Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2): Treffen der Generationen

Die Firma hat eingesehen, dass die gestern eingeführte Idee, alle Türgriffe und so weiter mit Schaumstoff zu umwickeln und dann einfach nur mit Desinfektionsmitteln einzusprühen, weniger Genialität aufweist als Klopapierrollenhamsterkäufe. Sie wurden entfernt. Aber da das Klinkenputzen Geld kostet, taucht die Billiglohnkraft auch nur noch einmal am Tage auf, statt wie zuvor verkündet viermal am Tag. Stattdessen sollen wir es unterlassen, uns an Kaffeeautomaten zu treffen. Maximal immer nur einer und der Rest habe 2 Meter 50 Abstand zu halten. Den Verfasser dieses Verhaltensreglements sah ich heute. Er stand am Kaffeeautomaten und plauderte intensiv in nächster Nähe mit einem Geschäftsführer, der zudem seine Finger im Gesicht hatte. In einer Email hatte eben jener Geschäftsführer gefordert, man solle unter anderem auch einmal seine Finger aus dem Gesicht lassen. Vielleicht sind gerade mal ein Viertel der Angestellten in Homeoffice. Es reichte, dass jener Geschäftsführer dann schrieb, man solle nicht mehr so viel die Telefonleitung nutzen, den telefonischen Kontakt aufs mindeste zu beschränken, da sonst das IT-Netz zerbröseln könne.

Das wird diesen Sommer kein Sommermärchen geben. Die Fußball-EM ist verschoben. Dabei hätten vier Spiele hier in München stattfinden sollen. Mein Beileid an die UEFA für deren Entscheidung hielt sich in Grenzen. Die UEFA wird wohl dafür von den Nationalverbänden einen Rettungschirm einfordern, damit deren Manager nachher nicht an deren goldenen Hungertücher nagen müssen.

Meine Mutter beklagte sich am Telefon, dass die Gottesdienste allesamt verboten wurden. Meine Mutter ist 86. Der tägliche Gottesdienst war ihr einziger Trost. Glaube ist ihr wichtig. Nur ich konnte ihr nicht einfach sagen, dass die Schließungen eigentlich folgerichtig waren. Denn nachweislich interessiert sich keiner der Gottheiten mehr für diesen kleinen Globus in deren All. Denn sonst wären sie mit göttlicher Allmacht hier niedergefahren und hätten jeden einzelnen Virus persönlich zum Platzen gebracht. Aber bislang kam keiner der Allmächtigen, um sich um deren Schäfchen und Lämmer auf diesem Erdenrund zu kümmern. Also kann man deren Gedenkstätten auch gleich schließen.

In der Presse ist jetzt wieder viel über “Krieg” zu lesen. Krieg gegen einen Virus. Begeistert hätte ich fast “na denn mal los, ihr Heeresführer” gerufen. Jeder weiß doch, wie präzis Bomben, Raketen und Drohnen der obersten Heeresführer heute arbeiten. Die Verwender hatten bislang immer deren chirurgischen Präzision gerühmt. Aber die Heerführer sitzen zusammen, schütteln sich die Hände und wissen auch gleich, wer Schuld an dem ganzen Dilemma ist. Schuld sind immer wir anderen. Aber “Krieg” ist immer gut. Es fokussiert die Menschen und lenkt davon ab, dass Viren Armeen und Krieg recht schnuppe sind.

Beim Nachlesen in den sozialen Medien fällt mir ins Auge, dass der Generationenkonflikt verschärft weiter geführt wurde. Stand am Anfang “Friday for future” und die ganze Scharr der Älteren, die den Streik zum Schulschwänzen umgedeutet und damit auf Konfrontation mit den Jüngeren gingen, kam danach das “Okay, Boomer” und “alte grauhaarige Männer” gegen “ihr habt keine Ahnung” und “rotgrün-versifft” und “werdet erst einmal älter”, so kommt jetzt die betonte Lässigkeit der Jüngeren und die pingelige Bevormundung der Älteren. Die Älteren verlangen von den Jüngeren Disziplin und zu-Hause-zu-bleiben. Die Jüngeren machen dabei die Rechnung auf und erklären, der Virus wäre eh nur gefährlich für die Ü40-Boomer-Generation. Und die solle sich nicht so haben, denn sie müsse eh irgendwann sterben. Und so wogt der Generationenkonflikt in all seiner Gehässigkeit hin und her durch Twitter und Facebook. Warum sollten auch aller Hass und jede Hetze in Zeiten der Coronaviren aufhören?

