat’s gesagt?“
„Der Westerwelle, als er mit seiner FDP die 18% im Bundestag erringen wollte?“
„Nein. Das ist der Standardsatz jeder Partei.“

Während ich mir gerade überlegte, wo der Westerwelle damals seine 18-Prozent-Kampagne begann. War es im Big-Brother-Container? Ich bin gespannt, wann es zum ersten Mal zur Revolte im Container kommen wird. Aber da müssten wir noch lange warten, bis die sich in ihrem freiwilligen Knast ihres freien Willen bewusst werden.
Mein Gesprächspartner nahm er einen Schluck aus seinem Glas und fuhr fort:

„In Umfragen wurde letztens herausgefunden, dass die Wähler mit der Art und Weise der Demokratie unzufrieden sind. Die Leute wählen dann entweder radikal oder gar nicht. Was den Politikern aber egal ist, denn differenziert zu denken, war ja noch nie deren Stärke.“
„Wieso? Wer nicht wählt, wählt die Radikalen.“
„Auch so ein Standardsatz der Politiker, der gebetsmühlenartig von denen herunter gebetet wird. Beweis durch mehrfache Beteuerung. Kaugummi für’s Großhirn. Demnach ist also jeder Nicht-Wähler im Grunde ein Wähler der Extremisten. Wer sowohl nicht wählt, als auch extremistisch wählt, der wählt staatsfeindlich. Der hat in den Augen der Politiker seine Recht auf freie und unabhängige Wahl missbraucht? Derjenige, der nicht wählt, ist dann fast genau so extremistisch wie der Extremist an sich, der verboten gehört.“

Ich lache und versuche zu ironisieren:

„Außer er ist Rechtsextremist oder Rechtsradikal. Die sind nicht wirklich demokratiefeindlich. Sind ja auch nicht verboten. Und was nicht verboten ist, ist erlaubt.“
„Eben. Denn der Rechtsradikale ist von seiner Haltung ja im Grunde staatsbejahend. Im Gegensatz zu den Linksradikalen. Der Rechtsradikale bejaht ja im Grunde die Einhaltung von Gesetzen, insbesondere wenn er sie selber geschrieben hat.“
„Sozusagen sind also diejenigen, die das ihnen zugedachte Wahlrecht verweigern, Sympathisanten von Terroristen? Dann greift ja §129a und wir hätten schon bald volle Gefängnisse.“
„Und Orwellsche Zustände. Denn zur Erfüllung der Orwell’schen Horrorvision benötigen wir nur noch Geschmackskontrolleure, die Verfehlungen aufnehmen und der breiten Masse zugänglich machen. Und das erledigen momentan die Medien. Einmal fremd gegangen und ein Kind gezeugt? Sexparties organisiert und dabei keinen hoch gekriegt? Nackt am Strand von Mallorca rumgelegen? Einen Pornodarsteller als neuen Freund? Die Journaille war dabei und hat es auf Seite 1 gebracht.“

Ich starre dumpf brütend vor mir hin. Die Kneipe hat sich geleert. Das Salsa-Gedudel macht gerade dem südamerikanischen Schieber-Blues Platz. Der Merengue.
Mein Gesprächspartner winkte den Wirt herbei und gab ihm sein leeres Kölsch-Glas zurück. Dann schauter er mich von der Seite an:

„Sie sind also auch politikverdrossen?“
„Ich bin Privatier. Ich brauche über meine Politik-Laune keine Rechenschaft abgeben.“
„Sie sind politikverdrossen?“
„Sie meinen, ob ich denen angehöre, die lieber deren eigene Politik in deren Umkreis machen, statt diese überregional mit anderen zu teilen? Ja.“
„Als ich im Rechtstag war, sagte mir mal ein Regierungspolitiker, alles was wir so machen sei politisch. Politik bezeichne ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten, so war sein Credo.“
„Wie das bei den Cliquen um die Gangsta-Rapper? Das was Sie letztens ansprachen? So Bushido, Sido und Co KG?“
„Die machen auch Politik. Aber die machen das nicht im Rahmen einer Parteienwirtschaft. Sie interessieren sich nicht dafür. Die sind Parteien- und Politikerverdrossen. Aber Politikverdrossenheit sehe ich bei denen nicht, denn deren Ansichten entsprechen auch einer Politik. Nur außerhalb des Rahmens mancher Gesetze und außerhalb unserer parlamentarischen Demokratie.“
„Parlamentarischen Demokratie? Also waren die Demonstranten in Heiligendamm nicht staatskonform? Also ein Übel? Daher wurden auch die offensichtlich friedlichen Demonstranten also geprügelt. Denn schließlich müssen die sich ja vorwerfen lassen, dass, falls sie in Parteien eintreten würden, massiv an den Entscheidungen mit hätten wirken können.“

Er schüttelt lächelnd den Kopf.

„Wer friedlich ist, der ist eh nie staatskonform. Auch nicht in einer parlamentarischen Demokratie. Pazifismus taugt weder als Staatsform noch findet es nirgendwo auf dieser Welt sonst eine Erfüllung in einer Staatsform.“
„Unsere Zeit ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen.“
„Schön gesagt. Kommt das von Ihnen?“
„Das war nicht von mir. Das hat Robert Musil Anfang des letzten Jahrhunderts gesagt.“
„Sie werden jetzt philosophisch.“
„Ich hab noch so ne dummdreiste Phrase auf Lager. ‚Wenn Wahlen was ändern würden, …'“
„‚… dann wären sie verboten.‘ Ich weiß.“

Wir schweigen vor uns hin.

Das leise Wimmern einer südamerikanischen Salsa-Musik erfüllt die Kneipe.
Der Wirt stellt die ersten Stühle hoch, macht das Licht an.
Ich hole meine Geldbörse raus und werfe ihm nen Zwanziger auf den Tresen.

„Stimmt so.“

Ich wanke raus. Gerade als ich die Tür hinter mir schließen will, höre ich den Wirt leise angestrengt jammern:

„Boah ey. Endlich ist er weg. Der mit seinen ewigen nervigen Selbstgesprächen …“

Ertappt … Teil 2 zum politischen Blogkarneval

Mein 2. Beitrag zum

Meine Frau fand mehrere Überweisungen von mir im Wohnzimmer. Vom so genannten Wanderlandwirt (einem Geh-Bauer) des „Publikumsauto“-Herstellers.
Waren Überweisungen zu der Zeit, als ich in Brasilien dienstreiste. 40.000 Euros. Hörte von meiner Frau gemeine Verdächtigungen.
Habe sofort alles per Anwalt bei ihr dementiert. Jedoch Quittung von Andriana Barros im Schlafzimmer vergessen. Bösen Anruf von ihr erhalten. Auch von ihrem Scheidungsanwalt. Habe meiner Frau 39.200 Euro Scheidungskosten zugezahlt.
In beliebter Gastronomie im Industriegebiet ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl getroffen. Erzählte mir unter Tränen eine Geschichte von Richtern, Meineiden, Gebauer, Adriana Barros, Liebesdiensten und 39.200 Euro. Eine Runde zusammen mit ihm geheult. Hat gut getan. Danach mit Entschlossenheit gemeinsam bei Adrianna Barros angerufen und zwei Mädels fürs Separé bestellt. …

Rien ne plus, wa‘ … oder: Bring mich zum Rasen … (Teil 1 zum politischen Blogkarneval)

Mein 1. Beitrag zum

„Ich hab sie ja alle so satt.“
„Hm? Stimmt, das ist kein schönes Spiel.“

Im Fernsehen über unseren Köpfen läuft Brasilien gegen Türkei.
Die Übertragung aus Dortmund.
Aus der Konserve des Wirtes.
Ein Freundschaftsspiel.
Die türkische Mannschaft hat ganz klar Heimrecht. Und die paar brasilianischen Fans sind die aufregenden Farbtupfer in der Signal-Iduna-Arena in Dortmund.

