Kneipengespräch: Die Keimzelle der Gesellschaft

– Ist das Rauchen hier jetzt eigentlich erlaubt?

Der Wirt sah mich an, grinste und reckte mir seine Hand entgegen.
Ein netter Wirt. In seiner Hand leuchtete mir ein Sargnagel entgegen.
Eigentlich wollte ich ja schon seit dreißig Jahren aufhören zu rauchen.
„Nur eine Zigarette nur. Ich muss ja nicht weiter rauchen“, hatte ich damals in der Raucherecke zu den Größeren gesagt.
Eigentlich.
Ein schönes Wort. Denn es impliziert gleich auch noch, dass es auch das Wort „uneigentlich“ gibt. Eigentlich wollte ich schon lange aufhören zu rauchen. Uneigentlich tue ich das heute noch immer. Das „aufhören wollen“. Und eigentlich schaffe ich es ja auch immer. Nach jeder Zigarette.
Wäre ich Kettenraucher, hätte ich kein Feuerzeug und würde mir vor dem Schlafengehen immer ein kleines Lagerfeuer vor dem Bett anzünden, damit ich am nächsten Morgen gleich aus der Glut mir eine neue Zichte anstecken könnte.
Ich bin aber kein Kettenraucher. Ich besitze ein ZIPPO-Feuerzeug. Allerdings gehen mir inzwischen die hohen Benzinpreise auf den Sack. Da wird das Nachfüllen vom Feuerzeug immer so teuer. Eigentlich sollte ich wirklich aufhören, um Geld zu sparen. Ich könnt ja ganz locker bei anderen mitrauchen.

– Eigentlich könntest du mir jetzt noch ein Kölsch machen.

Ich blicke neben mir. Typisch.
Er nu wieder. Sitzt neben mir und ist schon kurz vor zwei am Kölsch picheln.
An seine Gesundheit denkt der wohl nie.

– Hey, kein Bier vor vier!
– Kölsch ist kein Bier. Kölsch ist Kölsch. Und es immer später, als man denkt. Nur für Kölsch ist es nie zu spät. Eher früh.

Er musste immer recht behalten. Ein elender Rechthaber, dieser Früh-Kölsch-Trinker. Aber wo er recht hat, hat er recht. Also?

– Herr Oberspielleiter, mir auch ein Kölsch.

So saßen wir vor unseren angetrunkenen Kölschstangen und starrten den kleinen Gasbläschen zu, wie die sich eiligst mit dem Schaum vereinigten.
Eigentlich waren alles zwischen uns schon gesagt. Aber uneigentlich …

– Auf meiner Dienstreise war ich in Brasilien. In einem Internet-Forum habe ich dann scherzhaft behauptet, ich würde in São Paulo den Zuckerhut besteigen wollen. Das haben einige mir sogar wortwörtlich abgenommen und behauptet ich sei ein Depp.
– Hm. Und?
– Na, die hatten meine Ironie nicht verstanden.
– Und? Hast du ihn dort bestiegen? Du bist doch sonst so unsportlich. Du müsstest dich ja sowieso dann dort hochrollen. Wenn die da keine schmalen Türen haben, sollte es für dich kein Problem sein.

Nein, so wird das nichts mit der Konversation. Der weiß ja noch nicht mal, wo der Zuckerhut steht. Und außerdem bin ich nicht dick. Höchstens zu klein für meinen Bauchumfang.
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und dreht sich mir etwas seitlich zu.

– Ein Freund hatte mir neulich eine Geschichte erzählt. Ein wenig heftig. Er kam nach Hause und seine Ehefrau hatte starke Schmerzen. Ihre zwei Kinder standen untätig um das Bett herum, während sie nach den Notarzt verlangte.

Hm. Hört sich ja nicht nach fröhlicher Sonntagsgeschichte an. Ich drehte mein Glas und hörte ihm zu.