Die Regale in den Supermärkten werden zusehends leerer. Es fällt das Word der „Asozialität” und das Fehlen von “Solidarität”. In den 80ern, zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, hat die Jugend damals den Älteren vorgeworfen, würde der Russe in Deutschland mit Panzern einfallen, würden die Deutschen schnell ihre Autos von der Straße in deren Garagen umsetzen, damit die nicht beschädigt werden, statt die eigenen Autos den Eindringlingen als Blockade in den Weg zu stellen. Die Älteren wären nicht fähig, etwas von sich selbst zum Wohle aller aufzugeben, war die damalige Erklärung dazu. Es beruhigt zu wissen, dass sich nichts in der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren geändert hat. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Wenn das Volk kein Brot mehr hat, soll es Kuchen essen. Und wenn es an Klopapier und Nudeln fehlt, dann sollen sie mehr Puderzucker essen. Dann ist erstens für Kalorien zum Überleben gesorgt und zweitens muss man auf dem Klo nur abstauben.

Homeoffice. Immer mehr in meiner Umgebung machen Homeoffice. Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht dazu verdonnert wurde. Auf 30 qm Wohnung auch noch ablenkungsfrei arbeiten können? Ein unkeuscher Gedanke stieg in mir auf: Was macht eigentlich eine Prostituierte, wenn ihr Homeoffice verordnet wird … ?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (1): Gegenmaßnahmen

Ein neuer Tag. Die Baustelle vor meinem Fenster erwacht. Der Fluch der Corona ist dort noch nicht angekommen. Im Bad beurteile ich meine letzten beiden Toilettenpapierrollen. Es ist meine Schuld, dass ich nicht sofort auf den Toilettenpapierhype mit aufgesprungen war. Das habe ich jetzt davon.

Es ist, wie es ist. Die Arbeit geht weiter. Der Firmenbesitzer hat wohl seine Freitags-Verfügung umsetzen lassen. Aus seinem selbstgewählten Exil, weil er unbedingt noch Skiurlaub in Südtirol machen musste. Exil? Welch heroisches Wort. Nennen wir es doch so, wie es ist: selbstverordnete Firmenabstinenz eingekleidet in das schöne Wort “Home Office” (besser: “Selbstquarantäne”). Am Freitag gab es die Verkündung, dass Türklinken, Türknäufe und Türdrücker regelmäßig mehrmals am Tag mit Desinfektionsspray gereinigt werden sollten. Ihm muss wohl aufgegangen sein, dass bei den vielen Türen im Gebäudekomplex viel mit Spray und Lappen gearbeitet werden müsse. Und Arbeit ist der Quotient aus Geld pro Stunde. Oder umgekehrt: verdammt viel Geld für einen Tag und die Firma hat doch zu sparen. Also ließ er die Türgriffe mit Schaustoff umwickeln, mit zwei Kabelbinder fixieren und die werden jetzt regelmäßig eingesprüht. Die überstehenden Enden der Kabelbinder wurden freilich abgeschnitten. Die ersten hatten sich bereits an den scharfen Schnittkanten der Kabelbinder geschnitten. Aber kein Corona bekommen. Dafür suppen jetzt die Schaumstoffpuffer. Ob das medizinisch okay ist? Zumindest geht das Einsprayen jetzt schneller vonstatten. Es muss nicht mehr gewischt und poliert werden. Aber beim Händewaschen sollen wir zweimal “Happy Birthday” singen, bevor wir die Hände spülen.

Zwei OEMs (FCA + PSA) haben ihre Produktion runter gefahren. Das wird wie eine Schockwelle die Automobilindustrie treffen. 2008/2009 war dagegen ein Klacks. Denn es kommt bereits ein anderer wirtschaftlicher Tsunami auf die Automobilindustrie zu: Gaststättengewerbe, Reiseindustrie und Fluglinien haben massive Probleme. Lufthansa braucht bereits Geld, SAS hat den Flugbetrieb eingestellt und 10.000 Menschen entlassen. Und die Automobilindustrie ist aufgrund Diesel-Gate geschwächt. Der Tsunami, der da kommt wird brutaler als 2008/2009. Das kommt nicht von den Banken. Sondern von der Präsenz von 150 Nanometer. Wenn die Automobilindustrie Schnupfen hat, bekommt die deutsche Wirtschaft Grippe. Die deutsche Wirtschaft hat bereits die Grippe und die Automobilindustrie hat nicht nur einen Schnupfen. Das wird unlustig.

