Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (43): Recht in Ordnung

Die Kriminalitätsrate steigt. Und die Polizei schaut tatenlos zu. Das einzige, wozu sie sich imstande fühlt, ist das Aufschreiben und Gegenlesen von 150-Euro-Strafzettel. Weswegen sie paarweise in München patrouillieren. Söder zuckt dazu lediglich die Schultern. Die Gesetze seien verpflichtend und die Polizei dazu erst recht verpflichtet, zu überprüfen, dass jene eingehalten werden. Falls nicht, gibt es einen Strafgeldkatalog. Ordnung muss sein.

Aber dem ist nicht so! Das ist Lüge.

München. Mittelsüd. Ballungszentrum. Ein Linienbus der MVG. Eine Hundertschaft Polizisten hält ihn eingekesselt.

“Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus und lassen Sie ihre Finger aus Ihren Gesichtern!”

Ich frage den Scharfschützen neben mir: “Wie fühlen Sie sich? Was geht in Ihnen vor? Was sehen Sie?”

“Zu erst einmal sehe ich einen Haufen illegaler Staatsbürger. Um es ernsthaft zu sagen, alles quasi Gesundheitsterroristen. Sehen Sie den dort drüben in der vorletzten Reihe? Jenen mit ungepflegten langen Haaren und ohne Mund- und Nasenbedeckung.”

“Gefährlich?”

“Absolut. Kennzahl R0 größer eins. Erheblich größer eins. Gefährder. Jener Mensch zeigt durch sein Verhalten, dass er bislang null kapiert hat. Beratungsresistent. Der will nicht zur Eindämmung der Pandemie beitragen. Aber keine Sorge. Den habe ich im Visier. Sollte er husten, finaler Rettungsschuss!”

“Ist das nicht übertrieben? Könnte er nicht auch verhaftet werden? Und in Quarantäne verbracht werden?”

Blitzschnell legt der vermummte SEK-Mitarbeiter sein Sniper-Gewehr beiseite und richtet eine HK SFP9 auf meine Stirn: “Wie meinen?!?”

“Ganz ihrer Meinung. Erschießen. Sofort.”

“Aha”, er steckt seinen Selbstlader weg, nimmt seine Sniper wieder auf und bemerkt: “Das Faktotum hat seine Hand in seiner rechten Tasche. Panther 1, was soll ich machen?”

Ich verlasse den Aussichtsposten, vom Bus 500 Meter entfernt, und gehe zum Polizeipräsidenten, der die Lage in seinem Transporter vollkommen überblickt.

“Wie ist die momentane Lage?”

Er mustert mich skeptisch: “Ist das bei Ihnen ein Mundschutz aus Baumwolle oder aus Kunststoff?”

“97% Baumwolle, 0,5% Elastan und 2,5% selbst desinfizierendes Aluminium.”

“Zertifikat?”

Ich reiche es ihm.

“Nun. Der Anstieg der Kriminalität in den letzten 24 Stunden ist wirklich ein Problem geworden. München hat einen Ruf zu verlieren. Mit der Staatskanzlei sind wir bereits in einem informellen Meinungsaustausch getreten, wie eben diese unakzeptable Situation verbessert werden kann.”

“Und das wäre?”

“Um die Anzahl der Kriminellen ohne Mund- und Gesichtsschutz zu verringern, muss man jene vom rechtschaffenden Bürger besser absondern können. Ein rechtschaffender Bürger akzeptiert alle gesundheitsbewahrenden Maßnahmen. Ein Gefährder naturgemäß niemals nicht. Und die letzteren sind gefährlich.”

“Und wenn jemand keine Maske trägt, geht dann das Wohl und das Anrecht auf die Unversehrtheit der Allgemeinheit vor?”

Ein Knall unterbrach unsere Unterhaltung.

“Der langhaarige Gefährder ohne Maske mit der Hand in der Tasche?”, frage ich in die entstandene Stille

Der Vorgesetzte hielt seinen Finger auf seinem Ohrhörer und beugte sich leicht auf die Seite von mir weg. Dann richtete er sich wieder auf, nahm seinen Finger aus seinem Ohr und schaute mich ernst an:

“Nein. Es war die schwarz vermummte Frau neben ihm. Sie hatte die Hälfte ihres Gesichts verhüllt und war unnatürlich dick. Wahrscheinlich Sprengstoffgürtel. Potentielle Islamistin.”

Ich atmete durch und rief meinen Chefredakteur an, um ihn zu berichten, dass die Welt wieder mal an einer dramatischen Episode vorbei geschrammt wäre. Er legte kommentarlos auf.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (40): Fußball und unser Leben

Wir brauchen neue Fliegzeuge. Fliegzeuge, welche den tausendfachen Tod transportieren können. Nein, keine SARS-CoV-2-Streubomben für Frankreich, England, Grönla … wie? Andere Richtung? Rußland? Okay. Richtig. Ich hab die Feindbildorientierung bei mir ein wenig schleifen lassen. Am Jahresanfang hieß das Feindbild ja noch Brexit, aber heutzutage ist das ja auch nicht mehr so sicher.

Es soll um etwas anderes gehen. Wir brauchen neue Fliegzeuge. Hier geht es darum, dass diese Fliegzeuge im Ernstfall in Deutschland stationierte US-Atombomben zum Ziel fliegen können. Dafür braucht es Flugmaterial. Und das alte Tornado-Material taugt nicht so recht. Denn es besteht die Möglichkeit, dass unsere Maschinen in Rammstein starten und dann mit den Massenvernichtungswaffen in Berlin an der Spree abstürzen … und außerdem hat Boing gerade eine Mega-Mega-Krise: erst stürzen deren Flieger ab, jetzt auch noch deren Börsenkurs. Also braucht es amerikanische Militärmaschinen ( – Trump und Boing wird es uns danken – ), damit  diese Air Force mit amerikanischer Atombombenfracht nach amerikanischer Art gegen amerikanische Widersacher drohen kann. Die NATO-Bündnistreue verlangt diese Fähigkeit. Wer was anderes glaubt, gucke mal bei Recep Tayyip Erdoğan nach, wenn wir ihn militärisch unterstützen.

