Fastenzeit

Na, heute nur Cola?

Da stand er wieder am Tresen und statt der üblichen Kölsch-Stange hatte er ein bauchiges Glas Cola vor sich. Er schaute mich an, als wäre ich von einem anderen Planeten.

Es ist Fastenzeit.

Ja, ne, is klar.

Ich grinste ihn an. Fastenzeit in Deutschland ist ja bei der Mehrheit dieser Bevölkerung so, als ob es in Vatikan Freibier gäbe. Schlecht findet es niemand und moralisch gibt man dem anderen auch Unterstützung mit gewichtigen Sätzen wie „Ich müsste auch mal wieder abnehmen.“

Nein, wirklich. Es ist Fastenzeit und da will ich mich ein wenig mässigen.

Mit einer Cola-Diät?

Cola light.

Ich ließ mein Kölsch-Glas zwischen den Fingern rotieren, packte wild entschlossen zu, nahm einen großen fetten Schluck …

Herr Oberspielleiter, donn mir noch ens en Fastenkölsch!

Ich hatte den Satz kaum vollendet, als wie von magischer Hand das nächste Kölsch schon vor mir stand. War vom Kellner wohl so eine Art Notwehrreflex, denn mein Kölsch ist grausam und manch Kölner blockierte schon mit Fingern seine Ohren, um nicht mehr davon von mir hören zu müssen. Ich übe halt den sympathischen Dialekt noch. Deshalb führe ich mir Koelsch auch so gerne vor die Augen …
Wenn’s schon nicht durch die Ohren in meinen Verstande gelangt, vielleicht dann durch meinen Mund?…

Nein, ich kann nicht dauern Koelsch trinken. Da werde ich ja nur fett von.

Sein Cola-Glas schien momentan zur Wahrsagerkristallkugel zu mutieren, so wie er da rein starrte.

Altwieverfastelovend hab ich begonnen. Nach vierzig Stangen Koelsch …

Kinderkölsch?

Nein, ich trinke nur Null-Dreier. Am nächsten Tag war mir so übel. Und nen Flotten hatte ich danach. Da hatte ich keine Lust mehr auf Karneval.

Ich nickte. Ja, übermäßiger Kölschgenuss kann am Tage danach abführend wirken …

Außerdem wiege ich eh zu viel, da kommt mir die Fastenzeit grad recht.

Aha, da war der Satz wieder.

Wir essen eh alle zu viel. Da ist ein wenig Mäßigung eh nie verkehrt. Wenn ich an all die dicken Kinder …

Aus Landau?

Er schaute mich irritiert an.

Nein. Wieso Landau?

Ich grinste und zuckte bloss die Schulter.

Schaun se doch mal. Alle sind se hier doch so satt und überfressen. Da ist ein wenig Selbstmäßigung und -beschränkung doch nicht verkehrt, oder?

Wenn er es sagte, dann musste es wohl stimmen.

In England hat eine Mutter ihren achtjährigen Sohn so überfüttert, der ist absolut zu ner 90 Kilo-Kugel mutiert. Das ist doch Körperverletzung der üblen Art. Da ist ein wenig hungern doch okay. Schlank ist doch schick und gesellschaftsfähiger als dick und schwitzend.

Ich zuckte erneut die Schultern.
Das war mir egal. Jährlich betrachte ich mich zu meinem Geburtstag in dem Spiegel. Das heißt, ich seife morgens die Wandspiegel erst ein, damit ich mich nicht nackt sehen muss. Ein wenig Zucht und Keuschheit hat ja schließlich noch niemandem geschadet, oder? …
Also, ich hab‘ auf das Einseifen-Ritual letztens verzichtet gehabt und mich im Spiegel vom Scheitel bis zu den Zehen gemustert.
Fett bin ich geworden.
Richtig unförmig.
Wohlstandskind.
Wie gut, dass es Kleidung gib, sonst müsste man mich wohlmöglich weg sperren.
… sechs Monate Gefängnis bei Brot, Wasser und Bauchtrainer, bis ich wieder unter die Bevölkerung dürfte …

Wissen Sie, ein wenig Diät hat noch niemandem geschadet. Daher trinke ich jetzt vierzig Tage lang auch nur Cola. Meine Frau hat ja Erfahrungen mit Diäten. Am besten sind da die Brigitte-Diäten.

Ja, ja, die Deutschen haben eh die besten Erfahrungen mit Diät-Rezepten. Jeder kennt eines und jeder ist schlank und rank.

Er nickte und sah mich plötzlich mit einem verschwörerischem Grinsen an.

Ja, vollkommen richtig. Wir Deutsche haben uns schon zig-mal weg gehungert und leben immer noch. Da sollten sich die Afrikaner in den Hungergebieten mal ein Beispiel dran nehmen.

Hm, ich überlegte, ob ich jetzt politisch inkorrekt lachen sollte oder politisch korrekt ihn darauf aufmerksam machen müsste, dass solche Witze unfein seien.

Letztens kam übrigens zum roten Kreuz eine Medikamentenlieferung von einem Flüchtlingslager aus Dafur wieder zurück. Die konnten dort nichts mit anfangen. Die Tabletten durfte man erst nach dem Essen einnehmen.

Ich schnappte mir mein Kölschglas und ließ erstmal Luft rein und grinste dann sehr breit über die Po-Ente. Und das politisch völlig inkorrekt.

Sie haben wohl ein wenig Humor über den Aschermittwoch rüber gerettet, woll?

Wissen Se, wenn man etwas in der Fastenzeit mit dem Fluch der Mäßigung nicht belegen sollte, so ist es das Lachen.

Er winkte den Kellner herbei und legte Geld auf dem Tresen.
Der Kellner stockte.

Das waren fünf Whisky-Cola. Nicht vier.

Mein Gesprächspartner zuckte unangenehm berührt zusammen.

So, so. „Cola light“ statt Koelsch.

Er grinste mich verschmitzt an, gab dem Kellner das Restgeld und ging wortlos grüssend raus.
Ich drehte mich grinsend wieder zum Tresen.

Herr Oberspielleiter, noch ein Fastenkölsch bitte!

Ein was bitte?

Ein Kölsch vom Fass …

8 Gedanken zu „Fastenzeit

  1. Wenn man mich mit den Schuhlöffel aus der Wohnung holen muss, dann bin ich wohl doch ein wenig zu dick geworden … ;)

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  2. Deine Thekengespräche sind stets erbaulich. Und wie ich das schreibe, kriege ich glatt ein schlechtes Gewissen, denn mit dieser Form der positiven Verstärkung, wie sie auch Freund Rupi zum Ausdruck bringt, will ich natürlich nicht zum Anwachsen deines Bauches beitragen.

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  3. Wie sagte doch Karl Valentin: »Fremd ist der Fremde nur in der Fremde«.

    Viel Spaß im Heimathafen von Tünnes und Schael und bitte mehr solcher Geschichten!

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