Bayern fährt runter. Nach dem 09/11 im Jahre 2001 wurde uns bereits erklärt, dass die Spaß-Gesellschafft passé wäre. Heute wird sie gesetzlich reglementiert. Der Virus ist kein Spaß. Aber das Ende der Leichtigkeit? Kein Licht mehr? Keine Weite mehr? Die Kommentare meiner Kollegen sind danach. Rational argumentiert keiner. Alle sehen freilich nur die offensichtlichen Einschränkungen und die damit verbundenen Nachteile. Es gibt keine win-win-Situtaion mehr. Am Samstag brummte neben mir wieder jemand: “Die wollen nur von den kriminellen Ausländern und Flüchtlingen ablenken!” Meine gedankliche Antwort ist nicht zitierbar.

Ein Lied geht mir nicht mehr aus den Kopf. “My Corona”.

Ooh, my little pretty one, my pretty one
When you gonna give me some time, …
Ooh, you make my motor run, my motor run
Got it coming off o‘ the line, …

Nein, der Titel des Lieds ist ein anderer. Es ist das Lied der Gruppe “The Knack” und heißt in Wahrheit “My Sharona”. Einmal etwas anzügliches ohne Bedrohung.

https://www.youtube.com/watch?v=BR2JtsVumFA

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (0): Der Beginn

Ich hatte ordentlich gefeiert. Oder ich sag es mal so: die Differenz zwischen Vorher-Haben und Nachher-Haben im Geldbeutel war deutlich. Für 40 Euro gibt es schon einige Kännchen Bier in Bayern. Auch in München. Und einen Kater gratis.

Früher war es mit dem Aufwachen einfacher: Aufwachen, Fenster auf, Kater floh, Patient gesund. Heute will der Kater kuscheln, um die passende Katerstimmung zu erzeugen. Das Fieberthermometer zeigte 37,1° C. Faules. Fieber. Der Darm unterstrich es auf dem Klo.

Die Nachrichten werden immer dunkler, enger, schwerer. Spanien riegelt sich ab. Viele Deutsche meinten, dass sie eine Quarantäne lieber am Strand unter der herrlichen Sonne der Kanaren verbrächten als im miesepetrigen dunkelgrauen Deutschland und darum unbedingt noch dahin müssten. Sie wurden an den Stränden von Polizisten auf Motorrädern aufgelesen und in deren Hotelquartier geschickt. Die Flieger werden sie in den nächsten Tagen abholen. Zwangsabschiebung. Wetterflucht ist kein Asylgrund. Erst recht nicht für Deutsche, die selber ja noch nicht mal Wirtschaftsprobleme abkönnen. Deutsche können nicht mehr in den Urlaub fliegen. Sie werden ins Hier und Heute zwangsverhaftet. In Geiselhaft eines Virus. Das ist nicht so schlimm wie ein Piloten- oder Bahnstreik, aber nett ist sowas auch nicht. Schön ist das nicht.

Alles Hysterie! Lass uns doch leben, wie wir wollen! Uns doch egal, wenn die Armen, Schwachen und Alten sterben! Wir sind jung, wir sind vital, wir sind die Zukunft. Recht haben sie. Oder hat wer schon Bruce Brenner bei seiner Wandlung in den schrecklich grünen Hulk an einem Virus erkranken sehen? Superhelden erkranken nicht. Und wir jugendliche Menschen sind alle Superhelden. Alle gehören wir zu den Avengers. Okay, die Reservemannschaft der Avengers. Und wer erkrankt, der ist halt kein Superheld. War nie einer. War eh bereits ein Opfer. Survival of the fittest.