Für diese NATO-Bündnistreuenfähigkeit werden mehr als 10 Milliarden Euro benötigt. Keine Angst, das sind Peanut-Zählchen. EIn Schnapper in Taleman&Söhne-Zeiten. Dieses Schnäppchen wirdd mit nicht eingekauften CoVid-19-Tests und mit SARS-CoV-2-Forschungsgeldern kompensiert. Dazu kommen zusätzlich noch aus die 150-Euro-Strafgelder von nicht getragenen Mund- und Nasenmasken in Geschäften und Nahverkehrsmittel, die perfekte Gegenfinanzierung. Das heißt, jeder der offen sein Gesicht in den Überwaschungskameras der Geschäfte und ÖPNVs zeigt, hilft der Annegret Kamp-Karrenbauer bei der Finanzierung ihrer Fliegzeuge.

Das ist jetzt natürlich nicht offiziell, aber Ministerin in Finanzierungsnot sollte keinem Mitbürger am Allerwertesten vorbei gehen. Denn nur offene Gesichter haben nichts zu verbergen. Auch keine 150 Euro in der Geldbörse.

Nichts zu verbergen? Da ist noch die DFL. Diese Balltreterzusammenschlußorganisation würde auch mal gerne wieder fliegen. Von Rasen zu Rasen. Damit deren Betriebsangestellte wieder einem Fußball hinterher flitzen können, sind Hygiene-Maßnahmen bei den Spielen und rund um eine Spiel-Veranstaltung erforderlich. Diese hat die DFL für jeden Menschen einsehbar hier (pdf-Datei) veröffentlicht.

Nun, da Entscheidungen gemäß Pro oder Kontra eines Spielbetriebs immer auf Landesebene getroffen werden, sind diese von den jeweiligen Landes-Chefes abhängig. Unter anderem auch von einem Ministerpräsidenten Kretschmer. Der hat auch gleich sich ins Studium der (oben verlinkten) pdf-Datei gestürzt. Nur, dabei muss er wohl arg tief gestürzt sein. An ihm rauschte die pdf-Datei wohl komplett vorbei. Trotz allem meinte er in der Talk-Show mit Herrn Lanz, dass das Konzept des DFL überzeugend sei, denn wenn ein Spieler CoVid-19 positiv getestet werde, würde gleich die ganze Mannschaft in Quarantäne genommen. Dass der werte Herr Kretschmer nicht lesen kann, will ich ihm keineswegs unterstellen. Lesen kann er wohl. Allein mit dem Verstehen mag es hapern. Denn die DFL wird allein den positiv getesteten Spieler in Quarantäne schicken, ohne es – gemäß dem Konzept – der Presse mitzuteilen. Das hat der Herr Kretschmer in der Lanz-Talkrunde als nicht verstanden dargelegt.

Also, man stelle sich folgende Situation vor. Ein Balltreterverein, namens Rasenballsport Bayern aus München, so ein Verein pölt gegen irgendeine andere unwichtige, namenlose Mannschaft. Und dann kommt es zu folgendem Verhängnis: Niclas Süle pfählt seinen Gegenspieler eiskalt mittels einer sauber getimten Abwehr-Blutgrätsche auf Schienenbeinhöhe, es kommt zur unübersichtlichen Rudelbildung verschiedenster, allesamt unschuldiger Spieler, danach, von Joshua Kimmich wird der Süle-Niclas aus dem gebildeten Rudel heraus gezogen, der Schiedsrichter belässt es nachsichtig der Wiederholung aus den Kellern von Köln bei einer gelben Karte, und beim nächsten Spiel sind dann Niclas Süle und Joshua Kimmich nicht dabei. Wird der Trainer Hansi Flick darauf sagen: “Die haben Rudelbildung ohne Gesichtsschutz auf dem Rasen betrieben. Das geht ganz und gar nicht. Deshalb habe ich die beiden jetzt im Trainingszentrum an der Säbener Straße fürs Wochenende als Green-Keeper eingeteilt” und Sachsens Herr Ministerpräsident Kretschmer wird am Fernseher verstehend Niclas eingedenk nicken und auf seinen stämmigen Schenckelchen Applaus patschen? Das steht zu befürchten. Lesen kann er ja, aber mit dem Verstehen steht zu befürchten …

Zu befürchten ist dann auch, dass an die 30 Tausend CoVid-19-Test für den verbleibenden Spielbetrieb gebraucht werden. Das ist jetzt kein Problem. Die generieren sich aus den Tests, welche man von den Leuten nimmt, welche wegen fehlendem Mund- und Nasenschutz straffällig geworden sind. Eben jenen auch noch wegen deren Maskenboykott einen CoVid-19-Test zu gönnen, dieses wird sogar einen der Ewig-Gerechten, diesen deutschen Pseudo-Avengers von Söder bis Kretschmer, als Verweigerungsgrund garantiert noch einfallen. Jene Straffälligen werden dann in Bayern pro forma gleich 14 Tage in Quarantäne genommen. Natürlich plus der 150-Euro-Strafgebühr. Wir brauchen ja Annegrets Flieger, nicht wahr.

Wie? Das geht nicht? So etwas lässt das Grundgesetz nicht zu? Da kennt ihr aber das bayrische Polizeiaufgabengesetz, kurz PAG genannt, nicht. Bei Gefahr im Verzug und Bedrohung der persönlichen Unversehrtheit geht alles. Von Söder lernen, heißt siegen lernen. Da guckt sie aber, die AfD, ein wenig pikiert, woll.

