Drei Wünsche frei (… da uns schlägt die rettende Weihnachtsstund; Ende)

Mit seinen flachen Händen klopfte Karl auf seine Jackentasche, fuhr kurz in seine Jackentaschen, strich sich über sein Hemd und hielt ein. In seinem Gesicht zeigte sich Ratlosigkeit. Etwas entsetzt murmelte ein „Nein, ich habe den Kugelschreiber nicht mehr“ und blickte hinter sich. Hatte er den Kugelschreiber etwa im Vortragssaal liegen lassen? Er überlegte. Ja, der Vortrag hatte ihn nicht mehr interessiert, deswegen hatte er die Tagungsunterlagen zugeklappt, in seine Stofftasche geschoben, hatte sich erhoben und zwischen den Stuhlreihen nach draußen begeben. Sein Kugelschreiber musste also noch an seinem Platz liegen.

Es war nicht ein x-beliebiger Kugelschreiber, sondern ein altes Erinnerungsstück. Er hatte ihn vor 25 Jahren während eines Praktikums geschenkt bekommen. Seine Arbeit im Praktikum war vielen so wertvoll gewesen, dass er als Abschiedsgeschenk eben diesen Kugelschreiber erhielt. Rebecca hatte ihn ihm überreicht, was seinen Wert für ihn noch gesteigert hatte. Rebecca war für ihn die Göttin seiner Praktikantenzeit. Er hatte es geschafft, sie einmal zu einem Abendessen einzuladen und es kam zu einem kurzen und intensiven Kuss. Weiterlesen

Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt …

C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxOVolkstrauertage sind traurig. Erst recht, wenn man in Kneipen sitzt und er, der Unvermeidliche, neben einem sitzt.

„Kennste den? Kennste den?“

„Wen?“

„Kennste, kennste? Warum darf ein Allergiker Cola und Bier nicht gemischt trinken? Weißte?“

„Nein.“

„Weil er sonst kollabiert. Du verstehst? Co-la-Bier-t!“

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Der Fotoladen (Läden einer Kindheit – ein Erzählprojekt)


laden-alltagskultur

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort finden sich auch weitere Verlinkungen zu anderen Blogs, die das Thema aufgenommen haben und sich lohnen zu lesen.


Das Dorf war nicht groß, aber es repräsentierte die damalige Struktur eines gewachsenen Dorfes. Ein jedes Dorf braucht einen Mittelpunkt, um den es stetig wachsen konnte. Eine Keimzelle des organisierten Lebens gewissermaßen. Und in meinem Dorf war das die Kirche. Dort wurde jedes Wochenende den Dorfbewohnern erklärt, wogegen sie sich permanent im Kriege befinden würden: der heilige Krieg gegen Tod und Teufel. Und traditionsgemäß befand sich um die Kirche somit auch der erste weltliche Verteidigungsring: die Dorf-Kneipen. Von der Heiligen Kommunion überreicht vom wichtigen Dorfpfarrer bis zum ersten Pils-Korn-Gedeck serviert vom bedeutesten Dorf-Wirt betrug der Abstand vielleicht maximal vierzig Schritte.

Dass sich der Kirchen-Organist diesen Abstand immer zu eigen machte, um sich statt der Predigt solch ein westfälisches Gedeck zu gönnen, das ist aber nicht der Kern dieser Geschichte und auch nicht, dass paar Jugendliche sich den Streich erlaubten und den Organist einfach von der Orgelbühne aussperrten, als er zum Te-Deum wieder auf die Orgelbühne zurück wollte, aber nicht konnte und der Pfarrer irritiert blickte, weil zum Lobpreisen nicht den Anwesenden die Orgeltöne gespielt wurden.

Zurück zur Dorfstruktur: ein zweiter Verteidigungsring existierte nicht. Denn für die Verteidigung sind traditionsgemäß Männer zuständig und die Männerwelt war die Kneipenwelt. Die dahinter gelegenen Blumen- und Bäckereigeschäfte waren erst sekundär wichtig: für Geburtstagsblumen oder Grabgestecke und für was Süßes zum Fest oder für Bestellungen zum Leichenschmaus. Danach kamen erst Banken und Rathaus. Das Leben musste ja bezahlt oder ab- oder angemeldet werden. So hatte alles seine Ordnung.