Ich schaue um mich. Mein Rucksack sehe ich nicht. Darin hatte ich Weinflaschen. Kein Toilettenpapier. Da waren schon andere schneller. Die Durchfall-Fraktion. Entweder gibt es wirklich viel Durchfall momentan, oder es gibt einfach zu viel dicke Ärsche in dieser Gesellschaft. Beides läuft dann aufs selbe hinaus, wenn Dick und Doof sich paaren.

Die Nachrichten sind wenig erheiternd. Die Wahl zum Bürgermeister lasse ich aus. Einerseits ändert meine Stimme nichts in Relation zu den anderen Stimmen, zum Anderen sind die Braunen eh in München nicht so goutiert, und dann schaffte die Stadt es auch ohne mich sehr gut.

Die Nachricht prasselt rein, dass Spanien dicht macht. Ein Freund lebt dort. In einem Truck. Er wird in der Mausefalle sitzen. Voraussichtlich wird er wohl abgeschoben werden. Das steht zwar nirgend geschrieben, aber warum sollte die spanische Regierung plötzlich ein herz für nicht-sesshafte Deutsche aufmachen wollen? Weil sie gut für Touristen-Euros sind? Maximal wegen den Euronen. Da sind Spanier nicht besser als Deutsche.

Eine Nachricht kommt rein. Ein Bekannter eines Bekannten, der einen Bekannten … hört sich an wie ein Gerücht. Ich werde aber vorsichtiger und sage ein Meeting ab. Als ob ich es mir leisten könnte.

Bilanz auf dem Klo: Doch nur noch zwei Klopapierrollen. Ich werde jetzt wohl dafür bestraft, nicht dem Klopapierwahnsinn verfallen zu sein.

Da fiel mir ein Witz ein: Eine Frau wollte gerne einen größere Busen durch Brustvergrößerung haben. Der Arzt riet ihr zur Verwendung von Toilettenpapier. Die Frau starrte den Arzt fragend an und der antwortete lakonisch: “Bei ihrem Arsch hat es ja auch geholfen.”

Keine Ahnung, ob in Deutschland dieser schlechte Kalauerwitz inzwischen für bare Münze genommen wird. Trotz Lachen werden aus meinen beiden Rollen keine vier.

Morgen ist ein anderer Tag. Dann wird wohl wieder geliefert werden, oder?

Ertrage die Clowns (11): Das Leben mit anderen wie in einem Gemälde

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Wenn die Kneipe das reale Leben spiegelt, dann ist das Kino die Projektion der Leidenschaften. In besonderen Kinos kommt es immer wieder zu besonderen Begegnungen. Cineastisch gesehen verschmelzen in solchen Lokalitäten Kneipe und Leinwand, während der Film in Endlosschleife zusammen mit dem Leben dieser Welt einem am Auge vorbeiläuft. Jeder Regisseur dieser Welt würde sogleich seine Handkamera aus der Hosentasche hervorholen, um diese reale Wirklichkeit eins zu eins abzufilmen: verwackelt, unglaublich simple Dialoge mit unbändiger Intensivität, Farben wie aus einer billigen Waschmaschine, das ganze weder in 4K noch in FHD, dafür lediglich gefilmt in der Auflösung alter 8-mm-Filme. Ein neuer Film im Stile von “Blair Witch Project”.

“Weißte”, würde dann der erste Amateur-Schauspieler sagen, mit einem Auge auf Leinwand und Publikum schielend, das andere an seinem Gegenüber klebend, das schmierige Gesicht einem direkt zugewendet, “weißte, in unserer Lebensgemeinschaft sind wir Full-Swap-Swinger, nicht wahr, also so mit allem drum und dran, und wir sind uns auch für alles ohne auch nicht zu fies vor, wir testen uns ja regelmäßig und sind gesund, also sind wir sauber und darum nur echtes Full-Swap, verstehste, wir lieben das Leben und warum sollten wir es darum nicht auskosten, nicht wahr, aber diese Sache mit dem Virus momentan, glaub mir, in den Medien wird gelogen was das Zeug hält, alles nur Hysterie und Panikmache, weder neutral noch objektiv, die Medien sind doch das Sprachrohr der Regierenden, muss man denen nicht glauben, was die so verzapfen, genauso das wie mit der Klimakrise, alles gemachte Panik, Waldsterben, Ozonloch, Sars, Klimakrise, vermeintliche Bedrohung durch marodierende Rechtsradikale, Kassenbons für Brötchen, Bienensterben, Ausländerreserviertheit, Kritik an erfolgreiche Großunternehmer und Organisationen in Fußballstadien und so weiter und so fort, denk doch mal, das sagen die doch nur, um vielleicht von brisanteren Themen abzulenken.”

