Sei mal verdrossen, Politiker … (Teil 3 zum politischen Blog-Karneval)

Mein 3. Beitrag mit Trackback zum politischen Blog-Karneval (Link)
und gut is …

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Verdrossenheit ist eine besonders perfide Variante von nicht-Fisch-nicht-Fleisch in puncto Zufriedenheit.

Und dann gibt es die Steigerung: Politikverdrossenheit.
Mir ist das Wort an jenem Abend nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Das Wort taucht inzwischen in der Öffentlichkeit wieder häufiger auf.

1992 war es zum „Wort des Jahres“ in Deutschland gekürt worden. Das „Unwort des Jahres“ als Gegenpol war „Ethnische Säuberung“. „Ethnische Säuberung“ wurde zur international übliche Bezeichnung für die Vertreibung von Völkern gefunden.

Aber „Politikverdrossenheit“? Das Wort gleicht dem Mentekel für den Wahlrecht-Innehabenden. Wählst du nicht, dann gehört es dir entzogen. Denn wer nicht mitreden will, der braucht auch keine Stimme. Der braucht sie auch nicht bei der Wahl.

„Das stimmt. Aber was macht der, der seine Stimme bei der Wahl abgibt? Ist der stumm? Muss er stumm sein? Schließlich hat er sie doch für vier Jahre abgegeben und kriegt sie erst mit der nächsten Wahlbenachrichtigung zurück.“

Moment.
Was ist das denn jetzt hier?
Ich schaue zur Seite und stelle fest, dass ich wieder in meiner Kneipe stehe. Und er direkt neben mir.
Vor mir steht ein ein Karlsruher Hoepfner Pilsener. Rechts daneben ein Kö-Pi und links daneben ein Glas Alt-Bier.

„Nun mein Bester, du hast drei Bier-Sorten vor dir stehen und welches wirst du jetzt trinken.“
„Ehrlich? Diese Biere sind mir alle voll unsympathisch. Von links nach rechts immer unsympathischer.“
„Welches trinkst du nun?“
„Keines.“
„Du bist Bierverdrossen!“
„Quatsch! Du hast mir nur nicht das richtige vor mir hingestellt.“
„Tja, und so ist es mit der Politik.“
„Also Politikerverdrossenheit. Und nicht Politikverdrossenheit.“
„Und Politikerverdrossenheit ist das, was von Politikern am ungernsten gehört wird. Stellt es doch deren eigene Existenzberechtigung auf den Prüfstein.“
„Sie haben doch das Mandat derer Wähler.“
„Aber dann vielleicht doch nicht das Mandat im Sinne der Väter des Grundgesetzs?“

Er macht das Thema nicht einfach. Die Väter sind doch schon alle unter der Mutter Erde, die die Gerichtsinstanzen in mühsamer Einzelarbeit bereits umgegraben haben.

Der Wirt räumt die drei Gläser ab. Mit einem zufriedenem Brummen gießt er jedes einzeln genussvoll in den Ausguss. Ich atme erleichtert und dankbar durch. Da sind doch drei Kelche fiesestem Inhalts an mir vorüber gegangen.

Erfreut nehme ich vom Wirt ein frisches Kölsch entgegen.

„Komisch. Ich musste gerade an den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl
denken. Der hatte mit den VW-Gewerkschaftsbossen Sexparties in Seoul und Barcelona organisiert. Vögeln und Poppen aufs Wohl und Wehe der Werktätigen. Wenn ich mir überlege, dass der Uhl seine Wähler repräsentiert, dann müsste man von jedem seiner Wähler wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen und Beihilfe zur Untreue zu 39.200 Euro Strafe verurteilt werden.“
„Da wäre das Land Niedersachsen schnell saniert.“
„Und der Osten wäre nicht mehr so allein beim Warten auf blühende Landschaften. Oder der Uhl repräsentiert nur sich und nicht seine Wähler. Aber das weist ja jeder Politiker im namen der Demokratie von sich. nur …“
„Ja?“
„… selbst Berlin haben die Politiker schon wirtschaftlich ruiniert. Im Namen des Volkes. Aber statt diese wie organisierte Kriminelle zu behandeln, …“
„Moment. Vorsicht!“
„Doch. Die haben ihre Bevölkerung über deren Parteien gnadenlos geschadet. Aber passiert ist denen nichts.

Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, für sie um Mitglieder oder Unterstützer wirbt oder sie unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das steht im §129 Stgb eindeutig geschrieben.“
„Außer wenn die Vereinigung eine politische Partei ist, die das Bundesverfassungsgericht nicht für verfassungswidrig erklärt hat. Und die Parteien und deren Politiker, die Berlin ruiniert haben, gehören nun mal Parteien an, die nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.“
„Dann muss §129a greifen! Wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, wenn eine derer Taten bestimmt ist, die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern …“
„Na, na, na! Sie wissen, was Sie da sagen? Dieser Paragraph bezieht sich auf den Terrorismus.“
„Hm.“

Der Klügere kippt nach.
Ich schweige und trinke aus meinem Kölsch.
Hinter uns hat jemand plötzlich ganz lange Ohren bekommen. Ein freiberuflicher Verfassungsschützer? Ein so genanntes Verfassungskondom?
Als ich ihn anblicke, schaut er voll konzentriert harmlos in sein Weißbierglas. Es könnte auch ein deutscher Hobby-Geschmackskontrolleur sein, der sich gleich in unser Gespräch mit seiner ihm eigenen Kompetenz einmischt.
Mein Nachbar dagegen lässt sich ein neues Kölsch bringen. Wie eine zufriedene Katze schnurrt er seine Kölschstange an.
Luft holend riskieren ich noch einen verfassungsfeindlichen Satz:

„Die Politiker benehmen sich trotzdem wie die Heuschrecken.“
„Sind Sie politisch tätig?“
„Ich war es mal.“
„Es ist ein leichtes immer auf Politiker zu schimpfen. Die taugen ja hervorragend als Ohrfeigen-Gesichter für die eigene Untätigkeit, nicht wahr?“
„Ich hatte letztes Jahr keine 40.000 Euro wie der Uhl, um Sexparties zu organisieren. Mir pudert auch niemand Bodyguards, Sperrzäune und tolle Abendessen in den Arsch wie letztens an der Ostsee. Geben Sie mir 40.000 Euros und ich werde auch politisch aktiv.“
„Höre ich da den Neid eines Besitzlosen heraus?“

Ich zog meine Augenbrauen tiefer, verdichtete meine Augen zu einem Schlitz und beobachte die Umgebung genau. Nein, ich beherrsche es noch immer noch nicht. Aus meine Augen kommen noch keine tödlichen Blitze.

„Für so was kriegt der nicht meine mühsam gezahlten Steuergelder!“
„Aber als Ausgleich dürfen Sie doch dafür wählten.“
„Hm. Bei der Wahl? Die Umfragewerte für die Parteien zeigen, was von denen gehalten wird.“
„Kennen Sie die beliebteste Antwort der Politiker darauf?“
„Worauf?“
„Auf das Schlagwort ’schlechte Umfragewerte‘.“
„Keine Ahnung.“
„Falsch. Die Antwort wäre gewesen: ‚Wir wollen mit unserer Überzeugung nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen.‘ Und wer hat’s gesagt?“
„Der Westerwelle, als er mit seiner FDP die 18% im Bundestag erringen wollte?“
„Nein. Das ist der Standardsatz jeder Partei.“

Während ich mir gerade überlegte, wo der Westerwelle damals seine 18-Prozent-Kampagne begann. War es im Big-Brother-Container? Ich bin gespannt, wann es zum ersten Mal zur Revolte im Container kommen wird. Aber da müssten wir noch lange warten, bis die sich in ihrem freiwilligen Knast ihres freien Willen bewusst werden.
Mein Gesprächspartner nahm er einen Schluck aus seinem Glas und fuhr fort:

„In Umfragen wurde letztens herausgefunden, dass die Wähler mit der Art und Weise der Demokratie unzufrieden sind. Die Leute wählen dann entweder radikal oder gar nicht. Was den Politikern aber egal ist, denn differenziert zu denken, war ja noch nie deren Stärke.“
„Wieso? Wer nicht wählt, wählt die Radikalen.“
„Auch so ein Standardsatz der Politiker, der gebetsmühlenartig von denen herunter gebetet wird. Beweis durch mehrfache Beteuerung. Kaugummi für’s Großhirn. Demnach ist also jeder Nicht-Wähler im Grunde ein Wähler der Extremisten. Wer sowohl nicht wählt, als auch extremistisch wählt, der wählt staatsfeindlich. Der hat in den Augen der Politiker seine Recht auf freie und unabhängige Wahl missbraucht? Derjenige, der nicht wählt, ist dann fast genau so extremistisch wie der Extremist an sich, der verboten gehört.“

Ich lache und versuche zu ironisieren:

„Außer er ist Rechtsextremist oder Rechtsradikal. Die sind nicht wirklich demokratiefeindlich. Sind ja auch nicht verboten. Und was nicht verboten ist, ist erlaubt.“
„Eben. Denn der Rechtsradikale ist von seiner Haltung ja im Grunde staatsbejahend. Im Gegensatz zu den Linksradikalen. Der Rechtsradikale bejaht ja im Grunde die Einhaltung von Gesetzen, insbesondere wenn er sie selber geschrieben hat.“
„Sozusagen sind also diejenigen, die das ihnen zugedachte Wahlrecht verweigern, Sympathisanten von Terroristen? Dann greift ja §129a und wir hätten schon bald volle Gefängnisse.“
„Und Orwellsche Zustände. Denn zur Erfüllung der Orwell’schen Horrorvision benötigen wir nur noch Geschmackskontrolleure, die Verfehlungen aufnehmen und der breiten Masse zugänglich machen. Und das erledigen momentan die Medien. Einmal fremd gegangen und ein Kind gezeugt? Sexparties organisiert und dabei keinen hoch gekriegt? Nackt am Strand von Mallorca rumgelegen? Einen Pornodarsteller als neuen Freund? Die Journaille war dabei und hat es auf Seite 1 gebracht.“

Ich starre dumpf brütend vor mir hin. Die Kneipe hat sich geleert. Das Salsa-Gedudel macht gerade dem südamerikanischen Schieber-Blues Platz. Der Merengue.
Mein Gesprächspartner winkte den Wirt herbei und gab ihm sein leeres Kölsch-Glas zurück. Dann schauter er mich von der Seite an:

„Sie sind also auch politikverdrossen?“
„Ich bin Privatier. Ich brauche über meine Politik-Laune keine Rechenschaft abgeben.“
„Sie sind politikverdrossen?“
„Sie meinen, ob ich denen angehöre, die lieber deren eigene Politik in deren Umkreis machen, statt diese überregional mit anderen zu teilen? Ja.“
„Als ich im Rechtstag war, sagte mir mal ein Regierungspolitiker, alles was wir so machen sei politisch. Politik bezeichne ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten, so war sein Credo.“
„Wie das bei den Cliquen um die Gangsta-Rapper? Das was Sie letztens ansprachen? So Bushido, Sido und Co KG?“
„Die machen auch Politik. Aber die machen das nicht im Rahmen einer Parteienwirtschaft. Sie interessieren sich nicht dafür. Die sind Parteien- und Politikerverdrossen. Aber Politikverdrossenheit sehe ich bei denen nicht, denn deren Ansichten entsprechen auch einer Politik. Nur außerhalb des Rahmens mancher Gesetze und außerhalb unserer parlamentarischen Demokratie.“
„Parlamentarischen Demokratie? Also waren die Demonstranten in Heiligendamm nicht staatskonform? Also ein Übel? Daher wurden auch die offensichtlich friedlichen Demonstranten also geprügelt. Denn schließlich müssen die sich ja vorwerfen lassen, dass, falls sie in Parteien eintreten würden, massiv an den Entscheidungen mit hätten wirken können.“

Er schüttelt lächelnd den Kopf.

„Wer friedlich ist, der ist eh nie staatskonform. Auch nicht in einer parlamentarischen Demokratie. Pazifismus taugt weder als Staatsform noch findet es nirgendwo auf dieser Welt sonst eine Erfüllung in einer Staatsform.“
„Unsere Zeit ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen.“
„Schön gesagt. Kommt das von Ihnen?“
„Das war nicht von mir. Das hat Robert Musil Anfang des letzten Jahrhunderts gesagt.“
„Sie werden jetzt philosophisch.“
„Ich hab noch so ne dummdreiste Phrase auf Lager. ‚Wenn Wahlen was ändern würden, …'“
„‚… dann wären sie verboten.‘ Ich weiß.“

Wir schweigen vor uns hin.

Das leise Wimmern einer südamerikanischen Salsa-Musik erfüllt die Kneipe.
Der Wirt stellt die ersten Stühle hoch, macht das Licht an.
Ich hole meine Geldbörse raus und werfe ihm nen Zwanziger auf den Tresen.

„Stimmt so.“

Ich wanke raus. Gerade als ich die Tür hinter mir schließen will, höre ich den Wirt leise angestrengt jammern:

„Boah ey. Endlich ist er weg. Der mit seinen ewigen nervigen Selbstgesprächen …“

3 Gedanken zu „Sei mal verdrossen, Politiker … (Teil 3 zum politischen Blog-Karneval)

  1. Was Recht ist soll wenigstens in diesem Falle recht bleiben;)
    Kann ja sein, dass auch andere das können, aber hier habe ich noch keinen gefunden,habe auch nicht danach gesu;)cht

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  2. Das ist wieder einer von deinen *treffsicheren* Dialogen, ganz passend, danke dir! —
    La;)ch Selbstgespräche, ja das kann nicht jeder:!:

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