Und wenn dann immer noch paar mickrige Milliönchen Euros fehlen, um den Liga-Betrieb der Fußballmannschaften zu sichern, dann gibt es ja die Fernsehgelder. Geisterspiele ist das neue Zauberwort. Es mag für den Zuschauer am heimischen Fernsehempfangsgerät ein wenig fad erscheinen, ein Fußballspiel ohne akustischem Stadionzuschauer-Live-Ton zu sehen. Aber bei den TV-Sitcoms oder bei Dieter-Nuhr-Live-Shows hat der TV-Glotzer ja auch nichts dagegen, wenn das Lachen und Klatschen per Konserve eingespielt wird. Also kann das auch bei Geisterspielen durchgeführt werden. Wenn ein Tor fällt, Jubelschreie aus der Konserve. Oder bei Rudelbildung empörte Pfiffe und Pfui-Rufe. Auf der Playstation klappt das ja auch.

Apropos Rudelbildung: Der Leser möge im Hinterkopf behalten, Rudel ist nicht gleich Herde. Also, das Wort Rudelimmunität gibt es noch nicht. Das mag seltsam erscheinen, denn bei Torjubel scheint oftmals sehr wohl so etwas wie Rudelbumsen angesagt zu sein. Aber von Herdenbumsen hat bislang nie jemand etwas gehört. Wohl aber von Herdenimmunität. Zur Erklärung: Eine Herde besteht beispielsweise aus vielen Schafen, die man beispielsweise rasiert oder schlachtet. Wenn das durchgeführt wurde, dann sind alle aus der Herde immun. Mit einem Rudel klappt das nicht. Hunde leben gerne im Rudel und Hunde, die bellen, beißen. Wuffmäh.


Nebenbei noch etwas zu der Lanz-Talkrunde (ZDF; 23-April-2020):

Der Herr Karl Lauterbach sprach sich gegen Fußballspiele aus. Er meinte, das wäre das falsche Signal an die Jugendlichen, die dann meinen könnten, die Corona-Krise wäre bereits Vergangenheit und dann würden alle bisherigen CoVid-29-Maßnahmen entwertet werden. Irgendwie hat es mich bei dieser Bemerkung gegruselt. Die Jugendlichen werden sicherlich nicht diejenigen sein, die dann alleine eine “alte Normalität” wieder annehmen. Herr Lauterbach sollte sich mal in seiner Altersgruppe und darunter umschauen. Jene nicht-jugendlichen Altersgruppen werden es mit den Maßnahmen genauso wenig ernst nehmen wie die Jugendlichen. Sie setzen die Maßnahmen jetzt schon genauso ernst oder unernst um wie alle Jugendlichen auch. Eine Differenzierung nach Altersklassen braucht es dabei nicht. Das ist spaltend. Generationenkonflikt benötigt keinen weiteren, der diesen verschärft.

Meine Meinung.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (39): Regierungserklärung und ein Zeh

Eine Rede und was statistisch dahinter steckte:

  • Anzahl der Sätze 210.
  • Anzahl der Wörter: 3457.
  • Anzahl der unterschiedlichen Wörter: 1262
  • Längstes Wort: “COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz”
  • Der längste Satz: “Auch dann wird das Virus immer noch da sein; aber mit Konzentration und Ausdauer – gerade am Anfang – können wir vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln oder Gruppen von Menschen monatelang von allen anderen isolieren zu müssen und mit furchtbaren Zuständen in unseren Krankenhäusern konfrontiert zu sein, wie es in einigen anderen Ländern leider der Fall war.”
  • Das am häufigsten verwendete Wort: “auch” (48x)
  • Lesezeit bei 300 Wörter pro Minute: ca. 14 Minuten
  • Rededauer bei professionellen Sprechern: ca. 19 Minuten
  • Dauer der gehaltenen Rede: 26 Minuten 56 Sekunden
  • Rednerin: Angela Dorothea Merkel
  • Zweck: Regierungserklärung
  • Applaus: vorhanden

And now to something completly different:

Die Bibel

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, dass du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Verfasser des Zitats war ein gewisser Matthäus. Nein, der ex-fussballspielende  und jetzt Fußball-kommentierende Franke, der ist es nicht. Da mich der rechte kleine Zehe meines rechten großen Fußes bannig Ärger machte und mein christliches Hackebeilchen seit meinem Kirchenaustritt leider ein wenig arg verrostet ist, wagte ich den “triftigen Grund” in Anspruch zu nehmen.

Junger Padawan, raus er darf, sprach so ein kleiner, faltiger Sternenkrieger-Gnom in mir und ich humpelte auf den Weg zum Medicus. Der Arzt schaute sich meine Kleinigkeit an und meinte nur: “Bleiben Sie damit zuhause. Gehen Sie nicht raus, außer Sie haben triftige Gründe. Das wird schon wieder, in ein paar Tagen ist es weg..”

Hm. Also Ausgangsbeschränkung jetzt auch seitens meines Dottores. Statt einer gepflegten, blutig christlichen Amputation. Gut. Man kann halt nicht immer Glück im Leben haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (36): Es herrscht wieder Frieden im Land

Der heutige Innovationspreis geht an eine CDU-Politikern aus Berlin im Kanzlerinnenamt. Mit der Entdeckung des bislang noch ungenutzten, völlig brachliegenden Begriffs “Öffnungsdiskussionsorgien” hat sie allen Wortschöpfungen der letzten Zeit den Rang abgelaufen.

Begründung für die Verleihung des Preises:

  • Orgien” sind bei dem derzeitigen Abstandsgebot von Einsfünfzig und dem ebenfalls geltenden Kontaktverbot nicht machbar. Selbst Swingerclubs haben geschlossen, also gehen “Orgien” erstmal überhaupt nicht.
  • Öffnung” steht einer Forderung nach der Implementierung von “geschlossenen Gesellschaften” (Familie, Singlehaushalten, Seniorenheim-Ghettos) diametral entgegen.
  • Und “Diskussionen” sind in Zeiten von “Regieren per Erlasse” absolut zu unterlassen.

Sie hat sich somit den Wortschöpfungspreis redlich verdient. Wer jetzt noch diskutiert, hat den Ernst der Lage nicht erfasst.