– Er rief den Notarzt und erfuhr von seiner Frau, dass die Kinder schon seit einer halben Stunde untätig herum gestanden hätten. Seine Frau musste dann direkt ins Krankenhaus. Magendurchbruch. Das eine der beiden Kinder ging mit seinem Vater täglich hin. Aber der andere, der wollte nicht. Der sagte lediglich, dass er nicht wüsste, was er dort im Krankenhaus tun solle. Er könne doch eh nichts für seine Mutter tun. Der Sohn der Mutter sagte das. Unglaublich, nicht?
– Ist er hingegangen?
– Nein. Als sein Vater meinte, der Junge wäre doch sicherlich auch froh, wenn er nicht allein gelassen würde, wenn er krank sei. Darauf entgegnete der nur, er wäre noch nie im Krankenhaus gewesen. Zudem hätte es ihn – seinen Vater – nicht zu interessieren, was er tue und was nicht.
– Und? Isser jetzt obdachtlos?
– Nö.
– Hätt‘ ich dem aber gegönnt, wäre er rausgeschmissen worden. Muss ja seinem Vater auch nicht interessieren, ob grauer Asphalt hart ist …

Die Welt ist schon turbulent. Und immer wieder passiert was unvorstellbares.
Es gibt nichts, was man sich nicht denken könnte.
Vielleicht ist es aber auch so, dass das Denken erschafft? Wie heißt es bei Dürrenmatts „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
Das Undenkbare wird denkbar. Am Anfang war das Wort und durch das Wort wurde die Welt erschaffen, heißt es in der Populärübersetzung der Bibel.
Und wenn es entdeckt wird, dass das Undenkbare geschehen ist, dann ist das Geschrei groß und erschafft noch viel mehr Undenkbares.
Als in der Münchener U-Bahn Jugendliche einen älteren Mann fast tot geschlagen hatten, da war das Entsetzen groß. Die Worte „Jugendkriminalität“ und „Ausländerkriminalität“ liefen die Medien rauf und bestimmten Politikern wie Honig runter.
Als dann kurze Zeit später sich ein Rentner von fröhlichen Jugendlichen urplötzlich bedroht fühlte und dann einen Jugendlichen vor die einfahrende U-Bahn schubste, da wartete ich nur noch auf den Leitartikler, der vom eröffneten Krieg der Generationen sprechen würde. Es passierte aber nichts. Politiker diskutierten auch nicht über „Rentnerkriminalität“ und ob man die „Renten“ als Prävention nicht gleich abschaffen sollte. Keine Renten, keine Rentner, keine Rentnerkriminalität mehr.

Aber da hatte ich mir wohl zuviel vorgestellt. Meine Worte erschaffen noch längst keine Wirklichkeit. Und von Realität ganz zu schweigen. Oder umgekehrt. Oder zugleich. Bin ich Gott?
Egal.

– Meinen Freund hatte diese Kälte überrascht. Denn der Junge hatte ihm schon mal erklärt, dass, falls jemand die Familie angreifen würde, er würde für sie kämpfen.
– Dessen Verhalten verwundert mich nicht.

Er sah mich verwundert an und ich nahm ein Schluck aus dem drogenhaltigen Geistesvernebler, das alle nur „Kölsch“ nennen.