“Die wären?”

“Begreife einfach, das dies nur dazu dient, die Menschen in der EU von anderen Themen abzulenken, schau mal nach Griechenland, was da abgeht. Da werden Menschen und Systeme gepämpert und gebauchpinselt, da erhalten die Menschen die Butter, die man uns nicht auf dem Brot gönnt, da schafft man denen das Paradies auf Erden, während man uns hier durch unsinnige Verbote und Meinungsmache klein halten will. Man will uns unseren Stolz nehmen. Und wenn dann etwas einem etwas demokratisches nicht passt, einfach das Gegenteil machen. Erinnert mich an Erfurt und die Wahl zum Ministerpräsidenten. Da hat den Regierenden auch nicht gepasst, was das Souverän des Volkes als Stimmabgabe ausgedrückt hat und was in Folge zuerst parlamentarisch gewählt wurde.”

Der Regisseur würde sofort umschwenken, die nächste Szene suchen, etwas aus einem Gemälde wie von Hieronymus Bosch. Ganz im Sinne des christlichen Abendlandes würde er versuchen, jede der sieben Wurzelsünden kamera- und dialogtechnisch abzubilden: Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Wollust, Selbstsucht, Ignoranz.

Aber seine Suche wäre zwecklos, denn am Markt käme er damit nicht durch, würde mit seinem Kurzfilm zu den sieben Wurzelsünden keinen Erfolg zu haben. Niemand würde das sehen wollen. Auch wenn der Film sich eines Vergleichs zu “Blair Witch Project” nicht scheuen müsste.

Anfangs wäre er verzweifelt, weil es niemanden interessiert oder keiner hinschauen mag, nach kurzer Zeit würde er aber erkennen, dass es gerade die nachhaltige Praktizierung der Wurzel”sünden” dazu führt, was ein Leben ähnlich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch dieses eben erst ermöglicht. Wer so etwas nicht explizit und ausführlich praktiziert, der wird gesellschaftlich an das bittere Ende der sozialen Hackordnung eingereiht.

Der Regisseur würde sich zurückziehen und bitterlich weinen und dann in eines der Kinos gehen, in der Leinwand und Kneipe miteinander verschmelzen, sich die Szenerie anschauen, sich wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch fühlen, die Handkamera herausholen …

… aber dann wurde er pragmatisch und steckte die Handkamera wieder weg, schnappte sich sein Bier, fläzte sich in einen der roten Sessel, und sah dann kurz darauf die Szenen des wahren Lebens vor sich ablaufen, einen kurzen Ausschnitt aus Helmut Dietls “Kir Royal” aus München, über München, in München, abgespielt vor seinem inneren Auge:

Haffenloher: „Ich mach dich nieder, wenn du mich jetzt hier stehen lässt wie einen Deppen, dann mach ich dich nieder. Ich ruinier dich. Ich mach dich fertig. Ich kleb dich zu von oben bis unten.“
Schimmerlos: „Mit dem Kleber?“
Haffenloher: „Mit meinem Geld. Ich kauf dich einfach. Ich kauf deine Villa, stell noch einen Ferrari davor. Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

Betrunken wankte der Regisseur von dannen. Er hatte genug. Genug gesehen, genug erlebt. Er benötigte neue Eindrücke, bessere, wirklichere, draußen vor der Tür …

Stuntmen auf E-Scooter

Kaskadendecke. Weiß. Im Blickfeld ein chromglänzenden Halter einer Infusionskatusche. Seine Zehen schauten vor ihm unter der Bettdecke hervor. Dahinter graues Begrenzungsbrett mit chromglänzender Griffstange. Dahinter Vitaldatenmonitor mit chromglänzenden Verzierungselementen. Pulsoxymeter.

Der Monitor als Seismograph der eigenen Vitaldaten mit roter, zackiger Kurve auf grünen Display. Heller Ton, piepender Ton, langer Nachhall. Neuer Ton, hell, piepsig, nachhallend. Erneut.