Signal-Iduna-Arena.
Nix „Kampfbahn Rothe Erde“.
Ein Freundschaftsspiel in Dortmund.
Bislang aber eher ein Krampfspiel.

Ob in Dortmund oder auf Schalke.
Es wäre kein Unterschied gewesen, hätten die beiden Mannschaften in Wanne-Eickel oder in „Herne 3“ bis 8 gespielt.
Selbst in Bottrop wäre es nicht das Gold vom Ruhrpott einer bundesligafreien Zeit geworden.

„Ich mein nicht das Fußballspiel.“

Er sitzt wie üblich brummelnd vor seinem Glas Kölsch und dreht es routiniert. Wie üblich mit zwei Fingern in bedächtiger Schieflage vor sich auf dem Tresen.

„Ich mein‘ das ganze neue Selbstverständnis der Jugend.“
„Welche Jugend?“
„Richtig. Welche Jugend schon. Die 13-jährigen spielen sich schon wie 25 Jährige mit Anspruch auf Altersteilzeit ab 63 auf.“

Mir gefällt sein Ton nicht. Und zudem schaut er mich auch noch aus trüben Augen an.

„Ich versteh nicht.“
„Schon mal die Mädels gesehen? Die sehen doch aus wie das totale Gegenteil einer Alice Schwarzer. Haben knallharte Ansprüche an Gleichwertigkeit der Frau zum Mann und pflegen das Frauenbild der 50er Jahre. Sie verstehen?“
„Hm.“
„So mit schlechtem Gewissen, dass dann keusch und jungfräulich neben der Frau steht und sie fragt, ob den auch ihr eigenes Becken wirklich sauber sei.“
„Gleichwertigkeit? Sie meinten vorhin wohl Gleichberechtigung, oder?“
„Ach Quatsch Gleichberechtigung. Nein, Gleichwertigkeit zum Manne! Daher sind sie auch alle so gleichförmig aufgebrezelt wie ein Opel Manta vor der TÜV-Abnahme.“

Ich schaue abwechselnd in mein „Pisco Sour“ und auf den Fernseher. Eigentlich wollte ich Fußball sehen und nicht großartig labern.

„Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?“
„Wie bitte?“
„Kennen Sie etwa die Pussy Cat Dolls nicht? Die Mädels im Spagat zwischen Babypuder und Kamasutra-Übungen?“
„Kamasutra- was? Natürlich kenn‘ ich die.“
„Wissen sie, da haben mehrere Generationen von Frauen dafür gekämpft, nicht als reines Sexobjekt betrachtet zu werden und jetzt ist ein Refrain der Slogan einer ganzen Mädelsgeneration geworden. Von 12 bis 32. ‚Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?‘ Ein Protest der Generation ‚Bauchnabelfreie Sexbomben‘ unter ihresgleichen. Letztens hatten die Pussy Cat Dolls ein neues Group-Mitglied gecastet. Es kamen zig Kopien der Girl-Group zum Casting. Eine sah aus wie die andere …“

Ich kippe meinen „Pisco Sour“ runter.
Fußball wollte ich sehen. Und nicht in Griesgramigkeit versinken.
Die Türkei ist dabei, das Team der Brasilianer zu versenken.
Der Wirt fragt lapidar, ob ich einen weiteren „Pisco Sour“ wünsche.
Ich nicke und beginne bei meinem Nachbarn den plumpen Versuch eines Themenwechsels.

„Wussten Sie, dass das brasilianische Nationalteam keine Fußballspiele mehr im eigenen Land austrägt? Die spielen sogar in Göteborg gegen Chile. Die haben keinen Bock mehr vor einheimischen Publikum zu spielen. Die fühlen sich dort nicht mehr wohl.“

Er steigt nicht drauf ein.
Er nimmt den letzten Schluck aus seinem Kölschglas und reckt zwei Finger hoch. Der Wirt stellt ihm sofort zwei neue Stangen hin. Eine davon schiebt mir mein Nachbar ungefragt rüber.

„Trink mal was vernünftiges. Nicht diese chilenische Plörre.“

Er stößt mit seiner Stange an meiner an.