– Wieso verwundert dich das nicht?
– Weil es unserer Gesellschaft entspricht. Wird die Gemeinschaft angegriffen, dann verteidigt sie sich. Bis zum letzten Blutstropfen. Aber kommt die Gefahr von innen, dann ist der Einzelne der Gemeinschaft hilflos. Er kann einfach nichts tun, weil ihn ja in der Gemeinschaft nichts bedroht. Ohne Bedrohung der Gemeinschaft kein Kampf. Das funktioniert so in der Familie, in der Schule, auf der Straße, im Staat. Greift jemand die Familie an, dann wird diese verteidigt. Wie oft habe ich schon den Satz gehört „Packt jemand einen meiner Familie an, dann mach ich den tot, ich schwöre“. Es ist ja auch einfacher die Gefahr von außen zu bekämpfen als die Gefahr von innen.
– Hm.
– Ich garantiere dir, würde jemand von außen das deutsche Gesundheitswesen angreifen, beispielsweise eine Art Hedge-Fond, dann wäre dieser unser Staat und seine Politiker richtig wehrhaft. Und die Bürger würden alles für ihr Gesundheitswesen unternehmen, dafür kämpfen. Aber wenn die gleichen Politiker, die alles verteidigen wollen, alles im Innern demontieren, dann regt sich nicht viel. Das wird fast gleichgültig hingenommen. Man sagt ja uns auch dauernd, dass es so sein muss.
– Die Gleichgültigkeit?
– Die auch. Weil in Deutschland ist Ruhe ja immer noch erste Bürgerpflicht.
– Was du da plapperst, erinnert mich an einen Baum. Der ist gegen Wind und Wetter wehrhaft. Aber vermodert der innerlich, dann bricht er bald. Dann fällt die stolze deutsche Eiche, an der sich jede Sau umsonst gerieben hatte.
– Mir sind die Amazonas-Riesen lieber als jene mickrigen deutschen Eichen.
– Aber an denen reiben sich inzwischen auch schon zuviel Säue. Mit deutscher Wertarbeit „Made by Stihl“ bereiten die denen den Garaus. Solange man gut verdient und nicht eine Gruppe von außen angreift, klappt doch sowas ganz passabel. Verteidigung ist nicht zu erwarten.
– Wenn die Armen ärmer werden und die Reichen reicher, dann ist das auch nicht so wichtig, wenn es von innen her kommt. Würde es von außen her kommen, dann wäre ein Zetermordio und ein Hauen und Stechen hier in Deutschland gegen den Feind, der die „Familie“ angreift. Aber das haben wir ja nicht. Die Armen sind ja selber an ihrer Armut Schuld. Sie arbeiten ja nicht wirklich richtig. Sagen die, die deren Armut festlegen.

Sein Grinsen ließ mich im Redefluss stocken. Er hatte plötzlich was schelmisches an sich. Und irgendwie hatte ich die Befürchtung dieses schwere Sonntagsgespräch würde in seichteres Fahrwasser stranden.
Er schaute mich grinsend an, während er zwei weitere Kölsch orderte.

– Ist ja auch klar. Nicht jeder erbt reich oder kann erster Klasse nach Lichtenstein fliegen. Und schon allein sowas zu organisieren, ist verdammt harte Arbeit. Weiß eigentlich ein Armer, wie teuer so ein privates Schwimmbecken in den eigenen vier Wänden ist? Die Unterhaltskosten? Der tägliche Wasserwechsel? Das Aufheizen auf 36°? Und dann die Küddel der eigenen Kinder rausfischen müssen? Oder jemanden finden, der so eine Drecksarbeit macht? Das ist nicht einfach. Davon macht sich ein Armer kein Bild, wieviel sowas kostet, wieviel man dafür arbeiten muss. Und dann noch all die vielen Biergläser, Sektflöten und Cocktails, die die Reichen in ihrer Freizeit per se vernichten müssen, damit man im Gespräch bleibt.

Der Wirt stellte uns zwei neue Stangen hin.
Wir prostete uns zu und ich ließ mir danach durch den Kopf gehen, dass wir wohl möglich gerade einem Reichen von seiner Last befreiten, in seiner kostbar teuren Freizeit sich um unsere Kölsch zu kümmern.
Besser ist das.
Nicht für so einen, aber für uns.

Hm.
Das Gespräch war abgestorben.
Stille machte sich breit, die die neuerliche Leere unserer Kölschstangen füllte.
Ob ich ihm jetzt nochmals von meiner Erstbesteigung des Zuckerhuts in São Paulo erzählen sollte?

4 Gedanken zu „Kneipengespräch: Die Keimzelle der Gesellschaft

  1. Danke für den Hinweis. Ich hab es korrigiert.
    Es gibt in São Paulo sehr wohl „Pão de Açucar“ (=“Zuckerhut“). Aber dabei handelt es sich um eine Supermarktkette. :>>
    Und wenn die Reichen einen haben, dann bei sich Zuhause ganz privat. Und wahrscheinlich steht dann auch „Kölln Zucker“ irgendwo drauf … ;)

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  2. ‚angetrunken Kölschstangen‘ oder angetrunken Kölschstangenhalter
    – besser ist das doch so rum ;)
    Zuckerhut in São Paulo – der in aller Welt bekannt ist ja woanders, aber bist du sicher das sich da die Reichen nicht so’n kleines Zweitexemplar zum protzen hingestellt haben – irgendwas müssen die mit ihrem vielen Geld doch machen. :>

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