Piepssss. Piepsss. Piepssss.

“Schwachsinn”, schoss es ihm durch den Kopf, “zu viel der schlechten Filme.”

Das grüne Display des EKGs war lediglich ein Typenschild. Er konzentrierte sich. Nein. Da war kein Ton. Außen jedenfalls nicht außer Kabelgewirr. Aber in seinem Kopf, da war der Ton. Tinitus?

“Solche Geräte piepsen auch nur in Serien wie ‘Emergency Room’ oder ‘Greys Anatomy’. Oder wenn Dr. Stephanie dem Dr. Stefan Frank in aller Freundschaft die Praxis Bülowbogen aufmöbelt,  …”

Er wollte über seinen Gedankengang grinsen. Lediglich seine Gesichtsmuskeln spielten nicht mit.

Krankenhauseinrichtung. Auf seinen Versuch seinen Kopf zu drehen, antwortete sein Körper mit einem stechenden Schmerz. Dafür stürzten plötzlich Erinnerungen auf ihn ein, er sah den Verlauf vor sich, den Unfall, den Krankenwagen …

“Und? Aufgewacht? Alles fit?”, ertönte neben ihm eine Stimme.

“Ja, halbwegs. Wo bin ich hier? Krankenhaus?”

“Yep. Intensivbeobachtung, aber nicht Intensivstaion.”

“Ah, shit, der Unfall.”

“Sie erinnern sich?”

Er seufzte. Ein pochender Schmerz in seinem Kopf meldete sich. Bandagen an seinen Armen meldeten sich, Juckreiz meldete sich. Es juckte unter den … er bewegte seine Arme leicht … Mist, Gips.

“Ja, ich erinnere mich.”

“Was passierte?”

“Ich fuhr mit dem E-Scooter durch die Fahrradstrasse und blickte kurz auf mein Smartphone, um mich zu orientieren, weil ich aus der Straße abbiegen musste.”

“Flachrechnerbenutzung bei Nutzung eines Elektrokleinstfahrzeuges macht 55 Euro und 1 Punkt in Flensburg. Flachrechner wie Smartphones nutzt man in der Regel mit beiden Händen, sie sind also freihändig gefahren, nicht wahr. Macht weitere 10 Euro.”

“Sie kennen sich wohl aus?”, er lachte. “Schon mal freihändig auf einem Tretroller gefahren? Geht gar nicht. Außer man macht auf Stuntman.”

“Mag sein, aber einhändige Benutzung von Smartphones ist heutzutage bereits Legendenbildung, nicht wahr. Wer hat denn noch so ein Mäusekinodisplay in der Tasche.”

“Mann, ich wollte lediglich Abbiegen, weil ich laut Smartphone links abbiegen sollte.”

“Und da haben Sie den Schulterblick gemacht und Handzeichen nach links gegeben, nicht wahr.”

“Häh? Wie soll das denn gehen? Hab ich vorhin nicht schon gefragt, bin ich etwa Stuntman? Haben Sie das mal versucht? Das lässt Sie ihren E-Scooter verreißen, das haut Sie weg. Das ist wie auf nem Tretroller, nicht anders.”

“Also ohne Handzeichen. So etwas kostet 10 Euro.”

“Und dann kam dieser Depp von rechts in seinem Kleinstwagen, so nem alten Fiat Cinquecento, bremste quietschend. Und lautstark rumhupend auch noch. Ich hatte den gar nicht gesehen …”

“Autofahrer behindert, 20 Euro.”

“Und von links dann der Corsa-Fahrer. Dem Fahrer hab ich noch ins Auge gesehen und er mir. Der trug nen Pepita-Hut. Dann knalle es auch schon.”

“Autofahrer behindert, Unfall verursacht, 25 Euro.”