Ganz am Rande des Dorfes existierte ein Laden, der hatte seine Magie. Gewissermaßen eine Magie in dörflicher Randlage. Der Laden war nicht groß und er war nicht aufgeräumt. Oder er war es doch, aber als kleiner Steppke durchblickte ich die Ordnung nicht. Die Größe des Ladens würde heute wahrscheinlich keiner mehr als Große der eigenen Wohnung akzeptieren. Es war ein Kramladen. Sein Besitzer war Fotograf. Mein Vater bezeichnete ihn wegen dessen Stirnglatze einmal als Denker und erklärte mir, dass der Besitzer sich gerade deswegen mit dem Fotografieren wohl so gut auskennen würde. Meine Vater hatte eine alte AGFA Kamera und hegte und pflegte sie mit Liebe. Und der Ladenbesitzer – ich nenne ihn mal Rudi – hatte meinen Vater bei dessen Begegnung dazu sehr beglückwünscht. Aufrichtige Wertschätzung bindet Kundschaft. Und AGFA war auch die Marke des Vertrauens von Rudi. Draußen am Eingang des Ladens hatte er als Überzeugungstäter auch das AGFA-Reklameschild. Während der Drogist in der Nähe der Kirche KODAK-Negativfilme als das non-plus-ultra anpries, vertrat Rudi die Marke AGFA. Mein Vater war überzeugter AGFA-Fotograf. Ob Schwarz-Weiß oder später in Farbe, er vertraute AGFA. Abzüge auf AGFA-Papier von AGFA Negativen waren immer besser, egal in welcher Farbausprägung. Das war so. Damals.

Rudi entwickelte Negativfilme selber in seiner eigenen Dunkelkammer und stellte auch die Abzüge her. Daher war Vertrauen wichtig und mein Vater vertraute Rudi. Und ich durfte immer dabei sein, wenn mein Vater sich neue Negativfilme kaufte. Der Laden war im Grunde nicht unbedingt hell gestaltet, aber das vorhandene Licht war ausreichend, um alles aus meiner kleinen Größe aus anzuschauen. Denn Rudi bot nicht nur Fotoapparate an, sondern sein Laden hatte auch Schreib- und Spielsachen. Und besonders die Spielsachen interessierten mich. So sah ich in einem Herbst ganz oben auf einem Regal den Karton einer Carrera-Rennbahn. Heilig Abend stand dann der Karton unterm Weihnachtsbaum, für mich und meinem Bruder.

Das Thema „Fotografie“ hatte aber auch mich gepackt. Und so quengelte ich bei meinen Eltern so lange, bis ich mit meinem Vater bei Rudi im Laden stand. Und Rudi hatte die passende Idee: ein „Opticus Baukasten“ der Firma „Kosmos“. Damit könnte ich etwas über Linsen, Objektive und Kameras lernen. Und: der Clou war, dass ich mir meine eigene Kamera basteln könnte. Ich bastelte fleißig und die Kamera war fertig. Der mitgelieferte Schwarz-Weiß-Rollfilm kam rein und ich versuchte mich zum ersten Mal daran, mit Licht zu gestalten. Die Negative des Rollfilms wurden freilich in Rudis Dunkelkammer entwickelt. Ich war schon ein wenig enttäuscht, als er mir und meinem Vater zeigte, dass ich nur ein zwei Silhouetten fotografiert hatte und der Rest der 34 Negativbilder schlichtweg schwarz glänzten. Die Kamera war wohl einfach nicht lichtdicht.

Nur, der Foto-Virus hatte mich infiziert und das Ziel war für mich klar: wenn ich mir keine funktionierende Kamera basteln konnte, dann musste es eine fertige sein. Und wieder stand mein Vater und ich vor Weihnachten in Rudis Laden. Mein Vater wollte, dass die Kamera was taugte, also musste es AGFA sein, und nicht zu teuer werden würde. Rudi wusste, was passend sein könnte, und am Schluss hatte ich unterm Weihnachtbaum meine „Ritsch-Ratsch-Klick“ mit rotem Auslöseknopf: eine Pocketkamera, die „Agfamatic 4000“.

Beim Kauf der Pocketkamera war mir noch etwas im Kramladen aufgefallen: es roch noch Streu, nach Heu und im Hintergrund tschilpten Vögel. Irgendwann musste Rudi sein Geschäft um eine Zoohandlung erweitert haben. Und wenn Sohnemann quengelig wird, aber Vater sein dagegen sehr …

Und wieder stand ich mit meinem Vater im Laden von Rudi. Die Spielsachen interessierten mich schon wie beim Kauf der Pocketkamera nicht die Bohne. Ich hatte die zugesagte schulische Leistung gezeigt und mein Vater löste seinen Teil des Versprechens ein. Kurz darauf versorgte ich zu Hause einen Wellensittich. Meinen Wellensittich.

