Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (52): Warum Verschwörungstheorien überleben (frei nach Ovid)

Es war einmal ein Jäger, der hatte zwei Hunde. Den einen nannte er “Recht”, den anderen wiederum “Ordnung”. So konnte er endlich in seinem eigenen Umfeld für “Recht” und “Ordnung” sorgen.

Der Jäger war jetzt nicht ein profaner Jäger, dem es um das alltägliche Abendmahl mit Wildbret ging. Nein, ihm ging es eher um Meinungen, von denen er meinte, sie wären weder in Ordnung, noch hätten sie Recht. Es war ihm daher ein wohlfeiler Spaß, wenn er jagend etwas erhaschte und es mit “Recht” und “Ordnung” zur Strecke bringen konnte. Er empfand es als seine Mission, für Aufklärung bei anderen Meinung zu sorgen. Die anderen konnten ja seiner wohlüberlegten eigenen Meinung folgen, ansonsten würde er sie mit deren Meinung mit Hilfe seiner beiden Hunde jagen.

So streifte der Jäger mit seinen beiden Hunden durch das Dickicht der Meinungen und traf auf eine Grotte. Er fragte sich verwundert, welche eigensinnige Meinung denn hier beherbergt sei. Und er beschloss diese zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Er gehieß seinen getreuen Begleitern vor der Höhle Wache zu halten und betrat danach dieselbige. Nach dem Durchschreiten eines kurzen Ganges erreichte er das Zentrum und erspähte den Glauben an das Wirken finsterer Mächte, wie eben jener in einer Quelle sich volle Blöße geben badete. Der Jäger war fasziniert und erotisiert. Wer so nackt vor ihm stand, der musste einfach die wahre Quelle der Meinung gefunden haben, so dachte er sich. Während er den Glauben so anstarrte, errötete dieser, bespritzte den Jäger mit Wasser aus der Quelle und rief ihm zu:

“Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest, wenn du es kund tun kannst.”

Der Jäger spürte das Wasser des Glaubens auf seinem Haupte, verspürte, wie ihm ein Elchgeweih aus dem bespritzten Kopfe wuchs, wie seine Ohren sich spitzten, sein Hals länger wurde, seine Hände und Füße zu Hufe wurden, seine Haut sich zu gegerbtes Elchenleder wandelte. Der Jäger verließ die Höhle und starrte verwirrt in eine Regenpfütze. Als ihm ein Elch daraus entgegenstarrte, wollte er ein “Weh mir!” rufen, aber seinem Maul entfuhr nur ein zitterndes Röhren. Nicht mal seine Stimme hatte er behalten. Lediglich sein Geist war ihm geblieben und erklärte ihm, dass der Glauben dran Schuld wäre.

Er wollte zurück, um den Glauben an das Wirken finsterer Mächte zur Rede zu stellen und jenem seine eigene Meinung zu geigen, damit jenem Glauben an das Wirken finstere Mächte Unrecht nachzuweisen. Doch in jenem Moment spürte der ehemalige Jäger, wie “Recht” und “Ordnung” ihn mit wohlgezieltem Sprung anfielen

“Ich bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”, wollte er in seiner Verzweiflung rufen. Indessen röhrte er nur jämmerlich, wie wohl niemand zuvor einen Elche so hat röhren hören. Doch “Recht” und “Ordnung” zerfleischen im Bilde des trügenden Elches ihren Herrn, bis jener sein Leben ausgehaucht hatte und gerächt der Glauben an das Wirken finsterer Mächte wieder seinem eigentlichen Geschäft nachgehen konnte. Der Glauben begab sich von seiner Quelle frisch gebadet wieder unters gemeine Volk und fuhr fort, Mahnungen vor finsteren Mächten, die nur Schaden anrichten wollen, zu verbreiten.