“Behindert? Hätte der nicht mal schauen können? Der hat mich doch kommen gesehen! Der fuhr überhaupt nicht defensiv oder vorausschauend oder auf schwächere Rücksicht nehmend. So einem Verkehrsrowdy gehört mal der Führerschein entzogen! Und diese andere Sau, welche einfach von rechts bremsend und hupend alle Leute verschreckt. Weiß der nicht, dass Leute im Straßenverkehr erschrecken gefährlich ist? Niemand nimmt mehr heute Rücksicht, alle sehen nur sich selber. Immer nur ich, ich, ich und immer nur ich, die reine Ich-Gesellschaft, bis solche wie ich im Krankenhaus liegen …”

“Und? Hast du alles?” Eine neue Stimme meldete sich im Hintergrund

“Ich hab alles”, sagte die erste Stimme. Ein Gekritzel auf Papier eines Kugelschreibers, dessen Mine schon längst ersetzt gehörte, kurz danach ein langgezogenes, kratzende Geräusch, wie wenn ein Zettel von einem Notizblock abgezogen wurde und dann …

“So, ihre Aussage zum Unfall wurde aufgenommen. Zeuge Kollege Oberwachtmeister. Das macht wohl einen Punkt in Flensburg und 120 Euro Bußgeld en top. Ihre letzten Aussage qualifizieren Sie darüber hinaus als Verkehrsrowdy, was wir auch weiter leiten werden. Sie werden von uns in paar Tagen von der Dienststelle noch den offiziellen Binnen-Brief erhalten. ”

“Binnen-Brief? Was ist das?”

“Zahlungsaufforderung über Bußgeld. Zu zahlen binnen Zahlungsfrist. Binnen-Brief.”

Die zweite Stimme stieß ein kehliges Stakkatolachen aus. “Gehen wir. Wir haben alles, was wir brauchen für unseren polizeilichen Unfallbericht.”

“Polizeilich? Sie sind Polizisten? Sie haben mir nichts gesagt! Sie dürfen doch nicht …”

Er hörte, wie sich die beiden entfernten, eine Tür geöffnet und verzögert wieder verschlossen wurde.

Der Bandagierte schaute fassungslos auf die Kaskadendecke und schrie den beiden seine Verwünschung hinterher: “Ihr gottverdammten Arschlöcher! Sausackidioten auf zwei Beinen! Der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben. Deshalb immer zu zweit!”

Durch die Tür schallte trocken die Rückantwort:

“Das haben wir gehö-hört! Horst, protokollier es …“

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Eine Welt mit Artikel 13

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Sie wünschen?“

„Ich wollte eigentlich eine Todesanzeige für ihre Zeitung aufgeben. Sowas ging doch früher bei Ihnen über Internet. Aber ich hatte auf Ihren Seiten nichts gefunden.“

„Artikel 13.“

„Artikel 13?“

„Jemand muss kontrollieren, ob der von Ihnen per Anzeige verkündete Tod nicht ein Copyright verletzt.“

„Copyright verletzt?“

„Letztens hatte wer bei uns im Internet seine Todesanzeige mit dem Text von ‚Stairway to Heaven‘ veröffentlicht. Das kostete unsere Zeitung 1500 Euro plus Anwaltskosten.“

„Was?“

„Dann war da noch die Familie, welche seine Todesanzeige derer Oma mit dem Hesse Gedicht ‚Stufen‘ per Internet aufgegeben hatte. Kostete uns 2000 Euro, weil Hesse erst 1969 starb. Und dann noch der Rückgang der Anzeigen und der Schwund der Auflagen. Das kann sich keine Zeitung leisten. Wir müssen ja auch von etwas leben, nicht wahr, wenn wir Todesanzeigen aufgeben.“

„Äh, ja. Okay. Ich wollte eine Todesanzeige aufgeben.“

„Familienangehörig?“

„Treu sorgende und ehrbare Schwiegermutter. Too old for Rock’n Roll, too young to die.“

„Totenschein und Identitätsnachweis bitte.“

„Warum?“

„Wir müssen uns absichern.“

„Wogegen?“

„Ist ihre Schwiegermutter Person des öffentlichen Lebens?“

„Nein.“

„Sehen Sie. Es gibt viele Schwiegermütter. Das kann also jeder behaupten. Jeden Tag sterben Schwiegermütter. Berechtigt oder nicht. Hat sie was geleistet, bevor Sie jetzt hierher gekommen sind?“

„Was wollen Sie? Sie war eine treuliebende, herzliche Schwiegermutter, beliebt bei deren Enkeln!“

„Deren Enkeln? Das wollen Sie so in der Anzeige geschrieben haben? Liegt dazu die Einverständniserklärung derer Enkeln vor?“