Zehn Jahre war ich alt, als mein Vater mir traurig mitteilte, dass Rudi überraschend gestorben sei. Das Dorf verlor seinen Foto-Chronisten und entsprechend groß war die Trauergemeinde bei der Beerdigung. Als ich verstanden hatte, was „gestorben“ bedeutete, fragte ich meinen Vater:

„Was ist mit den AGFA-Filmen?“ „In der Drogerie gibt es welche.“ „Und das Futter für meinen Peterle?“ „Auch in der Drogerie.“ „Und die Schulsachen?“ „Die kaufen wir woanders, aber nicht in der Lottoannahmestelle an der Eisdiele.“

Deren Besitzerin mochte mein Vater nicht. Er ging dort nur hin, wenn es um Karten für alle Gelegenheiten ging. In jenem Geschäft war das Kopierer- und Druckerei-Monopol des Dorfes beheimatet. Ging es um Geburts-, Trauer-, Kommunions- und Einladungskarten, dann führte an jenem Laden kein Weg vorbei. Weder mein Vater, noch meine Mutter mochten die Besitzerin. Sie würde zu viel Böses tratschen, sagten sie mir. Ich selber, nebenbei angemerkt, mochte sie auch nicht. Denn sich in ihrem Kramladen etwas anzuschauen, das war für jene Frau offenbar ein Gräuel. Noch heute höre ich ihre meckernde Stimme beim autologistisch dahin gerotzten Standardsatz: „Wenn du es nicht kaufen wirst, brauchst du es dir auch nicht anschauen.“

Rudis Laden wurde geschlossen. Es eröffnete dort niemand mehr einen anderen Laden, denn der Besitzer der Drogerie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt und übernahm das Foto-Monopol des Dorfes. Jahrelang fuhr ich als Jugendlicher am ehemaligen Laden von Rudi vorbei. Jener kleine Kramladen mit seinem AGFA-Werbeschild und seiner seltsam muffig, heimeligen Atmosphäre blieb mir in lebendiger Erinnerung. Vor einem halben Jahr kam ich dort wieder einmal vorbei. Nichts erinnerte mehr daran, dass in dem Haus ein Foto-Kramladen war. Ein normales Familien-Eckhaus in einer normalen Straße.

Die Fotografier-Leidenschaft meines Vaters habe ich weiterentwickelt. AGFA spielt bekanntermaßen keine Rolle mehr am Fotomarkt, weder als Kamera-Hersteller noch als Film-Hersteller (ja, ich fotografiere sowohl analog als auch digital). Rudi allerdings bleibt mir weiterhin in Erinnerung. Letztens, als ich ein Foto des Schauspielers Vincent Schiavelli aus jungen Jahren sah, musste ich an Rudi denken. Rudi war zwar eher ein gesetzter Typ, aber Vincent und Rudi haben ähnliche Physiognomien. Rudi war der Typus Mensch, welchen man  gern als „väterlichen Onkel“ bezeichnen würde. Und beim Betrachten von Schiavellis Foto glaubte ich für einen Moment Rudis Stimme zu hören, aber das war nur eine Illusion. Von Rudi ist letztendlich bei mir nur ein vages Bild zurück geblieben. Seine Stimme ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Nach jetzt vierzig Jahren.

Wenn die Fahne weht, steckt der Verstand in der Trompete

„Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wie belieben?“

„Ich sagte Dir: Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wegen der Wahl in den USA?“

„Ich weigere mich in Zukunft, auch nur ein Wort Englisch zu sprechen!“

„So schlimm?“


„Erst der Brexit und dann der Trump. Von solchen Dummköpfen kann ich mich nur distanzieren und mit der Sprache fange ich an. Aus welchem Grund soll ich deren Sprache sprechen?“

„Um sie zu verstehen? Zwecks Völkerverständigung?“

„Scheiß auf Deine dummdreiste Völkerverständigung. Ich werde die Tommies und die Amies spüren lassen, dass ich keineswegs gewillt bin, ihre Sprache mehr zu sprechen. Soviel Eier habe ich, keine Angst. “

„Eine Frage der Eier?“

„Es kotzt mich an, dass die Sprache dieser Idioten Weltsprache sein soll. Die ist primitiv wie ihre Einwohner. Deren Mehrheit sind unverantwortliche, selbstherrliche Ignoranten. Sie sind dumm. Nicht böse, aber dumm. Sie haben keine Ahnung.“

„Jetzt haben Sie aber Donald Trump zitiert.“

„Was?“

„Sie haben mit Ihrem letzten drei Sätzen Donald Trump zitiert. Sie tanzen den Donald-Trump-Niveau-Limbo.“

