Von Weihnachtsmännern und Affären …

Ich sah aus dem Fenster. Draußen rührte sich nichts bis wenig. Die Kneipe hatte früh auf. Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern. Aber es gibt schlimmeres.

Zum Beispiel die Geschichte von dem Wies’n-Besucher, der nach dem Oktoberfest zu seinem Freund nach Hause ging, den Freund nicht antraf und dann meinte, dessen Wohnung von außen betreten zu müssen. Ein Hotelbesucher hörte später leise Hilferuf. Eine genaue Ortung der Rufe durch die Münchner Feuerwehr ergab, dass der Wies’n-Besucher 28 Meter tief in einem toten Haus-Kamin gefallen war. Der Wies’n-Besucher hatte sich in seinem Oktoberfestbierrausch offensichtlich aufs Dach begeben und fiel dann in einen Kamin.
Als man ihn fragte, ob er was benötige, war seine Antwort aus den Tiefen des Kamins: „Durst.“ Man ließ ihm eine Flasche Mineralwasser runter, bevor er befreit wurde. Vielleicht hätte der Kaminbenützer lieber „A Maß“ rufen sollen, statt die Oktoberfest-obligatorische Bestellformel „Durst“ zu verwenden …

Im übrigen beweisst diese Geschichte natürlich nicht nur, dass hier in München die wundersame jesu-erinnernde Wandlung von literweise Bier in Wasser vor sich geht, sondern diese Geschichte ist auch der endgültige Beweis, dass es Weihnachtsmänner gibt.

Die Frage ist jetzt natürlich, wieviel Weihnachtsmänner in München nach dem Oktoberfest in wieviel toten Kaminen vor sich hin modern. Erst werden die Weihnachtsgänse und -enten massenweise gekeult und jetzt müssen wir auch noch feststellen, dass die Weihnachtsmänner suizid gefährdet sind.
Das sind ja frohe Weihnachtsaussichten.

Der Regen tröpfelte auf das Pflaster vor der Kölschkneipe.

„Weißt du, als ich eine Affäre hatte, da hatte ich eine richtig entspannte Zeit.“

Ich sah ihn an. Seine Augen waren leicht angequollen und er sah vollkommen unausgeschlafen aus.

„Wahrscheinlich lag es daran, dass ich völlig entspannt war. Und dann war es auch meine Frau. Kein Streß.“

Er sah in seine Kölschstange und seufzte.

„Bis sie es bemerkte. Meine Affäre war der Meinung, ich sei zu entspannt. Und dann hat sie erst mir und dann meiner Frau Streß gemacht.“

„Und jetzt geschieden?“

„Ach wo. Wir haben uns berappelt.“

„Seltene Sache.“

„Das war vor zwei Jahren. Aber jetzt bin ich halt nicht mehr so entspannt. Der Job bringt Streß, ich komm gestreßt nach Hause und meine Frau reagiert wegen meinem Streß gestreßt. Und damit beginnt sie mir ebenfalls heftig Streß zu machen. Eine ewige Spirale nach unten. Ich komm kaum mehr zu meiner entspannten Einstellung zurück.“

Ja, ja, das Leben ist hart, dachte ich mir ironisch.
Aber sagen wollte ich ihm nicht, dass er mir am Arsch vorbei gehe. Und dass ihm mit dem Streß Recht widerfahre wegen seiner damaligen Affäre. Affären sind Beziehungstöter. No-Go-Area.
Ich schaute in mein Kölsch.

„Weisste was? Ich muss diese negative Spirale durchbrechen und meine Ehe retten, bevor alles den Bach herunter geht.“

Er nahm einen Schluck von seinem Kölsch.

„Ich such mir wieder ne Affäre. Dann bin ich wieder entspannter, wenn ich nach Hause komme und streße meine Frau nicht mehr. Und sie wird dann auch weniger gestreßt, mehr entspannter. Wir werden dann wieder glücklich zusammen.“

Ich blickte durchs Fenster.
Auf den nassen Asphalt.
Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern.
Aber es gibt eben schlimmeres.

9 Gedanken zu „Von Weihnachtsmännern und Affären …

  1. Ob Kölsch oder bayrisches Gebräu: Aus Sicht der Brasilianer trinken die Deutschen sowieso nur warmes Bier. Wenn es allerdings draussen kühl wird – wie zur Zeit hier – man in einem ungeheizten Restaurant sitzt, in dem trotzdem alle Türen und Fenster offen sind, dann wird auch ein Skol schnell estupidamente gelada. Fröstende Grüße

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  2. Armes München! Muss sich mit solch minderwertigen Bieren wie Löwenbräu, Spaten und was weiß ich noch alles rumplagen. Zumindest biermäßig bin ich froh, dass ich in Franken daheim bin. da hat jedes kleine Kaff mindestens eine eigene Brauerei mit zünftigem Wirtshaus. Mal überlegen, wo ich heute hingehe …

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  3. Ich bin lieber vorsichtig. Die Plätze, die Du aufführst, kennt ja jeder ;)

    Und für was habe ich einen – noch ungenutzten – Kamin? Macht was her, und keiner denkt an Lover oder ähnliche…

    Jetzt muss ich mir natürlich wieder was anderes überlegen.

    Drogenbeauftragter während des O-Festes – den würde ich gerne mal begleiten (oder doch lieber nicht?)

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  4. Du kannst doch nicht allen ernstes das Verbot eines Grundnahrungsmittel in Bayern fordern!?! Oder willst du etwa das man einem Bayern nachher das Wasser reichen kann? Übrigens, bevor ich ein Maß SPATEN oder Löwenbräu trinke, trinke ich lieber sechs Maß Kölsch. Ich will ja meine Leber nicht unnötig quälen … :>

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  5. Ist schon in Ordnung, wenn die Bayern ihr Bier trinken und ihr Oktoberfest im September immer beginnen. Ich meine so sind doch die Arbeitsplätze der Drogenbeauftragten immer gesichert …

    Du versteckst deine Weihnachtsmänner also im Kamin?!? Ich dachte normalerweise versteckt Frau ihre Lover im Schrank oder unterm Bett oder im Besenschrank oder in der Duschkabine oder … :>

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  6. Wenn auf dem Oktoberfest erstmal das Kölsch in Maßen fließt, dann ist die Welt in Ordnung.

    Und an Weihnachtsmänner glaube ich immer noch nicht. Ich frage mich allerdings, warum mein Kamin nicht mehr so wirklich gut abzieht…

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  7. Aber niemals! Dafür muß es nur von vorgestern sein. Dann schmeckt es eindeutig nach Alt. Warum ist mir jetzt nur bloß nach einem Skol estupidamente gelada … . ;)

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  8. *Daumen hoch* Super, das Lesen hat richtig viel Spaß gemacht :yes:

    Aber eine Frage habe ich dann doch: Schmeckt Kölsch denn nicht immer ein wenig wie von gestern??

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