Doodeln auf Tapeten


„Wer hat die Tapete beschmiert? Ich will das wissen! Sofort!“

Ihr „Sofort“ hallte in meinen Ohren. Es war scharf, fordernd, unerbittlich. Sie stand vor meinem Bruder mir gegenüber leicht vornüber gebeugt. Ihr Zeigefinger stocherte an uns vorbei und zeigte auf die Wand mit der Tapete, eine Tapete mit gelben Ornamenten, die dem Flur eine heimelige Wärme gab. An der Wand hing fest in die Wand gedübelt das Telefonbänkchen. Auf diesem stand das Telefon. Der klassische „Tischfernsprecher W48“ der Nachkriegszeit: Telefongerät mit der abstehenden Telefongabel, darauf der Telefonhörer, und frontal dem Betrachter zugewendet die Wählscheibe. Dazwischen schlängelten sich die schwarzen, mit textilfaserummantelten Telefonkabel. Damals verfügten die Kabel zur Telefondose noch nicht über den kleinen schlanken „TAE F-Stecker“, sondern das ganze wurde über einen altertümlichen massiven Walzenstecker (Bezeichnung „ADoS ZB 27“) in die Wand mit dem Telefonnetz der Welt verbunden.

„Ich will wissen, wer von euch die Tapete beschmiert hat!“

Das Telefon glänzte in einer Farbe, welche wir heute mit „schwarze Klavierlackoptik“ beschrieben würden. Es war eines der alten, analogen Bakelit-Telefone und nicht eines der zur damaligen 70er-Zeit modischen Schamotte-weiß-matten PVC-Plastikgeräte. Solch ein neumodisches Telefongerät hätte auch stylisch nicht zu unserem Telefonbänkchen gepasst, selbst wenn das Bänkchen weniger zu tragen gehabt hätte. Aber Vater hatte die Schrauben mit seinen Dübeln für die Ewigkeit in der Wand verankert. Und so störten auch nicht die Telefonbücher, die im Ablagefach unter dem Telefon leuchtend gelb ihr Dasein demonstrierten: das örtliche Telefonbuch-Heft, zwei regionale Telefonbücher und die unvermeidlichen Gelben Seiten. Eigentlich hätte dort nur ein regionales Telefonbuch liegen dürfen. Denn zu mehr waren wir nicht bezugsberechtigt, auch wenn wir direkt an der Grenzregion des regionalen Telefonbuchbereiches lagen. Mein Vater tauschte regelmäßig am Ende des Jahreszeitraums über Bekannte das eigene regionale Telefonbuch mit dem dicken Telefonbuch der Nachbarregion aus. So hatten wir alle für uns wichtigen Telefonbücher.

„Sofort! Oder…!“

Telefonbücher lesen ist keine Hochkultur, selbst wenn das einmal scherzhafterweise Gegenstand des „Literarischen Quartetts“ im Fernsehen war. Trotzdem gab es Seiten, die mich stark interessierten. Dort befanden sich immer die Handlungshinweise für Katastrophenfälle, also, wenn uns der Himmel auf den Kopf zu fallen drohte oder der Russe mal wieder vor der Tür stehen sollte. Zweimal im Jahr wurden die Alarmsirenen der Umgebung getestet. Mittels des Telefonbuches in der Hand versuchte ich die verschiedenen Sirenen-Codierungen zu erkennen. Je nachdem wie der Wind stand, waren die Tonfolgen auf unserem Hof mehr oder weniger deutlich zu hören. Währenddessen las ich solche Hinweise wie über die Bevorratung mit Serbischer Bohnensuppe in Dosen im Keller für Krisenzeiten. Mir sagte all das recht wenig und für mich war es immer ein wenig kurios. Meine Eltern dagegen konnten sehr wohl mit dem Sirenengeheul etwas anfangen, weckte das Geheul der Sirenen bei ihnen doch regelmäßig die Erinnerungen an den Krieg.

„Also! Wer von euch beiden hat die Wand bekritzelt?“

Die Kritzeleien auf der Tapete wiesen kleine Strichmännchen und charakteristische Karo-Muster in den grafischen Tapetenornamenten auf.  Aufgrund meiner Körpergröße war es eigentlich klar, dass sie nicht von mir stammen konnten. Nie hätte ich mit meinen Armen dahin reichen können, um was hinzukritzeln. Zudem holte ich das Telefon immer vom Bänkchen runter, um auf dem Teppichboden zu telefonieren. Lediglich mein Bruder führte seine Telefonate immer gern im Stehen. Dass das Telefon sich nicht an einem Schreibtisch oder bei einer Sitzgelegenheit befand, war das Ergebnis der damaligen Post-Kampagne „Fasse dich kurz“. Ortsgespräche waren zu jener Zeit mit dem abgedeckt, was heute jeder als „Flatrate“ bezeichnet. Jedoch wohnte nicht jeder Bekannte im gleichen Ort wie wir. Also war der Telefonstehplatz auch eine Mahnung nicht all zu lange zu telefonieren. Nur für meinen Bruder galt das nicht. Er telefonierte ausgiebig und fing dabei an, die Wandtapete mit seinen Zeichnungen zu ergänzen. Ich hatte ihn dabei bereits einmal überrascht und er hatte mir im Gegenzug handgreifliche Taten in Aussicht gestellt, sollte ich ihn verpetzen. Also schwieg ich auch vor meiner Mutter und hoffte darauf, dass mein Bruder endlich das erlösende „ich“ aussprechen würde, um mich aus der unangenehmen Situation vor meiner Mutter befreien zu können.