Als später der zerfleischte Elch aufgefunden wurde – so sagt die unbewiesene Legende –, kam wohl ein Dichter namens “F. W. Bernstein” vorbei und notierte angesichts der zerfledderten Gestalt in der Regenpfütze in seinem Gedichtband die bedeutenden Worte:

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (49): The Director’s Cut

Die Spatzen hüpften um die Wette. Die Hunde lagen faul in der Sonne. Der Himmel strahlte sein schönstes 1.-Mai-Strahlen. Der Betontisch zwischen uns diente normalerweise dem Dame-Spiel. Oder einem Schach-Spiel. Seine Quadrate waren unbesetzt, nur in der Mitte stand die Gin-Flasche und eine Flasche Tonic-Water.

“Ohne Eis”, fragte ich vorsichtig.

Er schaute mich kurz an, ganz kurz. Seine Augen erschienen leer und leicht verheult. “Eis braucht es nicht.”

“Alkohol ist keine Lösung, Mann.”

“Kein Alkohol ist auch keine.” Mit seiner rechten Hand machte er eine wegwerfende Bewegung hinter sich.

“So schlimm?”

“Schlimmer.”

“Wie schlimm?”

“Kennen Sie den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ ?”

Klar kannte ich ihn. Philippe Noiret spielte eine hervorragende Rolle. Die Rolle eines alten Filmvorführers, der dem jungen Toto das Kino näher brachte. Ich nickte. “Ein grandioser Film in den 80ern. Freilich kenne ich den. Ein Oskar als Bester fremdsprachlicher Film.”

“Bester fremdsprachiger Film”, korrigierte er mich, “1990 erhielt er den. Vor 30 Jahren. Ins Kino kam er hier 1989, als das erste große Kinosterben stattfand. Wegen Fernsehen und Videos.”

Ich nickte erneut. “Ja, dieser Lockdown momentan wird wieder ein Kinosterben erzeugen. Streaming Dienste schleifen gerade die Sargnägel für viele Lichtspielhäuser.”

Lichtspielhäuser. Schön hast du das gesagt. Ich wollte den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ auf einen der Streaming Dienste anschauen. Aber kein Streaming Dienst führt den Film.”

“Echt?”

“Keiner. Vielleicht, weil der bei der Weinstein-Company in Lizenz steht und mit Weinstein keiner mehr in Verbindung gebracht werden will. Selbst als DVD- oder Blueray-Neuware fand ich ihn nirgendwo. Ich habe mir den Film im Gebrauchtwaren-Handel bestellt. Deluxe Edition. Redux. The Director’s Cut. Der dauert knapp 49 Minuten länger als die Version, die damals im Kino gezeigt wurde.”

“Die Weinstein-Company ist in die Insolvenz gegangen. Vielleicht deswegen? Lohnt sich die längere Version?”

Er schaute mich kurz prüfend an. “Du erinnerst dich doch noch an die Liebesgeschichte im Film zwischen Toto und Elena?”

“Ja, klar. Als Alfredo starb, erinnerte sich Toto an seine damalige Freundin Elena. Er sah sich bei seiner Mutter in dem Dorf Giancaldo noch den 8-mm-Film von Elena an. Durchlebte die Erinnerung mit seinen alten Schwarm als Film. Aber das Hauptstück vom Film ist doch letztendlich die Schlussszene, der von Alfred zusammengeschnittene mit seinen Kussszenen.”

“Nein, das ist nur eine Schlusspointe. Im Director’s Cut kriegt der Film eine neue Perspektive, was Alfredo, Toto und Elena angeht.”

“Welche?”

Er schüttete sich wieder ein Gemisch aus Gin und Tonic in seinem Plastikbecher zusammen, nahm einen intensiven Schluck, drehte seine Hand mit dem Becher vor seiner Brust ein und schaute mich an.