Herr Söder hat das Heft des Handelns (wider der “Öffnungsdiskussionsorgien”) wieder an sich gerissen und verteidigte somit in Westdeutschland erneut seine Position als der “Macher Nummer 1”. Für uns hier in Süd bei Südost heißt es somit: Mund-Nasen-Schutz ab nächsten Montag ist Pflicht in Geschäften und öffentlichen Nahverkehr. Denn man merke, nur wer sich bedeckt, hat nachher das Potential, sich erst richtig öffnen. Da mir Bayern Ende der 80iger bei der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beigebracht hat, dass, wer seine Meinung offen äußert, auch offen sein Gesicht zeigen soll, werde ich an dieser Stelle mir meinen Mund-Nasen-Schutz mit den weiß-blauen Rauten auf die untere Gesichtshälfte befestigen. Auf der oberen Hälfte hab ich bereits die weiß-blauen Augenbinden, mit der ich mich schon seit Jahren wie “Justitia” fühlte. Wenn ich mir jetzt noch die Ohrenstöpsel einsetze, dann bin ich die Wiedergeburt der drei Affen mit anderen Mitteln. Nichts sagen, nichts sehen, nichts hören.

Die “Tracing App” (nicht tracking app) wird erst einmal nichts. Da stellen sich doch einige Unverbesserliche dem entgegen, unglaublich, nicht wahr, dass man diese bei Infizierten und somit jene in deren unnützen Leben nicht rausfiltern kann. Weil man die Daten nicht zentral lagern und mit Backdoors für unsere geheimen Dienste versehen möchte. Es geht doch um unser aller Wohl, woll. Und wenn ich dann die Daten mit der Kameraüberwachung verheirate, dann kann ich doch locker alle Gefährder und andere Spötter dieser Maßnahme enttarnen. Und das wollen einige Unbelehrbare verhindern? Na warte, der BND (Bayrische Nachforschungsdienst) wird die auch noch erwischen und dann gibt’s saures. Machen diese Aufsässigen doch das ganze nachhaltenden Forschungsprojekt in der Krise zunichte …

Ach ja, es ist freilich alles notwendig. Absolut. Ich rede nicht dagegen an. Keine Widerrede. Denn wir wollen ja alle ein R0-Wert von knapp unter 1, nicht wahr. Denn dann besteht eine gute Chance, dass im nächsten Winter die nächste Infektionswelle durch das Land weht. Ein R0-Wert unter 0,4 würde zwar zwei bis drei Monate alle auf dem Zahnfleisch gehen lassen, aber dann wäre die zweite Welle eher vermeidbar. Ist aber zur jetzigen Zeit unvermittelbar. Und auf Zahnfleisch gehen, das wäre schlimmer, als im Winter 2020 eine Bevölkerung mit einem weiteren LockDown gnadenlos zu demoralisieren und das Weihnachtsgeschäft unterm Weihnachtsbaum zum Egotrip von Schmalhans Küchenmeister zu machen.

Und jetzt ein ganz und gar ketzerisches Wort: “Oktoberfest”. Uh! Das musste mal gesagt werden! Das will doch keiner! Nicht wahr. Geht gar nicht. Bier trinken, lustig sein, rumknutschen, im Dirndl und Trachtenjanker Kinder frei schnackselnd zeugen und dabei dann eventuell analytisch … wobei, wenn das Oktoberfest nicht statt findet, dann bleibt uns Münchnern doch erheblich mehr Bier. Das ist doch toll! Freibier! Damit es nicht in den Fässern verkommt. Ja, um es einerseits eigenhändig euch Nicht-Münchnern sehendes Auges wegzusaufen, und um es andererseits den Politikern in Deutschland zu reichen. Oder ist da wer, der glaubt, den Politikern in Deutschland das Wasser reichen zu dürfen? Na also.

Und das Bier, welches bei den Geisterspielen der Bundesliga (mit Video-Schiedsrichter im Kölner Keller) nicht vom Trainerstab der beiden Mannschaften und DFL-Offiziellen im Stadion versoffen wird, geht auch nach Bayern. Quatsch, nach München! Dafür erhalten die Fußballmannschaften aus unseren Kliniken 10.000de von den als Mangelware deklarierten Covid-19-Test. Na? Ist das kein Deal? Prost!

Ich kauf mir jetzt einen Mund-Nasen-Schutz, den ich großzügig vom Halsansatz bis unter die Augen ziehen kann. Damit gehe ich am nächsten Montag in die Bank meines Vertrauens und versuche nuschelnd “Hey, tu mal Knete. 100 Flocken von Konto meinem, hey” abzuheben. Dann zähle ich brav die Minuten, bis dass das SEK Bayern mich als Banküberfall-Verdächtigen die Arme bis zum Knochenkrachen auf meinem Rücken verbiegt.

Mund-Nasen-Schutz. Augenbinde. Und dann folgerichtig noch der Stirnverband. Gegen aufkommende Kopfschmerzen. So soll es sein. So soll es werden. So wird es immer sein. Pax populi. Tunc non habes nisi.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (34): Demokratieverständnisse

Es ist schön festzustellen, dass das Demonstrationsrecht nicht durch das Infektionsschutzgesetz aushebelbar ist. Es zeigt, dass das Grundrechtsverständnis der Demokratie immer noch lebt.

Andererseits gibt es zu denken, dass wohl liebend gerne über Legislative und Exekutive regiert werden möchte und viele insgeheim dabei hoffen, dass die Judikative möge im Sinne von Gewaltenteilung, also “GewaltEnteilung” statt “Gewalten-Teilung” agieren (die richtige Betonung machte schon immer einen Unterschied). Wenn das Bundesverfassungsgericht den Law-und Order-Mentalisten aufzeigt, dass sie Grundrechte einfach ignorieren, ist das gut, zeigt zudem, dass das Grundrechtverständnis kein Allgemeingut der Ausführenden ist. Es gab bereits Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die zuvor verhängte Ausgangsbeschränkung vom 21-März und die danach erfolgte Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 27-März (u.a.a. in der verschärften Version in Bayern) unter anderem auch beispielsweise gegen die vom Grundgesetz geschützte Versammlungsfreiheit verstoßen, sollte sie bei Demonstrationsanmeldungen zur Ablehnung des Demonstrationsrechts führen.