„Wer von euch? Du? Oder du?“

Über Trithemius sein Teestübchen bin ich darauf gestoßen, dass so ein Gekritzel eher systematischer Natur sein muss. „Doodeln“ heißt die Tätigkeit und ist längst noch nicht ausgestorben.

In einem Unternehmen erlebte ich, wie ein Mitarbeiter am Telefon nach allen Regeln der Kunst von seinem Projektleiter gefaltet und klein gemacht wurde. Während ich nur das undeutliche, aber maschinengewehrhafte Reden des Anrufers mitbekam, saß mein Kollege demütig nickend am Telefon. Dabei ergriff er einen Bleistift und fing an hektisch zu schreiben. Erst dachte ich, er würde schreiben und sich Notizen machen. Aber ich bemerkte, dass er zeichnete. Hektisch und schnell. Als er schließlich auflegte, beendete er sein Zeichnen. Auf seiner Schreibunterlage war ein „Smart“-Fahrzeug auf einer Baumallee gezeichnet. Auf meine erstaunte und bewundernde Nachfrage, warum er so gut zeichnen könne, erklärte er mir, er hätte es nicht bemerkt, riss den Bogen Papier von der Schreibunterlage, zerknüllte sein telefonisches Kunstwerk und warf es in einen Papierkorb. Er würde immer so etwas zeichnen, wenn er unter Druck gestellt wäre, meinte er noch, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete.

Vor einer Woche war ich wieder im Hause meiner Eltern bei meinem Bruder, dem der Hof jetzt gehört. Die Doodel-Ecke beim Telefon hatte mein Bruder bereits überstrichen. Trotzdem erinnerte sie mich an unsere Szene mit meiner Mutter.

Er hatte geschwiegen und ich hatte ihn nicht verpetzt. Wir mussten uns eine lange Strafpredigt anhören. Ich erinnere mich daran, weil diese mir damals schwer aufs Gemüt geschlagen war. Mein Bruder meinte lediglich: „Die soll sich nicht so haben“, und tat, als wäre nichts passiert.

Meine Mutter übergab mir bei meinem Besuch ein Heft. Sie ist längst nicht mehr die lautstarke, imposante drohende Erscheinung wie damals noch bei dem Verhör. Das Alter raubt einem diese Fähigkeit größer zu erscheinen, als man ist. Mit 83 Jahren ist es auch nicht mehr so wichtig, drohend auf Söhne zu wirken. Es würde eh nicht mehr wirken.

„Vielleicht willst du es ja noch. Wenn nicht, dann schmeiß es weg. Ich weiß nicht, wo ich es lassen soll.“

Ich öffnete es und Erinnerungen kamen zurück. Ich hielt mein Doodel-Heft in der Hand. Eigentlich war es ein linienloses Schreibheft, auf den letzten Seiten war es jedoch zu einem Doodel-Heft geworden. Die Zeichnungen erklärten sofort, dass es das Doodelheft eines damalig Liebeskranken gewesen sein musste. Die erste Liebe, die erste Enttäuschung, der erste Herzschmerz. Damals.

Das harmloseste Doodel-Bild habe ich hier angehangen und zuvor noch digital nachbearbeitet, auch wenn es gut erhalten ist. Das Bild ist eigentlich recht unpersönlich in seinem Inhalt. Wirr und spielerisch. Wie ein Brainstorm.

Die anderen Doodel im Heft klagen allerdings vom Liebesleid …

Aber das sind andere Erinnerungen.

9 Gedanken zu „Doodeln auf Tapeten

  1. Ich musste ohne Telefon groß werden, also gab es auch keine Telrfonecke, die man hätte vollkritzeln können. Aber die Tapeten waren auch vor mir nicht sicher. Mein Bruder begeisterte sich mehr für Elektrogeräte, die er kaputt reparierte. Eltern müssen so etwas aushalten können! ;-)

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  2. Ein wunderbarer Eintrag, lieber Franz! Hab ihn mit großem Vergnügen gelesen. Ich würde aus deinem Blatt gerne eine Figur übernehmen, wenn du einverstanden bist, dass ich sie freistelle. Ich verlinke dann ja zu deinem Original und werde im Text ausdrücklich auf deinen Eintrag hinweisen.

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  3. Pingback: Doodeln ohne Draht – Mitmachprojekt gegen das Verschwinden einer Kulturtechnik – Update 3.4 |

  4. Ich doodle auch immer, wenn ich telefoniere und ich telefoniere beruflich viiieeel. Hast Du sehr gut geschrieben, ich habe das gerne gelesen und auch schön, mal wieder von Dir zu hören.

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