“Toto entdeckte, dass Elena wieder in Giancaldo lebte. Nach Alfredos Beerdigung traf er sie wieder und erfuhr, dass Alfredo einen großen Anteil damals nahm, dass sich Toto und Elena nie wieder sahen. Er erklärte Elena, sie sollte ihn vergessen, weil sowohl Toto als auch Elena ein eigenes Leben haben werden. Und Elena erklärte Toto, dass ihr Wiedersehen in Giancaldo der perfekte Schlusspunkt ihrer alten Liebesbeziehung wäre. Sie hätte ihr Leben. Toto sah das nicht so. 30 Jahre war er ohne längere Beziehung und in jeder Frau suchte er nur einen Ersatz für seine Elena von damals. Unverheiratet, ohne Kinder. Das Gegenteil von Elena. Toto hätte gerne die Beziehung wieder gestartet, aber für Elena war es eine Geschichte von damals. Toto fuhr zurück nach Rom, enttäuscht, weil er sah, dass er seine alte Liebe wieder gefunden hatte, aber seine alte Liebe sah ihn nicht als neue Liebe, sie hatte keine Zukunft. So sass er im Kino und ließ sich das Vermächtnis vom Filmvorführer Alfredo den Kussszenen-Film vorführen. Aber ihm war klar, dass seine Vergangenheit für immer Vergangenheit bleiben würde. Alle Hoffnungen der letzten 30 Jahre waren passé und es blieben ihm lediglich Kussszenen aus der Vergangenheit, an die er sich erinnerte.”

Er machte eine Pause und nahm erneut einen Schluck aus seinem Becher.

“Das ist der Unterschied zum Kino-Film?”

“Ich hatte den Film bestellt, weil ich über den Soundtrack gestolpert bin. Gestern traf er mit der Post ein.”

“Hm.”

“Vor vier Tagen erhielt ich allerdings eine andere Nachricht. Privat. Als ich jung war, hatte ich eine große Liebe. Ich liebte sie abgöttisch, verbrachte damals stundenlang damit ihr Liebesbriefe zu schreiben. Irgendwann hatte ich bemerkt, dass sie nicht mehr wollte, also hörte ich damit auf, schrieb nicht mehr. Aber dafür schrieb ich umso mehr in meinem Tagebuch über sie. Führte Dialoge mit ihr, erklärte ihr darin, was ich so tat und wie sehr ich sie verehrte. Sie lernte jemand aus meinem Bekanntenkreis kennen und heiratete ihn. So vor einem Viertel Jahrhundert. Er war erfolgreicher als ich, aber Eifersucht fühlte ich keine. Ich dachte mir nur, wenn sie irgendwann von ihm genug haben sollte, dann wäre ich da und dann könnten wir … Ein dummer Traum, dummer Jungentraum. Was soll’s. Ich hielt zu ihm noch Kontakt, denn er ist ein wirklich sympathischer netter Mensch. Aber zu ihr verlor ich den Kontakt. Sie reagierte nicht mehr auf mich. Aber das war mir egal. Ich hatte ja noch Kontakt zu ihm. Klar, ich war mir im Klaren, dass ich mit ihr niemals mehr zusammen kommen würde. Ich wollte der letzte sein, die ihre Ehe in Frage stellte oder sie zu etwas drängen würde. Vielleicht war dennoch insgeheim auf Rückkehr vorhanden. Aber mit jedem Jahr wurde das nur noch ein diffuser Traum. Nach dreißig Jahren erhielt ich jetzt von ihrem Ehemann die Nachricht, dass sich beide voneinander haben scheiden lassen und getrennte Wege gehen würden. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden wäre nur noch deren beider Kinder.”

Er machte eine Pause. Ich schwieg. Er goss sich eine neue Mischung ein. Ich sah ihm dabei zu.

“Ich wusste nicht, wie ich auf seine Email reagieren sollte. Und dann kam der Film an. ‘Nuovo Cinema Paradiso’. The Director’s Cut. Nach zwei Wochen des Wartens. Ich schaute ihn mir an und es kam wieder alles in mir hoch. Alles von damals. Damals hatte ich die Kino-Version gesehen und ich sah Toto als mein Ebenbild an, so wie er für seine Elena von damals schwärmte. Unerreichbar und unkontaktierbar. Eine Erinnerung von damals aus seiner Jugend. Und dann sah ich den Director’s Cut.”