„Prost, Jung.“

Ich ergreife das Glas und nehme einen Schluck.
Der angenehme süß-saure Geschmack vom „Pisco Sour“ vermischt sich mit dem herberen Kölsch. Bereuend stelle ich das Glas ab. Im Mund herrscht Geschmackschaos.

„Haste mal ‚Massiv‘ gehört? Nannte sich früher ‚Pittbull‘. Der würde neulich in Duisburg auf der Bühne von zwei anderen aus dem Publikum mit einem Schlagring niedergeschlagen. Live on stage. Freunde und Massiv selber sind dann hinterher und haben die beiden dann dafür erbarmungslos zusammen geschlagen. Es gibt Videos, wo der eine am Boden liegt und der andere auf den Wehrlosen eintritt.“

Ich hörte davon. Aber das interessiert mich nicht so sehr wie das Geschehniss auf der Glotze. Hamit Altintop zieht aus 20 Metern ab und trifft nur die Querlatte.
Glück für Brasilien.

„Gangsta-Rapper sind das Vorbild der sogenannten unpolitischen Jugend. Sprachlich und handwerklich. Wer gegen Gansta-Rapper-Regeln verstößt, kriegt eine aufs Maul. Verbal oder aktiv. Zack. So einfach ist deren Gerechtigkeit. Ohne Polizei und Staatsanwalt.“

Ich kippe das Kölsch runter.
Das Spiel ist langweilig und das Gewäsch meines Nachbarn geht mir auf den Zeiger.

„Die Rituale der Erniedrigung sind cool für die Jungs. Wie bei den Mädels. Je tiefer der andere, desto höher steht man selber. Am höchsten steht man schließlich unwiderlegbar am Grab des anderen.“

Ich erwidere nichts und starre auf meinen „Pisco Sour“. Ob ich mit einem neuen Schluck die Geschmacksrandale in meinem Mund berühigen werden kann?
Er hat gerade einen tiefen Schluck aus seinem Kölschglas genommen. Schaum rennt vom Glasrand auf den Rest seines Bieres.

„Und wissen Sie was mich am meisten stört?“
„Die Leere in Ihrem Kölsch-Glas?“
„Ach, hören Sie doch mal auf rum zu kalauern! Es stört mich, dass Politiker in Heiligendamm dafür gesorgt hatten, dass Demonstranten gegen eine ungerechte Globalisierung durch eine Minderheit in Misskredit gebracht wurden. Wie damals in 2001 auf dem G8-Gipfel in Genua, wo die Politik und Polizei aktiv die radikalen Autonomen zu deren Zerstörungsspielchen unterstützt hatten. Wo eine Schule friedlicher, abreisebereiter Demonstranten blutig niedergeknüppelt wurde. Und wo dann die noch Unverletzten in einer Polizeischule dazu gezungen wurden, faschistische Lieder zu singen. Taten die es nicht, wurden die brutal von Polizisten erneut niedergeschlagen. Sie taten es gezwungenermaßen denn vorher wurden sie wegen Verweigerung zum Singen bereits niedergeschlagen. Und als der junge Mann in Genua von einem Polizisten erschossen wurde, da knallten bei Polizisten und Politikern die Sektkorken. Da hat der italienische Berlusconi-Staat aller Welt gezeigt, wie er sein Volk haben wollte. Lammfromm und schweigend. Und der Weltöffentlichkeit wurde vorgegaukelt, Globalisierungsgegner seien Verbrecher, die sich Polizeiknüppel zu recht verdient hätten. Nach dieser Zeit sprach man dann von Politikverdrossenheit bei den Jugendlichen. Warum sollten die auch nicht verdrossen sein?“

Er holt Luft. Kein Wunder nach dieser langen Predigt.
Ich stochere nach meiner Jacke unterm Tresen. Das mörderisch langweilige Spiel wird gleich zu Ende sein und ich werde dann gehen. Hier hält mich nichts.