„Na und? Warum darf ich nicht das sagen, was meine Freunde und jeder andere auch bereits im Internet auf Facebook und Twitter sagen? Was interessiert mich, was dieser Arsch mit Ohren auf zwei Beine ablässt? Der beleidigt doch, ich nicht. Ich sag nur die Wahrheit. Oder darf man die nicht mehr sagen? Oder hältst du etwa zu so einem Rassisten, Sexisten, Fremdenfeind und Umweltverächter, der unsere Welt in den Abgrund stoßen will?“

„Also sollte man wegen Brexit und Trump in Zukunft amerikanisch-englische Produkte und Geschäfte meiden und keine englisch-sprachige Musik mehr hören?“

„Vielleicht. Ich höre weiterhin Udo Lindenberg und die Toten Hosen.“

„Beide singen auch in Englisch.“

„Da schalte ich in Zukunft immer ab. Die Eier dazu habe ich.“

„Eier? Soso. Wissen Sie, was?“

„Was?“

„Wissen Sie, wie man mit rohen Eiern umgeht?“

„Wie?“

„Man haut Sie öffentlich in die Pfanne.“

„Ha! Ha!“ said the Clown, … hoppla hopp, hoppla hopp, hoppla hopp …

Ich bedanke mich zur Erteilung des letzten Wortes an mich, bevor die Urteilsverkündigung des Hohen Gerichts erfolgt, Euer Ehren.

Jawoll, Euer Ehren, ich bekenne mich schuldig, im Sinne der Anklage. Ja, ich war hinterhältig und gemein und habe gegrinst.

Jawoll, Euer Ehren, gegrinst habe ich. Grinsen ist immer ein Eingeständnis von niedrigem Beweggrund. Immer. War nie anders. Der Angeklagte des Horror-Paares aus Höxter hatte gegrinst, als er den Gerichtssaal betrat. Schuldig. Sperrt beide weg, am besten ohne Verhandlung. Anders Breivik grinste bereits bei Prozessbeginn den Richtern ins Gesicht. Beate Zschäpe ließ es sich auch nicht nehmen, ihr breitestes Grinsen im Gericht zu präsentieren. Und somit schuldig, noch vor Urteilsverkündigung, weil gegrinst. Hat nicht sogar Saddam Hussein gegrinst, als er bereits unter seinem Galgen stand? Die Welt ist voll von Schuldigen, die es wagen, vor Gericht zu grinsen. Die es wagen, überhaupt zu grinsen. Grinsen ist der Beginn der Niedertracht, der verschlagene Hinweis einer hinterlistigen Attacke. Wer grinst, bestätigt seine Schuld und glorifiziert sie. So wie Heath Ledger als „Joker“ in „The Dark Knight“. Selbst Mona Lisa grinst auch nur noch so lange, bis wir herausgefunden haben, was sie in Wahrheit verbrochen hat.

Ja, Euer Ehren, zu allem Überfluss habe ich eine Visage wie aus einem Horrorgemälde: weder ist sie glatt und faltenfrei, noch ist sie jugendlich. Meine Zähne sind gelb und lückenhaft, die Eckzähne zu spitz und die Zahnlücken zu groß, weil meine Krankenkasse bei den Zähnen nichts mehr zahlt. Dazu fehlt mir das passende vital glänzende Haar, welches meinem Gesicht ein wenig Fasson geben würde. Es fehlt mir vollkommen. Ganz zu schweigen davon, bin ich nicht korrekt geschminkt, so wie es in vielen YouTube-Tutorials vorgemacht wird, um gemocht und beneidet zu werden.

Nein, ich bin eher das lebende Gegenteil von „gemocht und beneidet“. Meine Eltern wussten bereits schon damals, dass ich im Alter hässlich wie ne Kohlrübe aussehen würde, und haben mich immer Sonntags in die Kirche geschickt. Aber das Beten hat auch nicht geholfen. Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Es stimmt schon, hätte ich Springerstiefel und Bomberjacke angehabt, dann würde man mich nicht einfach als einen „Horror-Clown“ abtun, sondern ich wäre lediglich Wutbürger mit individuellem Aussehen. Aber ohne diese entscheidenden Utensilien bin ich nun mal nicht wirklich gesellschaftskompatibel. Clowns waren noch nie gesellschaftskompatibel.