Er hielt inne, starrte vor sich hin, nahm einen Schluck aus seinem Becher und verzog sein Geischt.

”Warum muss dieser verdammte Director’s Cut das Ende haben, welches ich jetzt erlebe? Warum? Warum muss Film und Leben diese Parallelen haben?”

“Ruf sie doch an. Lass dir ihre Nummer von dessen Ex geben. Sie wird sich vielleicht freuen.”

“Du bist nicht ganz dicht, oder? Das, was ich damals erlebte, meine Liebe zu ihr, die ist passé. Wie die von Toto im Film. Das war kein 30 Jahren warten, das waren 30 Jahre bis zur Erkenntnis, was ich mit meinem Leben in der Hinsicht gemacht hatte. Warten auf etwas, was es gar nicht mehr gibt. Sie. Das Leben ging weiter und ich habe es verstreichen lassen für alte Erinnerungen.”

“Und das haben Sie erst durch die längere Version eines Filmes verstanden?”

Seine Blick war leer, in seinen Augen lag Leere, als er mich ansah. Und langsam fingen sie an zu schimmern. Er war dabei, in Tränen auszubrechen. Er nahm einen weiteren hastigen Schluck aus seinem Becher und blickte vor sich auf den Boden.

“Ja, vielleicht. Und? Ist das schlimm? Nur, als ich den Film bestellte, da dachte ich gar nicht an sie, da dachte ich nur an einen wunderbaren Film mit der traumhaften Musik von Ennio Morricone. An eine intensive Liebesgeschichte. An ein altes Kino in meiner Nachbarstadt, einem Kino mit großem Saal, in dem ich ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ sah. Das Kino war alt und wurde abgerissen, um dort einen Parkplatz zu errichten. So wie in dem Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’. Ich sah den Abriss, bevor ich aus der Gegend wegzog. Ich wollte nur eine alte Zeit der großen Kinosäle mit dem Film zurück holen. Aber dann erhielt ich die Mail und der Film traf ein.”

Ich nickte ihm verstehend zu. Zumindest versuchte ich mein Nicken das Attribut ‘verstehend’ zu geben.

“Wir müssen gehen. Dahinten kommen zwei Streifenpolizisten. Und es existiert noch das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkung.”

Er nickte, verstaute seine beiden Flaschen in den Rucksack und stand auf, den Becher in seiner rechten Hand umklammert. Er war trunken und schwankte. Er drehte sich zu mich um und bemerkte noch:

“Und Alkohol ist doch eine Lösung!”

Dann schwankte er von dannen.

Die beiden Polizisten gingen an mir vorbei dem trunkenen Mann hinter her. Sie beachteten mich mit keinem Blick. Sie unterhielten sich locker entspannt über diesen sonnigen, sommerlich warmen 1. Mai.

Ich blickte vor mir auf den Betontisch. Der Tisch war wieder leer. Die Quadrate unbelegt. Das darauf eingravierte Spielbrett wartete auf seine Steine. Oder auf Schach-Spielfiguren, damit diese erneut aufgestellt werden. Für ein neues Spiel. Neues Leben. Neues Glück.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (48): Sendepause

Wenn ich mal nichts zu sagen haben, sollte man mich auch nicht unterbrechen, wenn ich beredendes Schweigen ausübe.

Drum heute mal Sendepause.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (44): Maskenball

Zum ersten Mal musste ich meine Maske einsetzen. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Mir fehlt zudem das Gesicht bei den anderen Miteinkäufern. Die Mimik fehlt und nur die Augen bleiben übrig als Anblick. Auch das Sprechen mit so einer Mund- und Nasenbedeckung fällt mir schwer. Die Maske soll mein Gegenüber vor mich schützen, aber er versteht mich damit auch wesentlich schlechter.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Zeitungsberichte von Menschen, die allein in deren Wohnung starben und die erst Monate später skelettiert aufgefunden wurden, mit einem Kopfschütteln quittiert. Es war für viele immer der Hinweis darauf, wie kalt diese Gesellschaft geworden wäre. Ob jetzt solche Meldungen auch zum Kopfschütteln führen werden? Das Sterben allein zu Hause könnte man dann wohl als Königsdisziplin in erfolgreich umgesetzten “Social distancing” ansehen.