Jetzt muss man wissen, dass das das Infektionsschutzgesetz explizit das Grundrecht eines jeden einzelnen einschränkt und sich dem Grundgesetz direkt diametral gegenüber aufstellt. Interessant dabei ist, dass das Infektionsschutzgesetz per Verordnung (und ohne demokratisch erforderliche Anhörung des Bundesrates) eingesetzt wurde, dem Gesundheitsminister bundesweite Verordnungshoheit gibt und die Einschränkung der Grundrechte dafür öffentlich kaum erklärt wurde.

Jetzt spricht also das Bundesverfassungsgericht bei der willkürlichen Einschränkung der vom Grundgesetz geschützten Versammlungsfreiheit ein Machtwort. Das Anmelden von Demonstrationen sollte somit kein Problem mehr sein, wenn die Anmeldenden entsprechend sich Vorgaben (z.B. Abstandsgebot) machen. Das Problem bleibt dann eher bei der Exekutiven bestehen.

Am 7-April wurde die angemeldete Demonstration der Organisation “Seebrücke” zu dem Thema “#LeaveNoOneBehind” der Flüchtlinge auf Lesbos / Griechenland gewaltsam von der Polizei mit Hinweis auf die erlassene Ausgangsbeschränkung aufgelöst. Obwohl die Teilnehmer definierten 2 Meter Sicherheitsabstand zueinander hielten, sah die Polizei trotzdem in der Demo an sich einen Verstoß zum Infektionsschutzgesetz und auf das Recht der Allgemeinheit auf körperliche Unversehrtheit und einer potentiellen Bedrohung deswegen.

Vor drei Tagen räumte die Polizei eine Kunstinstallation in Dresden ab, welche zwei Menschen mit Pappaufstellern erstellt hatten. Sie stellten mit Pappaufstellern eine Demo nach, wobei darauf geachtet wurde, normale Passanten nicht zu behindern.. Bei der Kunstinstallation ging es um das Thema “Flüchtlinge” und deren Lage auf Lesbos. Die Polizei sah eine Gefährdung nach dem Infektionsschutzgesetz und beendete die Pappaufsteller-Demo und zeigte die beiden Organisatoren entsprechend an. Andere gab es nicht, die angezeigt werden konnten. Es waren nur jene zwei, welche diese Aktion durchgeführt hatten.

Zwei Tage später (also gestern) gab es die nächste Demo in Dresden: der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (DEHOGA) stellte mehrere hundert Stühle auf den Dresdener Neumarkt auf. Auf Twitter finden sich problemlos Videos (#DD1704, #allgemeinverfügung, #Dresden, #Coronakrise) und Fotos (s.a. hier), bei denen man feststellen kann, dass die Polizei keine Probleme mit Verstößen nach dem Infektionsschutzgesetz hatte. Lag es eventuell am Thema der Demonstration? Oder hat es bei der Exekutiven eine Lernkurve gegeben?

Nun gut. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen politischer Kunstinstallation und einer Deutsche Hotel- und Gaststättenverband-Demonstration. Das ist mir irgendwie klar. Allerdings lässt sich schon nachvollziehen, ab wann Polizei bereits bei geplanten Demonstrationen im Vorfeld mit dem Instrument des “Infektionsschutzgesetzes” eingegriffen hat und wie sie das Instrument währenddessen angewendet hat. Bei der DEHOGA-Demo jedenfalls nicht, bei “Seebrücke”-Aktionen jedenfalls immer. Und wenn es sein muss, Zentimetermessstab finden in jeder Einsatzplanungsjacke Platz …

Na ja, was bleibt mir noch übrig zu sagen? Lebbe geht weider. Auch in Corona-Zeiten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (32): Locker vom Hocker

Hier die neuen Regelungen zur Lockerung der momentanen Situation. Außer der Disco-Samba im 2/4 Takt ist jetzt auch der leichte Foxtrott erlaubt. Wer Tango tanzen will, sollte sich dran gewöhnen, dass der im Bußgeldkatalog als nicht-triftiges Betreuungsangebot für Nicht-Tänzer verzeichnet ist und mit 500 Euro gebüßt wird. Darüber hinaus ist es jetzt auch inzwischen erlaubt, nach dem Ende des Tanzes einen Kuss auf die Hand der Tanzpartnerin anzudeuten. Auch hier der Hinweis: Vollzug ist auch im Bußgeldkatalog geregelt.

Eine weitere Lockerung ist die Erlaubnis, dass zu den triftigen Gründen jetzt auch tiffige Beurteilungen seitens der Vollstreckungsbeamten erlaubt sind. Was triftig ist oder nicht, das wird der Vollstreckungsbeamte jedem argumentativ nicht zu widerlegen genau erklären. Die Erklärungsgebühr beträgt allerdings noch immer 150 Euro. Darin sind enthalten die Rechtsberatung seitens der Vollstreckungsbeamten, Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer und Wegekosten (An- und Abfahrt für den handwerkelnden Beamten). Der Rest sind reine Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die Beamten und Provisionsanteilabgaben an die organisierenden Abteilungen.