„Warum? Berührt das ein Copyright?“

„Nein, aber wir müssen jede Geschichte auf deren Kohärenz überprüfen. Unser Ziel ist es, dieses Jahr die Anwaltskosten auf 50% zu reduzieren, um unseren Gewinn um 4,5% zu steigern. Von diesem Gewinn geht ein Zehntel in die Gehaltserhöhungen und neun Zehntel in die Shareholder-Value-Kasse.“

„Und Sie sind der Buchhalter, der diese 4,5% ausgerechnet hat?“

„Nein, mein Herr. Ich bin der berühmt berüchtigte ‚Upload-Filter‘ meiner Zeitung. Jener, welcher jeder seit Ratifizierung des Artikels 13 dafür zu sorgen hat, dass einhundert Mitarbeiter meiner Firma nicht wegrationalisiert werden müssen, nur weil jemand darauf besteht, ein Karl-Valentin-Zitat in seiner Todesanzeige zu haben.“

„Was hat der Tod meiner Schwiegermutter mit Karl Valentin am Hut?“

„Für unsere Zeitung viel und Ihrer Todesanzeige im Speziellen. Sie wissen? Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“

„Sie sind eine Kirchenzeitung!“

„Na und? Nur weil wir eine Kirchenzeitung sind, haben wir das Erbrecht auf das Copyright von unserem Schöpfer nicht gepachtet. Hebräisch ist älter als Griechisch und trotzdem mussten wir Anleihen bei Alpha und Omega machen, um unser Buch zu beginnen. Sie verstehen? Aber für diese Copyright-Verletzung können wir nicht mehr belangt werden. 70 Jahre nach dem Tod des ursprünglichen Verfassers werden solche Dinge gemeinfrei. Sie verstehen?“

„Was?“

„Zu kompliziert? Noch einmal zum Mitschreiben: Wir stehen niemals über dem Gesetz. Besonders nicht als publizierendes Organ einer Glaubensgemeinschaft, welche Steuergelder in nicht unerheblichen Maße empfängt. Wenn wir nicht mit dem Gesetz gehen, müssen wir gehen. Gnadenlos und vogelfrei. Sie verstehen?“

„Ich will doch nur den Tod meiner Schwiegermutter im Kirchenblatt veröffentlichen lassen, damit sich nachher in unserer Gemeinde niemand auf den Schlips getreten fühlt, weil jemand keinen Totenbrief erhalten haben könnte.“

„Ist das unser Problem?“

„Nein. Aber ich dachte, ich wäre bei Ihnen richtig.“

„Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch dachte, Gott lachte. Sie sind ein Gutgläubiger. Ganz nebenbei: Haben Sie eine Einverständniserklärung Ihrer Schwiegermutter dabei, dass sie nichts dagegen hat, dass Sie sie jetzt bei uns öffentlich machen? Sie verstehen schon, DSGVO und so.“

„Was? Sie starb völlig überraschend mit ihrem Lover beim Abfahren und Knutschen auf einer Skipiste. Lawine.“

„Kein Testament?“

„Nein.“

„Das ist schade.“

„Sie sind echt ein ‚Upload-Filter‘? Was haben Sie überhaupt studiert?“

„Jura. Staatsexamen. Note 1,4.“

„Nicht Menschenrecht?“

„Was soll Ihr Fall mit Menschenrecht zu tun haben, wenn sich die betroffene Schwiegermutter und deren Lover jetzt nicht mehr wehren können?“

„Ich will nur eine Totenanzeige in Ihrem Kirchenblatt aufgeben. Nur für meine Schwiegermutter. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Und das alles nur wegen dem 15-Minuten-Ruhm für ihre Schwiegermutter in unserer Kirchenzeitung, von der sie nichts mehr hat?“

„Nichts mehr hat? Hallo, Sie Christ? Leben nach dem Tod? Schon mal gehört?“

„Ach ja? Und das alles nur, um Artikel 13 zu ignorieren und nicht zu respektieren?“

„Verstehen Sie nicht? Wissen Sie was? Sie können mich mit ihrem Artikel 13 und der DSGVO am …“

„Das garantiert nicht. Anale Dienstleistungen bieten wir nicht. Der Nächste, bitte!“

Er gab ihm ein Zeichen beiseite zu treten und winkte den nächsten zu sich an der Glasscheibe heran.

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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