Was vor sechs, acht Wochen nur Kopfschütteln auslöste, ist inzwischen ein neuer Standard. Zeitgleich fällt auch immer wieder der Begriff der “neuen Normalität”, an der man sich gewöhnen sollte. Für mich sieht diese Welt immer distanzierter aus. Die Verbindungen zu den Menschen werden immer geringer. “Social distancing”. Aber so ist es ja auch wohl beabsichtigt.

In diesem Sinne hatte ich ein Gespräch mit meiner 87-jährigen Mutter am Telefon. Ihrer Meinung nach ist die jetzige Situation noch schlimmer als die Situation im Kriege auf dem Lande, wenn die Luftsirenen gingen. Dann herrschte Ausgangsverbot. Aber danach konnte man sich wieder treffen und auch im Luftschutzbunker konnte man sich wenigstens umarmen. Ich fragte nach, ob sie das so meinte, wie sie es sagte. Sie bestätigte es. Früher hätte es in solchen Situationen noch Zusammenhalt und Kontakt gegeben, selbst wenn Bomben fielen und Menschen trafen. Aber heute seien Kontakte verboten und Zusammenhalt gibt es nur über den Fernseher. Und da würde sie reale Kontakte mit Menschen bevorzugen.

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkung fiel mir damals auf, dass es keine Blickkontakte zu anderen Fußgängern mehr gab. Jeder schaute vor sich hin und ging seinen Weg. Inzwischen gibt es diese wieder. Aber sie wirken distanzierter bei den Menschen, die ohne Mund- und Nasenbedeckung herum laufen. Bei den anderen fange ich auch Blicke auf, aber ich kann nicht beurteilen, was die Augen aussagen. Man sagt, die Augen sind der Spiegel zu der Seele. Momentan habe ich für mich das Gefühl, in seelenlose Augen zu blicken. Und der Rest ist Maskerade. Ein Volk auf seinen Weg in die apperzeptive Prosopagnosie.

Der Journalist, Autor und Verleger Ruprecht Frieling hat zu der Thematik der Masken und der Maskenpflicht in seinem Blog mit einem Eintrag seine “Große Maskenparade” (hier) gestartet. Diese Parade lebt vom Mitmachen. Eigentlich ist es eher eine Augenparade. Denn mehr ist an Mimik bei den meisten Maskierten kaum zu sehen. Wenn ihr ein Selfie mit Euch als maskierten Menschen habt, schickt das Foto an Ruprecht Frieling (via seinem Internetauftritt) und ihr werdet in dieser Parade mit aufgenommen.

Viel Spaß mit seiner “Großen Maskenparade”.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (42): Erdichtet

In einem Staate erging zum Schutze der Bevölkerung der Auftrag, die Freiheit einzusperren. Es gelang auch recht schnell, jene aufzuspüren, in Handschellen abzuführen und hinter Gitter zu bringen. Es wurde durchgeatmet, denn der Schutz der Bevölkerung war sicher gestellt. Doch die Freiheit an sich wäre wichtig, sogar systemisch, so sagte man, und daher sollte sie sich mit der Zeit auch wieder an sich selber gewöhnen und man ersann dazu einen 4-Stufen-Plan zur Freilassung der Freiheit.