Als Sahnehäubchen der weiteren Lockerung wird es demnächst ermöglicht, die Politiker und Verfasser des bayrischen Bußgeldkatalogs „Corona-Pandemie“ in einer Autogrammstunde in der Münchner Allianz Arena auf elf Meter fünfzig nahe zu kommen. Die teilnehmenden Zuschauer werden aus dem Münchner Telefonbuch gewählt, abzüglich den bereits gemäß des Bußgeldkatalogs straftätig gewordenen Unverantwortlichen. Die Zuschauer erhalten zuvor ein kostenloses einstündiges Training im Synchron-Klatschen und bayrisches Fähnchen-Schwenken. Übertragen wird dieses Live-Event übrigens vom deutschen Bezahlfernsehen. Tagestickets für das Live-Streaming wird es ab 15 Euro (ab reiner SD-Übertragung ohne Audio) geben. Der Erlös aus dem Live-Streaming abzüglich Mehrwertsteuer, Vergnügungssteuer, Wegekosten, Verwaltungsgebühren, Materialkosten, der Stundenlohn für die vor Ort tätigen Sicherheitsbeamten und Provisionsanteilabgaben der jeweiligen Abteilungen geht an ein Danke-Schön-Event für die Krankenpflegenden und exponierten Polizeibeamten. Nebenbei: Das Streaming des Danke-Schön-Events in einer hohlen Gasse vor einem Söder-Hut kann nach der Autogrammstunde bereits für 35 Euro in allen Internet-Vorverkaufsstellen gebucht werden. Gaststars werden sein: Helene und Gottfried Fischer, Mutter Beimer, Florian Silbereisen, Heintje und Heino, Winnetou und Old Shatterhand, Söder und Stoiber. Der aus jenem Event zu erwartende Reinerlös geht an den Staat Bayern zur Finanzierung weiterer Lockerungsmaßnahmen.

Ich hoffe, Sie alle werden die anstehenden Lockerungen von den Bestimmungen der jetzigen Situation mit der zu erwartenden lockeren Dankbarkeit honorieren.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (27): Grabesruhe

Heute ist Karsamstag. Grabesruhe. Ruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Zwei Dinge sind heuer nicht erlaubt und das WARUM? dafür recht schwierig der Bevölkerung zu vermitteln: Fußball und Abseits.

Fangen wir mit dem einfachen an, der Abseitsregel.

Abseits ist dann, wenn jemand in der Nähe eines Zieles steht, wo er eigentlich ja auch hingehört, aber nicht sein darf, wenn ihm das Spielgerät zugespielt wird.

Verstanden? Nein? Dann nochmal.

Steht jemand extrem peripher kurz hinter dem letzten Vertreter der anderen Mannschaft und in diesem genauen Moment (und ganz genau dann und nicht später) wird das Spielgerät von jemanden abgegeben, der den Überblick auf dem Spielfeld komplett verloren hat und nur zu wissen meint, wo der “jemand” sich befände, und eben jener “jemand”, der gerade extrem peripher kurz hinter dem letzten Spieler und Vertreter der anderen stand, erhält eben jenes Spielgerät, dann darf jener “jemand” dieses im weiteren Verlauf nicht mehr verwenden. Dann wird abgepfiffen. Notfalls wird alles per Videoentscheidung mittels kalibrierten Linien in 8K-Auflösung aus 360 verschiedenen Blickwinkeln und mit Extrem-Super-Duper-SloMo überprüft. Dann ist das Spiel unterbrochen, der Schiedsrichter joggt zu seinem Online-Streaming-Monitor, schaut ne Runde Regelerklärung zum Abseits im Handbuch für Schiedsrichter nach, und wenn er dann im Abspann sieht “alles Nähere regelt ein Bundesgesetz” zuckt er die Schultern und überlegt sich ne Entscheidung. Währenddessen wirft die Mannschaft dem im Abseits Stehenden, also jenen “jemand” von oben, mangelnden Mannschaftsgeist vor, und das Publikum ärgert sich lauthals über die Deppen von Spieler und die Entscheidung von eben jenem, von dem alle wissen, wo dessen Auto steht.

Ich weiß, das war noch immer leidlich abstrakt und drum ist die Abseitsregel auch so schwer zu verstehen. Damit sich auch keiner im täglichen Leben mit solchen Regeln beschäftigen muss, wurde Fußball gleich mit verboten.

Gut, da gibt es jetzt sicher den ein oder anderen Besserwisser unter den Lesern, der sofort sagen wird: “Stimmt doch gar nicht! Ist doch alles wegen Corona, dass der Fußball nicht mehr geballert werden darf!”

Aber das ist so nicht so einfach. Ich versuche mal die Abseitsregel ein wenig praxisnäher zu beschreiben:

Man stelle sich vor, da hat es eine Mannschaft aus allen Bundesländern, also elf Spieler und fünf Auswechselspieler. Dann hat’s da noch einen Trainer und einen Physio. Und ein paar Mannschaftsassistenten. Und um die besten aller Bundesländer für die Mannschaft aufzustellen, nehmen wir … nein! nicht den FC Bayern München mit Flick, Mayer-Wohlfahrt und Konsortium! Wir nehmen die 16 Landespräsidenten, fünf davon dürfen ohne jeglichen Libero-len auf der Auswechselbank Platz nehmen, dann noch die Bundeskanzlerin, den Gesundheitsminister und alles, was sonst noch um Trainerin und Physio so rumjoggt.

Jetzt ist es so, dass für die Mannschaft momentan die Aufstellungsformation 1:9:1 gilt. Also, der Laschet als Spitze, neun andere als Abwehr und Söder als Torwart. Söder orientiert nebenbei seine Rolle als Torwart an der Torwart-Interpretation eines Manuel Neuers. Denn Von Bayern München lernen, heißt siegen lernen, so ist Söders Motto. Und daher kann es auch schon mal sein, dass übers Spielfeld eine 0,5:1:9:0,5-Formation rennt. Somit hat es den berühmt berüchtigten Bayern-Block, welcher dann alles zwischen sich nimmt und auf südliche Strategien einnordet. Also, gewissermaßen ein Ein-Mann-Block, ein Bayern-Tor-Block-Wart, der aufpasst, dass so viel gemeinsam wie möglich geschieht.

Doch zurück zum Abseits. Der Physio kontrolliert derweil per Ministerverfügung während des Spiels die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitspieler und erhält dazu Daten aus seinem dienstbaren Umfeld, also all denen, was sonst noch so um Trainerin und Physio rumjoggt. Jetzt dauert ein Spiel bekanntlich ja zwei Hälften lang und da keiner ein Zeiteisen mit sich führt, reagieren die Leute am Spielfeldrand erst einmal nur zeitlos auf Sichtweite. Das heißt, sie schauen sich den momentanen Zustand an, wie die Spieler so rumrennen. Der Sturmspitze, dem Laschet, war das aber nun mal nicht ganz so recht. Also rannte der in einer Atempause kurz ans Spielfeldrand, bestellte einfach mal mehr Analyse-Infos, ob bald denn bald die Halbzeit in Sicht sei, und schlurfte zurück auf seine Position.