„In Heiligendamm scheint die Polizei offensichtlich auch bei den Autonomen gezielt mitgespielt zu haben, damit nachher jeder von ‚Chaoten‘ und ‚Globalisierungsgegener‘ in einem Atemzug rede. Das hat voll funktioniert. Wer friedlich mit der Mehrheit der Zehntausend demonstriert hatte, fühlt sich jetzt von der Politik veraten, verkauft und kriminalisiert.“

Die türkischen Fans feiern dem Schlusspfiff entgegen. Die Brasilianer dagegen werden das Spiel wohl gleich vergessen wollen.

„Wie damals die Sitzblockierer der 80er Jahre. Die wurden wegen ihrer friedlichen Sitzblokaden als ‚Gewalttätige“ geschimpft. Danach haben sich die meisten enttäuscht von der Politik abgewandt. Dann hieß es von denen, die vorher die vielen Friedlichen als ‚gewalttätig‘ beleidigten, sie seien ‚politikverdrossen‘. Gleiches wird man in einem Jahr von den Demonstranten in Heiligendamm sagen.“

Der Scheidrichter pfeifft die Partie ab und mit ihm viele brasilianische Zuschauer. Einstimmige Meinung der Nicht-Türkei-Fans mit dem Schiedrichter.
Die Partie gehörte schon längst abgepfiffen.
Oder per Fehlentscheidung einen Elfmeter für die Türken.
Ich nehme mir den Rest „Pisco Sour“ zügig zur Brust.

„Für die Politiker gibt es offenbar nur eine Art wahre Demonstranten. Und die liefen vor einem Jahr hier in Deutschland bei den public viewing areas herum und unterstützten lautstark selbst langweilige und uninteressante Spiele. …“

Dieser politische Monolog meines Nachbarn nervt mich nun endgültig ab. Ich kam her, um ein Fußballspiel der Brasilianer zu sehen und nicht um über Politik zu labern.
Stattdessen spielten die Brasilianer langweiliges, uninteressantes Rasenschach und mein Nachbar nutzte mich als seelische Müllhalde seiner eigenen politischen Verdrossenheit.

„… und wissen Sie was? Ein Gericht hat diese Sitzblokierer der 80er Jahre vom Vorwurf der ‚Gewalttätigkeit‘ höchstrichterlich freigesprochen. Nach den Vorfällen in Genua ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Dutzende von Polizeibeamten und Politikern. Nach Heiligendamm wurde zugegeben, dass polizeilicherseits Beamte möglicherweise als agent provocateure in den gewaltbereiten ’schwarzen Block‘ geschleust wurden. Sogar der gesetzeswidrige Einsatz der Bundeswehr im Innern fand mittels zweier Tornado-Aufklärer über Heiligendamm statt. Man will uns politisch erst weichkochen und dann zu Ja-Sagern machen. Und unsere Regierungspolitiker, …“

Dem Wirt lege ich eilig 15 Euro auf den Tresen.

„Stimmt so.“

Ich ergreife meine Jacke und haste fluchtartig zur Tür der Kneipe. Es reicht mit dessen elendem pseudopolitischem Genöle.

„… die schweigen nun dazu wie großmäulige Schuljungen, welche beim Spicken in der Schule ertappt wurden und nun aus Schreck darüber erst einmal verstummen. Bevor sie dann aber wieder lautstark Verschärfungen diverser Sicherheitsgesetze verlangen werden.“

Ich habe das im Nachtregen glänzende Pflaster der Straße erreicht. Die Tür der Kneipe schließt sich quietschend hinter mir.
Und wie ein Echo hallen noch die letzten Worte der Kneipenlabertasche über die menschenleere Fußgängerzone:

„Und ich garantiere Ihnen, in einem Jahr redet man wie damals in Italien wieder von Politikverdrossenheit der Jugend! …“

Die Stimme verhallt.
Hoffentlich spielt Brasilien beim Copa America wieder besser, geht es mir noch durch den Kopf.
Meine Schritte auf feuchtem Pflastersteinen sind das einzige, was ich jetzt noch höre.
Endlich wieder Stille …