Stufe 1: Du darfst alleine raus. Aber nur dann, wenn es nötig ist. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 2: Okay. Du willst alleine raus. Aber du darfst nur mit Mund- und Nasenbedeckung einkaufen und unsere öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen. Einkaufen oder ÖPNV ist kein Privileg, sondern freiheitliche Teilnahme am freien Wirtschaftsleben. Akzeptierst du das nicht, dann wirst du auch nicht einkaufen oder umherfahren dürfen. Mund- und Nasenbedeckung ist Pflicht. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 3: Hm. Okay. Du willst alleine raus. Du willst Freiheit leben, dich selber spüren. Gut. Nur, wenn wir ohne Einschränkungen erfahren dürfen, wo du bist, wohin du gehst, was du tust, mit wem du dich triffst, dann erhältst du ein wenig mehr davon. Freiheit war und ist ein kostbares Gut. Daher musst du ein Smartphone haben, auf welches unsere App funktioniert. Dann erhältst du in der Freiheit mehr von der Freiheit. Oder du musst in Kauf nehmen, zu Hause bleiben zu müssen. Du hast die Freiheit, unsere Bedingungen einverständlich zu wählen. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 4: Du willst raus. Okay. Die Maßnahmen zur Förderung der Freiheit haben sich in den beobachteten Zeitraum bewährt. Die damals neue, ungewohnte Realität ist zu einer allgemein und akzeptierten geworden. Wir sind stolz unsere neu gewonnen Freiheit. Und für diejenigen, die immer nur Geisterfahrer sein wollen: Fügt euch unserer Freiheit. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Nachdem jenes Stufen-Programm stand und es darum ging, dieses der Freiheit in ihrer Zelle zu präsentieren, wurde entsetzt festgestellt, dass die eingesperrte Freiheit aus der Zelle einfach verschwunden war. Das führte zur allgemeinen Verwunderung und Unverständnis. Es ging doch lediglich darum, die Freiheit zu schützen und ihre Einsperrung war wohlwollende Selbstschutz. Wie konnte die Freiheit darum einfach so dumm sein, aus ihrem abgeschlossenen Kerker zu verschwinden? Oder war sie ein Opfer einer Entführung geworden? Aber bislang verlangte niemand Lösegeld für ihre Freilassung. Man fand sie auch nicht erschlagen in irgendeinem Straßengraben. Oder wurde sie etwa ein Opfer von internationalen Terroristen?

Und weil keiner eine Antwort auf diese Fragen wusste, beschloss man, das 4-Stufen-Programm für sich zu behalten. Man müsse ja nicht alles herum erzählen. Zu viel der Offenheit würde der Bevölkerung auch nur Schaden bringen. Sie würde sich zu viele Gedanken machen und dann meinen, man würde ihr ungerechtfertigterweise zu denken geben statt jene selber denken würden. Dabei galt es doch die Bevölkerung vor unnötigen Schaden zu schützen. Also – so war der Gedanke – müsse man dieses verhindern und jetzt die Offenheit doch stattdessen im Kerker einsperren. Ja, auch jene müsse vor sich selbst geschützt werden.

Und somit …

Der Autor stockte und las sich das Geschriebene nochmals durch. Seine Stirn runzelte sich und er schüttelte den Kopf. Zu banal. Einfach zu banal. So etwas durfte er nicht schreiben. Völlig niveaulos. Und auch noch mit moralinsauren, erhobenen Zeigefinger geschrieben. Er zerknüllte kopfschüttelnd das Papier und warf es unbesehen hinter sich aus dem Fenster.

Als mir das zerknüllte Papier beim Spazierengehen direkt vom Kopf vor die Füße landete, hob ich es auf, entfaltete es und las das Geschriebene.