Inzwischen hatte aber Söder bereits aus der zwischenzeitlichen 0:9:1-Formation eine 0,5:9:0,5-Formation umgemodelt und das Spiel neu geordnet. Laschet fand das bei seiner Rückkehr nicht wirklich toll. Aber auf mahnenden Zuruf der Trainerin Merkel, ordnete er sich dem Mannschaftsgeist unter, und die Mannschaft akzeptierte die neue 0,5:1:9:0,5-Formation.

Knappe fünf Minuten später regte sich etwas am Spielfeldrand. Ein Helfershelfer aus der medizinischen Sektion hatte in der Kürze die geforderten Informationen hastig zu einer Würze zusammen geschustert und von außen geschickt in die Mannschaft einwerfen lassen. Diese Info wurde dann wie eine heiße Kartoffel auf Laschet weitergeflankt. Eigentlich war jedem klar, dass eine Fünf-Minuten-Kartoffel wie ein Ein-Minuten-Ei wäre: noch nicht wirklich gar. Aber der Laschet erklärte die dampfende Kartoffel betrachtend, die Pause sei nahe, also auf alle Fälle nach Ostern.

Tja, und in genau diesem Moment hatte der Schiri abgepfiffen, auf mögliches Abseits entschieden und ging zu seinem Streaming-Monitor, um sich die Situation dort bei einer Folge “Traumschiff” in Ruhe anzuschauen.

Inzwischen erklärten alle anderen Spieler einmütig, der Laschet sei zu weit vorgeprescht und der Video-Entscheid sei okay, denn um Entscheidungssicherheit zu erhalten und der Bevölkerung Sicherheit zu geben, dafür wäre eine Videoentscheidung okay. Der Schutz der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Derweil desinfizierten sich alle erst einmal die Hände mit Unschuld, wechselten ihren Mundschutz und Laschet erklärte, dass er betone, er habe gesagt “nach Ostern”, aber nie welches Jahr er meinte. Es sei wie mit den Terrormaßnahmen nach dem Attentat “09/11”. Der Terror sei auch nach 19 Jahren noch nicht besiegt und CoVid-19 würde ebenfalls einschränkende Maßnahmen weit bis ins nächste Jahrhundert erfordern.

Ein Mitspieler nickte beipflichtend in die Kameras der Reporter und erklärte: “Erst wenn sich die Situation auf dem Spielfeld deutlich und nachhaltig verbessert, werden wir die Schublade mit den sukzessiven Ausstiegsplänen weg von der 1:9:1-Formation ziehen. Sicher ist: Wir werden nicht von null auf hundert schalten.“ Und im Hintergrund hörte man es deutlich södern: “Es sollte so viel gemeinsam geschehen wie möglich. Leider scheren jetzt schon einzelne Mitspieler aus. Wir sollten aber die bewährte 0,5:1:9:0,5-Linie einhalten. Insofern muss auch das gemeinsame Konzept in der Mannschaft den unterschiedlichen Situationen gerecht werden.

Und was sagte die Trainerin dazu? “Ich habe gehört, ich habe 74 Beliebtheitspunkte, der Jens 59 und der Söder nur 72. Damit steht es also 133 zu 72, also fast doppelt so viel beim Söder. Wir müssen ganz, ganz vorsichtig vorgehen. Diese Verantwortung kann mir keiner abnehmen, aber in dieser Verantwortung muss ich agieren. Deshalb wird es wohl nie eine 100-Prozent-Lösung geben, sondern immer eine schrittweise Öffnung. Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein – wir müssen konzentriert bleiben – die Lage ist fragil.

Ihr habt jetzt die Abseitsregel verstanden?

Nein?

Dann dürfte es auch klar sein, warum Fußball momentan nicht erlaubt ist. Da säßen dann zu viele Unsachverständige im Rund, welche die ganze Situation eher verkomplizieren als vereinfachen würden. Wenn denn schon Sachverständige deren Forschungsergebnisse von einem Heinsberg nahe bei Laschetshausen nicht klar präsentieren können, was soll man dann schon von uns Unsachverständigen aus Deutschland erwarten?

Somit sollte endlich verständlich sein, was unsere Trainerin in ihre “Wir”-Verantwortung vor sich her trägt. So verständlich wie das Pfeifen im Walde, wie eben jenes bereits der Spatzen von deren Dächern. Und jeder hat schon von Kindesbeinen an gelernt: Lieber eine Taube in der Hand, als solche Spatzen auf seinem Dach.

Da allergings das Publikum noch nicht bereit ist, zu gurren wie eine Taube, muss Fußball deshalb erst einmal abgesetzt werden. Über Geisterspiele, ausgestrahlt im bezahlten Fernsehen, kann man allerdings noch sprechen, nicht wahr.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Karsamstag. Ruhe. Grabesruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (24): Vermögensverwalter

Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten, die mit ihren Vermietern zwecks Mietstundung in Kontakt getreten sind. Gesetzlich ist “Mietstundung” ermöglicht worden, wobei es doch eher “Mietaufschub mit prozentualen Versäumnisgebühren” heißen müsste. Es hat dann aber auch den Charakter eines Überziehungsspielraum wie beim eigenen Konto. Man zahlt dann halt die vereinbarten Überziehungszinsen. Der Vermieter wird somit zu einer Art “Bank” für den Mieter. Und wenn die “Bank” ziemlich mies drauf ist, dann lernt der Mieter den Begriff “Bad Bank” von einer ganz anderen Seite kennen und zwar in der Leidensform (als Erleidender) und nicht als passiver TV-Zuschauer einer Serie einer Streaming-Mediathek.