Ja, ich gestehe, Euer Ehren, ich war ein Tunichgut, ein Schrecken der Allgemeinheit, der Albtraum aller Schwiegermütter, die potentielle Apokalypse für Hubschraubermütter: Ausübender einer brotlose Kunst, über die niemand lachen kann. Ein Clown. Dabei wollte ich doch alle nur zum Lachen bringen. Eigentlich bin ich der „Dumme August“. Aber damals wie heute, solche will man nicht mehr. Ich höre immer nur, die Lage sei zu ernst, um über ernste Lagen Witze zu machen. Oder Satire? Die dürfe nicht alles. Erst recht nicht, wenn es auf die eigene Rechnung gehe, weil die keiner zahlen will. Überall Goldene Kälber. Darüber konnte ich nur grinsen. Aber über Goldene Kälber grinst man nicht. Und da wollte ich nicht mehr der „Dumme August“, jener Rotclown, sein, ich wollte der Besserwissende sein, der Weißclown.

Wissen Sie, Euer Ehren, in den Nuller-Jahren diese Jahrtausends, da hatte ich meine Hochzeit. All diese „Verstehen Sie Spaß“-Varianten im privaten Fernsehen. In einer dieser Versteckten-Kamera-Sendungen hatte ich die Rolle als Weißclown, so wie Tim Curry als „Pennywise“ in der damaligen Stephen Kings „ES“-Verfilmung. Als fieser Clown musste ich alte Omas mit Eierkartons in der Hand erschrecken, mit Baseballschlägern Kindergruppen aufscheuchen, mit nem Stecken Opas von Parkbänken vertreiben. Was haben die Zuschauer am heimischen Fernsehen Tränen gelacht, weil alle so blöd und panisch reagierten. Mein Vertrag war Gold wert und ein Sequel nach dem nächsten wurde abgedreht. Immer nach dem gleichen Muster. Die Einschaltquoten waren phänomenal. Bis das Interesse an jene Erschrecken-Spielchen erlahmten und die Quote einbrach.

Und jetzt Euer Ehren, so kurz vor Halloween, und so kurz vor dem neuen Start des Remakes des Films „ES“ im nächsten Jahr, dachte ich, ich könnte in der Marketing-Manege von diesem Zirkus um das Remake mit auftreten, ohne Anstellungsvertrag. Das war mein Fehler. Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Und ich verspreche, in Zukunft werde ich wieder der liebe nette Rotclown sein, der „Dumme August“, so wie ihn hier alle mögen und lieben, nicht wahr. Und ich schwöre, ich werde niemals mehr lachen oder grinsen, damit sich keiner mehr darüber beschweren mag, ich wäre ambivalent und übelst schlecht clownesk.

Euer Ehren, Sie haben mir bereits gesagt, dass Sie in Ihrer Studentenzeit auch mal Clown gewesen waren, aber ein ausschließlich Guter und auch nur beim Karneval bis Aschermittwoch, und ich solle mir von Ihnen etwas abschneiden. Ich habe es hiermit getan. Euer Ehren, ich bedanke  mich für Ihre Zeit und Ihre geliehenen Ohren: ich harre des Urteils, welches da kommen mag.

Soll ich Ihnen die Ohren nach dem Urteil zuschicken oder kommen Sie, um sie sich selber abzuholen?

Interaktive Fortsetzung eines Traums

Was bisher geschah:

das Geschehen extern aus dem „Teestübchen Trithemius“ der Geschichte „Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Die eigene Fortsetzung:

„[…] “Dabei ist Gegenwart immer nur plötzlich und dauert nicht länger als die Aussprache von plötzlich. Sobald uns nämlich was bewusst wird, ist es auch schon Vergangenheit.”“

Jules bewegte sich interessiert leicht nach vorne, als wollte er etwas sagen. Oder auch nur, um auf ein erneutes Quietschen von Jeremias Coster mit dessem Bürostuhl zu reagieren. Ich ging an Jeremias vorbei und stellte eine entkorkte Rotweinflasche auf den Schreibtisch.

„Es gibt keine Zeit“, warf ich lapidar ein, während ich hinter meinem Rücken drei Bordeaux-Kelche aus edelstem Glas hervorzauberte. „Zeit ist eine Illusion. Eine Erfindung der Menschen, um das Geschehen um ihn herum einzuordnen. Um damit zu handeln und zu wuchern.“ Ich stellte die Gläser in einem perfekten Dreiecksverhältnis ab. „Manche haben Zeit, andere nicht. Manche vergeuden sie, manche ersparen sie sich. Wieder andere erschlagen oder verbrennen sie. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nur Hilfskonstrukte. Wir sind die Mähdrescher auf einem eigenen, stetig nachwachsenden Getreidefeld.“ Weiterlesen

Kneipengespräch: Westfalen unter sich

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„Und was trinkt ihr hier so?“

„Also … hier trinke ich Krombacher.“

„Ja, nee, is klar. Was trinkt ihr Leute hier im Dorf? Warsteiner? Veltins? Oder nur Krombacher?“

Nachdenkpause.

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