Jetzt wisst ihr, wie dieser ungeheuerlich beschränkte Blog-Eintrag zustande kam …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (39): Regierungserklärung und ein Zeh

Eine Rede und was statistisch dahinter steckte:

  • Anzahl der Sätze 210.
  • Anzahl der Wörter: 3457.
  • Anzahl der unterschiedlichen Wörter: 1262
  • Längstes Wort: “COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz”
  • Der längste Satz: “Auch dann wird das Virus immer noch da sein; aber mit Konzentration und Ausdauer – gerade am Anfang – können wir vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln oder Gruppen von Menschen monatelang von allen anderen isolieren zu müssen und mit furchtbaren Zuständen in unseren Krankenhäusern konfrontiert zu sein, wie es in einigen anderen Ländern leider der Fall war.”
  • Das am häufigsten verwendete Wort: “auch” (48x)
  • Lesezeit bei 300 Wörter pro Minute: ca. 14 Minuten
  • Rededauer bei professionellen Sprechern: ca. 19 Minuten
  • Dauer der gehaltenen Rede: 26 Minuten 56 Sekunden
  • Rednerin: Angela Dorothea Merkel
  • Zweck: Regierungserklärung
  • Applaus: vorhanden

And now to something completly different:

Die Bibel

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, dass du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Verfasser des Zitats war ein gewisser Matthäus. Nein, der ex-fussballspielende  und jetzt Fußball-kommentierende Franke, der ist es nicht. Da mich der rechte kleine Zehe meines rechten großen Fußes bannig Ärger machte und mein christliches Hackebeilchen seit meinem Kirchenaustritt leider ein wenig arg verrostet ist, wagte ich den “triftigen Grund” in Anspruch zu nehmen.

Junger Padawan, raus er darf, sprach so ein kleiner, faltiger Sternenkrieger-Gnom in mir und ich humpelte auf den Weg zum Medicus. Der Arzt schaute sich meine Kleinigkeit an und meinte nur: “Bleiben Sie damit zuhause. Gehen Sie nicht raus, außer Sie haben triftige Gründe. Das wird schon wieder, in ein paar Tagen ist es weg..”

Hm. Also Ausgangsbeschränkung jetzt auch seitens meines Dottores. Statt einer gepflegten, blutig christlichen Amputation. Gut. Man kann halt nicht immer Glück im Leben haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (38): Krisensituation ‘Nächstenliebe’

“Guten Tag, Sie sind mit der psychologischen Betreuung für persönliche Krisensituationen während der Corona-Pandemie verbunden. …”

“Hallo, mein Name ist …”

“Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte ‘Drei’.”

“Drei.”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie ‘Drei’.”

“Drei. Ich habe Drei gesagt.”

“Sie haben Probleme mit der Gesamtsituation. An der Ausgangsbeschränkung können wir nichts ändern, aber wir können Ihnen helfen in dieser Situation sich zurecht zu finden. Daher benötigen wir weitere Informationen von Ihnen. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte die ‘Drei’.”

“Drei.”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei! Drei. Drei. Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Okay, dann Eins. Eins!”

“Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie werden umgehend mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden. Ihre Einsamkeit wird dann sofort beendet sein. Sie wurden in der Warteschlange eingereiht. Ihr durchschnittliche Wartezeit beträgt circa einhundertfünfundneunzig Minuten.”

“Okay, dann nehme ich Drei. Drei.”

“Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, können wir Ihnen nicht helfen. Sie wurden aus der Warteschlange ausgeschlossen. Rufen Sie bitte wieder an, wenn Ihre Beurteilung der Gesamtsituation sich gebessert hat. Für alle anderen Bedrohungssituationen erfahren Sie weitere Hilfe bei Ihrem Corona-Beauftragtem, aber bleiben Sie bitte immer zu Hause.”

“Eins?”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie gegebenenfalls auch mal ‘Drei’.”

“Alkoholismus? Suizid? Selbstmord?”

“Vielen Dank. Ihr Anruf wurde gespeichert. Hiermit ist Ihr Gespräch beendet. Wir bedanken uns bei Ihrer Aufmerksamkeit und drücken Ihnen unser ernsthaftes Mitgefühl aus. Bitte hinterlassen Sie Ihr Testament gut sichtbar auf Ihren Küchentisch, damit wir ihren Todesfall entsprechend statistisch als Corona-Todesfall aufnehmen können. Leben Sie wohl.”