Jetzt ist aber nicht jeder Vermieter eine physische Person an sich. Es gibt auch andere Arten von Vermieter, also Immobilien-Gesellschaften, Wohnungskonzerne, Immobilien- und Versicherungsfonds. Gerade in den Innenstadtlagen beherrschen diese “Real Estate”-Immobilien- und Versicherungsfonds den Markt. Nachdem die Zentralbanken die Leitzinsen immer mehr Richtung 0% gesenkt hatten, flüchteten die Sparer in Fonds, welche sich aus Mietzahlungen von Mietern an eben jene Immobilienfonds ernähren. Und der Sparer will seine 7% Marge, damit er sich später einmal von einen solcher “Real Estate”-Konglomerate seine eigenen vier Wände finanzieren kann.

Wenn also Firmen, welche Geschäfts- und Verkaufsräume in bester Innenstadtlage gemietet haben, jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, dann trifft es kaum den privaten Vermieter, sondern vielmehr Immobilienfond-Konzerne. Diese wirtschaften auf Profit ausgerichtet, damit die Rendite derer beteiligten Sparer stimmt. Und der Sparer ist keiner, der auf Wertzuwachs verzichtet.

Fallen im Wohnungsbau Namen von Wohnungskonzerne wie “Vonovia”, “Deutsche Wohnen” oder “LEG”, dann hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter u.a.a. solche Aktionäre wie “BlackRock” (größter Vermögensverwalter der Welt mit über 6,5 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen), “Norges Bank” (Norwegens Staatlicher Pensionsfonds, der  größte Staatsfond der Welt) oder “MfS” (Massachusetts Financial Services als eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt) stehen. Und diese haben das Ziel eines jeden Unternehmens: profitabel zu wirtschaften, um den Shareholder-Value zu steigern und den Shareholdern Dividende zu geben. Es geht nicht um die Allgemeinheit, es geht um den Kreis derer, die mit ihren Einlagen diese Firmen stützen.

Natürlich gibt es in München auch viele “Privat”-Vermieter und einige davon sind hauptberuflich Vermieter und leben davon auch ohne Nebenjob recht komfortabel. In einer Münchner Nachtkneipe begegnete ich kurz vor der Ausgangsbeschränkung jemanden, der mir bierseelig offen gestand, dass er in der Schule schlecht war, trotzdem das Abi mit Hilfe seiner Eltern irgendwie bestand, dann im BWL-Studium nichts zustande brachte, aber eine gesichert Zukunft habe: sein Vater besitze viele vermietete Immobilien in München. Davon könne die Familie sehr gut leben und er übernehme gerade die Verwaltung dieser Immobilien. So funktioniert Wirtschaft und Geldvermehrung. Manche haben halt den Silberlöffel im verlängerten Rücken stecken. Andere müssen den monatlich putzen.

Das aktuelle Virus kann nicht nur die eigene Gesundheit ernsthaft angreifen, sondern es hat bereits ganz konkret die Wirtschaft infiziert und damit das Auskommen mit dem eigenen Einkommen der Menschen. Während nach dem physischen Gegenmittel zu dem Virus mit Hochdruck geforscht wird, bleibt das Forschen nach wirtschaftlichen Gegenmitteln auf der Strecke. Der Gedankenkorridor, der generell als zulässig erachtet wird, ermöglicht dazu nur ein Reagieren auf Sicht. Einen “Plan B” gibt es nicht, denn solch einer läge nicht im Bereich der zulässigen Ideen.

Die lange Schlange vor der Münchner Tafel von gestern erinnerten mich auch daran, dass Mieten in München alles andere als niedrig sind und der Wegfall des üblichen Einkommens die private Lage von Mietern von einen auf den anderen Tag schlagartig verändern kann. Da klingen mir die in den letzten Jahren und Monaten zuvor geäußerten Phrasen wie “wer arbeiten will, der findet auch einen Job” wie Zynismus. Natürlich fällt gerade in der jetzigen Situation gerne noch die Plattitüde “dass hier in Deutschland auf hohem Niveau gejammert wird”. Denn im Vergleich zu den Arbeitern wie jene in Neu-Delhi, die ihren Niedriglohn-Job verloren haben, jetzt auf der Straße vor den Bahnhöfen schlafen, weil sie deren Miet-Wohnungen verloren haben, und zurück zur eigenen Familie außerhalb Neu-Delhis wollen, nun aber wegen Einstellung des Bahnverkehrs das nicht können und dafür auf den Straßen von den Polizisten verprügelt werden, weil die dortige Ausgangssperre nicht beachtet wurde … das wird dann von denen geäußert, die mit der Krise noch keine Probleme haben, solange deren Aktienfonds sich weiterhin positiv entwickelt. Und sollte dann Mietzahlungen nicht kommen und der eigene Versicherungs- und Immobilienfond nicht den Gewinn produzieren, wie jener geplant wurde, dann ist deren Gezeter groß.

Jede Krise produziert Verwerfungen und macht Dinge sichtbar, welche vorher latent unter der Oberfläche gelauert haben. Bei der Finanzkrise von vor zehn Jahren platzte die Spekulationsblase der Banken, der Immobilien- und Versicherungsbranche und es wurde deutlich, wie sehr unser Leben von Hausse und Baisse der Börsen und deren Leidenschaft, auf unsere Lebensumstände zu wetten, geprägt wurde. Dass dabei Milliarden an Milliarden in systemische Banksysteme gepumpt wurden, zeigte damals bereits, dass Armut keinen systemischen Status hat, Reichtum und Besitz aber sehr wohl.

Vielleicht ist das Zynische an dem jetzigen Virus, dass es sich nicht für Vermögenswerte oder Wirtschaftssysteme interessiert (nebenbei, auch nicht für den Inhalt, den Blogautoren wie ich schreiben) lediglich rein biologisch agiert, und dass alle Menschen vor dem Virus gleich sind. Naja, zumindest was grauhaarige, ältere Männer angeht. Aber die will ja eh niemand mehr. Und da gibt es inzwischen ja genügend, die eh gerne dem “survival of the fittest” anhängen …